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gesund oder krank: das ich in der postmoderne

rai­ner funk macht sich gedan­ken dar­über: ist die spe­zi­el­le ich-ori­en­tie­rung des sub­jekts in der post­mo­der­ne psy­cho­ana­ly­tisch gese­hen etwas gutes oder schlech­tes? es ist natür­lich etwas defi­zi­en­tes, im grun­de kran­kes: sie ist nicht-pro­duk­tiv (und noch eine men­ge ande­res). da ich von psy­chon­ana­ly­se ja eigent­lich kei­ner­lei ahnung habe, kann ich nicht wirk­lich beur­tei­len, wie gut funk dabei ist. was ich aber sagen kann ist, dass sich die lek­tü­re des eigent­lich gar nicht so umfang­rei­chen büch­leins (ca. 240 sei­ten im taschen­buch in sehr gro­ßer schrift­ty­pe) erstaun­lich zäh hin­zieht. und dass eini­ges auf­fällt. etwa, dass funk außer sieg­mund freud und sei­nem gro­ßen vor­bild und meis­ter erich fromm fast kei­ne lite­ra­tur ver­wen­det (außer eini­gen weni­gen sozio­lo­gi­schen unter­su­chun­gen). ent­spre­chend mono­gam ist die argu­men­ta­ti­on. und da ist noch ein schwach­punkt: funk rei­tet ewig auf den sel­ben ent­de­ckun­gen her­um, führt sie immer wie­der und wie­der und wie­der neu aus. denn so viel hat er gar nicht zu sagen: die ich-ori­en­tie­rung der post­mo­der­ne ist kein ego­is­mus, kein nar­ziss­mus, son­dern eine eige­ne form, eine psy­chi­sche reak­ti­on auf die erfah­rung der „gemach­ten welt“, der unend­li­chen mög­lich­keit der fik­ti­on etc. pp.

damit rüh­ren wir an eine grund­sätz­li­che frag­wür­dig­keit für mich: sind die digi­ta­len wel­ten, die funk als so wesent­lich für die post­mo­der­ne aus­macht, wirk­lich etwas kate­go­ri­al neu­es? wenn man sie näm­lich wie funk auf ihre fik­tio­na­li­tät (als gegen­ent­wurf zu oder flucht aus der rea­li­tät) beschränkt, schei­nen sie für mich zunächst gar nicht so sehr unter­schie­den von den mög­lich­kei­ten der ver­gan­gen­heit, ins­be­son­de­re der moder­ne, aber sogar auch frü­he­rer zei­ten: da wären natür­lich jede art von lite­ra­tur (was ist ein roman denn ande­res als ein alter­na­ti­ver lebens­ent­wurf?), da wäre auch das thea­ter und natür­lich schon von anfang an der (kino-)film. neu wäre mög­li­cher­wei­se ihr aus­maß – aber selbst das wür­de ich nicht so ohne wei­te­res behaup­ten wol­len, das müss­te schon noch ein wenig fak­tisch unter­mau­ert wer­den – dass fun­ke das nicht leis­tet, ver­wun­dert kaum.

denn sei­ne unter­su­chung zum ich in der post­mo­der­ne hat noch eine wei­te­re ganz gro­ße lücke: sei­ne post­mo­der­ne. die wird, wie so oft, zunächst sehr vage und unge­nau als phi­lo­so­phi­sche strö­mung beschrie­ben, die dann aber auf ein­mal, in einer hoff­nungs­lo­sen über­be­wer­tung ihres ein­flus­ses, den gesam­ten all­tag der men­schen erfasst (über­flüs­sig zu sagen, dass für fun­ke irgend­wie nur men­schen der euro­päi­schen, viel­leicht noch ame­ri­ka­ni­schen län­der über­haupt vor­kom­men), ihr den­ken und han­deln bestimmt und dem­entspre­chend ihre psy­che beein­flusst. genau das aber zeigt fun­ke über­haupt nicht (es wäre auch nicht ganz anspruchs­los…): ob die post­mo­der­ne der phi­lo­so­phie und ihrer ästhe­ti­schen aus­wir­kun­gen (und da fängt es ja schon an – ganz gro­ße tei­le der kunst igno­rie­ren ihre ideen schließ­lich ein­fach ganz und gar) wirk­lich unser leben in die­sem aus­ma­ße bestimmt (hat), ist doch mehr als frag­lich. und des­halb bleibt fun­kes buch auch so beschei­den im ertrag. und da ich gera­de dabei bin, fällt mir doch noch etwas ein: wie alle „errun­gen­schaf­ten“ der post­mo­der­ne sowie­so in ihrer fak­ti­zi­tät frag­lich sind, ist auch der von fun­ke beobachtete/​diagnostizierte post­mo­der­ne mensch wohl nur sel­ten in frei­er wild­bahn anzu­tref­fen. heu­te noch sel­te­ner als in sei­ner hoch­zeit, den neun­zi­ger jah­ren. denn inzwi­schen hat sich doch alles schon wie­der drei­mal geändert…

rai­ner funk: ich und wir. psy­cho­ana­ly­se des post­mo­der­nen men­schen. mün­chen: dtv 2005
sie­he auch: per­len­tau­cher, eine kurz­ver­si­on in der „welt am sonntag“

