Helmut Lachenmann, harmonica #1
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Helmut Lachenmann, harmonica #1
Sie haben es wieder einmal geschafft. Die Sinfonietta Mainz und Michael Millard sind ein Gespann, das begeistern kann. Das Programm war dieses Mal aber auch geradezu darauf ausgelegt, den Applaus hervorzukitzeln: Mit Beethovens fünftem Klavierkonzert und Dvořáks neunter Symphonie lagen zwei ausgesprochen bekannte und populäre Werke auf dem Pult. Und dennoch: Auch die muss man spielen können, der Beifall ist keineswegs automatisch. In der Phönixhalle war er aber verdient. Denn die Laienmusiker der Sinfonietta, die in diesem Jahr ihren 40. Geburtstag feiert, präsentieren sich als vollwertiges Orchester, bei dem schnell vergessen kann, dass hier keine Profis auf der Bühne sitzen.
Michael Millard hat mit dem Orchester einen schönen, weichen Klang entwickelt, der sich vor allem sehr harmonisch präsentiert: Die Streicher klingen voll und samtig, die Bläser klar und präsent. Vor allem die Blasinstrumente haben in Dvořáks letzter Sinfonie mit dem Beinamen „Aus der neuen Welt“ ja einige Hürden zu überspringen. Nicht nur das Solo des Englischhorns am Beginn des zweiten Satzes, auch alle anderen Holz- und Blechbläser treten an der einen oder anderen Stelle exponiert in Erscheinung. Und das gelingt ihnen in der Phönixhalle vor allem positiv.
Millard unterstützt das mit seinem Dirigat. Direkt und unverstellt, ausgesprochen nüchtern lässt er der Musik mit ihren bekannten Melodien viel Raum – fast lakonisch klingt das gerade in den ersten Sätzen. Und deswegen gelingen auch die großen Gesten hier so gut, ohne ins lächerlich-kitschige abzukippen. Mit zunehmender Emphase ins Finale
Das fünfte Klavierkonzert von Beethoven, mi dem das Konzert in der voll besetzen Phönixhalle begann, wirkte dann im Rückblick fast etwas zahm. Zurückhaltende Tempi schlug Millard hier an und zeigt sich sehr auf Genauigkeit bedacht. Dadurch wirkt das, vor allem im ersten Satz, oft etwas gebremst und zurückhaltend. Auch der Pianist Johannes Nies kann das Konzert nicht so recht aus seinem Korsett befreien: Das ist alles nicht verkehrt, aber auch nur bedingt mitreißend, sondern vor allem glatt und sauber. Aber immerhin vereint Orchester und Solist immer wieder die Klarheit der Struktur und ihre Klangschönheit – schließlich sind beides Werke mit durchaus diffiziler Klanglichkeit. Das ein Amateurorchester sich so etwas vornimmt, zeigt das Selbstbewusstsein des Ensembles. Und dass sie es so gut spielt, zeigt, dass die Sinfonietta Mainz dieses Selbstvertrauen zu Recht hat.
(geschrieben für die Mainzer Rhein-Zeitung.)
Zum Schluss steht das singende Publikum. Und das ist kein gewöhnlicher Anblick für ein Sinfoniekonzert. Aber auf der Bühne sieht es auch nicht ganz normal aus: Die Bratschen zum Beispiel kommen direkt aus dem Krankenhaus. Manche hängen noch am Tropf, andere sitzen im Rollstuhl, haben Bandagen nicht nur um die Köpfe, sondern auch um die Instrumente, verbrauchen Binden und Papiertaschentücher im Minutentakt. Auch sonst ist das Philharmonische Staatsorchester ein wilder Haufen – zumindest dem Aussehen nach.
Denn klanglich hat Chefdirigent Hermann Bäumer sein Orchester fest im Griff. Sogar als stilecht über die Bühne trippelnde Geisha, die ihren Dirigentenstab aus dem kunstvoll Haarknoten zaubert. Und bei jedem Auftritt beinahe an der Stufe auf das Dirigentenpodest scheitert.
