Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Schlagwort: pop Seite 6 von 7

Taglied 13.3.2012

Peter­Licht, Das Ende der Beschwer­den (bei Zeit Online im Rekor­der), lässt sich hier lei­der nicht ein­bin­den: klick. (die Musik zu Peter Slo­ter­di­jks „Du mußt dein Leben ändern“ …)

Taglied 13.2.2012

Als so etwas wie Peter-Gabri­el-Fan war ich von „Scratch My Back“ ziem­lich ange­tan. Da gibt es eine Men­ge wun­der­ba­rer Musik. Zum Bei­spiel das hier, My Body Is A Cage (im Ori­gi­nal von Arca­de Fire):

Peter Gabri­el ~ My Body is a Cage (Oxford Lon­don Temp­le Version)

Beim Kli­cken auf das und beim Abspie­len des von You­Tube ein­ge­bet­te­ten Vide­os wer­den (u. U. per­so­nen­be­zo­ge­ne) Daten wie die IP-Adres­se an You­Tube übertragen.

Überall nur Blau

Auch wenn der Ein­band ganz gelb ist: „Blue­screen“ von Mark Greif ist ein fan­tas­ti­sches Buch. Mir war Greif ja noch unbe­kannt – eine ech­te Lücke. Die Essays, die er „Ein Argu­ment vor sechs Hin­ter­grün­den“ unter­ti­tel­te und die in der – von Greif mit­her­aus­ge­ge­be­nen – Zeit­schrift n+1 erschie­nen sind, dre­hen sich um Erschei­nun­gen des moder­nen Lebens der Gegen­wart, um den sexu­el­le Fetisch der Jugend­lich­keit, um Über- und Unter­se­xua­li­se­rung, um You­Tube oder um die Geschich­te des Hip­Hop (einer der bes­ten Essays über­haupt: „Rap­pen ler­nen“, der aus­ge­hend von einer ganz per­sön­li­chen Erfah­rung einen brei­ten Abriss des Hip­Hops und sei­ner Bedeu­tun­gen entwickelt).

Die Ästhe­ti­sie­rung des gan­zen Lebens ist die zen­tra­le The­se Greifs. Aber dar­um spinnt sich ein wun­der­ba­rer Kos­mos der Beob­ach­tun­gen und Erklä­run­gen des All­tags der Gegen­wart und sei­ner media­len, ästhe­ti­schen und kul­tu­rel­len Erschei­nun­gen – so etwas wie eine Zeit­dia­gno­se in Schlag­lich­tern. Da geht es dann auch nicht mehr nur um die eigent­li­che Ästhe­ti­sie­rung, son­dern etwas all­ge­mei­ner um das Pro­blem der media­le Ver­mitt­lung unse­rer Erfah­run­gen und im Beson­de­ren um das Leben in Nar­ra­tio­nen: Greif sieht die Men­schen der Gegen­wart umstellt von Erzäh­lun­gen, die den Blick auf die „Wirk­lich­keit“ behin­dern. Da kann man frei­lich auch ande­rer Mei­nung sein: Die nar­ra­ti­ve und media­le Erfah­rung muss nicht unbe­dingt schlecht sein. Greif neigt sich da manch­mal etwas der kul­tur­pes­si­mis­ti­schen Sicht zu, die die media­le Ver­mitt­lung als Hin­der­nis ansieht, als Abkehr von einem – von Greif selbst durch­aus als sol­chen in sei­ner Pro­ble­ma­tik erkann­ten – idea­len Zustand der Unmittelbarkeit.