oper – eine aussterbende kunst

war’s das dann schon? stirbt die oper als kunst­form und gat­tung jetzt nach 400 jah­ren oder so tat­säch­lich doch noch aus? und nur, weil kei­ner mehr hin­geht? mög­lich ist das – und es scheint immer wahr­schein­li­cher zu wer­den. jens mal­te fischer hat im aktu­el­len mer­kur (heft 691, novem­ber 2006, s. 1067–1072) schon fast einen nach­ruf geschrie­ben. er ist nicht sehr zuver­sicht­lich, was die zukunft des musik­thea­ters angeht – das zeigt schon der titel: oper wohin? schon im ers­ten absatz schreibt fischer, mit sicher­heit alles ande­re als ein ver­äch­ter der oper: “wohin sie geht, ist unkla­rer denn je.” aku­tel­ler anlass für die aus­las­sun­gen fischers ist unter ande­rem der ber­li­ner wahl­kampf, in dem die oper(nhäuser) ja wie­der mal eine gro­ße rol­le spiel­ten – heu­te ist bekannt gewor­den, dass der kul­tur­se­na­tor ber­lins in der neu­en regie­rung nicht mehr exis­tiert, sei­ne auf­ga­ben wer­den vom regie­ren­den bür­ger­meis­ter (”des­sen ver­hält­nis zur kul­tur als bes­ten­falls unge­klärt zu bezeich­nen ist” (fischer)) übernommen.das grund­le­gen­de pro­blem für fischer ist fol­gen­des: oper ist auf­wän­dig und teu­er. die ein­nah­men der opern­häu­ser kön­nen aber nicht belie­big erhöht wer­den: “opern­kar­ten sind bereits über­all in deutsd­ch­land nicht ganz bil­lig, wenn man nicht cle­ver, stu­dent oder schü­ler, steh­platz­kom­pa­ti­bel ist, am bes­ten alles zusam­men. daß die deut­schen für urlaubs­rei­sen unend­lich viel mehr aus­ge­ben als für kul­tur, wird man ihnen nicht mehr aus­re­den kön­nen, da das recht auf urlaubs­rei­sen ja im grund­ge­setz ver­an­kert ist.” trotz­dem, es gibt sie ja immer (noch), die opern­be­su­cher und ‑fans: es gilt wei­ter­hin, “daß pro jahr in deutsch­land mehr men­schen die thea­ter, kon­zer­te und fest­spie­le besu­chen als die fuß­ball­sta­di­en, aber es ist nun ein­mal so: 35,6 mil­lio­nen besu­cher waren es in der spiel­zeit 2003/​2004.” und das alles for­dert ja gera­de mal einen rela­tiv gese­hen aus­ge­spro­chen lächer­li­chen anteil der öffent­li­chen aus­ga­ben – bei groß­zü­gi­ger rech­nung, also bei wei­tem nicht nur oper, sind es auf allen glie­de­rungs­ebe­nen seit ewig­kei­ten unge­fähr 0,2 pro­zent! die oper ist nur, wegen ihrer aus­ge­spro­chen hohen fes­ten kos­ten (orches­ter, chor, etc. pp.) “der pro­ble­ma­tischs­te ort der deut­schen theaterlandschaft”.

pro­ble­ma­tisch ist das vor allem, weil die oper rasant an publi­kum ver­liert: rasen­de über­al­te­rung etwa – “gäbe es in den opern­häu­sern (auch inter­na­tio­nal gese­hen) nicht einen treu­en stamm der schwu­len opern­freak-kul­tur, [ ] wäre das bild noch deso­la­ter.” denn wor­aus rekru­tier­te sich das opern­pu­bli­kum: in ers­ter linie aus dem (bildungs-)bürgertum. doch das “zer­fällt zu staub wie dra­cu­la in den alten ham­mer-fil­men”. – und dann wird es rich­tig düs­ter: “das publi­kum wächst ein­fach nicht mehr nach, und damit feh­len die ver­tei­di­ger der kunst­form oper, wenn sie gefähr­det ist. der zur unkennt­lich­keit mini­miert musik­un­ter­richt in den schu­len umgeht die oper weit­räu­mig”, “an den uni­ver­si­tä­ten kommt die oper so gut wie gar nicht vor.” vor allem aber muss fischer (das ist weder neu noch beson­ders über­ra­schend für jeden, der ab und an opern besucht ) fest­stel­len: “das opern­pu­bli­kum in aller welt ist, man muß es lei­der so deut­lich sagen, das reak­tio­närs­te und dümms­te von allen thea­ter­pu­bli­ka (des­we­gen füh­len sich die spon­so­ren auch dort so wohl), liebt aber die kom­pli­zier­tes­te, anspruchs­volls­te und anfor­de­rungs­reichs­te kunst­form über­haupt.” – sehr schön und genau auf den punkt gebracht, die­se ewi­ge para­do­xie, aus der es heu­te weni­ger denn je einen aus­weg zu geben scheint. denn “oper erfor­dert, um tie­fen­wir­kung ent­fal­ten zu kön­nen, eine gewis­se anstren­gung des zuhö­rens, lesens, vor- und nach­be­rei­tens. begrei­fen, was einen ergreift, daß heißt gera­de in der oper mehr zu inves­tie­ren als die kur­ze lust des augen­blicks, das opern­haus ist kein stun­den­ho­tel.” aber genau das bräuch­te der aller­größ­te teil des publi­kums heu­te und genau so ver­hält er sich auch in der oper die bestands­auf­nah­me der trau­ri­gen situa­ti­on hat fischer damit schon ziem­lich been­det – gut, oper wird es auch wei­ter­hin geben, aber wohl nur in der schwund­form der kul­tur­in­dus­tri­el­len popu­la­ri­sie­rung, die ja schon deut­lich zuge­nom­men hat – lösun­gen weiß fischer halt auch kei­ne. gibt es aber auch gar kei­ne: denn nötig wäre ein­fach eine ästhe­ti­sche erzie­hung des vol­kes im gesam­ten, ein bewusst­sein für den wert sol­cher anstren­gen­den kul­tur, nicht nur ihrer fest­li­chen äußerlichkeiten 

ach ja, ein hüb­scher sei­ten­hieb fehlt noch: “der hirn- und maß­stabs­lo­se rum­mel um eine stimm­lich begab­te, als künst­le­rin und inter­pre­tin unter­ent­wi­ckel­te sopra­nis­tin namens anna netreb­ko zeigt, daß die kul­tur­in­dus­trie inzwi­schen auch im opern­be­reich alles durch­set­zen kann, was ihr beliebt.”

