»Nächstens mehr.«

Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

was ist pop?

die ewi­ge fra­ge, wahr­schein­lich eh‘ nicht wirk­lich umfas­send und zufrie­den­stel­lend zu beant­wor­ten… aber stel­len muss man sie halt doch immer wie­der, sonst kommt man ja gar nicht vor­an, beim nach­den­ken über phä­no­me­ne des pop. dass pop mehr ist als chart­hits und main­stream-pop­mu­sik der seich­ten sor­te, inklu­si­ve ihrer kul­tur­in­dus­tri­el­len, markt­ka­pi­ta­lis­ti­schen ver­wer­tungs­or­gi­en und mar­ke­ting­kam­pa­gnen, ist ja inzwi­schen hof­fent­lich den ver­nünf­ti­gen (!) klar. aber was ist pop dann? wal­ter grass­kamp, michae­la krüt­zen und ste­phan schmitt haben beim fischer-taschen­buch-ver­lag einen klei­nen band mit „zehn ver­su­chen“ (so der unter­ti­tel) zur posi­ti­ons­be­stim­mung des pop in den ver­schie­de­nen kul­tu­rel­len fel­dern her­aus­ge­ge­ben. damit ist auch schon deut­lich, was ein gro­ßes man­ko an die­sem büch­lein ist: inhalt und titel pas­sen gar nicht so gut zusam­men. was pop als sol­cher und über­haupt ist, weiß man hin­ten­ach näm­lich immer noch genau­so wenig wie vor beginn der lek­tü­re. das hat wohl auch mit der ent­ste­hung des ban­des zu tun. ent­stan­den ist der näm­lich aus einer gemein­sa­men vor­le­sungs­rei­he der drei münch­ner kunst­hoch­schu­len (aka­de­mie, hoch­schu­le f. film & fern­se­hen, hoch­schu­le für musik & thea­ter), die eini­ge mehr oder weni­ger beru­fe­ne gast­red­ner ver­sam­mel­te, deren tex­te hier vorliegen.

in der ein­lei­tung wen­det sich der her­aus­ge­ber grass­kamp auf für mich reich­lich befremd­li­che wei­se gegen die ver­meint­lich erstar­ken­de, „ein­fluss­rei­che neu­er schu­le“ (11) der „posi­ti­on der theo­rie­feind­lich­keit“. ich weiß nicht, ob ich das ziel rich­tig iden­ti­fi­ziert habe… aber wenn, dann scheint mir grass­kamp hier doch sehr, sehr weit zu sim­pli­fi­zie­ren. und von einem sehr aus­ge­wähl­ten, typisch kunst­ge­schicht­li­chen stand­punkt aus zu urtei­len. denn natür­lich, das wer­den die hier ange­grif­fen in der regel selbst zuge­ben, ist theo­rie­lo­sig­keit ein schwe­res man­ko. aber die fra­ge ist eben, ob sie immer so theo­rie­los sind, wie es – zuge­ge­ben – leicht den anschein hat. womit sie aber unbe­dingt recht haben, ist die tat­sa­che, dass pop sich auch dar­in von „her­kömm­li­chen“, ande­rern kul­tur­ma­ni­fes­ta­tio­nen der­art unter­schei­det, dass die übli­chen, in den kunst‑, lite­ra­tur und kul­tur­wis­sen­schaft ent­wi­ckel­ten instru­men­te der erfor­schung, die her­me­neu­ti­schen ver­fah­rung, das hier prak­ti­zier­te bemü­hen um ver­ständ­nis, nicht aus­rei­chen, den pop in sei­ner spe­zi­fi­schen form zu erfas­sen und zu ver­ste­hen. mög­lich ist, dass sie hilf­reich sein kön­nen, aber mit ihnen allein wird ein wirk­lci­hes ver­ständ­nis der pop­p­hä­no­me­ne kaum gelin­gen. dazu kommt natür­lich auch noch die schlich­te tat­sa­che, dass vie­les, was – nicht nur in mei­nem ver­ständ­nis – auch und noch pop ist, über­haupt nur zu fin­den, wahr­zu­neh­men ist, wenn man mehr oder weni­ger stark im und mit dem pop lebt. wenn das dann alles in die arbeit über den pop ein­fliesst (die selbst evtl. sogar wie­der zum pop wer­den kann…), muss man noch lan­ge nicht „urba­ner bar­bar“ sein, wie gross­kamp unterstellt.

aber wei­ter zum rest: was sehr schnell beim lesen auf­fällt und was mich ziem­lich genervt hat: pop ist hier zunächst mal pop-art. und sonst kaum etwas. selbst die eigent­li­che pop-musik kommt erst spä­ter zu wort. von der pop­li­te­ra­tur (wel­cher auch immer) ganz zu schwei­gen, die fällt mal ein­fach so kom­plett unter den tisch… rudolf zwir­ners auf­satz „pop art in den usa“ ist denn auch ein total­aus­fall, falls man sich davon irgend eine ant­wort auf die fra­ge „was ist pop?“ erhoff­te. hier gibt es nur einen kur­zen, sub­jek­ti­ven abriss der pop-art eines zeit­ge­nos­sen. neben der pop-art noch sehr domi­nant in den meis­ten tex­ten: das krei­sen um die (un-)möglichkeit der unter­schei­dung zwi­schen „hoher“ und „nie­de­rer“ kunst (wobei pop natür­lich, ganz umstands­los und reflek­ti­ons­frei, der letz­te­ren zuge­ord­net wird).