Aber Essays wie „Rap­pen ler­nen“ oder auch der „Hoch­som­mer der Sexkin­der“ sind trotz­dem gro­ße Kul­tur­kri­tik: Erklä­rend, aber durch­aus von einem Stand­punkt aus kri­tisch hin­ter­fra­gend, ohne bes­ser­wis­se­ri­schen Ges­tus des Alles­wis­sers und alle­ser­klä­rers aller­dings, der sowie­so schon weiß, was er von allem hält. In die­ser Hin­sicht sind das eben Essays im bes­ten Sin­ne: Ver­su­che, Erklä­run­gen zu fin­den – Erklä­run­gen z.B. für Phä­no­me­ne wie das Rea­li­ty-Fern­se­hen. Und davon aus­ge­hend immer die Über­le­gung: Was macht das mit uns? Wie ver­än­dert das uns, unse­re Hal­tung, unse­re Wahr­neh­mun­gen, unse­re Ein­stel­lun­gen, unser Ver­hält­nis zur Welt und zu unse­ren Mit­men­schen. In bes­ter Essay-Tra­di­ti­on nimmt Greif sich da als Zweif­ler und Sucher auch nicht zu sehr zurück, son­dern bleibt als Per­son, als Erle­ben­der und Fra­gen­stel­ler, immer prä­sent. Dass das außer­dem klar for­mu­liert, über­zeu­gend argu­men­tiert und luzi­de geschrie­ben ist, gehört unbe­dingt zum posi­ti­ven Ein­druck die­ses emp­feh­lens­wer­ten Bandes. 

Mark Greif: Blue­screen. Ein Argu­ment vor sechs Hin­ter­grün­den. Ber­lin: Suhr­kamp 2011. 231 Sei­ten. ISBN 978−3−518−12629−5.

teuflisch – oder auch nicht

die neue plat­te von kam­mer­flim­mer kol­lek­tief (ja, in die­sem fall ist das wirk­lich eine plat­te – so viel nost­al­gie und klang­ex­tre­mis­mus muss bei die­ser grup­pe sein!) heißt „teu­fels­ka­min“

das weckt bei mir weni­ger düs­te­re als vor allem roman­ti­sche asso­zia­tio­nen, so in der rich­tung des teu­fels im „frei­schütz“ etwa. und auch wenn das natür­lich eine ganz, ganz ande­re bau­stel­le ist: kam­mer­flim­mer kol­lek­tief wird immer roman­ti­scher, scheint mir zumin­dest. dazu passt, dass das for­mat irgend­wie popi­ger, hörer­freund­li­cher wirkt: beim ers­ten hören scheint mir das deut­lich mehr am „nor­ma­len“ pop­song ori­en­tiert als die älte­ren alben. natür­lich ist das kein main­stream, dafür ist das trio einer­seits zu ver­spielt, ande­rer­seits zu kon­se­quent im stim­mungs­bau. denn das ist bezeich­nend für sie – und wirkt bei mir roman­tisch: die mit weni­gen stri­chen gemal­ten stim­mungs­bil­der, die zart­heit der stim­men, die fra­gi­li­tät der klän­ge (zumin­dest der meis­ten). und natür­lich ist die fast hem­mungs­lo­se, nur hin und wie­der gebro­che­ne schön­heit auch ein roman­ti­sches element.

mit span­nung, unglau­be und vor­freu­de sehe ich den letz­ten titel im track­lis­ting: „the peo­p­le united will never be defea­ted“. und das kleind­ge­druck­te weist tat­säch­lich ser­gio orte­ga & edu­ar­do caraas­co als kom­po­nis­ten aus, bei ihnen hieß das natür­lich „el pue­blo uni­do jamás serás ven­ci­dio“. wie soll das mit dem weich-plät­schern­den schön­heits­sound des kam­mer­flim­mer kol­lek­tief zusam­men­pas­sen? das ist schließ­lich eine art kampflied!
man erkennt es tat­säch­lich. aber machen tun die drei damit nicht viel: sie spie­len es kurz an, tän­deln ein wenig herun, und schon bricht das gan­ze wie­der ab. beson­ders poli­tisch scheint das also nicht gedacht zu sein …

irgend­wie hat mit der „teu­fels­ka­min“ jetzt nicht beson­ders berührt: wie­der net­te, auch gute musik, stim­mungs­stark und fein­sin­nig – aber wenig bis nichts, was sich in mir fest­hakt, was blei­ben will …

Kam­mer­flim­mer Kol­lek­tief: Teu­fels­ka­min. Staub­gold ana­log 9. 2011.

