Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

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Aus-Lese #35

Wolf­ram Mal­te Fues: InZwi­schen. Mit Zeich­nun­gen von Thitz. Mün­chen: Alli­te­ra Ver­lag 2014 (Lyrik­edi­ti­on 2000). 127 Seiten. 

fues, inzwischenEin durch­aus fei­ner Lyrik­band, der mir mit sei­nen oft sehr lako­ni­schen, auf bru­ta­le Kür­ze zusam­men­ge­dampf­ten Gedich­ten eini­ge Lese­freu­de berei­te­te. Fues beschreibt vor allem die Ding­haf­tig­keit der Welt und ihre Erschei­nun­gen, der Gegen­stän­de und Zustän­de, Din­ge und Gesche­hen. Sein bevor­zug­tes Mit­tel ist es, Beob­ach­tun­gen oder Tat­sa­chen ein­fach unver­mit­telt auf­ein­an­der­pral­len zu las­sen. Das wird auch sprach­lich immer wie­der deut­lich: Fues bevor­zugt Kon­tras­te, das schwarz-weiß, den Vor­der- und Hin­ter­grund, jetzt und frü­her, unten oder oben und so wei­te. Die wer­den oft direkt gegen­über­ge­stellt, ohne Ver­mitt­lung, ohne ein Zwi­schen. Denn genau um die­ses „Zwi­schen“ geht es, um den Raum, der von den Begrif­fen so eröff­net wird. Dazu pas­sen auch die Ver­tau­schun­gen, gera­de der Kontrastpaare:

Ein Baum wie
eine Antenne.
Eine Antenne
wie ein Baum.
Demnächst
bot­schaf­ten Bäume
blü­hen Anten­nen. (44)

Manch­mal sind Sinn und Spra­che der kur­zen Gedich­te der­ma­ßen ver­knappt und redu­ziert, dass nur noch Rät­sel blei­ben – Rät­sel, die ein lee­res Gerüst der Spra­che zei­gen, aus dem der Sinn aus­ge­trie­ben wur­de ((z.b. 32). Dabei treibt ihn neben die­ser Arbeit an der Spra­che, die zwar redu­ziert, aber auch sehr kon­zen­triert wird, gera­de die Fra­ge der Kau­sa­li­tät oder nur der Kor­re­spon­denz, der zeitlichen/​räumlichen (sprach­li­chen) Fol­ge beson­ders um. Der Titel, das „Zwi­schen“, das ist auch in sei­ner Spra­che das Span­nen­de: Das da-/in-/-/zwi­schen in der Abfol­ge, der Kau­sa­li­tät, der Ent­wick­lung, der Kor­re­la­ti­on (oder auch nicht, der nur so schei­nen­den …). Auf die Strich­zeich­nun­gen von Thitz hät­te ich gut ver­zich­ten kön­nen – für mich sind das blo­ße – oft genug schlech­te, weil bana­le – Illus­tra­tio­nen des im Gedicht vor­kom­men­den, dabei aller­dings sehr oberflächlich.

Robert See­tha­ler: Ein gan­zes Leben. Ber­lin: Han­ser Ber­lin 2014. 77 Sei­ten (ebook)

seethaler, ganzes lebenDen Tra­fi­kant habe ich ja mit gro­ßem Ver­gnü­gen und Gewinn gele­sen. Des­we­gen hat mich Ein gan­zes Leben ziem­lich ent­täuscht. Mei­ne Lek­tü­re­no­ti­zen sind spar­sam: reich­lich lahm fand ich das wäh­rend des Lesen, auch erzäh­le­risch ein­fach lang­wei­lig und cha­rak­ter­los. Der Text beginnt etwas wie Stif­ter (auch sachen wie der am Beginn und Ende auf­tau­chen­de Hör­ner­han­nes und die sagen­haf­te „Kal­te Frau“ wei­sen auf die Ver­wand­schaft hin), dann kommt noch ein biss­chen Wim­schei­der und eine gehö­ri­ge Por­ti­on Franz Inner­ho­fer dazu. See­tha­ler erzählt ein Leben (aber ist das in irgend einer Hin­sicht ein gan­zes? Da sind vie­le Lücken …) eines Man­nes, der als Wai­se in ein öster­rei­chi­sches Gebirgs­tal kommt und dort – mit Aus­nah­me des Zwei­ten Welt­krie­ges – und einem spä­ten, ver­si­ckern­den Aus­bruchs­ver­such nicht her­aus­kommt. Dafür arbei­tet er nach sei­nem Beginn als land­wirt­schaft­li­cher Tage­löh­ner am Ein­zug des Fort­schritts in das Tal in Form von Seil­bah­nen mit – eines Fort­schrit­tes, der aber min­des­tens so unmensch­lich ist wie das har­te Leben zuvor. Das ist tat­säch­lich so kli­schee­haft und ein­falls­los, wie das hier klingt … Ich ver­ste­he ehr­lich gesagt die Begeis­te­rung der Rezen­sen­ten nicht so ganz – das ist mir alles zu banal und zu behä­big erzählt.

Elfrie­de Jeli­nek: Rein Gold. Ein Büh­nen­es­say. Rowohl 2013. 223 Seiten. 

jelinek, rein goldEine Art Streit­ge­spräch zwi­schen Wotan und Brün­hil­de am Schluss des „Ring des Nibe­lun­gen“. Aber Gespräch ist fast schon zu viel gesagt: Die bei­den Stim­men mono­lo­gi­sie­rend mehr ankla­gend abwech­selnd auf ein­an­der zu oder gegen ein­an­der. Es geht um alles, näm­lich die gesam­te Welt und ihre Geschich­te. Dabei kom­men bei­de immer­zu von einem zum ande­ren, vom Hölz­chen aufs Stöck­chen – manch­mal ist es der Klang bestimm­ter Wör­ter, der den Anschluss sichert, manch­mal ein the­ma­ti­scher Zusam­men­hang, manch­mal ein sys­te­ma­ti­scher oder ein per­so­na­ler. Das macht das Lesen so anstren­gend und schwie­rig: Wie eigent­lich immer bei Jeli­nek ist auch Rein Gold total über­frach­tet. Man muss sich selbst eine Schnei­se durch die­se Text­land­schaft schla­gen, sei­nen Weg suchen und dabei so man­chen Irr­gang nicht in Kauf neh­men. Dafür bekommt man eine Ankla­ge der Macht, des auf (unbe­dien­ten) Schul­den beru­hen­den Kapi­ta­lis­mus, der Aus­beu­tung über­haupt, dem Ver­hält­nist von Män­nern und Frau­en und dem von Töch­tern und Väter im beson­de­ren. Das ist oft wit­zig, tref­fend und genau, manch­mal aber auch absurd und manisch, wie hier alles – also wirk­lich Gott und die Welt, schließ­lich ist Wotan ja nicht irgend­wer, wie er ger­ne betont, und Brün­hil­de natür­lich auch nicht – durch den Text­wolf gedreht wird.

Ich ver­ste­he noch immer nicht, was ich sage, muß es aber sagen. (210)

Die­ses ewi­ge Tex­band hat mir den Zugang hier vor allem auf den ers­ten paar Dut­zend Sei­ten ziem­lich erschwert: Wenn man nicht rein­kommt in den Rhyth­mus der Gedan­ken und Wor­te, dann bleibt man aber auch wirk­lich drau­ßen. Die schlech­te Typo­gra­phie macht das Lesen des unbän­di­gen Tex­tes aller­dings auch nicht leich­ter und ver­sagt damit total – die unpas­sen­de Type ohne Liga­tu­ren ist der Anfang, dann ist der Satz­zei­chen-Clash „!,“, der oft vor­kommt, erstaun­lich häss­lich und vor den Aus­ru­fe- und Fra­ge­zei­chen so viel Luft, dass man manch­mal kaum weiß, wo die hingehören. 

Es gibt nichts vom Geld Ver­schie­de­nes, denn es gibt nur Geld, es gibt Ver­schie­de­ne, aber auch von ihnen kommt nur Geld, falls sie es schon vor­her hat­ten, sonst sind sie gar nicht so ver­schie­den. Sonst sind sie die glei­chen wie wir. (89f.)

Alles Geld ist nichts ohne Ware, und die Ware ist nichts als ein beschnit­te­ner Jude, unvoll­stän­dig, aber unbe­streit­bar tüch­tig, immer tüch­tig, das sehe ich vor­aus, bis auch er endet, ach, ich weiß nicht, das sage ich, ein Gott, und die Ware ist das Wun­der­ba­re, die Ware ist das Wun­der, die wun­der­ba­re Ver­meh­rung von allem, nicht nur Brot und Fischen, Jesus auch ein Pfos­ten, klar, ver­schenkt wird nichts, der hat das gemacht, aber er war ein Dil­lo, daß er geglaubt hat, das bringt ihm was, das bringt ihm Anhän­ger oder wie oder was, ich seh sie nicht, ich sehe sie noch nicht, was woll­te ich sagen: Also die Ware ist das wun­der­tä­ti­ge Mit­tel, um aus Geld, das wan­dern muß, das zu einem bestimm­ten Zweck, näm­lich die­sem, wan­dern muß, sonst kann man sich dafür nichts kau­fen, weil dann ja oft die Waren ganz woan­ders sind als das Geld, das eben wan­dern muß, um aus Geld mehr Geld zu machen, um mehr aus sich zu machen. Um aus Geld mehr Geld zu machen. Mehr Geld zu machen und aus. (125f.)

Mat­thi­as Nawrat: Unter­neh­mer. Rein­bek: Rowohlt 2014. 137 Seiten.

nawrat, unternehmerDer Schwarz­wald in nicht all­zu fer­ner Zukunft: deindus­tria­li­siert, auf­ge­ge­ben, ver­las­sen, nur noch eine Rest­be­völ­ke­rung schaut zu, wie die rie­si­gen Trans­por­ter auf der Auto­bahn vor­bei nach Nor­den don­nern, in die Städ­te. Da lebt auch die klas­si­sche Fami­lie – Vater, Mut­ter, Toch­ter, Sohn – von Liba, der 13jährigen Erzäh­le­rin in Nawrats klei­nem, aber durch­aus fei­nen Roman Unter­neh­mer. Die Fami­lie, das ist der Witz, hat die Logik des Kapi­ta­lis­mus auf­ge­so­gen und über­nom­men, bis ins Letz­te des Fami­li­en­le­bens hin­ein. Die Kin­der sind damit Teil des Unter­neh­mens – eines ziem­lich dürf­ti­gen Res­te­ver­wer­ters, der in ver­las­se­nen Fabri­ken und Kraft­wer­ken nach Wert­stof­fen sucht. Das ist eine nicht ganz unge­fähr­li­che Auf­ga­be, der Sohn hat schon einen Arm ver­lo­ren und wird wäh­rend des Romans auch noch sei­ner Bei­ne beraubt. Nawrat führt hier also gewis­ser­ma­ßen die neo­li­be­ra­lis­ti­sche Spiel­art des Kapi­ta­lis­mus nach dem Ende der Pro­duk­ti­on vor. Und er zeigt wun­der­bar, wie hohl die Phra­sen der Ideo­lo­gie (gewor­den) sind. Dazu dient ihm eine fas­zi­nie­ren­de Spra­che, die – wie die Moti­ve der Erzäh­lung – zwi­schen Nai­vi­tät und Raf­fi­niert­heit, zwi­schen Spiel und töd­li­chem Ernst, zwi­schen Locker­heit und Stren­ge (in Ton und Satz­bau glei­cher­ma­ßen) pen­delt. Gera­de dadurch, dass nicht alles expli­ziert wird, sich der Leser eini­ges die­ser selt­sa­men Welt und Gesell­schaft und Fami­lie zusam­men­rei­men muss und auch oft genug auf Lücken stößt, bleibt Unter­neh­mer inter­es­sant. Schön auch, dass Nawrat sei­ne Idee dann auch nicht über­mä­ßig aus­walzt und sich mit 137 Sei­ten beschei­det – mehr ist auch über­haupt nicht nötig, der Punkt ist dann schon längst klar: „Unter­neh­mer­tum“ ist eine lee­re Wort­hül­le, die man noch als Spiel betrei­ben kann, die aber, wenn sie zur allei­ni­gen Ideo­lo­gie gewor­den ist, die Lee­re ihrer selbst vor­führt – und das Feh­len der „wah­ren“ Wer­te wie Emo­tio­nen und Gefüh­le nur noch deut­li­cher wer­den lässt. 

Die Garan­tie hier­für ist der Erfolg unse­rer täg­li­chen Arbeit. Also hängt alles vom Erfolg unse­rer täg­li­chen Arbeit ab, sag­te Ber­ti. Und die­sen wie­der­um haben wir selbst in der Hand, sag­te ich. Es han­delt sich um einen Erfolgs­kreis­lauf, den wir mit unse­rer Arbeit in Bewe­gung halten.

Kili­an Jor­net: Lauf oder stirb. Das Leben eines bed­i­n­ungslosen Läu­fers. Mün­chen: Malik 2013. 222 Seiten. 

jornet, lauf oder stirbZu die­sem schö­nen und tol­len Lauf­buch oder bes­ser: Läu­fer­buch eines außer­or­dent­li­chen Läu­fers habe ich drü­ben im Lauf­blog schon alles not­wen­di­ge gesagt: Viel Licht, ein biss­chen Schat­ten: Lese­emp­feh­lung für alle Ultra-Trail-Lauf-Interessierten. 

außer­dem noch:

  • Fried­rich Höl­der­lin, Hype­ri­on oder der Ere­mit in Grie­chen­land (Re-Lek­tü­re, weil August ist)

Ins Netz gegangen (21.7.)

Ins Netz gegan­gen am 21.7.:

  • Zeit­ge­nös­si­sche Oper: „Aua, aua – Schme-e-erzen!“ | ZEIT ONLINE – chris­ti­nen lem­ke-matwey reka­pi­tu­liert die opern-urauf­füh­run­gen der letz­ten mona­te – und die situa­ti­on des zeit­ge­nös­si­schen musik­thea­ters überhaupt:

    Die Oper bleibt, was sie immer war, trä­ge, kuli­na­risch, teu­er, selbst­ver­liebt – und die Kom­po­nis­ten, auch die, die ihr abge­schwo­ren haben, ver­sam­meln sich halb reu­mü­tig, halb blau­äu­gig in ihrem war­men Schoß.

    nicht ohne hoff­nung, aber so rich­tig begeis­tert scheint sie auch nicht zu sein – und auch kei­ne idee zu haben, was eine (neue) begeis­te­rung aus­lö­sen könnte: 

    Man mag es schlimm fin­den oder nicht, wenn die Men­schen nicht mehr in Mozarts Zau­ber­flö­te oder Bizets Car­men gin­gen; rich­tig schlimm, ja ver­hee­rend wäre es, wenn es kei­ne ritu­el­len Orte mehr gäbe, an denen sich eine Gemein­schaft über ihre Emo­tio­nen und Affek­te ver­stän­dig­te, ohne immer gleich dar­über reden zu müs­sen, einer Sek­te bei­zu­tre­ten oder ins nächs­te Fuß­ball­sta­di­on zu ren­nen. Orte für Musik, Orte für Augen, Ohren und Sin­ne, Opern­häu­ser eben. 

