Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Schlagwort: oratorium

Messias mit angezogener Handbremse

Gut, dass es das moder­ne Urhe­ber­recht vor 225 Jah­ren noch nicht gab. Sonst hät­te sich Mozart womög­lich nie getraut, Hän­dels „Mes­siah“ zu bear­bei­ten. Oder Hän­dels Erben hät­ten gar nicht geneh­migt, dass da ein ande­rer Kom­po­nist die Instru­men­ta­ti­on des Ora­to­ri­ums ändert, die Ari­en umschreibt oder man­ches, was ursprüng­lich der Chor zu sin­gen hat­te, nun den Solis­ten anver­traut. Und das wäre scha­de gewe­sen, denn es hät­te uns um die Mozart-Fas­sung des Hän­del­schen „Mes­si­as“ gebracht.

So ein Cover ist natür­lich gera­de dann inter­es­sant, wenn das Ori­gi­nal sowie­so schon bekannt ist. Und das muss man für Hän­dels berühm­tes­tes Ora­to­ri­um auch heu­te noch anneh­men. Da ist eine Auf­füh­rungs­va­ri­an­te also eine ange­neh­me Abwechs­lung: Man hört die bekann­ten Chö­re – natür­lich wird auch bei Mozart ein kräf­ti­ges „Hal­le­lu­ja“ geju­belt – und die ver­trau­ten Ari­en, aber man hört auch etwas Neu­es, auch wenn Mozart die Par­ti­tur nur sehr behut­sam moder­ni­siert. Geän­dert ist vor allem die Instru­men­ta­ti­on, die mit zusätz­li­chen Holz­blä­sern mehr Far­be ins Spiel bringt. Und neu klin­gen auch eini­ge Ari­en. Oder zumin­dest weni­ger bekannt. Denn es ist ja nicht das ers­te Mal, dass der Bach­chor mit der Lud­wigs­ha­fe­ner Staats­phil­har­mo­nie die Mozart-Fas­sung in der Chris­tus­kir­che aufführt.

Zum ers­ten Mal geschieht das aller­dings ohne Ralf Otto: Der erkrank­te Chor­lei­ter wur­de kurz­fris­tig durch Wolf­ram Kolo­seus ersetzt – immer­hin ein erfah­re­ner Mozart-Diri­gent. Das wird in der Chris­tus­kir­che aber nicht so recht deut­lich. Viel­leicht war die Vor­be­rei­tungs­zeit ein­fach zu kurz. Jeden­falls klingt das sel­ten so, als wären Sän­ger, Instru­men­ta­lis­ten und Diri­gent mit ein­an­der und dem Werk wirk­lich ver­traut. Von Num­mer zu Num­mer han­geln sie sich, mal bes­ser, mal etwas hake­li­ger. Aber über wei­te Tei­le bleibt der Ein­druck, dass alle Betei­lig­ten noch sehr in und an den Noten kle­ben – frei­es und leben­di­ges Musi­zie­ren ist das selten.

