PeterLicht, Das Ende der Beschwerden (bei Zeit Online im Rekorder), lässt sich hier leider nicht einbinden: klick. (die Musik zu Peter Sloterdijks „Du mußt dein Leben ändern“ …)
Schlagwort: pop Seite 6 von 7
Als so etwas wie Peter-Gabriel-Fan war ich von „Scratch My Back“ ziemlich angetan. Da gibt es eine Menge wunderbarer Musik. Zum Beispiel das hier, My Body Is A Cage (im Original von Arcade Fire):
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Auch wenn der Einband ganz gelb ist: „Bluescreen“ von Mark Greif ist ein fantastisches Buch. Mir war Greif ja noch unbekannt – eine echte Lücke. Die Essays, die er „Ein Argument vor sechs Hintergründen“ untertitelte und die in der – von Greif mitherausgegebenen – Zeitschrift n+1 erschienen sind, drehen sich um Erscheinungen des modernen Lebens der Gegenwart, um den sexuelle Fetisch der Jugendlichkeit, um Über- und Untersexualiserung, um YouTube oder um die Geschichte des HipHop (einer der besten Essays überhaupt: „Rappen lernen“, der ausgehend von einer ganz persönlichen Erfahrung einen breiten Abriss des HipHops und seiner Bedeutungen entwickelt).
Die Ästhetisierung des ganzen Lebens ist die zentrale These Greifs. Aber darum spinnt sich ein wunderbarer Kosmos der Beobachtungen und Erklärungen des Alltags der Gegenwart und seiner medialen, ästhetischen und kulturellen Erscheinungen – so etwas wie eine Zeitdiagnose in Schlaglichtern. Da geht es dann auch nicht mehr nur um die eigentliche Ästhetisierung, sondern etwas allgemeiner um das Problem der mediale Vermittlung unserer Erfahrungen und im Besonderen um das Leben in Narrationen: Greif sieht die Menschen der Gegenwart umstellt von Erzählungen, die den Blick auf die „Wirklichkeit“ behindern. Da kann man freilich auch anderer Meinung sein: Die narrative und mediale Erfahrung muss nicht unbedingt schlecht sein. Greif neigt sich da manchmal etwas der kulturpessimistischen Sicht zu, die die mediale Vermittlung als Hindernis ansieht, als Abkehr von einem – von Greif selbst durchaus als solchen in seiner Problematik erkannten – idealen Zustand der Unmittelbarkeit.
Aber Essays wie „Rappen lernen“ oder auch der „Hochsommer der Sexkinder“ sind trotzdem große Kulturkritik: Erklärend, aber durchaus von einem Standpunkt aus kritisch hinterfragend, ohne besserwisserischen Gestus des Alleswissers und alleserklärers allerdings, der sowieso schon weiß, was er von allem hält. In dieser Hinsicht sind das eben Essays im besten Sinne: Versuche, Erklärungen zu finden – Erklärungen z.B. für Phänomene wie das Reality-Fernsehen. Und davon ausgehend immer die Überlegung: Was macht das mit uns? Wie verändert das uns, unsere Haltung, unsere Wahrnehmungen, unsere Einstellungen, unser Verhältnis zur Welt und zu unseren Mitmenschen. In bester Essay-Tradition nimmt Greif sich da als Zweifler und Sucher auch nicht zu sehr zurück, sondern bleibt als Person, als Erlebender und Fragensteller, immer präsent. Dass das außerdem klar formuliert, überzeugend argumentiert und luzide geschrieben ist, gehört unbedingt zum positiven Eindruck dieses empfehlenswerten Bandes.