    (ich wüss­te ja nur gern ein­mal, ob das wirk­lich stimmt, dass „der­zeit so vie­le [neue Stü­cke] wie noch nie“ ent­ste­hen – zah­len und ver­glei­che nennt sie lei­der keine …)

  • Uwe John­son: Daheim in der Par­al­lel­welt | ZEIT ONLINE – jan brandt schießt in sei­ner begeis­te­rung für uwe john­son, der ges­tern 80 jah­re alt gewor­den wäre, ein wenig übers ziel hinaus:

    Dabei war John­son der inno­va­tivs­te, radi­kals­te, manischs­te deut­sche Nachkriegsautor.

    trotz­dem aber eine gelun­ge­ne und rich­ti­ge und not­wen­di­ge hom­mage an einen gro­ßen autor

  • Klas­sen­ge­sell­schaft: Stan­des­ge­mäß | Kar­rie­re | ZEIT ONLINE – die „Zeit“ zeigt schö­ne und inter­es­san­te (porträt-)fotos aus der wei­ma­rer republik:

    Der Foto­graf August San­der hat die Stän­de­ge­sell­schaft der Wei­ma­rer Repu­blik por­trä­tiert. Er foto­gra­fier­te die Men­schen in ihrer typi­schen Umge­bung, mit cha­rak­te­ris­ti­scher Klei­dung oder in typi­scher Haltung.

    (von „Stän­de­ge­sell­schaft“ wür­de ich zwar nicht spre­chen, aber seis drum …)

  • IAS­Lon­line Net­Art: Geschich­te der Com­pu­ter­kunst Inhalts­ver­zeich­nis – tho­mas dre­her hat eine „Geschich­te der Com­pu­ter­kunst“ geschrie­ben und pas­send im netz veröffentlicht:

    Nach fünf Jahr­zehn­ten Com­pu­ter­kunst sind aus­führ­li­che­re Rekon­struk­tio­nen der his­to­ri­schen Ent­wick­lungs­li­ni­en des Ein­sat­zes von Rech­nern und Rechen­pro­zes­sen in künst­le­ri­schen Pro­jek­ten fäl­lig, um Com­pu­ter­kunst als eigen­stän­di­gen Bereich der Medi­en­kunst erken­nen zu können.

  • Kolum­ne Luft und Lie­be: So cra­zy wie gol­de­ne Leg­gins – taz​.de -

    Nein, ver­mut­lich hilft die „x“-Endung nicht im Nah­ost­kon­flikt. Viel­leicht löst sie über­haupt ganz wenig und wird schon bald durch irgend­was mit „y“ abge­löst. Men­schen, die sich an Baby­spi­nat-Man­gold-Smoothies gewöh­nen, wer­den sich mit der Zeit auch an neue Sprach­for­men gewöh­nen. Men­schen, die ver­su­chen, einer Wis­sen­schaft­le­rin zu erklä­ren, was sie vor geschätz­ten 37 Jah­ren in der Schu­le gelernt haben, von jeman­dem, der 20 Jah­re vor­her Bio­lo­gie auf Lehr­amt stu­diert hat: schwierig. 

  • Sym­bol­ge­halt ǀ Wir sind wie­der wer anders—der Frei­tag – georg seeß­len über fuß­ball, poli­tik, nati­on, sym­bol und verwertungszusammenhänge:

    Ein Fuß­ball­spiel hat kei­ne poli­ti­sche Bot­schaft, so wenig wie die Fri­sur eines Bun­des­trai­ners einen kul­tur­ge­schicht­li­chen Wen­de­punkt mar­kiert. Die poli­ti­sche Meta­pho­rik wird erst danach pro­du­ziert. Je nach Bedarf. Je nach Inter­es­se. Je nach Ein­fluss. Wie schön wäre es, wie­der ein­mal sagen zu kön­nen, gewon­nen hät­ten ein­fach die­je­ni­gen, die an dem ein oder ande­ren Tag am bes­ten Fuß­ball gespielt haben. Ein schö­nes Spiel sei ein schö­nes Spiel. Und sonst nichts. Aber das ist eben das Kreuz mit den Rea­li­täts­mo­del­len. Sie ver­lie­ren ihre eige­ne Rea­li­tät. Wie viel Wahr­heit ist noch auf dem Platz, wenn die Macht der Insze­na­to­ren und Pro­fi­teu­re ins Uner­mess­li­che geht?

  • Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­ker Recor­dings: Im Lei­nen-Schmuck­pack samt Blu-ray | Musik – Ber­li­ner Zei­tung – Inter­es­sant, wie tief­ge­hend man Klas­sik­kri­ti­ker mit einer außer­ge­wöhn­li­chen CD-Ver­pa­ckung irri­tie­ren & ver­stö­ren kann

Aus-Lese #33

Es wird mal wie­der höchs­te Zeit für die nächs­te Aus-Lese …

Ben­ja­min Stein: Das Alpha­bet des Rab­bi Löw. Ber­lin: Ver­bre­cher 2014. 286 Seiten. 

stein, alphabetDas Alpha­bet, ganz frisch vom Ver­lag, ist den­noch schon eini­ge Jah­re alt: Denn Stein legt hier ein Über­ar­bei­tung sei­nes Erst­lings vor. Das ist eine sehr auf­wän­dig kon­stru­ier­te, ver­track­te Geschich­te, die ich jetzt gar nicht rekon­stru­ie­ren (oder gar nach­er­zäh­len) möch­te – und wohl auch kaum noch könn­te. Was mich wie­der ein­mal über­zeugt und beein­druckt hat, ist das Erzäh­len des Erzäh­lens als The­ma selbst, mit dem fast schon obli­ga­to­ri­schen Ver­wi­schen von Erzähl­tem und Rea­li­tät, bei dem die Gren­zen zwi­schen erzäh­len­dem und erzähl­ten Ich schnell über­wun­den (bzw. unkenntn­lich gemacht) wer­den. Wo das Wirk­li­che unwirk­lich wird (zu wer­den scheint) – und die Phan­ta­sie auf ein­mal real: Da ist man in einem Text von Beja­min Stein. Sera­phin mit See­len aus Feu­er tau­chen hier auf, Selbst­ent­zün­dun­gen der untreu­en Lieb­ha­ber – über­haupt brennt hier ziem­lich viel -: Engel, Golem und Rab­bis, Wor­te und Namen und ähn­li­ches bevöl­ke­ren die­ses amü­san­te Ver­wir­spiel auf vie­len Ebe­nen der Erzäh­lung und der Wirk­lich­keit (aber ist eine Wirk­lich­keit, in der es Engel gibt, Men­schen, die selbst ent­zün­den, Wie­der­ge­bur­t/-erschei­nen nach meh­re­ren hun­dert Jah­ren als iden­ti­sche Per­son, ist so eine Wirk­lich­keit über­haupt „wirk­lich“?), ange­rei­chert mit reli­giö­sen The­men (und eini­gen Kurio­sa, zumin­dest für mich, der ich mich in der jüdi­schen Reli­gi­on so gar nicht aus­ken­ne). Und wie in Agen­ten­thril­lern/-fil­men/-seri­en wird sozu­sa­gen im nach­hin­ein immer noch eine Ebe­ne der Täuschung/​Illusion/​Erzählung/​Fiktion ein­ge­baut, die jeweils erst sicht­bar wird, in dem sie zer­stört wird, auf­ge­löst wird – und ent­spre­chend rück­wir­kend den gan­zen Text auf­löst, ent­kernt, … Das ist ein alter Erzäh­ler­trick, gewiss, den Stein hier aber durch­aus nett umsetzt. Man­che Pas­sa­gen sind für mei­nen Geschmack etwas kri­mi­haft, manch­mal auch etwas argl plau­de­rend erzählt, zu sehr dar­auf ange­legt, gemein­sa­me sache mit dem Leser machen. Mit Ratio­na­li­tät allein wird man die­sem Buch über Engel, das zugleich ein ver­track­ter Mehrgenerationen-Familiengeschichte(n) im 20. Jahr­hun­dert ist, in der alle mit allen zusam­men­hän­gen, kaum gerecht. Und sehr schön ist es übri­gens auch, mal wie­der ein in Lei­nen gebun­de­nes Buch in der Hand zu haben – das liegt da gleich ganz anders …

Was weißt du schon? erwi­der­te die Stim­me. Und das war der Satz, den er von nun an immer wie­der hören soll­te: Was weißt du schon? Sei nicht dumm. Es gibt ein Bild hin­ter dem Spie­gel und eine Stadt tief unter dir. Es gibt Engel, die wer­den als Men­schen gebo­ren, und Men­schen, die gehen in Flam­men auf, weil die Buch­sta­ben keck ihre Plät­ze tau­schen und die Welt auf den Kopf stel­len, nicht mehr als ein Spiel. (201f.)

Fried­helm Rath­jen: Arno Schmidt lesen! Ori­en­tie­rungs­hil­fe für Erst­le­ser und Weg­wei­ser im Lite­ra­tur­dschun­gel. Süd­west­hörn: Edi­ti­on ReJOY­CE 2014. 168 Seiten.

rathjen, schmidt lesenEin schö­ner, kur­zer und kna­cki­ger Über­blick aus der Rath­jen-Werk­statt: Zugleich eine ganz kur­ze Ein­füh­rung in die Bio­gra­phie Schmidts und ein Über­blick über sein Schaf­fen. Das geschieht vor allem im Modus der Kurz­cha­rak­te­ris­tik aller Wer­ke, die Rath­jen chro­no­lo­gisch abhan­delt und so zugleich auch ein biss­chen Rezep­ti­ons­ge­schich­te – vor allem für die nach­ge­las­se­nen Publi­ka­tio­nen und Edi­ti­on – bie­tet. Dazu gehört, den jewei­li­gen Wer­ken zuge­ord­net, ein doch recht aus­führ­li­ches Ver­zeich­nis der (wich­ti­gen?) Sekun­där­li­te­ra­tur – lei­der ohne Kom­men­tar und des­halb also ein doch nicht ganz so poten­ter „Weg­wei­ser“. Als Hilfs­mit­tel und Anre­gung für den (noch) nicht voll­stän­di­gen Schmid­tia­ner ist Arno Schm­dit lesen! aber trotz­dem nütz­lich, auch wenn für mei­nen Geschmack die Text­lein zu den Wer­ken manch­mal doch arg kurz gera­ten sind. Doch weil Rath­jen ein guter Ken­ner des Schmidt­schen-Kos­mos ist, hat das Büch­lein durch­aus sei­nen Wert, der natur­ge­mäß für Schmidt-Ken­ner gerin­ger ist als für Novizen.

Ilma Rakusa: Ein­sam­keit mit rol­len­dem »r«. Erzäh­lun­gen. Graz: Dro­schl 2014. 158 Seiten. 

rakusa, einsamkeitIn Kür­ze: Ganz tol­le Erzäh­lun­gen sind hier zu fin­den, unbe­dingt emp­feh­lens­wert – wenn man klei­ne Geschich­ten zwi­schen Repor­ta­ge und Moment­auf­nah­me aus der Frem­de Euro­pas mit einem Hang zu leich­ter Melan­cho­lie und Trau­rig­keit mag. Meist geben sie kur­ze Ein­bli­cke in Leben und Cha­rak­ter einer Per­son (die den Titel der jewei­li­gen Geschich­te bil­det), oft durch eine nahes­ten­de Erzäh­le­rin, einen Freund etwa. Das hat oft etwas von einer Pseu­do-Repor­ta­ge, wie es etwa ein­ge­ar­bei­te­te Zita­te der Prot­ago­nis­ten einer Erzäh­lung zur Dar­stel­lung ihres Hin­ter­grunds, ihrer Geschich­te nutzt, als stamm­ten sie aus einem Gespräch. Dazu passt auch die Schlicht­heit der Sät­ze – zumin­dest syn­tak­tisch, lexi­ka­lisch ist das durch­aus kunst­voll: Daher kommt auch der lyri­sche, oft leicht schwe­ben­de Ton der Erzäh­le­rin­nen aus der Feder Rakus­as.

Immer wie­der wer­den beschä­dig­te Leben erzäh­len: Hei­mat­ver­lust oder über­haupt Hei­mat­lo­sig­keit, das (ewi­ge) Wei­ter­zie­hen, die Suche nach einem Platz/​Ort (nicht nur, aber auch geo­gra­phisch) im Leben bestim­men den Weg der Prot­ago­nis­ten, die ganz über­wie­gend suchend sind, sich auf dem Weg bein­den, immer unter­wegs – nach Leben, Sinn etc., auch nach Erleuch­tung (mehr­mals suchen sie die ganz pla­ka­tiv in Indi­en): ent­wur­zel­te Men­schen der Moder­ne zeigt Rakusa uns. Momen­tan oder zeit­wei­se, vor­über­ge­hend kann die Ein­sam­keit auf­ge­ho­ben oder sus­pen­diert wer­den – in Freundschaft(en) und Lie­be etwa, wobei die Ent­he­bung aus der Ein­sam­keit immer als sol­che, als nicht dau­ern­de Erleich­te­rung, auch wahr­ge­nom­men und erkannt wird: Das Bewusst­sein der End­lich­keit der „Gesel­lig­keit“ ist immer vor­han­den, ihre Fra­gi­li­tät gewusst. So spie­len sich in den Figu­ren Dra­ma und Trau­ma der Gegen­wart ab: Kapi­ta­lis­mus, Krieg und Krank­hei­ten als Ver­ur­sa­cher der „Stö­rung“. Und: Euro­pa außer­halb Deutschlands/​Mitteleuropa wird gezeigt, mit Krieg und Kriegs­fol­gen, Armut, Lee­re, Ver­zweif­lung, Leid, Trau­er und Trau­rig­keit – ohne des­halb total schwarz zu sein, grun­diert die­se dunk­le Erfah­rung doch nicht nur das Leben der Prot­ago­nis­tin­nen, son­dern auch den Ton der meis­ten Erzäh­lun­gen: dun­kel, aber nicht depres­siv; hart, aber nicht ver­zwei­felt. Auch die Orte sind kei­nes­wegs alles Idyl­len: Kol­jansk etwa wird als rei­ner Höl­len­ort erzählt: Trost­los, aus­sichts­los, ret­tungs­los: „Ein Punkt, der bald ver­schwun­den sein wird. Dort.“ (158) – das sind zugleich die letz­ten Wor­te des Buches – die dem Gan­zen noch einemal einen etwas über­ra­schend düs­ter­nen, trost­los-grau­en Dreh geben

Wie geht das: im Leben eine Sei­te umwen­den? Aus­stei­gen, weg­ge­hen, auf nichts hof­fen als auf die Rich­tig­keit der Ent­schei­dung. (73)

Wir waren kurz sehr lan­ge weg gewe­sen. (79)

Tim B. Mül­ler: Nach dem Ers­ten Welt­krieg. Lebens­ver­su­che moder­ner Demo­kra­tien. Ham­burg: Ham­bur­ger Edi­ti­on 2014. 174 Seiten.

müller, demokratienDemo­kra­tien sind labi­le Gebil­de, Dau­er­haf­tig­keit gibt es nicht, die Demo­kra­tie muss immer neu her­ge­stellt wer­den. Des­we­gen benö­ti­gen sie Ent­schei­dun­gen, Reagie­ren – und Ent­wick­lung, sie ver­zei­hen aber auch Feh­ler. Ganz beson­ders gilt das für Momen­te der Kri­se. Mül­ler zeigt das anhand „der“ Kri­se der moder­nen Demo­kra­tien nach dem Ers­ten Welt­krieg am Ende der 1920er Jah­re, im Umfeld der Wirt­schafts­kri­se. Dabei zeigt Mül­ler auch, wie eng sozia­le Demo­kra­tie (mit ihrer Umver­tei­lung (die aus dem Gleich­heits­pos­tu­lat resul­tiert), also der „Wohl­fahrts­staat“ und demo­kra­ti­sche Orga­ni­sa­ti­on sowie Gesin­nung (der Bevöl­ke­rung) im 20. Jahr­hun­dert in Euro­pa (und den USA) zusammenhängen. 

