»Nächstens mehr.«

Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

fussball

ein klei­ner zwi­schen­ruf, aus der faz vom freitag:

jochen jung: wm

deutsch­land, deutsch­land, übe alles,
übe alles für die welt-
meis­ter­schaft, den fall des falles,
damit kahn das leder hält.
oder leh­mann. oder bälamm.
oder kant. auf jeden fall,
und trotz all dem blö­den schmäschlamm,
hal­ten soll er halt den ball.

kajak-videos

aus irgend einem grun­de fällt mir das hier gera­de ein – jeder, der schon ein­mal (oder gar öfter) so ein video gese­hen hat, wird die­se schil­de­rung kennen…

gunnar homann

how to have some fun with some friends: szenen eines videoabends

ich bin ja kein padd­ler. aber ich ken­ne padd­ler. und die padd­ler, die ich ken­ne, schau­en manch­mal pad­del­vi­de­os. da schau ich mit. gar nicht so sehr aus sozio­lo­gi­schem inter­es­se, son­dern eher weil ich es unter gar kei­nen umstän­den ver­pas­sen will, wenn mit­tel-irr­sin­ni­ge voll­kom­men irr­sin­ni­gen zuschau­en. allein die fach­sim­pe­lei über boo­te! es gibt blaue. und es gibt grü­ne. und gel­be. es gibt sol­che von einer fir­ma, sol­che von einer ande­ren und sol­che von noch mal ande­ren fir­men. die mit­tel-irr­sin­ni­gen, mit denen ich pad­del-vide­os schaue, erken­nen die mar­ke immer sofort. was aber noch viel unglaub­li­cher ist: sie erken­nen sogar die voll­kom­men irr­sin­ni­gen, die in den boo­ten sit­zen, und zwar nur am helm!
jemand schiebt den ers­ten video rein. ach, den­ke ich, jetzt geht es gleich wie­der los: eine unter­neh­mungs­lus­tig klin­gen­de stim­me wird erklä­ren, wo sich irr­sin­ni­ge was­ser­fäl­le run­ter­stür­zen wer­den. und tat­säch­lich: eine unter­neh­mungs­lus­ti­ge stim­me erklärt, wo sich gleich ein paar irr­sin­ni­ge die was­ser­fäl­le hin­un­ter­stür­zen wer­den. der ort ist aber nicht so wichtig.
wich­ti­ger ist, was jetzt kommt: men­schen­fress­ermu­sik. uah! bamm-bamm. uah! uah! bammbamm-bamm. und hier der ers­te irr­sin­ni­ge. er fährt an, macht alles falsch, über­schlägt sich, haut sich an fel­sen an, fällt in ein tosen­des becken. so einen scheiß wür­de ich nie machen. die machen das aber. ein paar von den mit­tel-irr­sin­ni­gen, mit denen ich das video schaue (und die momen­tan übri­gens nicht sehr intel­li­gent auf den bild­schirm star­ren), auch. aber wenigs­tens las­sen sie sich dabei nicht filmen.

menschenfressermusik

wenn dann der ers­te depp end­lich run­ter­ge­pol­tert ist, kommt der moment, auf den ich in wirk­lich­keit gewar­tet habe: mei­ne lieb­lings­pas­sa­ge in pad­del­vi­de­os, das sah­ne­häub­chen, die ama­rena­kir­sche auf der eis­creme­tor­te. denn jetzt sehen wir den irr­sin­ni­gen, der sich gera­de alles kaputt­ge­hau­en hat, beim inter­view auf der inten­siv­sta­ti­on, quatsch, am ufer. er tropft, lacht und ist sehr leben­dig. mit ande­ren wor­ten: wir sehen irgend einen­jun­gen mann von der stra­ße, für fünf dol­lar vor die kame­ra gelockt, in ned­pren gesteckt, mit einem eimer was­ser über­gös­sen und vor einer foto­ta­pe­te auf­ge­stellt, um den klaps­kal­li zu erset­zen, der sich eben in den tod gestürzt hat.
na gut, viel­leicht irre ich mich. aber wenn der jun­ge mann, den wir sehen, wirk­lich der jun­ge drauf­gän­ger ist, macht das die fol­gen­de sze­ne umso erschüt­tern­der. denn jetzt fühlt ein unsicht­ba­rer inter­view­er dem drauf­gän­ger knall­hart auf den zahn und hin­ter­fragt den gan­zen wahn­sinn mal so rich­tig und gesamt­kri­tisch. man hört die fra­ge zwar nie, aber aus der ant­wort kann man schlie­ßen, dass sie ziem­lich genau so lau­ten muss: „sag mal ste­ve, alte hüt­te, das ist zwar doof, aber in den ande­ren vide­os fra­gen die das auch immer. also, wie­so pad­delst du eigentlich?“
und was ant­wor­tet der drauf­gän­ger? etwa: „och, weiß nich, aber da wo ich her­kom­me, sind eigent­lich alle gestört“? ach woher. der drauf­gän­ger strahlt, ham­pelt ein biss­chen rum und ver­fällt in einen dem ohr schmei­cheln­den sing­sang, in dem sich neun wor­te unun­ter­bro­chen wie­der­ho­len: yeah. it’s. gre­at have. some. fun. with. some. fri­ends. fünf minu­ten geht das so. gera­de, wenn alle ein­schla­fen, kommt wie­der men­schen­fress­ermu­sik und völ­lig über­ra­schend: der zwei­te padd­ler. obwohl er ganz genau gese­hen hat, wie es sei­nen vor­gän­ger zer­brö­selt hat, fährt er an den fall ran, macht alles falsch, über­schlägt sich, haut sich an, fällt in ein tosen­des becken, dann wie­der bammbamm­ha­ve­som­e­fun-with­som­e­fri­ends. plötz­lich und wie aus hei­te­rem him­mel: der drit­te paddler.
bevor ich auf ihn, sein boot, sei­nen helm sowie sein gesam­tes ver­hal­ten genau­er ein­ge­hen wer­de, soll­te ich viel­leicht kurz reka­pi­tu­lie­ren, was sich bis­her im ers­ten von den 23 hier zu behan­deln­den vide­os abge­spielt hat, damit auch die zu spät gekom­me­nen gäs­te auf dem lau­fen­den sind. also: bis­her sind zwei padd­ler einen fall gefah­ren, haben alles falsch gemacht, sich über­schla­gen, um her­nach in ein tosen­des becken zu fal­len. dann haben sie gemur­melt, es sei schön. spaß mit freun­den zu haben, und mei­ne mit­gu­cker haben blöd genickt.