Aus­ge­rech­net im ers­ten Teil, dem weih­nacht­li­chen Teil des Ora­to­ri­ums, wirkt die­ser „Mes­si­as“ des­halb selt­sam ent­rückt und fern: Das scheint die Musi­ker über­haupt nicht zu berüh­ren. Man­ches von die­ser groß­ar­ti­gen Musik ist sogar rich­tig schlaff. Sicher, da sind durch­aus anspre­chen­de Momen­te dabei – aber gut ver­steckt in viel Mit­tel­maß. Auch die Solis­ten kön­nen das nicht ret­ten: Klaus Mer­tens wirft sei­ne lang­jäh­ri­ge Erfah­rung ins Gewicht, die man der rou­ti­nier­ten, aber durch­aus poin­tier­ten Inter­pre­ta­ti­on immer anhört. Tenor Chris­ti­an Rath­ge­ber singt dage­gen auf­fal­lend jugend­lich und frisch, aber manch­mal auch etwas durch­set­zungs­schwach. Ähn­li­ches ist in der Damen­rie­ge zu beob­ach­ten: Sopra­nis­tin Sarah Wege­ner kann mit kla­rer und sub­ti­ler Gestal­tung über­zeu­gen, wird manch­mal – etwa in der Arie „Er wei­det sei­ne Her­de“ auch rich­tig ver­füh­re­risch, wäh­rend die Mez­zo­so­pra­nistn Nohad Becker etwas unschein­bar bleibt.
Blass bleibt aber eben auch vie­les vom Rest. Die Staats­phil­har­mo­nie klingt durch­weg recht schroff, der Chor anfangs erstaun­lich lust­los. Vie­le rhyth­mi­sche und dyna­mi­sche Akzen­te, die der sehr extro­viert diri­gie­ren­de Kolo­seus den Musi­kern und Sän­gern zu ent­lo­cken ver­sucht, ver­schlei­fen und ver­puf­fen wir­kungs­los. Immer­hin bes­sert sich das zuneh­mend: Vor allem der Bach­chor fin­det zur gewohn­ten Form, die hier sehr poliert und hell klingt. Gera­de im zwei­ten Teil fängt das an, zu strah­len. Scha­de nur, dass dann aus­ge­rech­net der Schluss­chor, das alles bestä­ti­gen­de gro­ße „Amen“, wie­der so über­vor­sich­tig zag­haft klingt, als wür­den Chor und Orches­ter mit ange­zo­ge­ner Hand­brem­se musizieren.

Vollendet ist das große Werk – Haydns „Schöpfung“

„Voll­endet ist das gro­ße Werk, des Her­ren Lob sei unser Lied!“ heißt es am Ende des zwei­ten Teils der „Schöp­fung“ von Joseph Haydn, nach­dem Gott die Welt und die Men­schen erschaf­fen hat. Chor und Orches­ter des Col­le­gi­um Musi­cums der Uni­ver­si­tät Mainz began­nen ihr Semes­ter­ab­schluss­kon­zert gleich mal mit die­sem Schluss­chor. Aber jede Befürch­tung, der Diri­gent Felix Koch hät­te das Ora­to­ri­um neu geord­net, wur­de schnell zer­streut – das dien­te nur der Ein­stim­mung, bevor noch ein paar Reden und Dan­kes­wor­te zum Ende des Semes­ters zu absol­vie­ren waren.

Dann ging es näm­lich ganz ordent­lich los – mit der „Vor­stel­lung des Cha­os“, die Haydn an den Anfang sei­nes gro­ßen Ora­to­ri­ums gestellt hat. Cha­os ist, bevor Gott ein­greift und mit sei­ner Schöp­fung Ord­nung schafft. Der Gott, das ist hier ein sehr güti­ger und, wenn man Haydns Musik glau­ben will, auch ein humor­vol­ler: Nichts wird erzählt von ver­bo­te­ner Frucht oder Sün­den­fall, Adam und Eva zele­brie­ren im drit­ten Teil in aller Aus­führ­lich­keit ihre Lie­be und Har­mo­nie. Har­mo­nisch und lie­be­voll arbei­te­te Koch, der das Col­le­gi­um Musi­cum seit dem Herbst lei­tet, auch die Musik aus. Selbst die breit ange­leg­te Ver­to­nung des Cha­os am Beginn ließ die­se Ein­tracht schon hören. Und sie zog sich durch das gesam­te Ora­to­ri­um, bis zum Schlussjubel. 

Haydn hat­te beim Kom­po­nie­ren des Ora­to­ri­ums vor 220 Jah­ren noch auf die Hil­fe Got­tes gesetzt: „Täg­lich fiel ich auf die Knie und bat Gott, dass er mich stär­ke für mein Werk“, sag­te er ein­mal über die Zeit, in der die „Schöp­fung“ ent­stand. Das haben in der Rhein­gold­hal­le weder Koch noch sei­ne Solis­ten und Musi­ker nötig: Ihre eige­ne Stär­ke reicht völ­lig aus, die Par­ti­tur zu bewäl­ti­gen. Sicher, dem Orches­ter fehlt hin und wie­der etwas klang­li­che Ein­heit und Grö­ße. Aber vie­le Details gelin­gen sehr klang­schön. Und sowie­so beton­te der Diri­gent vor allem die auf­klä­re­ri­sche – und klas­si­sche – Sei­te des Libret­tos, die klang­li­che Reprä­sen­ta­ti­on der Welt in vie­len ein­zel­nen Momen­ten und die leuch­ten­de, wis­sen­de Har­mo­nie des Anfangs. 