hans söllner wird alt

und ein biss­chn depres­siv. oder zumin­dest resi­gna­tiv. wenn man sich „mei zua­stand“ anhört und das mit „im regen live“ (mei­ner mei­nung nach wohl sei­ne bes­te ver­öf­fent­li­chung), dann läuft’s einem fast kalt den rücken hin­un­ter: das ist ein ganz ande­rer mensch, offen­bar nur noch ein rest des eins­ti­gen manns­bilds. gebro­chen klingt er, schwer­fäl­lig fast, wie er sich mühe­voll auf­rafft, in gemäch­li­chen tem­pi alte lie­der zu sin­gen – das ist schau­er­lich. vor allem wenn man noch das unbeug­sa­me ener­gie­bün­del im ohr und vor augen hat, das söll­ner ein­mal war, der sich schon aus prin­zip mit allem und jedem ange­legt hat. hat ihn die macht des staa­tes (die war es ja vor allem, gegen die er kämpfend/​schreiend/​singend auf­be­gehr­te) doch gebro­chen? es mag fast so schei­nen. rich­tig trau­rig ist das, wenn er so – ja, man muss es so sagen: so gezähmt lie­der singt wie „für mei­ne buam“, die vom auf­stand sin­gen, von unbeug­sam­keit und prin­zi­pi­en­fes­tig­keit bis zum bit­ters­ten ende. die stim­me ist jetzt brü­chig und die auf­nah­me im kalt (man möcht hier fast sagen: see­len­los) klin­gen­den stu­dio – schön sau­ber, fein pro­du­ziert, zart gespielt vom bayaman’sissdem – hilft da auch nicht (aber söll­ner war live schon immer bes­ser). auch der reg­gae hat jede far­be und jedes strah­len ver­lo­ren, ist löch­rig gewor­den und blass, oft sogar fad klingt er nun, fast wie eine pflich­übung manch­mal, nicht mehr wie eine tie­fe inners­te überzeugung.

ein alters­werk ist „mei zua­stand“, ohne zwei­fel. aber gebraucht, gebraucht hät­te es das nicht … söll­ner zuzu­hö­ren, wie er sich im „win­ter­traum“ ver­liert („oin win­ter in mir, der koi ende mehr nimmt“ ) – ich kann mich nicht ent­schei­den, ob das trau­rig, fol­ge­rich­tig oder ein­fach der lauf der din­ge ist …

und dann noch das cover. das sieht söll­ner aus wie ein alter india­ner-häupt­ling. bald wird er in wei­sen sprü­chen und zun­gen zu uns reden, unser neu­er gott. oder, wenn man ins digi­pack hin­ein schaut: söll­ner als der alte, der wei­se vom ber­ge, der aus der fer­ne geruh­sam beob­ach­tet und scharf urteilt … – mit sol­chen kli­schees spielt nicht nur die ver­pa­ckung, das atment auch die musik immer. und er wird uns bis zum – nicht mehr fer­nen – letz­ten atem­zug ermah­nen, jetzt doch mal end­lich, end­lich auf­zu­ste­hen, mal was zu tun, gegen all die bösen, bösen miss­stän­de, und gegen die blö­den und böser boli­ti­ger mal so eine rich­ti­ge revo­lu­ti­on anzu­zet­teln und die macht der lie­be zu ent­fes­seln und das uni­ver­sum ent­schei­den las­sen (ja, das ist dann halt söll­ners pri­vat­re­li­gi­on. dafür muss man sich wahr­schein­lich erst ein paar dut­zend jah­re bekif­fen …). inhalt­lich war das natür­lich schon immer mehr oder weni­ger quatsch. aber jetzt klingt es lei­der auch noch so, als ob söll­ner das selbst so sähe – und dann hat das gan­ze natür­lich über­haupt kei­nen sinn mehr.

hans söll­ner: mei zustand. tri­kont 2011.

Poppiger Barock: Händels Hallelujah aufgepeppt

Der ers­te Blick ist rich­tig erschre­ckend: „ss-p-t-pow“, „dang-dang-tsch-gang-g-dah-dab“ – das soll jetzt Hän­dels Hal­le­lu­jah sein? Die­ses will­kür­li­che Durch­ein­an­der von Pau­sen und Noten, von Punk­tie­run­gen und Syn­ko­pen? Und die­se sinn­ent­leer­ten Laute?