pro video 18.000.000 mal

nun aber wie ver­spro­chen zum drit­ten paddler…nein, halt, es gibt eine über­ra­schung: es mel­det sich näm­lich wie­der die stim­me. sie ver­kün­det, dass sich die padd­ler jetzt woan­ders anhau­en wer­den! und die­ses mal fährt der padd­ler, der beim ers­ten mal zuerst gefah­ren ist, viel­leicht als drit­ter! dann aber wie­der der zwei­te, der drit­te, dann kommt der vier­te, dann der fünf­te. die­ser zyklus wird in gut gemach­ten vide­os min­des­tens 18 mil­lio­nen mal durch­lau­fen. dann kommt das nächs­te video. und dann alle vide­os hin­ter­ein­an­der weg. ich schaue ger­ne pad­del­vi­de­os with some fri­ends. yeah. it’s gre­at. eat some chips, have some fun, bammbammbamm. was dar­an gut
ist? kei­ne ahnung. ich bin ja kein paddler.

(aus dem kanumagazin)

klaus doldinger wird 70 – und spielt ein umwerfendes konzert

klaus dol­din­gers geburts­tags­kon­zert die­ses jahr in der main­zer phö­nix­hal­le: ein lan­ges (drei­ein­halb stun­den) glück, mit eini­gen tro­cke­nen, eher lah­men tei­len (der anfang) und eher pein­li­chen momen­ten – udo lin­den­berg ver­sucht zu sin­gen und, ach­tung!, zu scat­ten. vor allem in den bei­den pass­port-tei­len aber jede men­ge beglü­cken­de momen­te – nicht nur momen­te, son­dern lan­ge peri­oden wun­der­ba­rer musik. mit extrem smoot­her power bei der clas­sic-for­ma­ti­on – wie hier bas­sist und schlag­zeu­ger etwa mit­ein­an­der agie­ren, ein­fach wun­der­bar – und reich­lich musi­ka­li­schem exo­tis­mus, ein­ge­bun­den in modern jazz mit viel gespür für dra­ma­ti­sche abläu­fe und inte­gri­tät im pass­port-today teil mit den marok­ka­ni­schen gäs­ten. und vor allem mit einem mei­ner lieb­lings­key­boar­der, mit rober­to di gioia. wie der spielt und schraubt zugleich, das hat schon enor­me klas­se. und, weil er fast immer eine hand und einen fuss an den reg­lern hat, kann er fas­zi­nie­rend leben­di­ge klä­ge ent­wi­ckelen. zum schluss, in den abschlie­ßen­den „saha­ra sket­ches“ auch bis hin zu fast rei­nen, leicht modu­lier­ten sinus-tönen und ähn­li­chen elek­tro­ni­schen spie­le­rei­en. da kommt dann dol­din­ger selbst gera­de noch so, qua­si mit hecheln­der zun­ge, mit: bei stü­cken die­ser art hält er sich selbst stär­ker zurück, er scheint doch zu mer­ken, dass sei­ne grund­sätz­lich dem heu­te eher tra­di­tio­nell schei­nen­den modern jazz zuge­hö­ri­gen impro­vi­sa­ti­ons­mus­ter und ‑tak­ti­ken nicht mehr ganz in die­se musik pas­sen. aber trotz­dem: klas­se. auch wenn die unver­schäm­ten und tra­di­tio­nell eh’ sau­dum­men blöd­köp­pe vom fern­se­hen (unver­schämt, wie sehr die für ihre paar bil­der, die sie dann eh’ nur mit­ten in der nacht – damit es ja nie­mand sieht – aus­strah­len, das zah­len­de! publi­kum beläs­ti­gen) ziem­lich genervt haben. dafür war der ton­tech­ni­ker ziem­lich klas­se – sehr fle­xi­bel mit der dyna­mik vor allem, er konn­te den mas­ter-reg­ler auch mal wie­der run­ter­fah­ren (dann hat man zwar das enor­me grund­rau­schen der anla­ge gehört, aber was soll’s). so nun genug der krit­te­lei (obwohl, da fällt mir gera­de noch das fern­seh-zitat von rai­nald goetz ein: „die hohl­heit der leu­te vom fern­se­hen ist wirk­lich abso­lut unüber­trof­fen.“ (abfall für alle) – und noch bes­ser: „wer vom fern­se­hen kommt, wer da arbei­tet, ist dumm, es hilft nichts, es hilft nichts, bis unter den eit­ri­gen schei­tel, eitel und dumm­frech, dummd­umm und sau­dumm, viel­leicht sogar teil­wei­se super­sau­dumm.“ (aus rave))

jetzt aber der offi­zi­el­le text:

von „häns­chen klein“ bis in die saha­ra ist es ein wei­ter weg. aber klaus dol­din­ger steht ja auch schon ein paar jah­re auf der büh­ne. zu sei­nem 70. geburts­tag ist er mit einer gan­zen bus­la­dung freun­de und weg­ge­fähr­ten in die main­zer phö­nix­hal­le gekom­men. und wie im rich­ti­gen leben macht „häns­chen klein“ auf dem kla­vier den anfang – mit einer impro­vi­sa­ti­on über die­se melo­die hat er als schü­ler sei­ne auf­nah­me­prü­fung fürs kon­ser­va­to­ri­um geschafft. aber dann geht es ruck­zuck in musi­ka­lisch etwas kom­ple­xe­re gefilde.

