Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Kategorie: kritik Seite 3 von 15

händel war in arkadien – und ich auch (fast)

An Hän­del-Auf­füh­run­gen herrscht in die­sem Jahr, der 250. Wie­der­kehr sei­nes Todes, kein Man­gel. Aber lei­der sind nicht alle die­se Kon­zer­te so klug geplant und so sach­ver­stän­dig und enga­giert umge­setzt wie das, was die Vil­la Musi­ca im Ertha­ler Hof bot. Mit der Main­zer Gesangs­pro­fes­so­rin Clau­dia Eder und neun jun­gen Sän­ge­rin­nen und Sän­gern haben sie ein Pro­gramm ent­wi­ckelt, das etwas auch in die­sem Hän­del-Jahr recht sel­te­nes vor­führt: „Hän­del in Arkadien“.

Denn als der jun­ge Kom­po­nist vor drei­hun­dert Jah­ren eini­ge Zeit in Rom weil­te, war er rasch Teil der dor­ti­gen Kul­tur­sze­ne gewor­den, mit ihren Aka­de­mien und den Pri­vat­kon­zer­ten der Kar­di­nä­le und Adli­gen. Für die­se Ver­an­stal­tun­gen kom­po­nier­te er Solo­kan­ta­ten und Kam­mer­du­et­te, die sich immer wie­der mit dem Lie­bes­le­ben in Arka­di­en beschäf­tig­ten: Hän­del im träu­me­ri­schen Idyll der Schä­fer und Nym­phen also – kein oft zu hören­des Bild.

Und der Ertha­ler Hof mit sei­nem präch­ti­gen Saal und der inti­men Atmo­sphä­re war ein idea­ler Ort, die­se Musik und ihre Ent­ste­hung sowie ihre ers­te Auf­füh­run­gen wie­der frisch auf­le­ben zu las­sen. Ide­al war aber noch viel mehr: Die sorg­sam durch­dach­te Pro­gramm­ge­stal­tung, die klu­gen Ein­füh­run­gen von Karl Böh­mer – und nicht zuletzt immer wie­der die Musik selbst. Zum Bei­spiel die bei­den Coun­ter­te­nö­re Dimit­ry Ego­rov und Kyoung-Bae Choi, die die zu Hän­dels Zei­ten übli­chen Kas­tra­ten ersetz­ten: Zwei ganz ver­schie­de­ne Sän­ger, die bei­de das Publi­kum zu ver­zau­bern wussten.

Über­haupt war es ein Genuss, so vie­le unter­schied­li­che Stim­men an einem Abend zu belau­schen. Alle waren sie tech­nisch – auch in den anspruchs­vol­len Par­tien – sicher, aber immer mit eige­nem Cha­rak­ter. Elvi­ra Hasa­na­gic sang die Kan­ta­te „La Lucre­zia“ etwa mit gro­ßem Dra­ma und viel inne­rer, ganz aus Text und Musik ent­wi­ckel­ter Span­nung. Eher ver­hal­ten blieb dage­gen Maria Piz­zu­to in der Kan­ta­te „La bian­ca rosa“, wäh­rend Kirs­ty Swift den Auf­ruhr und die krie­ge­ri­sche Stim­mung von „Ment­re tut­to è in furo­re“ mit ech­tem Furor und siche­rer Stimm­be­herr­schung vortrug.

Aber alle ein­te das ver­lo­cken­de Bemü­hen, die Zuhö­rer hin­ein­zu­zie­hen in die Musik­pra­xis frü­he­rer Zei­ten. Die­se sub­ti­le Ver­füh­rung betrie­ben dabei nicht nur die jun­gen Sän­ge­rin­nen und Sän­ger, son­dern auch die bei­den Instru­men­ta­lis­ten: Der vor­treff­li­che und gewitz­te Cem­ba­list Chris­ti­an Rie­ger und der uner­schüt­ter­li­che Michail Ury­vaev am Cel­lo, die den Bas­so con­ti­nuo nicht nur infor­miert, son­dern auch sehr inspi­riert umsetz­ten. Das alles zusam­men ergab dann fast so etwas wie ein idea­les Kon­zert: Ein arka­di­scher Genuss eben.
(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung)

harte männer ganz sanft: rammsteins „engel“ a‑cappella

Mutig ist es, was der Bos­se-Ver­lag macht: Sei­ne neue Rei­he „Bos­se Hits a‑cappella“ gleich mit Ramm­steins „Engel“ zu eröff­nen. Denn vie­len ist Ramm­stein in Deutsch­land (im Aus­land übri­gens im Grun­de gar nicht) immer noch ein Ärger­nis. „Engel“ ist aber sicher­lich eines der unver­fäng­lichs­ten Lie­der. Und zugleich einer der gro­ßen Erfol­ge der umstrit­te­nen Band, der Durch­bruch in die grö­ße­re Öffent­lich­keit vor über zehn Jahren.