Ja, hin­ter dem schein­ba­ren Cha­os steckt tat­säch­lich „das“ Hal­le­lu­jah aus Hän­dels „Mes­siah“. Aller­ding ganz leicht über­ar­tei­tet: Eine Reno­vie­rung könn­te man die Bemü­hun­gen Bern­hard Hof­manns nen­nen. Denn sei­ne Bear­bei­tung soll den Klas­si­ker mal wie­der auf­fri­schen: Er macht Pop, was schon immer Pop war und ist – nur dass es sich jetzt auch für das 21. Jahr­hun­dert so anhört. Und in die­ser Hin­sicht fin­det dann plötz­lich alles sei­nen Platz, steht jede Note und jede Pau­se ganz rich­tig und fängt – mit ein biss­chem Durch­blick und Übung – auch wirk­lich leicht zu groo­ven an. Vor allem rhyth­mi­sche Sicher­heit und Fes­tig­keit der Sän­ger sind dafür aller­dings unab­ding­ba­re Vor­aus­set­zung, sonst wird es schwie­rig, das leben­dig wer­den zu las­sen. Auch ein klang­kräf­ti­ges, siche­res Bass­grun­die­rung ist unab­läss­lich. Aber das ist bei Hän­del ja auch nicht viel anders. Jeden­falls hat Hof­mann für sei­nen sech­stim­mi­gen Satz die wesent­li­chen Momen­te des Ori­gi­nals – etwa die Uni­so­ni bei „For the Lord God“ – bewahrt und ziem­lich geschickt in sein Arra­gen­ment ein­ge­baut, der zugleich klas­si­scher Chor­satz und Pop­song sein will.

Eine durch­aus vor­sich­ti­ge, ja sehr behut­sa­me Reno­vie­rung ist das also: Ein fri­scher Anstrich für ein altes Haus – die Sub­stanz ist die glei­che, an man­chen Stel­len sieht es trotz­dem auf ein­mal ganz anders und neu aus, bie­tet der wahr­schein­lich bekann­tes­te Chor­satz der Musik­ge­schich­te wie­der ein neu­es Hör­erleb­nis. Ohne Zwei­fel ist das eine ange­neh­me Über­ra­schung – und ein wun­der­ba­res Zugabenstück.

(geschrie­ben für die Neue Chorzeit.)

Singende Seelen

Wenn ein A‑Cap­pel­la-Ensem­ble sich den Namen „Sja­el­la“, für „See­le“ gibt, kann man von der ers­ten CD schon eini­ges erwar­ten. Beson­ders beseelt sin­gen die sechs jun­gen Sän­ge­rin­nen auf ihrer Debüt-Auf­nah­me aller­dings eher sel­ten. Ein biss­chen scha­de ist das, die tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten dazu hät­te die Grup­pe, die trotz der Jugend ihrer Mit­glie­der schön sechs Jah­re gemein­sam singt, näm­lich durch­aus. Der wil­de Stil­mix, das kun­ter­bun­te Sam­mel­su­ri­um die­ser CD zeigt das deut­lich: Into­na­ti­ons­si­cher und klar aus­ba­lan­ciert sin­gen sie immer, ob die Musik von Knut Nystedt stammt oder von Sting, ob gera­de die Noten von Duru­flés „Tota pulchra es“ oder ein Volks­lied­satz an der Rei­he sind: Immer wie­der singt Sja­el­la ohne Zwei­fel sau­ber – man könn­te pro­blem­los mit­schrei­ben. Aber Charme, Inspi­ra­ti­on oder Esprit – das ver­mit­telt die Auf­nah­me lei­der kaum. Des­we­gen hän­gen selbst Beat­les-Hits wie „Dri­ve my car“ oder Stings „Val­pa­rai­so“ etwas glanz­los im lee­ren Raum. Dabei gelingt Sja­el­la durch­aus eini­ges, Dia­mons are a girl’s best fri­end etwa – das hat in sei­ner nai­ven Unschuld schon sei­nen Reinz … Aber ob das wirk­lich so tief ins Inne­re der Teen­ager-See­len bli­cken lässt, wie das Book­let behauptet?

