Reiten, reiten, reiten, durch den Tag, durch die Nacht, durch den Tag. Reiten, reiten, reiten.
—Rainer Maria Rilke, Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke
Glückseligkeit und das Gegenteil
Genau wie die beiden Vorgängeralben nimmt auch das hier mich sofort gefangen. Aber das viel Erstaunlichere: Ich bleibe fasziniert. Gerade auch nach wiederholtem Hören: Die Poesie dieser Musik verliert ihre Kraft und ihre Wirkung für mich bisher überhaupt nicht. Im Gegenteil, das Gefallen steigert sich sogar noch, weil feine Details offenbarer werden, als sie es beim anfänglichen Hören tun: denn Auffallen ist nicht gerade das Ziel aller Musiker dieser Aufnahme. Um Buechi versammeln sich wieder ausgezeichnete Mitstreiter, die mit ihrer Stimme und ihren fein-melancholischen, klaren Linien wunderbar harmonieren. An erster Stelle, wenn man denn überhaupt eine Reihenfolge aufstellen möchte (ich bin mir da nicht so ganz sicher), steht wieder der wunderbare Pianist Stefan Aeby, den ich auch in anderen Zusammenhängen sehr schätze. Auch André Pousaz am Bass und Lionel Friedli am Schlagwerk sind integrale Teile dieses Ganzen, das sich nicht mehr in seine Teile aufsplitten lässt. Das ist es gerade, was mich hier bei jedem Hören wieder einfängt: Nicht nur die grundlegende Stimmung des Albums, sondern die Übereinstimmung, die Einstimmigkeit der vielen Töne und Klänge in den feinsten Nuancen der Stimmungen und Harmonien. Wunderbar, ganz einfach. Einen nicht unerhelichen Anteil daran haben natürlich auch die Kompositionen, die alle (mit Ausnahme eines Volksliedes) von Buechi selbst stammen. Und schließlich auch das Streichtrio, das das bewährte Quartett zumindest zeitweise ergänzt und dem ganzen einen Touch Klassiker-Status verleiht.
Und allein „After we’ve kissed“ wäre das Album schon wert gewesen: langsam sich entwickelnd und entfaltend, aus dem intimen kammermusikalische Anfang bis zur weltumspannenden Größe anwachsend, ohne den Kern aus den Augen und Ohren zu verlieren. Herrlich. Damit kein falscher Eindruck entsteht: Das ist beileibe nicht alles Weltschmerzmusik, die sanft vor sich hindümpelt. „Wheel of Temptation“ zum Beispiel hat durchaus ordentlich Punch. Aber das wird nie zum Selbstzweck, sondern hat in Komposition und Text seinen Grund.
Orientierungslos im Eis
Malamute, benannt nach den offenbar eher rastlosen und unkalkulierbaren Schlittenhunde Alaskas (so benhaupten es zumindest die Liner Notes), ist ein passender Name für dieses Quartett von Jim Black: Sie wirkt etwas hyperaktiv und ziellos, ohne Grund und Boden will sie irgendwie alles auf einmal sein. Da gibt es nettes fitzeliges Gefritzel vor allem vom Sampler & Keyboard (Elias Stemeseder), schöne, weich-sentimentale Saxophon-Linien (Óskar Gudjónsson), einen grundierenden Bass (Chris Tordini) und selbstverständlich kunstvoll-powervolle Drums (Jim Black natürlich).
Aber dann bleibt doch alles wie hinter einem Schleier, unter einer matten Oberfläche verborgen. Ja, Umbrüche und der häufige Wandel machen die kurzen Stücke durchaus interessant – aber es bleibt in meinen Ohren eine oberflächliche Interessantheit, eher ein Interesse am Neuen, ein Spiel mit der Abwechslung. Aber hier höre ich nichts oder zumindest zu wenig, was mich dauerhaft und nachhaltig faszinieren würde. Das ist mir zu geschmeidig und zu wenig gehaltvoll: Die Ideen sprudeln schon ganz schön, aber sie finden nicht so recht zueinander. Deshalb sind die meisten Stücke auch kurze Zwei-/Drei-Minüter: Dann sind die jeweiligen Ideen, Motive, Einfälle halt durch und es passiert nichts mehr. So versanden die schönen Ideen und die immer wieder aufflackernde Energie verpufft einfach ungenutz. Und das ist mir dann doch ein bisschen wenig.