ja, ja, das gibt’s immer noch: musik, die am bes­ten dazu genutzt wird, ein­zu­schla­fen. tord gus­tav­sens trio ist so etwas…: schön sen­ti­men­tal, garan­tiert nicht stö­rend, nie­man­den ver­stö­rend, immer schön brav geradeaus…

drei män­ner mitt­le­ren alters schlen­dern auf die büh­ne, machen hun­dert minu­ten musik und gehen wie­der. unspek­ta­ku­lä­rer geht es kaum.
genau das ist aber auch das ziel des tord gus­tav­sen tri­os: sich nicht ablen­ken las­sen und den zuhö­rern pure und rei­ne musik schen­ken. eine musik, die in bes­ter roman­ti­scher manier auch auf dem gebiet des kam­mer­mu­si­ka­li­schen trio-jazz immer noch und wie­der auf der suche nach inni­gen momen­ten ist. und sie fin­den fast erschre­ckend vie­le davon. denn bei ihnen scheint das gar nich so sehr auf­wän­dig zu sein: sie machen ein­fach ihre musik. und sie ver­sen­ken sich ganz dar­in. tord gus­tav­sen etwa will anschei­nend immer wie­der in sei­nen flü­gel hin­ein­krie­chen, der kör­per krümmt sich um die tas­ta­tur bis die nase fast an die fin­ger stößt. das ergeb­nis gibt ihnen aber immer wie­der recht. ohne sich in irgend­ei­ner wei­se um die zumu­tun­gen der moder­ne zu küm­mern, träu­men und phan­ta­sie­ren sie vor sich hin. frei­lich geschieht das nie völ­lig los­ge­löst, eine gewis­se ord­nung bleibt immer gewahrt: die aus­ge­wo­ge­nen melo­dien blei­ben schön im vor­der­grund, kein plötz­li­cher aus­bruch stört die kom­pak­ten for­men des arran­ge­ments, kei­ne wider­bors­ti­ge ecke, noch nicht ein­mal eine schar­fe kan­te kann in die­ser insel der glück­se­lig­keit auf­merk­sam­keit for­dern. ihre musik wird dadurch zwar nicht unbe­dingt span­nen­der, durch das ewi­ge ver­wei­len in engen har­mo­ni­schen räu­men und gleich­blei­ben­den mus­tern aber auf eine sehr inspie­ren­de und anre­gen­de wei­se ent­las­tend: der ver­stand und das den­ken haben jetzt ruhe­pau­se, nun darf die see­le ganz in ruhe, ohne ablen­kung, bau­meln. und die drei nor­we­ger wer­den sie ruck­zuck in ein har­mo­ni­sches gleich­ge­wicht versetzen.
ihre musik, durch­weg eigen­kom­po­si­tio­nen, wälzt und schlän­gelt sich durch die zeit wie ein gro­ßer mahl­strom, ein ein­zig­ar­ti­ger fluß in unab­läs­si­ger bewe­gung, ohne stau­stu­fen, plötz­li­che kni­cke oder sons­ti­ge hin­der­nis­se – das was­ser bleibt an der ober­flä­che immer schön glatt. immer­hin gibt das trio dem publi­kum wenigs­tens ab und an gele­gen­heit, sei­ne begeis­te­rung kund zu tun. und die main­zer lausch­ten ange­strengt und hoch kon­zen­triert, eine fast sakra­le atmo­sphä­re herrscht im lücken­haft besetz­ten frank­fur­ter hof. eine fei­er des gut­mü­ti­gen und posi­ti­ven den­kens setzt die­se musik in gang, die nur das voll­kom­me­ne auf­ge­hen in die­sem zustand der fei­er­li­chen schwe­be akzeptiert.

