Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Schlagwort: a-cappella

Reinraummusik: Die King’s Singers in St. Stephan

So rich­tig begeis­tern konn­te ich mich beim Auf­tritt der King’s Sin­gers in Mainz nicht: Per­fekt into­niert, ohne Fra­ge – aber alles auch per­fekt rou­ti­niert, vom Auf-die-Büh­ne-Schrei­ten bis zur Hand­hal­tung alles minu­ti­ös ein­stu­diert: Raum für Spon­ta­nei­tät, für Begeis­te­rung (der Musi­ker selbst) gibt es hier nicht. Des­we­gen wird’s auch mal lang­wei­lig. Denn auch ein wahn­sin­nig pro­fes­sio­nel­ler, nahe­zu per­fek­ter Ensem­ble­klang ist allei­ne auf Dau­er nur mäßig befrie­di­gend. Aber trotz­dem schön anzuhören ;-)

Wenn es so etwas wie könig­li­che Rein­heit gäbe – hier wäre es zu hören. Denn wenn die King’s Sin­gers etwas beherr­schen, dann ist es die mühe­lo­se Per­fek­ti­on der rei­nen Into­na­ti­on. Eine naht­lo­se, unzer­brech­li­che Ein­heit bil­den die­se sechs Sän­ger, vom ers­ten Ein­at­men bis zum letz­ten­Ver­klin­gen. Und selbst die Hand­hal­tung und das pro­fes­sio­nel­le Lächeln sind bei allen gleich – Unter­schie­de gibt es nur in der Haartracht.

Mit unwi­der­steh­li­cher Rou­ti­ne pro­du­zie­ren die King’s Sin­gers einen Ver­schmel­zungs­klang, der wahn­sin­nig machen kann. Zusam­men bil­den sie etwas ganz Ein­zig­ar­ti­ges, bei dem es fast egal ist, was sie sin­gen. In St. Ste­phan, wo sie im Rah­men des Rhein­gau Musik­fest­vals gas­tier­ten, war das zunächst ein Grün­don­ners­tags-Pro­gramm rund um den gre­go­ria­ni­schen Cho­ral „Pan­ge lin­gua“. Da macht es auch nichts, das die Kar­wo­che schon eini­ge Zeit zurück liegt: Hier geht es nur um die Musik, und da vor allem um den puren Klang – die Tex­te und Inhal­te spie­len nur eine unter­ge­ord­ne­te Rol­le. In St. Ste­phan waren die Wor­te nur aus­nahms­wei­se zu erah­nen, ver­ste­hen konn­te man die Text schon gar nicht.

Schön ist die­se Musik trotz­dem. Und das ist die Haupt­sa­che, egal ob es um Motet­ten von Car­lo Gesu­al­do oder von Anton Bruck­ner geht, ob Mau­rice Duru­flés „Tan­tum ergo“ oder Tomas Luis de Vic­to­ri­as „Popu­le meus“ erklingt. Die Dif­fe­renz zwi­schen 16. und 20. Jahr­hun­dert wird mühe­los über­brückt, die Unter­schie­de ver­schwim­men: Das sind ein­fach die King’s Sing­rs – fer­tig. Und das heißt: Wohl­klang pur, immer wie­der, egal, wel­che Noten gera­de auf dem Pult lie­gen. Schon das lang­sa­me Aus­klin­gen der Schluss­ak­kor­de allein ist dabei jedes Mal wie­der bezau­bernd, wie sie immer wei­cher wer­den und sich im Raum auf­lö­sen – sol­che Fein­hei­ten bie­tet kaum ein ande­res Ensem­ble so über­zeu­gend. Aber beson­ders span­nend ist das nicht, weil außer dem extrem gleich­mä­ßig, unge­mein rein aus­ge­form­ten Wohl­klang für die sechs Eng­län­der wenig ande­res zählt. Ein klei­nes Cre­scen­do ist da schon fast eine Sen­sa­ti­on. Denn die zar­te Zer­brech­lich­keit des per­fek­ten Vokal­klangs ist eben immer in Gefahr – da wür­de über­mä­ßi­ge Expres­si­vi­tät nur scha­den. Und scha­de wäre es wirk­lich, wür­de die­ser Wohl­laut zer­stört. Doch das pas­siert den King’s Sin­gers nie, ihr ein­zig­ar­ti­ger a‑cap­pel­la-Klang bleibt auch an die­sem Abend ungebrochen.