Business as usual in Berlin
Tja. Das ist guter, schöner Post-Bop oder wie auch immer man das nennen mag. Und erstaunlich langweilig fand ich das. Klar, das ist natürlich handwerklich gut gemacht, das läuft wie geschmiert. Nicht nur das Saxophon von Angelika Niescier, auch Bass (Christopher Tordini) und Schlagzeug (Tyshawn Sorey) sind stets aufmerksam und agil dabei. Überhaupt ist das Zusammenspiel sehr dicht udn von gegenseitiger Aufmerksamkeit und Reaktionsfreudigkeit geprägt. Man merkt, dass es ein konzentriertes Konzert war (aufgenommen wurde das beim Jazzfest Berlin 2017). Das war’s dann aber auch schon, irgendwie scheint mir das doch nicht ganz auf der Höhe der Zeit, sondern etwas altbacken. Vielleicht ist mein Geschmack aber auch inzwischen zu einseitig oder zu verdorben. Was soll’s, mein Ding ist das jedenfalls nicht. Zumal auch der Klang der Aufnahme mir etwas dumpf und undifferenziert erschien.
Roter Teppich für Hörgenuss

Das ist nahezu unverschämt cool: Schon die Trompete von Christof Mahnig, die den Roten Teppich von Red Carpet zuerst beschreitet, dann Schlagzeug und Bass auch seeehr laid back: Nur allmählich setzt sich aus den Splittern etwas Größeres und sogar ein Ganzes zusammen. Wenn man Klischee bemühen wollte, dann könnte man sagen: Sehr schweizerisch. Und zwar in der unaufgeregten Selbstständigkeit, die durchaus hier und dort die Grenze zur Eigenbrötlerei überschreitet, die sture Gelassenheit – auch grandios dabei: Gitarrist Laurent Méteau. Dazu noch das verspielte Ausprobieren, das ganz unvorsichtige Tasten, das Aufbrechen „Zu neuen Ufern“ (so heißt der zweite Track tatsächlich, und es ist tatsächlich kein (zumindest nicht nur) Klischee), und schon entfaltet sich großartige Musik. Ich will das Bild jetzt nicht überstrapazieren, aber man könnte sicherlich noch etwas zur Mischung aus großstädtischer Hipness und verwunschenen Talschlüssen, aus hohen Gipfeln und schroffen Abhängen sagen und schreiben. Egal: Red Carpet macht einfach unmittelbar Spaß. Und macht eben nicht nur unmittelbar Spaß, sondern auch dauerhaft, beim wiederholten Hören. Hatte ich so ehrlich gesagt überhaupt nicht erwartet.
Witz und Humor, tiefgründiges Spielen und erfrisches Genießen – und das funktioniert vor allem deshalb so gut, weil das Quartett klanglich so wunderbar harmonisch rüberkommt und alles immer so selbstverständlich klingt: Das muss genau so sein. Und das ist eine Kunst, die ich sehr zu schätzen weiß.
außerdem neben vielem anderem gehört:
- John Zorn: Insurrection. Tzadik 2018. TZ 8359.
- Marker: Wired for Sound. Audiographic Records 2017. AGR-013.
- Destination Rachmaninov: Arrival. Sergej Rachmaninoff: Klavierkonzerte Nr. 1 & 3. Daniil Trifonov, The Philadelphia Orchestra, Yannick Nézet-Séguin. Deutsche Grammophon 2019.
- Asmus Tietchens: Musik aus der Grauzone. 1981.
- Nick Cave & The Bad Seeds: Ghosteen. Ghosteen 2019.
Die Kunst des Lebens bestand doch darin, zwar nach Höherem zu streben, sich aber klugerweise mit dem zu begnügen, was man kriegen konnte
—Brigitte Glaser, Bühlerhöhe, 432
Es ist ja leider beliebt geworden in deutschen Kommunen, Radwege nicht mehr als separate Bauteile von Verkehrswegen anzulegen, sondern einfach etwas Farbe zu nehmen und einen Streifen damit von der Fahrbahn für den motorisierten Verkehr mehr oder weniger dem Radverkehr zuzuweisen. Das funktioniert in der Praxis häufig nicht besonders gut: Autofahrer ignorieren die Markierungen ganz, beim Fahren und auch beim Parken. Oder sie überholen so dicht, dass die eventuelle Schutzwirkung des Streifens wenn nicht tatsächlich verschwindet, so doch zumindest nicht mehr wahrgenommen werden kann. Es gibt aber auch handfeste statistische Auswertungen, die zeigen, dass man so die Sicherheit von Radfahrenden nicht erhöht – sogar im Gegenteil. Die Untersuchung stammt aus den USA.