Sja­el­la: Sja­el­la. Quer­stand VKJK 1009. 2011. 48:52 Minuten.

(geschrie­ben für die Neue Chorzeit.)

wise guys: so viel nettigkeit – das kann doch nicht sein

sie nervt zumin­dest ein biss­chen. aber bevor ich das läs­tern anfan­ge, zunächst ein­mal den text, den ich für die main­zer rhein-zei­tung schrieb:

Sie sind brin­gen alle zusam­men: Sin­gen­de Kin­der, krei­schen­de Tee­nies mit und ohne Eltern, alte Fans, die schon beim ers­ten Kon­zert dabei waren genau wie zahl­reich neu enthu­si­as­mier­te, sol­che mit Par­ti­tur unterm Arm und die­je­ni­gen, die schon im Tour-T-Shirt erschei­nen und signier­te CDs als Tro­phä­en heim­tra­gen. Bei den Wise Guys ist ein­fach jeder zu Hau­se. Und die fünf sind über­all dort daheim, wo ein Büh­ne und eini­ge gut gelaun­te Zuhö­rer zu fin­den sind. In Mainz pas­siert das öfters. Jetzt wie­der mal in der Phö­nix-Hal­le, um ihr neu­es Album vor­zu­stel­len. Das heißt „Klas­sen­fahrt“ – ein wun­der­ba­rer, pas­sen­der Titel für das Quin­tett. Die auch nicht mehr ganz so jun­gen Her­ren aus Köln wer­den näm­lich ein­fach nicht so rich­tig erwach­sen. Dafür haben sie viel zu viel Spaß am Rum­al­bern. Und am Sin­gen. Und ganz beson­ders, wenn sie bei­des ver­bin­den kön­nen. Zum Bei­spiel in der Rap-Par­odie „Ham­let“, in der zumin­dest zwei aus ihrer Mit­te, Sari und Ferenc, mal die ganz har­ten Ker­le geben. Das erfor­dert eini­ge Umstel­lung, denn eigent­lich sind die Wise Guys viel zu nett für so etwas. Des­halb ist das auch nicht gera­de der Höhe­punkt des Kon­zer­tes. Davon gibt es aber mehr als genug ande­re – mit den alten Hits wie „Es ist nicht immer leich ich zu sein“ oder dem unver­ges­sen­li­chen „Radio“. Aber auch mit neu­er Musik und neu­en Tex­ten, wie immer vor allem von Dän und Eddi.
Denn, das zeigt „Klas­sen­fahrt“ sehr schön, die Wise Guys blei­ben sich treu. Und das heißt, dass sie wei­ter­hin sehr net­te, hit­ver­däch­ti­ge Pop­songs schrei­ben. Dass sie die als A‑Cap­pel­la-Grup­pe halt aus­schließ­lich mit ihren Stimm­bän­dern pro­du­zie­ren, ist da fast zufäl­lig. Und gar nicht so wich­tig. Haupt­sa­che, die gute Lau­ne kommt. Dafür brau­chen sie nie viel: Eine ein­gän­gi­ge Melo­die, ein unbe­dingt gereim­ter Text, etwas Augen­zwin­kern: Und fer­tig ist schon die Rock-Hym­ne „Latein“, die den Klas­sen­pri­mus zum Hel­den macht. Zumin­dest für die­sen Song. Über­haupt ihr unge­bro­che­ner Opti­mis­mus. Das wird manch­mal fast zu viel, wenn sie immer noch und wie­der nur an das Gute glau­ben – selbst „Am Ende des Tages“, mag er noch so rup­pig gewe­sen sein. Und das „Schlech­te Kar­ma“ wird natür­lich auch umge­hend über­wun­den. Das sind eben die Wise Guys: unver­dros­sen gut drauf. Das es musi­ka­lisch ein­falls­rei­che­re und stimm­lich raf­fi­nier­te­re Grup­pen gibt, macht da gar nix. Denn wenn die Wise Guys dann zum Bei­spiel „Wo der Pfef­fer wächst“ anstim­men, könn­ten sie sich ganz ent­span­nen und aufs pan­to­mi­ni­sche Sin­gen ver­le­gen – das Publi­kum singt ger­ne und rund­um begeis­tert an ihrer Stel­le. Aber das tun sie natür­lich nicht. Son­dern legen noch einen Zahn zu und rocken auf der Büh­ne mal so rich­tig ab. Schließ­lich wol­len ja alle Spaß haben – und das „ganz ohne Dro­gen“, wie es ein­mal heißt. Aber irgen­de­wie sind die Wise Guys doch auch eine Dro­ge. Man kommt ein­fach nicht los von ihnen.