Demo­kra­tie will Mül­ler ver­stan­den wis­sen als Pro­zess, stän­di­ge Dis­kus­si­on, Ver­ge­wis­se­rung und Anpas­sung sind not­wen­dig und wesen­haft. Das geschieht nicht in allen Län­dern und Gesell­schaf­ten gleich­zei­tig und auf glei­che Wei­se. Für Deutsch­land stellt er etwa fest:

Demo­kra­tie als Kul­tur und Lebens­wei­se muss­te in Deutsch­land mit beson­de­rem Nach­druck ver­an­kert wer­den, weil Kriegs­ver­lauf und Nie­der­la­ge eine schwie­ri­ge Aus­gangs­la­ge geschaf­fen hat­ten: Die Kriegs­nie­der­la­ge führ­te zur Demo­kra­tie, was die Demo­kra­tie belas­te­te. (81)

Und spä­ter heißt es:

Es bedurf­te einer gewal­ti­gen Erschüt­te­rung, um die­ses Gefü­ge ins Wan­ken zu brin­gen. Die Welt­wirt­schafts­kri­se ließ die Ent­wick­lung, die den Zeit­ge­nos­sen seit dem Ers­ten Welt­krieg unauf­halt­sam erschie­nen war, still­ste­hen. Das war nicht der Unter­gang. Aber die Rou­ti­nen und Kon­ven­tio­nen der Demo­kra­tien, die auch unter gro­ßem Druck so lan­ge so gut funk­tio­niert hat­ten, gerie­ten ins Stot­tern. Jetzt kam es auf klu­ges Regie­ren an, jetzt konn­te jeder fal­sche Schritt in den Abgrund füh­ren, jetzt waren anti­de­mo­kra­ti­sche Kräf­te und Tra­di­tio­nen imstan­de, zur Bedro­hung zu wer­den. Die libe­ra­le und sozia­le Demo­kra­tie war nicht am Ende. Sie ging sogar gestärkt aus der gro­ßen Kri­se her­vor. Nur nicht in Deutsch­land. (112f.)

Das ist genau der Punkt, um den die­ser Essay kreist: Die Ent­wick­lung der Geschich­te war – auch in Deutsch­land – kei­ne zwangs­läu­fi­ge, der Weg aus der Kri­se hät­te auch anders aus­se­hen kön­nen. Ver­sa­gen sieht Mül­ler hier vor allem bei Brü­ning, dem er bescheinigt: 

Vom Blick­win­kel der Geschich­te der Demo­kra­tie aus war es nicht die­se oder jene Maß­nah­me der Brü­ning-Regie­rung, die den Unter­gang der Demo­kra­tie ein­lei­te­te, nicht das Spa­ren selbst, son­dern ein fun­da­men­ta­les intel­lek­tu­el­les Ver­sa­gen, die Unfä­hig­keit, Poli­tik in einer der Demo­kra­tie ange­mes­se­nen Kom­ple­xi­tät zu den­ken. (120)

Die Modi, Lösun­gen oder Stra­te­gien zur Bewäl­ti­gung der Kri­se der Demo­kra­tie, dar­auf weist Mül­ler aus­drück­lich hin, hät­ten aber gera­de das zur Bedin­gung gehabt: Die Beherr­schung des „Thea­ters der Demo­kra­tie“ (127) – das scheint für Mül­ler nicht nur der/​ein wesent­li­cher Unter­scheid zwi­schen Brü­ning und Roo­se­velt zu sein, son­dern ein wesent­li­ches Ele­ment erfolg­rei­cher Kri­sen­be­wäl­ti­gung. Zumin­dest kann man sein Lob von Roo­se­velts „demokratische[m] Expe­ri­men­tie­ren“ (129), das Mül­ler wohl als ange­mes­sens­tes Ver­fah­ren, die Kri­se zu be-/über­wäl­ti­gen, ansieht, so sehen.

Im Grun­de ist das auch schon ein wesent­li­cher Teil des Haupt­ar­gu­ments: „Wirt­schafts­wachs­tum, Wohl­fahrts­staat und Demo­kra­tie waren unauf­lös­lich mit­ein­an­der ver­wo­ben.“ (138f.). Und da sind, gera­de in Kri­sen­zei­ten, für Mül­ler han­deln­de Per­so­nen gefragt, Indi­vi­du­en (hier eben Poli­ti­ker (& Keynes ;-))), die die­se Kom­ple­xi­tät erken­nen und zugleich im demo­kra­ti­schen Dis­kurs (dem „Thea­ter“) ange­mes­sen argu­men­tie­ren kön­nen. In allen sei­nen Bei­spie­len macht Mül­ler Akti­ve aus, die die Demo­kra­tie „ret­ten“ (oder im fal­le Brü­nings, eben nicht). Ange­legt ist das dabei durch­aus in Struk­tu­ren, aber die Not­wen­dig­keit der/​einer Ent­schei­dung und – das ist im demo­kra­ti­schen Han­deln eben immer genau­so wich­tig – des Über­zeu­gens bleibt (als vor­nehm­lich indi­vi­du­el­le Leistung!).

Als kon­kre­te Über­le­bens­stra­te­gien von Demo­kra­tien iden­ti­fi­ziert Mül­ler dann vor allem drei Momen­te: Ers­tens die „sozia­le Sta­bi­li­sie­rung durch Sozi­al­po­li­tik“ (das heißt auch, in wirt­schaft­li­chen Kri­sen­zei­ten die staat­li­chen Inves­ti­tio­nen aus­zu­wei­ten statt blind zu spa­ren), zwei­tens die „poli­ti­sche Inte­gra­ti­on durch demo­kra­ti­sches Pathos, durch Par­ti­zi­pa­ti­on und Mobi­li­sie­rung der Bür­ger“ und drit­tens eine Wirt­schafts­po­li­tik mit inten­si­vem ein­grei­fen in öko­no­mi­sche Struk­tu­ren, „ohne Rück­sicht auf öko­no­mi­sche Effi­zi­enz“, d.h. hier v.a. Arbeits­be­schaf­fungs­maß­nah­men (152). Das kann man übri­gens, so deu­tet Mül­ler sehr vor­sich­tig an, durch­aus auch für die gegen­wär­ti­ge Kri­se als Lösungs­fak­to­ren anneh­men … Über alle Kri­sen hin­aus aber gilt: 

Demo­kra­tien muss­ten sich ihrer stän­di­gen Gefähr­dung auch in guten Zei­ten bewusst blei­ben. Unter allen Umstän­den galt es, ihr zivi­li­sa­to­ri­schen Mini­mum zu bewah­ren. (152)

Alex­an­der Gumz: aus­rü­cken mit model­len. Ber­lin: kook­books 2011. 88 Seiten.

gumz, modelleSelt­sam: das fes­selt oder berührt mich so gar nicht – ohne dass ich sagen könn­te, war­um. Irgend­wie zün­den die Bil­der nicht, die Spra­che (Stil und Form) setzt sich nicht fest, die Inhal­te inter­es­sie­ren mich nicht. Die Form­lo­sig­keit (ger­ne in lan­gen Zwei­zei­ler) ist zwar irgend­wie gefühlt kook­books-typisch, aber ich erken­ne nichts, was die Tex­te für mich inter­es­sant mach­te. Viel­leicht braucht’s noch­mal eine Re-Lek­tü­re in ein paar Wochen – wer weiß, mög­li­cher­wei­se sieht der Lese­ein­druck dann schon ganz anders aus … 

Net­te Momen­te hat das näm­lich schon – zum Bei­spiel im ers­ten Zyklus, „zer­beul­tes gelän­de“: Der Wald, der wie auf Dro­gen scheint. Über­haupt spie­len Zei­chen (in) der Natur eine Rol­le: das heißt nicht zufäl­lig „zer­beul­tes gelän­de“, geht es doch immer wie­der um die Ein­wir­kung und die Ein­grif­fe der Men­schen in die Natur bzw. den Wald. Aber dann lese ich eben auch vie­les, was mir nur selt­sam und gewollt erscheint: wie gesagt, die Reso­nanz fehlt bei mir (was durch­aus an die­sem spe­zi­fi­schen Leser lie­gen kann): das sind nur lose gereih­te gewoll­te Bil­der für mich, nach den ers­ten Sei­ten ist aber auch die­ser Reiz weg.

wir leh­nen an der gren­ze zum gewitter,
schüt­teln die köpfe.

unter unse­ren füßen
dehnt sich der steg. (11, zer­beul­tes gelände)

Chris­toph Ban­gert: War Porn. Hei­del­berg, Ber­lin: Keh­rer 2014. 189 Seiten.

bangert, war pornEin har­tes, sehr har­tes und grau­sa­mes Buch. War Porn sam­melt Kriegs­fo­to­gra­fie aus Irak und Afgha­ni­stan vor allem, die in Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten nicht gedruckt wird. Sie zeigt näm­lich vor allem die Opfer, die Res­te, die von Men­schen manch­mal nur noch übrig blei­ben, nach dem der Krieg über sie hin­weg gegan­gen ist. Aber das ist eben auch emi­nent wich­tig, so etwas zu sehen, sich selbst zuzu­mu­ten – Krieg, Gewalt pas­siert ja nicht ein­fach, son­dern wird gemacht. Von Men­schen. Über­all und immer wie­der. Dar­an muss man erin­nern: wie das aus­sieht – abseits der schi­cken Kampf­jets oder der harm­los ver­nied­lich­ten „Droh­nen“. Klug ist das inso­fern, als Ban­gert sehr wohl um die „Nor­ma­li­tät“ sei­ner Bil­der weiß: Die sind – und das gilt eben lei­der auch für das dar­ge­stell­te – kei­nes­wegs außer­ge­wöhn­lich. Unge­wöhn­lich ist nur, dass sie gezeigt wer­den. Das – als Buch – zu loben, hat einen bit­te­ren Bei­geschmack: Denn das ist zwar durch­aus ein schö­nes Buch, schö­ner wäre es aber, wenn es War Porn gar nicht gäbe.

What you see in this book is my per­so­nal expe­ri­ence. And in a way it’s yours, too, becau­se the­se things hap­pen­ed in your life­time. You as a view­er are com­pli­cit. (3)

außer­dem:

  • Peter Weiss, Ästhe­tik des Wider­stands – groß­ar­tig und erschla­gend, fes­selnd und lang­wei­lend ohne Ende (je nach dem, wo man gera­de ist – im 2. Buch hat­te ich ganz schö­ne Durchhänger …)
  • Johann Beer (das „Tage­buch“, Jucun­di Jucun­dis­si­mi wun­der­li­che Lebens-Beschrei­bung u.a.)
  • Chris­ti­an Reu­ter, Schmel­muff­skys wahr­haff­ti­ge curiö­se und sehr gefähr­li­che Rei­se­be­schrei­bung zu Was­ser und Lande
  • Joseph Roth, Das fal­sche Gewicht. Die Geschich­te eines Eichmeisters
  • Max Frisch, Tage­buch 1966–1971

Aus-Lese #31

Bir­git Kemp­ker: Ich will ein Buch mit dir. Weil am Rhein: Urs Enge­ler Edi­tor 1997. 119 Seiten. 

Ein fei­nes und schö­nes Buch ist das, von einer gewis­sen Ele­ganz. Und von einer deut­li­chen Mehr­di­men­sio­na­li­tät, die weit über das „Buch“ als Text hin­aus reicht: Das ist zugleich Buch­kunst (in den von der Autorin über­bor­dend gestal­te­ten Umschlä­gen und Vor­satz­blät­tern), im Text, in den ein­ge­füg­ten Fotos (die wirk­lich asl Bil­der ein­ge­klebt sind wie in einem per­sön­li­chen Album, nicht gedruckt), als Hörstück.

Kemp­ker ver­folgt hier die Geschich­te einer Lie­be, auch (gera­de) der kör­per­li­chen, über zwei Jahr­hun­der­te hin­weg. Sehen spielt dabei eine gro­ße Rol­le – und der Ver­lust davon, die Tren­nung, das Weg-Gehen: Abwe­sen­des Sehen, also Erin­nern und Ver­ge­gen­wär­ti­gen ist ein wich­ti­ges The­ma die­ses Buches, des­sen Gat­tung gar nicht so ein­fach zu bestim­men ist: Das Gedächt­nis und als Bild oder im Foto, aber auch in der Prä­senz der Schrift. Tren­nung und Gegen­wart, Sehn­sucht und Erfül­lung sind die gro­ßen The­men die­ses Buches. Schei­tern oder doch ein (pro­ble­ma­ti­sches) Gelin­gen, das bleibt in der Schwebe.

Kemp­ker schreibt hier dicht, fast atem­los mit den kur­zen Sät­zen, den weni­gen Hypo­ta­xen und den oft nach­ge­stell­ten Appo­si­tio­nen (und über­ge­ord­ne­ten Sät­zen). Am ehes­ten kann man Ich will ein Buch mit dir wohl als Lang­ge­dicht zu bezeich­nen, des­sen Stro­phen aber eher als Blö­cke oder Kapi­tel zu lsesn sind. Über­haupt ist die Unter­schei­dung Pro­sa oder Lyrik hier nicht ein­fach – zur Lyrik weist vor allem die Text­ge­stal­tung auf der Sei­te, weni­ger die eigent­li­che (inne­re) Textgestalt. 

Das Gan­ze ist dabei durch­aus aus­grei­fend: Die Buch­ge­stal­tung – mit den Fotos als „ech­te“ Fotos, wie im Fami­li­en­al­bum ein­ge­klebt, nicht gedruckt, dem Umschlag und den Vor­satz­blät­tern. Und dann auch noch eine CD mit einer knap­pen hal­ben Stun­de „Stü­cke“, die The­men und Sät­ze des Buches auf­grei­fen …, mit den Stim­men spie­len, die die „Bür­ger und Bür­ge­rin­nen der Stadt Ber­lin“ der Autorin und ihrem Co-Autor lei­hen und den Tex­ten, den kur­zen Sät­zen neu­en Klang und neu­en Bei­klang, neu­en Sinn ver­lei­hen. Ein Aben­teu­er, wahrlich.

Ich schwin­ge mich von Satz zu Satz mein Schatz /​ durch die­se Soli­tü­den, ich häng an dir, im /​ Dschun­gel gibt es kei­nen fal­schen Ton, neh­me /​ dei­ne Brie­fe an mein Bett. (75f.)

Moni­ka Maron: Stil­le Zei­le Sechs. Frank­furt am Main: Fischer 1993. 219 Seiten .

maron, stille zeile sechsBei Tho­mas Bern­hard hät­te so ein Buch und sein The­ma den Unter­ti­tel Eine Abrech­nung getra­gen. Dafür ist Maron aber zu fein­sinng und es wäre ihre wohl auch zu direkt. Aber im Kern ist Stil­le Zei­le Sechs (was übri­gens eine Haus­num­mer ist und sich nicht auf irgend einen Text bezieht) genau das: Eine Abrech­nung mit den „Vätern“ der DDR, hier als Beglei­tung des Lebens­en­des und des Begräb­nis des über­zeug­ten Sozia­lis­ten Her­bert Bee­ren­baum durch die His­to­ri­ke­rin Rosa­lind Pol­kow­ski, die Mit­te der 1980er in der DDR beschließt, nicht mehr ihren Kopf und ihr Den­ken dem Arbeits­markt (wie es so schön heißt) zur Ver­fü­gung zu stel­len, des­halb als eine Art Sekre­tä­rin des Bee­ren­baum für die Nie­der­schrift sei­ner Memoi­ren dient und dabei dann doch wie­der anfängt, zu den­ken und mit dem „Kopf zu arbei­ten“ – aller­dings in dras­ti­scher Oppo­si­ti­on un Her­aus­for­de­rung zu Beerenbaum. 

