Ins Netz gegangen (13.3.)

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Ins Netz gegan­gen am 13.3.:

  • Mar­ga­ret Atwood on What ‘The Handmaid’s Tale’ Means in the Age of Trump | The New York Times → mar­ga­ret atwood schreibt über die ent­ste­hung ihres roma­nes „der report der magd“ („the handmaid’s tale“ im ori­gi­ni­al), wesent­li­che fra­gen, die sie dabei beschäf­tigt haben und mög­li­che par­al­le­len mit der gegen­wart und zukunft in der rea­li­tät
  • Frau­en­feind­lich­keit: „Ekel vor Frau­en hat Tra­di­ti­on“ | FR → sebas­ti­an moll sprach mit siri hust­ve­dt über die frau­en­ver­ach­tung der gegen­wart, natür­li­ch vor allem in den usa und bei der trump-regie­rung und kon­sor­ten
  • Frau­en­stim­men wer­den tie­fer | BR-Klas­sik → kur­zer hin­weis auf eine unter­su­chung der nor­ma­len sprech­stimm­la­gen bei frau­en und män­nern:

    Dass die gesun­de Frau­en­stim­me heu­te nur noch um etwa eine Quin­te höher als die Män­ner­stim­me lie­ge – nicht mehr eine gan­ze Okta­ve wie noch vor zwei Jahr­zehn­ten -, sei auch für die Wis­sen­schaft­ler ein über­ra­schen­des Ergeb­nis

  • Elphi – oder Hoch­kul­tur als Sub­ven­ti­ons­be­trug (Hohe Kul­tur 3) | Mer­kur Blog → chris­ti­na don­gow­ski rech­net mit den gro­ßen ver­spre­chun­gen der elb­phil­har­mo­nie („kul­tur für alle“, demo­kra­ti­sie­rung etc pp) ab:

    Dass hier die bes­se­ren Ham­bur­ger Krei­se die Maß­stä­be set­zen – und son­st nie­mand –, deut­li­cher kann man es nicht machen. Man klopft sich bereits dafür auf die Schul­ter, dass man nun auch ein biss­chen Koh­le für das Her­an­füh­ren der nie­deren Stän­de an die Hoch­kul­tur inves­tiert. Viel­leicht eröff­net sich für den einen oder die ande­re ja dadurch die Chan­ce, selbst mal dazu zu gehö­ren! Oder viel­leicht ent­deckt man den neu­en Gus­ta­vo Duda­mel? Und wahr­schein­li­ch mei­nen das alle auch ganz ern­st.

    Was die Wohl­mei­nen­den tat­säch­li­ch tun, fällt ihnen wahr­schein­li­ch gar nicht auf – nur des­we­gen funk­tio­niert das ja auch noch so rei­bungs­los: Sie miss­brau­chen das (sozi­al­de­mo­kra­ti­sche) Ver­spre­chen, sich auch durch ästhe­ti­sche Bil­dung aus dem Käfig der begren­zen­den sozia­len Umstän­de eman­zi­pie­ren zu kön­nen, um das eige­ne Bil­dungs­er­leb­nis und das des eige­nen Nach­wuch­ses zu finan­zie­ren.

  • The Truth About the Wiki­Leaks C.I.A. Cache) | The New York Times → Zeynep Tufek­ci über wiki­leaks, die medi­en und „vault 7“:

    Wiki­Leaks seems to have a play­book for its dis­in­for­ma­ti­on cam­pai­gns. The first step is to dump many docu­ments at once — rather than allo­wing jour­na­lists to scru­ti­ni­ze them and absorb their signi­fi­can­ce befo­re publi­ca­ti­on. The second step is to sen­sa­tio­na­li­ze the mate­ri­al with mis­lea­ding news relea­ses and tweets. The third step is to sit back and watch as the news media unwit­ting­ly pro­mo­tes the Wiki­Leaks agen­da under the aus­pices of inde­pen­dent reporting.

Ins Netz gegangen (1.3.)

Ins Netz gegan­gen am 1.3.:

  • Köl­ner Publi­kum beschimpft Musi­ker – ein Skan­dal! | cre­scen­do – axel brüg­ge­mann fin­det kla­re (und rich­ti­ge) worte:

    Wie groß die Untu­gend des Nicht-Zuhö­ren-Wol­lens ist, hat sich nun auch dort gezeigt, wo man eigent­li­ch zum Ohren­auf­sper­ren hin­geht: im Kon­zert. An einem Ort, der dazu gedacht ist, neue Ein­drü­cke zu gewin­nen, der einer Kunst gewid­met ist, in der das immer Glei­che (das klas­si­sche Reper­toire) jeden Abend aufs Neue kri­ti­sch befragt und inter­pre­tiert wird, an dem das Frem­de, das Über­ra­schen­de und das Ver­stö­ren­de zur Regel gehö­ren.