Unter den Solis­ten, denen in der „Schöp­fung“ ein Groß­teil der Arbeit zukommt, fie­len vor allem der kla­re und cha­rak­ter­star­ke Bass Flo­ri­an Küp­pers und die tech­nisch her­aus­ra­gen­de Sopra­nis­tin Saem You auf. Tenor Ale­xey Ego­rov klang hin und wie­der etwas belegt, wäh­rend der Adam von Dmit­riy Ryab­chi­kov viel Selbst­ver­trau­en und Sicher­heit aus­strahl­te. Und immer wie­der singt der Chor dazu das Lob Got­tes und sei­ner Wer­ke. Er tut das fast engels­gleich – oder so, wie man sich einen Engels­chor ger­ne vor­stellt: Hell und klar, süß und sanft zugleich. Das liegt in die­sem Fall ein biss­chen auch dar­an, dass die Frau­en­stim­men den Chor­klang fest in der Hand haben – da kann auch Felix Koch wenig aus­rich­ten. Der wid­met sich sowie­so am liebs­ten den rei­chen Ton­ma­le­rei­en in der Schöp­fung. Zumin­dest sind die Sät­ze, die sich durch beson­ders plas­ti­sche und rea­lis­ti­sche Ver­to­nung aus­zeich­nen, zwei­fel­los die Höhe­punk­te des Kon­zer­tes: Der strah­len­de Son­nen­auf­gang des vier­ten Tages, die cha­rak­te­ris­ti­schen Klän­ge der Tie­re, die die neu geschaf­fe­ne Welt bevöl­kern, der Glanz und die Glo­rie des Him­mels und des Alls – all das lässt Koch das Orches­ter behut­sam und elas­tisch mit gro­ßer Freu­de am Detail­reich­tum zeich­nen. Damit wird die­se „Schöp­fung“ viel­leicht nicht gera­de zu einem gro­ßen Werk. Aber vie­le klei­ne Momen­te kön­nen auch eine schön Voll­endung sein.

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zeitung.)

Liebe, Götter und Musik: Händels „Semele“

Kom­pli­zier­ter geht es kaum noch. Da ist Seme­le, die Toch­ter des Königs von The­ben. Sie soll eigent­lich Atha­mus hei­ra­ten, hat ins­ge­heim aber ein Ver­hält­nis mit dem Gott Jupi­ter. Dafür ist ihre Schwes­ter Ino in den Bräu­ti­gam ver­liebt. Auch Juno, Apol­lo und eini­ge ande­re Figu­ren aus Göt­ter- und Men­schen­welt mischen noch mit, bis Seme­le am Ende beim Ver­such, selbst gött­lich zu wer­den, stirbt und die rest­li­chen Betei­lig­ten ohne sie ihr Hap­py End erle­ben und fei­ern kön­ne. Das Pro­gramm­heft benö­tigt fünf Sei­ten für eine ver­ständ­li­che und hin­rei­chend aus­führ­lich Inhalts­zu­sam­men­fas­sung. Und dabei ist das noch nicht ein­mal eine Oper – Hän­del hat sei­ne „Seme­le“ aus­drück­lich als Ora­to­ri­um ver­stan­den und auch so kom­po­niert, trotz des Libret­tis. Das ist schon den Zeit­ge­nos­sen auf­ge­fal­len, bei der Urauf­füh­rung bemerkt ein Freund Hän­dels wenig freund­lich: „Das ist kein Ora­to­ri­um, son­dern eine zoten­haf­te Oper, eine eng­li­sche Oper, die Nar­ren als Ora­to­ri­um bezeich­nen.“ Zum Glück hat sich die­se Mei­nung nicht durch­ge­setzt. Oft zu hören ist die „Seme­le“ aber trotz­dem nicht. Dank des Kol­legs für Alte Musik, Barock vokal, das an der Main­zer Musik­hoch­schu­le ein Wei­ter­bil­dungs­pro­gramm für jun­ge Sän­ger und Sän­ge­rin­nen anbie­tet, war die Geschich­te von Seme­le jetzt in der Chris­tus­kir­che zu erle­ben. Vor allem war die Musik zu hören – das es nicht um Hand­lung ging, macht schon ein ers­ter Blick deut­lich: Alle Betei­lig­ten in stren­gem schwarz, in klas­si­scher Ora­to­ri­en­form: Vorn die Solis­ten von Barock vokal, hin­ten der Chor der Musik­hoch­schu­le, dazwi­schen das mit stu­den­ti­scher Ver­stär­kung famos leicht und durch­sich­tig spie­len­de Main­zer Bach­or­ches­ter. Aber was den Augen fehlt, kön­nen die Ohren leicht aus­glei­chen. Denn alle der immer­hin zehn Sän­ger und Sän­ge­rin­nen um Eli­sa­beth Scholl, die eine wun­der­bar kla­re, kon­trol­lier­te Seme­le singt, haben sich ihre Rol­le genau erarbeitet.
Zusam­men­ge­hal­ten und mit bewun­ders­wer­ter Prä­zi­si­on in allen Details aus­ge­malt wird das von Ralf Otto, der aus dem künst­li­chen Beginn ein immer packen­de­res und mit­rei­ßen­de­res Dra­ma ent­wi­ckelt, das erst mit dem Schluss­chor und Hap­py End Erleich­te­rung bie­tet. Und das macht er so deut­lich und so über­zeu­gend schön, dass man dazu nicht ein­mal der Hand­lung in jedem Detail fol­gen kön­nen muss. 