Dabei hatte alles so gesittet angefangen, fast wie ein ganz normales Sinfoniekonzert des Staatstheater. Freilich, die bunte Garderobe der Zuhörer war ein erster Hinweis. Und das Publikum war von Beginn an nicht in Abendgarderobe, sondern in Feierlaune. Auch das Programm verband mit Jacques Offenbach, Hector Berlioz, Leonard Bernstein und Henry Wood Komponisten, die sonst nicht unbedingt zusammen erklingen. Aber wenn man zeigen will, dass Mainz wirklich am Meer liegt, wie der Titel vorschlägt, muss man sich eben ein bisschen anstrengen. Und das tat das Orchester auch. Mit großzügigen Gesten, viel Effekt – aber durchaus mit Substanz und Feingefühl.
Kein Wunder, das ist ja auch kein normales Konzert, sondern die Symphonie Fastnachtique. Sonst wäre Lars Reichow als Conferencier auch ziemlich fehl am Platz. Erzählt und erheitert wie gewohnt, lässt die Musiker durchatmen und das Publikum mit seinen Witzen und kleinen Geschichten durchlachen. Und manchmal gelingt ihm sogar eine passgenaue Überleitung zur nächsten Musik. Aber richtig locker wurde das erst nach der Pause: Mit der traditionellen Konzertkleidung haben die Musiker offenbar auch die Zurückhaltung abgelegt. Die Nummern aus Paul Abrahams Operette „Die Blume von Hawaii“ zeigten, dass das Mainzer Orchester auch erstklassige Unterhaltungsmusik bieten kann: Swingend, marschierend und tänzerisch, unterstützt vom fröhlichen Theaterchor und einem souveränen Solistenquintett – die einzigen übrigens, die dem Frack treu blieben. Aber auch sie konnte die Füße nicht immer stillhalten. Und Tanzmusik ist das ja auch, irgendwie: Schon Bernsteins Tänze aus „On the Town“ oder die aus der „Last Night of the Proms“ bekannte Fantasia on British Sea Songs von Henry Wood. Der dazugehörige Union Jack wurde dann allerdings dann auf der Bühne geschwungen – und sofort mit Fastnachtsfarben und 05er-Flaggen neutralisiert. Vor allem aber eben die Songs aus der Blume von Hawaii bringen Hände und Füße zum Zucken.
Großartig wird es dann noch einmal bei der Zugabe. Und so richtig fastnachtlich, mit Klatschen, Schunkeln und dazugehörigem Mitsingen. Da verzeiht man den Solisten auch, dass sie dafür noch Spickzettel brauchen – schließlich kommen ja einige aus Wiesbaden.
(geschrieben für die Mainzer Rhein-Zeitung.)
„Wir genießen die himmlischen Freuden“ – das Motto für seine Interpretation scheint der Dirigent Peter Hirsch direkt aus dem Schlusssatz der vierten Sinfonie von Gustav Mahler genommen zu haben. Damit endete er das dritte Sinfoniekonzert im Staatstheater – und damit triumphierten er und das Philharmonische Staatsorchester. Anfangs, bei Leos Janáceks Orchester-Ballade „Des Spielmanns Kind“, reagierte das Mainzer Publikum noch sehr zurückhaltend. Nicht ganz ohne Grund, denn das blieb wirklich noch ziemlich blass. Gefallen hatten auch Alban Bergs „Drei Bruckstücke“ aus dessen Oper Wozzeck nicht – obwohl Hirsch und die Sopranistin Marlene Mild den grausigen Schrecken dieser Musik sehr überlegt und gekonnt Gestalt werden lassen. Aber ob das Publikum dann so eine Mahler-Sinfonie erwartet hatte? Denn Hirsch ging einen eigenen, sehr gefährlichen Weg: Er radikalisierte die 1901 uraufgeführte Sinfonie total – zu einer eminent modernen Musik.