Singende Seelen

Wenn ein A‑Cap­pel­la-Ensem­ble sich den Namen „Sja­el­la“, für „See­le“ gibt, kann man von der ers­ten CD schon eini­ges erwar­ten. Beson­ders beseelt sin­gen die sechs jun­gen Sän­ge­rin­nen auf ihrer Debüt-Auf­nah­me aller­dings eher sel­ten. Ein biss­chen scha­de ist das, die tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten dazu hät­te die Grup­pe, die trotz der Jugend ihrer Mit­glie­der schön sechs Jah­re gemein­sam singt, näm­lich durch­aus. Der wil­de Stil­mix, das kun­ter­bun­te Sam­mel­su­ri­um die­ser CD zeigt das deut­lich: Into­na­ti­ons­si­cher und klar aus­ba­lan­ciert sin­gen sie immer, ob die Musik von Knut Nystedt stammt oder von Sting, ob gera­de die Noten von Duru­flés „Tota pulchra es“ oder ein Volks­lied­satz an der Rei­he sind: Immer wie­der singt Sja­el­la ohne Zwei­fel sau­ber – man könn­te pro­blem­los mit­schrei­ben. Aber Charme, Inspi­ra­ti­on oder Esprit – das ver­mit­telt die Auf­nah­me lei­der kaum. Des­we­gen hän­gen selbst Beat­les-Hits wie „Dri­ve my car“ oder Stings „Val­pa­rai­so“ etwas glanz­los im lee­ren Raum. Dabei gelingt Sja­el­la durch­aus eini­ges, Dia­mons are a girl’s best fri­end etwa – das hat in sei­ner nai­ven Unschuld schon sei­nen Reinz … Aber ob das wirk­lich so tief ins Inne­re der Teen­ager-See­len bli­cken lässt, wie das Book­let behauptet?

Sja­el­la: Sja­el­la. Quer­stand VKJK 1009. 2011. 48:52 Minuten.

(geschrie­ben für die Neue Chorzeit.)

Vocal Percussion und Beatbox selbst gemacht

Das Beat­bo­xen und die Vocal Per­cus­sion ist ja eine ver­gleichs­wei­se jun­ge Art des „Sin­gens“, deren Geheimi­nis­se, Tech­ni­ken, Moda­li­tä­ten und Ideen fast nur im direk­ten Kon­takt, in Clubs – und über You­Tube – wei­ter­ge­ge­ben wur­den. Aber das ändert sich gera­de – weil Beat­bo­xen aus der Club­ni­sche befreit wur­de und immer brei­te­re Ver­brei­tung fin­det. Es kommt also gera­de recht, dass Richard Filz die Basics die­ser Pro­fes­si­on ver­mit­teln will. Und die DVD ist dafür natür­lich ein nahe­lie­gen­des Medi­um – mit einem Buch lie­ße sich das Nach­ah­men von Schlag­in­stru­men­ten höchs­tens halb so gut errei­chen. Bei „vocal per­cus­sion basics“ darf man nicht nur Erklä­run­gen lau­schen, son­dern Filz auch dabei zuse­hen, wie das alles ent­steht. Und Filz ist nicht nur ein Beat­bo­xer, son­dern auch ein Coach mit viel Erfahrung.

Die gibt er mehr als zwei Stun­den auf die­ser DVD wei­ter. Sein Kon­zept ist ein­fach, schlüs­sig und über­sicht­lich: Aus­ge­hend von den Grund­sounds des Mund-Schlag­werks ent­wi­ckelt er ein­fa­che grund­le­gen­de Rhyth­men vom Rock über Funk, Hip Hop & Swing zu Latin Groo­ves, baut die­se aus ver­schie­de­nen Bau­stei­ne zusam­men, stellt mög­li­che Fills und Ergän­zun­gen vor, bis hin zur eigent­li­chen Songbe­glei­tung – immer mit dem Ziel der prak­ti­schen Anwen­dung, schieß­lich soll das Geüb­te auch im musi­ka­li­schen Zusam­men­hang erprobt wer­den. Und Filz ermun­tert dar­über hin­aus aus­drück­lich zum eige­nen Expe­ri­men­tie­ren und Impro­vi­sie­ren mit den hier ver­mit­tel­ten Grundlagen. 

