Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Schlagwort: cd

Verspäteter Glückwunsch: Johann Christian Heinrich Rinck zum 250. Geburtstag

2020 war ein gro­ßes Beet­ho­ven-Jahr, zumin­dest irgend­wie – so rich­tig hat der 250. Geburts­tag nicht gezün­det, scheint mir. Und das lag ver­mut­lich nicht nur an den Ein­schrän­kun­gen der Kon­zert­tä­tig­kei­ten durch Coro­na, son­dern mei­nes Erach­tens auch dar­an, dass Beet­ho­ven sowie­so immer mehr als genug da und prä­sent ist.

Rinck, Orgelwerke (Cover)

Das ist ist bei Johann Chris­ti­an Hein­rich Rinck ganz anders. Der ist aus dem öffent­li­chen (Musik)Leben weit­ge­hend kom­plett ver­schwun­den. Organist*innen soll­ten ihn aller­dings noch ken­nen. Ich zumin­dest spie­le sogar ab und an klei­ne­re Sachen von ihm. Den 250. Geburts­tag des Darm­städ­ter Kom­po­nis­ten und Kir­chen­mu­si­kers habe ich im letz­ten Jahr aber auch über­haupt nicht regis­tiert. Mit etwas Ver­spä­tung konn­te die Hoch­schu­le für Musik der Johan­nes-Guten­berg-Uni­ver­si­tät Mainz mir da jetzt auf die Sprün­ge hel­fen. Deren Orgel­klas­se von Ger­hard Gnann hat näm­lich im Jubi­lä­ums­jahr eine sehr gelun­ge­ne Dop­pel-CD als eine Art Hom­mage an Rinck pro­du­ziert. Zusam­men mit der Rinck-Gesell­schaft haben die jun­gen Organist*innen und ihr Leh­rer eine wirk­lich schö­ne Zusam­men­stel­lung auf­ge­nom­men, die einen guten Ein­blick in das kom­po­si­to­ri­sche Schaf­fen Rincks bie­tet: Von den durch­aus zeit­ge­nös­sisch belieb­ten Orgel­kon­zer­ten über grö­ße­re Varia­ti­ons­zy­klen zu klei­nen, eher gebrauchs­mu­si­ka­lisch isn­pi­rier­ten Ton­stü­cken bil­det die Pro­duk­ti­on eine gro­ße Band­brei­te ab.

Ein wesent­li­ches Ele­ment des Gelin­gens ist die genutz­te Orgel: Die Drey­mann-Orgel von 1837 in St. Ignaz in der Main­zer Alt­stadt. In mei­ner Main­zer Zeit habe ich die nicht ken­nen­ge­lernt oder zumin­dest nicht bewusst wahr­ge­nom­men – wenn ich mich rich­tig erin­ne­re, war das grö­ße­ren Arbei­ten an und in der Kir­che geschul­det. Inzwi­schen wur­de die Orgel auch umfas­send restau­riert. Und für mich zufäl­li­ger­wei­se zeit­lich genau pas­send auch in der aktu­el­len Aus­ga­be der Ars Orga­ni (Jg. 69, Heft 1, S. 46–50) beschrie­ben. Das Instru­ment, das von Rinck selbst als Neu­bau abge­nom­men und sehr geschätzt wur­de, kommt auf der Auf­nah­me gut zur Gel­tung: Die kla­ren, prä­gnan­ten Bäs­se vor allem des Posau­nen­bas­ses sind wun­der­bar prä­gnant und sau­ber, aber auch die war­men – und teil­wei­se sehr lei­se und sanf­ten Grund­stim­men klin­gen auf der Auf­nah­me sehr authen­tisch. Und die fie­nen Ober­stim­men und glän­zen­den Mix­tu­ren krö­nen das sehr schön, ohne zu domi­nie­ren.

Die ein­ge­spiel­ten Wer­ke – teil­wei­se aus Auto­gra­phen bzw. eigens ange­fer­tig­ten Abschrif­ten – bie­ten, wie gesagt, eine schö­ne Gele­gen­heit, Rincks Kom­po­si­ti­ons­stil genau­so ken­nen­zu­ler­nen wie die­se fas­zi­nie­ren­de Orgel. Rinck hat ja eine ganz eige­ne Ver­bin­dung von (spät-)barocken Tech­ni­ken, die gera­de auf den Orgeln ja durch­aus noch lan­ge fort­le­ben, mit eigent­lich eher klas­si­schen Ele­men­ten (und zeit­wei­se früh­ro­man­ti­schen Anklän­gen) geschaf­fen. Das erreicht sicher nicht immer Beet­ho­vens Tie­fe (aber das machen Beet­ho­vens Wer­ke ja auch nicht immer), ist aber mehr als nur gefäl­li­ge Gele­gen­heits­mu­sik: Dem genaue­ren Hören eröff­nen sich da durch­aus immer wie­der span­nen­de Ideen, neue Kom­bi­na­tio­nen und vor allem gelun­ge­ne Ein­fäl­le. Und das alles zuam­men macht ein­fach Freu­de!