Der in dieser Hinsicht durchaus extremistische Dirigent änderte auch sein Auftreten vollkommen: Er schwebt fast vor dem Orchester, der Taktschlag ist kaum noch zu erkennen, für jeden Klang formt er eine eigene Geste, ja fast eine eigene Erscheinung. Permanent verwandelt er sich vom imposanten Großmeister und Dompteur zum scheuen Kitz, vom steifen Zelebranten zum wild fuchtelnden Derwisch: Und jeder Klang, jede Phrase klingt dann auch ganz eigen. Diese Sinfonie ist ein einziges Fest der Ambivalenzen: Hirsch lässt sie im Zustand der permanenten Störung spielen. Ruhe und Ordnung, oder auch nur so etwas wie Gleichgewicht, gibt es hier nicht. Oder höchstens ganz kurzzeitig. Leicht geht hier nichts, Verzögerungen und Stolpern werden zur geplanten Normalbewegung.
Und doch ist das Philharmonische Orchester immer ganz bei sich: Sein durchweg sehr klarer, schlanker Klang wird dann im zweiten Satz etwa wunderbar hohl. Und vor allem ist das Orchester in der Lage, die irrsinnigen Spannungen, die Hirsch fordert, wirklich auszuhalten. Er zerdehnt die Musik gerne bis an die Schmerzgrenze, forciert Brüche bis kurz vor das Reißen – und das immer wieder und wieder. Ein unermesslich riskantes Spiel ist das: Schafft er es, die schweren Zentrifugalkräfte noch im Schach zu halten? Oder fliegt ihm gleich alles um die Ohren? Man erwartet die Katastrophe fast in jedem Takt, nach jeder Phrase rechnet man mit dem Chaos – und jedes Mal wird man erneut enttäuscht. Oder eben begeistert: Selbst im unendlich quälend langsamen dritten Satz wird die Spannung nahezu unerträglich ausgeweitet. Doch alles hält – auch dank Marlene Mild, die mit unschuldig-klarem Ton fast überdeutlich wirkt. In der Kombination ist das eine nahezu absurde Energie, die Hirsch aus der Sinfonie entwickelt. Und damit hat der Dirigent fast geschafft, dass die Schlusszeilen wahr werden: „Kein’ Musik ist ja nicht auf Erden, die unserer verglichen kann werden.“
(geschrieben für die Mainzer Rhein-Zeitung.)
Der Star und der Höhepunkt des Abends ließ lange auf sich warten. Zunächst war erst einmal das Pflichtprogramm zu absolvieren. Genau so spielte die Deutsche Staatsphilharmonie unter Karl-Heinz Steffens Mozarts Posthorn-Serenade am Beginn des zweiten Meisterkonzerts allerdings auch: mit fülligem Klang, aber ohne jede erkennbare Idee und leider auch ohne hörbare Energie. Sicher, das ist nicht gerade Mozarts spannendste Partiur. Aber so langweilig muss es nicht zwangsläufig sein. Es blieb also beim Warten. Und auch nach der Pause war das Warten beim Meisterkonzert in der Rheingoldhalle noch nicht ganz vorbei. Das Orchester saß schon längst bereit, bis Maximilian Hornung dazu stieß. Aber es hat sich gelohnt, auf den jungen Instrumentalisten zu warten. Denn der Münchner Cellist brachte das dringend notwendige Leben in die Musik, mit dem ersten Cello-Konzert von Camille Saint-Saens, und machte endgültig Schluss mit dem Warten. Sein sehr tragfähiger, aber nie aufdringlicher Ton vibrierte vor Lebendigkeit. Ständig veränderte er sich, ließ Nuancen ohne Zahl schimmern und gleißen. Mit Vehemenz attackierte sein Bogen die Saiten – und schaffte es doch, die Töne weich schweben zu lassen und harmonisch abzurunden. So dynamisch wie seine Tongebung war auch seine Interpretation: Bestimmtheit und Selbstbewusstsein waren die entscheidenden Charakteristika. Jeder Ton, jede Phrase verkündete: Das muss jetzt hier unbedingt genau so klingen. Und Hornung kann das auch so spielen. Er versank – was bei Saent-Sains durchaus nahe liegt – nie in sentimentalem Gehabe, sondern entwickelte eine präzise Emotionalität. Nur leider ist das alles viel zu schnell wieder vorbei.