Durch­weg merkt man die Erfah­rung des Unter­rich­tens: Richard Filz macht das näm­lich nicht nur vor, son­dern kann auch sehr genau erklä­ren, was wo mit wel­chem Teil des Mun­des zu tun ist, was beson­ders am Anfang hilf­reich ist, wie man das mit etwas Übung wei­ter­ent­wi­ckeln kann. Und neben­bei zeigt er auch immer wie­der, wel­che Klän­ge und Instru­men­te man als Vocal Per­cus­sio­nist eigent­lich imitiert.
Der eigent­li­che Lehr­gang, ein inter­ak­ti­ver Work­shop im „Call and Response“-Verfahren, wird auch immer wie­der von hilf­rei­chen Ergän­zun­gen zur Atmung, zur Visua­lie­rung der Sounds (dem Air­d­rum­ming, bei dem die Hän­de das Schlag­zeug­spiel par­al­lel zum Mund­werk mit­voll­zie­hen) oder zum Lip­pen-Warm-Up und der Mikro­fo­nie­rung unterbrochen. 

„Vocal Per­cus­sion basics“ wird beglei­tet von einem klei­nen Heft mit notier­ten Basis-Rhyth­men (das den etwas hoch­ge­grif­fe­nen Titel „Vocal Groo­ve Lexi­kon“ trägt) und einem frei zugäng­li­chen Inter­net-Ange­bot unter http://​www​.vocal​-per​cus​sion​.com. Filz ist über­zeugt: „Vocal Per­cus­sion kann jeder machen“ – immer und über­all, bei­lei­be nicht nur Sän­ger, auch Schlag­zeu­ger. Und mit die­ser DVD soll­te zumin­dest der Ein­stieg mög­lich werden. 

Richard Filz: Vocal Per­cus­sion basics. Inter­ak­ti­ver Work­shop. DVD, 124 Minu­ten. Uni­ver­sal Edi­ton UE 45017. 2009.

(geschrie­ben für die Neue Chorzeit.)

wise guys: so viel nettigkeit – das kann doch nicht sein

sie nervt zumin­dest ein biss­chen. aber bevor ich das läs­tern anfan­ge, zunächst ein­mal den text, den ich für die main­zer rhein-zei­tung schrieb:

Sie sind brin­gen alle zusam­men: Sin­gen­de Kin­der, krei­schen­de Tee­nies mit und ohne Eltern, alte Fans, die schon beim ers­ten Kon­zert dabei waren genau wie zahl­reich neu enthu­si­as­mier­te, sol­che mit Par­ti­tur unterm Arm und die­je­ni­gen, die schon im Tour-T-Shirt erschei­nen und signier­te CDs als Tro­phä­en heim­tra­gen. Bei den Wise Guys ist ein­fach jeder zu Hau­se. Und die fünf sind über­all dort daheim, wo ein Büh­ne und eini­ge gut gelaun­te Zuhö­rer zu fin­den sind. In Mainz pas­siert das öfters. Jetzt wie­der mal in der Phö­nix-Hal­le, um ihr neu­es Album vor­zu­stel­len. Das heißt „Klas­sen­fahrt“ – ein wun­der­ba­rer, pas­sen­der Titel für das Quin­tett. Die auch nicht mehr ganz so jun­gen Her­ren aus Köln wer­den näm­lich ein­fach nicht so rich­tig erwach­sen. Dafür haben sie viel zu viel Spaß am Rum­al­bern. Und am Sin­gen. Und ganz beson­ders, wenn sie bei­des ver­bin­den kön­nen. Zum Bei­spiel in der Rap-Par­odie „Ham­let“, in der zumin­dest zwei aus ihrer Mit­te, Sari und Ferenc, mal die ganz har­ten Ker­le geben. Das erfor­dert eini­ge Umstel­lung, denn eigent­lich sind die Wise Guys viel zu nett für so etwas. Des­halb ist das auch nicht gera­de der Höhe­punkt des Kon­zer­tes. Davon gibt es aber mehr als genug ande­re – mit den alten Hits wie „Es ist nicht immer leich ich zu sein“ oder dem unver­ges­sen­li­chen „Radio“. Aber auch mit neu­er Musik und neu­en Tex­ten, wie immer vor allem von Dän und Eddi.
Denn, das zeigt „Klas­sen­fahrt“ sehr schön, die Wise Guys blei­ben sich treu. Und das heißt, dass sie wei­ter­hin sehr net­te, hit­ver­däch­ti­ge Pop­songs schrei­ben. Dass sie die als A‑Cap­pel­la-Grup­pe halt aus­schließ­lich mit ihren Stimm­bän­dern pro­du­zie­ren, ist da fast zufäl­lig. Und gar nicht so wich­tig. Haupt­sa­che, die gute Lau­ne kommt. Dafür brau­chen sie nie viel: Eine ein­gän­gi­ge Melo­die, ein unbe­dingt gereim­ter Text, etwas Augen­zwin­kern: Und fer­tig ist schon die Rock-Hym­ne „Latein“, die den Klas­sen­pri­mus zum Hel­den macht. Zumin­dest für die­sen Song. Über­haupt ihr unge­bro­che­ner Opti­mis­mus. Das wird manch­mal fast zu viel, wenn sie immer noch und wie­der nur an das Gute glau­ben – selbst „Am Ende des Tages“, mag er noch so rup­pig gewe­sen sein. Und das „Schlech­te Kar­ma“ wird natür­lich auch umge­hend über­wun­den. Das sind eben die Wise Guys: unver­dros­sen gut drauf. Das es musi­ka­lisch ein­falls­rei­che­re und stimm­lich raf­fi­nier­te­re Grup­pen gibt, macht da gar nix. Denn wenn die Wise Guys dann zum Bei­spiel „Wo der Pfef­fer wächst“ anstim­men, könn­ten sie sich ganz ent­span­nen und aufs pan­to­mi­ni­sche Sin­gen ver­le­gen – das Publi­kum singt ger­ne und rund­um begeis­tert an ihrer Stel­le. Aber das tun sie natür­lich nicht. Son­dern legen noch einen Zahn zu und rocken auf der Büh­ne mal so rich­tig ab. Schließ­lich wol­len ja alle Spaß haben – und das „ganz ohne Dro­gen“, wie es ein­mal heißt. Aber irgen­de­wie sind die Wise Guys doch auch eine Dro­ge. Man kommt ein­fach nicht los von ihnen.