mrz.

Taglied 26.2.2012

Zwei klit­ze­klei­ne Aus­schnit­te aus Hän­dels wirk­lich über­ra­schend schö­nem Ora­to­ri­um „Seme­le“:

Ceci­lia Bar­to­li – Seme­le – No no, I’ll take no less

Beim Kli­cken auf das und beim Abspie­len des von You­Tube ein­ge­bet­te­ten Vide­os wer­den (u. U. per­so­nen­be­zo­ge­ne) Daten wie die IP-Adres­se an You­Tube übertragen.
Ceci­lia Bar­to­li – Seme­le – End­less plea­su­re, end­less love

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Alle Jahre wieder: Das Weihnachtsoratorium

Schon die schie­re Grö­ße ist beein­dru­ckend, die Chor­mas­sen auf den Altar­stu­fen, die Län­ge des Wer­kes und das Durch­hal­te­ver­mö­gen der Musi­ker und des Publi­kums. Das ist aber eher sei­ne port­li­che Leis­tung. Dom­ka­pell­meis­ter Mathi­as Breit­schaft gelingt es aller­dings, dar­aus auch durch­aus beein­dru­cken­de Musik zu machen. Dabei ist das für ihn schon fast Rou­ti­ne: Regel­mä­ßig steht in der Weih­nachts­zeit auch im Dom das kom­plet­te Bach­sche Weih­nachts­ora­to­ri­um auf den Plan. Die­ses Jahr war es wie­der so weit.

Und ganz schnell, näm­lich schon beim „Jauch­zet, froh­lo­cket“ des Ein­gangs­cho­res, wird klar: Die­ses Mal wird das Weih­nachts­ora­to­ri­um noch leben­di­ger und kraft­vol­ler klin­gen. Der Dom­chor und das Main­zer Kam­mer­or­ches­ter legen sich gleich ins Zeug, als hät­ten sie nicht noch über zwei Stun­den Musik vor sich. Und doch bleibt Breit­schaft sei­ner Inter­pre­ta­ti­ons­li­nie treu: Das wirk­li­che Erstau­nen ob des Wun­ders der Geburt Jesu Christ steht im Mit­tel­punkt. Und die unbän­di­ge Freu­de dar­über, immer wie­der jauchzt, froh­lockt und jubelt der Chor, die Instru­men­ta­lis­ten und auch die Solisten.