Johann Chris­ti­an Hein­rich Rinck: Orgel­wer­ke. Stu­die­ren­de der Abtei­lung Kirchenmusik/​Orgel der Hoch­schu­le für Musik an der Johan­nes Guten­berg-Uni­ver­si­tät Mainz spie­len an der Drey­mann-Orgel (1837) in St. Ignaz, Mainz. Coviel­lo Clas­sics COV 92101, 2020. 114:02 Minu­ten.
vorderseite der verpackten cd

Verpackte Musik

So gestal­tet man heu­te eine CD-Ver­pa­ckung (ja, die gibt es noch …). Zumin­dest kann man es tun, wenn man die rich­ti­gen Leu­te zur Hand hat:


Es han­delt sich übri­gens um das vor­züg­li­che, inten­si­ve und span­nen­de Album „Lover“ des Cara­te Urio Orches­tra.

Ins Netz gegangen (21.7.)

Ins Netz gegan­gen am 21.7.:

  • Zeit­ge­nös­si­sche Oper: „Aua, aua – Schme-e-erzen!“ | ZEIT ONLINE – chris­ti­nen lem­ke-matwey reka­pi­tu­liert die opern-urauf­füh­run­gen der letz­ten mona­te – und die situa­ti­on des zeit­ge­nös­si­schen musik­thea­ters über­haupt:

    Die Oper bleibt, was sie immer war, trä­ge, kuli­na­risch, teu­er, selbst­ver­liebt – und die Kom­po­nis­ten, auch die, die ihr abge­schwo­ren haben, ver­sam­meln sich halb reu­mü­tig, halb blau­äu­gig in ihrem war­men Schoß.

    nicht ohne hoff­nung, aber so rich­tig begeis­tert scheint sie auch nicht zu sein – und auch kei­ne idee zu haben, was eine (neue) begeis­te­rung aus­lö­sen könn­te:

    Man mag es schlimm fin­den oder nicht, wenn die Men­schen nicht mehr in Mozarts Zau­ber­flö­te oder Bizets Car­men gin­gen; rich­tig schlimm, ja ver­hee­rend wäre es, wenn es kei­ne ritu­el­len Orte mehr gäbe, an denen sich eine Gemein­schaft über ihre Emo­tio­nen und Affek­te ver­stän­dig­te, ohne immer gleich dar­über reden zu müs­sen, einer Sek­te bei­zu­tre­ten oder ins nächs­te Fuß­ball­sta­di­on zu ren­nen. Orte für Musik, Orte für Augen, Ohren und Sin­ne, Opern­häu­ser eben.

    (ich wüss­te ja nur gern ein­mal, ob das wirk­lich stimmt, dass „der­zeit so vie­le [neue Stü­cke] wie noch nie“ ent­ste­hen – zah­len und ver­glei­che nennt sie lei­der kei­ne …)

  • Uwe John­son: Daheim in der Par­al­lel­welt | ZEIT ONLINE – jan brandt schießt in sei­ner begeis­te­rung für uwe john­son, der ges­tern 80 jah­re alt gewor­den wäre, ein wenig übers ziel hin­aus:

    Dabei war John­son der inno­va­tivs­te, radi­kals­te, manischs­te deut­sche Nach­kriegs­au­tor.

    trotz­dem aber eine gelun­ge­ne und rich­ti­ge und not­wen­di­ge hom­mage an einen gro­ßen autor

  • Klas­sen­ge­sell­schaft: Stan­des­ge­mäß | Kar­rie­re | ZEIT ONLINE – die „Zeit“ zeigt schö­ne und inter­es­san­te (porträt-)fotos aus der wei­ma­rer repu­blik:

    Der Foto­graf August San­der hat die Stän­de­ge­sell­schaft der Wei­ma­rer Repu­blik por­trä­tiert. Er foto­gra­fier­te die Men­schen in ihrer typi­schen Umge­bung, mit cha­rak­te­ris­ti­scher Klei­dung oder in typi­scher Hal­tung.

    (von „Stän­de­ge­sell­schaft“ wür­de ich zwar nicht spre­chen, aber seis drum …)

  • IAS­Lon­line Net­Art: Geschich­te der Com­pu­ter­kunst Inhalts­ver­zeich­nis – tho­mas dre­her hat eine „Geschich­te der Com­pu­ter­kunst“ geschrie­ben und pas­send im netz ver­öf­fent­licht:

    Nach fünf Jahr­zehn­ten Com­pu­ter­kunst sind aus­führ­li­che­re Rekon­struk­tio­nen der his­to­ri­schen Ent­wick­lungs­li­ni­en des Ein­sat­zes von Rech­nern und Rechen­pro­zes­sen in künst­le­ri­schen Pro­jek­ten fäl­lig, um Com­pu­ter­kunst als eigen­stän­di­gen Bereich der Medi­en­kunst erken­nen zu kön­nen.

  • Kolum­ne Luft und Lie­be: So cra­zy wie gol­de­ne Leg­gins – taz.de -

    Nein, ver­mut­lich hilft die „x“-Endung nicht im Nah­ost­kon­flikt. Viel­leicht löst sie über­haupt ganz wenig und wird schon bald durch irgend­was mit „y“ abge­löst. Men­schen, die sich an Baby­spi­nat-Man­gold-Smoothies gewöh­nen, wer­den sich mit der Zeit auch an neue Sprach­for­men gewöh­nen. Men­schen, die ver­su­chen, einer Wis­sen­schaft­le­rin zu erklä­ren, was sie vor geschätz­ten 37 Jah­ren in der Schu­le gelernt haben, von jeman­dem, der 20 Jah­re vor­her Bio­lo­gie auf Lehr­amt stu­diert hat: schwie­rig.