ja, so war das. und ich habe noch ein biss­chen mehr drü­ber nach­ge­dacht. viel­leicht ist ja der erfolg der wise guys in deutsch­land das bes­te zei­chen für ihr mit­tel­maß – in zeit und ort -, für die zufrie­den­heit der musi­ker & des publi­kums mit der beque­men mit­te, dem ewi­gen sowohl-als auch: ein biss­chen witz, ein biss­chen nach­denk­lich­keit, ein biss­chen gut, ein biss­chen böse, ein biss­chen freud und ein biss­chen leid. aber halt nichts rich­tig … nichts wirk­lich zu ende gedacht oder geführt. und das nervt nach einer wei­le – mich zumin­dest: die­se ewi­gen halb­hei­ten, die – das unter­stel­le ich – durch­aus berech­net, zumin­dest beab­sich­tigt sind: näm­lich aus der ori­en­tie­rung am größ­ten gemein­sa­men nen­ner. die offen­sicht­li­che ästhe­ti­sche (und intel­lek­tu­el­le) belang­lo­sig­keit ist die fol­ge davon. und damit ist die musik nicht nur nach­ran­gig, son­dern auch voll zufrie­den: das stre­ben nach beson­de­rem, nach außer­ge­wöhn­li­chem hat sie längst auf­ge­ge­ben. das aber macht sie (fast) blöd­sin­nig (ok, das ist viel­leicht ein wenig hoch gegrif­fen) mas­sen­kom­pa­ti­bel. nur eben auch lang­wei­lig und vor­her­seh­bar. da ist für mich ein­fach kein kit­zel, kein reiz mehr dran – weder musi­ka­lisch noch inhalt­lich irgend etwas über­ra­schen­des, neues.

schon die beset­zung weist ja dar­auf hin: fünf män­ner­stim­men – aber kei­ne extre­me. kein wirk­lich tie­fer bass und kein ordetn­li­cher hoher tenor. auch kei­ne beat­box oder wirk­lich gute vocal per­cus­sion. und, das ist die kehr­sei­te, des­we­gen sind sie ja auch so wun­der­bar zum mit­sin­gen geeig­net. aber das liegt natür­lich auch an den ein­fachst gebau­ten songs, den über­sicht­li­chen arran­ge­ments und vor allem den ein­gän­gi­gen, unkom­pli­zier­ten, eigent­lich sogar simp­len melodien.

angebissen: der don-camillo-chor auf cd

Musik dazu ver­wen­den, jeman­den zu ver­füh­ren, ist kei­ne neue Idee. Das Opfer mit der Musik als Köder zur Musik zu begeh­ren, ist schon etwas unge­wöhn­li­cher. Und wenn ein Chor das dann auch noch so offen und direkt unter­nimmt wie der „Don-Camil­lo-Chor“ aus dem Münch­ner Umland, dann gehen jeder Ziel­per­son schnell die Argu­men­te für den Wider­stand aus.