ja, so war das. und ich habe noch ein biss­chen mehr drü­ber nach­ge­dacht. viel­leicht ist ja der erfolg der wise guys in deutsch­land das bes­te zei­chen für ihr mit­tel­maß – in zeit und ort -, für die zufrie­den­heit der musi­ker & des publi­kums mit der beque­men mit­te, dem ewi­gen sowohl-als auch: ein biss­chen witz, ein biss­chen nach­denk­lich­keit, ein biss­chen gut, ein biss­chen böse, ein biss­chen freud und ein biss­chen leid. aber halt nichts rich­tig … nichts wirk­lich zu ende gedacht oder geführt. und das nervt nach einer wei­le – mich zumin­dest: die­se ewi­gen halb­hei­ten, die – das unter­stel­le ich – durch­aus berech­net, zumin­dest beab­sich­tigt sind: näm­lich aus der ori­en­tie­rung am größ­ten gemein­sa­men nen­ner. die offen­sicht­li­che ästhe­ti­sche (und intel­lek­tu­el­le) belang­lo­sig­keit ist die fol­ge davon. und damit ist die musik nicht nur nach­ran­gig, son­dern auch voll zufrie­den: das stre­ben nach beson­de­rem, nach außer­ge­wöhn­li­chem hat sie längst auf­ge­ge­ben. das aber macht sie (fast) blöd­sin­nig (ok, das ist viel­leicht ein wenig hoch gegrif­fen) mas­sen­kom­pa­ti­bel. nur eben auch lang­wei­lig und vor­her­seh­bar. da ist für mich ein­fach kein kit­zel, kein reiz mehr dran – weder musi­ka­lisch noch inhalt­lich irgend etwas über­ra­schen­des, neues.

schon die beset­zung weist ja dar­auf hin: fünf män­ner­stim­men – aber kei­ne extre­me. kein wirk­lich tie­fer bass und kein ordetn­li­cher hoher tenor. auch kei­ne beat­box oder wirk­lich gute vocal per­cus­sion. und, das ist die kehr­sei­te, des­we­gen sind sie ja auch so wun­der­bar zum mit­sin­gen geeig­net. aber das liegt natür­lich auch an den ein­fachst gebau­ten songs, den über­sicht­li­chen arran­ge­ments und vor allem den ein­gän­gi­gen, unkom­pli­zier­ten, eigent­lich sogar simp­len melodien.

jazz oder was? die dritten jazztage des mainzer klangraums

zumin­dest der ers­te tag, beim zwei­ten abend konn­te ich lei­der nicht dabei sein. aber die ers­te hälf­te war schon ziem­lich an- & auf­re­gend – genau wie es das lin­e­up ver­hieß: tri­band, frau con­tra bass, dani­el stel­ter band etc.