so, wei­ter geht es mit boris groys und dem „pop-geschmack“. den ver­or­tet groys im gespür und inter­es­se für die zahl: dem pop­per gefällt, was vie­len gefällt… ist auf den ers­ten blick viel­leicht ein­leuch­tend, aber dann ins­ge­samt doch irgend­wie blöd und falsch. denn für solch einen pop-geschmack gibt es ja nur noch main­stream. und alles, was nicht main­stream ist, wäre dann kein ech­ter, rich­ti­ger, guter, … pop. nun ja, da bin ich bes­se­res von groys gewohnt. immer­hin gibt es ein paar licht­bli­cke. ein paar rich­ti­ge ein­bli­cke. z.bsp., wenn er beob­ach­tet: „in die­sem sin­ne ist der pop-geschmack eine fort­set­zung, eine fort­schrei­bung des avant­gar­dis­ti­schen geschma­ckes. der pop-geschmack kon­sti­tu­iert sich näm­lich dad­urt, dass er den kom­men­tar, d.h. die wor­te, durch zah­len ersetzt.“ (101) „die pop-sen­si­bi­li­tät ist näm­lich so kon­stru­iert, dass ihr trä­ger im pri­mä­ren akt der wahr­neh­mung eines kunst­werks die zah­len sei­ner ver­brei­tung mit wahr­nimmt, mit­fühlt, mit­denkt.“ (101f.) beim lesen die­ser pas­sa­gen kom­men mir dann doch zwei­fel – mög­li­cher­wei­se hat groys doch so unrecht gar nicht (was aber frag­lich bleibt: sei­ne aus­schließ­li­che fun­die­rung des pop-geschmacks auf den zah­len – da spielt sicher noch mehr mit…). denn kurz dar­auf heißt es sehr rich­tig: „der pop-geschmack ist […] ein reflek­tier­ter geschmack – er nimmt nicht nur das kunst­werk, son­der auch sei­nen kon­text wahr und beur­teilt bei­de gleich­zei­tig.“ (102) – beim abtip­pen fällt mir gera­de doch noch etwas deut­lich posi­ti­ves an die­sem auf­satz und dem gan­zen band auf: pop wird ohne zwei­fel als kunst (an)erkannt. selbst das ist ja heu­te nicht selbst­ver­ständ­lich… aber wei­ter zu groys: die ver­bin­dungs­li­ni­en, die er zwi­schen avant­gar­de und pop zieht, geben zu den­ken. denn die kom­men­ta­ti­ve rezep­ti­on ist nur ein teil. bei­de ver­bin­det außer­dem der ver­lust der geschich­te und der mas­sen, sowie ein signi­fi­kan­ter orts­wech­sel: „als ort der pro­fes­sio­nel­len kunst fun­giert heu­te also nicht mehr das muse­um, son­dern die sta­tis­tik.“ (105) das pro­blem frei­lich bleibt: so wahr das an sich ist, groys über­treibt in der ver­ab­so­lu­tie­rung die­ses fak­tums. des­halb mischen sich auch immer wie­der selt­sa­me und fal­sche state­ments unter den text – ein bei­spiel: „der pop-kon­for­mis­mus ist dage­gen ein glo­bal­kon­for­mis­mus – er ori­en­tiert sich an glo­ba­len infor­ma­ti­ons­flüs­sen, die ihm die infor­ma­tio­nen dar­über ver­mit­teln, was für die gro­ßen mehr­hei­ten in der gro­ßen außen­welt als ange­sagt gilt.“ (108) so weit mal dazu, das kom­men­tie­re ich jetzt mal nicht weiter…

auf groys folgt ein kennt­nis­rei­cher auf­satz des musik­wis­sen­schaft­lers (vom ber­li­ner insti­tut für popu­lä­re musik) peter wicke: sound­tracks. pop­mu­sik und pop-dis­kurs. immer­hin einer, der gemerkt hat, dass der begriff „pop“ nicht von der pop-art erfun­den wur­de. enjott schnei­der erzählt dage­gen in mei­nen augen viel blöd­sinn, was die rol­le und den cha­rak­ter des films angeht – aber da ken­ne ich mich kaum noch aus … lorenz engell lie­fert dage­gen eine schlüs­si­gen, inter­es­san­ten bei­trag zum tv-pop, in dem er drei prin­zi­pi­en des fern­se­hens und des­sen ent­wick­lungs­über­gän­ge mit den phä­no­men des pop kurz­schließt und zu erklä­ren ver­sucht – ein ansatz, der durch­aus charme hat. michae­le krüt­zen führt das dann in einer detail­stu­die zu mtv und deren video-music-award, das tref­fen von madon­na, spears und agui­lera im zei­chen des pop und des events, des tv und sei­nen pseu­do-events sowie den pseu­do-events zwei­ter ord­nung fort. den abschluss schließ­lich macht ulf pos­ch­ardt, hier noch kein fdp-anhän­ger, der erstaun­lich tref­fend pop als „öffent­li­ches gesicht“ zu beob­ach­ten ver­sucht, als (mög­lich­keit der) iden­ti­täts­kon­sti­tu­ti­on, wie er sie in ers­ter linie anhand von pop-vide­os nach­weist. das gan­ze unter­nimmt er v.a. vor dem hin­ter­grund der vir­tu­el­len rea­li­tät der maschi­nen, des com­pu­ters, die zur visu­el­len fäl­schung des gesichts als zei­chen der iden­ti­tät führt. damit ist natür­lich ein pro­blem offen­sicht­lich: das ver­schwin­den der iden­ti­tät, das pop revi­die­ren soll­te, ist zugleich auch ein teil des pop – als reak­ti­on auf die­ses pro­blem. „iden­ti­tät bleibt so dog­ma­tisch, als sowie­so kon­stru­iert, in der mög­lich­keits­form haf­tend.“ (254). das ist zwar ein­leuch­tend und wahr­schein­lich auch rich­tig und wahr, erklärt aber immer noch nicht: „was ist pop?“ das fra­ge­zei­chen bleibt munter ….

klaviermusik aus argentinien

gut, es gibt den tan­go – der aber auch kei­ne genui­ne kla­vier­mu­sik ist. aber sonst? da kennt man eigent­lich nix wei­ter. vom kon­zert des main­zer pia­nis­ten oscar vet­re war auch mir vie­les nicht bekannt – was ja nichts über die qua­li­tät aussagt.