    Das Köl­ner Kon­zert hat nun gezeigt, dass die­se Auf­ga­be der Kul­tur von vie­len Men­schen gar nicht mehr gewollt wird. Dass es ein erschre­ckend gro­ßes Publi­kum gibt, das – im Jar­gon des AfD-Pro­gramms – jenen Kit­sch Kul­tur nennt, der ledig­li­ch der Selbst­be­stä­ti­gung dient, des­sen Auf­ga­be es sein soll, die natio­na­le Iden­ti­tät zu bestä­ti­gen und zu stär­ken, in dem sich die Dum­men durch die Genies des Lan­des erhöht füh­len. Es gibt tat­säch­li­ch immer mehr Men­schen, die das Kon­zert als eine Art musi­ka­li­sche Penis­ver­grö­ße­rung ver­ste­hen, die allein des­halb auf dicke Hose machen, weil sie zufäl­lig aus dem glei­chen Land wie Bach, Beet­ho­ven oder Wag­ner kom­men. Und die zum Ver­bal-Krieg rüs­ten, sobald die Musik eines unan­ge­foch­te­nen, aus­län­di­schen Tit­ans wie Ste­ve Reich erklingt. Men­schen, die es nicht mehr ertra­gen, wenn – oh, Unter­gang des Abend­lan­des! – inter­na­tio­na­le Künst­ler Eng­li­sch spre­chen. Men­schen, die Künst­ler belei­di­gen und anschrei­en sind jene Men­schen, die Aus­län­der­kin­dern mit besof­fe­nem Atem „Wir sind das Volk“ ent­ge­gen­kei­fen. Bis­lang haben wir sie eher mit dem Hor­st Wes­sel Lied in Ver­bin­dung gebracht, nun zie­hen sie auch Beet­ho­ven und Co. in den Schmutz.

  • Holo­caust mit Sol­jan­ka – Ein Aus­flug in die ost­deut­sche Ver­schwö­rung­sze­ne | Hate – René Sey­f­ar­th berich­tet für hate-mag.com von sei­nem besu­ch der aus­stel­lung „2000 Jah­re – Des deut­schen Vol­kes Lei­dens­weg“:

    Gefan­gen im fara­day­schen Käfig sei­ner Kup­fer­dräh­te und einer dua­lis­ti­schen Welt­ord­nung aus Gut und Böse, Mann und Frau, wahr und fal­sch, lebt der Wirt des Wet­ti­ner Hofs gut geschützt vor den Blitz­schlä­gen intel­lek­tu­el­ler Ein­sicht durch Quel­len­viel­falt oder gar Skep­sis.

  • Zehn Din­ge, die du noch nicht über Leo­nar­do DiC­a­prio gewusst hast | Mer­kur – thors­ten krä­mer hat für den blog des mer­kurs eine schö­ne lis­te geschrie­ben …
  • Ever­y­thing that is wrong with „Mozart in the Jun­gle“. Sea­son 2, Epi­so­de 1 „Stern Papa“ | Bad Blog Of Musi­ck – sehr schön: moritz eggert führt sei­ne betrach­tung der serie „mozart in the jun­gle“ aus sicht eines pro­fes­sio­nel­len musi­kers fort …

Flashdance, Easy Lover & Fix You: Moderne Pop-Chor-Arrangements von Martin Seiler

"I am music now!" heißt es im Refrain von "What a feeling". Und treffender lässt sich das Arrangement aus der Feder von Martin Seiler kaum beschreiben: Hier kann man als Sänger/Sängerin - und auch als Zuhörer - vollkommen in die Musik eintauchen. Dabei ist das nur eines von drei Arragnements, die Seiler im Helbling-Verlag vorlegt: neben "What a feeling", bekannt vor allem als Filmmusik aus "Flashdance", noch Phil Collins' "Easy Lover" und "Fix You" von Coldplay. Drei eher gefühlige Songs also - eigentlich alles Moderne Evergreens - für die Pop.Voxx-Reihe im Helbling-Verlag.

Seiler weiß, was er macht, wenn er so bekannte Vorlagen arrangiert. Denn seine Sätze beruhen auf seiner Arbeit für und mit "Greg is back", seinem eigenen A-Cappella-Popchor. Das zeigt sich sofort, wenn man die Partituren aufschlägt: Die sind nämlich für SMATB mit zusätzlicher Solostimme (für die Melodie) bzw. im Falle von Phil Collins "Easy Lover" sogar für SSMATB gesetzt, wozu immer noch eine (optionale), aber empfehlenswerte Beatbox kommt. Das heißt aber nicht, dass die alle durchgehend sechs- bis siebenstimmig klingen. Aber andererseits werden einzelne Stimmen auch ab und an noch bis zu dreifach aufgeteilt. Also: Für Anfänger oder popungeübte Chöre ist das nicht die erste Wahl, die einzelnen Stimmen müssen in sich stabil und rhythmisch versiert sein, sind aber - man merkt die Praxiserfahrung - immer gut singbar.