  • Sym­bol­ge­halt ǀ Wir sind wie­der wer anders—der Frei­tag – georg seeß­len über fuß­ball, poli­tik, nati­on, sym­bol und ver­wer­tungs­zu­sam­men­hän­ge:

    Ein Fuß­ball­spiel hat kei­ne poli­ti­sche Bot­schaft, so wenig wie die Fri­sur eines Bun­des­trai­ners einen kul­tur­ge­schicht­li­chen Wen­de­punkt mar­kiert. Die poli­ti­sche Meta­pho­rik wird erst danach pro­du­ziert. Je nach Bedarf. Je nach Inter­es­se. Je nach Ein­fluss. Wie schön wäre es, wie­der ein­mal sagen zu kön­nen, gewon­nen hät­ten ein­fach die­je­ni­gen, die an dem ein oder ande­ren Tag am bes­ten Fuß­ball gespielt haben. Ein schö­nes Spiel sei ein schö­nes Spiel. Und sonst nichts. Aber das ist eben das Kreuz mit den Rea­li­täts­mo­del­len. Sie ver­lie­ren ihre eige­ne Rea­li­tät. Wie viel Wahr­heit ist noch auf dem Platz, wenn die Macht der Insze­na­to­ren und Pro­fi­teu­re ins Uner­mess­li­che geht?

  • Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­ker Recor­dings: Im Lei­nen-Schmuck­pack samt Blu-ray | Musik – Ber­li­ner Zei­tung – Inter­es­sant, wie tief­ge­hend man Klas­sik­kri­ti­ker mit einer außer­ge­wöhn­li­chen CD-Ver­pa­ckung irri­tie­ren & ver­stö­ren kann

Franz Liszt lebt

Jubi­lä­en sind wohl nir­gends so wich­tig wie in der Musik­bran­che. Zu jedem halb­wegs run­den Todes- und Geburts­tag wer­den die Pro­gram­me geän­dert, jeder meint, unbe­dingt etwas pas­sen­des auf­zu­füh­ren (natür­lich aber nur, wenn es um „gro­ße“ Kom­po­nis­ten geht). In die Kate­go­rie „Jubi­lä­ums­hype“ passt auf den ers­ten Blick auch „The Liszt Pro­ject“, wie die Dop­pel-CD, die Pierre-Lau­rent Aimard – immer­hin einer mei­ner all­zeit-Lieb­lings­pia­nis­ten – im Früh­jahr für die Deut­sche Gram­mo­phon auf­ge­nom­men hat.1 Aber die­se zwei CDs erhe­ben sich aus der Mas­se der Pflicht-Erin­nun­gen. Aus einem Grund: Pierre-Lau­rent Aimard. Der hat näm­lich (natür­lich) nicht ein­fach ein paar bekann­te Liszt-Wer­ke zusam­men­ge­sucht und auf­ge­nom­men. Nein, er macht etwas ande­res – etwas bes­se­res: Er kon­fron­tiert eini­ge, weni­ge aus­ge­wähl­te Liszt-Kom­po­si­tio­nen mit ganz viel ande­rer Musik: Mit Wag­ner (Kla­vier­so­na­te As-Dur), mit Scria­bin und Ravel, aber auch mit Bar­tók, Berg, Mes­siaen und dem 1959 gebo­re­nen Mar­co Strop­pa. Und das hat ganz viel Sinn und Bedeu­tung – sonst wür­de er es ja nicht machen. Vor allem aber: Die­se Kon­fron­ta­ti­on stellt Liszt in ganz ver­schie­de­ne Tra­di­ti­ons­zu­sam­men­hän­ge, zeigt – auch uner­war­te­te – Bezie­hun­gen. Und ergibt ein wun­der­ba­res Gan­zes. Das Pro­gramm ist also – schon auf dem Papier – über­zeu­gend. Aber das ist nicht alles.

Ich bin jeden­falls gera­de total begeis­tert und fas­zi­niert von die­ser CD: Wahr­schein­lich ist das in der Sum­me und im Detail eine der bes­ten Kla­vier-CDs, die ich ken­ne (und besit­ze). Allein schon wegen der gran­dio­sen Auf­nah­me­tech­nik, die dem Flü­gel eine unver­gleich­li­che Prä­senz ver­schafft,2 eine gran­dio­se Detail­auf­lö­sung (auch im räum­li­chen – jeder Ton hat sei­nen eige­nen Platz!) hören lässt und ein­fach ver­blüf­fend rea­lis­tisch klingt.