Und nach diesem Höhepunkt in der Konzertmitte schien auch das Ludwigshafener Orchester wie ausgewechselt. Die Staatsphilharmonie spielte nun deutlich freier und vitaler, mit mehr Einsatz und mehr Seele. Claude Debussys „La mer“ wurde deshalb zum passenden Abschluss einer Reihe zunehmend exotischerer Musik. Zunächst ließ Steffens sein Orchester ein richtig unfreundliches, ausgesprochen unwirtliche Bild des Meeres malen. Mit einigen Kanten und Haken widersetzte sich das jeder Romantisierung. Und er steigerte das noch: Die dritte sinfonische Skizze Debussys, den Dialog zwischen Wind und Meer, dirigierte er als reinsten Nervenkitzel – ein echter Thriller. Und die Staatsphilharmonie belebte diese ausgesprochen kunstvoll geschaffene Klangwelt bis zur wilden Dringlichkeit und der Beinahe-Ekstase– das Warten hat sich doppelt gelohnt.
(geschrieben für die Mainzer Rhein-Zeitung.)
Ein Flügel mitten im Roxy, zwischen den Sofas unter Lüstern – das verwandelt den Club fast in einen großbürgerlichen Salon des 19. Jahrhunderts. Nicht nur der Raum verweist auf diese längst untergegangene Form der gesellig-kulturellen Unterhaltung. Auch die Musik, die der Pianist Kai Schumacher sich ausgesucht hat, passt in diese Tradition: Vorwiegend kleinere, charakteristische Stücke hat er aufs Programm gesetzt – keine schwerverdauliche klassische Kost, sondern charmante Musik, die auch Nicht-Experten goutieren können.
Auch das Publikum verhält sich automatisch viel lockerer als im „normalen“ Konzert: Zwanglos im Club verteilt, wo sich gerade ein Plätzchen zum Sitzen findet. Viel geplaudert wird auch in diesem postmodernen Salon. Und dann doch ganz aufmerksam gelauscht. Denn das Ziel des Vereins der „Freunde Junger Musiker“, die das Klavierkonzert im Roxy organisierten, war nicht, den Salon wieder zu beleben. Sondern ein neues, jüngeres Publikum für die Klaviermusik zu erschließen und begeistern. Halbwegs könnte das funktioniert haben, immerhin waren – neben dem üblichen Konzertpublikum – auch eine Menge junge Leute gekommen. Ob das dauerhaft wirkt, wird man sehen müssen. Auf jeden Fall ist so ein deutlich verjüngtes Publikum offensichtlich wesentlich begeisterungsfähiger, so offensive Beifallsbekundungen sind sonst eher selten.
Nicht ganz zu unrecht allerdings haben sie im Roxy ihren Platz. Kai Schumacher hat nicht nur ein hervorragendes Programm entwickelt, sondern ist auch als Musiker so vielseitig, dass er beispielsweise problemlos zwischen George Gershwin und Felix Mendelssohn Bartholdy hin und her wechseln kann: Er begann mit einer kleinen Auswahl der Mendelssohnschen „Lieder ohne Worte“, durchsetzt mit Songs und Preludes von Gershwin. Und streute in diese farbig gespielte Mischung dann auch noch ein paar pianistisch-virtuose Bearbeitungen von Rocksongs ein, die seiner Virtuosität viel Raum lassen. Und sein Faible für Rock blitzt immer wieder auf – bis zuletzt: Als Zugaben spielt er Songs von den Foo Fighters und von Slayer. Auch wenn man das fast gesagt bekommen muss: Das ist ganz stark der Tradition der virtuosen Klavierbearbeitung des 19. Jahrhunderts verpflichtet, so dass die Schumacherschen Adaptionen sich nahtlos ins klassische Rpertoire einfügen. Auch wenn er sehr kraftvoll donnern kann, selbst mit dem kleinen Flügel im Roxy. Und damit ist er auch schon wieder direkt bei Franz Liszt, der auch mehrmals im Programm auftaucht – es hängt eben alles zusammen.