Bei Seiler heißt das aber auch: Alle Stimmen werden wirklich gefordert, auch die Begleitstimmen haben's nämlich nicht immer einfach. Dabei, das gilt für alle Sätze drei gleichermaßen, bekommen sie sehr einfalls- und ideenreiche Kost: Leere Floskeln findet man hier nicht. Das hängt vielleicht auch damit zusammen, dass Seiler seine Arrangements dramaturgisch sehr geschickt aufbaut. Gerade "What a feeling" und "Fix You" profitieren sehr von der großen Breite an Ausdrucksmitteln, die er einsetzt. Energie und Empathie werden den Chören nicht überlassen, sondern sind in den Notentext eingebaut. Der ist dann auch entsprechend detailliert ausgearbeitet und bis in Kleinigkeiten ausgefeilt - für "Easy Lover" braucht Seiler deshalb ganze 20 Seiten, weil er selten einfach etwas wiederholt, sondern immer wieder variiert und neue Begleitmuster einführt.

Obwohl alle Songs sofort als Coverversionen großer Hits erkennbar sind, begnügt sich Seiler nicht mit einer reinen vokalen Kopie. Klar, wesentliche Momente - wie etwa das instrumentale Zwischenspiel bei "Fix You" - tauchen natürlich hier auch auf, sehr geschickt und mit viel Gespür für effektvolle Klänge für "seine" Besetzung adaptiert. Aber sie haben, vor allem durch die vielschichtige Begleitung, auch einen eigenen Klang. Und damit bekommen diese Arrangements sozusagen ein doppeltes Hitpotenzial.

Martin Seiler (Arrangement): Flashdance...What a Feeling (SMATB), ISBN 978-3-99035-374-5 - Easy Lover (SSMATB), ISBN 978-3-99035-373-8 - Fix You (SMATB), ISBN 978-3-99035-372-1. Alle im Helbling-Verlag, Reihe Pop.Voxx, 2015.

(Zuerst erschienen in "Chorzeit - Das Vokalmagazin")

Verzaubert in der Phönixhalle

Hexen, Trol­le, Prin­zes­sin­nen und Außer­ir­di­sche tol­len durch die Phö­nix­hal­le. Sie lie­ben und strei­ten sich – aber nur in der Phan­ta­sie. Die Sin­fo­ni­et­ta Mainz hat unter dem Mot­to „Zau­ber­Film­Mu­sik“ zur Ver­zau­be­rung auf­ge­ru­fen. Und fast, als ob sie ihren eige­nen Fähig­kei­ten nicht trau­te, hat sie mit Chris­to­ph Demi­an noch Ver­stär­kung orga­ni­siert. Des­sen Fähig­kei­ten kann man nun wirk­li­ch nicht trau­en: Man weiß bei die­sem Illu­sio­nis­ten nie, was als nächs­tes pas­siert. Und was gera­de gesche­hen ist, ver­steht man sowie­so nicht.

Die Musik der Sin­fo­ni­et­ta hät­te aller­dings auch allei­ne schon gereicht, das Publi­kum zu bezau­bern und zu ver­zau­bern. Das groß besetz­te Ama­t­eu­r­or­ches­ter hat näm­li­ch für so ziem­li­ch jeden Geschmack etwas in sein Pro­gramm gepackt: Von dem fast unver­meid­li­chen Zau­ber­lehr­ling von Paul Dukas und dem Hexen­sab­ba­th aus Hec­tor Ber­lioz‘ Sym­pho­nie fan­tas­ti­que über die Ouver­tü­re zu Hän­sel und Gre­tel von Engel­bert Hum­per­dinck bis zu John Wil­liams, Howard Shore und Klaus Badelt reich­te das aus­ge­spro­chen umfang­rei­che Pro­gramm. Nicht nur in ihren eige­nen Gewäs­sern – der klas­si­schen Musik – fischen sie. Gezau­bert wird schließ­li­ch gera­de im Film ganz beson­ders viel. Und des­halb war auch ganz viel phan­tas­ti­sche Film­mu­sik zu hören, von Lord of the Rings über Har­ry Pot­ter bis zum Fluch der Kari­bik.