plau­dernd weist der jubi­lar den weg durch sein leben mit dem jazz: die anfän­ge mit dem klaus dol­din­ger quar­tett, das er auch fast kom­plett noch ein­mal auf die büh­ne holt, sind für heu­ti­ge ohren doch leicht ange­staubt. aber diz­zy gil­le­spies „night in tuni­sia“ weist schon den weg – nicht nur des titels wegen, son­dern auch musi­ka­lisch: die unge­heue­re begeis­te­rung für den jazz ist erwacht. und sie ist heu­te immer noch spür­bar, wenn die vier alten her­ren den damals moder­nen jazz noch ein­mal zum leben erwe­cken. die nächs­te gro­ße sta­ti­on dol­din­gers war dann „pass­port“.

und auch die­se vier sind noch ein­mal nach mainz gekom­men. jetzt geht es so rich­tig los: „pass­port clas­sic“ schleu­dert den main­zern eine explo­si­ve mischung aus psy­ched­li­schen key­boards, kla­ren saxo­phon­li­ni­en, fun­ky bass­läu­fen und knall­har­ten drums um die ohren. ein regel­rech­tes eupho­rie-gewit­ter ist es , das die hal­le jetzt zum kochen bringt – nicht, dass das bei den mas­sen an schein­wer­fern beson­ders schwer gewe­sen wäre. aber jetzt ist klar: sol­che musik kann man nur mit gro­ßer über­win­dung im sit­zen hören, das muss man tan­zen können.

so rich­tig schmerz­haft wird einem das mit der aktu­el­len beset­zung von pass­port bewusst. die muss­te zwar zunächst ein­mal dafür her­hal­ten, udo lin­den­berg bei sei­nen zwei geträl­ler­ten schla­gern beglei­ten. aber danach konn­ten sie so rich­tig los­le­gen. die titel­me­lo­die aus „das boot“ war dafür ein wun­der­ba­rer über­gang – denn nun begann die zeit der musi­ka­li­schen aus­flü­ge in alle tei­le der welt, nach ame­ri­ka, bra­si­li­en und natür­lich nach nach marok­ko, die letz­te sta­ti­on von pass­port. und da ist er auch schon wie­der: dol­din­gers unver­wech­sel­ba­rer dri­ve, sein nie ver­sie­gen­der élan und sein gol­de­nes händ­chen bei der aus­wahl sei­ner musi­ker – wer leu­te wie rober­to di gioia für sich spie­len lässt, hat schon fast gewon­nen. und den rest über­nimmt dol­din­ger selbst. er lässt die mus­keln sei­ner inte­gra­ti­ven kraft ganz unauf­fäl­lig spie­len. des­halb ist das kein belang­lo­ser mix, son­dern eine ech­te sym­bio­se von afri­ka­ni­scher, euro­päi­scher und ame­ri­ka­ni­scher musik – jen­seits aller gren­zen, nicht nur geo­gra­phisch, son­dern auch emo­tio­nal: ein­fach unglaub­lich gute musik.

porno-pop noch einmal

so, jetzt ist auch der rest des ban­des bewäl­tigt – mit durch­aus zwie­späl­ti­gen ein­drü­cken. aber wie soll­te es bei einem sam­mel­band auch anders sein. der anfang war ja sehr viel­ver­spre­chend, der rest aller­dings lei­der nicht immer genau­so span­nend. clau­dia gehr­ke hat einen etwas wir­ren erfah­rungs­be­richt (rot­käpp­chen und die por­no­gra­fie) bei­gesteu­ert, in dem sie von der publi­ka­ti­on „mein heim­li­ches auge“ berich­tet und den schwie­rig­keit des umgangs damit, was ins­be­son­de­re an der schwie­rig­keit einer kla­ren (juris­ti­schen) defi­ni­ti­on von por­no­gra­phie liegt. jörg met­tel­man hat in fle­sh for fan­ta­sy. das por­no-pop-for­mat dage­gen sehr schön die kon­stan­ten und vari­an­zen des por­no her­aus­ge­ar­bei­tet, ins­be­son­de­re auf theo­re­ti­scher ebe­ne recht erquick­lich. er beob­ach­tet dabei neben ande­rem vor allem den ver­lust der erre­gung, die mit dem obs­zö­nen und sei­ner über­schrei­tung ver­bun­den war. die hin­wen­dung zur kunst voll­zieht zunächst hol­ger liebs, der in spul mal vor, alter vor allem die gegen­sei­ti­ge befruch­tung von kunst und por­no­gra­fie in den blick nimmt – nicht sehr span­nend, weil nicht beson­ders viel dabei her­aus kommt. kath­rin rög­g­la ver­zwei­felt dann an ihren figu­ren, die ficken wol­len, wenn sie nicht sol­len bezie­hungs­wei­se umge­kehrt und so wei­ter… die­mar schmidt nimmt in zwi­schen den medi­en die trans­me­dia­li­tät als por­no­gra­phi­sche bewe­gung (und die por­no­gra­phie als inter­me­dia­le unter­neh­mung) mit bezug auf schnitz­lers traum­no­vel­le und kubricks anleh­nung, eyes wide shut, in den blick. das schien mir aber vor allem kuri­os, nicht ganz klar ist mir gewor­den, war­um er so dar­auf beharrt, dass inter­me­dia­li­tät ein por­no­gra­phi­sches phä­no­men sei. dem rap wen­det sich flo­ri­an wer­ner mit „por­no­gra­phy on wax“? zu. schlüs­sig unter­sucht er rap-tex­te, ins­be­son­de­re von emi­nem, auf den vor­wurf der por­no­gra­phie (ins­be­son­de­re natür­lich im zusam­men­hang mit der mut­ter­be­schimp­fung) und erkennt sie als im grun­de als auf­klä­re­ri­sche por­no­gra­phie: ankla­ge und stil­mit­tel zugleich, gefan­gen in der ambi­gui­tät des under­dogs im main­stream etc… und sven­ja flaß­pöh­ler ver­sucht mit shake your tits!, die rol­le der frau bzw. ihrer stel­lung zwi­schen mensch und sex-objekt in diver­sen schat­tie­run­gen anhand der bei­spie­le madon­na, chris­ti­na agui­lera und brit­ney spears zu beleuch­ten. aber das bleibt ziem­li­ches wischi-waschi…