Dort wurde zwischen 2000 und 2012 für ein dutzend größere Städte der USA der Zusammenhang von Infrastruktur und „Verlusten“ im Radverkehr untersucht. Die Analyse der Verkehrs- und Unfalldaten zeigt sehr deutlich: Bauliche Trennung von Radwegen und motorisiertem Verkehr hilft am besten, Unfälle und Schäden zu reduzieren. Die Zahl der Radfahrenden allein macht nicht den wesentlichen Unterschied, sondern die – richtige! – Infrastruktur für die strukturell benachteiligten Radfahrenden:
researchers found that bike infrastructure, particularly physical barriers that separate bikes from speeding cars as opposed to shared or painted lanes, significantly lowered fatalities in cities that installed them.
Und das sind durchaus beachtliche Wirkungen: Bis zu 50 % weniger Unfälle. Im Gegensatz dazu hilft Farbe überhaupt nicht: „Researchers found that painted bike lanes provided no improvement on road safety.“ Aber wirklich wahrgenommen worden scheint die Studie in Deutschland nicht: Da herrscht immer noch die Idee, Farbe könnte irgendwie helfen – natürlich mit dem Hintergedanken, dass man den armen Autofahrenden ihre Privilegien ja nicht wegnehmen und ihnen ja nicht – noch nicht einmal metaphorisch – wehtun darf (oder eben möchte).
Quelle: Separated Bike Lanes Means Safer Streets, Study Says
Nichts als Hoffnung (aber immerhin)
Ein neues Tindersticks-Album ist ja schon ein Ereignis. Auch das fast mystisch schwebende und leichte No Treasure but Hope fällt in die Kategorie. Dabei ist es fast ungewöhnlich für ein Tinderstick-Album, weil vieles (nicht alles aber) etwas heller und freundlicher ist als auf älteren Veröffentlichungen. Natürlich bleibt Stuart Staples Stuart Staples, aber er klingt hier deutlich weltzugewandter, ja sogar freundlicher und locker(er), nicht mehr so angestrengt, schwer, gequält wie auf früheren Alben. Dabei bleibt die Musik irgendwie schon noch zwischne der Leiderschaft von Nick Cave und der Verzweiflung von Leonard Cohen angesiedelt.
Insgesamt wirkt das auf mich – nach den ersten paar Durchgängen – allerdings etwas flacher: Das ist mir oft zu ausgefeilt, klanglich zu detailverliebt, fast prätentiös. Da fehlt mir dann doch etwas Unmittelbarkeit – und damit genau jene Qualität, die mich an früheren Alben stark in den Bann gezogen hat: Die emotionale Stärke, die Unmittelbarkeit der Gefühle, die die (ältere) Musik immer wieder (und immer noch, das funktioniert auch nach Jahren des wiederholten Hörens noch, ich habe es gerade ausprobiert – und das zeigt die wahre Größe dieser Musik) auszeichnet, das fehlt mir hier. Vielleicht – das ist freilich nur eine Vermutung – sind Tinderstick einfach zu gut geworden. Das ist aber wahrscheinlich Blödsinn, auch die letzten Alben waren ja schon ausgezeichnet produziert.
Hier schlägt aber wohl doch stärker der Kunstwille durch. Und dafür sind die Formate der Popsongs dann aber doch wieder zu konventionell und deshalb zu schwach, das bleibt dann manchmal etwas schrammeling-mittelmäßig. Das heißt nun aber überhaupt nicht, dass No treasure but hope schlecht sei. Auch hier gibt es wunderbare Momente und schöne, erfüllende Lieder. „Trees fall“ zum Beispiel, oder „Carousel“ mit der typischen Tinderstick-Stimmung, der melancholischne Grundierung. Und auch „See my Girls“ hat dann doch wieder sehr dringliche, intensive Momente (und eine schöne Gitarre). Das titelgebende „No treasure but hope“ ist in der sehr reduzierten Konzentration auf Klavier und Gesang durchaus ein kleines kammermusikalisches, intimes Meisterwerk – und einfach schön.
Verspieltes Klavier
Stefan Aebys erste Soloaufnahme (soweit ich sehe zumindest), im letzten Jahr bei Intakt erschienen. Das ist, mehr noch als die Trioaufnahmen, im Ganzen oft sehr verspielt, aber insgesamt vor allem sehr harmonisch: klare Strukturen und klare Tonalitäten bestimmen den Gesamteindruck.
