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Schlagwort: konzert Seite 2 von 3

Taglied 28.9.2012

Hel­mut Lachen­mann, har­mo­ni­ca #1


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Liebe, Leiden und Alchimie

Ein klei­nes Arse­nal an Lau­ten und die bereit lie­gen­de Vio­la da gam­ba vor dem Altar ver­ra­ten selbst dem zufäl­li­gen Besu­cher der Semi­nar­kir­che, das hier etwas Beson­de­res statt­fin­det. Und in der Tat, das vor­letz­te Kon­zert des dies­jäh­ri­gen Musik­som­mers ist noch ein­mal ein ech­tes High­light. Hil­le Perl, Lee San­ta­na und Doro­thee Mields sind mit ihrem „Loves Alchy­mie“ beti­tel­ten Pro­gramm in Mainz zu Gast. Die Samm­lung ver­schie­de­ner Lau­ten, die Lee San­ta­na bereit gelegt hat, ist sym­pto­ma­tisch. Denn kei­ner der drei gibt sich mit ein­fa­chen Lösun­gen zufrie­den. Exten­si­ve und inten­si­ve Viel­falt ist statt­des­sen angesagt.

Dabei ist es schein­bar ein ganz ein­ge­schränk­tes, mono­the­ma­ti­sches Pro­gramm, die­se „Loves Alchy­mie“. Ver­to­nun­gen der soge­nann­ten meta­phy­si­schen Dich­tung aus dem baro­cken Eng­land des 17. Jahr­hun­derts haben sich die drei Musi­ker aus­ge­sucht. Und die krei­sen immer wie­der um Lie­be und Tod, viel mehr gibt es da nicht. Aber das ist bei ande­ren Barock­dich­tern ja ähn­lich. Doch schon die Ver­to­nun­gen bre­chen aus die­ser schein­ba­ren Ein­öde aus: Airs, Grounds, Fan­ta­sien, Varia­tio­nen, Lau­ten­lie­der von bekann­ten Kom­po­nis­ten wie John Dow­land und Hen­ry Pur­cell ste­hen neben sol­chen von ver­ges­se­nen Meis­tern wie John Wil­son, Tobi­as Hume oder John Jenk­ins. Aber sie alle wen­den die Melan­cho­lie, die gedrück­te Stim­mung von Todes­nä­he und Lie­bes­schmerz (die oft genug zusam­men hän­gen) in erbau­li­che und unter­hal­ten­de Musik – Unter­hal­tung frei­lich, die von fei­nen Dif­fe­ren­zie­run­gen lebt. Und dafür sind die drei ohren­schein­lich Spe­zia­lis­ten. Jeder ein­zel­ne weiß in der Augus­ti­ner­kir­che zu begeis­tern – und das Zusam­men­spiel in naht­lo­ser Har­mo­nie sowie­so. Hil­le Perl fas­zi­niert mit ihrer leben­di­gen Dyna­mik, Lee San­ta­na mit fein­glied­ri­gem Tief­sinn. Und dann ist da schließ­lich Doro­thee Mields, die dem gan­zen Stim­me ver­leiht. Denn die Sopra­nis­tin ist nicht nur wun­der­bar ver­ständ­lich, son­dern auch wun­der­bar facet­ten­reich, weich und so reich an Klang­far­ben, dass bei ihr kei­ne zwei Wör­ter gleich klingen. 

Mal nach­denk­lich und sin­nie­rend, mal intim, dann wie­der ent­rückt und ganz ver­son­nen – kaum eine emo­tio­na­le Bewe­gung bleibt bei die­sem Trio außen vor. Ganz beson­ders noch ein­mal im Schluss, der mit süßer Ver­zü­ckung ein­ge­läu­tet wird: „Swee­test Love, I doe not goe“ ist Ver­füh­rung pur, die mit einer zart-figu­ra­tiv ver­spon­nen Lau­ten­fan­ta­sie von Lee San­ta­na zurück­hal­tend prä­zi­se fort­ge­führt wird und im gran­dio­ses Schluss mün­det: „The Expi­ra­ti­on“, das „Aus­hau­chen“ eines anony­men Kom­po­nis­ten. „So brich doch die­sen letz­ten Kuss ab, der so klagt“, heißt es dort, und die Sän­ge­rin schließt mit dem simp­len Wört­chen „fort“ – da möch­te man wirk­lich gera­de­wegs mit ihr gehen, das muss der Weg ins Para­dies sein, so rein und ver­füh­re­risch singt Mields das über der Beglei­tung von San­ta­na und Perl. Statt­des­sen zwingt der stür­mi­sche Applaus aber alle wie­der gna­den­los zurück in die Welt und den Alltag.

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zeitung.) 