Vor allem ist die CD aber groß­ar­tig, weil sie musi­ka­lisch begeis­tert. Und das liegt, wenn man es auf den Punkt brin­gen will, an der leben­di­gen Genau­ig­keit, mit der Pierre-Lau­rent Aimard arbei­tet (spie­len mag das kaum nen­nen). Gera­de die Ver­nüp­fung von unge­heu­er detail­ver­lieb­ter Genau­ig­keit, die wirk­lich an jedem Ton bis zur Ver­voll­komm­nung arbei­tet, mit der ago­gi­schen und phra­sie­ren­den Leben­dig­keit ist Aimards Mar­ken­zei­chen.3

Immer wie­der fas­zi­niert mich ja sei­ne Fähig­keit, nicht nur die for­ma­le Gestal­tung sowohl auf der Makro- als auch auf der Mikroebe­ne voll­ko­men im Blick zu haben, son­dern vor allem sei­ne unmensch­lich genaue klang­li­che Dif­fe­ren­zie­rung (und ihre Dis­zi­pli­nie­rung), mit der er das Ton wer­den lässt.

Ein paar High­lights bis­her: Unbe­dingt die vita­le, fast strah­len­de Sona­te op. 1 von Alban Berg, die trotz ihrer Kon­zen­tra­ti­on ganz unge­zwun­gen und natür­lich wirkt.

Dann selbst­ver­ständ­lich die h‑moll-Sona­te von Liszt selbst:4 Kein pia­nis­ti­sches Bra­vour­stück, kei­ne tro­cke­ne Form­übung und auch kein Kampf musi­ka­li­scher Cha­rak­te­re: Das ist aus­ge­gli­chen, aber nie blass; ver­mit­telnd, aber alle Sei­ten und Aspek­te genau voll­zie­hen. Wahr­schein­lich ist es gera­de die­ser Aspekt, mög­lichst viel­sei­tig zu spie­len, mög­lichst vie­le Facet­ten eines Wer­kes leben­dig wer­den zu las­sen, ohne eini­ge oder weni­ge davon zu abso­lu­tie­ren, der mich hier und bei dem Rest der Auf­nah­me so anzieht. Das ist in der Pra­xis natür­lich nie ein­fach, weil so eine umfas­sen­der Inter­pre­ta­ti­ons­ver­such oft reich­lich blass und lang­wei­lig wirkt und nur den Ein­druck erweckt, der Inter­pre­ta­ti­on wol­le es um jeden Preis ver­mei­den, einen Stand­punkt zu bezie­hen. Davon kann hier aber kei­ne Rede sein.

Auch die/​das (?) „Tan­ga­ta manu“ von Mar­co Strop­pa ist beein­dru­ckend: Die­se Musik passt fast naht­los zwi­schen Liszts Vogel­pr­edikt des Franz von Assi­si aus den „Année de Pélè­ri­na­ge, Band II und den Was­ser­spie­len der Vil­la Este (aus Band III). Das ist auch eine Form, moder­ne und zeit­ge­nös­si­sche Musik dem Hörer nahe­zu­brin­gen – ganz ohne gro­ßes didak­ti­sches Klim­bim, son­dern eben ein­fach als Musik, die man als Wei­ter­ent­wick­lung klassischer/​romantischer Model­le hören kann.5 Über­haupt ist der zwei­te Teil/​die zwei­te CD fast ein ein­zi­ger Klang­rausch, durch­weg auf höchs­tem Niveau. Auch Ravels „Jeux d’eau“ sind schlicht gran­di­os.

Was mich (wie­der ein­mal) aber ziem­lich abschreckt, ist die Gstal­tung der CD. Abge­se­hen davon, dass sie über­säht ist mit Auf­merk­sam­keits­ha­schern, mit meh­rern Auf­kle­bern beklebt, ver­steckt sie gera­de die wich­ti­gen Infor­ma­tio­nen – näm­lich die Spiel­fol­ge – ziem­lich gut. Dafür sind noch ein paar nichts­sa­gen­de Sät­ze und über­schwäng­li­ches Lob drauf­ge­druckt wor­den … Immer­hin, der Kom­po­nis­ten­na­me ist ein biss­chen grö­ßer als der Aimards – auch kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit, bei vie­len CDs scheint der Inter­pret heu­te (zumin­dest typo­gra­fisch) wich­ti­ger zu sein als der Kom­po­nist. Dafür aber in einer reich­lich selt­sa­men, eigent­lich unaps­sen­den Schrift …

Scha­de auch, dass die Deut­sche Gram­mo­phon, die doch so stolz auf ihre Tra­di­ti­on ist, dem kein ver­nünf­ti­ges Bei­heft mehr spen­diert: Ein klit­ze­klei­nes Inter­view mit dem Pia­nis­ten ist da drin – sonst nichts. Kei­ner­lei mehr oder weni­ger ana­ly­ti­schen Anmer­kun­gen, kei­ne (musik-)historischen Ein­ord­nun­gen, nichts. So kann man das Niveau auch immer wie­der unter­bie­ten …

Davon mal abge­se­hen (und das merkt man beim Hören ja glück­li­cher­wei­se nicht): Eine CD zum glück­lich Wer­den. Ein­deu­tig.

The Liszt Pro­ject. Pierre-Lau­rent Aimard spielt Bar­tók, Berg, Mes­siaen, Ravel, Scria­bin, Strop­pa, Wag­ner und Liszt. Deut­sche Gram­mo­phon 2011.