Besonders wird Piano solo aber vor allem durch den Klavierklang, das ist vielleicht, zusammen mit seiner klanglichen Imaginationskraft, Aebys größter Stärke. Denn der ist vielschichtig und feinsinnig, mit großem Nuancenreichtum. Hier kommt nun noch dazu, dass das Klavier von Aeby im Studio – er hat das wohl vollständig alleine aufgenommen – teilweise verfremdet, ergänzt und bearbeitet wurde.
Vieles ist dann auch – wie erwartet – sehr schön. Aber vieles ist auch nicht besonders überwältigend: So richtig umgehaut hat mich eigentlich nichts. Das ist solide, durchaus mit inspierten und inspierenden Momenten, überhaupt keine Frage. Mir scheint es aber insgeseamt einen Ticken zu banal, einen Tick zu flach in der oft ungebrochenen Schönheit, in der Suche nach Harmonie und Wohlklang. Dabei gibt es dann auf Piano solo auch viele Klangeffekte. Die machen das aber manchmal – und teilweise sogar über weitere Strecken – etwas arg künstlich für meinen Geschmack („Dance on a Cloud“ wäre dafür ein Beispiel). „Flingga“ dagegen ist dann aber wieder herausragend: da kann sein runder, weicher, abgestimmter Ton sich voll entfalten.
Die Idee, den Klavierklang nicht alleine zu lassen, ihn aufzupeppen, zu erweitern, zu verfremden, ist ja ganz schön und nett. Aber das Ergebnis oder besser die Ergebnisse überzeugen mich nicht immer vollends. Vor allem scheint mir die klangliche Erweiterung oder Verfremdung nicht immer ausreichend musikalisch begründet und zwingend. Zumindest wurde mir das beim Hören nicht entsprechend klar. Und dann bleibt es halt vor allem eine (technische) Spielerei. Trotz alledem ist Piano solo aber dennoch eine definitiv schöne, überzeugende Aufnahme mit einnehmenden Klangbildern.
Die Winterreise als Gruppenwanderung
Das ist Schuberts Winterreise – und auch wieder nicht. Denn sie ist – teilweise – für Streichquartett transkribiert und mit Intermezzi versehen von Andreas Höricht.
Die Idee scheint ja erst einmal ganz vielversprechend: Die Winterreise – bzw. ihre „wichtigsten“ (das heißt vor allem: die bekanntesten) Lieder – auf die Musik zu reduzieren, zum Kern vorzustoßen, den Text zu sublimieren. Das Ergebnis ist aber nicht mehr ganz so vielversprechend. Die Intermezzi, die zwar viel mit Schubertschen Motiven spielen und versuchen, die Stimmung(en) aufzugreifen, sind insgesamt dann doch eher überflüssig. Und die Lieder selbst: Nun ja, bei mir läuft mental dann doch immer der Text mit. Und es gibt durchaus schöne Momente, wo das Konzept aufzugehen scheint. Im ganzen bleibt mir das aber zu wenig: Da fehlt zu viel. Selbst eher mittelmäßige Interpretationen haben heute ein Niveau, das mehr an Emotion und Eindruck, mehr Inhalt und Struktur vermittelt als es diese Version beim Voyager-Quartett tut. Als bekennender Winterreise-Fan und ‑Sammler darf das bei mir natürlich nicht fehlen. Ich gehe aber stark davon aus, dass ich in Zukunft eher zu einer gesungenen Interpretation greifen werde …
Dreifache Freiheit
Sowohl Kaufmann als auch Gratkowski sind Improvisatoren, deren Arbeit ich immer versuche im Blick zu haben. Sie verkörpern nämlich eine Form der improvisierten Musik oder des freien Jazz (oder wie immer man das genau klassifizieren mag), die verschiedene Aspekte vereint und zusammenbringt: Sie sind Künstler, die viel am und mit dem Klang arbeiten (gerade bei Achim Kaufmann fällt mir das immer wieder auf, wie klangstark er das Klavier zu spielen weiß) und zugleich im freien Improvisieren und Zusanmenspiel Strukturen entstehen lassen können, die das Hören spannend und überraschungsvoll machen. Das gilt auch für ihre Zusammenarbeit mit Wilbert de Joode, die auf Oblengths dokumentiert ist. Aufgenommen wurde ein Aben im Januar 2014 im Kölner Loft, veröffentlicht hat es das immer wieder und immer noch großartige Label Leo Records.