Aus der Welt der Sinfonietta Mainz

Sie haben es wie­der ein­mal geschafft. Die Sin­fo­ni­et­ta Mainz und Micha­el Mil­lard sind ein Gespann, das begeis­tern kann. Das Pro­gramm war die­ses Mal aber auch gera­de­zu dar­auf aus­ge­legt, den Applaus her­vor­zu­kit­zeln: Mit Beet­ho­vens fünf­tem Kla­vier­kon­zert und Dvořáks neun­ter Sym­pho­nie lagen zwei aus­ge­spro­chen bekann­te und popu­lä­re Wer­ke auf dem Pult. Und den­noch: Auch die muss man spie­len kön­nen, der Bei­fall ist kei­nes­wegs auto­ma­tisch. In der Phö­nix­hal­le war er aber ver­dient. Denn die Lai­en­mu­si­ker der Sin­fo­ni­et­ta, die in die­sem Jahr ihren 40. Geburts­tag fei­ert, prä­sen­tie­ren sich als voll­wer­ti­ges Orches­ter, bei dem schnell ver­ges­sen kann, dass hier kei­ne Pro­fis auf der Büh­ne sitzen.

Micha­el Mil­lard hat mit dem Orches­ter einen schö­nen, wei­chen Klang ent­wi­ckelt, der sich vor allem sehr har­mo­nisch prä­sen­tiert: Die Strei­cher klin­gen voll und sam­tig, die Blä­ser klar und prä­sent. Vor allem die Blas­in­stru­men­te haben in Dvořáks letz­ter Sin­fo­nie mit dem Bei­na­men „Aus der neu­en Welt“ ja eini­ge Hür­den zu über­sprin­gen. Nicht nur das Solo des Eng­lisch­horns am Beginn des zwei­ten Sat­zes, auch alle ande­ren Holz- und Blech­blä­ser tre­ten an der einen oder ande­ren Stel­le expo­niert in Erschei­nung. Und das gelingt ihnen in der Phö­nix­hal­le vor allem positiv.
Mil­lard unter­stützt das mit sei­nem Diri­gat. Direkt und unver­stellt, aus­ge­spro­chen nüch­tern lässt er der Musik mit ihren bekann­ten Melo­dien viel Raum – fast lako­nisch klingt das gera­de in den ers­ten Sät­zen. Und des­we­gen gelin­gen auch die gro­ßen Ges­ten hier so gut, ohne ins lächer­lich-kit­schi­ge abzu­kip­pen. Mit zuneh­men­der Empha­se ins Finale

Das fünf­te Kla­vier­kon­zert von Beet­ho­ven, mi dem das Kon­zert in der voll beset­zen Phö­nix­hal­le begann, wirk­te dann im Rück­blick fast etwas zahm. Zurück­hal­ten­de Tem­pi schlug Mil­lard hier an und zeigt sich sehr auf Genau­ig­keit bedacht. Dadurch wirkt das, vor allem im ers­ten Satz, oft etwas gebremst und zurück­hal­tend. Auch der Pia­nist Johan­nes Nies kann das Kon­zert nicht so recht aus sei­nem Kor­sett befrei­en: Das ist alles nicht ver­kehrt, aber auch nur bedingt mit­rei­ßend, son­dern vor allem glatt und sau­ber. Aber immer­hin ver­eint Orches­ter und Solist immer wie­der die Klar­heit der Struk­tur und ihre Klang­schön­heit – schließ­lich sind bei­des Wer­ke mit durch­aus dif­fi­zi­ler Klang­lich­keit. Das ein Ama­teur­or­ches­ter sich so etwas vor­nimmt, zeigt das Selbst­be­wusst­sein des Ensem­bles. Und dass sie es so gut spielt, zeigt, dass die Sin­fo­ni­et­ta Mainz die­ses Selbst­ver­trau­en zu Recht hat.

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zeitung.)

Mainz liegt am Meer – zumindest in der fünften Jahreszeit

Zum Schluss steht das sin­gen­de Publi­kum. Und das ist kein gewöhn­li­cher Anblick für ein Sin­fo­nie­kon­zert. Aber auf der Büh­ne sieht es auch nicht ganz nor­mal aus: Die Brat­schen zum Bei­spiel kom­men direkt aus dem Kran­ken­haus. Man­che hän­gen noch am Tropf, ande­re sit­zen im Roll­stuhl, haben Ban­da­gen nicht nur um die Köp­fe, son­dern auch um die Instru­men­te, ver­brau­chen Bin­den und Papier­ta­schen­tü­cher im Minu­ten­takt. Auch sonst ist das Phil­har­mo­ni­sche Staats­or­ches­ter ein wil­der Hau­fen – zumin­dest dem Aus­se­hen nach. 