Show 5 foot­no­tes

  1. War­um das als „Pro­jekt“ ver­kauft wird, ist mir voll­kom­men unklar – abge­se­hen davon, dass „Pro­jekt“ irgend­wie modern und hip klingt (klin­gen soll). Schließ­lich ist das nichts ande­res als die Stu­dio­ver­si­on eines erprob­ten Kon­zert­pro­gramms.
  2. Das ist – obwohl das Kla­vier ja sozu­sa­gen ein Stan­dard­in­stru­ment ist – alles ande­re als die Regel!
  3. Sei­ne Auf­nah­me der Bach­schen „Kunst der Fuge“ weist – in ganz ande­rem Zusam­men­hang – eben­falls genau die­se Qualität(en) auf.
  4. Sehr sinn­voll übri­gens auch, die h‑moll-Sona­te an den Schluss des ers­ten Teils zu stel­len – das Ende, die letz­ten Töne, mit denen auch die ers­te CD aus­kling, wir­ken so ein­fach gran­di­os …
  5. Wobei der Umstand, dass Liszt (nicht nur) hier als fast pro­to-moder­ner Kom­po­nist gezeigt wird, sozu­sa­gen die ande­re Sei­te die­ser Medail­le ist.

passionsmusik aus siebenbürgen

Sie­ben­bür­gen ist nicht gera­de ein Zen­trum deut­scher Kir­chen­mu­sik. Genau­er gesagt, ist es eher ein Zen­trum von gar nichts. Manch­mal sind aber die Rän­der durch­aus inter­es­san­ter als die Mit­te. Etwa, wenn dort bestimm­te Tra­di­tio­nen über­le­ben, wie zum Bei­spiel die über lan­ge Zeit wei­ter­ge­ge­be­nen loka­len Pas­si­ons­mu­si­ken. Das soll­te man wis­sen, wenn man sich die „Sie­ben­bür­gi­sche Pas­si­ons­mu­sik“ für Chor, Solis­ten und Orgel von Hans Peter Türk anhört. Denn Türk ist ein sie­ben­bür­gi­scher Kom­po­nist.

Eine neue Mat­thä­us-Pas­si­on also, als Fort­füh­rung noch erhal­te­ner Bräu­che – aber den­noch über­haupt nicht bloß bewah­rend, son­dern eben wei­ter­füh­rend. Denn Türk ist zwar kein Avant­gar­dist, aber doch – trotz sei­ner geo­gra­phi­schen Rand­la­ge – als Kom­po­si­ti­ons­pro­fes­sor ein Ken­ner der Ent­wick­lun­gen und Tech­ni­ken in der Musik. Und zwar nicht nur der Musik der letz­ten Jah­re. Denn sei­ne „Sie­ben­bür­gi­sche Pas­si­ons­mu­sik“ bedient sich bei For­men und Tech­ni­ken aus eigent­lich der gan­zen abend­län­di­schen Musik­ge­schich­te. Das führt zu eini­gen eigen­ar­ti­gen und bemer­kens­wer­ten Ergeb­nis­sen, die die Ein­spie­lung mit der Meiß­ner Kan­to­rei 1961 unter Christ­fried Brö­del und mit Ursu­la Phil­ip­pi an der Orgel ein­drück­lich vor­führt.
Denn wie immer, wenn sich Bekann­tes mit Frem­dem, Ver­trau­tes mit Exo­ti­schem mischt, ent­deckt man rei­lich Neu­es und Inter­es­san­tes – in Bei­dem. Der Text bleibt ganz auf ver­trau­tem Boden, in der Musik ent­wi­ckelt der 1940 gebo­re­ne Sie­ben­bür­ge aber einen eige­nen Ton. Dabei ver­traut Türk auf die Wor­te – und zwar sehr stark. Dar­aus und damit ent­wi­ckelt er eine Musik, die sich dem Hörer unmit­tel­bar unmit­teilt. Und sie zeigt deut­lich: Hier geht es nicht dar­um, um jeden Preis außer­ge­wöhn­li­che Musik zu fin­den. Türk strebt offen­bar viel mehr danach, der Pas­si­ons­er­zäh­lung ein zeit­ge­mä­ßes musi­ka­li­sches Gewand zu geben, sie aber zual­ler­erst als Erzäh­lung zu ver­ste­hen. Und das kann dann eben auch hei­ßen, sich als Kom­po­nist extrem zurück­zu­neh­men. Auch in die­ser kon­zen­trier­ten Form, mit weni­gen Ein­wür­fen, behut­sam unter­ma­len­den Tönen der Orgel etwa gelingt es ihm ohne Wei­te­res, star­ke Kon­tras­te und nahe­ge­hen­de Stim­mun­gen zu ver­mit­teln, span­nen­de Rezi­ta­ti­ve zu schrei­ben, die natür­lich und kunst­voll zugleich wir­ken. Und vor allem hoch­gra­dig ein­fühl­sa­me, inten­siv vibrie­ren­de Cho­rä­le, die den wah­ren Kern die­ser Pas­si­ons­mu­sik bil­den.

Das ist dann in der Sum­me eine durch­aus moder­ne Musik, die ver­ständ­lich und unbe­dingt zugäng­lich auch für Nicht-Ken­ner der zeit­ge­nös­si­schen Musik ist. Und eigent­lich sogar für deren Ver­äch­ter zu ertra­gen. Gut funk­tio­nie­ren­de Kir­chen­mu­sik also.