Dass so eine ordent­li­che Ver­zau­be­rung aller­dings auch viel Arbeit sein kann, wur­de eben­so gewür­digt: Ober­bür­ger­meis­ter Micha­el Ebling zeich­ne­te die Ers­te Vor­sit­zen­de der Sin­fo­ni­et­ta, Nico­la Wöhrl, mit dem Main­zer Pfen­nig aus. Über zwan­zig Jah­re und damit von Beginn an ist sie im Ver­eins­vor­stand dabei – und natür­li­ch immer auch auf der Büh­ne, als eine der Hor­nis­tin­nen. Als „Motor einer kon­ti­nu­ier­li­chen Auf­wärts­ent­wick­lung“ lob­te Ebling in sei­ner kur­zen Lau­da­tio ihre Arbeit, die ein „wich­ti­ger Bei­trag zur Kul­tur­viel­falt in Mainz“ sei.
Das war nicht die ein­zi­ge Unter­bre­chung der Musik. Denn da war ja auch noch Chris­to­ph Demi­an: Der Solist, der kein Instru­ment dabei hat­te. Nur mit dem Diri­gen­ten­stab von Micha­el Mil­lard spiel­te er: Er ließ ihn ver­schwin­den und auf­tau­chen, aus dem Feu­er auf­er­ste­hen und zeig­te auch son­st so eini­ge Illu­sio­nen – damit die Zau­be­rei nicht nur in der Phan­ta­sie des Publi­kums statt­fand. Dazu gehör­ten auch Auf­ga­ben aus Har­ry Pot­ters Abschluss­prü­fung wie das magi­sch schwe­ben­de Tisch­chen – raf­fi­niert und mit garan­tiert live gespiel­ter Musik auch über­haupt nicht all­täg­li­ch.

Die Haupt­last lag aber bei der Sin­fo­ni­et­ta Mainz und ihrem Diri­gen­ten Micha­el Mil­lard. Und die hat­ten kei­ner­lei Pro­ble­me, der Phan­ta­sie zu ihrem Recht zu ver­hel­fen. Sie kön­nen näm­li­ch so ziem­li­ch alles: Geis­ter beschwö­ren, Zau­ber­sprü­che rau­nen, über­sinn­li­che Ereig­nis­se schil­dern, bedroh­li­che Zei­chen malen oder sata­ni­sche Tän­ze anfeu­ern – alles kein Pro­blem. Mil­lard treibt die Sin­fo­ni­et­ta in der Phö­nix­hal­le zu sehr plas­ti­schem und viel­sei­ti­gem Spiel. Geschmei­dig wech­selt er mit ihr zwi­schen den viel­fäl­ti­gen Stim­mun­gen. Am bes­ten aber klingt das immer dann, wenn die Musi­ker es so rich­tig kra­chen las­sen kön­nen: Die mas­si­ve Klan­g­aus­beu­te der Sin­fo­ni­et­ta nutzt Mil­lard sehr geschickt – so raf­fi­niert, dass man oft gar nicht mehr viel Phan­ta­sie benö­tigt, son­dern ein­fach ver­zau­bert ist. 

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zei­tung.)

Mit aller Gewalt: Posaunen und Schlagzeug beenden den Musiksommer

… zumin­dest den Main­zer Musik­som­mer. Lei­der konn­te ich mich nur teil­wei­se für das Abschluss­kon­zert des dies­jäh­ri­gen Fes­ti­vals erwär­men:

Der Titel war ein biss­chen geschum­melt: „Von Bach bis Bern­stein“ war das Abschluss­kon­zert des dies­jäh­ri­gen Main­zer Musik­som­mers über­schrie­ben. Aber die vier Män­ner von Per­cus­sion Posau­ne Leip­zig hat­ten sich für ihr Kon­zert im Kreuz­gang von St. Ste­phan viel mehr vor­ge­nom­men: Von eng­li­schen Madri­ga­len des 16. Jahr­hun­derts bis zu zeit­ge­nös­si­schen Kom­po­si­tio­nen umfass­te ihr Pro­gramm fast die ganz euro­päi­sche Musik­ge­schich­te. Und das mit drei Posau­nen und einem Schlag­zeug – wahr­li­ch ein Kraft­akt.