wer argen­ti­ni­en sagt, muss auch tan­go sagen. das geht ein­fach nicht anders. also muss­te oscar vet­re auch tan­gos mit in sein kon­zert argen­ti­ni­scher kla­vier­mu­sik auf­neh­men. er hat­te aber noch wesent­lich mehr zu bie­ten: viel musik aus dem spä­ten 19. jahr­hun­dert, als sich in argen­ti­ni­en eine eigen­stän­di­ge musik­kul­tur entwickelte.
euro­pä­isch geprägt blieb sie aller­dings noch eine wei­le – fast alle kom­po­nis­ten wur­den in frank­reich oder spa­ni­en aus­ge­bil­det. und so wun­dert es kaum, dass etwa alber­to wil­liams klei­ne kla­vier­stü­cke zwar argen­ti­ni­sche land­schaf­ten und melo­dien auf­grei­fen, im grun­de aber von frü­hen impres­sio­nis­ti­schen wer­ken aus frank­reich kaum zu unter­schei­den sind. oscar vet­re, in bue­nos aires gebo­ren und seit eini­gen jah­ren kla­vier­pro­fes­sor an der main­zer musik­hoch­schu­le, ist nicht nur bio­gra­phisch bes­tens vor­be­rei­tet für die­se musik. er ist zwar nur ein klei­ner mann, aber sei­ne kraft reicht alle­mal, das foy­er der lbs mit sei­ner gräß­li­chen akus­tik zum bers­ten zu brin­gen. die fens­ter­schei­ben hal­ten stand­haft den schall der atta­cken aus dem flü­gel im raum, das publi­kum wird vom kla­vier­klang umtost wie im zen­trum eines orkans. es geht aller­dings auch so man­ches mal wild zur sache in der argen­ti­ni­schen musik. juan joa­se cas­tros „toc­ca­ta“ war dafür ein ganz beson­ders deut­li­ches bei­spiel: aben­teu­er­lich und unge­bän­digt for­dert der kom­po­nist den pia­nis­ten zu einer unwahr­schein­li­chen expe­di­ti­on in die wild­nis her­aus. wild sind nicht nur die anfor­de­run­gen an die vir­tuo­si­tät, wild ist auch die klang­li­che expres­si­vi­tät, die auf­ge­wühl­te stim­mung. vet­re gibt sich aber auch alle mühe, die­se fast besin­nungs­lo­se getau­mel in aller schär­fe zu zei­gen: da ist selbst im absur­des­ten noten­ge­tüm­mel noch jeder ton klar und deut­lich, nichts über­sieht er und über nichts lässt er die zuhö­rer im ungewissen.
vetres chir­ur­gen­mes­ser des glas­kla­ren, ana­ly­ti­schen spiels, das sich in fas­zi­nie­ren­der wei­se mit der lei­den­schaft der musik ver­bin­det, machen dann auch die tan­gos zum genuss. natür­lich darf da astor piaz­zolla nicht feh­len. forsch stürzt sich der pia­nist auch in bekann­te stü­cke wie „sent­i­do úni­co“ oder „ver­ano por­teno“. am bes­ten zeigt sich sein drauf­gän­ge­ri­sches krafspiel bei alber­to ginas­te­ras „tres danz­as argen­ti­nas“, in denen sich moder­nis­men mit folk­lo­re­ein­flüs­sen ver­bin­den. die­se viel­schich­ti­ge musik gibt vet­re zum schluss noch ein­mal gele­gen­heit, die aus­drucks­pa­let­te ganz aus­zu­rei­zen und sei­ne befä­hi­gung zum uni­ver­sal­pia­nis­ten noch ein­mal zu bekräftigen.

das cello und die neue musik

wahr­schein­lich sind alle künst­ler auf der suche. viel­leicht nicht nach dem hei­li­gen gral, aber zumin­dest nach der idea­len aus­drucks­mög­lich­keit. musi­ker haben des­halb immer wie­der exo­tis­men für sich ent­deckt: die volks­mu­sik des eige­nen oder frem­der län­der zum bei­spiel. oder die ver­mi­schung von e- und u‑musik. heu­te ist es vor allem die klang­li­che kom­po­nen­te der musik, die vie­le kom­po­nis­ten reizt. doch auch wenn alle das sel­be machen, ist es noch lan­ge nicht das gleiche.der jun­ge wies­ba­de­ner cel­list jan-filip ?uba woll­ten in der alten patro­ne eigent­lich das zei­gen: wie kom­po­nis­ten mit frem­den ele­men­ten umge­hen. dazu hat er sich noch den kom­po­nis­ten fer­nan­dez bol­lo ein­ge­la­den, um ein wenig über die musik zu erzäh­len. demons­triert haben sie, dass im bes­ten fall jeder sei­ne urei­gens­te kom­po­si­ti­ons­wei­se hat. bernd alo­is zim­mer­mann etwa schrieb ganz ande­re musik als györ­gy ligeti.
zim­mer­manns sona­te für cel­lo reiht immer neue aus­schnit­te der wirk­lich­keit und der phan­ta­sie zu einem ver­such, mit der viel­falt der auf uns ein­stür­zen­den welt fer­tig zu wer­den, ohne die form ganz zu ver­lie­ren – ein ver­such, der heu­te noch bei jeder auf­füh­rung genau­so unge­wiss ist wie bei sei­ner ent­ste­hung vor fast 50 jah­ren. in der alten patro­ne bot jan-filip ?uba eine beei­dru­cken­de rea­li­sie­rung die­ser phan­tas­te­rei­en: tech­nisch unglaub­lich sicher navi­gier­te er durch die noten und fand immer wie­der genü­gend frei­raum, das auch klang­lich außer­or­dent­lich ein­neh­mend umzusetzen.
gegen so eine tour de force ist lige­tis sona­te fast harm­los. hier konn­te ?uba sei­ner roman­ti­schen ader frei­en lauf las­sen: mit viel volu­men und mäch­tig auf­quel­len­dem ton erober­te er die räu­me die­ses werks, flog rasant von einem extrem ins ande­re, von ver­hut­schen, schat­tig-mys­te­ri­ös gehauch­ten figu­ren zu auf­dring­lich extrem aus­buch­sta­bier­ten, quiet­schen­den und dröh­nen­den klang­fol­gen. dage­gen erschie­nen die für ?uba kom­po­nier­ten „anab­chro­nic­les“ von man­fred stahn­ke nur noch als ein wil­des samm­sel­su­ri­um von klang­far­ben­for­schun­gen, deren gestalt sich dem hörer nicht mit­teilt. dafür gibt es sehr ver­spiel­te ent­de­ckun­gen der klang­li­chen mög­lich­kei­ten des cel­lo mit natur­ton­rei­hen, blues­ele­men­ten und fingergetrommel.
noch ein­mal ganz anders: fer­nan­dez bol­los „solos“, vom kom­po­nis­ten als unspiel­ba­res stück geschrie­ben und von ?uba nach einem jahr tüf­telns zum klin­gen gebracht. im ewi­gen krei­sen die­ser hyper­vir­tuo­sen spie­le­rei um weni­ge moti­ve ändert sich vor allem eines: die klang­far­be. die wird per­ma­nent vom sat­ten wohl­klang zum gedämpft ange­zupf­ten zir­pen, vom elek­tro­nisch klin­gen­den schwir­ren zu lär­men­den klang­bal­lun­gen ver­formt. und zeigt damit, dass die suche nach dem klang an sich, der idea­len aus­drucks­form noch lan­ge nicht abge­schlos­sen ist.