Denn klang­lich hat Chef­di­ri­gent Her­mann Bäu­mer sein Orches­ter fest im Griff. Sogar als stil­echt über die Büh­ne trip­peln­de Gei­sha, die ihren Diri­gen­ten­stab aus dem kunst­voll Haar­kno­ten zau­bert. Und bei jedem Auf­tritt bei­na­he an der Stu­fe auf das Diri­gen­ten­po­dest scheitert.
Dabei hat­te alles so gesit­tet ange­fan­gen, fast wie ein ganz nor­ma­les Sin­fo­nie­kon­zert des Staats­thea­ter. Frei­lich, die bun­te Gar­de­ro­be der Zuhö­rer war ein ers­ter Hin­weis. Und das Publi­kum war von Beginn an nicht in Abend­gar­de­ro­be, son­dern in Fei­er­lau­ne. Auch das Pro­gramm ver­band mit Jac­ques Offen­bach, Hec­tor Ber­li­oz, Leo­nard Bern­stein und Hen­ry Wood Kom­po­nis­ten, die sonst nicht unbe­dingt zusam­men erklin­gen. Aber wenn man zei­gen will, dass Mainz wirk­lich am Meer liegt, wie der Titel vor­schlägt, muss man sich eben ein biss­chen anstren­gen. Und das tat das Orches­ter auch. Mit groß­zü­gi­gen Ges­ten, viel Effekt – aber durch­aus mit Sub­stanz und Feingefühl.

Kein Wun­der, das ist ja auch kein nor­ma­les Kon­zert, son­dern die Sym­pho­nie Fast­nach­tique. Sonst wäre Lars Reichow als Con­fe­ren­cier auch ziem­lich fehl am Platz. Erzählt und erhei­tert wie gewohnt, lässt die Musi­ker durch­at­men und das Publi­kum mit sei­nen Wit­zen und klei­nen Geschich­ten durch­la­chen. Und manch­mal gelingt ihm sogar eine pass­ge­naue Über­lei­tung zur nächs­ten Musik. Aber rich­tig locker wur­de das erst nach der Pau­se: Mit der tra­di­tio­nel­len Kon­zert­klei­dung haben die Musi­ker offen­bar auch die Zurück­hal­tung abge­legt. Die Num­mern aus Paul Abra­hams Ope­ret­te „Die Blu­me von Hawaii“ zeig­ten, dass das Main­zer Orches­ter auch erst­klas­si­ge Unter­hal­tungs­mu­sik bie­ten kann: Swin­gend, mar­schie­rend und tän­ze­risch, unter­stützt vom fröh­li­chen Thea­ter­chor und einem sou­ve­rä­nen Solis­ten­quin­tett – die ein­zi­gen übri­gens, die dem Frack treu blie­ben. Aber auch sie konn­te die Füße nicht immer still­hal­ten. Und Tanz­mu­sik ist das ja auch, irgend­wie: Schon Bern­steins Tän­ze aus „On the Town“ oder die aus der „Last Night of the Proms“ bekann­te Fan­ta­sia on Bri­tish Sea Songs von Hen­ry Wood. Der dazu­ge­hö­ri­ge Uni­on Jack wur­de dann aller­dings dann auf der Büh­ne geschwun­gen – und sofort mit Fast­nachts­far­ben und 05er-Flag­gen neu­tra­li­siert. Vor allem aber eben die Songs aus der Blu­me von Hawaii brin­gen Hän­de und Füße zum Zucken. 

Groß­ar­tig wird es dann noch ein­mal bei der Zuga­be. Und so rich­tig fast­nacht­lich, mit Klat­schen, Schun­keln und dazu­ge­hö­ri­gem Mit­sin­gen. Da ver­zeiht man den Solis­ten auch, dass sie dafür noch Spick­zet­tel brau­chen – schließ­lich kom­men ja eini­ge aus Wiesbaden. 

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zeitung.) 

Himmlische Freuden

„Wir genie­ßen die himm­li­schen Freu­den“ – das Mot­to für sei­ne Inter­pre­ta­ti­on scheint der Diri­gent Peter Hirsch direkt aus dem Schluss­satz der vier­ten Sin­fo­nie von Gus­tav Mahler genom­men zu haben. Damit ende­te er das drit­te Sin­fo­nie­kon­zert im Staats­thea­ter – und damit tri­um­phier­ten er und das Phil­har­mo­ni­sche Staats­or­ches­ter. Anfangs, bei Leos Janá­ceks Orches­ter-Bal­la­de „Des Spiel­manns Kind“, reagier­te das Main­zer Publi­kum noch sehr zurück­hal­tend. Nicht ganz ohne Grund, denn das blieb wirk­lich noch ziem­lich blass. Gefal­len hat­ten auch Alban Bergs „Drei Bruck­stü­cke“ aus des­sen Oper Woz­zeck nicht – obwohl Hirsch und die Sopra­nis­tin Mar­le­ne Mild den grau­si­gen Schre­cken die­ser Musik sehr über­legt und gekonnt Gestalt wer­den las­sen. Aber ob das Publi­kum dann so eine Mahler-Sin­fo­nie erwar­tet hat­te? Denn Hirsch ging einen eige­nen, sehr gefähr­li­chen Weg: Er radi­ka­li­sier­te die 1901 urauf­ge­führ­te Sin­fo­nie total – zu einer emi­nent moder­nen Musik.