Aber Bach und Bern­stein waren auch dabei, an die­sem lau­en Som­mer­abend. Und es waren nicht die schlech­tes­ten Tei­le eines sehr durch­wach­se­nen Kon­zer­tes, die sich direkt auf den Titel bezo­gen. Von Bach zum Bei­spiel hät­te man ger­ne noch mehr gehört: Das E-Dur-Prä­lu­di­um aus dem zwei­ten Band des Wohl­tem­pe­riertn Kla­viers näm­li­ch wirk­te auch mit der völ­lig Bach-frem­den Beset­zung der drei Posau­nen ganz aus­ge­zeich­net: Als span­nen­de Klang­schön­heit, die sich im Kreuz­gang dank des beseel­ten Spiels der drei Posau­nis­ten sehr atmo­sphä­ri­sch ent­fal­ten konn­te. Scha­de, dass sie es bei dem einen Prä­lu­di­um belie­ßen – so hät­te man ger­ne mehr gehört, und wenn es nur die dazu­ge­hö­ri­ge Fuge gewe­sen wäre, die lei­der vier Stim­men erfor­dert. Aber dafür war in ihrem Pro­gramm kein Platz – denn Per­cus­sion Posau­ne Leip­zig hat­te etwas ande­res vor: Sie woll­ten nett und unter­halt­sam sein, sie woll­ten lie­ber an der Gren­ze zwi­schen leich­ter Klas­sik, Pop und Jazz musi­zie­ren. Das mach­ten sie schon von Anfang an klar: Die berühm­ten Eröff­nungs­tak­te von Richard Strauss‘ „Also sprach Zara­thus­tra“ ver­wan­del­ten sich naht­los in ein mit­rei­ßen­des Arran­ge­ment von Duke Elling­tons fast genauso berühm­ten „Cara­van“.

Lei­der blieb nicht alles auf die­sem Niveau. Die Cho­ral­fan­ta­sie ihres Leip­zi­ger Posau­nen­kol­le­gen Hen­ry Walt­her über „Lobet den Her­ren alle, die ihn ehren“ bot immer­hin – trotz des erstaun­li­ch schlapp gespiel­ten Cho­rals – eini­ge fet­zi­ge Pas­sa­gen in den zuneh­mend stär­ker ange­jazz­ten Varia­tio­nen. Auch der Beginn des zwei­ten Pro­gramm­teils, die „Haba­ne­ra“ aus Bizets „Car­men“, bot dem Quar­tett – wie­der­um in leicht ange­jazz­ter Ver­si­on – die Mög­lich­keit, spie­le­ri­sch ihr Kön­nen zu zei­gen. Vor allem in dem sich dar­aus ent­wi­ckeln­den Solo, das zwi­schen­durch auf ein­mal beim durch Sina­tra berühmt gewor­de­nen My Way“ gas­tier­te und dann, in der Zusam­men­ar­beit mit der elek­tro­ni­schen Unter­stüt­zung der Loop­ma­schine, treff­li­ch demons­trier­te, das man als Posau­nist gar nicht so viel Metall braucht, um Musik zu machen: Stück für Stück ent­le­dig­te sich der Musi­ker Tei­le sei­ner Posau­ne: Zuer­st fiel der Schall­trich­ter weg, dann der Zug, bis nur noch das Mund­stück übrig war – und selbst das braucht so ein ech­ter Posau­nist eigent­li­ch gar nicht. Dann war er zwar nur noch Sän­ger, klang aber immer noch fast wie eine Posau­ne.
Dazwi­schen war aller­dings auch eini­ges plat­tes, wit­zig gemein­tes, aber nicht sehr amü­san­tes zu hören – und zwei über­lan­ge, musi­ka­li­sch lei­der belang­lo­se Schlag­zeug­soli von Wolf­ram Dix. Immer­hin bot Per­cus­sion Posau­ne Leip­zig zum Abschluss noch die High­lights aus Leo­nard Bern­steins „West Side Sto­ry“. Das geschick­te und effekt­vol­le Arran­ge­ment von Wer­ner Pfül­ler ließ die Musi­cal­hits nicht nur erken­nen, sie klan­gen sogar rich­tig gut und boten so einen fro­hen und ver­söhn­li­chen Schluss.

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zei­tung.)

Ins Netz gegangen (22.7.)

Ins Netz gegan­gen (22.7.):

  • 18 Tage in einer Welt ohne Mensch­lich­keit – Gesellschaft/Leben – Im Reich des Todes Die gan­ze Welt schaut nach Kai­ro – zugleich fol­tern Bedui­nen auf der ägyp­ti­schen Sinai-Halb­in­sel Tau­sen­de afri­ka­ni­sche Migran­ten, um Löse­geld zu erpres­sen. Und gleich neben­an machen ahnungs­lo­se deut­sche Tou­ris­ten Urlaub. Unter­wegs durch eine Regi­on, in der kri­mi­nel­le Gewalt, Tou­ris­mus und Welt­po­li­tik nahe bei­ein­an­der­lie­gen.
  • Fest­spiel-Infla­ti­on : Kommt der Som­mer, blüht die Fes­ti­va­li­tis – DIE WELT – Manu­el Brug bringt es in der WELT auf den Punkt:

    Ohne den regu­lä­ren, hoch sub­ven­tio­nier­ten Betrieb, der die Künst­ler her­an­züch­tet, die Kol­lek­ti­ve unter­hält, gäbe es kei­ne Fes­ti­val­sai­son. Eine Insti­tu­ti­on wie das Fest­spiel­haus Baden-Baden wird zwar direkt kaum sub­ven­tio­niert, aber sei­ne Star­vio­li­nis­tin­nen und Sopran­pri­ma­don­nen sind anders­wo groß gewor­den. Hier schöp­fen sie nur in meist risi­ko­lo­sen Pro­gram­men den Rahm ihrer Exis­tenz ab.