Mark Greif: Bluescreen. Ein Argument vor sechs Hintergründen. Berlin: Suhrkamp 2011. 231 Seiten. ISBN 978−3−518−12629−5.
die neue platte von kammerflimmer kollektief (ja, in diesem fall ist das wirklich eine platte – so viel nostalgie und klangextremismus muss bei dieser gruppe sein!) heißt „teufelskamin“
das weckt bei mir weniger düstere als vor allem romantische assoziationen, so in der richtung des teufels im „freischütz“ etwa. und auch wenn das natürlich eine ganz, ganz andere baustelle ist: kammerflimmer kollektief wird immer romantischer, scheint mir zumindest. dazu passt, dass das format irgendwie popiger, hörerfreundlicher wirkt: beim ersten hören scheint mir das deutlich mehr am „normalen“ popsong orientiert als die älteren alben. natürlich ist das kein mainstream, dafür ist das trio einerseits zu verspielt, andererseits zu konsequent im stimmungsbau. denn das ist bezeichnend für sie – und wirkt bei mir romantisch: die mit wenigen strichen gemalten stimmungsbilder, die zartheit der stimmen, die fragilität der klänge (zumindest der meisten). und natürlich ist die fast hemmungslose, nur hin und wieder gebrochene schönheit auch ein romantisches element.
mit spannung, unglaube und vorfreude sehe ich den letzten titel im tracklisting: „the people united will never be defeated“. und das kleindgedruckte weist tatsächlich sergio ortega & eduardo caraasco als komponisten aus, bei ihnen hieß das natürlich „el pueblo unido jamás serás vencidio“. wie soll das mit dem weich-plätschernden schönheitssound des kammerflimmer kollektief zusammenpassen? das ist schließlich eine art kampflied!
man erkennt es tatsächlich. aber machen tun die drei damit nicht viel: sie spielen es kurz an, tändeln ein wenig herun, und schon bricht das ganze wieder ab. besonders politisch scheint das also nicht gedacht zu sein …
irgendwie hat mit der „teufelskamin“ jetzt nicht besonders berührt: wieder nette, auch gute musik, stimmungsstark und feinsinnig – aber wenig bis nichts, was sich in mir festhakt, was bleiben will …
Kammerflimmer Kollektief: Teufelskamin. Staubgold analog 9. 2011.
und ein bisschn depressiv. oder zumindest resignativ. wenn man sich „mei zuastand“ anhört und das mit „im regen live“ (meiner meinung nach wohl seine beste veröffentlichung), dann läuft’s einem fast kalt den rücken hinunter: das ist ein ganz anderer mensch, offenbar nur noch ein rest des einstigen mannsbilds. gebrochen klingt er, schwerfällig fast, wie er sich mühevoll aufrafft, in gemächlichen tempi alte lieder zu singen – das ist schauerlich. vor allem wenn man noch das unbeugsame energiebündel im ohr und vor augen hat, das söllner einmal war, der sich schon aus prinzip mit allem und jedem angelegt hat. hat ihn die macht des staates (die war es ja vor allem, gegen die er kämpfend/schreiend/singend aufbegehrte) doch gebrochen? es mag fast so scheinen. richtig traurig ist das, wenn er so – ja, man muss es so sagen: so gezähmt lieder singt wie „für meine buam“, die vom aufstand singen, von unbeugsamkeit und prinzipienfestigkeit bis zum bittersten ende. die stimme ist jetzt brüchig und die aufnahme im kalt (man möcht hier fast sagen: seelenlos) klingenden studio – schön sauber, fein produziert, zart gespielt vom bayaman’sissdem – hilft da auch nicht (aber söllner war live schon immer besser). auch der reggae hat jede farbe und jedes strahlen verloren, ist löchrig geworden und blass, oft sogar fad klingt er nun, fast wie eine pflichübung manchmal, nicht mehr wie eine tiefe innerste überzeugung.
ein alterswerk ist „mei zuastand“, ohne zweifel. aber gebraucht, gebraucht hätte es das nicht … söllner zuzuhören, wie er sich im „wintertraum“ verliert („oin winter in mir, der koi ende mehr nimmt“ ) – ich kann mich nicht entscheiden, ob das traurig, folgerichtig oder einfach der lauf der dinge ist …
und dann noch das cover. das sieht söllner aus wie ein alter indianer-häuptling. bald wird er in weisen sprüchen und zungen zu uns reden, unser neuer gott. oder, wenn man ins digipack hinein schaut: söllner als der alte, der weise vom berge, der aus der ferne geruhsam beobachtet und scharf urteilt … – mit solchen klischees spielt nicht nur die verpackung, das atment auch die musik immer. und er wird uns bis zum – nicht mehr fernen – letzten atemzug ermahnen, jetzt doch mal endlich, endlich aufzustehen, mal was zu tun, gegen all die bösen, bösen missstände, und gegen die blöden und böser bolitiger mal so eine richtige revolution anzuzetteln und die macht der liebe zu entfesseln und das universum entscheiden lassen (ja, das ist dann halt söllners privatreligion. dafür muss man sich wahrscheinlich erst ein paar dutzend jahre bekiffen …). inhaltlich war das natürlich schon immer mehr oder weniger quatsch. aber jetzt klingt es leider auch noch so, als ob söllner das selbst so sähe – und dann hat das ganze natürlich überhaupt keinen sinn mehr.
hans söllner: mei zustand. trikont 2011.