Das liegt, wie ihre neu­es­te (und ers­te) CD mit dem pas­sen­den Titel „Good Bait“ beweist, zu gro­ßem Teil an der jugend­li­chen Fri­sche und dem unbän­di­gen Über­schwang, mit dem der gesam­te Chor sich auf sein Reper­toire vor­wie­gend aus Jazz und Pop stürzt. So eine frei­zü­gi­ge Freu­de teilt sich dem Hörer in jedem Moment mit, dass er mit dem größ­ten Ver­gnü­gen anbeißt.

Das Ver­gnü­gen ist aller­dings nicht nur ein Ver­dienst der Sän­ger und ihres Chor­lei­ters, der sie immer wie­der kna­ckig auf den Punkt fokus­siert. Es liegt zu einem gro­ßen Teil auch an den ange­nehm ein­falls­rei­chen Arran­ge­ments, die mehr­heit­lich vom Diri­gen­ten selbst oder aus der bewähr­ten Feder des um kei­ne Poin­te ver­le­ge­nen Oli­ver Gies stammen.

Das reicht vom feu­ri­gen „Chi­li con Car­ne“ aus dem Fun­dus der „Real Group“ über auf­ge­fri­sche Swing-Klas­si­ker bis zu – in ihren kom­ple­xen Arran­ge­ments kaum noch erkenn­ba­ren – Pop-Hits der letz­ten Jahr­zehn­te. Mit einer recht frei­en Bear­bei­tung von Brahms’ „Guten Abend, gut’ Nacht“ beweist der Don-Camil­lo-Chor dann neben­bei auch noch, dass er mehr als nur rei­ner Jazz-Pop-Chor ist: Die­se jun­gen Sän­ger und Sän­ge­rin­nen füh­len sich in vie­len Gefil­den zu Hau­se. Mit Recht. Denn „Good Bait“ ist nicht nur eine schö­ne, gelun­ge­ne Leis­tungs­schau, son­dern auch ein­fach gute Unterhaltung.

Don Camil­lo Chor: Good Bait. Spek­tral SRL4-09049, 2009.

(geschrie­ben für die neue chorzeit)

harte männer ganz sanft: rammsteins „engel“ a‑cappella

Mutig ist es, was der Bos­se-Ver­lag macht: Sei­ne neue Rei­he „Bos­se Hits a‑cappella“ gleich mit Ramm­steins „Engel“ zu eröff­nen. Denn vie­len ist Ramm­stein in Deutsch­land (im Aus­land übri­gens im Grun­de gar nicht) immer noch ein Ärger­nis. „Engel“ ist aber sicher­lich eines der unver­fäng­lichs­ten Lie­der. Und zugleich einer der gro­ßen Erfol­ge der umstrit­te­nen Band, der Durch­bruch in die grö­ße­re Öffent­lich­keit vor über zehn Jahren.

Was der Bos­se-Ver­lag nun vor­legt, ist aber nicht so sehr eine a‑cap­pel­la-Ver­si­on des Ramm­stein-Songs, son­dern eine noch ein­mal bear­bei­te­te Ver­si­on – für gemisch­ten Chor sowie Frauenchor/​Männerchor – des May­be­bop-Arran­ge­ments. Und das Quar­tett ver­kehrt die „Neue Deut­sche Här­te“ des Ori­gi­nals ins ziem­lich genau Gegen­teil – eine wei­che, schmu­si­ge Bal­la­de haben sie dar­aus gemacht. Mit einem recht raf­fi­nier­ten, sehr öko­no­mi­schen Arran­ge­ment. Das fin­det sich auch in den vor­lie­gen­den Sät­zen so wie­der – die hal­ten sich näm­lich sehr genau ans May­be­bop-Ori­gi­nal, nur mini­ma­le Anpas­sun­gen an die ver­schie­de­nen Beset­zun­gen hat Oli­ver Gies noch vorgenommen.