den mann nicht zu ken­nen, ist fast unmög­lich. zumin­dest sei­ner musik kann man nicht ent­kom­men: klaus dol­din­ger ist ein­fach fast all­ge­gen­wär­tig. dafür sorgt allein sei­ne wohl bekann­tes­te melo­die, das titel­the­ma des „tat­orts“, das den kri­mi seit mehr als drei­ßig jah­ren eröff­net. dabei hat­te klaus dol­din­ger das zunächst gar nicht vor­ge­se­hen: jazz woll­te er eigent­lich spie­len. in ber­lin am 12. mai 1936 gebo­ren, erhielt er sein aus­bil­dung am robert-schu­mann-kon­ver­sa­to­ri­um in düs­sel­dorf und hat­te auch schon wäh­rend sei­nes stu­di­ums mit der dixie­land-com­bo „the feet­war­mers“ die ers­ten erfol­ge. vom blues und aus­ge­spro­chen tra­di­tio­nel­lem jazz kam er in die­ser zeit zum modern jazz und blieb dabei, bis hin zur jüngs­ten for­ma­ti­on, den „old fri­ends“, die eini­ge urge­stei­ne des deut­schen jazz ver­sam­melt und immer noch ver­dammt frisch klingt. ab den frü­hen sech­zi­gern kom­po­nier­te er auch unter­hal­tungs­mu­sik wie kaum ein ande­rer: für wer­bung, für’s fern­se­hen und immer wie­der für das kino.

am bekann­tes­ten ist er aber als jazz-saxo­pho­nist, kom­po­nist und band­lea­der. und vor allem als chef von „pass­port“. mit die­ser band hat dol­din­ger zu beginn der sieb­zi­ger den jazz­rock in deutsch­land popu­lär gemacht und in den letz­ten drei jahr­zehn­ten an die 30 alben ver­öf­fent­licht. aber ein ende ist noch nicht in sicht: gera­de erst erschien „pass­port to marok­ko“, eine hom­mage dol­din­gers an die musik nordafrikas.

so viel­sei­tig und gefragt sei­ne film­mu­si­ken sind – mit dem sound­track für „das boot“ fei­er­te er gro­ße erfol­ge -, so per­sön­lich ist sein jazz immer geblie­ben. denn dol­din­ger ver­stand es, stets eine gewis­sen ein­gän­gig­keit zu pfle­gen und die aktu­el­len trends der musik­sze­ne, ob es nun bos­sa nova, beat oder ganz aktu­ell welt­mu­sik und hip-hop waren, nicht zu kopie­ren, son­dern in sei­ne musi­ka­li­sche welt ein­zu­bau­en. sei­ne stärks­te leis­tung ist viel­leicht die­se inte­gra­ti­ve kraft: egal, wel­che anre­gung er auf­greift, die musik bleibt immer dol­din­ger pur.

inzwi­schen hat er so über 2000 songs kom­po­niert, mehr als 4000 kon­zer­te in der gan­zen welt gespielt und über 50 alben auf­ge­nom­men. und obwohl er mit 70 jah­ren das ren­ten­al­ter schon längst erreicht hat, ist er immer noch unter­wegs. sei­nen geburts­tag fei­ert er mit einem gro­ßen hap­py-bir­th­day-kon­zert in mainz, für das er die klas­si­sche pass­port-beset­zung aus den sieb­zi­gern mit der aktu­el­len for­ma­ti­on und einer men­ge gäs­te wie udo lin­den­berg und uwe och­sen­knecht zusam­men bringt.

mozart und die orgel

ein gesprächs­kon­zert mit ger­hard gnann in st. johan­nis, mainz.

Mozart war schon ein gemei­ner Kerl: Da lobt er die Orgel als Köni­gin der Instru­men­te immer wie­der – und kom­po­niert ein­fach nichts für sie. Aber die Orga­nis­ten haben sich davon noch nie stö­ren las­sen. Denn es gibt einen Aus­weg: Sie spie­len Wer­ke, die Mozart für eine Orgel­wal­ze geschrie­ben hat. Das ist, wie Ger­hard Gnann zu Beginn sei­nes Gesprächs­kon­zer­tes in St. Johan­nis erläu­ter­te, nichts ande­res als eine klei­ne Orgel, deren Pfei­fen von einer mecha­nisch beweg­ten Wal­ze gesteu­ert wer­den – ein Orga­nist ist also unnötig.