Der in die­ser Hin­sicht durch­aus extre­mis­ti­sche Diri­gent änder­te auch sein Auf­tre­ten voll­kom­men: Er schwebt fast vor dem Orches­ter, der Takt­schlag ist kaum noch zu erken­nen, für jeden Klang formt er eine eige­ne Ges­te, ja fast eine eige­ne Erschei­nung. Per­ma­nent ver­wan­delt er sich vom impo­san­ten Groß­meis­ter und Domp­teur zum scheu­en Kitz, vom stei­fen Zele­bran­ten zum wild fuch­teln­den Der­wisch: Und jeder Klang, jede Phra­se klingt dann auch ganz eigen. Die­se Sin­fo­nie ist ein ein­zi­ges Fest der Ambi­va­len­zen: Hirsch lässt sie im Zustand der per­ma­nen­ten Stö­rung spie­len. Ruhe und Ord­nung, oder auch nur so etwas wie Gleich­ge­wicht, gibt es hier nicht. Oder höchs­tens ganz kurz­zei­tig. Leicht geht hier nichts, Ver­zö­ge­run­gen und Stol­pern wer­den zur geplan­ten Normalbewegung.

Und doch ist das Phil­har­mo­ni­sche Orches­ter immer ganz bei sich: Sein durch­weg sehr kla­rer, schlan­ker Klang wird dann im zwei­ten Satz etwa wun­der­bar hohl. Und vor allem ist das Orches­ter in der Lage, die irr­sin­ni­gen Span­nun­gen, die Hirsch for­dert, wirk­lich aus­zu­hal­ten. Er zer­dehnt die Musik ger­ne bis an die Schmerz­gren­ze, for­ciert Brü­che bis kurz vor das Rei­ßen – und das immer wie­der und wie­der. Ein uner­mess­lich ris­kan­tes Spiel ist das: Schafft er es, die schwe­ren Zen­tri­fu­gal­kräf­te noch im Schach zu hal­ten? Oder fliegt ihm gleich alles um die Ohren? Man erwar­tet die Kata­stro­phe fast in jedem Takt, nach jeder Phra­se rech­net man mit dem Cha­os – und jedes Mal wird man erneut ent­täuscht. Oder eben begeis­tert: Selbst im unend­lich quä­lend lang­sa­men drit­ten Satz wird die Span­nung nahe­zu uner­träg­lich aus­ge­wei­tet. Doch alles hält – auch dank Mar­le­ne Mild, die mit unschul­dig-kla­rem Ton fast über­deut­lich wirkt. In der Kom­bi­na­ti­on ist das eine nahe­zu absur­de Ener­gie, die Hirsch aus der Sin­fo­nie ent­wi­ckelt. Und damit hat der Diri­gent fast geschafft, dass die Schluss­zei­len wahr wer­den: „Kein’ Musik ist ja nicht auf Erden, die unse­rer ver­gli­chen kann werden.“

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zeitung.)

Warten und Erfüllung

Der Star und der Höhe­punkt des Abends ließ lan­ge auf sich war­ten. Zunächst war erst ein­mal das Pflicht­pro­gramm zu absol­vie­ren. Genau so spiel­te die Deut­sche Staats­phil­har­mo­nie unter Karl-Heinz Stef­fens Mozarts Post­horn-Sere­na­de am Beginn des zwei­ten Meis­ter­kon­zerts aller­dings auch: mit fül­li­gem Klang, aber ohne jede erkenn­ba­re Idee und lei­der auch ohne hör­ba­re Ener­gie. Sicher, das ist nicht gera­de Mozarts span­nends­te Par­tiur. Aber so lang­wei­lig muss es nicht zwangs­läu­fig sein. Es blieb also beim War­ten. Und auch nach der Pau­se war das War­ten beim Meis­ter­kon­zert in der Rhein­gold­hal­le noch nicht ganz vor­bei. Das Orches­ter saß schon längst bereit, bis Maxi­mi­li­an Hor­nung dazu stieß. Aber es hat sich gelohnt, auf den jun­gen Instru­men­ta­lis­ten zu war­ten. Denn der Münch­ner Cel­list brach­te das drin­gend not­wen­di­ge Leben in die Musik, mit dem ers­ten Cel­lo-Kon­zert von Camil­le Saint-Saens, und mach­te end­gül­tig Schluss mit dem War­ten. Sein sehr trag­fä­hi­ger, aber nie auf­dring­li­cher Ton vibrier­te vor Leben­dig­keit. Stän­dig ver­än­der­te er sich, ließ Nuan­cen ohne Zahl schim­mern und glei­ßen. Mit Vehe­menz atta­ckier­te sein Bogen die Sai­ten – und schaff­te es doch, die Töne weich schwe­ben zu las­sen und har­mo­nisch abzu­run­den. So dyna­misch wie sei­ne Ton­ge­bung war auch sei­ne Inter­pre­ta­ti­on: Bestimmt­heit und Selbst­be­wusst­sein waren die ent­schei­den­den Cha­rak­te­ris­ti­ka. Jeder Ton, jede Phra­se ver­kün­de­te: Das muss jetzt hier unbe­dingt genau so klin­gen. Und Hor­nung kann das auch so spie­len. Er ver­sank – was bei Saent-Sains durch­aus nahe liegt – nie in sen­ti­men­ta­lem Geha­be, son­dern ent­wi­ckel­te eine prä­zi­se Emo­tio­na­li­tät. Nur lei­der ist das alles viel zu schnell wie­der vorbei.