Was der Bos­se-Ver­lag nun vor­legt, ist aber nicht so sehr eine a‑cap­pel­la-Ver­si­on des Ramm­stein-Songs, son­dern eine noch ein­mal bear­bei­te­te Ver­si­on – für gemisch­ten Chor sowie Frauenchor/​Männerchor – des May­be­bop-Arran­ge­ments. Und das Quar­tett ver­kehrt die „Neue Deut­sche Här­te“ des Ori­gi­nals ins ziem­lich genau Gegen­teil – eine wei­che, schmu­si­ge Bal­la­de haben sie dar­aus gemacht. Mit einem recht raf­fi­nier­ten, sehr öko­no­mi­schen Arran­ge­ment. Das fin­det sich auch in den vor­lie­gen­den Sät­zen so wie­der – die hal­ten sich näm­lich sehr genau ans May­be­bop-Ori­gi­nal, nur mini­ma­le Anpas­sun­gen an die ver­schie­de­nen Beset­zun­gen hat Oli­ver Gies noch vorgenommen.

Ein schö­nes Bei­spiel ist die­ser Satz zugleich, wie sehr eine Bear­bei­tung den Cha­rak­ter eines Stü­ckes ver­än­dern kann: Die Noten „stim­men“ eigent­lich noch ziem­lich genau mit der Musik von Ramm­stein über­ein. Aber die Reduk­ti­on auf vier mensch­li­che Stim­men und die Ver­än­de­rung der Struk­tur tun eini­ges, dem Engels­lied jede Här­te zu neh­men – damit aber auch viel von sei­nem eigent­li­chen Reiz. Jeden­falls ist es ein gut sing­ba­res Arran­ge­ment, das zwar tech­nisch schon ver­sier­te Sän­ger for­dert (etwa beim Zwi­schen­spiel in klas­si­scher Imi­ta­ti­ons­tech­nik, eine ech­te May­be­bop-Zutat und ‑Spe­zia­li­tät), sonst aber zurück­hal­tend bleibt. Und es lässt den Inter­pre­ten wie­der­um eini­gen Raum – man muss das nicht unbe­dingt so wie May­be­bop sin­gen. Dass ist das gro­ße Plus die­ser Aus­ga­be und ihre Auf­ga­be an Chö­re und Ensem­bles: Einen eige­nen Weg zwi­schen Ramm­stein und May­be­bop zu finden.

Ramm­stein: Engel. Arran­ge­ment: Maybebop/​Oliver Gies. Gus­tav Bos­se Ver­lag 2008. (Bos­se Hits a cap­pel­la, hrsg. von Ste­fan Kal­mer). Gemisch­ter Chor: BE 721, Frau­en­chor: Be 722, Män­ner­chor: BE 723. 7 Sei­ten, 3,50 Euro.

(geschrie­ben für die neue chorzeit)

power und einfühlungsvermögen: händels oratorien im querschnitt

Nicht alle Hän­del-Ein­spie­lun­gen, die jetzt erschei­nen, ver­dan­ken ihre Ent­ste­hung dem Jubi­lä­um des Kom­po­nis­ten. Der Maul­bron­ner Kam­mer­chor und sein Lei­ter Jür­gen Bud­day etwa beschäf­ti­gen sich schon län­ger und sehr erfolg­reich mit den gro­ßen Ora­to­ri­en des Meis­ters. Und seit zehn Jah­ren wer­den ihre Auf­füh­run­gen von K&K mit­ge­schnit­ten. Aus die­sem reich­hal­ti­gen Mate­ri­al hat das Label nun, zur Fei­er des dop­pel­ten Jubi­lä­ums sozu­sa­gen, eine Aus­wahl unter dem Titel „The Power of Hän­del“ zusam­men­ge­stellt. Die etwas rei­ße­ri­sche Ver­mark­tung ver­zeiht man ger­ne – denn „out­stan­ding“ sind sie wirk­lich, die­se aus­ge­wähl­ten Soli und Chö­re. Und „Power of Hän­del“ heißt das gan­ze Unter­neh­men zu recht. Denn was immer wie­der sofort auf­fällt, ist die immense Kraft, die Bud­day und sei­ne Mit­strei­ter in der Musik zum Leben erwe­cken. Das liegt bei­lei­be nicht nur an den fast durch­weg zügig bis rasan­ten Tem­pi. Eine Freu­de ist es aber schon, zu hören, wie prä­zi­se der Maul­bron­ner Kam­mer­chor auch bei hohem Tem­po bleibt, wie rasch die Sän­ger – immer­hin kei­ne Pro­fis! – reagie­ren und wie wen­dig sie in Klang und Aus­druck bleiben.