Der erste Blick ist richtig erschreckend: „ss-p-t-pow“, „dang-dang-tsch-gang-g-dah-dab“ – das soll jetzt Händels Hallelujah sein? Dieses willkürliche Durcheinander von Pausen und Noten, von Punktierungen und Synkopen? Und diese sinnentleerten Laute?
Ja, hinter dem scheinbaren Chaos steckt tatsächlich „das“ Hallelujah aus Händels „Messiah“. Allerding ganz leicht überarteitet: Eine Renovierung könnte man die Bemühungen Bernhard Hofmanns nennen. Denn seine Bearbeitung soll den Klassiker mal wieder auffrischen: Er macht Pop, was schon immer Pop war und ist – nur dass es sich jetzt auch für das 21. Jahrhundert so anhört. Und in dieser Hinsicht findet dann plötzlich alles seinen Platz, steht jede Note und jede Pause ganz richtig und fängt – mit ein bisschem Durchblick und Übung – auch wirklich leicht zu grooven an. Vor allem rhythmische Sicherheit und Festigkeit der Sänger sind dafür allerdings unabdingbare Voraussetzung, sonst wird es schwierig, das lebendig werden zu lassen. Auch ein klangkräftiges, sicheres Bassgrundierung ist unablässlich. Aber das ist bei Händel ja auch nicht viel anders. Jedenfalls hat Hofmann für seinen sechstimmigen Satz die wesentlichen Momente des Originals – etwa die Unisoni bei „For the Lord God“ – bewahrt und ziemlich geschickt in sein Arragenment eingebaut, der zugleich klassischer Chorsatz und Popsong sein will.
Eine durchaus vorsichtige, ja sehr behutsame Renovierung ist das also: Ein frischer Anstrich für ein altes Haus – die Substanz ist die gleiche, an manchen Stellen sieht es trotzdem auf einmal ganz anders und neu aus, bietet der wahrscheinlich bekannteste Chorsatz der Musikgeschichte wieder ein neues Hörerlebnis. Ohne Zweifel ist das eine angenehme Überraschung – und ein wunderbares Zugabenstück.
(geschrieben für die Neue Chorzeit.)
Wenn ein A‑Cappella-Ensemble sich den Namen „Sjaella“, für „Seele“ gibt, kann man von der ersten CD schon einiges erwarten. Besonders beseelt singen die sechs jungen Sängerinnen auf ihrer Debüt-Aufnahme allerdings eher selten. Ein bisschen schade ist das, die technischen Möglichkeiten dazu hätte die Gruppe, die trotz der Jugend ihrer Mitglieder schön sechs Jahre gemeinsam singt, nämlich durchaus. Der wilde Stilmix, das kunterbunte Sammelsurium dieser CD zeigt das deutlich: Intonationssicher und klar ausbalanciert singen sie immer, ob die Musik von Knut Nystedt stammt oder von Sting, ob gerade die Noten von Duruflés „Tota pulchra es“ oder ein Volksliedsatz an der Reihe sind: Immer wieder singt Sjaella ohne Zweifel sauber – man könnte problemlos mitschreiben. Aber Charme, Inspiration oder Esprit – das vermittelt die Aufnahme leider kaum. Deswegen hängen selbst Beatles-Hits wie „Drive my car“ oder Stings „Valparaiso“ etwas glanzlos im leeren Raum. Dabei gelingt Sjaella durchaus einiges, Diamons are a girl’s best friend etwa – das hat in seiner naiven Unschuld schon seinen Reinz … Aber ob das wirklich so tief ins Innere der Teenager-Seelen blicken lässt, wie das Booklet behauptet?