hier mei­ne betrach­tun­gen für die main­zer rhein-zeitung:
Zwei Duos und zwei Quar­tet­te: Schon der Auf­takt der drit­ten Klang­raum-Jazz­ta­ge Mainz bot ein reich­hal­ti­ges Pro­gramm: Mit Blue Snow, Frau­Con­tra­Bass, Tri­band und der Dani­el-Stel­ter-Band war das Pro­gramm nicht nur gut voll­ge­packt, son­dern auch sehr unter­schied­lich bestückt. Und eini­ge Bekann­te waren ja auch dabei, zusam­men mit den neu­en Gesich­tern beim aus­ver­kauf­ten ers­ten Tag in der Show­büh­ne. Die Ver­an­stal­ter vom Klang­raum-Stu­dio freut der wach­sen­de Zuspruch, die am am Ein­gang ver­geb­lich noch um Ein­lass bit­ten­den ver­mut­lich weni­ger. Ddenn sie ver­pass­ten wirk­lich eini­ges. Nach dem lei­sen, fein­sin­nig-ver­spon­nen Auf­takt von Blue Snow, dem schwei­ze­ri­schen Per­cus­sio­nis­ten-Duo, das mit Marim­ba­phon, Vibra­phon und auch auf dem umfunk­tio­nier­ten Ikea-Tisch Rhyth­men aller mög­li­chen Her­künf­te ganz ohne schwei­zer Gemüt­lich­keit misch­te, war es aber mit der Ruhe und Gelas­sen­heit ganz schnell vorbei.
Frau­Con­tra­Bass, das ande­re Duo, erfreu­ten schon im letz­ten Jahr bei den Jazz­ta­gen. Auch jetzt hat­ten Sän­ge­rin Katha­ri­na Debus und Bas­sist Hanns Höhn wie­der viel lau­ni­ge Musik dabei. Mit Stevie Won­der, Jami­ro­quai und vie­len ande­ren wid­men die bei­den sich der Lie­be – der kör­per­li­chen und der pla­to­ni­schen, der erfüll­ten und der ver­sag­ten. Trotz der Reduk­ti­on des musi­ka­li­schen Mate­ri­als erzeu­gen sie groß­ar­ti­ge Effek­te: Höhn schram­melt, zupft, klopft und reibt an allen Ecken und Enden sei­nes Kon­tra­bas­ses, Debus lässt ihre kräf­ti­ge, vol­le Stim­me röh­ren, scat­ten und schmeicheln.
Auch die Dani­el-Stel­ter-Band, die zum Schluss, gegen Mit­ter­nacht, als das Publi­kum schon anfing zu schwä­cheln, der Show­büh­ne ein­heiz­te, war im letz­ten Jahr schon zu Gast. Und immer noch schei­nen die vier Män­ner über uner­schöpf­li­che Ener­gie­re­ser­voirs zu ver­fü­gen. Die Rhyth­mus­grup­pe ist zwar per­so­nal­iden­tisch mit der von Tri­band. Aber mit Ulf Klei­ner an den Fen­der-Rho­des und Dani­el Stel­ters sowie sei­ner E‑Gitarre wird das ganz anders: Die druck­vol­len, kna­ckig dröh­nen­den Groo­ves wer­den mit dem Mut und der Kraft zu ganz schlich­ten, betö­ren­den Melo­dien gro­ßer Prä­gnanz kon­fron­tiert und ergänzt. Egal, ob als Hom­mage an einen Hip­Hop­per oder in der trau­ri­gen Geschich­te eines unter­ge­hen­den Papier­böt­chens: Alles über­flüs­si­ge wird gna­den­los ent­sorgt, auf der Suche nach dem Opti­mum ihrer Musik ist das Quar­tett schon ziem­lich nah am Ziel.
Damit knüp­fen sie nicht nur per­so­nell an Tri­band an. Auch die machen nicht ger­ne vie­le unnö­ti­ge Wor­te und Töne. Aber sie sind exal­tier­ter, expe­ri­men­tier­freu­di­ger. Ihre Mischung aus Pop, Jazz, Funk und einem reich­li­chen Schuss Soul ist dabei aber auch wun­der­bar aus­ge­feilt. Und live noch bes­ser als im Stu­dio: Noch prä­zi­ser in den Stim­mun­gen, noch genau­er und auch noch kon­zen­trier­ter, noch – was man kaum glau­ben mag – ein biss­chen mehr ent­schlackt und zugleich gna­den­los fokus­siert. Die­se Stren­ge, gepaart mit der unbän­di­gen Freu­de – die Musi­ker schei­nen oft noch mehr Spaß zu haben als das auch schon begeis­ter­te Publi­kum – das ist so zwin­gend, so unbarm­her­zig rich­tig – und so wun­der­bar gut.
Und es ist eine herr­li­che Ergän­zung für die Jazz­ta­ge und passt genau in deren Pro­fil. Nach dem ers­ten Abend war ja noch nicht Schluss: Am Sams­tag ging es genau­so bunt und umfang­reich wei­ter – dies­mal mit der Phoe­nix-Foun­da­ti­on und Lars Reichow, mit dem akus­ti­schen Jazz von Spa­ni­ol 4, dem elek­tro­nisch abge­schmeck­ten Klän­gen von „2 fishes in the big big sea“ und den haus­ei­ge­nen Vibes.