und noch einmal: mozarts requiem

so etwas sieht st. peter sel­ten: eine lan­ge schlan­ge win­det sich noch weni­ge minu­ten vor beginn über den vor­platz. die kir­che ist schon lan­ge dicht besetzt, selbst die steh­plät­ze auf der empo­re sind heu­te begehrt: mozarts requi­em ist es, dass die leu­te in mas­sen anzieht. oder sind es doch eher die chö­re des peter-cor­ne­li­us-kon­ser­va­to­ri­ums und der main­zer fachhochschule?
aus wel­chem grund auch immer die zuhö­rer gekom­men waren, sie hat­ten ein durch­wach­se­nen kon­zert­abend vor sich. zur ein­stim­mung gab es ein erst ein mal eine dröh­nen­de ver­si­on des „te deum“ von marc antoine char­pen­tier, das der diri­gent roland r. pel­ger erstaun­lich blass und nichts­sa­gend abwick­len ließ. und vom himm­li­chen lob­preis ging es dann im bru­ta­len schnitt hin­ein in das dun­kel des requi­ems. aber so nach und nach stell­te sich her­aus, dass der wech­sel von char­pen­tier zu mozart doch nicht ganz so hart war: immer stär­ker ließ pel­ger das requi­em näm­lich auch wie­der eine rie­si­ge ruhe aus­strah­len und schuf damit eine stim­mung gläu­bi­ger gelas­sen­heit, die sich trotz aller ver­zweif­lung und todes­not umfan­gen und gebor­gen weiß. nicht, dass pel­ger damit ein rei­nes kuschel-requi­em abge­lie­fert hät­te. die mar­ki­ge pathos-keu­le wird von ihm und sei­nen mit­strei­tern durch­aus wuch­tig geschwun­gen. dabei fehl­te aber oft das gespür für das rech­te quan­tum. im beginn des dies irae zum bei­spiel erschlug er damit kon­se­quent jede nuan­cie­rung und fein­heit. was dann aber doch ent­täu­schen muss­te, war die schnel­lig­keit, mit der sich sol­che grund­sätz­lich posi­ti­ven ansät­ze immer wie­der in belang­lo­sen all­ge­mein­plät­zen ver­lo­ren. doch da pel­ger das feu­er immer wie­der neu ent­fa­chen konn­te, pen­del­te das requi­em stän­dig zwi­schen inten­siv gefühl­ter span­nung und lascher par­ti­tur-exe­ku­ti­on. immer­hin ver­füg­te er über gut prä­pa­rier­te chö­re, die mit ihrer jugend­li­chen geschmei­dig­keit leich­tes spiel hat­ten. auch die solis­ten sind durch­weg bewähr­te kräf­te: die klar strah­len­de nico­le tam­bu­ro genau­so wie bar­ba­ra arne­ke, die ihre kraft­vol­le stim­me erfreu­lich genau dosier­te. dazu noch der soli­de, unbe­irr­ba­re bass von dani­el böhm und der hell her­au­ste­chen­de dani­el sans: die sän­ger füg­ten sich fast zu unauf­fäl­lig ein. denn wesent­li­che impul­se konn­ten sie nicht bei­steu­ern, das steu­ern über­lie­ßen sie ganz und gar pel­ger. der hat­te damit auch kei­ne pro­ble­me und hielt kla­ren kurs – nur sein antrieb schwä­chel­te eben von zeit zu zeit.

ja, sie kön­nen. und nicht ein­mal schlecht. gut, das reper­toire ist recht ein­ge­schränkt – ech­te meis­ter­wer­ke gibt es wohl nicht. und der klang wird auch sehr leicht bloß flä­chig und ein­tö­nig. aber die bratschen­grup­pe des main­zer phil­har­mo­ni­schen orches­ters hat das trotz­dem nicht schlecht gemacht – sehr unter­halt­sam mode­riert von mal­te schae­fer, ein net­ter abend (auch wenn die zuga­be, an der schö­nen blau­en donau, etwas über­pro­por­tio­nal lang war…)

es sind dann doch ein paar mehr gewor­den. eigent­lich woll­te mal­te schae­fer ja kei­ne wit­ze erzäh­len, son­dern sein publi­kum in die unbe­kann­te welt der musik für drei bis acht brat­schen ein­füh­ren. aber irgend­wie muss­te der solo­brat­scher des phil­har­mo­ni­schen orches­ters im klei­nen haus ja die vie­len umbau­pau­sen über­brü­cken. und die aus­wahl an brat­schen­wit­zen ist ja auch sehr groß. ganz im gegen­satz zum reper­toire für meh­rer vio­len ohne irgend wel­che ande­ren, stö­ren­den beglei­ter. und das weni­ge, das es gibt, ist selbst­ver­ständ­lich voll­kom­men unbe­kannt, nicht ein­mal die namen ihrer schöp­fer sind geläu­fig. wer tut sich auch frei­wil­lig so etwas wan, acht brat­schen pur und ohne ablen­kung? vie­le scheint so etwas nicht zu inter­es­sie­ren, weder kom­po­nis­ten noch zuhörer.
aber denen ent­geht doch eini­ges. zum bei­spiel die „fan­ta­sia for four vio­las“ des eng­li­schen erz­ro­man­ti­kers york bowen. nein, den muss man wirk­lich nicht ken­nen. aber sei­ne fan­ta­sia ist trotz­dem bedrü­ckend schön – vor allem, weil sie sich der klang­welt der vio­la voll und ganz aus­lie­fert. es ist aber auch ein span­nen­der hör­kri­mi bei nacht und nebel, mit ver­fol­guns­jag­den, hit­zi­gen ver­hö­ren und müh­sa­mer spu­ren­su­che. die vier musi­ker spie­len das aber auch mit einer sol­chen hin­ga­be und tie­fen, aus­drucks­vol­len ver­sen­kung, das man ihren ver­füh­run­gen und über­zeu­gungs­küns­ten voll­ends aus­ge­lie­fert ist. fast genau­so ver­lo­ckend prä­sen­tie­ren sie auch max rit­ter von wein­zier­ls „nacht­stück“. das ist in den meis­ten tei­len sei­nes epi­so­den­haf­ten ver­laufs wun­der­bar zart, luf­tig und son­nig – das brat­schen so unbe­schwert klin­gen kön­nen, ist hier noch eine über­ra­schung. es wur­de dann aber schnell zur selbst­ver­ständ­lich­keit. denn die main­zer bratschen­grup­pe mach­te wirk­lich ernst und zog auch musik der leich­te­ren fas­son her­an: leo­nard ber­steins „some­whe­re“ etwa, oder jean paul mar­ti­ni­nis „plai­sir d’amour“ – für sol­che schmacht­fet­zen ist der war­me, fül­li­ge klang der vio­la natür­lich bes­tens geeignet.
damit war das oktett aber noch lan­ge nicht zufrie­den. sie haben dem chor­di­rek­tor sebas­ti­an her­nan­dez-laver­ny auch noch eine kom­po­si­ti­on ganz spe­zi­ell für ihre beset­zung ent­lockt: „intro­duk­ti­on, can­ta­bi­le und phan­tas­ti­sche fuge“ heißt die urauf­füh­rung. und sie hat es wirk­lich in sich. im leich­ten spiel der ver­satz­stü­cke wer­den die tech­ni­schen fähig­kei­ten der strei­cher außer­or­dent­lich gefor­dert. und auch die zuhö­rer muss­ten sich anstren­gen, in der acht­stim­mi­gen fuge nicht den über­blick zu ver­lie­ren. ver­wick­lun­gen gibt es in die­ser phan­tas­ti­schen mix­tur mehr als genug – aber ein publi­kum, das sich frei­wil­lig acht brat­schen anhört, hält auch das aus.