berg und brahms sehnen sich nach irgendetwas

trau­er ist ein wesent­li­ches motiv für kom­po­nis­ten, fast so bedeu­tend wie die sehn­sucht – nach lie­be, nach einer bes­se­ren welt, nach dem voll­ende­ten kunst­werk. das war in der roman­tik so und ist auch im 20. jahr­hun­dert noch so gewe­sen. des­halb hat sich die sin­fo­ni­et­ta mainz zwei wer­ke auf das pro­gramm gesetzt, die genau das zei­gen sol­len: alban bergs vio­lin­kon­zert und die ers­te sin­fo­nie von johan­nes brahms. zwei kom­po­si­tio­nen also, die auf den ers­ten blick so gar nichts mit­ein­an­der gemein haben. und auch auf den zwei­ten blick lie­gen immer noch wel­ten zwi­schen ihnen. denn viel­mehr als eine dif­fu­se moti­va­ti­on der sehn­sucht ver­bin­det sie wirk­lich nicht.
alban berg hat mit sei­nem vio­lin­kon­zert einer­seits den auf­trag eines gei­gers erfüllt und ande­rer­seits die trau­er um den tod von manon gro­pi­us ver­ar­bei­tet. im kur­fürst­li­chen schloss inter­es­sier­ten sich micha­el mil­lard, der diri­gent der sin­fo­ni­et­ta, und die solis­tin son­ja star­ke aller­dings vor allem für den emo­tio­na­len aspekt. sie taten dies aller­dings auf eine bestechen­de wei­se. denn auch wenn sie das vio­lin­kon­zert zu einer besinn­li­chen gedenk­fei­er mach­ten, sie taten es mit geschmack und fein­ge­fühl. denn sie wur­den nie sen­ti­men­tal. im gegen­teil, gera­de son­ja star­ke zeig­te durch ihr schnür­kel­los kon­zen­trier­tes spiel, dass man nicht gefühls­du­se­lig wer­den muss, um emo­tio­nen zu zei­gen. gera­de durch ihren prä­zi­se tra­gen­den ton, ihr bewun­derns­wer­tes lega­to und ihre uner­schütt­li­che tech­ni­sche sicher­heit ermög­licht sie die ent­fal­tung der musik als wei­he­vol­le andacht, ohne sie mit sen­ti­ment zuzu­schüt­ten. die sin­fo­ni­et­ta unter­stütz­te sie dabei her­vor­ra­gend: mit hoher prä­zi­si­on und spür­ba­rem enga­ge­ment ließ sie sich von mil­lard durch die auch nicht ein­fa­che par­ti­tur führen.
nach der pau­se saßen dann zwar mehr oder weni­ger die sel­ben leu­te auf der büh­ne, aber es war lei­der ein völ­lig ande­res orches­ter. denn mit der ers­ten sin­fo­nie von brahms hat­ten weder die musi­ker noch ihre diri­gent beson­de­re for­tu­ne. mil­lard diri­gier­te tem­pi wie aus gum­mi­band, ent­spre­chend wenig ein­heit­lich wur­den die ein­zel­nen sät­ze. und es zeig­te sich: brahms mag zunächst harm­los wir­ken, aber unter der ober­flä­che ver­birgt sich den­noch eine immer wie­der fas­zi­nie­ren­de kom­ple­xi­tät. die konn­te man im schloss aller­dings höchs­tens erah­nen. denn mil­lard ver­moch­te es hier nicht, sein orches­ter zu einem klang­kör­per zu for­men. schwer und müh­se­lig erkämpf­ten sich die musi­ker ihren weg ins fina­le, wo sie es immer­hin ordent­lich kra­chen las­sen konn­ten. ech­te sehn­sucht klingt aber anders.

streichquartett ganz klassisch: mozart und beethoven

da ist mei­ner zei­tungs­kri­tik eigent­lich nix hinzuzufügen:

urück zu den wur­zeln zu gehen muss nicht unbe­dingt ein rück­schritt sein. ab und an müs­sen etwa auch die dozen­ten der vil­la musi­ca sich von den aus­ge­feil­ten extra­va­gan­ten kon­zept­pro­gram­men erho­len und zu den grund­la­gen zurück­keh­ren. zum bei­spiel zu mozart und beet­ho­ven. erho­lung ist in sol­chen fäl­len natür­lich rela­tiv – so rich­tig ent­span­nend ist das weder für die musi­ker noch für das publi­kum. dafür hat­te sich das streich­quar­tett der vil­la musi­ca viel zu anspruchs­vol­le wer­ke aus­ge­sucht: beet­ho­vens opus 127 und das b‑dur-quar­tett kv 589 von mozart – zwei spät­wer­ke, die sich an kom­ple­xi­tät und grö­ße wenig schenken.
und außer­dem spiel­ten die vier erwar­tungs­ge­mäß mit vol­len ernst und vor allem, was noch viel wich­ti­ger ist, mit gan­zem ein­satz und ihrem gesam­ten kön­nen. nicht uner­heb­lich ist natür­lich auch ihre erfah­rung. das zeig­te sich ganz neben­säch­lich am fast blin­den ver­trau­en der musi­ker: sie müs­sen sich kei­ne zei­chen geben, sie kön­nen ganz in ruhe und kon­zen­triert stets stur in ihre noten bli­cken – und trotz­dem unter­ein­an­der und mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren. musik, die so ein­ver­nehm­lich im gleich­klang gemacht wird schlägt ohne wei­te­res die brü­cke von podi­um ins publikum.
ein wesent­li­cher grund dafür ist ihre ehr­lich­keit: sie sind eben grund­so­li­de musi­ker. und sowohl die geschlos­sen­heit des ensem­bles als auch die schein­bar uner­schöpf­li­che kraft kom­pri­mie­ren beet­ho­vens streich­quar­tett hier zu einem aus­ge­spro­chen dich­ten klang­ge­we­be. neben­bei gelingt es ihen sogar noch, in die groß­di­men­sio­nier­ten anla­ge, die sie in vor­treff­li­cher klar­heit auf­schei­nen lie­ßen, auch den esprit. den witz die­ses wer­ke ganz selbst­ver­ständ­lich zu integrieren.
bei mozarts quar­tett ver­scho­ben sich die schwer­punk­te dann ein wenig: das klang­bild lös­te sich auf, schon durch die kom­po­si­to­ri­sche gestal­tung, aber auch durch die locke­re spiel­hal­tung des quar­tetts. dabei ver­zich­te­ten sie aller­dings kei­nes­wegs auf ihre unbe­ding­ten, kraft­vol­len impul­se: immer wie­der explo­dier­ten sie bei­na­he vor taten­drang. zwang­haf­te dis­zi­plin leg­ten sie hier eben­so wenig an den tag wie blo­ßes stre­ben nach tech­ni­scher per­fek­ti­on hör­bar stand viel­mehr das tönen­de gestal­ten einer oft aus­ge­spro­chen glut­voll geleb­ten klang­welt im vor­der­grund. ganz so, wie die­se musik ursprüng­lich gedacht war.