Klar­heit, Prä­gnanz und poin­tier­te Aus­drucks­stär­ke gehen eine aus­ge­spro­chen frucht­ba­re Alli­anz ein. Und dass hier federnd und sprit­zig gesun­gen wird – mit Freu­de und Esprit aller Betei­lig­ten – das hört man eben in fast jedem Moment. Und man hört es ger­ne, zumal auch die Auf­nah­me atmo­sphä­risch gelun­gen ist.

The Power of Hän­del. Best of his glo­rious Ora­to­ri­os. Solis­ten, Maul­bron­ner Kam­mer­chor, Jür­gen Bud­day. KuK 44, 2008.

(geschrie­ben für die neue chorzeit)

schönheit in groß: mendelssohn bartholdys elias

Die gro­ße Büh­ne der Phö­nix­hal­le ist voll gefüllt. Dicht an dicht ste­hen und sit­zen die Stu­den­ten in Chor und Orches­ter des Col­le­gi­um Musi­cums der Uni­ver­si­tät. Denn Felix Men­dels­sohn Bar­thol­dy ver­langt vol­len Ein­satz und gro­ße Mas­sen für sein Ora­to­ri­um „Eli­as“. Und obwohl die Zahl der Mit­wir­ken­den hier noch lan­ge nicht an die der Urauf­füh­rung her­an­reicht, kommt der „Eli­as“ in die­sem Semes­ter-Abschluss­kon­zert ziem­lich groß­ar­tig und mäch­tig daher. Das hin­dert den Diri­gen­ten Jos­hard Daus aber über­haupt nicht dar­an, auch den Details aus­rei­chend Auf­merk­sam­keit zu schenken.
Die­ser „Eli­as“ ist also schön, über wei­te Stre­cken sogar wun­der­schön. Aber er ist ein­fach nur schön. Das ist zwar eigent­lich groß­ar­tig. Und auch über­haupt kei­ne ein­fa­che Leis­tung. Dass aber den­noch etwas fehlt, merkt man an eini­gen Stel­len. Etwa an den Soli von Ulf Bäst­lein, der geschmei­dig und voll­tö­nend einen wun­der­bar emo­tio­na­len Eli­as gibt, der durch­aus auch mal am feh­len­den Glau­ben sei­nes Vol­kes ver­zwei­feln kann. Oder auch an der ele­gan­ten Leich­tig­keit der Engels­mu­sik von Fionnu­a­la McCar­thy. Das ist näm­lich genau die Tren­nungs­li­nie zwi­schen den Solis­ten (außer­dem noch die soli­de Altis­tin Clau­dia Rüg­ge­berg und der etwas ver­wa­schen klin­gen­de Tenor Julio Fernán­dez) und den Ensem­bles, vor allem dem Chor: Daus küm­mert sich nicht beson­ders um die reli­giö­sen Inhal­te. Ihm scheint es im Gegen­satz zu sei­nen Solis­ten vor allem um die rei­ne Musik zu gehen, ihre klang­li­che Gestalt führt er immer wie­der auf Hoch­glanz poliert vor.
Das kann Daus aus­ge­zeich­net. Und auch deli­ka­te Stim­mun­gen evo­zie­ren. Aber was ihm weni­ger gelingt, das ist die wei­ter umfas­sen­de Span­nung, die Dra­ma­tur­gie des gesam­ten Ora­to­ri­ums. Zwar bemüht er sich um zügig-flie­ßen­de Tem­pi und dich­te Anschlüs­se der ein­zel­nen Sät­ze und Num­mern, ver­passt dabei aber immer wie­der eigent­li­che Höhe­punk­te. Dort, wo die Musik klein und leicht, detail­reich und schwe­bend sein kann und soll, dort hat er sei­ne größ­ten Stär­ken. Er lässt sei­ne Musi­ker zwar immer wie­der Anlauf neh­men für den nächs­ten Span­nungs­gip­fel – aber die letz­ten Meter ver­wei­gert er ihnen dann gerne.
Kei­nen Abbruch tut das dem Enga­ge­ment und der Leis­tung der Stu­den­ten. Vor allem der Chor zeigt sich wie­der ein­mal als Wachs in den Hän­den Daus’. Weich und geschmei­dig, kom­pakt und erstaun­lich beweg­lich folgt er ihm sehr bereit­wil­lig für zwei Stun­den gro­ße und rei­ne Musik
(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung)