Aber auch andere Pfade in die Gegenwart steuert Schumacher an. Zum Beispiel mit einer Minimal-Music-Section, die – wieder einmal – bei Liszt anfängt, den eher unbekannten meditativ-repetitiven „Nuages gris“, und über Erik Satie bis zu Philipp Glass führt, den Schumacher mit einer sehr lebendig-sprühenden Interpretation des „Mad Rush“ vorstellt. Nicht nur hier, immer wieder merkt man: Nicht allein das Roxy hat seinen Spaß, auch Kai Schumacher freut sich von Herzen an seiner Musik. Und das ist immer ein gutes Zeichen.
(geschrieben für die Mainzer Rhein-Zeitung.)
Hektische Betriebsamkeit herrscht im Konzertsaal des Peter-Cornelius-Konservatorium: Fernsehkameras werden justiert, die Photographen verteilen sich an strategisch günstigen Positionen im ganzen Saal, die letzten Besucher suchen vergeblich nach freien Sitzplätzen. Es ist ganz deutlich: Hier geschieht etwas Besonderes, die Erwartung liegt in der Luft.
„East meets West” heißt das, was hier gleich passiert. Und es soll die Frage beantworten: Wie klingt Stein? Denn nicht nur treffen hier im Mainzer Konservatorium chinesische und deutsche Musik und Musiker zusammen, die Instrumente aus China sind außerdem auch aus einem ganz besonderen Stoff: Aus Stein eben. Zhongtian Shao hat sie gebaut. Das ist auch wieder ungewöhnlich, denn Shao ist eigentlich Bildhauer. Aber er hat die Softjade, einen speziellen Stein, für sich entdeckt und irgendwann nicht nur Plastiken bearbeitet, sondern auch taditionelle chinesische Musikinstrumente aus dem grün schimmernden Stein geformt: Eine Erhu zum Beispiel, eine einfache zweiseitige chinesische Fiedel. Oder die Pipa, eine Art Laute. Und auch größere Instrumente wie die Guzheng, eine Zithervariante und ein chinesisches Hackbrett, Yangqing genannt, entstanden aus dem für Instrumentenbauer ungewöhnlichen Stoff.
Vier Solistinnen aus China führten die vier Instrumente vor, mit mehr oder weniger traditioneller Musik aus allen Teilen des Reiches. Und überraschender Weise klingt der Stein gar nicht so anders: Etwas weniger Körper, weniger Volumen haben die Saiteninstrumente in ieser Form. Aber ihr charakeristischer Klang bleibt durchaus erhalten und zu erkennen.
Die Musikerinnen zeigen die Fähigkeiten der traditionellen Instrumente mit passender Musik: Pittoreske Tonmalereien vor allem, immer mit programmatischen Titeln, sie schildern Landschaftsschönheiten und die brav arbeitenden Leute dort. Das heißt dann Pferderennen, Tanz der goldenen Schlange, Kampf gegen den Taifun oder „Kleine Schwester auf der Steppe”. So poetisch die Titel sind, so gefällig ist die Musik – überraschend fast, wie wenig fremd das klingt. Am stärksten und beeindruckensten gelingt das bei der von Hang Zhang virtuos gespielten Guzheng – auch wegen der fremdartigen Stimmung und der
Eigentlich war außerdem für die wirkliche, direkte Begegnung von Ost und West eine Uraufführung vorgesehen, die die östlichen Instrumente mit dem Marimbaphon von Martin Fuchs vereint hätte – leider ist der Komponist Mingxin Du aber krank geworden. Immerhin hat das chinesische Quartett mit Fuchs zusammen in der kantonesischen Unterhaltungsmusik „Xi Yan Yan” von Liu Ming Yan einen Ersatz gefunden. Der Titel verheißt Fröhlichkeit – und die Musik löst das auch ein. Eine beschwingende, positiv gestimmte Musik aus einer heilen Welt.