Sjaella: Sjaella. Querstand VKJK 1009. 2011. 48:52 Minuten.
(geschrieben für die Neue Chorzeit.)
sie nervt zumindest ein bisschen. aber bevor ich das lästern anfange, zunächst einmal den text, den ich für die mainzer rhein-zeitung schrieb:
Sie sind bringen alle zusammen: Singende Kinder, kreischende Teenies mit und ohne Eltern, alte Fans, die schon beim ersten Konzert dabei waren genau wie zahlreich neu enthusiasmierte, solche mit Partitur unterm Arm und diejenigen, die schon im Tour-T-Shirt erscheinen und signierte CDs als Trophäen heimtragen. Bei den Wise Guys ist einfach jeder zu Hause. Und die fünf sind überall dort daheim, wo ein Bühne und einige gut gelaunte Zuhörer zu finden sind. In Mainz passiert das öfters. Jetzt wieder mal in der Phönix-Halle, um ihr neues Album vorzustellen. Das heißt „Klassenfahrt“ – ein wunderbarer, passender Titel für das Quintett. Die auch nicht mehr ganz so jungen Herren aus Köln werden nämlich einfach nicht so richtig erwachsen. Dafür haben sie viel zu viel Spaß am Rumalbern. Und am Singen. Und ganz besonders, wenn sie beides verbinden können. Zum Beispiel in der Rap-Parodie „Hamlet“, in der zumindest zwei aus ihrer Mitte, Sari und Ferenc, mal die ganz harten Kerle geben. Das erfordert einige Umstellung, denn eigentlich sind die Wise Guys viel zu nett für so etwas. Deshalb ist das auch nicht gerade der Höhepunkt des Konzertes. Davon gibt es aber mehr als genug andere – mit den alten Hits wie „Es ist nicht immer leich ich zu sein“ oder dem unvergessenlichen „Radio“. Aber auch mit neuer Musik und neuen Texten, wie immer vor allem von Dän und Eddi.
Denn, das zeigt „Klassenfahrt“ sehr schön, die Wise Guys bleiben sich treu. Und das heißt, dass sie weiterhin sehr nette, hitverdächtige Popsongs schreiben. Dass sie die als A‑Cappella-Gruppe halt ausschließlich mit ihren Stimmbändern produzieren, ist da fast zufällig. Und gar nicht so wichtig. Hauptsache, die gute Laune kommt. Dafür brauchen sie nie viel: Eine eingängige Melodie, ein unbedingt gereimter Text, etwas Augenzwinkern: Und fertig ist schon die Rock-Hymne „Latein“, die den Klassenprimus zum Helden macht. Zumindest für diesen Song. Überhaupt ihr ungebrochener Optimismus. Das wird manchmal fast zu viel, wenn sie immer noch und wieder nur an das Gute glauben – selbst „Am Ende des Tages“, mag er noch so ruppig gewesen sein. Und das „Schlechte Karma“ wird natürlich auch umgehend überwunden. Das sind eben die Wise Guys: unverdrossen gut drauf. Das es musikalisch einfallsreichere und stimmlich raffiniertere Gruppen gibt, macht da gar nix. Denn wenn die Wise Guys dann zum Beispiel „Wo der Pfeffer wächst“ anstimmen, könnten sie sich ganz entspannen und aufs pantominische Singen verlegen – das Publikum singt gerne und rundum begeistert an ihrer Stelle. Aber das tun sie natürlich nicht. Sondern legen noch einen Zahn zu und rocken auf der Bühne mal so richtig ab. Schließlich wollen ja alle Spaß haben – und das „ganz ohne Drogen“, wie es einmal heißt. Aber irgendewie sind die Wise Guys doch auch eine Droge. Man kommt einfach nicht los von ihnen.