Das beste an dieser Aufnahme ist die Kombination von gleichen oder ähnlicher Musizerweisen der drei Triopartner und der immer wieder überraschenden Vielfalt an konkreten klanglichen Ereignissen, die daraus entstehen. Da ist schon viel Geknarze, Gerumpel, Kratzen und Fiepen. Aber auch viel Wohlklang: Oblengths, das ist eine der großen Stärken dieses Trios, wartet mit einer ungewohnten Bandbreite vom Geräusch bis zum harmonischen Dreiklang und klassisch gebauten Melodien oder Motiven auf. Man merkt beim Hören aber eben auch unmittelbar, dass das hier kein Selbstzweck ist, sondern eingesetzt wird, um Zusammenhänge herzustellen und umfassenderen Ausdruck zu ermöglichen. Dazu passt auch, dass der Klangraum ein wirklich weites Repertoire umfasst und auch im leisen, vereinzelten, sogar im stillen Moment noch sehr ausdifferenziert ist. Ich würde nicht sagen, dass das Trio erzählt – aber irgendwie ergeben sich dann doch so etwas wie Geschichten, Abfolgen von Momenten, die zusammengehören und eine gemeinsame Struktur haben.
Goldige Klänge
Die Jubiläums-Dreifach-CD der King’s Singers mit dem schönen und passenden Titel Gold habe ich schon besprochen: klick. Es ist wirklich eine schöne und umfassende Dokumentation der Kernfähigkeiten der englischen Boy Group, auch nach der jüngsten Besetzungsänderung immer noch mit den alten klanglichen (Gold-)Qualitäten. Es ist ziemlich egal, ob sie Renaissance-Motetten oder raffinierte Arrangements von Pop-Songs singen. Alles, was sie sich vornehmen, machen sie sich unabdingbar zu eigen. Und so klingen dann fünf Jahrhunderte Musik doch ziemlich gleich – wie fünf Jahrzehnte King’s Singers eben.
Liebe für den und im Gesang
Ein Nachbar-Projekt sind die „King’s Men“, die am King’s College studieren (im Gegensatz zu den King’s Singers …). Ihr Album ist tatsächlich ganz liebreizend – es trägt ja auch den Titel Love from King’s. Zu den Liebeslied-Klassikern habe ich auch schon etwas (für die Chorzeit) geschrieben: klick. Hier bringen die „King’s Men“ die Musik und den Stimmenklang immer wieder wirklich zum Funkeln und auch fast zum ekstatischen Tanzen – so wie man sich auch die Liebe wünscht. Wie die „King’s Men“ hier mit eher bescheidenen musikalischen Mitteln einen enormen akustischen und emotionalen Raum und eine geradezu überwältigende klangliche Fülle zaubern, das ist einfach wunderbar.
Wiederentdeckte Monster
Die Musical Monsters sind eigentlich gar keine neue Musik. Aufgenommen wurde das nämlich schon 1980 bein Jazzfestival Willisau. Dessen Chef Niklaus Troxler hat die Bänder gut aufgehoben. Und Intakt konnte sie jetzt, nach umständlicher Rechteabklärung, endlich veröffentlichen. Zu hören ist ein Quintett mit großen Namen: Don Cherry, Irène Schweizer, Pierre Favre, John Tchicai und Léon Francioli, das es so sonst nicht zu hören gibt. Und tatsächlich merkt man das doch recht deutlich, dass hier große Meister*innen am Werk sind, auch wenn sie sonst nicht zusammen spielten. Aber Musical Monsters ist eine ausgelassene, fröhliche, intensive Musik. Selbst wenn das technisch nicht immer perfekt sein mag: Es ist lebendig. Und das ist dann doch irgendwie die Hauptsache.