erinnerung im dom

Wann fängt Krieg an? Und wann hört er eigent­lich auf? Das waren eini­ge der zen­tra­len Fra­gen der Ver­an­stal­tung im Dom zum Tag des Geden­kens an die Opfer des Natio­nal­so­zia­lis­mus. Dom­or­ga­nist Albert Schön­ber­ger und Peter-Otto Ull­rich hat­ten dafür mit einer gro­ßen Zahl Mit­strei­ter Tex­te aus Ver­gan­gen­heit und Gegen­wart zu einem breit gefä­cher­ten Pas­tic­cio zusammengestellt.
Bemüht um Gerech­tig­keit und Aus­ge­gli­chen­heit kom­men sowohl die Opfer- als auch Täter­sei­te immer wie­der zu Wort. Ein beson­de­rer Fokus liegt aber auf der Erin­ne­rung und Ver­ar­bei­tung der Ver­bre­chen der Über­le­ben­den und Nach­ge­bo­re­nen. Und immer wie­der geht es um Fra­gen, wann eigent­lich Krieg war. Bei dem Über­fall Polens, oder doch schon vor­her? Bei der Macht­er­grei­fung oder noch frü­her? Und vor allem: Wann ende­te der Krieg? Wenn alles ver­ge­ben und ver­ges­sen ist? Mit Ant­wor­ten haben die Text­su­cher sich aber sehr behut­sam zurück­ge­hal­ten. Die Ten­denz frei­lich wird klar: Krieg ist solan­ge wir ihn spü­ren. Und das ist heu­te immer noch. Dafür gibt es in der Lite­ra­tur und Geschich­te eine Men­ge Geschrie­be­nes. Zum Bei­spiel in den Gedich­ten von Wis­la­wa Szym­borska oder bei Chris­ta Wolff, bei Manès Sper­ber, bei Sebas­ti­an Haff­ner oder bei Saul Friedländer.
Albert Schön­ber­ger hat dazu ein wenig Musik bei­gesteu­ert, die er mit eini­gen Mit­glie­dern des Main­zer Kam­mer­or­ches­ter und Alex­an­der Nie­hues an der der Orgel zwi­schen und an eini­gen aus­ge­such­ten Stel­len auch wäh­rend der Text­re­zi­ta­tio­nen erklin­gen ließ. Das war sehr gefühl­voll, jedoch nicht sen­ti­men­tal, in hohem Gra­de ein­fühl­sam, aber nicht auf­dring­lich. Denn was Schön­ber­ger hier­für geschrie­ben hat, bleibt immer sehr schlich­te, zurück­ge­nom­me­ne Musik, die sich nie auf­drängt oder in den Vor­der­grund spielt, son­dern mit Chor­al­mo­ti­ven, Anspie­lun­gen und auch grö­ßer aus­ge­ar­bei­te­ten Choral­be­ar­bei­tun­gen die Tex­te ergän­zen und ver­tie­fen will und kann. Natür­lich nutzt das auch den Klang des Rau­mes in bewähr­ter Wei­se mit. Schließ­lich war das gan­ze Pro­jekt ja auch „Sta­tio­nen­gang mit Musik“ über­schrie­ben. Dazu zähl­ten auch die ergän­zen­den Pro­jek­tio­nen von Figu­ren­de­tails aus dem rei­chen Ange­bot des Domes.
Scha­de nur, dass kaum jemand sich die­sen Über­le­gun­gen aus­set­zen woll­te. Denn die weni­gen Zuhö­rer, die gekom­men waren, die­sen Tag als Anlass zum Nach­den­ken und Erin­nern zu neh­men, ver­lo­ren sich in den lee­ren Rei­hen des Domes sehr.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung).

was nicht drin steht: die sehr selt­sa­me gewich­tung teil­wei­se. die ers­ten opfer, die – auch sehr aus­führ­lich – zu wort kamen, waren von rus­si­schen sol­da­ten ver­ge­wal­tig­te frau­en. und die ver­trie­be­nen, die – so unge­fähr sinn­ge­mäß – ihre hei­mat opfer­ten für deutsch­land, die in der brd ihr leid zurück­stell­tent (!) um der inte­gra­ti­on wil­len. nun ja. dann gab es natür­lich noch die juden. und den ein­druck einer men­ge deut­scher gene­rä­le, die den krieg nicht woll­ten und schon vor­her wuss­ten, dass sie ihn ver­lie­ren wür­den. dum­mer­wei­se haben sie halt wei­ter­ge­kämpft. und ein­ge­fal­len ist es ihnen erst in kriegs­ge­fan­gen­schaft. nun ja.