Und nach die­sem Höhe­punkt in der Kon­zert­mit­te schien auch das Lud­wigs­ha­fe­ner Orches­ter wie aus­ge­wech­selt. Die Staats­phil­har­mo­nie spiel­te nun deut­lich frei­er und vita­ler, mit mehr Ein­satz und mehr See­le. Clau­de Debus­sys „La mer“ wur­de des­halb zum pas­sen­den Abschluss einer Rei­he zuneh­mend exo­ti­sche­rer Musik. Zunächst ließ Stef­fens sein Orches­ter ein rich­tig unfreund­li­ches, aus­ge­spro­chen unwirt­li­che Bild des Mee­res malen. Mit eini­gen Kan­ten und Haken wider­setz­te sich das jeder Roman­ti­sie­rung. Und er stei­ger­te das noch: Die drit­te sin­fo­ni­sche Skiz­ze Debus­sys, den Dia­log zwi­schen Wind und Meer, diri­gier­te er als reins­ten Ner­ven­kit­zel – ein ech­ter Thril­ler. Und die Staats­phil­har­mo­nie beleb­te die­se aus­ge­spro­chen kunst­voll geschaf­fe­ne Klang­welt bis zur wil­den Dring­lich­keit und der Bei­na­he-Eksta­se– das War­ten hat sich dop­pelt gelohnt. 

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zeitung.)

Klassik im Klub

Ein Flü­gel mit­ten im Roxy, zwi­schen den Sofas unter Lüs­tern – das ver­wan­delt den Club fast in einen groß­bür­ger­li­chen Salon des 19. Jahr­hun­derts. Nicht nur der Raum ver­weist auf die­se längst unter­ge­gan­ge­ne Form der gesel­lig-kul­tu­rel­len Unter­hal­tung. Auch die Musik, die der Pia­nist Kai Schu­ma­cher sich aus­ge­sucht hat, passt in die­se Tra­di­ti­on: Vor­wie­gend klei­ne­re, cha­rak­te­ris­ti­sche Stü­cke hat er aufs Pro­gramm gesetzt – kei­ne schwer­ver­dau­li­che klas­si­sche Kost, son­dern char­man­te Musik, die auch Nicht-Exper­ten gou­tie­ren können.

Auch das Publi­kum ver­hält sich auto­ma­tisch viel locke­rer als im „nor­ma­len“ Kon­zert: Zwang­los im Club ver­teilt, wo sich gera­de ein Plätz­chen zum Sit­zen fin­det. Viel geplau­dert wird auch in die­sem post­mo­der­nen Salon. Und dann doch ganz auf­merk­sam gelauscht. Denn das Ziel des Ver­eins der „Freun­de Jun­ger Musi­ker“, die das Kla­vier­kon­zert im Roxy orga­ni­sier­ten, war nicht, den Salon wie­der zu bele­ben. Son­dern ein neu­es, jün­ge­res Publi­kum für die Kla­vier­mu­sik zu erschlie­ßen und begeis­tern. Halb­wegs könn­te das funk­tio­niert haben, immer­hin waren – neben dem übli­chen Kon­zert­pu­bli­kum – auch eine Men­ge jun­ge Leu­te gekom­men. Ob das dau­er­haft wirkt, wird man sehen müs­sen. Auf jeden Fall ist so ein deut­lich ver­jüng­tes Publi­kum offen­sicht­lich wesent­lich begeis­te­rungs­fä­hi­ger, so offen­si­ve Bei­falls­be­kun­dun­gen sind sonst eher selten.

Nicht ganz zu unrecht aller­dings haben sie im Roxy ihren Platz. Kai Schu­ma­cher hat nicht nur ein her­vor­ra­gen­des Pro­gramm ent­wi­ckelt, son­dern ist auch als Musi­ker so viel­sei­tig, dass er bei­spiels­wei­se pro­blem­los zwi­schen Geor­ge Gershwin und Felix Men­dels­sohn Bar­thol­dy hin und her wech­seln kann: Er begann mit einer klei­nen Aus­wahl der Men­dels­sohn­schen „Lie­der ohne Wor­te“, durch­setzt mit Songs und Pre­ludes von Gershwin. Und streu­te in die­se far­big gespiel­te Mischung dann auch noch ein paar pia­nis­tisch-vir­tuo­se Bear­bei­tun­gen von Rock­songs ein, die sei­ner Vir­tuo­si­tät viel Raum las­sen. Und sein Fai­ble für Rock blitzt immer wie­der auf – bis zuletzt: Als Zuga­ben spielt er Songs von den Foo Figh­ters und von Slay­er. Auch wenn man das fast gesagt bekom­men muss: Das ist ganz stark der Tra­di­ti­on der vir­tuo­sen Kla­vier­be­ar­bei­tung des 19. Jahr­hun­derts ver­pflich­tet, so dass die Schu­ma­cher­schen Adap­tio­nen sich naht­los ins klas­si­sche Rper­toire ein­fü­gen. Auch wenn er sehr kraft­voll don­nern kann, selbst mit dem klei­nen Flü­gel im Roxy. Und damit ist er auch schon wie­der direkt bei Franz Liszt, der auch mehr­mals im Pro­gramm auf­taucht – es hängt eben alles zusammen.