Eine Rezension in der Süddeutschen Zeitung hat mich auf dieses schöne und spannende Fotobuch aufmerksam gemacht. Die Geschichte der Fotografie ist ja nun nicht gerade ein Gebiet, mit dem ich mich auskenne oder überhaupt irgendwie beschäftigt habe. Trotzdem (oder deshalb) macht das Buch viel Spaß. Dazu trägt auch nicht unerheblich die sehr informative (und selbst schon reich bebilderte) Einführung von Alfred Büllesbach bei, die es schafft, auch Laien der Fotografiegeschichte wie mir die Zusammenhänge, in den Baumann in den 20er und 30er Jahrend (und auch noch nach dem Zweiten Weltkrieg) arbeitete, aufzuzeigen. Dazu gehört nicht nur die wirtschaftliche SItuation freier Fotografen, sondern auch die Verbindung der Fotografie mit den Bergen, die zunehmende, zu dieser Zeit ja gerade in Schwung kommende touristische Erschließung der Alpen (durch den Bau von entsprechender Infrastruktur, durch den Urlaubsanspruch der Angestellten und natürlich auch durch die ökonomischen Möglichkeiten breiterer Bevölkerungsschichten, entsprechende Fahrten und Urlaube zu unternehmen), die als Hintergrund für Baumanns Fotos unabdingbar sind. Auch gefallen hat mir, die Betonung der Relevanz der Bergfilme für die Zeit – nicht nur für das Bild der Berge in der Bevölkerung, sondern auch als wirtschaftliches Standbein für nicht wenige Beteiligte
Die Fotos selbst scheinen mir dann durchaus einen eigenen Blick von Baumann zu verraten (mit dem bereits erwähnten caveat, dass ich da über wenig Hintergrund verfüge): Ganz eigen, vor allem vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Extrem-Vermarktung der Berge als spektakulärster Spielplatz der Welt, ist die stille Ruhe und Gelassenheit der Schönheit der Berge (und auch ihrer Besucher, möchte ich sage, Besteiger oder Bezwinger wäre für die hier abgebildeten Menschen und ihre Haltung wohl der falsche Ausdruck, viel zu entspannt und zurückhaltend-freudige treten sie mir vors Auge).
Gerade im Vergleich zu heutigen bildlichen Darstellung von Bergen und den Menschen auf ihnen sieht das hier zahm aus. Auch, weil das eigentliche Erschließen der und das Bewegen in den Bergen eher ein Randthema bleibt. Und weil es vergleichsweise harmlose Gipfel der Alpen sidn – aber, und das ist eben der Witz, dennoch unvergesslich in Szene gesetzt. Wahrscheinlich spielt auch die Schwarz-Weiß-Fotografie eine Rolle, wohl gerade bei den auftauchenden Personenen, die dadurch eine andere Schärfe und Konturierung zu haben scheinen als in den späteren Farbfotografien (so ist zumindest mein eigener Eindruck …).
Neuhäuser betrachtet Reichtum und damit zusammenhängende Tugenden und Probleme wie Gier, Gerechtigkeit, und Neid – der Titel ist hier tatsächlich sehr genau. Er argumentiert dabei vor allem moralphilosophisch. Ökonomische, politische und/oder soziale Kriterien spielen nur am Rand eine Rolle. Und dennoch ist das natürlich – das bleibt bei dem Thema und auch bei seinem Zugang gar nicht aus – natürlich ein politisches Buch, dass vor allem Superreiche für ihn unter moralischen, philosophischen und gesellschaftlichen (und damit ja auch politischen) Aspekten durchaus kritisch zu betrachen sind. Dabei geht es ihm aber überhaupt nicht um die Personen, sondern um die sich an ihnen manifestierenden Reichtümer – und damit auch die Unterschiede, die Grenzen. Und das hängt eben oft mit Ungerechtigkeiten zusammen. Eines seiner Kernargumente ist, dass Superreichtum – im Gegensatz zu Wohlstand und Reichtum – nicht (mehr) verdient sein kann und damit moralphilosophisch ein Problem ist.
Ein bisschen schade ist, dass Neuhäuser dabei oft nicht sehr in die Tiefe geht: Das ist manchmal etwas plaudernd geraten – was nicht heißt, dass Neuhäuser mit seiner Argumentation falsch läge. Aber manches scheint mir nicht zu ende gedacht/geschrieben, zumindest in diesem Büchlein (es ist ja nun nicht die einzige Auseinandersetzung des Autors mit diesem Thema).
Kuhligk habe ich bisher eher am Rande wahrgenommen: Durchaus offenbar ansprechende Qualitäten im literarischen Schreiben, aber nicht mein dringenster Lektürewunsch. Die Sprache von Gibraltar könnte das ändern. Das ist nämlich ein feines Buch.
Ganz besonders der erste Teil, der titelgebende Zyklus über Gibraltar und die europäische Enklave dort, ist richtig gut. Das ist keine übermäßige Betroffenheitsliteratur, der man die Bemühtheit an jedem Wort anmerkt. Aber es ist ein genaues Hinschauen (was an sich schon durchaus eine lohnenswerte Leistung wäre). Und es ist vor allem die Fähigkeit, aus dem Hinschauen, aus der Absurdität und auch der Grausamkeit der Welt in diesem kleinen Ort eine poetische Sprache zu finden und zu bilden. Damit lässt Kuhligk auch immer wieder die zwei Welten aufeinander prallen und sich nicht nur heftig aneinander reiben, sondern krachend miteinander Verhaken.