jazz im klangraum: jazztage mainz, tag 1

Beim ers­ten Mal hät­te es noch Glück sein kön­nen, beim zwei­ten Mal kann der Erfolg der Jazz­ta­ge Mainz kein Zufall mehr sein. Acht Bands in zwei Tagen ist eine Men­ge Musik, aber im „Klang­raum“, wie die Orga­ni­sa­to­ren sich nen­nen, ist Platz für vie­les. Musi­ka­li­sche Gren­zen sind hier längst auf­ge­ho­ben. So war es auch bei­lei­be kein rei­nes Jazz-Fes­ti­val, der Pop nahm auch gehö­ri­gen Raum ein.
Den Anfang mach­te das sehr relax­te „Diet­helm Duo“. Mit der Beset­zung Fen­der Rho­des und Saxo­phon spiel­ten sie ange­nehm ent­spann­te Kom­po­si­tio­nen mit unüber­hör­ba­ren Wur­zeln im West-Coast-Cool-Jazz. Ihre fein gewo­be­nen, durch­aus mal psy­che­de­lisch ange­hauch­ten klar struk­tu­rier­ten Songs glei­chen dabei Aus­flü­ge in ver­träum­te Gegenden.
Das Quar­tett um den Gitar­ris­ten Dani­el Stel­ter, dass die Büh­ne danach erober­te, führ­te in ganz ande­re Regio­nen. Denn sie heiz­ten unbarm­her­zig ein, als wür­den sie schon ewig zusam­men spie­len. Dabei waren die Jazz­ta­ge ihr ers­ter Live-Auf­tritt über­haupt, bis­her spiel­ten sie nur im Stu­dio zusam­men. Uner­bitt­lich groov­ten sie mit allen Mit­teln und ent­pupp­ten sich dabei als ech­te Klang-Extre­mis­ten. Vom ers­ten Ton jedes neu­en Stü­ckes an ver­folg­ten sie die Eska­la­ti­on ihres kna­cki­gen Sounds mit enor­mer Kon­se­quenz. Die Rasanz, mit der die­se Mischung aus Jazz, Fusi­on und har­tem Rock von einem Extrem ins ande­re kippt, war beein­dru­ckend. Genau­so wie die Sicher­heit, mit der die vier jun­gen Musi­ker das mit vol­lem Kör­per­ein­satz vom wip­pen­den Fuß bis zur exal­tier­ten Mimik umsetzten.
Frau­Con­tra­Bass ver­hieß dann erst ein­mal wie­der kam­mer­mu­si­ka­li­sche Ent­span­nung. Aber von wegen: Auch das Duo von Sän­ge­rin Katha­ri­na Debus und Bas­sist Hanns Höhn ließ kaum Luft zum Aus­ru­hen. Dafür hat­ten ja auch die reich­lich dimen­sio­nier­ten Umbau­pau­sen genü­gend Gele­gen­heit gege­ben. Auf die Idee muss man frei­lich erst ein­mal kom­men, mit Bass und Gesang aus­ge­such­te Per­len der Pop­ge­schich­te neu zu inter­pre­tie­ren. Stevie Won­der hat die­se artis­ti­sche Duo genau­so auf dem Pro­gramm wie Micha­el Jack­son oder Brit­ney Spears. Und weil Debus eine sehr wand­lungs­fä­hi­ge Sän­ge­rin auch ohne Text ist und Höhn sei­nen Kon­tra­bass auch mal zum Schlag­zeug ver­wan­delt, funk­tio­nier­te das wunderbar.
Funk­tio­nie­ren trifft auch die Vor­ge­hens­wei­se von „Trance Groo­ve“ sehr genau. Die sie­ben Musi­ker um den Schlag­zeu­ger Ste­fan Krach­ten groo­ven mit scham­lo­sem Ekkle­ti­zis­mus und gna­den­lo­ser guten Lau­ne seit über fünf­zehn Jah­ren durch Jazz, Rock und Funk. Und sie klin­gen immer noch frisch und unver­braucht, vol­ler Ideen und vor allem Spon­ta­nei­tät und ech­ter Kraft – auch in der Show­büh­ne Mainz. Ein wirk­lich mit­rei­ßen­der und fet­zi­ger Abschluss des Abends – für die Jazz­ta­ge Mainz aller­dings gera­de ein­mal die Halb­zeit, denn auch der Sams­tag war ja wie­der vol­ler Musik.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung)