Und weil das Marimbaphon schon auf der Bühne stand, spielte Fuchs dann auch gleich noch das erste Marimbaphon-Konzert von Ney Rosauro. Das bot vor allem ihm viel Raum, seine virtuose und nuancenreihen Schlagtechnik zu beweisen – gemeinsam mit dem ebenfalls engagiert und besselt musizierenden Orcheste des Konservatoriums unter Gernot Sahler.
(geschrieben für die Mainzer Rhein-Zeitung.)
Man merkt es an jeder Bewegung, vom ersten Auftreten über das Platznehmen bis zum letzten Dank: Ivan Moravec ist schon lange im Geschäft. Über fünfzig Jahre ist der tscheschiche Pianist schon unterwegs – immer am Klavier. Auch in Mainz, der SWR hat ihn für das Februar-Konzert der Reihe „Internationale Pianisten“ verpflichtet. Und so sehr man ihm die Routine des Auftretens auch anmerkt, die Musik kann er davon freihalten. Zumindest teilweise.
Denn sein weite Teile der Musikgeschichte umfassendes Programm – von Bach bis Debussy reicht der Bogen – präsentiert er mit sehr unterschiedlichem Geschick und sehr unterschiedlichem Gelingensgraden. Johann Sebastian Bachs Chromatische Phantasie und Fuge ist ohne Zweifel ein eher sprödes, abstraktes Stück. Aber so langweilig wie hier muss es nicht unbedingt sein. Doch auch Debussys kleine Suite „Pour le piano“ verrät im Frankfurter Hof kein einziges Geheimnis, zeigt nichts, was nicht schon der Blick auf die Noten klar machen würde, und ist – trotz der geschwinden Tempi und der sicheren Nuancierung – einfach nur langweilig.
Aber dann, nach der frühen Pause, ist alles anders. Dabei sitzt genau der selbe Pianist am Flügel, dabei sind es die selben Spielweisen und Interpretationstechniken, die Moravec benutzt. Nur hier, bei den Klavierwerken Chopins, ist das passend und vor allem inspieriert. Gut, das zweite Scherzo spielen jüngere Pianisten drastischer, tragischer und stärker konturiert. Aber zu wirklichen Großtaten ist Moravec eben durchaus auch fähig. Die As-Dur-Polonaise beweist das. Woran es liegt, ist unklar – aber irgend etwas an dieser Musik befähigt Moravec nun doch zu mehr als Routine: Jetzt auf einmal tastet er sich wirklich vor ins Innere der Musik, in ihrem Ideen- und Gefühlskosmos – auch wenn da viele dunkle Stellen lauern. Kein Wunder, dass das Fundament dieser so harmlos Polonaise-Fantaisie betitelten Musik unsicher abbröckelt – der Zusatz „Fantaisie“ weist ja schon darauf hin: Mit überlieferten Mustern und klaren Vorgaben ist es in dieser unbedingt subjektiv und individuellen Schöpfung nicht mehr weit her. Aber ihre innere Spannung und den dramatischen Sinn, ihr eigener Klang und beständige Unbeständigkeit – Moravec verwirklicht alles, was zu einer vollendeten Interpretation notwendig ist.
Wie er diese Polonaise hier zauberhaft deutlich und genau darstellt, wie er mit traumwandlerischer Sicherheit ihren ganz eigenen Gehalt für sich erfasst und in diesem Moment zu Klang werden lässt: Das ist einfach großartig, spannend und inspirierend – und alles ander als Routine. Auch nach über fünfzig Jahren Konzertdasein.
(geschrieben für die Mainzer Rhein-Zeitung)
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