Hans Peter Türk: Sie­ben­bür­gi­sche Pas­si­ons­mu­sik für den Kar­frei­tag nach dem Evan­ge­lis­ten Mat­thä­us für Chor, Solis­ten und Orgel. Ursu­la Phil­ip­pi, Orgel. Meiß­ner Kan­to­rei 1961, Christ­fried Brö­del. Musik­pro­duk­ti­on Dabring­haus und Grimm 2009. MDG 902 1554–6.

(geschrie­ben für die neue chor­zeit)

power und einfühlungsvermögen: händels oratorien im querschnitt

Nicht alle Hän­del-Ein­spie­lun­gen, die jetzt erschei­nen, ver­dan­ken ihre Ent­ste­hung dem Jubi­lä­um des Kom­po­nis­ten. Der Maul­bron­ner Kam­mer­chor und sein Lei­ter Jür­gen Bud­day etwa beschäf­ti­gen sich schon län­ger und sehr erfolg­reich mit den gro­ßen Ora­to­ri­en des Meis­ters. Und seit zehn Jah­ren wer­den ihre Auf­füh­run­gen von K&K mit­ge­schnit­ten. Aus die­sem reich­hal­ti­gen Mate­ri­al hat das Label nun, zur Fei­er des dop­pel­ten Jubi­lä­ums sozu­sa­gen, eine Aus­wahl unter dem Titel „The Power of Hän­del“ zusam­men­ge­stellt. Die etwas rei­ße­ri­sche Ver­mark­tung ver­zeiht man ger­ne – denn „out­stan­ding“ sind sie wirk­lich, die­se aus­ge­wähl­ten Soli und Chö­re. Und „Power of Hän­del“ heißt das gan­ze Unter­neh­men zu recht. Denn was immer wie­der sofort auf­fällt, ist die immense Kraft, die Bud­day und sei­ne Mit­strei­ter in der Musik zum Leben erwe­cken. Das liegt bei­lei­be nicht nur an den fast durch­weg zügig bis rasan­ten Tem­pi. Eine Freu­de ist es aber schon, zu hören, wie prä­zi­se der Maul­bron­ner Kam­mer­chor auch bei hohem Tem­po bleibt, wie rasch die Sän­ger – immer­hin kei­ne Pro­fis! – reagie­ren und wie wen­dig sie in Klang und Aus­druck blei­ben.

Klar­heit, Prä­gnanz und poin­tier­te Aus­drucks­stär­ke gehen eine aus­ge­spro­chen frucht­ba­re Alli­anz ein. Und dass hier federnd und sprit­zig gesun­gen wird – mit Freu­de und Esprit aller Betei­lig­ten – das hört man eben in fast jedem Moment. Und man hört es ger­ne, zumal auch die Auf­nah­me atmo­sphä­risch gelun­gen ist.

The Power of Hän­del. Best of his glo­rious Ora­to­ri­os. Solis­ten, Maul­bron­ner Kam­mer­chor, Jür­gen Bud­day. KuK 44, 2008.

(geschrie­ben für die neue chor­zeit)

an die sterne. schumanns weltliche chormusik

An die Ster­ne“ ist die ers­te CD mit Robert Schu­manns welt­li­cher Chor­mu­sik beti­telt, die das Orpheus Vokal­ensem­ble unter Cary Gra­den bei Carus vor­ge­legt hat. Ganz rei­chen die Sän­ger aber nicht ans Fir­ma­ment. Das 2005 gegrün­de­te Orpheus-Vokal­ensem­ble, des­sen ers­te Auf­nah­me die­se CD ist, über­zeugt näm­lich nur bedingt. Stö­rend wir­ken sich nicht nur das fast per­ma­nen­tes Über­ge­wicht der Frau­en­stim­men und die teil­wei­se auf­fal­lend mit­tel­mä­ßi­ge tech­ni­sche Prä­zi­si­on aus, irri­tie­ren­der sind vor allem an der Man­gel an Klang­dif­fe­ren­zie­rung und Cha­ris­ma. Dabei ist es ja wirk­lich nicht so, dass Schu­manns Chö­re fade Kost sind. Die „Fünf Lie­der“ op. 55 (auf Gedich­te von Robert Burns) sind zum Bei­spiel ganz aus­ge­zeich­ne­te klei­ne Kost­bar­kei­ten. Und hier zeigt dass Orpheus-Vokal­ensem­ble auch, dass es durch­aus fähig ist: Die­se fünf Lie­der sind wirk­li­che klei­ne glit­zern­de Ster­ne.