schleichende begeisterung

ich höre ja, das ist eine art geständ­nis, ele­ment of crime recht ger­ne. ins­be­son­de­re seit „roman­tik“ haben sie es mir immer ange­tan. ein etwas sün­di­ges begeh­ren ist das, weil ich sonst eigent­lich eher etwas kom­ple­xe­re, avan­cier­te ästhe­ti­sche pro­gram­me und kon­zep­te schät­ze. aber manch­mal ist so ein biss­chen seich­ter pop auch nicht schlecht ;-). denn auch wenn gera­de die tex­te immer wie­der sehr geprie­sen wer­den – im grun­de bleibt es alles sehr harm­los hier.

das neu­es­te album, „immer da wo du bist bin ich nie“, schien mir dann aber zunächst, beim ers­ten und zwei­ten hören, doch arg platt gera­ten. aber, das ist das gemei­ne bei ele­ment of crime der letz­ten jah­re, sie schlei­chen sich doch in die gunst der hörer ein. inzwi­schen hat mich auch die neue cd ziem­lich gepackt. die musik ist ja im gro­ßen und gan­zen immer noch die­sel­be – ein biss­chen mehr tex-mex-anklän­ge, aber sonst bleibt es beim bewähr­ten sound. aber eben ziem­lich gut gemacht: ein­gän­gi­ge, sehr ein­gän­gi­ge melo­dien, nett har­mo­ni­siert, tight gespielt, ohne irgend jemand zum wider­spruch auf­zu­re­gen – deut­sche kon­sens­mu­sik at it’s best … die tex­te, zunächst, hat­te mich ziem­lich genervt: die­ses bemü­hen um kunst­vol­le nai­vi­tät, die­se wol­len um jeden preis, das aus fast jeder zei­le spricht – nervig.

the­ma­tisch ist das natür­lich extrem ein­fallslsos – der plat­ten­ti­tel [ein fast-zitat übri­gens des ers­ten ver­ses von del­men­horst vom mit­tel­punkt der welt], zugleich lied­ti­tel #6 (auch da ohne kom­ma), ver­rät eigent­lich alles. aber das ele­ment of crime vor­zu­wer­fen ist unge­fähr so sinn­voll wie den metz­ger dafür anzu­kla­gen, dass er kei­nen käse ver­kauft. da sind es halt doch dann doch die „net­ten“ for­mu­lie­run­gen, die es wie­der raus­rei­ßen, die ins bewusst­sein ein­si­ckern und zuneh­mend zustim­mung und freu­de her­vor­ru­fen … aber genau auf das ein­si­ckern kommt es offen­bar an: beim ers­ten hören ist das nicht unbe­dingt auf­fäl­lig, vie­les geht glatt vor­über (und je nach stim­mung ist man, d.h. bin ich, gelang­weilt oder genervt). an vie­len fein­hei­ten erfreut man sich erst beim x‑ten hören. und das ist wie­der­um ein gro­ßer vor­zug der ele­ment-of-crime-musik: sie ver­trägt das ofte hören erstaun­lich gut. weil sie, trotz ihre beschei­de­nen ästhe­tik und schein­ba­ren strom­li­ni­en­för­mig­keit, genü­gend details dafür bietet.

inzwi­schen bin ich schon fast begeis­tert … es gibt auf jeden fall schlim­me­res, als das zu mögen.

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