  • Fefes Blog – „Die sind ja selbst zum Lügen zu däm­li­ch! Das ist doch die ein­zi­ge Kern­kom­pe­tenz, die Poli­ti­ker haben!“ >

Netzfunde der letzten Tage

Mei­ne Netz­fun­de für die Zeit vom 5.3. zum 14.3.:

  • Wie klas­si­sche Musik fas­zi­niert, heu­te – Hans Ulrich Gum­brecht über­legt in sei­nem FAZ-Blog „Digital/Pausen“ aus Anlass eines (offen­bar recht typi­schen) Kon­zer­tes mit Streich­quar­tet­ten und ähn­li­chem, war­um uns Musik der Klas­sik (& Roman­tik) anders/mehr fas­zi­niert als die der Moder­ne (hier: Brit­ten (!)) -

    Noch inten­si­ver als die Musik unse­rer Gegen­wart viel­leicht schei­nen vie­le Stü­cke aus dem Reper­toire, das wir “klas­si­sch” nen­nen, die­se Ahnung, die­se unse­re Exis­tenz grun­die­ren­de Erin­ne­rung zu eröff­nen, wie­der Teil einer Welt der Din­ge zu wer­den. Gen­au das könn­te die Intui­ti­on, die vor­be­wuss­te Intui­ti­on der Hörer im aus­ge­schnit­te­nen Mara­thon-Hemd sein — die sich zu wei­nen und zu lachen erlau­ben, wenn sie Mozart und Beet­ho­ven hören.

    (via Publis­hed arti­cles)

  • Abmah­nung für Klaus Graf in der Cau­sa Scha­van | Schmalenstroer.net – Abmah­nung für Klaus Graf in der Cau­sa Scha­van (via Publis­hed arti­cles)
  • John­sons JAHRESTAGE – Der Kom­men­tar – Kom­men­tar zu Uwe John­sons Roman »Jah­res­ta­ge«
  • Klei­nes Adreß­buch für Jeri­chow und New York – Rolf Michae­lis: Klei­nes Adreß­buch für Jeri­chow und New York.
    Ein Regis­ter zu Uwe John­sons Roman »Jah­res­ta­ge. Aus dem Leben von Gesi­ne Cress­pahl« (1970–1983)
    Über­ar­bei­tet und neu her­aus­ge­ge­ben von Anke-Marie Loh­mei­er
    Über­ar­bei­te­te, digi­ta­le Neu­aus­ga­be 2012
  • Abschluss der «Enzy­klo­pä­die der Neu­zeit»: Die Vor­mo­der­ne in sech­zehn Bän­den – Tho­mas Mais­sen lobt – mit eini­gen Ein­schrän­kun­gen – in der NZZ die plan­ge­recht abge­schlos­se­ne EdN:

    «Schluss­be­trach­tun­gen und Ergeb­nis­se» run­den das Werk ab. Das ist für eine Enzy­klo­pä­die unge­wöhn­li­ch, macht aber das pro­gram­ma­ti­sche Ziel deut­li­ch. Die «Enzy­klo­pä­die der Neu­zeit» sam­melt nicht abschlies­send Wis­sen, son­dern will die Grund­la­ge abge­ben für neu­ar­ti­ge Unter­su­chun­gen zu his­to­ri­schen Pro­zes­sen, wel­che vor den Gren­zen der Dis­zi­pli­nen eben­so wenig halt­ma­chen wie vor den­je­ni­gen der Natio­nen und Kul­tu­ren. Inso­fern dient das Werk pri­mär For­schen­den und Leh­ren­den, die ihren eige­nen Zugang rela­ti­vie­ren und erwei­tern wol­len, durch kom­pakt und reflek­tiert prä­sen­tier­te Infor­ma­ti­on auf hohem Niveau.