Aber das war ein­mal, die­se Wal­zen sind längst ver­lo­ren. Doch die Noten sind immer noch da – eine unwi­der­steh­li­che Chan­ce für die Orga­nis­ten. Gnann erzähl­te dan­kens­wer­ter­wei­se aber auch den Rest der Geschich­te: Dass die Phan­ta­sien Auf­trags­wer­ke für ein Wie­ner Kurio­si­tä­ten­ka­bi­nett waren. Und dass Mozart sie nur ungern und allein aus peku­nä­ren Inter­es­sen kom­po­nier­te. Ver­ständ­lich wäre die Musik aber auch ohne das gewe­sen. Denn Gnann beflei­ßigt sich bei sei­nem Vor­trag ange­neh­mer Tugen­den. Die Phan­ta­sie in f‑Moll KV 594 ist ihm nicht nur eine pracht­vol­le Schau­mu­sik, son­dern vor allem eine tönen­de Sze­ne­rie. Mit ehr­li­cher, ein­fühl­sa­mer Sach­lich­keit spielt er das und hält sich selbst vor­bild­lich zurück. Auch das in der Aus­stel­lung für das Schlaf­ge­mach der Gra­zi­en vor­ge­se­he­ne Andan­te wird auf die­se dezen­te Wei­se leben­dig: Anmu­tig schrei­ten die Gra­zi­en, fast schwe­ben sie wie zar­te Schlaf­wand­le­rin­nen im fah­len Mond­licht, ohne den Schlei­er je zu lüf­ten. Etwas kraft­vol­ler kommt dage­gen die zwei­te Phan­ta­sie KV608 daher: Auch wenn Gnann hier eini­ge Über­gän­ge etwas höl­zern gerie­ten, bleibt doch die ele­gan­te Mischung aus flie­ßen­der Anmut und zuge­spitz­ter, aber maß­vol­ler Dra­ma­tik verdienstvoll.

Aber das war noch nicht alles. Die Orga­nis­ten ken­nen näm­lich noch mehr Tricks. Mozart hat schieß­lich, in sei­ner Salz­bur­ger Zeit, auch eini­ge Sona­ten kom­po­niert, bei den die Orgel mal mit­spie­len durf­te – manch­mal sogar solis­tisch. Gnann spar­te sich die obli­ga­to­ri­schen Strei­cher und mach­te gleich alles selbst: Locker aus dem Hand­ge­lenk schüt­telt er die­se Musik, voll­kom­men unkirch­lich ver­kün­det er die sehr „fro­he“ Bot­schaft mit immer wie­der tän­ze­risch anmu­ten­den, ver­füh­ren­den Klän­gen. So etwas für den sonn­täg­li­che Got­tes­dienst zu kom­po­nie­ren, ist wirk­lich fast fri­vol – und ein klein wenig subersiv.

pop­theo­rie, pop­dis­kurs und pop­krik­tik sind schwer ver­min­te und hef­tig umkämpf­te zonen. auch beh­rens spart nicht mit deut­li­chen wor­ten und har­ten atta­cken vor allem in rich­tung jour­na­lis­mus, aber auch pro­du­zen­ten und kon­su­men­ten bekom­men ihren teil ab. „das reden über pop ist bis­wei­len mehr pop als das, wor­auf es gerich­tet ist“ – die gna­den­lo­se per­for­ma­ti­ve selbst­be­züg­lich­keit des pop-sys­tems ist sein aus­gangs­punkt – und das in wei­ten tei­len immer noch ekla­tant naï­ve reden über pop­p­hä­no­me­ne, die genau die­sen umstand nicht erken­nen kön­nen und wol­len. dazu gehört für beh­rens auch die man­gel­haf­te beob­ach­tung und erkennt­nis der ver­flech­tung von markt und pop, von pro­duk­ti­ons- und kon­su­ma­ti­ons­be­din­gun­gen: „zur dies­kur­si­ven struk­tur gehört aller­dings, daß die­sem pro­du­zen­ten­da­sein, also der ver­flech­tung im kru­den öko­no­mi­schen zusam­men­hang kauf auf­merk­sam­keit geschenkt wird.“ – „pop erscheint als ein außen­raum inner­halb des kapi­ta­lis­mus“, eine posi­ti­on die beh­rens nicht befrie­di­gen kann. denn er ver­sucht doch, genau die­ses desi­de­rat ein­zu­ho­len und den pop als poli­tisch-gesell­schaft­li­ches phä­no­men wenn nicht zu ret­ten (weil er nur das schei­tern des pro­jek­tes attes­tie­ren kann), so doch immer­hin zu durch­leuch­ten und zu verstehen.

dazu kommt ein wei­te­rer fak­tor, der das den­ken und reden/​schreiben über bzw. in pop bestimmt (und der immer wie­der, etwa von died­rich died­rich­sen, reflek­tiert wur­de und wird): der zusam­men­hang zwi­schen pop und posi­ti­vis­mus: „der pop recht­fer­tigt dne posi­ti­vis­mus und der posi­tiv­si­mus recht­fer­tigt den pop“, das, was man auch als authen­ti­zi­täts­fal­le bezeich­nen könn­te: „jeder zugang, jedes urteil steht und fällt mit dem beweis, dabei­ge­we­sen zu sein. wer nicht da war, kann nicht mit­re­den.“ egal wie fein man pop nun also in sze­nen, grup­pen, fel­der dif­fe­ren­ziert: „pop ist wesent­lich eine bestimm­te umgangs­form mit musik im kapi­ta­lis­mus.“ und dann wird es wirk­lich schwie­rig, denn anschluss an die poli­ti­sche kraft des pop zu garan­tie­ren oder gar sei­ne sub­ver­si­tät zu bestim­men, denn es bleibt ein­fach immer dabei: „wesent­lich ist das geschäft der pop­mu­sik eines von reklame“.

beh­rens schlägt dann noch eine wei­te­re schlei­fe, von die­sem punkt des posi­ti­vis­mus oder der sub­jekt-zen­trier­ten authen­ti­zi­täts­fal­le: „pop ist ver­spä­te­te spät­ro­man­tik“ – auch wenn ihm hier, gera­de in der par­al­le­li­sie­rung mit der „kunst“-musik, eini­ge unge­nau­gi­kei­ten und feh­ler unter­lau­fen. doch dadaurch ist nund klar: „am ende der bür­ger­li­chen kunst­mu­sik steht der pop: eine sub­jek­ti­ve inner­lich­keit, der alles sub­jek­ti­ve genom­men ist“.