eislermaterial

end­lich habe ich es ein­mal geschafft, hei­ner goeb­bels eis­ler­ma­te­ri­al auch ein­mal live zu sehen – das ensem­ble modern und joseph bier­bich­ler sind ja erst acht jah­re mit der pro­duk­ti­on unter­wegs. und ihre cd (bei ecm erschie­nen) gehört schon lan­ge zu mei­nen liebs­ten und meistgespielten.

was mich unge­heu­er beein­druckt hat: wie stark die­se musik, mit­samt ihren mini­ma­lis­ti­schen sze­ni­schen ele­men­ten (der büh­nen­auf­bau vor allem mit der klei­nen, kaum erkenn­ba­ren eis­sler-sta­tu­et­te in der mit­te, die im zum zuschau­er­raum offe­nen u sit­zen­den musi­ker, weit ver­teil über die gan­ze büh­nen­rän­der, auf ein­fa­chen schwar­zen bän­ken, mit beson­ders ein­fa­chen noten­stän­dern, die wech­seln­den licht­stim­mun­gen – ganz unauf­dring­lich, aber eben, typisch für goeb­bels-pro­duk­tio­nen, stim­mig bis ins letz­te detail) immer noch auf mich wirkt, auch wenn ich sie eigent­lich schon tau­send­mal gehört habe und wirk­lich sehr gut kenne.

befrem­det hat mich ande­rer­seits, wie lus­tig das publi­kum war, an welch unpas­sen­den stel­len es zu teils ziem­lich hef­ti­gem geläch­ter kam – die eis­sler-lie­der sind in mei­nen augen eher tra­gi­sche zeug­nis­se als komisch. denn gera­de mit ihrer unbän­di­gen hoff­nung auf eine bes­se­re (arbeiter-)welt, ihren glau­ben an die mög­lich­keit einer revo­lu­ti­on, sind sie, kon­fron­tiert man sie mit der unver­än­dert bedrü­cken­den­den (glo­ba­len) wirk­lich­keit, eigent­lich tra­gisch: nach so vie­len jah­ren sind sie immer noch kein schnee von ges­tern, nicht ver­gan­gen­heit – etwas schlim­me­res kann ihnen, betrach­tet man sie von dem stand­punkt ihrer ent­ste­hung aus, eigent­lich gar nicht pas­sie­ren. lus­tig sind dabei für mich allen­falls tei­le der bei­den hör­mu­si­ken, die goeb­bels aus ton­band­kon­ser­ven von äuße­run­gen eis­slers zusam­men­ge­schnit­ten hat. die waren ton­tech­nisch aller­dings auch am wenigs­ten über­zeu­gend, sie fan­den kei­nen platz im raum des frank­fur­ter schau­spiels. die musik dage­gen ist live um län­gen bes­ser als die – eigent­lich auch nicht schlech­te – cd-ver­si­on. mit einem klei­nen man­ko: die stim­me von bier­bich­ler, elek­tro­nisch ver­stärkt, ist ziem­lich stark abge­ho­ben. aber das fügt sich nach weni­gen minu­ten auch. die musik an sich ist vor allem um ein viel­fa­ches plas­ti­scher und durch­hör­ba­rer. die sam­pler-spur bei­spiels­wei­se ist durch­weg erheb­lich deut­li­cher wahr­zu­neh­men als auf der auf­nah­me. auch sonst ist die gro­ße räum­lich­keit, die weit aus­ein­an­der­ge­zo­ge­nen musi­ker – es sind ja nur 15 leu­te, die über rund um die nicht gera­de klei­ne büh­ne ver­teilt sind – live natür­lich erheb­lich dras­ti­scher und ein­drück­li­cher zu erleben.

die hohe kraft die­ser musik auf mein gemüt hat aber vor allem eine quel­le: joseph bier­bich­ler. ihn als sän­ger zu nut­zen war ein­deu­tig ein genie­streich hei­ner goeb­bels. denn gera­de sei­ne etwas zitt­ri­ge stim­me, sei­ne klei­nen unsi­cher­hei­ten – etwa sein nicht gera­de sel­te­nes leich­tes vor­an­ei­len – ver­lei­hen dem gan­zen eine fas­zi­nie­ren­de, unge­heu­re authen­ti­zi­tät. wie er am ende der wie­gen­lie­der für arbei­ter­müt­ter die letz­ten wör­ter spre­chend leicht nach oben zieht und so das gan­ze gleich immer wie­der in zwei­fel zieht, das ist ein­fach wahn­sinn: so viel wir­kung mit so wenig auf­wand, so prä­zi­se gesetzt. dane­ben sind es aber auch, das ist mir hier beson­ders deut­lich gewor­den, die fan­tas­ti­schen arran­ge­ments goeb­bels, die dem gan­zen nicht nur eine musi­ka­li­sche geschlos­sen­heit, son­dern auch über­zeu­gungs­kraft und emo­tio­na­li­tät ver­lei­hen. also ein­fach ein wahn­sin­nig gutes kunstwerk.