Die zügi­gen Tem­pi die­ser hoch­ge­stimm­ten Musik sind dabei durch­aus irdisch, wirk­lich ent­rückt wirkt das fast nur im Cho­ral „Ich steh an dei­ner Krip­pen hier“ im sechs­ten Teil. Das gilt vor allem in der ers­ten Hälf­te, den ers­ten drei Kan­ta­ten für die eigent­li­chen Weih­nachts­fei­er­ta­ge. Hier wird die eigent­li­che Weih­nachts­ge­schich­te, der Kern des Wun­ders, erzählt. Und hier singt der Main­zer Dom­chor. Denn nach der Pau­se ersetzt Breit­schaft die jun­gen Stim­men des Dom­chors mit den etwas rei­fe­ren der Dom­kan­to­rei St. Mar­tin. Und die­sen Unter­schied hört man deut­lich: Die Kan­to­rei klingt erwach­se­ner, fül­li­ger und singt mit mehr Druck, aber nicht ganz so beweg­lich wie der Dom­chor. Die immer etwas ungläu­big-naï­ve Begeis­te­rung des Beginns wan­delt sich in ehr­fürch­ti­ges Staunen.

Auf der Suche nach dem Cha­rak­te­ris­ti­schen jedes ein­zel­nen Sat­zes kommt Breit­schaft so sehr weit. Die Ver­ve, mit der er sich und die Chö­re etwa in jeden ein­zel­nen der sechs Ein­gangs­chö­re stürzt, ist jedes­Mal beein­dru­ckend. Und sie über­trägt sich recht pro­blem­los auf den Rest des Ora­to­ri­ums, auch auf Ari­en und Rezi­ta­ti­ve der Solis­ten. Die wur­den in der Pau­se nicht aus­ge­wech­selt, was aber nicht von Nach­teil war. Denn auf einen Evan­ge­lis­ten wie Chris­toph Pré­gar­dien, dem man in jedem Satz sei­ne lan­ge Erfah­rung und sei­ne Detail­freu­dig­keit anhört, möch­te man kei­nes­falls ver­zich­ten – auch wenn die Höhe in den Spit­zen­tö­nen in der letz­ten Arie etwas mür­be wird. Inten­si­ve Kläng steu­ern auch die Altis­tin Alex­an­dra Rawohl und der Main­zer Bass Patrick Pobe­schin bei, wäh­rend die Sopra­nis­tin Clau­dia von Til­zer oft etwas über­dra­ma­tisch agiert. Aber selbst die pla­ka­ti­ven Momen­te fin­den ihren Platz: Manch­mal muss man eben etwas dicker auf­tra­gen. Sonst wür­den da ja auch nicht fast 100 Cho­ris­ten singen.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung.)

geschaffen aus dem nichts

Es war ein Hit von der ers­ten Auf­füh­rung an, den Joseph Haydn vor 210 Jah­ren mit sei­nem Ora­to­ri­um „Die Schöp­fung“ gelan­det hat. Und wie jetzt der vol­le Dom bei schöns­tem Sonn­tags­som­mer­wet­ter beweist, gilt das auch noch heu­te. Man konn­te im Dom auch wun­der­bar erfah­ren, war­um genau die „Schöp­fung“ sich eigent­lich seit ihrer Urauf­füh­rung die­ser andau­ern­der Beliebt­heit erfreut: Kaum ein ande­res Werk Haydns – und auch die Vor­bild-Ora­to­ri­en Hän­dels nicht – kann so eine gro­ße Band­brei­te musi­ka­li­scher Mit­tel und so eine gelun­ge­ne Mischung aus Schön­heit, Dra­ma, Span­nung und Hap­py-End auf­wei­sen: Fast wie das Rezept eines Block­bus­ters liest sich die Lis­te der Eigen­schaf­ten die­ses Komposition.