Sehr passend scheint mir auch das (sonst bei Kuhligk meines Wissens nicht vorherrschend, sogar sehr selten eingesetzte) Mittel der langen, erschöpfenden, ermüdenden Reihung in diesem Zyklus eingesetzt zu wein – etwa die sehr eindrücklich wirkende und genaue Litanei „wenn man …“.
Und dann gibt es auch noch in den restlichen Abschnitten, in der zweiten Hälfte des Bandes, gute und schöne Gedichte, die etwa sehr gelungen die Trostlosigkeit des Landlebens im „Dorfkrug“ (47) einfangen oder in der Dopplung von „Was wir haben“ (50) und „Was fehlt“ (51) beinahe so etwas wie eine unsentimentale Landschaftslyrik entwickeln.
wenn man das Wort „Kapitalismus“ ausspricht, ist im Mund viel los /wenn man Kohle hochträgt, trägt man Asche runter (35)
Nun ja. Das war eine eher enttäuschende Lektüre. Kaube beobachtet das Bildungssystem im weiteren Sinne schon länger und hat sich auch immer wieder darüber geäußert, durchaus auch jenseits der taesaktuellen Anlässe. Seine kleine Schrift Im Reformhaus habe ich damals durchaus mit Gewinn gelesen. Bei Ist die Schule zu blöd für unsere Kinder? ist das aber leider anders. Der Titel hätte ja schon eine Warnung sein können. Schon die ersten Seiten und die anfänglichen Kapitel zeigen schnell ein Hauptmanko des Buches: viel Gerede, viel schöne Beispiele, aber eher wenig Substanz.
Vor allem hat mich sehr schnell und recht nachhaltig genervt, wie selektiv er liest/wahrnimmt und dann leider auch argumentiert. Das wird zum Beispiel in Bezug auf Bildungsempiriker (für ihn ja fast ein Schimpfwort) sehr deutlich, aber auch in seinen ausgwählten Bezügen auf Bildungsungleichheit und Chancenungleichheit im Bildungsbereich. Das ist ja eines seiner Hauptargumente hier: Dass die Schule nicht dafür da ist, Ungleichheit zu beseitigen, dass sie von Politiker*innen zunehmend dazu „benutzt“ wird, soziale Probleme zu lösen. Ich kann ihm ja durchaus darin (cum grano salis) zustimmen, dass die Schule das kaum leisten kann. Ich bin mir aber nicht so sicher, ob das wirklich ein so bestimmendes Motiv der Bildungspolitik und so sehr ein wirkliches Problem ist. Jedenfalls haben diese Nachlässigkeiten mir es dann ausgesprochen schwer gemacht, die positiven Aspekte wirklich zu würdigen (die aber durchaus vorhanden sind, nur leider eben etwas begraben unter dem einseitigen, schimpfenden Gewetter Kaubes).
außerdem gelesen:
- Lütfiye Güzel: sans trophée. Duisburg, Berlin: go-güzel-publishing 2019.
- Siegfried Völlger: (so viel zeit hat niemand). Gedichte. München: Allitera 2018 (Lyrikedition 2000). 105 Seiten. ISBN 978−3−96233−075−0.
- Philipp Hübl: Bullshit-Resistenz. 2. Auflage. Berlin: Nicolai 2019 (Tugenden für das 21. Jahrhundert). 109 154 Seiten. ISBN 978−3−96476−009−8.
Als Biographie ist das für mich kaum satisfaktionsfähig: Zu blass und verschwommen bleibt das Bild. Der Mensch Bismarck, die Person, tritt nahezu gar nicht auf – ab und an gibt es Hinweise auf seine Gesundheit oder ein paar ganz wenige auf Frau und Kinder. Im Vordergrund oder besser alleine im Fokus steht sein politisches Handeln. Das beschreibt Kolb mit Zuneigung, aber durchaus auch mit Blick für die Ambivalenzen Bismarcks. Aber auch das Zentrum, die Politik, bleibt blut- und farblos. Das liegt vor allem daran, dass Kolb oft sehr großzügig durch die Geschehnisse und Taten durch eilt udn nur die Ergebnisse berichtet, den Weg aber meist nur summarisch (und oft genug mit dem Hinweis: Die Details sind bekannt). Das wiederum hängt damit zusammen, dass er keinen rechten Zugriff findet: Eigentlich ist das eine preußische/deutsche Geschichte am Beispiel Bismarcks. Und beides ist in diesem Umfang natürlich kaum besonders intensiv oder tiefgehend zu leisten.