mal wieder ein sinfoniekonzert

dies­mal darf im main­zer thea­ter der kapell­meis­ter ran – und er macht sei­ne sache nicht schlecht, bei einem ziem­lich anspruchs­vol­len programm…

das träu­men ist das vor­recht der jugend. kein wun­der also, das beim zwei­ten sin­fo­nie­kon­zert, das aus­drück­lich den jugend­li­chen kom­po­nis­ten gewid­met war, ganz viel ver­träum­te roman­tik zu hören war – aus dem 19., dem 20. und dem 21. jahr­hun­dert. im mit­tel­punkt dabei: zwei orches­ter­wer­ke von anno schrei­er, des­sen oper „kein ort. nir­gends“ gera­de im klei­nen haus auf dem spiel­plan steht. und die ver­ra­ten schon in den titeln ihre nähe zu den ideen der roman­tik: nacht­stück heißt das eine, frag­men­te ist das ande­re überschrieben.
schrei­ers orches­ter­stü­cke sind eine art von musik, die alles auf ein­mal sein will und des­halb kaum eine chan­ce hat, irgend­et­was bestimm­tes tat­säch­lich zu sein. das rie­si­ge orches­ter beherrscht er sou­ve­rän, ver­an­stal­tet mit ihm ein ent­spre­chen­des getüm­mel und zuwei­len recht auf­dring­li­ches klang­li­ches gewu­sel: fes­te zustän­de gibt es hier nie, selbst das sowie­so stän­dig sich ver­än­dern­de klang­ge­sche­hen wird immer wie­der unter­bro­chen und mit einer art kom­men­tar ver­se­hen – sehr gekonnt, aber irgend­wie auch unge­heu­er ziel­los und belie­big beim ers­ten hören. ganz ähn­lich erschei­nen die vier frag­men­te, die in mainz in ihrer revi­dier­ten fas­sung zum ers­ten mal erklan­gen. die sind so sehr voll­ge­stopft mit moti­vi­schen und sti­lis­ti­schen zita­ten und anklän­gen, dass es ihnen nur sel­ten gelingt, einen eige­nen ton­fall zu ent­wi­ckeln. tho­mas dorsch schaff­te es immer­hin, die­se mischung aus kra­chen­der gro­tes­ke und gefüh­li­ger see­len­schau sehr plas­tisch und mit groß­zü­gig dimen­sio­nier­tem kraft­ein­satz auch sehr packend zu gestalten.
als zuver­läs­si­ger klang­ver­wal­ter trat er auch mit hans wer­ner hen­zes „la sel­va incan­ta­ta“ auf: prä­zi­se misch­te er hier die mat­ten strei­ch­er­klän­ge mit den beein­dru­cken holz­blä­sern, ver­bin­det schwe­re­lo­se träu­me und gewich­ti­ge ernst­haf­tig­keit in sehr kla­ren, über­sicht­li­chen abläu­fen. aber er konn­te noch mehr. bei men­dels­sohn-bar­thol­dys ers­ter sin­fo­nie, auch ein ech­tes jugend­werk des zwan­zig­jäh­ri­gen kom­po­nis­ten, griff er näm­lich noch ein­mal ganz tief in die trick­kis­te. im ver­gleich zu dem bro­deln­den feu­er­topf, des­sen deckel er im ers­ten satz mit gro­ßer ges­te bei­sei­te schleu­der­te und die gan­ze gewalt der grim­mi­gen atta­cke auf das publi­kum los lies, war der rest des kon­zer­tes auf ein­mal nur noch vor­ge­plän­kel. und er konn­te die­sen ein­druck auch wei­ter­hin behaup­ten: geschmei­dig zele­brier­te er den zwei­ten satz, blieb auch im scher­zo ein uner­müd­lich wir­bel­wind, der das orches­ter immer wie­der an die gren­zen trieb und pfef­fer­te das fina­le so sehr mit lei­den­schaft, dass die musi­ker noch ein­mal wirk­lich auf­blüh­ten und ech­te klas­se zeigten.