Und Dom­ka­pell­meis­ter Mathi­as Breit­schaft gelingt es mit der gan­zen Mas­se der erwach­se­nen Sän­gern sei­ner Chö­re und dem vital spie­len­den Main­zer Kam­mer­or­ches­ter, die­se Mischung ganz aus­ge­zeich­net vor­zu­füh­ren und in der Balan­ce zu hal­ten. So erhält die auf­klä­re­risch gefärb­te Erzäh­lung der Schöp­fungs­ge­schich­te eine sehr poin­tier­te Dra­ma­tik. Breit­schaft nimmt sich näm­lich der plas­ti­schen Klang­schil­de­run­gen Haydns und sei­ner bild­haf­ten Ver­to­nung des bibli­schen Gesche­hens in dras­ti­scher Deut­lich­keit an. Das macht den Text fast über­flüs­sig, so klar und nach­voll­zieh­bar wird die Klang­spra­che im Dom ent­wi­ckelt. Und das Bes­te: Damit ist Breit­schaft noch nicht am Ende. Ihm gelingt es näm­lich außer­dem auch, die Ein­heit des Ora­to­ri­ums beto­nend zu wah­ren. Die zügi­gen Tem­pi und sei­ne schar­fe Kon­trol­le des Gesche­hens, gepaart mit der ener­gi­schen Ani­ma­ti­on aller Betei­lig­ten ver­hin­dern trotz aller fei­nen Arbeit das Ver­lie­ren in Details. Von der hier sehr fried­vol­len „Vor­stel­lung des Cha­os“ am Beginn, die die kom­men­de Ord­nung der Schöp­fung schon in sich trägt, bis zum gro­ßen Fina­le nach dem Lob­preis des para­die­si­schen Lebens im Gar­ten Eden reicht die voll­ende­te Ein­heit der Musik. Und die Solis­ten unter­stüt­zen ihn in sei­nen inten­si­ven Bemü­hun­gen. Bari­ton Diet­rich Gre­ve hilft mit fül­li­ger, warm­tö­nen­der Güte und Har­mo­nie, wäh­rend Tenor Mar­kus Schä­fer sich eher den dra­ma­ti­schen Akzen­ten und deut­li­chen Akzen­ten ver­pflich­tet sieht. Vor allem die Sopra­nis­tin Sabi­ne Goetz aber beein­druckt mit ihrer engels­glei­chen, rei­nen und in allen Lagen aus­ge­ge­li­che­nen Stim­me – eine wun­der­ba­re Beset­zung für den Erz­engel Gabri­el. Der Chor wirk­te neben die­ser lei­den­schaft­li­chen und aus­ge­spro­chen prä­zi­sen fast etwas blass, bewäl­tigt sei­ne Par­tie aber natür­lich sehr sicher. Mit so viel cho­ri­scher Mas­se, die sich – etwa im wun­der­bar zar­ten Ein­gangs­chor – durch­aus zäh­men lässt, kann Breit­schaft sou­ve­rän arbei­ten. Und da ist es kein Wun­der, dass die „Schöp­fung“ auch in Mainz ihren Sta­tus als immer­wäh­ren­der Hit behaup­ten kann.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung)

power und einfühlungsvermögen: händels oratorien im querschnitt

Nicht alle Hän­del-Ein­spie­lun­gen, die jetzt erschei­nen, ver­dan­ken ihre Ent­ste­hung dem Jubi­lä­um des Kom­po­nis­ten. Der Maul­bron­ner Kam­mer­chor und sein Lei­ter Jür­gen Bud­day etwa beschäf­ti­gen sich schon län­ger und sehr erfolg­reich mit den gro­ßen Ora­to­ri­en des Meis­ters. Und seit zehn Jah­ren wer­den ihre Auf­füh­run­gen von K&K mit­ge­schnit­ten. Aus die­sem reich­hal­ti­gen Mate­ri­al hat das Label nun, zur Fei­er des dop­pel­ten Jubi­lä­ums sozu­sa­gen, eine Aus­wahl unter dem Titel „The Power of Hän­del“ zusam­men­ge­stellt. Die etwas rei­ße­ri­sche Ver­mark­tung ver­zeiht man ger­ne – denn „out­stan­ding“ sind sie wirk­lich, die­se aus­ge­wähl­ten Soli und Chö­re. Und „Power of Hän­del“ heißt das gan­ze Unter­neh­men zu recht. Denn was immer wie­der sofort auf­fällt, ist die immense Kraft, die Bud­day und sei­ne Mit­strei­ter in der Musik zum Leben erwe­cken. Das liegt bei­lei­be nicht nur an den fast durch­weg zügig bis rasan­ten Tem­pi. Eine Freu­de ist es aber schon, zu hören, wie prä­zi­se der Maul­bron­ner Kam­mer­chor auch bei hohem Tem­po bleibt, wie rasch die Sän­ger – immer­hin kei­ne Pro­fis! – reagie­ren und wie wen­dig sie in Klang und Aus­druck bleiben.