Dar­in, wie in einem Kin­der­bett, lag der geschrumpf­te Bee­ren­baum; der Mensch erkenn­bar als sein ver­schlis­se­nes Mate­ri­al: die gal­lert­ar­ti­ge Sub­stanz der Augen, deren Run­dung die Höh­len frei­ga­ben, die Haut als Per­ga­ment, schon los­ge­löst vom Fleisch, das blaue Geäder hin­ter den trans­pa­ren­ten Schlä­fen, die Schä­del­kno­chen, die sich durch die schlaf­fe Haut dräng­ten und als das Gesicht des Todes schon sicht­bar waren unter dem, das Bee­ren­baum im Leben gehört hat­te. (32f.)

[
Ger­traud Klemm: Herz­milch. Graz: Dro­schl 2014. 237 Seiten. 

klemm, herzmilchDas ist groß­ar­tig, die­ses Buch – die­ser Roman. Dabei ist es eigent­lich fast trau­rig und depri­mie­rend, was hier erzählt wird. Im Kern geht es um die Fra­ge: Wie wird man Frau? Und wie ist man das eigent­lich? Wie ver­hält man sich zu den Rol­len-/Ge­schlechts­er­war­tun­gen, zu den Ansprü­chen der ande­ren, der Gesell­schaft, zu den eige­nen Träu­men zwi­schen Kopf und Körper?

Es gibt kein Ent­kom­men von mei­nem Geschlecht. (182)

Wun­der­bar fand ich die Erzähl­tech­nik, mit der Klemm fast unmerk­lich die Zeit ver­ge­hen lässt: Die fünf Haupt­tei­le sind jeweils bestim­men Lebens­ab­schnit­ten gewid­met – Kind­heit, Pubertät/​Abitur, Stu­di­um, Arbeits­le­ben, Mut­ter­schaft -, in ihnen glei­tet die Zeit oft dahin, wech­sel Klemm und springt ohne direk­te Hin­wei­se im Text nach vorn. Dazu die radi­ka­le Innen­per­spek­ti­ve, die star­ke Ein­sich­ten ver­mit­teln kann. Und das wird dar­über hin­aus in einer sehr bild­haf­ten Spra­che erzählt, gera­de im Anfang, aber auch über die Kind­heit hin­aus: Eine Spra­che, die einen phan­ta­sischen oder zumin­dest phan­ta­sie­vol­len Umgang mit der Umwelt wider­spie­gelt und die die Welt und die Umge­bung belebt.

Ich bin kein Kind mehr, das ist klar. Aber was muss ich jetzt tun, um eine Frau zu sein? (55)/

Suchen und Fra­gen sind die Haupt­mo­ti­ve in Herz­milch – und das Zwei­feln, immer wie­der das Zwei­feln: an der Rol­le, an der eige­nen Iden­ti­tät, an den Zie­len und Wün­schen – ein Leben als Lei­den kris­tal­li­siert sich dabei her­aus. Das ist oft bit­ter und trau­rig, in wei­ten Tei­len auch hart erzählt, schlägt aber nie ins Böse oder zur Bös­ar­tig­keit um. Die­se Grat­wan­de­rung ist es, was wesent­lich dazu bei­trägt, Klemms Roman so gelun­gen zu machen.

Ein Pfahl steckt quer durch unser gan­zes Leben und die Herz­milch spritzt in Fon­tä­nen her­aus. (220)

Fori­an Schei­be: Wei­ße Stun­de. Wien: Luft­schaft 2012. 205 Seiten. 

Florian Scheibe, Weiße StundeAuch wie­der so eine selt­sa­me Geschich­te: Die Freun­din des Erzäh­lers „ver­schwin­det“ bei einem Aus­flug im (Arbeits-)Urlaub in Sizi­li­en, in Noto – und der Erzäh­ler ver­hält sich, das ist der Haupt­teil der Erzäh­lung, des Debüt­ro­mans von Schei­be (auf den ich durch sei­nen Bei­trag in der SpritZ #209 auf­merk­sam wur­de), etwas unge­wöhn­lich, selt­sam und auch ihm selbst uner­klär­lich: Er sucht nicht nach ihr. Fast im Gegen­teil ver­schweigt und ver­heim­licht er zumin­dest zeit- und teil­wei­se ihre Abwe­sen­heit und den Grund. Das führt zu einer neu­en Schaf­fens­kraft des als – bis dahin blo­ckier­ten – Autor arbei­ten­den Erzäh­lers. Dann gerät er aller­dings unter Mord­ver­dacht, wird auch ver­ur­teilt – und im abschlie­ßen­den Teil erfährt der Leser dann sehr hol­ter­di­pol­ter, sehr dif­fe­rent zum ers­ten Teil des Romans, die Unschuld des Erzäh­lers (die Frau war von einem ein­hei­mi­schen Bau­ern ent­führt und ermor­det wor­den, was ein­ein­halb Jah­re spä­ter ans Licht gelangt) bei einer Rück­kehr an den Ort des Ver­lus­tes und des Ver­bre­chens – was aber wie­der­um zu einem Umschlag führt: Die­ses Mal bricht der Erzäh­ler wie­der­um alle Brü­cken ab, lebt als Obdach­lo­ser den sizi­lia­ni­schen Som­mer (ohne Aus­sicht auf Lösung die­ses Zustan­des im Win­ter), aber eben wie­der­um als Schrei­ben­der – Künst­ler-sein gelingt offen­bar nur in dem Moment, in dem er sich aus der Gesell­schaft und ihren Erwar­tun­gen radi­kal aus­klinkt, mit ihnen bricht und sich ihr und ihnen (total, bis zur kör­per­li­chen und geis­ti­gen Selbst­auf­ga­be) ver­wei­gert. Eine gewis­se Skep­sis kann ich ange­sichts des­sen nicht ver­heh­len: Der „Fluch des Schrei­bens“ treibt mir hier zu gro­ße Blüten …

Die Span­nung, die Schei­be aus die­ser Kon­stel­la­ti­on ent­wi­ckelt, ist durch­aus stark – zumal man als Leser dem Erzäh­ler so eini­ges zutraut, ohne sich je sicher sein zu kön­nen. Aber der Schluss hat mich dann doch arg unbe­frie­digt hin­ter­las­sen, zumal das Pen­deln zwi­schen Selbst­über­schät­zung und Selbst­zer­stö­rung zu kei­nem „ver­nün­fi­gen“, irgend­wie befrie­di­gen­den Ergeb­nis führt. 

Klaus Bartsch: Tan­go Ber­lin. Neue und aus­ge­wähl­te Gedich­te. Ber­lin: Wagen­bach 2010. 77 Seiten. 

tango berlinEine manch­mal erstaun­li­che Mischung zeigt die­se vom Autor selbst ver­an­stal­te­te Werk­aus­wahl (lei­der ohne Nach­wei­se und Ent­ste­hungs­zeit- bzw. Erst­ver­öf­fent­li­chungs­an­ga­ben): Es geht in den Gedich­ten oft um har­te Din­ge, um Krieg, Tod, Gewalt und Zer­stö­rung. aber sie zei­gen oft eine spür­ba­re Hei­ter­keit ange­sichts von Grau­en und Schre­cken des Welt­krie­ges, von Man­gel und Zwang. Gewitz­heit und Gelas­sen­heit prä­sen­tie­ren sich oft in lako­ni­scher Cool­ness: knapp und unsen­ti­men­tal, trotz des sen­ti­ma­li­schen For­men­ge­brauchs (mit regel­mä­ßi­ger Metrik mit klas­si­schen Paar- oder Kreuz­rei­men in vie­len Fäl­len). Auch wenn man oft zu lachen beginnt: ein Humo­rist ist Bartsch eigent­lich nicht, es ist eher ein gemei­nes, ein trau­ri­ges, auch ein ver­zwei­fel­tes Lachen.

Nach­kriegs­win­ter

Der Schorn­stein der Schornstein
Sin­gen die Kinder
Ist Nicht­rau­cher geworden
Die Son­ne die Sonne
ging lei­der auch aus
Sie hat kei­nen Bezugsschein
Für neue Koh­len (14)

außer­dem: Das Rolands­lied und ein paar Literaturzeitschriften …

Aus-Lese #30

Jona­than Safran Foer: Tree of Codes. Lon­don: Visu­al Edi­ti­on 2011. 139 Seiten. 

Foer, Tree of CodesDie Idee hin­ter Tree of Codes ist aus­ge­spro­chen cool: Foer nahm einen vor­han­de­nen Text – näm­lich The Street of Cro­co­di­les von Bru­no Schulz – und schnei­det ein­fach weg, was ihm im Weg ist oder nicht gefällt. Das Ergeb­nis, ein Cut-up sozu­sa­gen, ist dann ein neu­er Text. Der Witz ist nun, dass nicht ein­fach der neue Text gedruckt wird, son­dern der Pro­zess des Aus­schnei­dens auch im Ergeb­nis, in Tree of Codes also, noch sicht­bar ist. Denn die Sei­ten sind durch­lö­chert. Alles, was für neu­en Text, die Über­schrei­bung (Palim­psest!) nicht benö­tigt wird, wird weg­ge­schnit­ten. Ent­spre­chend löch­rig sind die Sei­ten: Manch­mal ste­hen vom „ori­gi­na­len“ Text noch hal­be Sät­ze oder ein­zel­ne Wort­grup­pen, manch­mal auf einer hal­ben Sei­te auch nur ein ein­zel­nes Wort und sonst vor allem Luft, Nichts, die tat­säch­lich spür­ba­re Abwe­sen­heit des ursprünglichen/​vorhandenen Tex­tes. Das macht die Fra­gi­li­tät des Buches als Ding und als Text (Lücken!) ganz neu deutlich.

Man ist außer­dem geneigt, dem Text eine gewis­se Offen­heit zuzu­spre­chen: Durch die Lücken, die Löcher auf den Sei­ten, im Papier scheint ja immer das noch kom­men­de schon durch, ist also schon prä­sent – als Wort, als Satz­zei­chen, als Split­ter oder nur als Lücke. Das täuscht aber ziem­lich. Auch die Idee des „Satz­bil­des“ bekommt eine ganz neue Bedeu­tung: Tat­säch­lich macht es irgend­wie doch einen Unter­schied, ob ein Satz mit weni­gen Lücken geschnit­ten ist oder ob ein klei­nes Gebil­de wie „I found mys­elf lost.“ (80÷81) sich über andert­halb Sei­ten – mit enspre­chend viel Luft – erstreckt: Das Gewicht wird ein ande­res (eher rezi­prok aber …)

Lee­re und Abwe­sen­hei­ten spie­len aber auch inhalt­lich eine gewis­se Rol­le (oder mei­ne Per­spek­ti­ve ist durch die Form ver­scho­ben). Der ste­hen­ge­blie­be­ne Text ist dabei manch­mal etwas schräg (wie die ver­rut­schen­den, absin­ken­den Häu­ser …), einen Tick sur­re­al oder expres­sio­nis­tisch (in der Dar­stel­lung der Stadt). Auf­lö­sungs­er­schei­nun­gen, das Ver­schwin­den, Ver­blas­sen und Ver­wan­deln von Per­so­nen und Din­gen spie­len hier eine bedeu­ten­de Rolle.

The tree of codes was bet­ter than a paper imi­ta­ti­on. (96)

Wolf­gang Hil­big: Eine Über­tra­gung. Frank­furt am Main: Fischer 2011 (Wer­ke 4). 427 Seiten. 

hilbig, eine übertragungEine Über­tra­gung ist Hil­bigs ers­ter Roman und trotz­dem gleich ein „ech­ter“ und typi­scher Hil­big: Das Pro­blem des Ichs wird hier durch­de­kli­niert, ins­be­son­de­re die Fra­ge nach der Iden­ti­tät eines Schrift­stel­lers. Die Iden­ti­tät der Haupt­fi­gur, eines schrift­stel­lern­den Hei­zers (oder als Hei­zer arbei­ten­den Schrift­stel­lers, das hängt von Stand- und Zeit­punkt ab), steht dabei nicht nur unter inne­rem Druck und Recht­fer­ti­gungs­zwang, son­dern gera­de auch unter äuße­rem Zwang, der sich in den staat­li­chen Repres­sa­li­en der DDR-Insti­tu­tio­nen (geheimdienstlich/​polizeilich) äußert – was natür­lich zusam­men­hängt und sich gegen­sei­tig verstärkt.

Die gan­ze Über­tra­gung ist des­halb eine Art „Selbst­ver­neh­mung“, in dem die erzäh­len­de Haupt­fi­gur ver­sucht, die­sem Pro­blem – also: Wer ist die­ses Ich? Kann ich mei­nen Erin­ne­run­gen trau­en? Und mei­nen Wahr­neh­mun­gen? – auf den Grund zu gehen. Der dabei reich­hal­tig kon­su­mier­te Alko­hol hilft nicht unbe­dingt, Klar­heit zu ver­schaf­fen. Neben­bei gibt es noch ein wei­te­res Pro­blem, das der Unter­su­chung bedarf: Die Lie­be – als Pro­blem in einer Gesell­schaft der Angst/​Sicherheit/​Unterdrückung). Das ist in Hil­bigs typi­scher mäch­ti­ger, har­ter Spra­che manch­mal anstren­gend, über die lan­ge Stre­cke durch­zu­hal­ten. Aber es ist in sei­ner kör­per­li­chen Wucht eben auch immer wie­der groß­ar­tig und berei­tet mir aus­ge­spro­chen gro­ßes Vergnügen …

Es war da ein Text, der auf sei­nen Ver­fas­ser war­te­te, aber andau­ernd griff das Leben ein und hin­der­te den Ver­fas­ser, indem es sei­ne eige­ne Geschich­te schrieb … […]. (107)

Lui­se F. Pusch: Das Deut­sche als Män­ner­spra­che. Auf­sät­ze und Glos­sen zur femi­nis­ti­schen Lin­gu­is­tik. Frank­furt: Suhr­kamp 1984. 202 Seiten. 

Man­ches von den hier ver­sam­mel­ten, etwas dis­pa­ra­ten (lin­gu­is­ti­schen) Auf­sät­zen und (jour­na­lis­ti­schen) sprach­kri­ti­schen Glos­sen von Lui­se Pusch ist inzwi­schen etwas geal­tert – vor allem in dem Sinn, dass man die Ent­ste­hungs­zeit der 1980er erkennt. Das meis­te aber ist noch – erschre­ckend eigent­lich – aktu­ell und gül­tig sowie­so: Pusch zeigt einer­seits, wie sehr die deut­sche Spra­che von patriacha­li­schen Struk­tu­ren und Denk­mus­tern geprägt ist und schlägt ande­rer­seits vor, wie man das ändern könn­te – damit die Nicht-Män­ner nicht immer nur „mit­ge­meint“ sind. Ihr Haupt­vor­schlag im titel­ge­ben­den Auf­satz ist letzt­lich so etwas wie eine Ent­ge­schlecht­li­chung (wie sie z.B. im Eng­li­schen weit ver­brei­tet ist): Aus „der Pro­fes­sor“ und „die Pro­fes­so­rin“ wird „der Pro­fes­sor“ und „die Pro­fes­sor“. Ihr ist natür­lich klar, dass das ein recht radi­ka­ler Ein­griff in die über­lie­fer­te Sprach­struk­tur ist und des­halb von vor­ne­her­ein abge­lehnt wird (auch wenn das Ergeb­nis kei­nes­wegs unsys­te­ma­tisch im Deu­schen wäre). Als „klei­ne“ Alter­na­ti­ve bevor­zugt sie dann wenigs­tens die Dop­pel­nen­nung bzw. deren abge­kürz­te Form mit Binnen‑I.

Hel­mut Oeh­ring: Mit ande­ren Augen. Vom Kind gehör­lo­ser Eltern zum Kom­po­nis­ten. Ber­lin: btb 2011. 256 Seiten. 