die textfabrik von marlene streeruwitz

die­se autorin schät­ze ich eigent­lich sehr. ihre roma­ne sind nicht nur sprach­li­che her­vor­ra­gend gear­bei­te­te kunst­wer­ke, son­dern auch in ihrer for­ma­len gestal­tung. und nicht zuletzt auch inhalt­lich, in ihren zie­len, nicht bloß hoch­in­ter­es­sant, son­dern auch gut und rich­tig, um ein­n­mal die­se gro­ßen wor­te zu bemü­hen. die novel­le mor­i­re in levi­ta­te (2004) aller­dings zählt nicht dazu. das ist nichts, was mich irgend­wie beein­dru­cken könn­te. mög­li­cher­wei­se hat­te ich auch gera­de nur kei­ne lust, mich mit dem ster­ben über­haupt und im beson­de­ren zu beschäf­ti­gen – das müss­te eine zwei­te lek­tü­re noch ein­mal kon­trol­lie­ren. jetzt hat­te ich auf jeden fall den ein­druck, das hier nur, ohne all­zu gro­ße inspi­ra­ti­on und vor allem ohne dring­lich­keit, ohne den drang, etwas sagen/​gestalten/​machen zu müs­sen (der bei stre­eru­witz sonst durch­aus soli­de aus­ge­prägt ist – gera­de das schät­ze ich ja so an ihr) – ok, wo war ich? – ach ja, der ein­druck, das hier ohne inne­re not­wen­dig­keit die text­fa­brik arbei­ten muss­te, um leer­lauf zu ver­mei­den. viel­leicht war es ja die äuße­re not­wen­dig­keit, auf dem markt und in der öffent­lich­keit prä­sent zu blei­ben, die hin­ter der ver­öf­fent­li­chung die­ser novel­le stand. aber jeden­falls erscheint das alles sehr abge­nutzt, die sti­lis­ti­schen mit­tel ohne kon­se­quenz, ohne not­wen­di­ge ver­bin­dung mit dem text und sei­nem the­ma, die bil­der vage und blass – kurz, mich hat es ziem­lich gelang­weilt. also ab in die wie­der­vor­la­ge in 1,2 jahren.

mar­le­ne stre­eru­witz: mor­i­re in levi­ta­te. novel­le. frankfurt/​main: fischer taschen­buch 2006. (ers­te aus­ga­be im s. fischer ver­lag 2004)

die buschtrommelt wirbelt im patat herum

die busch­trom­mel ist nicht nur ein kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­di­um, son­dern macht auch eine men­ge krach. einen bes­se­ren namen kann sich ein kaba­rett-trio also eigent­lich gar nicht geben. denn die drei män­ner, die da wie­der ein­mal im patat auf der büh­ne ste­hen, hau­en denn auch so rich­tig auf die pau­ke. sie tun dies schon seit fünf­zehn jah­ren – also noch län­ger als die michel­städ­ter klein­kunst­büh­ne. aber immer­hin kön­nen sie gemein­sam fei­ern. und die­ses dop­pel­te jubi­lä­ums­pro­gramm hat es in sich. denn die busch­trom­mel ist ein ech­ter wir­bel­sturm. die drei män­ner schlüp­fen geschmei­dig von einer rol­le in die nächs­te: schau­spie­le­ri­sche ver­wand­lungs­küns­te sind ohne zwei­fel das größ­te an die­sem trio. wie etwa andre­as brei­ing den engel adolf hit­ler gibt, der sich bei den deut­schen ent­schul­di­gen möch­te und dabei unun­ter­bro­chen unter auf­bie­tung absur­der zun­gen­akro­ba­tik damit zu kämp­fen hat, sein fal­schen bärt­chen am rich­ti­gen platz zu hal­ten, ist wun­der­bar gro­tesk. oder wie jörg fabri­zi­us als auf­schwung­be­auf­tra­ger für die not­wen­di­ge posi­ti­ve grund­hal­tung in der bevöl­ke­rung sorgt, indem er den ewi­gen nörg­lern und pes­si­mis­ten seri­en­wei­se das lebens­licht aus­pus­tet – aber immer auf ganz indi­vi­du­el­le art! – das hat ein­fach klas­se. und natür­lich lud­ger wil­helm, der bei sei­ner geburt 15 minu­ten, nein 20, ach was, fast 30 minu­ten ohne sau­er­stoff aus­kom­men muss­te. man merkt es aber fast gar nicht. ande­rer­seits wäre sonst aber wohl nie so ein treff­li­cher assi aus dem ruhr­pott aus ihm gewor­den, der unter auf­bie­tung aller sei­ner bescheid­nen krea­ti­ven kräf­te ver­sucht, eine mög­lichst bil­li­ge beer­di­gung für sei­ne oma zu orga­ni­sie­ren– bei ihm wird das frei­lich schnell zu einer rechen­auf­ga­be und endet natür­lich in der total maka­bren ent­sor­gung mit­ten auf der düs­sel­dor­fer kö.