  • Sprach­schmugg­ler in der Wiki­pe­dia? – Sprach­log – Sprach­schmugg­ler in der Wiki­pe­dia? (via Publis­hed arti­cles)
  • DDR-Pres­se (ZEFYS) – Im Rah­men eines von der Deut­schen For­schungs­ge­mein­schaft (DFG) geför­der­ten Pro­jekts wer­den drei DDR-Tages­zei­tun­gen digi­ta­li­siert und im Voll­text erschlos­sen: Neu­es Deutsch­land [ND] (23. April 1946 – 3. Okto­ber 1990, voll­stän­dig in Prä­sen­ta­ti­on), Ber­li­ner Zei­tung [BZ] (21. Mai 1945 – 3. Okto­ber 1990, 1945–1964 in Prä­sen­ta­ti­on) & Neue Zeit [NZ] (22. Juli 1945 – 5. Juli 1994, Prä­sen­ta­ti­on folgt)

    Damit ist ein ers­ter, bedeu­ten­der Teil der Tages­pres­se der SBZ (Sowje­ti­sche Besat­zungs­zo­ne, 1945–1949) und der DDR (Deut­sche Demo­kra­ti­sche Repu­blik, 1949–1990) für die wis­sen­schaft­li­che For­schung und Recher­che frei zugäng­li­ch.

  • Druck­sa­chen und Ple­nar­pro­to­kol­le des Bun­des­ta­ges – 1949 bis 2005 – In die­sem elek­tro­ni­schen Archiv kön­nen sämt­li­che Druck­sa­chen und Ste­no­gra­fi­schen Berich­te des Deut­schen Bun­des­ta­ges von der 1. bis zur 15. Wahl­pe­ri­ode recher­chiert und im pdf-For­mat abge­ru­fen wer­den.

Netzfunde vom 1.2. bis zum 7.2.

Mei­ne Netz­fun­de für die Zeit vom 1.2. zum 7.2.:

  • Anton Tant­ner: Wer­det Blog­ge­rIn­nen! Eine Replik auf Valen­tin Gro­eb­ner – Mer­kur. Blog der deut­schen Zeit­schrift für euro­päi­sches Den­ken – Auch Anton Tant­ner -ä im Netz sehr aktiv – repli­kiert auf Valen­tin Gro­eb­ner:

    Ins­ge­samt man­gelt es dem Bei­trag Gro­eb­ners lei­der an der kon­kre­ten Aus­ein­an­der­set­zung mit den bereits bestehen­den wis­sen­schaft­li­chen Web­an­ge­bo­ten; statt­des­sen bevor­zugt er es, auf Papp­ka­me­ra­den zu schie­ßen, die, wenn über­haupt, dann in den Anfangs­zei­ten des Inter­nets bei man­chen Netz­theo­re­ti­ke­rIn­nen eine Rol­le gespielt haben mögen, aber für die der­zeit im Web akti­ve Gene­ra­ti­on von Wis­sen­schaf­te­rIn­nen – weder für mich noch für die Mehr­zahl mei­ner blog­gen­den Kol­le­gIn­nen – von Rele­vanz sind.

  • Ver­mit­teln Blogs das Gefühl rast­lo­ser Mas­tur­ba­ti­on? Eine Ant­wort auf Valen­tin Gro­eb­ner | Redak­ti­ons­blog – Klaus Graf setzt Valen­tin Gro­eb­ners Abwer­tung der Blogs in der Geschichts­wis­sen­schaft (in der FAZ vom 6. Febru­ar 2013 und auf der Tagung „Rezen­sie­ren – Kom­men­tie­ren – Blog­gen“) eine dif­fe­ren­zier­te Dar­stel­lung der Vor­tei­le des Publi­zie­rens im Netz ent­ge­gen.
  • Jazz Dis­co­gra­phy Pro­ject -

    A collector’s gui­de to jazz music CDs/DVDs, iTunes/MP3s and vinyl recor­ds (LPs/EPs/45s/78s, etc.):
    Blue Note, Pres­ti­ge, River­si­de Recor­ds (the big three labels of modern jazz); bebop, cool/west coast, hard bop, modal/mode, free/avant-garde jazz musi­ci­ans; Miles Davis‘ per­so­nal con­nec­tions, and more.

  • Kam­mer­mu­sik­füh­rer – Vil­la Musi­ca Rhein­land-Pfalz – Die Vil­la Musi­ca hat einen Kam­mer­mu­sik­füh­rer ver­öf­fent­licht – aus den Pro­gramm­heft­tex­ten der letz­ten zwan­zig Jah­re:

    Im Online-Kam­mer­mu­sik­füh­rer der Vil­la Musi­ca sind Tex­te zu mehr als 4000 Wer­ken gesam­melt, die seit 1991 in den Pro­gramm­hef­ten der rhein­land-pfäl­zi­schen Lan­des­stif­tung abge­druckt wur­den. Sie stam­men fast durch­weg von Dr. Karl Böh­mer, dem lang­jäh­ri­gen Dra­ma­tur­gen und jet­zi­gen Geschäfts­füh­rer der Stif­tung