bachs h‑moll-messe in neuer ausgabe

War­um ver­tont der evan­ge­li­sche Kan­tor über­haupt in Deutsch­land die gro­ße katho­li­sche Mes­se? Woll­te Bach sei­ne Kol­le­gen mal zei­gen, wie man das richitg, nach allen Regeln der Kunst, macht? Dar­auf weiß auch Joshua Rif­kin kei­ne end­gül­ti­ge Antwort.
Doch kaum jemand hat die Dis­kus­si­on um die „rich­ti­ge“ Auf­füh­rung der Bach’schen Vokal­wer­ke in den letz­ten Jah­ren so befruch­tet wie der ame­ri­ka­ni­sche For­scher und Diri­gent. Also ist es auch voll­kom­men fol­ge­rich­tig, dass er eine neue kri­ti­sche Aus­ga­be der Mes­se ver­ant­wor­tet. Denn dass mit der Edi­ti­on der Neu­en Bach-Aus­ga­be noch nicht das letz­te Wort gespro­chen ist, war schon lan­ge klar.
Das wesent­li­che Pro­blem aller bis­he­ri­gen Aus­ga­ben ist näm­lich, dass sie gro­ße Tei­le von
Carl Phil­ipp Ema­nu­els Ergän­zun­gen und – gut­ge­mein­ten – Ver­bes­se­run­gen des Auto­gra­phes bei­be­hal­ten haben. Joshua Rif­kin war da nun um eini­ges genau­er und hat den Auto­graph noch ein­mal einer peni­blen kri­ti­schen Prü­fung unterzogen.
Das Ergeb­nis betrifft – auf unter­schied­li­che Wei­se – gro­ße Tei­le des Noten­tex­tes. Im Detail sind das eigent­lich immer nur Klei­nig­kei­ten, die auch nicht unbe­dingt dazu nöti­gen, die Mes­se kom­plett neu zu ver­ste­hen. Da aber auch vie­le Arti­ku­la­tio­nen, Phra­sie­run­gen und Vor­trags­be­zeich­nun­gen betrof­fen sind, geben sie in der Sum­me aller­dings doch die Mög­lich­keit, die h‑Moll-Mes­se auch inter­pre­ta­to­risch neu zu entdecken.
Das kla­re, über­sicht­li­che Noten­bild erlei­chert den Umgang und macht das Lesen in der Par­ti­tur auch optisch zum Ver­gnü­gen. Sehr schön ist außer­dem, dass Breit­kopf auch für die Käu­fer der Stu­di­en­par­ti­tur den Kri­ti­schen Bericht im Inter­net zum Down­load bereit­stellt. So kann jeder Leser die Ent­schei­dun­gen Rif­kins nachvollziehen.

Johann Sebas­ti­an Bach: Mes­se H‑Moll. BWV 232. Her­aus­ge­ge­ben von Joshua Rif­kin. Stu­di­en­par­ti­tur. Breit­kopf & Här­tel PB 5303.

(geschrie­ben für die neue chor­zeit, 1/​2009)