Klar­heit, Prä­gnanz und poin­tier­te Aus­drucks­stär­ke gehen eine aus­ge­spro­chen frucht­ba­re Alli­anz ein. Und dass hier federnd und sprit­zig gesun­gen wird – mit Freu­de und Esprit aller Betei­lig­ten – das hört man eben in fast jedem Moment. Und man hört es ger­ne, zumal auch die Auf­nah­me atmo­sphä­risch gelun­gen ist.

The Power of Hän­del. Best of his glo­rious Ora­to­ri­os. Solis­ten, Maul­bron­ner Kam­mer­chor, Jür­gen Bud­day. KuK 44, 2008.

(geschrie­ben für die neue chorzeit)

schönheit in groß: mendelssohn bartholdys elias

Die gro­ße Büh­ne der Phö­nix­hal­le ist voll gefüllt. Dicht an dicht ste­hen und sit­zen die Stu­den­ten in Chor und Orches­ter des Col­le­gi­um Musi­cums der Uni­ver­si­tät. Denn Felix Men­dels­sohn Bar­thol­dy ver­langt vol­len Ein­satz und gro­ße Mas­sen für sein Ora­to­ri­um „Eli­as“. Und obwohl die Zahl der Mit­wir­ken­den hier noch lan­ge nicht an die der Urauf­füh­rung her­an­reicht, kommt der „Eli­as“ in die­sem Semes­ter-Abschluss­kon­zert ziem­lich groß­ar­tig und mäch­tig daher. Das hin­dert den Diri­gen­ten Jos­hard Daus aber über­haupt nicht dar­an, auch den Details aus­rei­chend Auf­merk­sam­keit zu schenken.
Die­ser „Eli­as“ ist also schön, über wei­te Stre­cken sogar wun­der­schön. Aber er ist ein­fach nur schön. Das ist zwar eigent­lich groß­ar­tig. Und auch über­haupt kei­ne ein­fa­che Leis­tung. Dass aber den­noch etwas fehlt, merkt man an eini­gen Stel­len. Etwa an den Soli von Ulf Bäst­lein, der geschmei­dig und voll­tö­nend einen wun­der­bar emo­tio­na­len Eli­as gibt, der durch­aus auch mal am feh­len­den Glau­ben sei­nes Vol­kes ver­zwei­feln kann. Oder auch an der ele­gan­ten Leich­tig­keit der Engels­mu­sik von Fionnu­a­la McCar­thy. Das ist näm­lich genau die Tren­nungs­li­nie zwi­schen den Solis­ten (außer­dem noch die soli­de Altis­tin Clau­dia Rüg­ge­berg und der etwas ver­wa­schen klin­gen­de Tenor Julio Fernán­dez) und den Ensem­bles, vor allem dem Chor: Daus küm­mert sich nicht beson­ders um die reli­giö­sen Inhal­te. Ihm scheint es im Gegen­satz zu sei­nen Solis­ten vor allem um die rei­ne Musik zu gehen, ihre klang­li­che Gestalt führt er immer wie­der auf Hoch­glanz poliert vor.
Das kann Daus aus­ge­zeich­net. Und auch deli­ka­te Stim­mun­gen evo­zie­ren. Aber was ihm weni­ger gelingt, das ist die wei­ter umfas­sen­de Span­nung, die Dra­ma­tur­gie des gesam­ten Ora­to­ri­ums. Zwar bemüht er sich um zügig-flie­ßen­de Tem­pi und dich­te Anschlüs­se der ein­zel­nen Sät­ze und Num­mern, ver­passt dabei aber immer wie­der eigent­li­che Höhe­punk­te. Dort, wo die Musik klein und leicht, detail­reich und schwe­bend sein kann und soll, dort hat er sei­ne größ­ten Stär­ken. Er lässt sei­ne Musi­ker zwar immer wie­der Anlauf neh­men für den nächs­ten Span­nungs­gip­fel – aber die letz­ten Meter ver­wei­gert er ihnen dann gerne.
Kei­nen Abbruch tut das dem Enga­ge­ment und der Leis­tung der Stu­den­ten. Vor allem der Chor zeigt sich wie­der ein­mal als Wachs in den Hän­den Daus‘. Weich und geschmei­dig, kom­pakt und erstaun­lich beweg­lich folgt er ihm sehr bereit­wil­lig für zwei Stun­den gro­ße und rei­ne Musik
(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung)