ja ja, diese jugend …

was machen wir bloß mit der …, wohin soll die ewig par­ty und das stän­di­ge abhän­gen nur füh­ren? das muss doch end­lich – und zwar ganz gewal­tig bald – im tota­len absturz, im end­gül­ti­gen nie­der­gang und cha­os deutsch­lands enden. joa­chim lott­mann schlägt sich damit ja immer wie­der ger­ne rum: die jugend von heu­te. ihr zustand, ihre plä­ne, ihr beneh­men, ihre orte, ihre musik, ihre was-auch-immer… las­sen ihn auch im mitt­ler­wei­le recht fort­ge­schrit­te­nen alter nicht los. das ist immer etwas erklä­rungs­be­dürf­tig, und das weiß lott­mann auch sehr genau. nur kann oder will er es nicht recht klar machen, war­um sein erzäh­ler immer noch den jun­gen leu­ten hin­ter­her­he­chelt, in ihnen immer noch die erlö­ser vom all­tag sucht.das gilt natür­lich für kein text weni­ger als für „die jugend von heute“mischung aus rai­nald goetz auf der einen und ben­ja­min lebert sowie stuck­rad-bar­re auf der ande­ren sei­te. nur eben bei wei­tem nicht so kon­se­quent wie goetz (auch lan­ge nicht so fähig zur ana­ly­se), aber lei­der auch nicht so leicht und harm­los wie die ande­ren pseu­do-pop­per. des­halb bleibt das weit­ge­hend indif­fe­rent und nichts­sa­gend – egal, von wel­chem blick­win­kel aus man das büch­lein betrachtet.

vor allem aber ist es eine fund­gru­be für lust­bar­kei­ten und schö­ne aus­sprü­che, die ich zwar gera­de abge­tippt hat­te, die mir word­press aber jetzt geklaut hat und die des­halb hier nicht mehr ste­hen. über­ig geblie­ben ist nur:

  • „unser kul­tur, also die jugend­kul­tur, war erkennt­nis­im­mun.“ (81)
  • „die­se gan­ze musik­in­dus­trie war für kin­der gemacht, für men­schen zumin­dest, die noch nie­mals vom baum der erkennt­nis genascht hat­ten und es auch nie tun würden.“

jolo (wie der autor sei­nen stell­ver­tre­ter, die erzäh­ler­fi­gur im buch nennt) wür­de sich wahr­schein­lich krumm und sche­ckig lachen über all die, die die­sen text auf irgend eine art und wei­se ernst neh­men… – vor sati­re- und iro­nie­merk­ma­len wim­melt es ja nur so im text…

man könn­te ihn natür­lich einen bor­der­line-jour­na­lis­ten nen­nen, aber das wäre blöd­sinn. denn damit wür­de man lott­mann natür­lich voll­kom­men miss­ver­ste­hen – was lott­mann wie­der­um freu­en wür­de, denn genau dar­auf spe­ku­liert er ja, dar­auf legt er es an. es geht natür­lich um etwas ande­res: wahr­heit – was ist das? eine über­flüs­si­ge, ana­chro­nis­ti­sche, in die irre füh­ren­de idee, deren haupt­man­gel es natur­ge­mäß ist, dass sie mit der wirk­lich­keit nicht zuran­de kommt, nichts mit dem erle­ben des lebens, dem „wah­ren“ leben also (ha, was für ein witz…) ein­fach kei­ne ver­bin­dung mehr ein­ge­hen kann. bzw. mög­li­cher­wei­se eh‘ nie konn­te… er selbst for­mu­liert das dann so: „Die Jugend von heu­te hat einen erwei­ter­ten Wirk­lich­keits­be­griff. […] Mei­nen. Sie glau­ben an nichts mehr, also an alles. Sie unter­schei­den nicht zwi­schen wahr und unwahr oder gut und böse. Sie däm­mern einem offe­nen Zukunfts­feld ent­ge­gen. Wo ande­re noch eine Schä­del­de­cke haben, hat die Jugend von heu­te eine weit offe­ne Tür. So ein cra­zy Lott­mann-Text kommt da gera­de recht.“
(aus der taz, wo holm frie­be, der als chef­den­ker der zen­tra­len intel­li­genz-agen­tur auch mehr­fach im text auf­taucht, dann dazu meint: „Alles Teil der Lottmann’schen Verschleierungstaktik.“)

das pro­blem mit lott­mann ist halt nur, dass er damit über­haupt nicht weit kommt. ihm fehlt ein­fach nicht nur die ana­ly­ti­sche schär­fe, son­dern auch die gestal­te­ri­sche kraft, die fähig­keit des for­mes unter ästhe­ti­schen gesichts­punk­ten – da hat ihm halt ein autor wie rai­nald goetz (übri­gens in bei­den kate­go­rien) eini­ges vor­aus … er selbst sieht das (vgl. taz-bericht) nicht als nach­teil: als „eth­no­lo­ge“ schrei­be er eben nur auf, ohne wer­tung. das ist frei­lich schon wie­der blöd­sinn, denn etwas auf­schrei­ben ohne wer­tung – wie soll das denn gehen? er hät­te halt bes­ser mal bei hubert fich­te nach­le­sen sol­len, wie so etwas aus­se­hen und (sogar unter ver­schie­de­nen gesichts­punk­ten) funk­tio­nie­ren kann. olaf kar­nik bewun­dert das dann: „sein umher­schwei­fen­des Schrei­ben, sei­ne unver­fro­re­ne Auf­zeich­nung bana­ler All­tags­be­ob­ach­tun­gen, moti­viert von kecker Selbst­er­mäch­ti­gung.“ aber das sind auch wie­der nur lee­re hül­sen: was ist an der auf­zeich­nung, die natür­lich über­haupt kei­ne rei­ne auf­zeich­nung ist, so unver­fro­ren? und was ist an der selbst­er­mäch­ti­gung (mal abge­se­hen davon, dass die wohl jeder autor auf­zu­wei­sen hat…) so keck? immer­hin ist das noch tref­fen­der als die behaup­tun­gen auf sin​gle​-gene​ra​ti​on​.de. „Mit sei­nem neu­en Buch wird er zum Avant­gar­dis­ten des Anti-Pop.“ steht da – aber stimmt das? nein, denn er bleibt natür­lich pop. nur ist der pop halt nicht mehr der der 80er – das kann man bedau­ern oder fei­ern, aber es ist halt ein­fach so…

joa­chim lott­mann: die jugend von heu­te. köln: kie­pen­heur & witsch 2004.
eine web­sei­te zum buch gibt es auch, frei­lich fast ohne inhalt, dafür mit film­chen: www​.young​-kraut​.de