  • Pfäl­zer­wald­läu­fer: 31 Grün­de – 31 Grün­de, immer wie­der lau­fen zu gehen (via Publis­hed arti­cles)

Liebe, Leiden und Alchimie

Ein klei­nes Arse­n­al an Lau­ten und die bereit lie­gen­de Vio­la da gam­ba vor dem Altar ver­ra­ten selbst dem zufäl­li­gen Besu­cher der Semi­nar­kir­che, das hier etwas Beson­de­res statt­fin­det. Und in der Tat, das vor­letz­te Kon­zert des dies­jäh­ri­gen Musik­som­mers ist noch ein­mal ein ech­tes High­light. Hil­le Perl, Lee San­t­ana und Doro­thee Miel­ds sind mit ihrem „Loves Alchy­mie“ beti­tel­ten Pro­gramm in Mainz zu Gast. Die Samm­lung ver­schie­de­ner Lau­ten, die Lee San­t­ana bereit gelegt hat, ist sym­pto­ma­ti­sch. Denn kei­ner der drei gibt sich mit ein­fa­chen Lösun­gen zufrie­den. Exten­si­ve und inten­si­ve Viel­falt ist statt­des­sen ange­sagt.

Dabei ist es schein­bar ein ganz ein­ge­schränk­tes, mono­the­ma­ti­sches Pro­gramm, die­se „Loves Alchy­mie“. Ver­to­nun­gen der soge­nann­ten meta­phy­si­schen Dich­tung aus dem baro­cken Eng­land des 17. Jahr­hun­derts haben sich die drei Musi­ker aus­ge­sucht. Und die krei­sen immer wie­der um Lie­be und Tod, viel mehr gibt es da nicht. Aber das ist bei ande­ren Barock­dich­tern ja ähn­li­ch. Doch schon die Ver­to­nun­gen bre­chen aus die­ser schein­ba­ren Ein­öde aus: Airs, Grounds, Fan­ta­si­en, Varia­tio­nen, Lau­ten­lie­der von bekann­ten Kom­po­nis­ten wie John Dow­land und Hen­ry Pur­cell ste­hen neben sol­chen von ver­ges­se­nen Meis­tern wie John Wil­son, Tobi­as Hume oder John Jenk­ins. Aber sie alle wen­den die Melan­cho­lie, die gedrück­te Stim­mung von Todes­nä­he und Lie­bes­schmerz (die oft genug zusam­men hän­gen) in erbau­li­che und unter­hal­ten­de Musik – Unter­hal­tung frei­li­ch, die von fei­nen Dif­fe­ren­zie­run­gen lebt. Und dafür sind die drei ohren­schein­li­ch Spe­zia­lis­ten. Jeder ein­zel­ne weiß in der Augus­ti­ner­kir­che zu begeis­tern – und das Zusam­men­spiel in naht­lo­ser Har­mo­nie sowie­so. Hil­le Perl fas­zi­niert mit ihrer leben­di­gen Dyna­mik, Lee San­t­ana mit fein­glied­ri­gem Tief­sinn. Und dann ist da schließ­li­ch Doro­thee Miel­ds, die dem gan­zen Stim­me ver­leiht. Denn die Sopra­nis­tin ist nicht nur wun­der­bar ver­ständ­li­ch, son­dern auch wun­der­bar facet­ten­reich, weich und so reich an Klang­far­ben, dass bei ihr kei­ne zwei Wör­ter gleich klin­gen.

Mal nach­denk­li­ch und sin­nie­rend, mal intim, dann wie­der ent­rückt und ganz ver­son­nen – kaum eine emo­tio­na­le Bewe­gung bleibt bei die­sem Trio außen vor. Ganz beson­ders noch ein­mal im Schluss, der mit süßer Ver­zü­ckung ein­ge­läu­tet wird: „Sweetest Love, I doe not goe“ ist Ver­füh­rung pur, die mit einer zart-figu­ra­tiv ver­spon­nen Lau­ten­fan­ta­sie von Lee San­t­ana zurück­hal­tend prä­zi­se fort­ge­führt wird und im gran­dio­ses Schluss mün­det: „The Expi­ra­ti­on“, das „Aus­hau­chen“ eines anony­men Kom­po­nis­ten. „So brich doch die­sen letz­ten Kuss ab, der so klagt“, heißt es dort, und die Sän­ge­rin schließt mit dem simp­len Wört­chen „fort“ – da möch­te man wirk­li­ch gera­de­wegs mit ihr gehen, das muss der Weg ins Para­dies sein, so rein und ver­füh­re­ri­sch singt Miel­ds das über der Beglei­tung von San­t­ana und Perl. Statt­des­sen zwingt der stür­mi­sche Applaus aber alle wie­der gna­den­los zurück in die Welt und den All­tag.

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zei­tung.)

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