so kalau­ern sich die drei müns­te­ra­ner durch die „gefühl­ten höhe­punk­te“ ihre letz­ten jah­re. doch gefüh­le sind nicht immer die bes­ten pro­gramm­ma­na­ger. vor allem nach der pau­se hat­te das trio näm­lich so eini­ge durch­hän­ger: die wit­ze über ulla schmidt – lie­be­voll als todes­en­gel apo­stro­phiert – sind eben nicht mehr so ganz brand­neu. und auch zum rest­li­chen ber­li­ner per­so­nal fällt ihnen nicht all­zu viel neu­es ein. die beob­ach­tung der „mer­kel­sche unschär­fe­re­la­ti­on“ ist da noch ein ech­tes high­light. bes­ser sind die drei aber sowie­so da, wo es nicht um genu­in poli­ti­sche, son­dern um gesell­schaft­li­che phä­no­me­ne geht. als zyni­sche beob­ach­ter und kom­men­ta­to­ren des sozia­len elends, die sich immer brav aus allem her­aus­hal­ten und mun­ter wet­ten abschlie­ßen, wann der jun­kie von gegen­über wohl end­lich auf­hört, sich zu bewe­gen, sind sie nicht zu schla­gen. und ihre ulti­ma­ti­ve lösung des schul­den­pro­blems der brd hat auch eini­ges für sich: sie über­tra­gen die paar bil­lio­nen euro mie­se dem unter­neh­men „omer­tà“, das zwar auch nicht viel geld ein­trei­ben kann, mit don pas­qua­le und der schlag­kräf­ti­gen unter­stüt­zung von lui­gi aber immer­hin den ernst der lage ver­deut­lich ver­mag. von dort ist es dann auch nur noch ein klit­ze­klei­ner schritt zum inter­na­tio­na­len ter­ror. der besteht wahl­wei­se aus dem ver­fas­sungs­schutz, der längst alle ehe­mals ter­ro­ris­ti­schen zel­len unter­wan­dert hat, der spd, die immer über­all ihre fäden zieht, oder der neu­en cd von tokio hotel. sich selbst hät­ten sie eigent­lich auch gleich noch dazu zäh­len kön­nen. aber die busch­trom­mel singt doch wesent­lich bes­ser als die tee­nie-band. und ist auch erwach­se­ner. zumin­dest ein bisschen.

sting: songs from the labyrinth

oh mein gott, wie konn­te das nur pas­sie­ren. wer hat nur zuge­las­sen, dass die­se auf­nah­men an die öffent­lich­keit gelang­ten: sting ver­sucht john down­land zu sin­gen. und so sehr ich (bis­her) sting moch­te und auch noch mag – gera­de kürz­lich erst wie­der in erin­ne­rung geru­fen durch den auf dime­a­do­zen ver­füg­ba­ren mit­schnitt des genia­len kon­zer­tes „the art of the heart” in los ange­les – , auch wenn sei­ne letz­ten cds zuneh­mend schwä­cher wur­den (soweit sie aus dem stu­dio stamm­ten, live ist er irgend­wie dann doch immer bes­ser geblie­ben), naja, jeden­falls, was ich sagen woll­te: eigent­lich bin ich sting ganz posi­tiv zuge­tan. aber das geht ja nun gar nicht: er ver­sucht, lau­ten­lie­der von john down­land zu sin­gen. dum­mer­wei­se hat er mitt­ler­wei­le fast über­haupt kei­ne stim­me mehr, falls er sie je hat­te. und das wird dann wirk­lich gro­tesk, wenn ein musi­ker wie sting ver­zie­run­gen, melis­men der barock­zeit singt: absur­de­re auf­füh­run­gen las­sen sich ja kaum noch denken.

was mich aber noch mehr erschreckt: die cd ist bei der deut­schen gram­mo­phon gesell­schaft erschie­nen. das war ein­mal eine respek­ta­ble fir­ma – man den­ke nur dar­an, was sie mir der „archiv-pro­duk­ti­on” für die his­to­risch infor­mier­te auf­füh­rungs­pra­xis getan hat! – , ein soli­des unter­neh­men der klas­sik-bran­che. wie die meis­ten gro­ßen haben sie aber nicht ver­kraf­tet, dass weni­ger leu­te ihre cds kau­fen (wol­len, kau­fen wol­len wer­den, was auch immer): die dre­hen da in ihren büros wohl inzwi­schen voll­kom­men am rad … wenn ich mir vor­stel­le, was die jetzt schon so zusam­men­ge­braut haben – ich sage nur „re-com­po­se”… lus­tig ist das nur inso­fern, als es doch gera­de so fir­men wie die dgg waren, die ein­mal so etwas wie cor­po­ra­te iden­ti­ty erfun­den haben (die gel­ben eti­ket­ten z.b.) – das alles ist längst ver­schwun­den, jetzt herrscht fröh­li­che anar­chie nach den geset­zen des mark­tes. oder was man dafür hält. denn sie schei­nen nicht zu ver­ste­hen (wol­len), dass es viel­leicht gar nicht so schlimm sein muss, dass man von einer ein­zi­gen cd kei­ne hun­der­tau­sen­de exem­pla­re abset­zen kann. es gibt ja doch genug fir­men, die vor­ma­chen, dass man auch mit ver­gleichs­wei­se klei­nen auf­la­gen gutes geld ver­die­nen kann …

naja, soviel zur pro­dukt­po­li­tik der dgg – ich habe schon sehr lan­ge kei­ne cd mehr von ihnen gekauft, fällt mir gera­de ein. zur sting-cd will ich gar nicht viel sagen. dass er halt nicht so rich­tig gut sin­gen kann – geschenkt. dass er aber unbe­dingt im mehr­spur­ver­fah­ren sei­nen eige­nen chor spie­len muss – lächer­lich. dass er das gan­ze mit der – grau­en­haft unter­mal­ten – lesung von brief­zi­ta­ten auf­zu­pep­pen müs­sen meint – auch so eine ver­falls­er­schei­nung. nie­mand traut da bei den zustän­di­gen leu­ten der musik mehr. und den käu­fern, den zuhö­rern, sowie­so nicht: mir sieht das schwer danach aus, als wol­le man damit soge­nann­te bzw. so emp­fun­de­ne „pop”-kunden zur klas­sik hin­über­zie­hen. ob das mit so ver­que­ren pro­duk­ten, so miss­ra­te­nen auf­nah­men, die ja jedem klas­sik­hö­rer die zehen­nä­gel hoch­rol­le, gelingt, bezwei­fel ich doch sehr. das ein­zi­ge, was man die­sem zeug mit viel gutem wil­len zugu­te hal­ten kann, ist der hauch von authen­ti­zi­tät, den sting halt auch in sei­nen schlech­tes­ten momen­ten noch ver­strö­men zu ver­mag: er ist ja nicht umsonst der pop-star gewor­den, der er ist – dazu gehört eben durch­aus nicht zuletzt auch eine ordent­li­che por­ti­on cha­ris­ma. und ein klit­ze­klei­ner rest ret­tet sich manch­mal sogar in die down­land-lie­der (die, noch neben­bei bemerkt, auch klang­tech­nisch nicht beson­ders gut auf­ge­nom­men sind). die ein­zi­ge emp­feh­lung: das rei­ne lau­ten­stück „for­lon hope fan­cy”. ansons­ten durch­hö­ren und schnell wie­der vergessen.