Aber auch ande­re Pfa­de in die Gegen­wart steu­ert Schu­ma­cher an. Zum Bei­spiel mit einer Mini­mal-Music-Sec­tion, die – wie­der ein­mal – bei Liszt anfängt, den eher unbe­kann­ten medi­ta­tiv-repe­ti­ti­ven „Nuages gris“, und über Erik Satie bis zu Phil­ipp Glass führt, den Schu­ma­cher mit einer sehr leben­dig-sprü­hen­den Inter­pre­ta­ti­on des „Mad Rush“ vor­stellt. Nicht nur hier, immer wie­der merkt man: Nicht allein das Roxy hat sei­nen Spaß, auch Kai Schu­ma­cher freut sich von Her­zen an sei­ner Musik. Und das ist immer ein gutes Zeichen.

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zeitung.)

Musik aus Stein

Hek­ti­sche Betrieb­sam­keit herrscht im Kon­zert­saal des Peter-Cor­ne­li­us-Kon­ser­va­to­ri­um: Fern­seh­ka­me­ras wer­den jus­tiert, die Pho­to­gra­phen ver­tei­len sich an stra­te­gisch güns­ti­gen Posi­tio­nen im gan­zen Saal, die letz­ten Besu­cher suchen ver­geb­lich nach frei­en Sitz­plät­zen. Es ist ganz deut­lich: Hier geschieht etwas Beson­de­res, die Erwar­tung liegt in der Luft.

„East meets West” heißt das, was hier gleich pas­siert. Und es soll die Fra­ge beant­wor­ten: Wie klingt Stein? Denn nicht nur tref­fen hier im Main­zer Kon­ser­va­to­ri­um chi­ne­si­sche und deut­sche Musik und Musi­ker zusam­men, die Instru­men­te aus Chi­na sind außer­dem auch aus einem ganz beson­de­ren Stoff: Aus Stein eben. Zhong­ti­an Shao hat sie gebaut. Das ist auch wie­der unge­wöhn­lich, denn Shao ist eigent­lich Bild­hau­er. Aber er hat die Soft­ja­de, einen spe­zi­el­len Stein, für sich ent­deckt und irgend­wann nicht nur Plas­ti­ken bear­bei­tet, son­dern auch tadi­tio­nel­le chi­ne­si­sche Musik­in­stru­men­te aus dem grün schim­mern­den Stein geformt: Eine Erhu zum Bei­spiel, eine ein­fa­che zwei­sei­ti­ge chi­ne­si­sche Fie­del. Oder die Pipa, eine Art Lau­te. Und auch grö­ße­re Instru­men­te wie die Guz­h­eng, eine Zither­va­ri­an­te und ein chi­ne­si­sches Hack­brett, Yang­qing genannt, ent­stan­den aus dem für Instru­men­ten­bau­er unge­wöhn­li­chen Stoff.

Vier Solis­tin­nen aus Chi­na führ­ten die vier Instru­men­te vor, mit mehr oder weni­ger tra­di­tio­nel­ler Musik aus allen Tei­len des Rei­ches. Und über­ra­schen­der Wei­se klingt der Stein gar nicht so anders: Etwas weni­ger Kör­per, weni­ger Volu­men haben die Sai­ten­in­stru­men­te in ieser Form. Aber ihr cha­ra­ke­ris­ti­scher Klang bleibt durch­aus erhal­ten und zu erkennen.