stark im glauben und in der musik: paulus im dom

Pau­lus-Jahr, Kom­po­nis­ten-Jubi­lä­um, Weih­nach­ten – Anläs­se gibt es mehr als genug, Felix Men­dels­son-Bar­thol­dy Ora­to­ri­um „Pau­lus“ jetzt auf­zu­füh­ren. Aber eigent­lich ist der bes­te Grund ja schon, die­ses gro­ße Werk über­haupt zum Klin­gen zu brin­gen. Vor allem, wenn man sich dar­auf so aus­ge­zeich­net ver­steht wie Dom­ka­pell­meis­ter Mathi­as Breit­schaft – dann braucht man wirk­lich kei­nen äuße­ren Anlass mehr. Die Erwar­tun­gen der vie­len Main­zer – selbst Steh­plät­ze waren schon knapp – wur­den im Dom also bestimmt nicht enttäuscht.
Von Anfang bis Ende, von der Stei­ni­gung des Ste­pha­nus über die Wand­lung des Sau­lus zum Pau­lus bis zum Abschied des Mär­ty­rers von sei­ner Gemein­de zeich­ne­te Breit­schaft mit den Dom­chö­ren und dem Main­zer Kam­mer­or­ches­ter eine inten­si­ve Klang­ge­schich­te des siche­ren Bestehens im Glau­ben. Der Haupt­ak­teur dabei war – wenig über­ra­schend an die­sem Ort – die Chö­re, also vor allem die Dom­kan­to­rei mit den ver­stär­ken­den Män­ner­stim­men des Dom­cho­res. Die gaben näm­lich den ent­schei­den­den Kick, berei­te­ten mit ihrer nach­drück­li­chen Prä­senz ein aus­ge­zeich­ne­tes Klangfundament.
Breit­schaft führ­te sei­ne Musi­ker in dra­ma­ti­scher Auf­la­dung genau und dis­zi­pli­niert, mit klar gezeich­ne­ten Struk­tu­ren und deut­li­chen Höhe­punk­ten in den wei­ten Bögen – so macht das rich­tig viel Freu­de. Und außer­dem gelang ihm noch etwas Beson­de­res: Zwei Chö­re schie­nen sich in den Keh­len der Sän­ger zu ver­ste­cken. So völ­lig ver­schie­de­nen klang das in den Chör­sät­zen einer­seits und den Cho­rä­len ande­rer­seits. Indem Breit­schaft die­sen Unter­schied aber so deut­lich mar­kier­te und gleich­zei­tig auch die Ver­bin­dung zwi­schen allen Tei­len des Wer­kes beson­ders stärk­te, erschien das nicht gera­de knap­pe Ora­to­ri­um hier wie aus einem Guss.
Das Solis­ten­quar­tett spiel­te oder sang dabei wun­der­bar mit, vor allem der kräf­ti­ge Sopran von Kaja Börd­ner und der stark aus­dif­fe­ren­zier­te Bari­ton Johan­nes Kös­ters als Paulus.
In der Ver­bin­dung mit den aus­ge­feil­ten Chor­pas­sa­gen und gera­de ihrer klang­li­chen Fes­tig­keit beton­te Breit­schaft damit ganz beson­ders die per­so­na­le, indi­vi­du­el­le Sei­te des Glau­ben, die Erfah­rung Got­tes. Die­se Gewiss­heit der reli­giö­sen Grund­la­ge macht das Pau­lus-Ora­to­ri­um so anrüh­rend – selbst Athe­is­ten muss so eine über­zeu­gen­de Dar­bie­tung zumin­dest Respekt entlocken.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung)

genies der klassik – bekannte und weniger bekannte

Genies waren sie egent­lich alle drei. Und doch hat nur Wolf­gang Ama­de­us Mozart geschafft, was Lou­is Spohr und Lui­gi Che­ru­bi­ni ver­wehrt blieb: Dau­er­haft im Bewusst­sein der Musik­lieb­ha­ber und auf den Kon­zert­po­di­en prä­sent zu sein. Sei­ne 29. Sin­fo­nie stand im vier­ten Sin­fo­nie­kon­zert des Thea­ters neben dem ein­zi­gen sin­fo­ni­schen Werk Che­ru­bi­nis, dass eher sel­ten zu hören ist. Auch Spohr ist wenn über­haupt mit Kam­mer­mu­sik zu hören – ganz bestimmt nicht mit sei­nem Con­cer­tan­te für zwei Vio­li­nen und Orches­ter. Denn wann sind schon zwei Vio­li­nis­ten von Rang bereit, sich gegen­sei­tig die Schau zu steh­len? Selbst Ingolf Tur­ban und Kol­ja Les­sing machen das nicht all­zu oft. Lei­der. Denn sie kön­nen es wahr­lich vor­treff­lich. Ihre per­fek­te, oft bei­na­he sym­bio­tisch schei­nen­de Ergän­zung in musi­ka­li­scher Hin­sicht demons­trier­ten sie im Staats­thea­ter schon vor dem ers­ten Ton – mit einer genau syn­chro­ni­sier­ten Ver­beu­gung. Und so fuh­ren sie dann auch fort. Klang­lich gelang ihnen der Spa­gat zwi­schen voll­kom­me­ner Über­ein­stim­mung und behar­ren­der Indi­vi­dua­li­tät erstaun­lich gut. Obwohl kei­ner der bei­den sei­ne eige­nen Qua­li­tä­ten ver­leug­ne­te, ergänz­ten sich Tur­bans deut­li­ches, prä­sen­tes Spiel und Les­sigs emo­tio­na­ler gefärb­te Klang­welt vor­züg­lich. Die Viel­falt der Ein­fäl­le, die immer neu­en Wen­dun­gen und nicht enden wol­len­der Mit­tei­lungs­drang Spohrs fan­den in den bei­den Solis­ten jeden­falls sehr ener­gi­sche, detail­ver­lieb­te und sorg­sa­me Fürsprecher.
Stark war auch das Enga­ge­ment Cathe­ri­ne Rück­wardts mit dem Phil­har­mo­ni­schen Staats­or­ches­ter für Che­ru­bi­nis D‑Dur-Sin­fo­nie. Die birgt von sich aus eini­ges dra­ma­ti­sches Poten­zi­al und vie­le Gele­gen­hei­ten zum effekt­vol­len Auf­trump­fen. In sol­cher Umge­bung bewähr­te sich die ruhi­ge Hand der Diri­gen­tin ganz beson­ders. Denn Rück­wardt ließ sich nicht von der wir­kungs­mäch­ti­gen Ober­flä­che ver­füh­ren, son­dern schau­te tie­fer. Und ent­deck­te da nicht nur zau­ber­haf­te klang­li­che Bil­der, son­dern auch ein gekonnt aus­ge­ar­bei­te musi­ka­li­sche Erzäh­lung. Die­se Musik wogt im Thea­ter ganz plas­tisch hin und her, zwit­schert und plät­schert, stürmt vor­an, schreckt auch zurück, prallt sogar auf Wider­stän­de und lässt sich den­noch trei­ben, – und das alles ist auch noch in klas­si­sche For­men ver­packt: Ein typisch klas­si­ches Genie­werk eben.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung)