Und musi­ka­li­sches Ein­füh­lungs­ver­mö­gen beweist der Chor unter Gary Gra­den (und auch der beglei­ten­de Pia­nist, Kon­rad Elser) immer wie­der in über­ra­schen­dem Maße – das macht vie­les wett. Es ist aber schon auf­fal­lend, dass gera­de die getra­ge­nen, lang­sa­men Lie­der (fast) immer bes­ser sind als die beweg­ten, mehr Gespür für Atmo­sphä­re und Klang­sinn verr­ra­ten. Und je kom­ple­xer die Kom­po­si­tio­nen wer­den, des­to bes­ser wird auch der Chor – wie die beson­ders plas­ti­sche Inter­pre­ta­ti­on der „Vier dop­pel­chö­ri­gen Gesän­ge“ op. 141 sehr deut­lich zeigt. Gera­de der Wech­sel zwi­schen aus­ge­spro­chen kunst­vol­len Chor­sät­zen und volks­lied­haft ein­fa­chen Chor­lie­dern, der die gan­ze Band­brei­te des cho­ri­schen Wer­kes Schu­manns auf­zeigt, macht aber den beson­de­ren Reiz die­ser Samm­lung aus.

Robert Schu­mann: An die Ster­ne. Welt­li­che Chor­mu­sik I. Orpheus-Vokal­ensem­ble. Kon­rad Elser, Kla­vier. Lei­tung. Gary Gra­den. Carus 83.173.

(geschrie­ben für die Neue Chor­zeit, janu­ar 2008)

franz lachner: requiem f‑moll op. 146

Fast das gan­ze 19. Jahr­hun­dert hat er durch­lebt, von der Beet­ho­ven- und Schu­bert-Zeit bis zum Wag­ner-Wahn. Aber nicht nur bio­gra­phisch ist Franz Lach­ner fest in die­sem Zen­ten­ari­um ver­an­kert. Auch sei­ne Musik ist unbe­dingt, mit jeder Faser ihres Wesens, ihm ver­bun­den. Dazu gehört auch die Ver­pflan­zung der Kir­chen­mu­sik in den Kon­zert­saals: Sein Requi­em f‑Moll op. 146 hat er aus­schließ­lich außer­halb des Got­tes­hau­ses auf­ge­führt. Es ist auch unbe­dingt ein sin­fo­ni­sche gedach­tes und grun­dier­tes Werk – zugleich aber auch (noch) eine nach­denk­li­che, lei­se Toten­fei­er. Gera­de die­se Ver­bin­dung macht den Reiz des Requi­ems aus, das jetzt in einer Welt­er­stein­spie­lung mit Chor und Orches­ter der Kam­mer­so­lis­ten Augs­burg unter Her­mann Mey­er vor­liegt.

Die Musi­ker keh­ren aller­dings die sach­li­chen, nüch­ter­nen Aspek­te viel­leicht etwas zu sehr her­vor: Gera­de Abschnit­ten wie dem gran­di­os-mit­rei­ßen­den „Dies irae“ fehlt es doch an Pathos und gro­ßer Ges­te. Dafür gibt es aber reich­lich Ent­schä­di­gung: Die Toten­mes­se hat in die­ser Auf­nah­me viel Dri­ve und schwung­vol­le Fri­sche – jedes biss­chen Schwulst wird mit dem Pathos eben auch radi­kal aus­ge­merzt. Chor und Solis­ten sind alle­samt aus­ge­spro­chen soli­de Musi­ker. Nur scheint die Angst, sich dem Gefühl hin­zu­ge­ben, eben manch­mal über­hand zu neh­men. Denn Lach­ners Requi­em hat unend­lich vie­le wun­der­schö­ne Stel­len, die genau das erfor­dern: Viel Gefühl. Trotz­dem hat auch die­se Auf­nah­me wun­der­ba­re Sei­ten. Etwa das herr­li­che Lacri­mo­sa mit den Figu­ra­tio­nen der Solo-Vio­la: ein ech­tes Schmuck­stück, ein rei­nes Ver­gnü­gen. Oder das weit aus­ho­len­de, himm­li­sche ruhe ver­strö­men­de Sanc­tus. Auch das ist hier, auf die­ser CD, ein­fach herr­lich anzu­hö­ren.

Franz Lach­ner: Requi­em in f‑Moll op. 146. Kam­mer­so­lis­ten Augs­burg, Her­mann Mey­er. Carus 83.178 (CD/​SACD)

(geschrie­ben für die Neue Chor­zeit, Janu­ar 2008)