Die Musi­ke­rin­nen zei­gen die Fähig­kei­ten der tra­di­tio­nel­len Instru­men­te mit pas­sen­der Musik: Pit­to­res­ke Ton­ma­le­rei­en vor allem, immer mit pro­gram­ma­ti­schen Titeln, sie schil­dern Land­schafts­schön­hei­ten und die brav arbei­ten­den Leu­te dort. Das heißt dann Pfer­de­ren­nen, Tanz der gol­de­nen Schlan­ge, Kampf gegen den Tai­fun oder „Klei­ne Schwes­ter auf der Step­pe”. So poe­tisch die Titel sind, so gefäl­lig ist die Musik – über­ra­schend fast, wie wenig fremd das klingt. Am stärks­ten und beein­dru­ckens­ten gelingt das bei der von Hang Zhang vir­tu­os gespiel­ten Guz­h­eng – auch wegen der fremd­ar­ti­gen Stim­mung und der

Eigent­lich war außer­dem für die wirk­li­che, direk­te Begeg­nung von Ost und West eine Urauf­füh­rung vor­ge­se­hen, die die öst­li­chen Instru­men­te mit dem Marim­ba­phon von Mar­tin Fuchs ver­eint hät­te – lei­der ist der Kom­po­nist Min­gxin Du aber krank gewor­den. Immer­hin hat das chi­ne­si­sche Quar­tett mit Fuchs zusam­men in der kan­to­ne­si­schen Unter­hal­tungs­mu­sik „Xi Yan Yan” von Liu Ming Yan einen Ersatz gefun­den. Der Titel ver­heißt Fröh­lich­keit – und die Musik löst das auch ein. Eine beschwin­gen­de, posi­tiv gestimm­te Musik aus einer hei­len Welt.

Und weil das Marim­ba­phon schon auf der Büh­ne stand, spiel­te Fuchs dann auch gleich noch das ers­te Marim­ba­phon-Kon­zert von Ney Rosau­ro. Das bot vor allem ihm viel Raum, sei­ne vir­tuo­se und nuan­cen­rei­hen Schlag­tech­nik zu bewei­sen – gemein­sam mit dem eben­falls enga­giert und bes­selt musi­zie­ren­den Orches­te des Kon­ser­va­to­ri­ums unter Ger­not Sahler.

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zeitung.)

Ein feines Streichquartett. Und ein Klavierquintett

So etwas nennt man wohl „Roman­tik pur”: Die Vil­la Musi­ca wählt nicht nur bei den Spiel­or­ten roman­ti­sche Erleb­nis­se, son­dern auch beim Kon­zert­pro­gramm. Zumin­dest für die Eröff­nung der „Musik in Bur­gen und Schlös­sern”. Das Eis­ler-Quar­tett setz­te den Auf­takt für die zwan­zigs­te Spiel­zeit näm­lich mit zwei wesent­li­chen Wer­ken den Roman­tik: Dem e‑Moll-Streich­quar­tett aus Opus 44 von Felix Men­dels­sohn Bar­thol­dy und Antonín Dvořáks Kla­vier­quin­tett in A‑Dur.

Men­dels­sohns Streich­quar­tett ist schon des­halb eine gute Wahl, weil es fast in Mainz ent­stand – auf der Hoch­zeits­rei­se des jun­gen Musi­kers, inspi­riert von den roman­ti­schen Land­schaf­ten des Rheins und sei­ner Städ­te. Die hier­bei aus­ge­dach­te Musik gibt sich oft sehr zau­ber­haft, auch in ihren undurch­dring­lich schei­nen­den, ver­schlei­er­ten For­men. Dazu passt die bei­na­he undurch­schau­ba­re Ent­ste­hungs­ge­schich­te, weil der Kom­po­nist immer und immer wie­der geän­dert und ver­bes­sert hat.

Davon, von die­sen Ver­wirr­spie­len, hört man in der Vil­la Musia vom Eis­ler-Quar­tett natur­ge­mäß nichts. Was man aber hört, ist die Inspi­ra­ti­on und die Lebens­freu­de ihres Schpfers. Das Ber­li­ner Quar­tett ver­liert sich aller­dings nicht im roman­ti­schen Gefühls­rei­gen, son­dern strebt hör­bar nach Klar­heit. Des­halb spie­len sie die Men­dels­sohn­sche Schöp­fung auch mit dich­tem Klang, ganz eng ver­webt und mit sehr genau aus­ge­ar­bei­te­ten Über­gän­gen. Dabei klin­gen sie zugleich forsch, fast unbe­küm­mert – aber auch das scheint nur so und ver­rät eher gro­ße Kunst als Nachlässigkeit.

Dvořáks Kla­vier­quin­tett hat eben­falls eine kurio­se Ent­ste­hungs­ge­schich­te: Ent­we­der woll­te er ein Jugend­werk ver­bes­sern oder konn­te die alten Noten nicht fin­den – jeden­falls schrieb Dvořák kur­zer­hand in weni­gen Tagen ein neu­es Quin­tett. Egal war­um, das ist auf jeden Fall ein Glück für uns, weil sich das Eis­ler-Quar­tett nun mit Kall­le Ran­da­lu am Kla­vier dar­an erfreu­en kann. Und nicht nur bei den Musi­kern ist die Freu­de über das eige­ne Tun groß, auch beim Publikum.

Grund dafür gibt es mehr als genug: Wuch­tig, aber nie schwer­fäl­lig, mit leben­di­ger Kon­zen­tra­ti­on auf das Wesent­li­che demons­trie­ren sie kraft­voll, wie viel­fäl­tig Dvořáks Musik sein kann.