Oehring, Mit anderen AugenOeh­rings frü­he Auto­bio­gra­phie ist als Text bzw. Buch ziem­lich selt­sam und lebt wohl nur von der schon im Unter­ti­tel ver­kün­de­ten Beson­der­heit sei­nes Lebens­we­ges – die Lebens­ge­schich­te eines „nor­ma­len“ (im Sin­ne der stan­dar­di­sier­ten Erwar­tung) Kom­po­nis­ten hät­te wohl nicht die­sen Ver­lag gefun­den. Ich emp­fand das text­lich vor allem also als recht kru­de Mischung aus sehr per­sön­li­chem Erle­ben und Künst­ler­bio­gra­phie mit Beto­nung des Auto­di­dak­ten­tums und der Unwahr­schein­lich­keit des Gelin­gens, dem Hän­gen­blei­ben im Dazwi­schen (zwi­schen Wel­ten) sowie Erläu­te­rung der Ent­ste­hungs­zu­sam­men­hän­ge und Bedeu­tung der eige­nen Wer­ke. Kru­de wirkt das vor allem, weil es so chao­tisch erzählt ist, ohne erkenn­ba­re Abfol­ge oder Zusam­men­hän­ge, in Fet­zen fast. Oeh­ring betont dabei auch ger­ne und wie­der­holt die von ihm erleb­te Wucht der Erfah­rung von Neu­em, ins­be­son­de­re von Kunst – also Oper, Musik, Pop und so wei­ter. Das wird dann aber von ihm immer wei­der mit sehr all­ge­mei­nen Beob­ach­tun­gen und künst­le­ri­schen Arbei­ten (vor allem Aus­schnit­ten aus den Tex­ten sei­ner Kom­po­si­tio­nen) gemischt. Und so ekkle­ti­zis­tisch Oeh­ring sich im Hören gibt (von Schön­berg bis Depe­che Mode rei­chen unge­fähr sei­ne Vor­lie­ben), so unein­heit­lich ist auch sei­ne Spra­che – oft sehr höl­zern, manch­mal sti­lis­tisch aus­ge­spro­chen unge­lenk, an ande­ren Stel­len aber auch sprü­hend vor Begeisterung.

Richard Ale­wyn, Karl Sälz­le: Das gro­ße Welt­thea­ter. Die Epo­che der höfi­schen Fest in Doku­ment und Deu­tung. Ham­burg: Rowohlt 1959. 134 Seiten. 

Das große WelttheaterDie­se klas­si­sche Dar­stel­lung der Epo­che des Barocks als Zeit­al­ter des Fes­tes war­te­te schon län­ger auf mei­ne Lek­tü­re. Im ers­ten Teil bie­tet Ale­wyn hier eine über­sicht­li­che Mor­pho­lo­gie des baro­cken Fes­tes, die – so weit ich das über­bli­cke – gelun­gen auf grund­le­gen­de Züge abs­tra­hiert, aber das mit Bei­spie­len reich­hal­tig demons­triert. Dem schließt er eine nähe­re Betrach­tung der Ele­men­te des Fes­tes im Barock an (die vor allem das Thea­ter aus­führ­lich wür­digt) und auch eine Situ­ie­rung des baro­cken Fes­tes im Leben & Geselll­schaft. Hier spürt man viel­leicht am deut­lichs­ten das Alter des Tex­tes. Bei der Abgren­zung zum „Volk“ etwa – davon hat Ale­wyn kaum einen Begriff, ihn inter­es­sie­ren die offen­sicht­li­chen Quel­len – und die sind aus adli­gen Krei­sen oder beschrei­ben zumin­dest vor allem den Adel. Dem­entspre­chend kon­zen­triert er sich ganz stark auf die­se „wich­ti­ge“ Schicht – was sich in die­sem Unter­su­chungs­zu­sam­men­hang sach­lich ja auch weit­ge­hend recht­fer­ti­gen lässt -, der Rest ist allen­falls Staffage. 

Der zwei­te Teil des Taschen­buchs fügt dem dann noch eini­ge Beschrei­bun­gen gro­ßer Fes­te des Barocks an, die lei­der nicht vor­wie­gend Quel­len sind, son­dern in der Haupt­sa­che Quel­len­pa­ra­phra­sen (was inso­fern ver­ständ­lich ist, als die baro­cken Fest­be­schrei­bun­gen natür­lich barock sind – d.h. unse­ren heu­ti­gen Lese­ge­wohn­hei­ten viel­leicht ein wenig zu ausführlich …).

Die Geschich­te des höfi­schen Fes­tes, eines der glän­zends­ten Kapi­tel abend­län­di­scher Kul­tur­ge­schich­te, war­tet umge­schrie­ben und kaum gese­hen der Auf­er­ste­hung aus den Grüf­ten unse­rer Archi­ve und gra­phi­schen Samm­lun­gen. Es fehlt nicht an der Samm­lung und Kata­lo­gi­sie­rung die­ser Schät­ze, aber es fehlt an jeder geis­ti­gen Ord­nung und Deu­tung. (16)

Ein jedes Zeit­al­ter schafft sich ein Gleich­nis, durch das es im Bild sei­ne Ant­wort gibt auf die Fra­ge nach dem Sinn des Lebens und in dem es den Schlüs­sel aus­lie­fert zu sei­nem Geheim­nis. Die Ant­wort des Barock lau­tet: Die Welt ist ein Thea­ter. Groß­ar­ti­ger kann man viel­leicht von der Welt, aber schwer­lich vom Thea­ter den­ken. Kein Zeit­al­ter hat sich mit dem Thea­ter tie­fer ein­ge­las­sen als das Barock, kei­nes hat es tie­fer ver­stan­den. In kei­nem Stoff aber auch hat das Barock sich völ­li­ger offen­bart als im Thea­ter. Es hat das Thea­ter zum voll­stän­di­gen Abbild und zum voll­kom­me­nen Sinn­bild der Welt gemacht. (48)

Andre­as Alt­mann: Die lich­ten Lie­der der Bäu­me lie­gen im Gras und schei­nen nur so. Leip­zig: Poe­ten­la­den 2014. 101 Seiten. 

Altmann, Die lichten LiederDas Mot­to stellt gleich wich­ti­ge Ele­men­te des sehr fas­zi­nie­ren­den Gedicht­ban­des von Alt­mann vor: 

erin­ne­run­gen häu­ten sich. immer wie­der /​ stel­len sie mir ihre kör­per in die spiegel.

heißt es da: Erin­ne­run­gen, Kör­per, auch die Kör­per­lich­keit der Erinnerung(en) sowie Spie­gel und Selbst­be­trach­tun­gen durch­zie­hen als Moti­ve vie­le der Gedich­te. Gera­de der Aspekt des Zusam­men­hangs von Erin­ne­rung und Geschich­te schlägt sich bei Alt­mann oft nie­der. Das sind kon­kre­te (teil­wei­se sogar sehr kon­kre­te!), streng öko­no­misch „erzähl­te“ Sze­nen und klei­ne Geschich­ten, die mit spar­sa­men Hin­wei­sen auf ihre geschicht­li­che Situ­ie­rung über das eigent­lich Erzähl­te ger­ne hin­aus­wei­sen. Dafür reicht manch­mal schon ein ein­zel­nes Wort – „Grenz­weg“ zum Bei­spiel situ­iert das Gedicht zeit­lich und ört­lich an der inner­deut­schen Gren­ze. Trotz­dem neigt Alt­mann dazu, sei­ne Lyrik prä­sen­tisch zu prä­sen­tier­ten, als ob sie ohne Zeit wäre: „… aus der zeit fällt. die wun­den sind leer.“ heißt es ein­mal. (11)

Sei­ne kon­kre­te, auf der Ebe­ne der Lexik gera­de­zu all­täg­li­che Spra­che ver­bin­det sich zu star­ken Bil­dern, die gera­de durch ihre Genau­ig­keit und Schlicht­heit wirk­mäch­tig sind. Dabei füh­len sich vie­le sei­ner Gedich­te, die auch immer wie­der die Natur an den Kul­tur­rän­dern, an den Schnitt­stel­len zwi­schen mensch­li­chen Arte­fak­ten und „rei­ner“ Natur evo­zie­ren, sehr men­schen­leer an, obwohl das „Ich“ – aller­dings bevor­zugt im spie­gel – durch­aus vor­kommt. Prä­gen­der sind aller­dings die (Natur-)Räume mit Schnee (auch Regen) und ihrem spe­zi­el­len Licht, die „geschich­te im land­schafts­park“ (16) oder die „ana­to­mie der erin­ne­rung“ (22).

In den oft stil­len, unauf­ge­reg­ten Gedich­ten schwingt immer eine gewis­se, star­ke Leich­tig­keit mit, eine schein­ba­re Natür­lich­keit der Spra­che, wie sie im immer wie­der vor­kom­men­den Bild der Feder sich typisch mani­fes­tiert. Die Feder ist auch inhalt­lich ganz tref­fend: Als Rest eines Leben­we­sens, als Stell­ver­tre­ter, zugleich aber auch eine Wun­de (hin­ter­las­send), dabei sich schwe­bend fort­be­we­gend (kein eigent­li­ches flie­gen …), ziel­los, unge­steu­ert und unre­gel-/steu­er­bar, zugleich Teil der Land­schaft (der Natur) und der/​ihrer Geschöpfe.

… die geräu­sche in der land­schaft /​ sind blind. ich tast mich an wor­ten durch /​ die gedächt­nis­räu­me. … (26)

Nina Buß­mann: Gro­ße Feri­en. Ber­lin: Suhr­kamp 2012. 200 Seiten. 

Bußmann, Große FerienBuß­manns Roman ist ein schö­nes, inten­si­ves Kam­mer­spiel der Moral. Der Text lebt stark von sei­ner geschick­ten Infor­ma­ti­ons­ver­ga­be, der all­mäh­li­chen, immer wie­der durch Abschwei­fun­gen, Ablen­kun­gen und Sprün­ge unter­bro­che­nen Auf­klä­rung des Lesers – die übri­gens bis zum Schluss nicht voll­stän­dig geschieht. Aber wie immer gilt ja: Der Pro­zess ist meis­tens inter­es­san­ter als das Erge­benis. Hier geht es um einen älte­ren Leh­rer und sein Ver­hält­nis zu einem begab­ten Schü­ler, das zu einem Eklat – dem „Vor­fall“ – sich stei­gert und dar­in aber auch, gemein­sam mit der Sicher­heit des Gewis­sens, der Wahr­neh­mung (und der Anstel­lung) des Leh­rers, der kei­nen Vor­na­men hat, sei­nen Schluss fin­det. Ent­we­der ist das ein gewal­ti­ger Kli­max, der sich in einer Ohr­fei­ge ent­lädt – oder eben nicht, weil die Ohr­fei­ge aus­bleibt, mit ihr aber eben auch die Ori­en­tie­rung im Leben und der Moral, im Wis­sen um Gut und Böse, Falsch und Rich­tig. Und das ist eben das zen­tra­le Schei­tern Schramms, der Hauptfigur: 

Sie sind Leh­rer, Sie müs­sen die Din­ge klä­ren und nicht ein Geheim­nis dar­aus machen. (129)

Buß­mann erzählt das in einem sehr schö­nen, stän­dig flie­ßen­den Wech­sel im Hin und Her zwi­schen der Gegen­wart (dem Sor­gen um den Gar­ten, die Befrei­ung der Auf­fahrt vom Unkraut – wun­der­bar, wie genau und prä­zi­se Buß­mann das schil­dern kann!) und der Vor­ge­schich­te, dem Her­an­tas­ten an den „Vor­fall“. Die genaue Beob­ach­tung und Wahr­neh­mung der Umge­bung (der Umwelt) durch die Augen Schramms spielt eine wesent­li­che Rol­le gera­de weil sie in der erzähl­ten Zeit, die bru­tal ver­lang­samt erscheint, kon­tras­tiert mit der Unge­wiss­heit in im wei­tes­ten Sin­ne mora­li­schen Frage.

Gefal­len hat mir aber auch die Viel­falt der erzähl­ten Aspek­te. Eine Rol­le spie­len unter ande­rem auch noch das memen­to mori für die Mut­ter, der Vater als Pro­blem­fi­gur der Ver­gan­gen­heit und Vikk­tor als undurch­schau­ba­rer Bru­der (der ein­mal sogar als Ter­ro­rist ver­mu­tet wird) … Auch sti­lis­tisch hat Buß­mann mit ihren gesta­pel­ten Sät­ze eine pas­sen­de Form gefun­den: Die Sät­ze sind ein­fach nie fer­tig, nie abge­schlos­sen, immer wie­der gibt es wie nach­träg­lich ein­ge­füg­te, ein­ge­scho­be­ne Ergän­zun­gen, Prä­zi­sie­run­gen, Erwei­te­run­gen, die als sol­che eben über­deut­lich kennt­lich blei­ben, was zu einer frag­men­tier­ten Syn­tax, einer per­ma­nen­ten Sto­ckung und Unter­bre­chung führt (und das Lesen dadurch bewusst verlangsamt …): 

Zwan­zig Jah­re oder län­ger hat­te er dort ver­bracht, im Hin­ter­land, in einem von allen Ver­kehrs­we­gen abge­schie­de­nen Berg­dorf, und auch wenn es dar­um für einen Dok­tor nie gereicht hat­te, war er jeden­falls, ent­ge­gen allen Erwar­tun­gen, Arzt gewor­den, ein rich­ti­ger, wahr­schein­lich nicht ein­mal ein schlech­ter Arzt. (145)

Ein sehr klu­ges, schö­nes und lesen­wer­tes Buch.

Alex­an­der Schim­mel­busch: Die Murau Iden­ti­tät. Ber­lin: Metro­lit 2014. 206 Seiten. 

Schimmelbusch, Murau IdentitätDie Murau Iden­ti­tät (sic, der Autor schreibt das – wohl in Anleh­nung an die „Bourne Iden­ti­ty“ – ohne not­wen­di­gen Bin­de­strich) ist lei­der doch ein ziem­lich lang­wei­li­ges Buch. Hin­ter der „Murau-Iden­ti­tät“ ver­birgt sich ein unto­ter Tho­mas Bern­hard, der ein­fach wei­ter lebt (war­um, wird nicht so recht klar), was wir aus „Rei­se­be­rich­ten“ sei­nes Ver­le­gers, die dem Erzäh­ler zuge­spielt wer­den, erfah­ren. Das ist natür­lich eine Stil­ko­pie Tho­mas Bern­hards, auch in den Rants, die ver­su­chen, Bern­hard zu imi­tie­ren – aber lei­der nur eine mäßi­ge, in der Regel bleibt es flach, niveau­los und vor allem völ­lig banal. Wahr­schein­lich ist das Bern­hard-Imi­tat immer nur bein ers­ten Mal über­haupt inter­es­sant … Manch­mal blitzt immer­hin etwas Witz (und ganz sel­ten auch Esprit) hin­durch, eini­ge schö­ne Absur­di­tä­ten hat zusam­men mit viel Leer­lauf auch ein­ge­streut. Irgend­wie scheint mir das Ziel eine Mischung aus gewe­sen zu sein. Lei­der bleibt der Text aber eine bloß not­dürf­ti­ge zusam­men­ge­stop­pel­te Rah­men­hand­lung für die fünf Berich­te des „Ver­le­gers“ zum Unto­ten Tho­mas Bern­hard (und sei­nem Roman­pro­jekt Àni­ma Negra über die posi­ti­ven Sei­ten der Ehe & Fami­lie) – viel mehr als die­se Idee ist in den 200 Sei­ten ein­fach nicht drin.

Aus-Lese #29

Die­ses Mal eine lan­ge, lan­ge Lis­te, weil ich etwas nach­läs­sig war und des­halb eini­ges nach­tra­gen muss:

Hen­drik Rost: Licht für ande­re Augen. Göt­tin­gen: Wall­stein 2013. 80 Seiten. 