Ein schö­nes Bei­spiel ist die­ser Satz zugleich, wie sehr eine Bear­bei­tung den Cha­rak­ter eines Stü­ckes ver­än­dern kann: Die Noten „stim­men“ eigent­lich noch ziem­lich genau mit der Musik von Ramm­stein über­ein. Aber die Reduk­ti­on auf vier mensch­li­che Stim­men und die Ver­än­de­rung der Struk­tur tun eini­ges, dem Engels­lied jede Här­te zu neh­men – damit aber auch viel von sei­nem eigent­li­chen Reiz. Jeden­falls ist es ein gut sing­ba­res Arran­ge­ment, das zwar tech­nisch schon ver­sier­te Sän­ger for­dert (etwa beim Zwi­schen­spiel in klas­si­scher Imi­ta­ti­ons­tech­nik, eine ech­te May­be­bop-Zutat und ‑Spe­zia­li­tät), sonst aber zurück­hal­tend bleibt. Und es lässt den Inter­pre­ten wie­der­um eini­gen Raum – man muss das nicht unbe­dingt so wie May­be­bop sin­gen. Dass ist das gro­ße Plus die­ser Aus­ga­be und ihre Auf­ga­be an Chö­re und Ensem­bles: Einen eige­nen Weg zwi­schen Ramm­stein und May­be­bop zu finden.

Ramm­stein: Engel. Arran­ge­ment: Maybebop/​Oliver Gies. Gus­tav Bos­se Ver­lag 2008. (Bos­se Hits a cap­pel­la, hrsg. von Ste­fan Kal­mer). Gemisch­ter Chor: BE 721, Frau­en­chor: Be 722, Män­ner­chor: BE 723. 7 Sei­ten, 3,50 Euro.

(geschrie­ben für die neue chorzeit)

st. petersburg und mainz

Der Zusam­men­prall zwei­er Kul­tu­ren gilt oft als ein Zei­chen von Unheil. Das muss aber nicht unbe­dingt so sein. Gera­de in der Musik haben sich immer wie­der gro­ße Ereig­nis­se aus dem Auf­ein­an­der­tref­fen voll­kom­men unter­schied­li­cher Sti­le und Musi­ker ereig­net. Das advent­li­che Chor­kon­zert im Dom war genau so ein Fall. Im Zen­trum stand zwar der St. Peters­bur­ger Kna­ben­chor. Aber die Main­zer lie­ßen es sich nicht neh­men, den Mäd­chen­chor wenigs­tens ein biss­chen sin­gen zu las­sen. Und das war eine groß­ar­ti­ge Idee. Denn einen gro­ßen Teil sei­ner Wir­kung und Ein­drück­lich­keit zog die­se Advents­mu­sik aus die­ser Kon­fron­ta­ti­on. Hier tra­ten zwei völ­lig ver­schie­de­ne Chor­tra­di­tio­nen ins Blick­feld, zwei ganz gegen­sätz­li­che Klangkulturen.
Den Anfang mach­te der Main­zer Mäd­chen­chor. Nicht viel war es, was sie san­gen. Aber es reich­te Kars­ten Storck, um das Niveau und die Qua­li­tät sei­nes Ensem­bles wie­der ein­mal plas­tisch bewusst zu machen. Egal, ob ver­träumt und sanft schwin­gend wie der Satz des Weih­nachts­lie­des „Maria durch ein Dorn­wald ging“ oder federnd zupa­ckend wie bei der aus­ge­wähl­ten Magni­fi­cat-Ver­to­nung: Immer bewie­sen sie vol­le Prä­senz, vor­bild­li­che Klar­heit und Ein­heit des Klang­kör­pers, der alle Struk­tu­ren klar erken­nen ließ.
Und dann der Wech­sel zu den rus­si­schen Jun­gen. Das war nicht nur ein ande­res Geschlecht, das war eine ganz ande­re Idee des Chor­klangs. Denn Trans­pa­renz und kom­po­si­to­ri­sche Struk­tu­ren waren jetzt über­haupt nicht mehr wich­tig. Jetzt ging es vor allem dar­um, den Raum mit Klang aus­zu­fül­len – ein Vor­ha­ben, das im Main­zer Dom zu sehr anre­gen­den Ergeb­nis­sen führte.
Alles war immer im Fluss, jeder Über­gang wur­de von Wla­di­mir Ptschol­kin so sorg­sam abge­fe­dert, dass er nahe­zu uner­kenn­bar wur­de. Es war eine schein­bar nie ver­sie­gen­de Fül­le wei­cher Klang­bil­der, die sie aus den Wer­ken vor­wie­gend rus­si­scher Kom­po­nis­ten her­aus­hol­ten. Und es war immer wie­der ver­blüf­fend, wie naht­los sie sich in den Raum schmieg­ten, wie die gar nicht so vie­len Kin­der und Jugend­li­che die Ener­gien flie­ßen lie­ßen. Einen Sie­ger gab es in die­sem Kon­zert natür­lich nicht, nur zwei völ­lig unter­schied­li­che klang­li­che Ergeb­nis­se. Aber schön waren beide.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung)