protestanten und ihr ‑ismus

sie müs­sen aus­ge­spro­chen gute lek­to­ren beim beck-ver­lag in mün­chen haben für die­se rei­he, die „wissen“-taschenbücher. die sind näm­lich immer aus­ge­spro­chen gut les­bar, für lai­en ver­ständ­lich, ohne des­halb flach zu sein. die­ser band (der pro­tes­tan­tis­mus von fried­rich wil­helm graf) ist dabei schon ver­gleichs­wei­se vor­aus­set­zungs­reich, und – um es gleich zu sagen – mir fehlt auch ein wenig der kern: da wird viel geschrie­ben über die äuße­re ent­wick­lung des pro­tes­tan­tis­mus, viel über die kul­tu­rel­le und poli­ti­sche sei­te, aber der eigent­lich nukle­us, die spe­zi­fi­sche form des glau­bens und der fröm­mig­keit, ist für mei­ne begrif­fe etwas kurz abge­han­delt – es kommt natür­lich vor und ist selbst­ver­ständ­lich ange­sichts der (hier auch gut dar­ge­stell­ten) viel­falt pro­tes­tan­ti­scher strö­mun­gen sicher eine schwie­ri­ge auf­ga­be, aber gera­de da hät­te ich mir ein biss­chen mehr infor­ma­ti­on gewünscht, die über die kon­sta­tie­rung des pro­blems hin­aus­geht: „alle aus­sa­gen über ein ‚wesen des pro­tes­tan­tis­mus‘ las­sen sich durch viel­fäl­ti­ge wider­stre­ben­de phä­no­men in ein­zel­nen pro­tes­tan­ti­schen lebens­wel­ten rela­ti­vie­ren“ – geschenkt, das ist bil­lig. das „pro­tes­tan­ti­sche“ als sol­ches, so sug­ge­riert schon der blick ins inhalts­ver­zeich­nis (und die lek­tü­re bestä­tigt das lei­der cum gra­no salis) inter­es­siert graf nur mehr am ran­de: wenn es um „die zukunft des pro­tes­tan­ti­schen“, so heißt das abschlie­ßen­de kapi­tel, geht.der pro­tes­tan­tis­mus scheint also, wenn man nur grafs dar­stel­lung vor augen hat, mehr ein kul­tur­phä­no­men als eine reli­giö­se erschei­nung zu sein. sein haupt­ka­pi­tel ist dann auch fol­ge­rich­tig so beti­telt: „pro­tes­tan­tis­mus und kul­tur“. hier ver­sucht graf, dem wesen des pro­tes­tan­tis­mus auf die spur zu kom­men. und eben mit den genann­ten schwie­rig­kei­ten. aber doch, um hier nicht nur blöd rum­zum­eckern, auch wie­der nicht ganz ver­ge­bens. auf­fal­lend ist aller­dings die sehr varia­bel kon­zi­se argu­men­ta­ti­on und fak­ten­dich­te: es gibt sei­ten, da reiht sich (direk­tes oder indi­rek­tes) zitat an zitat, da flie­gen die daten nur so um die köp­fe der leser. und es gibt sei­ten, da kommt graf auf ein­mal wie­der zu einer les­ba­ren dar­stel­lungs­form – scha­de, dass die vari­anz so arg groß ist.

die pro­tes­tan­ten und staat, bil­dung, indi­vi­du­um, inner­lich­keit – das sind sei­ne haupt­the­men. und das gan­ze vor­züg­lich an quel­len des 18. und 19. jahr­hun­derts dar­ge­stellt, von denen graf eine unüber­seh­ba­re men­ge zu ken­nen scheint. was das 20. jahr­hun­dert angeht, wird es aber ganz plötz­lich ganz dünn, über die zwan­zi­ger hin­aus gibt es kaum etwas, als hät­te sich das pro­blem bereits erle­digt, als wür­de kei­ner mehr dar­über nachdenken …

so kreist graf also eigent­lich immer wei­ter um ganz weni­ge the­men: die indi­vi­dua­li­sie­rung (v.a. des glau­bens, die aber nicht ohne fol­gen für das welt­li­che den­ken und leben blieb…) und das, was seit max weber die „pro­tes­tan­ti­sche ethik“ genannt wird, die bemü­hung um öko­no­mi­schen etc. erfolg im dies­seits als zei­chen eines from­men, gott­ge­fäl­li­gen lebens, die hand in hand geht mit der ent­wick­lung des bür­ger­li­chen leis­tungs­ethos: „die in allen pro­tes­tan­ti­schen lebens­wel­ten zu beob­ach­ten­de sym­bo­li­sche kom­mu­ni­ka­ti­on, in der inner­lich­keit reli­gi­ös insze­niert und refle­xiv gestei­gert wird, läßt sich des­halb auch als erfin­dung von indi­vi­dua­li­tät beschrei­ben.“ (73) – schon recht, aber ist das nicht ein wenig ein­sei­tig? spiel­ten da nicht – auch – noch ande­re fak­to­ren eine rol­le? z.b. der tief­grei­fen­de wan­del der öko­no­mi­schen und poli­ti­schen ver­fas­sung der gesell­schaft seit dem mit­tel­al­ter? deren zuneh­men­de beschleu­ni­gung? das sind natür­lich alles fak­to­ren, die nie allei­ne betrach­tet wer­den kön­nen, immer in hef­tigs­ten inter­de­pen­den­zen ste­hen und die sache des­halb so höl­li­sche kom­pli­ziert machen… lus­ti­ger­wei­se (aber: eigent­lich ist das nicht so wahn­sin­nig lus­tig…) schreibt graf selbst zwei sät­ze wei­ter: „die auf­klä­rer und die libe­ra­len des 19. und 20. jahr­hun­derts fei­er­ten die refor­ma­ti­on des­halb als jene religiös …