eini­ge der hier miss­han­del­ten lie­der gibt es auch ganz ordent­lich in der bei zwei­tau­send­eins ver­trie­be­nen edi­ti­on lied – nur so als hinweis…

sting: songs from the laby­rinth. lie­der von john down­land. mit edin karama­zov (lau­te). deut­sche gram­mo­phon 2006. 

paul ingendaay liest …

… und zwar aus sei­nem buch „war­um du mich ver­las­sen hast“. inter­es­san­ter als die lesung – nix beson­de­res, soli­de, über­legt, aber ohne inspi­ra­ti­on (wie wohl auch das buch in die­se rich­tung zu ten­die­ren scheint) – aber die beob­ach­tung, wie er mit dem publi­kum umgeht. zunächst ein­mal wird es immer gründ­lich zuge­tex­tet: so viel gela­ber und geschwal­le habe ich von einem „dich­ter“ oder autor oder text­pro­du­zent (was wohl am bes­ten passt) sel­ten erlebt. und fast schon zu bewun­dern, die fähig­keit des ein­schlei­mens, in so viel gere­de um nich­tig­kei­ten und bana­li­tä­ten ver­packt, dass es fast gar nicht auf­fällt. naja, nicht mein fall eben, so eine medio­kre dich­ter­le­sung – da fra­ge ich mich doch immer, wozu das gut sein soll…

paul ingen­da­ay liest. er macht das, weil er ein buch geschrie­ben hat. und er möch­te das ger­ne an ganz vie­le leu­te ver­kau­fen. auch in mainz. des­halb setzt er sich abends in die klei­ne buch­hand­lung „shake­speare und so“ und liest. sein buch heißt „war­um du mich ver­las­sen hast“. und es ist ziem­lich dick. er kann also nur ganz wenig dar­aus vor­le­sen. denn sonst säßen sei­ne hörer, die hof­fent­lich auch bald sei­ne leser sind, ziem­lich lan­ge da her­um. und sie müss­ten nichts tun als zuhörern.

aber das wäre ja nicht das schlimms­te. denn paul ingen­da­ay kann gut vor­le­sen. mit wenig auf­wand macht er das. nüch­tern und sach­lich klingt sei­ne stim­me ange­nehm durch die buch­hand­lung. aber er weiß auch genau, was bei den lesern und zuhö­re­ren gut ankommt. denn das hier in mainz ist ja nicht sei­ne ers­te lesung. er weiß also genau, wo er die lacher auf sei­ner sei­te hat. oder wo er die stim­me ein wenig heben muss. oder das es schön ist, dass er zwi­schen­durch mal eine wei­le ste­hend liest.

sein buch erzählt mit viel witz und sen­si­bi­li­tät von mar­ko. mar­ko ist 15 und lebt in den sieb­zi­gern in einem katho­li­schen inter­nat. das ist auch schon fast alles. denn es geht um „mäd­chen, bücher und gott“. die mäd­chen feh­len mar­ko und sei­nen freun­den sehr. das gibt anlass zu aller­lei lus­ti­gen und trau­ri­gen ver­zweif­lungs­ta­ten. bücher dage­gen gibt es mehr als genug. die kann man lesen und dann lan­ge dar­über reden. ob es genug gott gibt, ist hin­ge­gen nicht so ganz klar.

das ist also eine men­ge stoff. eben 500 sei­ten dick. zum vor­le­sen hat der autor sich ein paar pas­sa­gen aus dem anfang her­aus gesucht. da gibt es näm­lich ganz viel zu lachen. spä­ter tau­chen noch span­nen­de ver­wick­lun­gen und hoch­dra­ma­ti­sche vor­gän­ge auf. aber die will paul ingen­da­ay noch nicht ver­ra­ten. denn das buch soll man ja noch lesen.

dafür beant­wor­tet er nach dem lesen auch noch die fra­gen der hörer. mit viel geduld. denn bestimmt ist er schon ganz oft gefragt wor­den, was in sei­nem buch wahr­heit und dich­tung ist. oder wie es ihm in sei­ner jugend im katho­li­schen inter­nat erging.

kau­fen darf und kann man das buch natür­lich auch gleich. und wenn man will, unter­schreibt paul ingen­da­ay das auch noch – damit auch jeder glaubt, dass er es selbst geschrie­ben hat. und das man ihn ein­mal leib­haf­tig gese­hen hat. das kann man dann sei­nen enkeln erzäh­len, spä­ter, wenn man alt ist. aber ob dann noch jemand weiß, wer paul ingen­da­ay ist? viel­leicht wird er dann ja gera­de wie­der­ent­deckt. als ein mus­ter­bei­spiel des form­voll­ende­ten erzäh­lens, dass dem leser freu­de berei­tet. oder so ähnlich.

paul ingen­day: war­um du mich ver­las­sen hast. mün­chen: schirm­er­graf 2006.

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