„musica sacra“ von johann caspar ferdinand fischer

Johann Cas­par Fer­di­nand Fischer ist heu­te wohl – wenn über­haupt – vor allem mit sei­ner „Ari­ad­ne musi­ca“, einer Samm­lung von Orgel­stü­cken durch alle Ton­ar­ten, bekannt. Auch wenn sei­ne Bio­gra­phie (noch) weit­ge­hend im Dun­keln liegt, eines ist doch sicher: Er war ein weit­aus umfas­sen­de­rer und kom­plet­te­rer Kom­po­nist mit einem umfang­rei­chen Oeu­vre quer durch alle Spar­ten und Gat­tun­gen als die ver­kür­zen­de Rezep­ti­on ver­mu­ten lässt. Als Hof­ka­pell­meis­ter der Ras­tat­ter Hof­ka­pel­le über lan­ge Jah­re zu Anfang des 18. Jahr­hun­derts muss­te er das auch sein. Aber vor allem sei­ne geist­li­che Musik ließ er auch schon zu Leb­zei­ten immer wie­der gedruckt ver­öf­fent­li­chen. Eine ganz klei­ne Aus­wahl, soviel wie eben auf eine CD passt, aus ver­schie­de­nen Quel­len und Anläs­sen hat die heu­ti­ge Ras­tat­ter Hof­ka­pel­le (die natür­lich nichts mehr mit dem ehe­ma­li­gen Fürs­ten­or­ches­ter zu tun hat) unter Jür­gen Ochs gemein­sam mit dem SWR und dem Carus-Ver­lag, der sich gera­de um Fischers Wer­ke in eini­gen Neu­aus­ga­ben küm­mert, pro­du­ziert. Durch­weg sehr geschmack­voll ist das gewor­den, unprä­ten­ti­ös gesun­gen und musi­ziert – nur so kann sich der schlich­te Reiz von Fischers Kom­po­si­tio­nen auch wirk­lich ent­fal­ten. Die klei­ne (aber fei­ne) Beset­zung – der voka­le Part wird von einem Dop­pel­quar­tett über­nom­men, die Instru­men­te sind durch­weg nur solis­tisch besetzt – trägt wesent­lich zur Klar­heit die­ser Auf­nah­men bei. Nur die Instru­men­te erhiel­ten von der Auf­nah­me­tech­nik lei­der nicht die nöti­ge Auf­merk­sam­keit.

Die „Mis­sa Sanc­ti Domi­ni­ci“ beweist beson­de­re Güte mit ihren knap­pen, aber sehr cha­rak­te­ris­ti­schen Ein­zel­sät­zen, die die Musi­ker um Jür­gen Ochs mit hör­ba­rem Ver­gnü­gen und Enga­ge­ment leben­dig wer­den las­sen.

Johann Cas­par Fer­di­nand Fischer: Musi­ca sacra. Ras­tat­ter Hof­ka­pel­le. Lei­tung: Jür­gen Ochs. Carus 2007. 83.172.

(geschrie­ben für die Neue Chor­zeit, März 2008)

györgy kurtágs chorwerke

Das hört sich gewal­tig an: Die kom­plet­ten Chor­wer­ke von Györ­gy Kur­tág hat das SWR Vokal­ensem­ble Stutt­gart unter der Lei­tung von Mar­cus Creed auf­ge­nom­men. Aber es ist kaum mehr als hal­be CD dafür nötig. Denn es sind „nur“ drei Zyklen, die Kur­tág fast alle schon Anfang der Acht­zi­ger kom­po­nier­te. Gewal­tig ist die­se CD aber den­noch – in mehr­fa­cher Hin­sicht. Denn Kur­tágs Chor­wer­ke sind fast nie zu hören: Im Kon­zert trau­en sich nur weni­ge Ensem­bles das zu und Auf­nah­men gab es bis­her über­haupt nicht. Und außer­dem ist die­se Musik, das lässt sich nicht anders sagen, unbe­dingt übewäl­ti­gend.
Kur­tág, seit jeher bekannt für sei­ne hoch­ver­dich­te­ten Minia­tu­ren, betreibt mit der Chor­mu­sik eine For­schung im Inne­ren der Töne. Mit her­kömm­li­chen Vor­stel­lun­gen von Chor­klang hat das wenig zu tun – wie Hans-Peter Jahn im Book­let schreibt, sind die­se Zyklen „voka­le Kam­mer­mu­si­ken, Instru­men­tal­mu­sik für Sän­ger“. Und ihre Geheim­nis­se wah­ren die­se Ver­to­nun­gen lan­ge. Dabei ver­zau­bern sie schon beim ers­ten Anhö­ren, las­sen aber in ihrer extre­men Viel­schich­tig­keit, ihrer extre­men Zusam­men­bal­lung und Kon­zen­tra­ti­on doch bei jedem wie­der­hol­ten Hören immer neue Ent­de­ckun­gen und Erkennt­nis­se zu. Das SWR Vokal­ensem­ble singt das trotz der immensen Anfor­de­run­gen mit höchs­ter Präz­si­on: sowohl vokal­tech­nisch als auch emo­tio­nal lässt die­se CD kei­nen Wunsch unbe­frie­digt. Die unheim­li­che Ruhe der auf­ge­fä­cher­ten Klän­ge und genau­so der sel­te­ne Über­schwung der des­halb nur um so hef­ti­ge­ren dra­ma­ti­schen Aus­brü­che – vor allem in den „Lie­dern der Schwer­mut und Trau­er“ op. 18, mit sorg­fäl­ti­ger, zurück­hal­ten­der Unter­stüt­zung der Instru­men­ta­lis­ten des Ensem­ble Modern – ist hier ein­fach unge­heu­er bewe­gen­de Musik, die direkt unter die Haut geht.

Györ­gy Kur­tág: Com­ple­te Cho­ral Works (Omma­gio a Lui­gi Nono, Eight Cho­ru­ses to Poems by Dez­sö Tand­ori, Songs of Des­pair and Sor­row). SWR Vokal­ensem­ble Stutt­gart, Ensem­ble Modern, Lei­tung: Mar­cus Creed. Häns­s­ler Clas­sic 93.174.

erschie­nen in der zeit­schrift des deut­schen chor­ver­ban­des, der „neu­en chor­zeit”, aus­ga­be juli/​august 2007.

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