st. petersburg und mainz

Der Zusam­men­prall zwei­er Kul­tu­ren gilt oft als ein Zei­chen von Unheil. Das muss aber nicht unbe­dingt so sein. Gera­de in der Musik haben sich immer wie­der gro­ße Ereig­nis­se aus dem Auf­ein­an­der­tref­fen voll­kom­men unter­schied­li­cher Sti­le und Musi­ker ereig­net. Das advent­li­che Chor­kon­zert im Dom war genau so ein Fall. Im Zen­trum stand zwar der St. Peters­bur­ger Kna­ben­chor. Aber die Main­zer lie­ßen es sich nicht neh­men, den Mäd­chen­chor wenigs­tens ein biss­chen sin­gen zu las­sen. Und das war eine groß­ar­ti­ge Idee. Denn einen gro­ßen Teil sei­ner Wir­kung und Ein­drück­lich­keit zog die­se Advents­mu­sik aus die­ser Kon­fron­ta­ti­on. Hier tra­ten zwei völ­lig ver­schie­de­ne Chor­tra­di­tio­nen ins Blick­feld, zwei ganz gegen­sätz­li­che Klangkulturen.
Den Anfang mach­te der Main­zer Mäd­chen­chor. Nicht viel war es, was sie san­gen. Aber es reich­te Kars­ten Storck, um das Niveau und die Qua­li­tät sei­nes Ensem­bles wie­der ein­mal plas­tisch bewusst zu machen. Egal, ob ver­träumt und sanft schwin­gend wie der Satz des Weih­nachts­lie­des „Maria durch ein Dorn­wald ging“ oder federnd zupa­ckend wie bei der aus­ge­wähl­ten Magni­fi­cat-Ver­to­nung: Immer bewie­sen sie vol­le Prä­senz, vor­bild­li­che Klar­heit und Ein­heit des Klang­kör­pers, der alle Struk­tu­ren klar erken­nen ließ.
Und dann der Wech­sel zu den rus­si­schen Jun­gen. Das war nicht nur ein ande­res Geschlecht, das war eine ganz ande­re Idee des Chor­klangs. Denn Trans­pa­renz und kom­po­si­to­ri­sche Struk­tu­ren waren jetzt über­haupt nicht mehr wich­tig. Jetzt ging es vor allem dar­um, den Raum mit Klang aus­zu­fül­len – ein Vor­ha­ben, das im Main­zer Dom zu sehr anre­gen­den Ergeb­nis­sen führte.
Alles war immer im Fluss, jeder Über­gang wur­de von Wla­di­mir Ptschol­kin so sorg­sam abge­fe­dert, dass er nahe­zu uner­kenn­bar wur­de. Es war eine schein­bar nie ver­sie­gen­de Fül­le wei­cher Klang­bil­der, die sie aus den Wer­ken vor­wie­gend rus­si­scher Kom­po­nis­ten her­aus­hol­ten. Und es war immer wie­der ver­blüf­fend, wie naht­los sie sich in den Raum schmieg­ten, wie die gar nicht so vie­len Kin­der und Jugend­li­che die Ener­gien flie­ßen lie­ßen. Einen Sie­ger gab es in die­sem Kon­zert natür­lich nicht, nur zwei völ­lig unter­schied­li­che klang­li­che Ergeb­nis­se. Aber schön waren beide.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung)

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