stark im glauben und in der musik: paulus im dom

Pau­lus-Jahr, Kom­po­nis­ten-Jubi­lä­um, Weih­nach­ten – Anläs­se gibt es mehr als genug, Felix Men­dels­son-Bar­thol­dy Ora­to­ri­um „Pau­lus“ jetzt auf­zu­füh­ren. Aber eigent­lich ist der bes­te Grund ja schon, die­ses gro­ße Werk über­haupt zum Klin­gen zu brin­gen. Vor allem, wenn man sich dar­auf so aus­ge­zeich­net ver­steht wie Dom­ka­pell­meis­ter Mathi­as Breit­schaft – dann braucht man wirk­lich kei­nen äuße­ren Anlass mehr. Die Erwar­tun­gen der vie­len Main­zer – selbst Steh­plät­ze waren schon knapp – wur­den im Dom also bestimmt nicht enttäuscht.
Von Anfang bis Ende, von der Stei­ni­gung des Ste­pha­nus über die Wand­lung des Sau­lus zum Pau­lus bis zum Abschied des Mär­ty­rers von sei­ner Gemein­de zeich­ne­te Breit­schaft mit den Dom­chö­ren und dem Main­zer Kam­mer­or­ches­ter eine inten­si­ve Klang­ge­schich­te des siche­ren Bestehens im Glau­ben. Der Haupt­ak­teur dabei war – wenig über­ra­schend an die­sem Ort – die Chö­re, also vor allem die Dom­kan­to­rei mit den ver­stär­ken­den Män­ner­stim­men des Dom­cho­res. Die gaben näm­lich den ent­schei­den­den Kick, berei­te­ten mit ihrer nach­drück­li­chen Prä­senz ein aus­ge­zeich­ne­tes Klangfundament.
Breit­schaft führ­te sei­ne Musi­ker in dra­ma­ti­scher Auf­la­dung genau und dis­zi­pli­niert, mit klar gezeich­ne­ten Struk­tu­ren und deut­li­chen Höhe­punk­ten in den wei­ten Bögen – so macht das rich­tig viel Freu­de. Und außer­dem gelang ihm noch etwas Beson­de­res: Zwei Chö­re schie­nen sich in den Keh­len der Sän­ger zu ver­ste­cken. So völ­lig ver­schie­de­nen klang das in den Chör­sät­zen einer­seits und den Cho­rä­len ande­rer­seits. Indem Breit­schaft die­sen Unter­schied aber so deut­lich mar­kier­te und gleich­zei­tig auch die Ver­bin­dung zwi­schen allen Tei­len des Wer­kes beson­ders stärk­te, erschien das nicht gera­de knap­pe Ora­to­ri­um hier wie aus einem Guss.
Das Solis­ten­quar­tett spiel­te oder sang dabei wun­der­bar mit, vor allem der kräf­ti­ge Sopran von Kaja Börd­ner und der stark aus­dif­fe­ren­zier­te Bari­ton Johan­nes Kös­ters als Paulus.
In der Ver­bin­dung mit den aus­ge­feil­ten Chor­pas­sa­gen und gera­de ihrer klang­li­chen Fes­tig­keit beton­te Breit­schaft damit ganz beson­ders die per­so­na­le, indi­vi­du­el­le Sei­te des Glau­ben, die Erfah­rung Got­tes. Die­se Gewiss­heit der reli­giö­sen Grund­la­ge macht das Pau­lus-Ora­to­ri­um so anrüh­rend – selbst Athe­is­ten muss so eine über­zeu­gen­de Dar­bie­tung zumin­dest Respekt entlocken.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung)

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