ja, so war das. und ich habe noch ein bisschen mehr drüber nachgedacht. vielleicht ist ja der erfolg der wise guys in deutschland das beste zeichen für ihr mittelmaß – in zeit und ort -, für die zufriedenheit der musiker & des publikums mit der bequemen mitte, dem ewigen sowohl-als auch: ein bisschen witz, ein bisschen nachdenklichkeit, ein bisschen gut, ein bisschen böse, ein bisschen freud und ein bisschen leid. aber halt nichts richtig … nichts wirklich zu ende gedacht oder geführt. und das nervt nach einer weile – mich zumindest: diese ewigen halbheiten, die – das unterstelle ich – durchaus berechnet, zumindest beabsichtigt sind: nämlich aus der orientierung am größten gemeinsamen nenner. die offensichtliche ästhetische (und intellektuelle) belanglosigkeit ist die folge davon. und damit ist die musik nicht nur nachrangig, sondern auch voll zufrieden: das streben nach besonderem, nach außergewöhnlichem hat sie längst aufgegeben. das aber macht sie (fast) blödsinnig (ok, das ist vielleicht ein wenig hoch gegriffen) massenkompatibel. nur eben auch langweilig und vorhersehbar. da ist für mich einfach kein kitzel, kein reiz mehr dran – weder musikalisch noch inhaltlich irgend etwas überraschendes, neues.
schon die besetzung weist ja darauf hin: fünf männerstimmen – aber keine extreme. kein wirklich tiefer bass und kein ordetnlicher hoher tenor. auch keine beatbox oder wirklich gute vocal percussion. und, das ist die kehrseite, deswegen sind sie ja auch so wunderbar zum mitsingen geeignet. aber das liegt natürlich auch an den einfachst gebauten songs, den übersichtlichen arrangements und vor allem den eingängigen, unkomplizierten, eigentlich sogar simplen melodien.
zumindest der erste tag, beim zweiten abend konnte ich leider nicht dabei sein. aber die erste hälfte war schon ziemlich an- & aufregend – genau wie es das lineup verhieß: triband, frau contra bass, daniel stelter band etc.
hier meine betrachtungen für die mainzer rhein-zeitung:
Zwei Duos und zwei Quartette: Schon der Auftakt der dritten Klangraum-Jazztage Mainz bot ein reichhaltiges Programm: Mit Blue Snow, FrauContraBass, Triband und der Daniel-Stelter-Band war das Programm nicht nur gut vollgepackt, sondern auch sehr unterschiedlich bestückt. Und einige Bekannte waren ja auch dabei, zusammen mit den neuen Gesichtern beim ausverkauften ersten Tag in der Showbühne. Die Veranstalter vom Klangraum-Studio freut der wachsende Zuspruch, die am am Eingang vergeblich noch um Einlass bittenden vermutlich weniger. Ddenn sie verpassten wirklich einiges. Nach dem leisen, feinsinnig-versponnen Auftakt von Blue Snow, dem schweizerischen Percussionisten-Duo, das mit Marimbaphon, Vibraphon und auch auf dem umfunktionierten Ikea-Tisch Rhythmen aller möglichen Herkünfte ganz ohne schweizer Gemütlichkeit mischte, war es aber mit der Ruhe und Gelassenheit ganz schnell vorbei.
FrauContraBass, das andere Duo, erfreuten schon im letzten Jahr bei den Jazztagen. Auch jetzt hatten Sängerin Katharina Debus und Bassist Hanns Höhn wieder viel launige Musik dabei. Mit Stevie Wonder, Jamiroquai und vielen anderen widmen die beiden sich der Liebe – der körperlichen und der platonischen, der erfüllten und der versagten. Trotz der Reduktion des musikalischen Materials erzeugen sie großartige Effekte: Höhn schrammelt, zupft, klopft und reibt an allen Ecken und Enden seines Kontrabasses, Debus lässt ihre kräftige, volle Stimme röhren, scatten und schmeicheln.
Auch die Daniel-Stelter-Band, die zum Schluss, gegen Mitternacht, als das Publikum schon anfing zu schwächeln, der Showbühne einheizte, war im letzten Jahr schon zu Gast. Und immer noch scheinen die vier Männer über unerschöpfliche Energiereservoirs zu verfügen. Die Rhythmusgruppe ist zwar personalidentisch mit der von Triband. Aber mit Ulf Kleiner an den Fender-Rhodes und Daniel Stelters sowie seiner E‑Gitarre wird das ganz anders: Die druckvollen, knackig dröhnenden Grooves werden mit dem Mut und der Kraft zu ganz schlichten, betörenden Melodien großer Prägnanz konfrontiert und ergänzt. Egal, ob als Hommage an einen HipHopper oder in der traurigen Geschichte eines untergehenden Papierbötchens: Alles überflüssige wird gnadenlos entsorgt, auf der Suche nach dem Optimum ihrer Musik ist das Quartett schon ziemlich nah am Ziel.