da nun aber auch zu beboach­ten ist: „der affir­ma­ti­ve cha­rak­ter der pop­kul­tur tritt […] nicht prä­ven­tiv [wie in der kul­tur des bür­ger­tum, als schutz vor den eige­nen wider­sprü­chen], son­dern aggres­siv auf.“ und weil pop das leben gna­den­los mit der kunst ver­mischt und zwar in dem sin­ne, das er pro­kla­miert, „das leb­ne zum kunst­werk erhe­ben zu kön­nen“ – ver­schwin­det pop in der kul­tur­in­dus­trie. die weni­gen räu­me der sub­ver­si­on kann er dann aller­dings auch nicht mehr nut­zen: „die sub­ver­si­on, die hier statt­fin­det, hat sich je schon mit ihrem platz abge­fun­den; sie schlägt des­halb so leicht vom poli­ti­schen ins ästhe­ti­sche um, weil ihr poli­tik­ver­ständ­nis künst­le­risch gemeint war“. pro­ble­ma­tisch wird dann vor allem, dass die „sub­ver­si­ve indi­vi­du­al­ti­ät des pop­sub­jekts unter­stellt wird“, die doch eigent­lich erst das ende der sub­ver­si­on sein könn­te. das ist es, was beh­rens dann in aller schär­fe als die „ideo­lo­gi­sche lüge im rebel­li­schen pro­gramm“ ver­or­tet: pop und sub­ver­si­on bil­den so einen schö­nen zirkel.

„der pop rea­li­siert in sei­nem rebel­li­ons­ge­bah­ren gleich­sam das grund­mo­tiv des jugenstils: ‚das träu­men, man sei erwacht’ [w. ben­ja­min, pas­sa­gen-werk].“ – „gleich­wohl bricht alle sub­ver­si­on im pop nicht nur am schei­tern sol­cher sub­jek­ti­vi­tät, son­dern auch an ihrem drän­gen und ihrer not, die uto­pi­sche in der musik noch nach­hallt. davon möcht sich der [.…] pop frei­ma­chen, weil alles ver­spre­chen, was noch nicht mit den monatl­ci­hen neu­erschei­nun­gen abge­gol­ten ist, als geschäft­s­chä­di­gend gilt.“ – und so scheint mir die ein­zi­ge mög­lich­keit, über pop heu­te über­haupt noch gewinn­brin­gend nachzudenken.

roger beh­rens: die raving socie­ty frißt ihre kin­der. anmer­kun­gen zum zwei­ten jugendstil.

blut & bier

mein gott, schon wie­der so eine ent­täu­schung. man­che leu­te soll­ten wohl ein­fach nur bis zu einem bestimm­ten alter schrei­ben. und bei franz xaver kroetz ist das offen­bar inzwi­schen über­schrit­ten. denn was er hier unter dem titel blut & bier. 15 unge­wa­sche­ne sto­ries vor­legt, ist bei tages­licht bese­hen, ein­fach mist. und zwar ziem­lich großer.

ich hat­te ja eigent­lich gehofft, etwas von der sprach­li­chen poe­sie des frü­hen kroetz, wie in bau­ern ster­ben, wunsch­kon­zert oder furcht und hoff­nung in deutsch­land auch in die­sen geschich­ten wie­der­zu­fin­den. aber nix da, das ist nur noch selbst­hil­fe­pro­sa aus der schreib­werk­statt eines abge­wrack­ten dich­ters, der genau weiß, dass er nichts mehr auf die rei­he bringt. noch nicht ein­mal mehr ordent­li­che beob­ach­tun­gen sind auf­zu­zei­gen, kein inter­es­san­tes the­ma oder ein gelun­ge­ner plot. wobei die meis­ten die­ser wirk­lich recht dre­cki­gen g’schichten nicht ein­mal so etwas haben. apro­pos dreck: die vor­ge­täusch­te kol­lo­quia­li­tät, die bedeu­tungs­voll-unab­sicht­lich/­be­deu­tungs­los ein­floch­te­nen flos­kel der umgangs­spra­che sind kei­nes­weg legi­ti­ma­ti­on für irgend­et­was, son­dern bloß nervend.

denn wor­um geht es hier eigent­lich: genau, um kroetz. der taucht ziem­lich offen­sicht­lich in fast allen erzäh­lun­gen auf – immer gibt es einen altern­den schrift­stel­ler, der kaum noch etwas zu stan­de bringt, der über der schreib­ma­schi­ne brü­tet, der von alko­hol und über­haupt dem aus­schwei­fen­den leben sei­ner erfolg­rei­chen jugend gezeich­net ist: „er schick­te sich rum. such­te eine neue. er fand ein loch. ein ech­tes. das war er. ein arsch­loch.“ (28)

oder die tol­len, ach so wage­mu­ti­gen, ein­fach pein­li­chen phan­ta­sien des altern­den herrn beim anblick sei­ner fami­lie – sei­ner frau und sei­ner bei­den töch­ter: „sie zogen sich aus. sechs tit­ten, drei ärsche, drei mösen, straf­fe haut über jun­gem fleisch“ … „mein gott, die­se nut­ten, dach­te er, die­se gott­ver­damm­ten nut­ten.“ (38) und so geht das dann die gan­ze zeit…

manch­mal immer­hin scheint noch etwas vom sozi­al­kri­ti­schen beob­ach­ter, dem ehe­ma­li­gen mit­glie­der der kom­mu­nis­ti­schen par­tei, in den tex­ten auf – sel­ten genug. etwa wenn er im letz­ten text „der ganz nor­mal super­mann“ das sze­na­rio einer öko­lo­gisch-ega­li­tä­ren gesell­schaft ent­wirft, in der alles, auch sex etc., streng limi­tiert sind, damit alle mal zum zuge kommen.