zum steindamm, die erste

heu­te war ich zum ers­ten mal mit den leu­ten vom main­zer kanu­ver­ein unter­wegs, auf ihrer stan­dard­tour: den rhein hoch bis kurz hin­ter die auto­bahn­brü­cke, dort dann in den gins­hei­mer alt­rhein bis zu des­sem ende, dem soge­nann­ten stein­damm, wo immer ein paar spie­ler mit ihren minia­tur­boo­ten her­um­wu­seln, weil es beim ein­fluss des rheins in den alt­rhein eine klei­ne wel­le, je nach was­ser­stand wohl auch mit klei­ner wal­ze, gibt. heu­te war recht wenig was­ser, also rela­tiv harm­los – nur eben mit ordent­li­cher strö­mung. vom rhein aus hät­te man durch­aus auch mit mei­nem boot durch­fah­ren kön­nen, also recht unspek­ta­ku­lär. wir sind dann aller­dings nicht über den damm geklet­tert und den rhein mit dem fluss hin­un­ter, son­dern im alt­rhein­arm wie­der zurück­ge­fah­ren. eine sehr schö­ne, sehr ruhi­ge stre­cke. und das wet­ter war wun­der­bar: son­nig mit nur leich­ter bewöl­kung, wie­der viel zu warm für ende novem­ber… ich bin bar­fuss und mit kur­zer hose gefah­ren, was auf dem rück­weg frei­lich dann doch zunehmd etwas kalt wur­de, mei­ne füße waren sehr schön durch­ge­fro­ren. außer­dem habe ich fest­stel­len müs­sen, dass mir für sol­che fahr­ten noch etwas wesent­li­ches fehlt: eine boots­be­leuch­tung, eine rund­um­lam­pe wie sie immer­hin eini­ge der ande­ren (selbst­ge­baut aus taschen­lam­pen.…) auf ihr heck setz­ten. denn bis wir aus dem alt­rhein wie­der in den rhein kamen, war es tat­säch­lich schon fast ganz dun­kel – das ist so ganz ohne lam­pe dann ziem­lich ris­kant. die was­ser­po­li­zei ist zwar an uns vor­bei­ge­rauscht, hat aber nicht geme­ckert, dass wir immer­hin zwei von sechs boo­ten ohne beleuch­tung hat­ten… nun, auf die idee war ich bis­her auch noch gar nicht gekommen.

schiller, ach schiller

war­um hast du nur so lan­ge dra­men geschrie­ben? aber da muss man ja erst ein­mal drauf kom­men: schil­lers „räu­ber“ am stück und voll­stän­dig, von der „unter­drück­ten vor­re­de“ bis zum „dem mann kann gehol­fen wer­den“ sich gegen­sei­tig vor­le­sen. dani­el hat­te die idee und hat heu­te dazu neun leu­te in sei­nem wohn­zim­mer ver­sam­melt – und vor­züg­lich bewir­tet. um die schnö­den leib­li­chen begier­den brauch­ten wir uns also nicht küm­mern, son­dern konn­ten uns ganz dem hei­li­gen text von schil­lers ers­ten dra­ma zuwen­den. die idee, das ein­fach mal laut und mit ver­teil­ten rol­len zu lesen, ist ja schon ein wenig splee­nig – und natür­lich typisch für dani­el… beson­ders schön fand ich ja auch die idee der aus­lo­sung der rol­len, und zwar für jede sze­ne neu: so kam es gar nicht erst zu iden­ti­fi­ka­tio­nen, der abstand zum text blieb immer gewahrt und ermög­lich­te ihm gera­de dadurch eine beson­de­re eigen­stän­dig­keit. denn eigent­lich ist es nur eine schwund­form sei­ner eigent­lich gestalt, der auf­füh­rung auf der büh­ne. dafür aber voll­stän­dig, um kein wort gekürzt – und auch ent­spre­chend lang. mit eini­gen klei­nen pau­sen haben wir immer­hin so etwa sechs stun­den gebraucht – das macht im thea­ter ja kaum noch ein publi­kum heu­te mit. über­haupt ist es inter­es­sant und mir hier wie­der ein­mal sehr deut­lich gewor­den, wie sehr sich das zeit­ge­fühl um 1800 von dem heu­ti­gen unter­schie­den haben muss. inzwi­schen sind ja auch vie­le thea­ter dem dik­tat des kinos und sei­ner neun­zig­mi­nü­ti­gen stan­dard­län­ge für jedes the­ma gefolgt und for­dern die aus­dau­er des publi­kums, sich über meh­re­re stun­den zu kon­zen­trie­ren und sich so ganz und gar einer erfah­rung eines kunst­wer­kes, und zwar nur eines ein­zi­gen, nicht eines gan­zen rei­gens ver­schie­de­ner, hin­zu­ge­ben. das stück selbst ent­hüllt, wenn man es so stur und unver­dros­sen liest, durch­aus eini­ge unge­woll­te komik. vor allem dann näm­lich, wenn das hier manch­mal noch etwas über­schüs­si­ge, noch nicht so fein (wie es schil­ler spä­ter ver­stand) aus­ge­form­te pathos der rede mit dem zwang des vom-blatt-lesens kol­li­diert, wenn die hohen wor­te nur eine bei­läu­fi­ge stimm­li­che ver­kör­pe­rung efah­ren – dann offen­bart sich doch eini­ges an witz und humor. über­haupt hat mich erstaunt, wie frisch und leben­dig der text allein durch sei­ne sprach­li­che mate­ria­li­sa­ti­on noch heu­te, immer­hin mehr als zwei­hun­dert jah­re nach sei­ner nie­der­schrift, sein kann. gut, im fünf­ten akt wur­de es dann ab und an etwas holp­rig, die kon­zen­tra­ti­on ließ am trü­ben, ver­reg­ne­ten novem­ber­nach­mit­tag spür­bar nach – da konn­te auch der prompt ser­vier­te kaf­fee nicht mehr viel hel­fen. aber trotz­dem: das ist eine angeh­me erfah­rung gewe­sen. umso mehr, als ich zunächst durch­aus skep­tisch (wenn auch sofort wil­lens, das wag­nis aus­zu­pro­bie­ren) war, was die rea­li­sie­rung von dani­els plan anging und vor allem zwei­fel hat­te, ob der und gera­de die­ser text so etwas über­haupt sinn­voll zulässt. doch er lässt es nicht nur zu, es macht auch nicht nur spaß, son­dern för­dert auch gute ein­drü­cke (viel­leicht nicht so tief­ge­hend wie die einer wirk­lich guten insze­nie­rung), aber auf jeden fall blei­ben­de ein­drü­cke. und jetzt – womög­lich machen wir das noch öfter, viel­leicht aber doch mit ten­den­zi­ell kür­ze­ren texten.…

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