Rost, LichtSchon die Wid­mung hat mich für die­sen Lyrik­band ein­ge­nom­men: „Ein Wort hin, zwei Wör­ter her – viel mehr ist es oft nicht, aber das ist die Kunst. Jamas!“ (4) heißt es dort. Genau, so ist es. 

Und Rost gelingt es, die Kunst der Dich­tung. Sei­ne rhyth­misch frei­en, unge­reim­ten Gedich­te, alle ein­zeln und von über­schau­ba­rer Län­ge, haben eine leich­te Anmut, eine schwe­ben­de Weh­mut ist ihnen eigen – so unge­fähr lässt sich ihr Ton wohl fas­sen, viel­leicht auch als Ele­ganz des Flus­ses der Spra­che und der Bil­der. Lee­re Räu­me (d.h. frei von Men­schen, ver­las­sen, aber nicht tot) schei­nen ihn zu fas­zi­nie­ren, meint man am Anfang des Ban­des. Aber das täuscht, die Men­schen tau­chen doch immer wie­der auf, als Kind, auf Bil­dern, als Dia­log­part­ner und als Tote/​Geister aus der Ver­gan­gen­heit (Brecht, Celan, Kling und vie­le ande­re wer­den auch nament­lich herbeigerufen). 

Über­haupt der Tod und die Ver­gan­gen­heit: die ster­ben­de Klar­heit, aber auch die Trau­er der Din­ger behaup­ten immer wie­der ihren Platz. So heißt es zum Bei­spiel in „Platz­ver­weis“:

Manch­mal ist die Trau­rig­keit eines Stuhls /​ nicht die Trau­rig­keit, die der Stuhl /​ aus­strahlt, son­dern die /​ der­je­ni­gen, die auf ihm geses­sen haben /​ vor Tagen, Jah­ren oder län­ger. (21)/

Das Schö­ne an Rosts Gedich­te ist immer wie­der das Sehen und Schrei­ben mit ande­ren Augen. Der Ein­fall des All­tags in die Kunst (und die (Lebens-)Philosophie), zugleich aber auch ganz deut­lich die Gegen­wart der – nicht nur lite­ra­ri­schen – Vergangenheit(en): Das zeich­net sein Werk beson­ders aus.

Flo­ri­an Voß: Daten­schat­ten Daten­strö­me Staub. Ber­lin: J. Frank 2011 (Quart­heft 28). 80 Seiten. 

Voß, DatenschattenDer Auf­takt ist gleich eine schö­ne Kon­tra­fak­tur oder Wie­der­auf­nah­me der Cel­an­schen „Todes­fu­ge“ in „Ver­fug­tes Meis­ter­stück“: Die Re-Grun­die­rung im All­tag, die Ent­mys­ti­fi­zie­rung und Ent­zau­be­rung der tota­len Meta­pher – das klappt hier ganz gut. Über­haupt fin­det sich das in vie­len Gedich­ten von Voß: Die unter­schieds­lo­se Gleich­wer­tig­keit von All­tag mit sei­nen Bana­li­tä­ten und abso­lu­ter Phan­ta­sie. Manch­mal wen­det sich das etwas arg ins pun­ki­ge und tra­shi­ge (für mei­nen Geschmack). Aber die Dop­pel­ge­sich­tig­keit – auf der einen Sei­te die hohe Spra­che mit aus­ge­sucht phan­ta­sie­vol­len Meta­phern und wil­den Bil­dern, auf der ande­ren Sei­te aber auch (bewuss­te – neh­me ich an) Platt­hei­ten und fla­che Wör­ter und Sät­ze – ste­hen neben­ein­an­der oder wer­den ein­an­der kon­fron­tiert. Oft klingt das in mei­nen Ohren dann groß und leer zugleich, also etwas prä­ten­ti­ös. Manch­mal scheint das aber auch groß­ar­tig – aber eher sel­ten, oft lässt mich das ein­fach kalt. Die­se Gegen­sät­ze bil­den oft schrof­fe, scharf­kan­ti­ge Unfäl­le, aus denen ich aber kei­ne Fun­ken schla­gen kann und die mich – wie das meis­te in die­sem Band – rat­los und unbe­tei­ligt las­sen. (Und an die binär codier­ten Sei­ten-/Buch­teil-/Ge­dicht­zah­len kann ich mich gar nicht gewöhnen …)

Nur kei­ne Panik, es ist nur /​ ein Vul­kan der da raucht /​ nicht der Kopf, der ist leer (Über­all Kuscheltiere)

Dou­glas Cou­p­land: Play­e­rO­ne. What Is to Beco­me of Us. A Novel in Five Hours. Lon­don: Hei­ne­mann 2010. 248 Seiten.

Coupland, PlayerEine „real-time novel“ hat Cou­p­land Play­e­rO­ne genannt, das als eine Art Vor­le­sung in fünf Stun­den ent­stan­den ist und dem­entspre­chend auch fünf Tei­le auf­weist. Es geht, wenig über­ra­schend bei Cou­p­land, um die Zukunft der Mensch­heit: Eine Grup­pe zufäl­lig zusam­men­ge­wür­fel­ter Men­schen gerät in einer Flug­ha­fen­bar in ein apo­ka­lyp­ti­sches Sze­na­rio, hier der Zusam­men­bruch der Ölver­sor­gung (und damit der gesam­ten Ener­gie) von einem Moment auf den ande­ren, mit den ent­spre­chen­den anar­chi­schen und gewalt­tä­ti­gen Fol­gen, die noch durch ein paar ande­re Erzähl­strän­ge, die ihre eige­ne Dyna­mik und teil­wei­se Gewalt ber­gen, über­la­gert wer­den. Das dient Cou­p­land dann dazu, sich sei­nen Lieb­lings­the­men zu wid­men: Wie sieht die Zukunft der Mensch­heit aus, wie die der Gesell­schaft? Er erzählt das hier mit per­spek­ti­vi­schem Fokus auf den ein­zel­nen Per­so­nen, dekli­niert also immer, in jeder „Stun­de“, das vor­han­de­ne Per­so­nal durch – erwei­tert um den „Play­er One“, so etwas wie eine tech­nisch-pro­gram­mier­te Iden­ti­tät einer der Cha­rak­te­re. Außer­dem ver­han­delt wer­den: Lebens­we­ge, psy­ch­ana­ly­ti­sche Deu­tun­gen und ganz stark das Pro­blem der Zeit, ihr Tem­po, ihre Linea­ri­tät, ihr Fort­schrei­ten und Anhalten …

Luke once thought time was like a river, and that it always flowed at the same speed, no mat­ter what. But now he belie­ves that time has floods, too – it sim­ply isn’t a con­stant any­mo­re. (70)
Tho­se bodies bind us to the future. They’re time-fro­zen. Tomor­row = yes­ter­day = today = the same thing, always. (110)

Wal­ter Höl­le­rer: Sys­te­me. Neue Gedich­te. Ber­lin: Lite­ra­ri­sches Col­lo­qui­um 1969. 56 Seiten.

Höllerer, SystemeÜber einen Bei­trag von Die­ter M. Gräf (Erkun­dun­gen inner­halb und außer­halb der Maschi­ne ja und nein. Neue und neu geblie­be­ne Gedich­te Wal­ter Höl­le­rers aus der Zeit der „Sys­te­me“. In: Spra­che im tech­ni­schen Zeit­al­ter, H. 203 (2012), S. 264–269) bin ich auf die­sen Gedicht­band Höl­le­rers auf­merk­sam gewor­den – den ich als Lyri­ker bis­her noch kaum kann­te, son­dern vor allem als Theo­re­ti­ker, Inter­pret und Ver­mitt­ler von Gedich­te­tem. Und das ist eine Schan­de, denn hier ver­sam­meln sich eini­ge, sogar ziem­lich vie­le aus­ge­spro­chen gute Gedich­te – auch wenn man ihnen ihre Ent­ste­hungs­zeit, die 1960er Jah­re, (inzwi­schen) in man­chen Gedan­ken und For­mu­lie­run­gen sehr deut­lich anmerkt. Aber das muss ja auch gar nicht schlecht sein …

Schon beim titel­ge­ben­den Gedicht „Sys­te­me“ kann man wun­der­bar das Moment sehen und erfah­ren, das ich an Gedich­ten so schät­ze: wie die Signi­fi­kan­ten ins Tan­zen kom­men. Höl­le­rer erreicht das hier oft durch das Mit­tel der extre­men syn­tak­ti­schen Ver­kür­zung: Tei­wei­se nur Wort­bro­cken, ein­zel­ne Wor­te ohne unmit­tel­ba­ren syn­tak­ti­schen Zusam­men­hang, die – auch in der räum­li­chen Anord­nung auf dem Papier – mit­ein­an­der in Bezie­hung tre­ten und Sinn hervorbringen.

Da steckt auch viel Technik(kritik) und Tech­ni­zi­tät drin, nicht nur im Inhalt, son­dern auch in der Spra­che und der Form (das ist wohl wenig über­ra­schend beim Grün­der der Spra­che im tech­ni­schen Zeit­al­ter …). Man­ches scheint aber auch – aus heu­ti­ger Sicht – sehr zeit­ge­bun­den bzw. typisch für die Situa­ti­on und Stim­mung der Bun­des­re­pu­blik am Ende der Sech­zi­ger. Etwa die poli­ti­schen Ele­men­te, das Moment der poli­tisch-gesell­schaft­li­chen Sys­tem­kri­tik aus/​in der Mit­te der Gesell­schaft (na gut, viel­leicht nicht ganz die dama­li­ge Mit­te). Heu­te scheint mir das nur noch im Bereich der Kapi­ta­lis­mus­kri­tik gän­gig zu sein – oder in klei­ne­ren, extre­me­ren Rand­be­rei­chen, die dann aber eher sel­ten in so „eli­tä­ren“ For­men wie die­ser Lyrik (und ihrer Ver­or­tung durch das Erschei­nen als „LCB-Edi­tio­nen“ im (Literatur-)Betrieb) sich zeigen.

Vol­ker Braun: Trotz­des­to­nichts oder Der Wen­de­hals. Frank­furt: Suhr­kamp 2000. 147 Seiten.

Ich mag Vol­ker Brauns Pro­sa eigent­lich sehr ger­ne. Die­ser schma­le Band hat mich aller­dings nicht wirk­lich über­zeu­gen oder begeis­tern kön­nen. Der titel­ge­ben­de Dia­log (der auch den meis­ten Umfang bean­sprucht) ist ziem­lich schnell ziem­lich lahm und lang­wei­lig. Vor allem lese ich da haupt­säch­lich Bana­li­tä­ten und Phra­sen aus Brauns BRD- und Wen­de-Kri­tik-Reper­toire. Dafür sind die die kur­zen Anek­do­ten, Erzäh­lun­gen aus Teil III inter­es­san­ter. In typi­scher Braun-Manier zei­gen sie mit ihrer Kon­zen­tra­ti­on auf eine Bege­ben­heit, eine cha­rak­te­ris­ti­sche Beob­ach­tung noch ein­mal sein sti­lis­ti­sches Kön­nen. Aber auch hier bleibt mir das inhalt­lich etwas arg rück­schau­end, ver­an­gen­heits­ori­en­tiert: In/​an der Gegen­wart – der Wende/​dem Umbruch (wie es bei Braun heißt) – wer­den nur die nega­ti­ven Sei­ten gezeigt und dar­ge­stellt, es weht immer etwas Weh­mut über das Schei­tern des Expe­ri­men­tes DDR durch die Sät­ze, ohne dass sich posi­ti­ve­re Zie­le oder Uto­pien zei­gen würden. 

Nach der soge­nann­ten Wen­de sah ich nur die Wen­dun­gen, und zwar der will­fäh­rigs­ten Leu­te, die sich also gleich blie­ben. (135)

Bernd Caill­oux: Gut­ge­schrie­be­ne Ver­lus­te. Roman mémoi­re. Ber­lin: Suhr­kamp 2012. 271 Seiten.

Bernd Cailloux, Gutgeschriebene VerlusteIch habe hier am Anfang einen Moment gebraucht, bis mir klar wur­de, war­um mir eini­ges bekannt vor­kam: Weil es in Figu­ren und Gesche­hen gewis­se Ähn­lich­kei­ten mit Das Geschäfts­jahr 1968/​69 von Caill­oux gibt. Unab­hän­gig von der Fra­ge, ob hier ein altern­der Autor auto­bio­gra­phisch erzählt (das scheint aber eines der Haupt­in­ter­es­sen der Rezen­sen­ten zu sein, die Deco­die­rung, Ent­schlüs­se­lung der auf­tau­chen­den Cha­rak­te­re und Ereig­nis­se) geht es in die­ser rück­bli­cken­der Ver­ge­gen­wär­ti­gung eines alte(rnde)n 68er (der damit aber auch wie­der nur am Ran­de zusam­men­hängt, weil ihn an der Bewe­gung vor allem die Dro­gen, der Sex und die Geschäf­te inter­es­sier­ten) vor allem um das Pro­blem der frag­men­tier­ten Erin­ne­rung, die sich auch im Text so nie­der­schlägt. Manch­mal fand ich das etwas müh­sam, manch­mal ist es span­nend, manch­mal aber auch etwas bemüht, doch meist aber locker und humo­rig par­lie­rend erzählt. Altern und Erin­nern – an bessere/​beste Zei­ten – sind also das The­ma, ange­rei­chert mit Pop-/li­te­ra­tur­his­to­ri­schen Arte­fak­ten. Aber so rich­tig rein­ge­fun­den habe ich nicht, mir schien, das Caill­oux hier doch arg viel Leer­lauf produziert.

Was in er im Eigen­be­darf ver­brauch­ten Zeit pas­sier­te, war nur bedingt erzäh­lens­wert – in Fil­me rein­ku­cken, Tabel­len stu­die­ren, im Netz rumkli­chen, mal was lesen, den­ken, ins­be­son­de­re den­ken, eine Pri­mär­tu­gend. (145)

Elke Naters: Lügen. Mün­chen: List 1999. 192 Seiten.

Naters, LügenNaters zwei­ter Roman ist im Grun­de eine Varia­ti­on des ers­ten (Köni­gin­nen), aber ohne des­sen for­ma­le Stär­ken. Wie­der geht es um Freund­schaft zwi­schen Frau­en und um Bezie­hungs­dra­men. Das wird nun aber hier deut­lich ein­di­men­sio­na­ler erzählt. Die absicht­lich beschränk­te Spra­che, der schlich­te Stil – das bringt hier kaum mehr Schön­heit oder Wahr­heit her­vor. Vor­herr­schend ist dage­gen das Plät­schern: Harm­lo­se Ober­flä­chen wer­den erzählt – natür­lich absicht­lich, das schlägt sich ja auch deut­lich in Spra­che und Form nie­der -, die aber auch auf nichts (mehr) zu ver­wei­sen zu wol­len schei­nen und nur noch dem rei­nen Selbst­zweck die­nen. Das ist wenig, vor allem weil die Figu­ren blass blei­ben und eigent­lich – so weit ich das wahr­neh­me – lang­wei­lig sind. Man kann dem natür­lich zugu­te hal­ten, dass genau das gezeigt wer­den soll­te: Dass es kei­ne indi­vi­du­el­len, „span­nen­den“ Lebens­ent­wür­fe mehr gibt und dass sie sich auch nicht mehr nach den klas­si­schen Kri­te­ri­en schön oder span­nend erzäh­len las­sen. Aber das ist eine zwar wah­re, aber sehr tro­cke­ne Ein­sicht, die hier irgend­wie den Text nicht mehr trägt und rechtfertigt.