lite­ra­risch ist das ein­fach mist: „schrei­ben kann doch heut­zu­ta­ge jeder depp, aber er war ein guter mann, und dar­auf kommts doch letzt­lich an!“ (79). das, was mich an sol­chen tex­ten immer wie­der am meis­ten anwi­dert, ist die tat­sa­che, dass ihr autor durch­aus zu wis­sen scheint, dass er nur mist, nur bil­li­ges geschwur­bel ohne künst­le­ri­schen wert, pro­du­ziert – und trotz­dem nichts dage­gen unter­nimmt, nichts bes­se­res schreibt oder wenigs­tens den dreck unver­öf­fent­lich lässt.

damit wäre kroetz also auch abge­hakt – es sei denn, er macht einen münch­hau­sen und holt sich selbst noch ein­mal aus dem sumpf sei­ner selbst­be­züg­li­chen, selbst­ver­lieb­ten (immer­hin mit dem obli­ga­to­ri­schen win­zi­gen schuss iro­nie), vor allem aber ein­fach schlech­ten pro­sa wie­der heraus.

franz xaver kroetz: blut & bier. 15 unge­wa­sche­ne sto­ries. ham­burg, rot­buch 2006

musicalisches vielerley

lon­don, ams­ter­dam, darm­stadt, salz­burg, ber­lin, ham­burg – da ist jemand weit her­um gekom­men. und das war nur der anfang, frank­reich und ita­li­en hat er auch aus­gie­big bereist: der eng­li­sche musik­for­scher charles bur­ney. das inter­es­san­te an sei­nen fahr­ten ist, dass er nicht ein­fach urlaub gemacht hat, son­dern sozu­sa­gen auf fort­bil­dung war. und er hat getreu­lich buch geführt – dort kann man heu­te noch vie­les über das musik­le­ben euro­pas im 18. jahr­hun­dert ler­nen: ein „musi­cal­i­sches vie­ler­ley“. das ist der titel für die abschluss­kon­zer­te einer koope­ra­ti­on des musik­wis­sen­schaft­li­chen insti­tu­tes und der musik­hoch­schu­le in der vil­la musica.

die stu­den­ti­schen musi­ker kom­men gera­de aus einem inter­pra­ti­ons­kurs, die musik­wis­sen­schaft­ler haben ein pro­gramm­heft bei­gesteu­ert, das zu einem regel­rech­ten büch­lein gewor­den ist – mit vie­len abbil­dun­gen, quel­len und instruk­ti­ven einführungen

aber das ist nur bei­werk, eigent­lich geht es um die musik, und zwar um kam­mer­mu­sik mit vio­li­ne aus eini­gen von bur­ney besuch­ten städ­ten – mit einem zusätz­li­chen abste­cher nach des­sau, um auch fried­rich wil­helm rust mit einer vio­lin-sona­te vor­zu­füh­ren. so-young park hat sich der apar­ten mischung aus aus­drucks­wil­len und form­stren­ge mit kla­ren ton und gro­ßen ges­ten angekommen.l doch das ist schon vor­ge­grif­fen – bur­neys rei­se begann natür­lich in lon­don. das ist durch eine trio­so­na­te von hän­del reprä­sen­tiert. mehr zu bestau­nen gab es aber in ams­ter­dam. dort war näm­lich etwas ziem­lich ver­rück­tes zu fin­den „il labi­rin­to armo­ni­co“ von pie­tro locatel­li. das ist ein teuf­lisch schwe­res capric­co – ein vor­läu­fer paga­ni­nis sozu­sa­gen. musik kann man das kaum nen­nen, aber bewun­dern darf man die stu­pen­de vir­tuo­si­tät schon, mit der sich igor tsin­man an den gebro­che­nen drei­klän­gen, den dop­pel­grif­fen und den ande­ren absur­di­tä­ten abar­bei­tet. salz­burg wird – natür­lich – von mozart ver­tre­ten. jochen klein­schmidt und annet­te zieg­ler zei­gen mit zwei sei­ner kir­chen­so­na­ten ganz unbe­schwert und freund­lich, wie groß der abstand zu den meis­ten sei­ner zeit­ge­nos­sen war.

und schließ­lich in ham­burg, kurz vor der rück­kehr auf die insel, der ver­such, georg phil­ipp tele­mann mal wie­der von sei­nem image als bie­de­re kom­po­nier­ma­schi­ne zu befrei­en. das gelingt den bei­den gei­gern mit der sona­te in b‑dur für zwei vio­li­nen aber nur halb­wegs: das andan­te ist ohne zwei­fel außer­or­dent­lich anrüh­rend – weil die bei­den es mit bedacht und vor­sicht so schwe­ben las­sen, als erklän­ge es in der schwe­re­lo­sig­keit. der rest der sona­te ist da nur die not­wen­di­ge vor­be­rei­tung, der take-off ins all und die – span­nen­de, weil ja immer beson­ders kri­ti­sche – rück­kehr auf die erde. tele­mann hat davon wohl noch nichts gewusst, aber das macht ja nichts.

ges­tern abend gehört – im auf­trag, frei­wil­lig wäre es nicht ganz mein ding gewe­sen: arturo san­d­oval group im frank­fur­ter hof mainz.