Damit knüpfen sie nicht nur personell an Triband an. Auch die machen nicht gerne viele unnötige Worte und Töne. Aber sie sind exaltierter, experimentierfreudiger. Ihre Mischung aus Pop, Jazz, Funk und einem reichlichen Schuss Soul ist dabei aber auch wunderbar ausgefeilt. Und live noch besser als im Studio: Noch präziser in den Stimmungen, noch genauer und auch noch konzentrierter, noch – was man kaum glauben mag – ein bisschen mehr entschlackt und zugleich gnadenlos fokussiert. Diese Strenge, gepaart mit der unbändigen Freude – die Musiker scheinen oft noch mehr Spaß zu haben als das auch schon begeisterte Publikum – das ist so zwingend, so unbarmherzig richtig – und so wunderbar gut.
Und es ist eine herrliche Ergänzung für die Jazztage und passt genau in deren Profil. Nach dem ersten Abend war ja noch nicht Schluss: Am Samstag ging es genauso bunt und umfangreich weiter – diesmal mit der Phoenix-Foundation und Lars Reichow, mit dem akustischen Jazz von Spaniol 4, dem elektronisch abgeschmeckten Klängen von „2 fishes in the big big sea“ und den hauseigenen Vibes.
ich höre ja, das ist eine art geständnis, element of crime recht gerne. insbesondere seit „romantik“ haben sie es mir immer angetan. ein etwas sündiges begehren ist das, weil ich sonst eigentlich eher etwas komplexere, avancierte ästhetische programme und konzepte schätze. aber manchmal ist so ein bisschen seichter pop auch nicht schlecht ;-). denn auch wenn gerade die texte immer wieder sehr gepriesen werden – im grunde bleibt es alles sehr harmlos hier.
das neueste album, „immer da wo du bist bin ich nie“, schien mir dann aber zunächst, beim ersten und zweiten hören, doch arg platt geraten. aber, das ist das gemeine bei element of crime der letzten jahre, sie schleichen sich doch in die gunst der hörer ein. inzwischen hat mich auch die neue cd ziemlich gepackt. die musik ist ja im großen und ganzen immer noch dieselbe – ein bisschen mehr tex-mex-anklänge, aber sonst bleibt es beim bewährten sound. aber eben ziemlich gut gemacht: eingängige, sehr eingängige melodien, nett harmonisiert, tight gespielt, ohne irgend jemand zum widerspruch aufzuregen – deutsche konsensmusik at it’s best … die texte, zunächst, hatte mich ziemlich genervt: dieses bemühen um kunstvolle naivität, diese wollen um jeden preis, das aus fast jeder zeile spricht – nervig.
thematisch ist das natürlich extrem einfallslsos – der plattentitel [ein fast-zitat übrigens des ersten verses von delmenhorst vom mittelpunkt der welt], zugleich liedtitel #6 (auch da ohne komma), verrät eigentlich alles. aber das element of crime vorzuwerfen ist ungefähr so sinnvoll wie den metzger dafür anzuklagen, dass er keinen käse verkauft. da sind es halt doch dann doch die „netten“ formulierungen, die es wieder rausreißen, die ins bewusstsein einsickern und zunehmend zustimmung und freude hervorrufen … aber genau auf das einsickern kommt es offenbar an: beim ersten hören ist das nicht unbedingt auffällig, vieles geht glatt vorüber (und je nach stimmung ist man, d.h. bin ich, gelangweilt oder genervt). an vielen feinheiten erfreut man sich erst beim x‑ten hören. und das ist wiederum ein großer vorzug der element-of-crime-musik: sie verträgt das ofte hören erstaunlich gut. weil sie, trotz ihre bescheidenen ästhetik und scheinbaren stromlinienförmigkeit, genügend details dafür bietet.
inzwischen bin ich schon fast begeistert … es gibt auf jeden fall schlimmeres, als das zu mögen.