Das Leben ist banal. Mein Leben ist banal. Ich bin banal.
Das gibt mir noch eine Wei­le zu den­ken, obwohl mir gar nicht danach ist. (180)

Ange­li­ka Mei­er: Eng­land. Zürich: Dia­pha­nes 2010. 329 Seiten.

Meier, EnglandAnge­li­ka Mei­ers ers­ter Roman ist nicht ganz so groß­ar­tig wie Heim­lich heim­lich mich ver­giss, aber trotz­dem ein sehr gutes Buch. Es geht in einer reich­lich ver­rück­ten Geschich­te um eine Phi­lo­so­phin, der Witt­gen­stein erschie­nen ist und die dadurch auf die ver­ges­se­nen und ver­schol­le­nen Manu­skrip­te eines Phi­lo­so­phen des 17. Jahr­hun­derts namens Man­z­a­nil­la stößt, die in der Fol­ge ihre Lebens­auf­ga­be und ihr Lebens­werk wer­den – aller­dings mit dem Pro­blem, dass sie natür­lich eine voll­kom­men offen­kun­di­ge Fäl­schung sind. 

Wahn­sinn und Rea­li­tät ver­schwim­men in die­ser Fabel voll­kom­men, die Fra­gen, was ist wirk­lich, was ist eing­bil­det? braucht man sich kaum mehr zu stel­len – beant­wor­ten las­sen sie sich sowie­so nicht mehr. Schlaf, Geheim­nis, Traum/​Alptraum – alles geht durcheinander/​ineinander und über­kreuzt sich stän­dig in den Beein­flus­sun­gen udn Hand­lun­gen der Per­so­nen. Vor allem ist die­se Geschich­te zwi­schen Witt­gen­stein und Man­z­a­nil­la, zwi­schen Vergangenheit(en) und Gegen­war­ten aber sehr unter­halt­sam, vor allem wegen der sku­ril, aber sehr genau und lie­be­vol­le gezeich­ne­ten Figu­ren und Charakteren.
Über­haupt ist Mei­ers Roman sehr geist­reich und oft mit schwar­zem Humor gespickt, die Absur­di­tä­ten und Ver­rückt­hei­ten des (insti­tu­tio­na­li­sier­ten) Den­kens (und ins­be­son­de­re des Den­kens über Spra­che) gewitzt und geschickt auf­spie­ßend: Wun­der­bar unter­hal­tend dabei, wahr­schein­lich gera­de wegen der Häu­fung der Sku­ri­li­tä­ten, die sich selbst so abso­lut ernst neh­men können.

Sehen Sie, man­che Phi­lo­so­phen – oder wie man sie nen­nen soll – lei­den an dem, was man Pro­blem­ver­lust nen­nen kann. Es scheint Ihnen dann alles ganz ein­fach, und es schei­nen kei­ne tie­fe­ren Pro­ble­me mehr zu exis­tie­ren, die Welt wird weit und flach und ver­liert jede Tie­fe; und was sie schrei­ben, wird unend­lich seicht und tri­vi­al. (91)

Aus-Lese #28

Elke Naters: Köni­gin­nen. Köln: Kie­pen­heu­er & Witsch 1998. 151 Seiten. 

Ein ganz inter­es­san­ter klei­ner Roman, auch wenn er zunächst ganz unspek­ta­ku­lär und unauf­fäl­lig daher­kommt: Ohne Anfang und Ende erzählt Elke Naters einen ein­fa­chen Aus­schnitt aus dem „Leben“ zwei­er Frau­en. Freund­schaft ist das eigent­li­che The­ma dahin­ter. Erzählt wird das in dop­pel­ter Per­spek­ti­ve in kur­zen, wech­seln­den Abschnit­ten – teil­wei­se über­lap­pend – aus der Per­spek­ti­ve zwei­er Frau­en, Glo­ria & Marie, in schlich­ter, ein­fa­cher, sozu­sa­gen all­täg­li­cher Spra­che. Auf­fäl­li­ge Moti­ve bzw. (Stimmungs-)Indikatoren sind – etwas kli­schee­haft fast – das Ein­kau­fen, ins­be­son­de­re der Klei­dung, und Fri­su­ren (vor allem neue, ande­re). Natür­lich steht das in der Beto­nung der Mode und ande­rer „Äußer­lich­kei­ten“ in per­fek­ter Tra­di­ti­on des Popro­mans. Die Bana­li­tät des Lebens, der Freund­schaf­ten und Bezie­hun­gen, kurz: das „klei­ne Leben“ sind der Mit­tel­punkt der bei­den (mit­ein­an­der ver­wo­be­nen) all­täg­li­chen Frauengeschichten.

Das ist ein viel anstren­gen­de­res Leben, das ich füh­re, näm­lich ein glück­li­ches, als ein unglück­li­ches. (72)

Dou­glas Cou­p­land: Gene­ra­ti­on A. Stutt­gart: Tro­pen (Klett-Cot­ta) 2010. 333 Seiten. 

Cou­p­lands zwei­ter „Gene­ra­tio­nen-Roman“ basiert auf einer schö­nen Idee: Die Welt nach dem Ver­schwin­den der Bie­nen in naher Zukunft wird über­rascht von fünf über die Welt ver­teil­ten Bie­nen­sti­chen. Die gesto­che­nen wer­den aus­gie­big unter­sucht und getes­tet (offen­bar ohne Ergeb­nis), dann zusam­men­ge­bracht, um sich Geschich­ten zu erzäh­len – die auch apo­ka­lyp­ti­sche Ele­men­te erhal­ten und bestimm­te Pro­zes­se in den Gehir­nen anre­gen sol­len – alles im Namen der Wis­sen­schaft, angeb­lich. Manch­mal blöd fand ich, wie wenig Wis­sen vor­aus­ge­setzt wird, wie viel erklärt wird (unter dem Deck­man­tel, dass es die Cha­rak­te­re auch nicht wis­sen …). Dafür ist Gene­ra­ti­on A wie für Cou­p­land typisch auf den Punkt geschrie­ben, packend und forsch – und natür­lich mit der übli­chen Por­ti­on Coupland’scher Zeit- und Gesell­schafts­kri­tik, auch Sprach­wan­del und ‑ver­lust spie­len – als Sym­pto­me – eine gro­ße Rol­le. Und schließ­lich taucht noch ein schö­ner Sto­rytwist kurz vor Schluss auf, der zum etwas kit­schi­gen Hap­py­end mit Frie­de, Freu­de und Eier­ku­chen führt (sogar die Bie­nen kom­men wie­der zurück …). Das ist alles sehr nett, aber nicht so her­aus­ra­gend wie ande­res von Cou­p­land.

Caro­lin Emcke: Wie wir begeh­ren. Bonn: Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung 2013 (Schrif­ten­rei­he 1370). 254 Seiten. 

Wie wir begeh­ren ist kei­ne wis­sen­schaft­li­che Unter­su­chung, son­dern ein Essay. Und zwar ein sehr guter (trotz eini­ger Beden­ken, die man inhalt­lich haben kann): Emcke erzählt sehr per­sön­lich, bleibt dabei aber nie ste­hen, son­dern reflek­tiert vom eige­nen Erle­ben aus: Die Ent­wick­lung von Sexua­li­tät, Lust und Begeh­ren im Lau­fe eines Lebens und – ganz wich­tig – der Umgang der Gesell­schaft mit die­sen The­men, der auch einem stän­di­gen Wan­del unter­liegt. Die Par­al­le­li­tät oder die Ver­schrän­kung von eige­nem Leben, der Erin­ne­rung und dem Nach­den­ken in allgemeinen/​soziologischen, auch sprach­li­chen Kate­go­rien (z.B. über das „Erwach­sen wer­den“, das „Coming of Age“) eig­net sich sehr gut, um die Viel­schich­tig­keit des The­mas in allen Belan­gen auch for­mal erfas­sen zu können. 

Emcke gelingt es immer wie­der (nicht nur in die­sem Buch) auf­fäl­lig gut, genau die rich­ti­gen Fra­gen zu stel­len. Das kann schon mal ein ein­fa­ches „Ist das wirk­lich so?“ sein. Das dient, wie auch die vie­len Bei­spiel-Erzäh­lun­gen, der Per­spek­ti­vie­rung: Das, was wir heu­te als „nor­ma­les“ Begeh­ren emp­fin­den, ist es nicht über­all und immer (gewe­sen). Begeh­ren kann immer auch die Mög­lich­keit der Not des Begeh­rens ent­hal­ten (weil die jewei­li­ge Art des Begeh­rens sozial/​juristisch/​theologisch unter­sagt ist etwa). Eine beson­de­re Rol­le nimmt des­halb der Umgang mit Homo­se­xua­li­tät ein – wie­der­um sowohl auf persönlicher/​individueller und gesell­schaft­li­cher Ebene.

Es ist ein Kate­go­rien­feh­ler, Sexua­li­tät über­haupt in mora­li­schen Begrif­fen zu ver­han­deln. (171)

Flann O’Bri­en: Aus Dal­keys Archi­ven. Zürich: Kein und Aber 2003. 256 Seiten. 

Die Fabel hat durch­aus Poten­zi­al: Ein „Wis­sen­schaft­ler“ erfin­det eine Sub­stanz, die die Atmo­sphä­re so ändert, dass Leben nicht mehr mög­lich ist. Und die hat die Neben­funk­ti­on, die Zeit auf­zu­he­ben. Und Kon­takt zu Figu­ren aus dem Him­mel her­zu­stel­len. Aber das ist eigent­lich nur eine Rand-/Rah­men­hand­lung, die den Prot­ago­nis­ten zu sei­nen ver­zwick­ten Akti­vi­tä­ten treibt (und ihn eini­ge Bie­re und Whis­keys trin­ken lässt) sowie Anlass zu den kru­des­ten Welt­theo­rien bie­tet. Auch James Joy­ce taucht per­sön­lich Jahr­zehn­te nach sei­nem ver­meint­li­chen Tod noch auf, als Autor, der sei­ne eige­nen Wer­ke nicht geschrie­ben haben will und sie auch für den größ­ten Mist hält. Und dann ist da noch die katho­li­sche Kir­che und ihre Orden …

Wenn man von der „Kon­kur­renz“ O’Briens zu Joy­ce – die sich auch hier nie­der­schlägt (und nicht zum Bes­ten des Buches …) – absieht, ist das ein sehr net­ter, humo­ri­ger klei­ner Roman, sehr irisch im Per­so­nal, der Hand­lung und dem Witz (sowie den Trink­ge­wohn­hei­ten) noch dazu.

Joseph Jurt: Bour­dieu. Stutt­gart: Reclam 2008. 129 Seiten. 

Jurt lie­fert hier eine sehr gedräng­te und dich­te, manch­mal für mich auch etwas arg ver­knapp­te Dar­stel­lung der Philosophie/​Soziologie Bour­dieus. Der Anfang etwa, wo er die Situa­ti­on der Phi­lo­so­phie in Frank­reich, in die Bour­dieu stößt beschreibt, und auch die Schil­de­rung sei­ner phi­lo­so­phi­schen Ent­wick­lung dar­in, die Kris­tal­la­ti­on sei­ner Grund­pos­tio­nen war für mich des­halb kaum les­bar. Das Pro­blem scheint mir auch zu sein, dass Jurt immer gleich den gan­zen Bour­dieu im Blick hat, also nicht ein­zel­ne Sta­tio­nen oder (Haupt-)Werke vor­stellt, son­dern immer auch die Ver­än­de­run­gen der Kon­zep­te im Lauf der Zeit mit­be­denkt – und das ist halt viel.

Ab dem drit­ten Kapi­tel, den „Grund­po­si­tio­nen Bour­dieus“ wird das aber kla­rer und deut­li­cher. Vor allem der Haupt­teil, das vier­te Kapi­tel, in dem Jurt die „zen­tra­len Kate­go­rien“ Bour­dieus vor­stellt, ist aus­führ­lich (und gut) erklärt – da wer­den natür­lich zuvör­derst das Kon­zept des „Habi­tus“ (das Bour­dieu von Panof­sky über­nom­men und modi­fi­ziert hat) und die Idee der „Fel­der“ geschildert.

John Dos Pas­sos: Man­hat­tan Trans­fer. Rein­bek: Rowohlt 2008 [1925]. 333 Seiten. 

Das Schreck­li­che, wenn einem New York zuwi­der ist, das Schreck­li­che ist, daß man nir­gends anders hin kann. Hier sit­zen wir auf dem Gip­fel der Welt.“ (183)

… das ist so etwas wie der Leit­satz für Man­hat­tan Trans­fer: New York als Zen­trum und Brenn­punkt der Welt, in dem sich alle mög­li­chen Schick­sa­le tref­fen. Ent­spre­chend erzählt Dos Pas­sos das – und das ist der lite­ra­tur­ge­schicht­lich wohl bedeut­sams­te Punkt an die­sem Roman – in einer Poly­pho­nie der Stim­men, Orte und Geschich­ten. Beson­ders die pre­kä­ren Situa­tio­nen und Schick­sa­le der „ein­fa­chen“ Men­schen inter­es­sie­ren ihn: die Armen, (fast) Mit­tel­lo­sen, die Arbei­ten­den und Arbeits­su­chen­den. Immer wie­der tau­chen auch gro­ße Ideen und Ver­su­che auf, Pro­jekt, Ansät­ze und Unter­neh­mun­gen, die viel (oder gleich alles) ver­spre­chen) – und doch immer wie­der zum Schei­tern ten­die­ren, im pri­va­ten wie im geschäft­li­chen Leben. Aber auch eine gewis­se Frei­zü­gig­keit in sexu­el­len Din­gen ist mir beim Lesen auf­ge­fal­len, vor allem eine sehr fle­xi­ble, viels­sei­ti­ge und viel­schich­ti­ge Moral (nicht: Moral­lo­sig­keit!) der Cha­rak­te­re in Man­hat­tan Trans­fer.

Im schril­len Wind der Welt­ge­schich­te klat­schen die lan­gen Fah­nen und zer­ren an ihren Schnü­ren an den knar­ren­den, gold­knau­fi­gen Stan­gen in der V. Ave­nue. (224)

Peter K. Wehr­li: Kata­log von allem. 1697 Num­mern vom Anfang bis zum Neu­be­ginn. Zürich: Ammann 2008 [1925]. 533 Seiten. 

Wehr­li hat sein Kon­zept der mini­ma­len Beob­ach­tun­gen – immer nur ein Satz pro Phä­no­men – ent­wi­ckelt, weil er sei­nen Foto­ap­pa­rat auf einer Rei­se ver­gaß. Dar­aus sind über Jahr­zehn­te eine Fül­le von „Num­mern“ in die­sem Kata­log erwach­sen (der übri­gens durch­aus nicht „alles“ umfasst, son­dern gera­de das Beson­de­re außer­halb des All­tags deut­lich bevor­zugt). Die sind span­nend in der Kon­zen­tra­ti­on auf Sin­gu­la­ri­tä­ten und erhel­lend in der Genau­ig­keit der Wahr­neh­mun­gen und Beob­ach­tun­gen. Aber manch­mal auch ermü­dend in der Viel­falt und Men­ge – ich kann das nur in klei­nen Dosen mit Gewinn lesen. Aber dann ist der Kata­log eben auch immer wie­der anre­gend in der Prä­zi­si­on und Kür­ze sei­ner Beschrei­bun­gen – und des­halb eine gro­ße Erfahrung.

Aus-Lese #24

Arno Schmidt zum Ver­gnü­gen. Stutt­gart: Reclam 2013. 191 Seiten. 