das ist die offi­zi­el­le fas­sung mei­nes berichtes:

kurz vor acht herrscht auf der büh­ne des frank­fur­ter hofs noch reges trei­ben. da wird noch flei­ßig geschraubt, instru­men­te aus­ge­rich­tet, kabel ver­legt und mikros getes­tet: die frisch aus ali­can­te ein­ge­flo­ge­ne arturo san­d­oval group ist noch gar nicht so rich­tig in mainz ange­kom­men. doch dann geht es schlag auf schlag: die musi­ker neh­men die büh­ne in besitz und das publi­kum gleich noch dazu. so lang­sam kon­sti­tu­iert sich im ers­ten ritu­el­len rund­gang von the­ma und soli ein­mal quer durch die band auch der sound. natür­lich sticht arturo san­d­oval in der ansons­ten sehr jung besetz­ten grup­pe beson­ders her­vor: er knallt, quietscht, presst, stöhnt und wir­belt die töne aus sei­ner trom­pe­te nur so her­vor. nicht ganz zufäl­lig ist er den gan­zen abend das unan­ge­foch­te­ne zen­trum nicht nur der büh­ne, son­dern des gesam­ten gesche­hens: bei ihm lau­fen alle fäden zusam­men, er greift immer wie­der ein und gibt anwei­sun­gen. und er ist außer­dem eine band in der band: er spielt nicht nur trom­pe­te, son­dern auch schlag­werk und sogar der pia­nist muss ihm zeit­wei­se weichen.

es scheint fast so, als ver­fin­ge er sich dabei selbst immer wie­der im gestrüpp sei­ner musik: was zunächst wie unkon­trol­lier­ter wild­wuchs wirkt, ent­puppt sich beim genaue­ren hin­hö­ren aber immer als minu­ti­ös geplan­te und sorg­sam kul­ti­vier­te berech­nung – hier hat der zufall kein platz, selbst der spon­ta­ne ein­fall muss schwer ums über­le­ben kämp­fen. doch die arran­ge­ments zei­gen immer wie­der uner­war­te­tes: gera­de noch mit­ten im kuba­ni­schen power-groo­ve, stößt san­d­oval einen schrei in die trom­pe­te und alles ver­wan­delt sich jäh: mit einem schlag baut er eine voll­kom­men neue sze­ne­rie, aus dem hek­ti­schen par­ty­ge­sche­hen wech­selt er unver­mu­tet an den strand einer roman­ti­schen voll­mond­nacht und beob­ach­tet ein ver­lieb­tes pär­chen. aber die ruhe trügt schon wie­der: nicht lan­ge, und die nächs­te par­ty nähert sich bereits –für die­se mal zieht sie noch vor­über, aber doch nicht ganz ohne effekt: der fun­ke ist über­ge­sprun­gen, ganz lang­sam und zunächst noch unmerk­lich zieht es jetzt alle doch wie­der zum tan­zen – wo san­d­oval unwei­ger­lich mit sei­ner strah­len­den trom­pe­te und sei­nen uner­müd­li­chen mit­spie­lern schon war­tet. das per­fekt cho­reo­gra­phier­te auf und ab der musik sind ein­fach sei­ne stär­ke – was eben noch ein blue­si­ges kla­vier­so­lo war, wird ruck­zuck zu einer groo­ve-atta­cke, nur um weni­ge herz­schlä­ge spä­ter erneut zum blues zu mutie­ren. und dabei las­sen alle musi­ker ihrer pro­fil­neu­ro­se frei­en lauf. das wäre uner­träg­lich, käme dabei nicht so kraft­vol­le musik her­aus, die schlech­ter stim­mung ein­fach kei­ne chan­ce lässt.

und das die inof­fi­zi­el­le (aber wah­re) ergänzung:

frei­heit ist hier nicht wirk­lich mög­lich. auch wenn sie so tun, als wür­den sie impro­vi­sie­ren. denn in dem fort­wäh­ren­den mäan­dern ist dafür kein platz: sicher, da scheint alles vor­han­den zu sein – vie­le schlei­fen, uner­war­te­te bie­gun­gen, strom­schnel­len, was­ser­fäl­le, beschau­li­che strän­de – mal als gemüt­li­cher wie­sen­fluss, meist aber als rei­ßen­des wild­was­ser. aber es ist immer nur das da, was san­d­oval sehen und hören will. und auch wenn er das aus­schwei­fen­de, ver­schnör­kel­te liebt – es muss schon nach sei­nem wil­len sich richten.

im grun­de ist das aber mehr sport als musik – oder mehr por­no als kunst: höher, schnel­ler, wei­ter – nein, lau­ter – dar­um geht es hier. und arturo san­d­oval bleibt natür­lich immer, wel­che über­ra­schung, unan­ge­foch­te­ner cham­pi­on, dafür weiß er schon zu sor­gen. und das publi­kum scheint das unbe­wusst auch zu wis­sen – denn genau die sport­li­chen erfol­ge, die beson­ders hohen töne, die beson­ders schnel­len läu­fe und wir­bel, die beson­ders lau­ten trom­mel­schlä­ge wer­den am begeis­ters­ten beju­belt – nicht die außer­ge­wöhn­lich gelun­ge­ne phra­se, nicht dier pas­sen­de aus­druckk. aber um so etwas geht es hier eben über­haupt nicht, das unter­läuft den musi­kern nur so neben­bei und offen­bar auch eher unge­wollt. kunst ist das des­halb eigent­lich nicht mehr, das ist nur noch öffent­li­che selbst­be­frie­di­gung von sechs machos – ob es wirk­lich zufall ist, dass sol­che grup­pen (auch die von arturo san­d­oval) fast immer aus­schließ­lich aus män­nern bestehen?

auf jeden fall ist so etwas eine unge­heu­re anma­ßung, im grun­de eine unver­schämt­heit gegen­über dem publi­kum: der zuhö­rer wird hier ganz offen­sicht­lich für dumm ver­kauft, er wird als kulis­se für die selbst­be­weih­räu­che­rung und selbst­be­stä­ti­gung der betei­lig­ten musi­ker (ja, ich bin der bes­te, ich kann am öftes­ten, ich hab’ den größ­ten…) wie eine tape­te, oder ein­fach wie eine ware, benutzt. von respekt ist da nichts, aber auch gar nichts zu spü­ren. ok, wei­ter will ich mich dar­über jetzt nicht aufregen…

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