Trau­rig und hei­ter, locker und schwär­me­risch, nach­denk­lich und aus­ge­las­sen – sie rei­zen die Palet­te der kom­po­nier­ten Emo­tio­nen weit aus. Und ihnen gelingt dabei ein klei­nes Kunst­stück, das gar nicht so klein ist: Sie schaf­fen es näm­lich, ihr genau über­leg­tes Musi­zie­ren so klin­gen zu las­sen, als ob sie die Par­ti­tur gera­de voll­kom­men neu ent­de­cken wür­den. Hier herrscht vom ers­ten Ton bis zum Schluss­ak­kord eine unver­stell­te Leben­dig­keit und freu­di­ge Bewe­gung vor. Genau von die­ser inspi­rie­ren­den Wir­kung müs­sen auch die Roman­ti­ker geträumt haben.

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zeitung.)

Routine und lichte Momente: Ein Klavierabend alter Schule

Man merkt es an jeder Bewe­gung, vom ers­ten Auf­tre­ten über das Platz­neh­men bis zum letz­ten Dank: Ivan Mora­vec ist schon lan­ge im Geschäft. Über fünf­zig Jah­re ist der tsche­schi­che Pia­nist schon unter­wegs – immer am Kla­vier. Auch in Mainz, der SWR hat ihn für das Febru­ar-Kon­zert der Rei­he „Inter­na­tio­na­le Pia­nis­ten“ ver­pflich­tet. Und so sehr man ihm die Rou­ti­ne des Auf­tre­tens auch anmerkt, die Musik kann er davon frei­hal­ten. Zumin­dest teilweise.

Denn sein wei­te Tei­le der Musik­ge­schich­te umfas­sen­des Pro­gramm – von Bach bis Debus­sy reicht der Bogen – prä­sen­tiert er mit sehr unter­schied­li­chem Geschick und sehr unter­schied­li­chem Gelin­gens­gra­den. Johann Sebas­ti­an Bachs Chro­ma­ti­sche Phan­ta­sie und Fuge ist ohne Zwei­fel ein eher sprö­des, abs­trak­tes Stück. Aber so lang­wei­lig wie hier muss es nicht unbe­dingt sein. Doch auch Debus­sys klei­ne Suite „Pour le pia­no“ ver­rät im Frank­fur­ter Hof kein ein­zi­ges Geheim­nis, zeigt nichts, was nicht schon der Blick auf die Noten klar machen wür­de, und ist – trotz der geschwin­den Tem­pi und der siche­ren Nuan­cie­rung – ein­fach nur langweilig.

Aber dann, nach der frü­hen Pau­se, ist alles anders. Dabei sitzt genau der sel­be Pia­nist am Flü­gel, dabei sind es die sel­ben Spiel­wei­sen und Inter­pre­ta­ti­ons­tech­ni­ken, die Mora­vec benutzt. Nur hier, bei den Kla­vier­wer­ken Cho­pins, ist das pas­send und vor allem inspie­riert. Gut, das zwei­te Scher­zo spie­len jün­ge­re Pia­nis­ten dras­ti­scher, tra­gi­scher und stär­ker kon­tu­riert. Aber zu wirk­li­chen Groß­ta­ten ist Mora­vec eben durch­aus auch fähig. Die As-Dur-Polo­nai­se beweist das. Wor­an es liegt, ist unklar – aber irgend etwas an die­ser Musik befä­higt Mora­vec nun doch zu mehr als Rou­ti­ne: Jetzt auf ein­mal tas­tet er sich wirk­lich vor ins Inne­re der Musik, in ihrem Ideen- und Gefühls­kos­mos – auch wenn da vie­le dunk­le Stel­len lau­ern. Kein Wun­der, dass das Fun­da­ment die­ser so harm­los Polo­nai­se-Fan­tai­sie beti­tel­ten Musik unsi­cher abbrö­ckelt – der Zusatz „Fan­tai­sie“ weist ja schon dar­auf hin: Mit über­lie­fer­ten Mus­tern und kla­ren Vor­ga­ben ist es in die­ser unbe­dingt sub­jek­tiv und indi­vi­du­el­len Schöp­fung nicht mehr weit her. Aber ihre inne­re Span­nung und den dra­ma­ti­schen Sinn, ihr eige­ner Klang und bestän­di­ge Unbe­stän­dig­keit – Mora­vec ver­wirk­licht alles, was zu einer voll­ende­ten Inter­pre­ta­ti­on not­wen­dig ist.

Wie er die­se Polo­nai­se hier zau­ber­haft deut­lich und genau dar­stellt, wie er mit traum­wand­le­ri­scher Sicher­heit ihren ganz eige­nen Gehalt für sich erfasst und in die­sem Moment zu Klang wer­den lässt: Das ist ein­fach groß­ar­tig, span­nend und inspi­rie­rend – und alles ander als Rou­ti­ne. Auch nach über fünf­zig Jah­ren Konzertdasein.

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zeitung)

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