musik, den glauben zu festigen: voces cantantes in st. stephan

Anfangs lag noch ein sanf­ter blau­er Schim­mer über dem Kir­chen­raum. Doch bald schon schwand jede Außen­welt ganz und gar dahin. Das lag nicht nur an der ein­bre­chen­den Dun­kel­heit, son­dern vor allem an dem, was in der Kir­che pas­sier­te. Denn rei­ner Chor­klang erober­te den Raum, mach­te ihn sich zu eigen: St. Ste­phan fei­er­te das 30-jäh­ri­ge Jubi­lä­um der Chagall-Fens­ter mit einem Kon­zert der Voces Cantantes.
Und mit einer pas­sen­den Aus­wahl Musik: Wer­ke, die zwar immer wie­der ein Außen mit sich brin­gen, im Kern aber ganz auf sich selbst kon­zen­triert blei­ben hat­te sich Alex­an­der Süß für sei­nen Kam­mer­chor aus­ge­sucht. Denn in allem, was hier erklang, geht es nicht um die Welt, son­dern um Gott, um den Glau­ben und die Zwei­fel der Chris­ten – egal ob mit Musik aus der Renais­sance oder der Roman­tik, egal ob nun Jaco­bus Gal­lus, Johan­nes Brahms oder Felix Men­dels­sohn Bar­thol­dy christ­li­che Tex­te vertonen.
Der Kern des Kon­zer­tes waren eini­ge der vie­len Psalm­ver­to­nun­gen von Men­dels­sohn Bar­thol­dy. Und die tru­gen hier schon so viel Viel­falt in sich, dass sie allein schon aus­ge­reicht hät­ten. Denn die Voces Can­tan­tes bemüh­ten sich sehr und mit hör­ba­rem Erfolg um eine pas­sen­de Klang­ge­stalt für jeden Satz, fast sogar für jedes Wort. Immer wie­der such­te – und fand – Alex­an­der Süß die tref­fends­te Aus­drucks­form, die eine genau pas­sen­de, adäqua­te Umset­zung der stum­men Noten in aus­sa­ge­kräf­ti­gen Schall.
Und die Chor­sän­ger folg­ten ihm dabei sehr wil­lig. Ob es nun die durch­weg sehr fle­xi­blen Tem­pi, die wei­chen Ein­sät­ze oder der strah­lend tri­um­phie­ren­de Schluss­ak­kord waren – immer blie­ben sie eine homo­ge­ne Ein­heit. Dadurch blie­ben alle Gemüts­la­gen der Musik nicht nur erfahr­bar, son­dern auch ver­ständ­lich. Der Zwei­fel an der Gerech­tig­keit Got­tes leuch­te­te eben­so unmit­tel­bar ein wie die unbe­irr­ba­re Fes­tig­keit des Glau­bens und die Freu­de an der Gebor­gen­heit in Got­tes Hand oder an der Herr­lich­keit der Schöpfung.
Dass der eine oder ande­re Über­gang dabei etwas abrupt erfolg­te, dass die Span­nungs­bö­gen manch­mal etwas kurz­at­mig blie­ben, trüb­te die Freu­de nur sehr gering­fü­gig und kurz­zei­tig. Denn schließ­lich endet alles immer wie­der im Wohl­klang, auf den die Voces Can­tan­tes abon­niert schie­nen. Kei­ne Zwei­fel blei­ben, wenn nur der Glau­be fest genug ist – und die Schön­heit der Musik groß genug.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung.)

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