Die­ses klei­ne, von Susan­ne Fischer (der Geschäfts­füh­re­rin der Arno-Schmidt-Stif­tung) her­aus­ge­ge­be­ne Bänd­chen hält genau, was der Titel ver­spricht: Ver­gnüg­li­che Streif­zü­ge durch das Schaf­fen Schmidts. The­ma­tisch in 14 Kapi­tel geord­net, ver­sam­melt das hier Bon­mots, Ein­fäl­le, Aus­sprü­che und kur­ze Abschnit­te, die im wei­tes­ten Sin­ne ver­gnüg­lich sind: Weil sie humo­rig for­mu­liert sind oder afu eben die­se Wei­se bestimm­te Din­ge beob­ach­ten. Eine wun­der­ba­re Lek­tü­re für zwi­schen­durch (weil das fast immer nur kur­ze Abschnit­te von weni­gen Sät­zen sind).

Ulf Erd­mann Zieg­ler: Nichts Wei­ßes. Ber­lin: Suhr­kamp 2013. 259 Seiten. 

Zieg­ler erzählt in Nichts Wei­ßes die Lebens­ge­schich­te einer Schrift­ge­stal­te­rin und die Idee der per­fek­ten, weil abso­lut unau­fäl­li­gen Schrift am Umbruch zum Com­pu­ter-/PC-Zeit­al­ter. Das wird aber erst auf den letz­ten Sei­ten rich­tig deut­lich: Dann wird klar, dass es hier vor allem um das Ende des klas­si­schen Guten­berg-Zeit­al­ters mit sei­ner Fixie­rung auf Schrift und Text (und deren Her­stel­lung, um die es hier – im Bereich der Typo­gra­phie – ja vor allem geht) geht. Das ist durch­aus raf­fi­niert, etwa in der Andeu­tung der Auf­lö­sung der Text­do­mi­nanz durch die (Gebrauchs-)Grafik der Wer­bung und ähn­li­che Vor­gän­ge, auch die all­mäh­lich wach­sen­de Domi­nanz der Com­pu­ter ist ganz geschickt erzählt, auch wenn das am Ende etwas platt wird. Über­haupt erzählt Zieg­ler durch­wegs gut und klug, aber sprach­lich ohne beson­de­re Fas­zi­na­ti­on für mich. Auch schien mir das Ziel des Tex­tes lan­ge Zeit nicht so recht klar, zumal es wei­te Abschwei­fun­gen gibt, die nicht so recht moti­viert sind – etwa die Bli­cke in die Kind­heit: Das sind for­mal etwas frag­wür­di­ge Lösun­gen, um die (inhalt­li­che) Moti­va­ti­on der Hel­din Mar­leen hin­zu­be­kom­men und aus­führ­lich zu erklä­ren. Der Schluss ist dann etwas unver­mit­telt, die Wen­de zum Com­pu­ter­zeit­al­ter scheint schon über den Text hin­aus zu gehen.

Über­haupt ver­liert das dann an Kraft, wenn es um die eigent­li­chen Lebens­we­ge der Prot­ago­nis­tin geht. Wo Zieg­ler die „Hin­ter­grün­de“ – das Auf­wach­sen im Deutsch­land der 70er/​80er Jah­re etc. – schil­dert, ist es viel prä­zi­ser und fas­zi­nie­ren­der als im Lebens­lauf Mar­leens, der etwas blass bleibt. 

Genervt haben mich etwas die ober­fläch­lich ver­hüll­ten Anspie­lun­gen auf rea­le Wel­ten – IBM heißt hier IOM (office statt bureau), Gre­no in Nörd­lin­gen Vol­pe, die Ande­re Biblio­thek ist die Eige­ne gewor­den und so wei­ter – das ist so durch­sich­tig, dass es eigent­lich sinn­los ist und den Text irgend­wie bil­lig wir­ken lässt.

Hans Franck: Die Pil­ger­fahrt nach Lübeck. Eine Bach-Novel­le. Güters­loh: Ber­tels­mann 1952. 80 Seiten. 

Franck schil­dert hier die berühm­te „Urlaubs­rei­se“ Bachs zum gro­ßen Orga­nis­ten Diet­rich Bux­te­hu­de nach Lübeck, die ein klei­nes biss­chen län­ger dau­er­te als geplant: Der Arn­städ­ter Rat hat­te sei­nem Orga­nis­ten einen Monat Urlaub geneh­migt, nach mehr als vier Mona­ten war Bach wie­der in Thü­ri­gen zurück. Francks Novel­le pen­delt zwi­schen pseu­do­ba­ro­ckem Satz­ge­schwur­bel und moder­nem Men­schen­bild, gar­niert mit einer def­ti­gen Pri­se über­bor­den­der Fröm­mig­keit. Weder lite­ra­risch noch his­to­risch beson­ders wert­voll, aber eine net­te Kurio­si­tät für eine Stun­de Zugfahrt …

Aus-Lese #23

Are­zu Weit­holz: Wenn die Nacht am stills­ten ist. Mün­chen: Ant­je Kunst­mann 2012. 224 Seiten. 

Wenn die Nacht am stills­ten ist soll wohl so etwas wie ein Abge­sang auf die Pop­li­te­ra­tur sein. Als sol­cher ist es aber schwach. Inter­es­sant ist die dar­in erzähl­te Bezie­hungs­ge­schich­te: Die Bezie­hung der Erzäh­le­rin zu Lud­wig, die gera­de ende­te, und die zu ihrer Nut­ter, die zu enden droht – mit dem Tod. Da geht es dann irgend­wie um die Fra­ge: Kann man post­mo­dern-theo­re­tisch klug sein und trotz­dem fühlen/​lieben, in Bezie­hung, Lie­be, Leben wahr­haf­tig sein? Dazwi­schen gibt es – die Refe­renz auf die Pop­li­te­ra­tur lässt grü­ßen – hau­fen­wei­se mehr oder min­der schlaue und raf­fi­nier­te Anspie­lun­gen, im Gegen­satz zum Ori­gi­nal aber kei­ne Iro­nie. Lei­der kom­men der Autorin immer wie­der Sen­ten­zen in den Weg, von den sie sich offen­bar nicht tren­nen moch­te – da wird des dann manch­mal etwas platt und kli­schee­be­la­den: Sät­ze wie „Ich will wahr sein.“ (155) sind irgend­wie doch immer pein­lich. Am bes­ten gefiel mir der ers­te Teil – „Die Nacht“ über­schrie­ben -, der auch erzähl­tech­nisch vom eher bana­len, oft unge­nau erzähl­ten Rest posi­tiv unter­schie­den ist. 

„Am Ende geht es um den Moment.“ (9 & 223) behaup­tet der Text am Anfang und Schluss – aber eigent­lich stimmt das gar nicht, es geht eben selbst dem Text schon immer um mehr, das mit dem Moment klappt ja gera­de nicht.

Carl-Chris­ti­an Elze: ich lebe in einem was­ser­turm am meer, was albern ist. Wies­ba­den: lux­books 2013 (luxbooks.labor). 112 Seiten. 

Ein schö­ner Gedicht­band aus dem klei­nen, fei­nen Wies­ba­de­nen lux­books-Ver­lag. Bei Elze geht es um das „Ich“. Und zwar schon ganz banal und offen­sicht­lich: Ich ist fast immer schon im ers­ten Vers prä­sent, oft sogar als ers­tes Wort). Das „Ich“ ist hier offen­bar eines, das viel zu viel weiß und reflek­tiert ;-), aber trotz­dem authen­ti­sche Stim­me bleibt: wis­send, aber füh­lend – Eine Kom­bi­na­ti­on, die recht sel­ten (gewor­den) ist in der deutsch­spra­chi­gen Lyrik, da pen­delt das meis­tens zu einer der bei­den Sei­ten. Soll­bruch­stel­len sind in die­sem Kon­zept aber manch­mal durch­aus erkenn­bar: das ist nicht Lyrik, die her­me­tisch gegen alle Angrif­fe gewapp­net ist – im Gegen­teil, sie zeigt sich offen und durch­aus auch ver­letz­lich. Defi­ni­tiv nicht ganz mei­ne Sache ist die sehr deut­li­che Pro­sanä­he der Langzeilen.

Typi­scher­wei­se geht es um das ewi­ge, freund­lich-obses­si­ve Ich, das fast unun­ter­bro­che­ne „ich bin …“ macht das deut­lich. Das „Ich“ ist hier eine gan­ze Men­ge, u.a. ein Mons­ter und ein Atom­kraft­werk …). Wie schon im Titel (der ein vor­kom­men­der Vers ist) wird die­ses „ich bin“ ger­ne mit einem „… was ist“ kom­bi­niert. Offen­bar soll nicht nur über das Ich (über das Sub­jekt und sei­ne Brü­chig­kei­ten, sei­ne Kon­sti­tu­ti­ons­pro­ble­me) gespro­chen wer­den, son­dern auch das Wort immer und immer wie­der gesagt wer­de – bis es nicht nur sei­ne Bedeu­tung ver­lo­ren hat, son­dern auch als Wort bedeu­tungs­los gewor­den ist, weil es in so unzäh­li­gen Vari­an­ten, Beschrei­bun­gen und Meta­phern immer wie­der neu ver­sucht wird (aber, das ist typisch für Elze: das bleibt (fast) immer hei­ter, die­ses letzt­lich doch bru­ta­le und weit gehen­de Schei­tern, das wird nicht dun­kel, depres­siv oder aggre­siv, son­dern freund­lich, fast unbe­schwert, etwas schwei­fend und ein­fach wei­ter suchend – bis kurz vor Schluss des übri­gens schön gestal­te­ten Bandes.

Schön­hei­ten gibt es hier eini­ge, aber manch­mal erschei­nen die mir zumin­dest beim ers­ten Lesen etwas undis­zi­pli­niert, nicht ganz fer­tig ausgearbeitet.

ich pad­del in den lüf­ten her­um nach ein paar wah­ren wor­ten (38)

Julia Scho­ch: Selb­s­por­trät mit Bona­par­te. Mün­chen, Zürich: Piper 2013. 142 Seiten.

Ein kur­zer Text, aber durch­aus ein star­ker, die­ses Selb­s­por­trät mit Bona­par­te von Julia Scho­ch. Und ein klu­ges, aber nicht tröst­li­ches Buch: Was pas­siert, wenn zwei „Ver­gan­gen­heits­men­schen“ in Lie­be zu ein­an­der kom­men oder eben nicht zu ein­an­der fin­den? Das erzählt Scho­ch prä­zi­se, mit vie­len sehr tref­fen­den Sät­zen in einem kur­zen, aber aus­rei­chend Romän­chen: Das Schei­tern einer Bezie­hung, die von Anfang an kei­ne Chan­ce hat – und ihr Sym­bol im Zufall des Roulette-Spiel(en)s fin­det. Es geht dabei zwar offen­sicht­lich um Lei­den­schaft, ist aber sehr über­legt, oft ana­ly­tisch, meis­tens tro­cken, auch sprach­lich fern jeden Über­schwangs und lei­den­schaft­li­chen Aus­bruchs. Der Trick ist natür­lich, dass gera­de die Geschicht selbst nicht erzählt wird, son­dern höchs­tens in Andeu­tun­gen klar wird. Erzählt wird statt­des­sen das Erzäh­len und das Erin­nern, die Fra­ge der Ver­gan­gen­heit, ver­setzt mit Frag­men­ten der Lie­bes­ge­schich­te. Und das konn­te mich durch­aus erfreuen.

In Wirk­lich­keit ist Schrei­ben eine Form des War­tens. Solan­ge ich dies schrei­be, ist nichts zu Ende, kann es eine wie­der­ho­lung geben. (96)

Ins Netz gegangen (18.9.)

Ins Netz gegan­gen am 18.9.:

  • Hans Well zur Land­tags­wahl Bay­ern – Süddeutsche.de – Hans Well steht der Süd­deut­schen zur Bay­ern-Wahl Rede und Ant­wort – zum Bei­spiel auf die Fra­ge: „War See­ho­fer über­haupt der geeig­ne­te Spitzenkandidat?“

    Ich möch­te die­sen Ingol­städ­ter Wan­kel­mo­tor in Schutz neh­men: Anders als Stoi­ber geht See­ho­fer spar­sam mit „Ähs“ um und zwängt sich nicht in Gebirgs­schüt­zen­uni­form. See­ho­fer ist end­lich mal ein Poli­ti­ker, der sich nie fest­legt – außer auf zwei Kilo­me­ter Abstand zu Wind­parks, um somit ohne Wind­rä­der den Atom­aus­stieg durch­zu­peit­schen. Das nen­ne ich kla­re Kan­te. Kommt beim Som­mer­wäh­ler­schluss­ver­kauf super an. Der braucht von der Kanz­le­rin nix zu ler­nen. Der hat schon alles selbst drauf.

  • Auch Anti-Euro­zen­tris­mus kann zur Ideo­lo­gie wer­den – Inter­view mit Jür­gen Oster­ham­mel | Das 19. Jahr­hun­dert in Per­spek­ti­ve – Marei­ke König hat sich mir Jür­gen Oster­ham­mel über Welt­ge­schich­te unter­hal­ten, und natür­lich vor allem über sein rie­si­ges Buch „Die Ver­wand­lung der Welt. Eine Geschich­te des 19. jahr­hun­derts“. Jetzt habe ich noch mehr Lust, den Wäl­zer anzu­ge­hen (aber vor der zeit­fres­sen­den Lek­tü­re schre­cke ich irgend­wie immer noch zurück …)
  • Peter Gabri­el : „Im Alter ist man immer noch ein Kind“ – DIE WELT – Peter Gabri­el meint (in einem selt­sam höl­zer­nen Inter­view), es wäre Zeit für einen Regie­rungs­wech­sel in Deutschland …
  • NDR löscht nach Pro­test von CDU-Poli­ti­ker Doku­men­ta­ti­on über SPD-Poli­ti­ker « Ste­fan Nig­ge­mei­er – NDR löscht nach Pro­test von CDU-Poli­ti­ker Doku­men­ta­ti­on über SPD-Poli­ti­ker (via Published articles)
  • Roman „Tabu“: Der Mord, der kei­ner war | ZEIT ONLINE – Wow, Ulrich Grei­ner hat Fer­di­nand von Schirachs Roman „Tabu“ gele­sen. Und ist über­haupt nicht zufrie­den gewesen:

    Der Roman jedoch ist schlecht. Schi­rach liebt das phi­lo­so­phi­sche Faseln, den bedeu­tungs­schwan­ge­ren Psy­cho­lo­gis­mus. Und er han­tiert mit einer ästhe­ti­schen Theo­rie, die das Inein­an­der und das Gegen­ein­an­der ver­schie­de­ner Ebe­nen von Wirk­lich­keit anschau­lich machen soll. Es geht auch um die Fra­ge, was Wahr­heit in der Kunst bedeu­tet und was im Leben. Solch schwe­ren The­men ist Schirachs Spra­che nicht gewach­sen, und gründ­lich durch­dacht wirkt das Gan­ze eben­falls nicht. Wenn ich recht sehe, han­delt es sich alles in allem um einen gro­ßen Bluff.

    Spä­ter wei­tet er sein ver­nich­ten­des Urteil – so einen deut­li­chen, kras­sen und kom­plet­ten Ver­riss habe ich schon lan­ge nicht mehr gele­sen – noch aus:

    Um es deut­lich zu sagen: Fer­di­nand von Schi­rach kann nicht schrei­ben. Natür­lich kann er Tex­te ver­fas­sen, sach­dien­li­che, scharf­sin­ni­ge, klu­ge, schließ­lich ist er ein erfolg­rei­cher Anwalt. Aber es fehlt ihm die Gabe der Ima­gi­na­ti­on, des Her­bei­zau­berns einer neu­en Welt, der lite­ra­ri­schen Sub­ti­li­tät. Bloß aus Haupt­sät­zen baut man kei­nen Palast, allen­falls eine Hütte. 

    Das/​Der ist erledigt.

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