Manituana reicht leider nicht an die letzten Bände von Wu Ming heran. Das kann durchaus daran liegen, dass der USA, ihre Unabhängigkeitskrieg und der Kampf mit, um und gegen die „Indianer“ schon an sich nicht so ganz mein Ding sind. Da passiert dann zwar wieder viel, es wird gekämpft, betrogen, verraten und verhandelt, eine Delegation darf auch nach England reisen und sich im Luxus (und den Niederungen Londons) des Adelslebens gehörig fremd fühlen. Ich hatte beim Lesen aber schon eigentlich durchweg den Eindruck, dass das an Spannung und vor allem hinsichtlich des bildhaften, detailreichen Erzählens einfach nicht (mehr) so gut ist. Zu sehr dringt hier immer wieder die Absicht an die Oberfläche und stellt sich vor den Text – und damit funktioniert genau das, was bei anderen Texten von Wu Ming die besondere Spannung und den speziellen Reiz ausmacht, hier leider nicht.
Das ist ein überraschend feines, kleines Buch. Jan Peter Bremer hatte ich bisher ja überhaupt nicht auf dem Schirm. Aber in Der junge Doktorand zeigt er sich durchaus als gewiefter Erzähler, der sein Handwerk versteht und vor allem ernst nimmt: Ernst nehmen in dem Sinn, dass er sich bemüht, sauber zu arbeiten, Fehler zu vermeiden. Das zeigt der Text, der mit Gespür und Formbewusstsein erzählt ist. Das kunstvolle Beherrschen des Erzählens zeigt sich auch in dem Umfang des Buches: Das ist ein kleiner Roman. Es geht auch gar nicht so sehr um große, allumfassende Dinge – die Welt wird hier nicht gerade erzählt. Aber auch wenn er sich bescheiden gibt: Bremer gelingt es doch, auf den wenigen Seiten mit genauen Sätzen, treffenden Beschreibungen und Bewusstsein für das richtige Tempo große Themen zu erzählen: Es geht um Ehe, um Gesellschaft und Individuum, und natürlich, vor allem, um Kunst – und auch ein bisschen um nicht-normierte Lebensläufe wie den des jungen Doktoranden, der weder jung noch Doktorand ist. Das klingt in der Zusammenfassung recht trocken und ja, fast banal, entfaltet bei Bremer aber eine treffenden und subtile Komik. Und das macht dann einfach Spaß.
Die Winterbienen haben mich etwas enttäuscht und ratlos zurückgelassen. Ich habe Scheuer ja durchaus als erfahrenen Erzähler und Autor schätzen gelernt. Dieser Roman hat aber mehr Schwächen als er mit seinen eher mäigen Stärken ausgleichen kann. Da ist zum einen die seltsame Tagebuch-Fiktion. Die passt nämlich vorne und hinten nicht: Gut, dass der Tagebuchtext in Fußnoten die lateinischen Zitate übersetzt, das wird noch von der Herausgeberfiktion gedeckt. Dass (als ein Beispiel von vielen) Egidius Arimond (schon der Name macht mich ja beinahe wahnsinnig) als erfahrener Imker aber nach jahrzehntelanger Tätigkeit seinem Tagebuch erklärt, was er warum bei den Bienen, vor allem eben im Winter, macht, ist einfach handwerklicher bzw. erzähltechnischer Unsinn, der einer Lektorin durchaus mal hätte auffallen dürfen. Der Roman an sich ist für mich etwas zwiespältig: Natürlich sehr durchdrungen von völkischer Ideologie, die eben wieder durch die Tagebuch-Fiktion legitimiert wird. Dann ist da noch das Leiden eines Krieges, der auf die Aggressoren zurückgefallen wird, hier aber – in Arimond und den restlichen, schemenhaft auftauchenden Eifelbewohnern – eher als irgendwie gegeben hingenommen wird. Angeblich ist die erzählte Welt geprägt von dem „Wunsch nach einer friedlichen Zukunft“ – davon merkt man im Text aber reichlich wenig. Im ganzen bleibt mir das etwas fragwürdig und vor allem ausgesprochen unbefriedigend: Warum erzählt Scheuer uns das? Und warum versteckt sich der Autor so (beinahe) vollkommen hinter seiner Figur – was will mir das eigentlich sagen?
außerdem gelesen:
- Heimito von Doderer: Unter schwarzen Sternen. Erzählungen. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1973. 154 Seiten. ISBN 3−7642−0055−3.
- Glenn Gould: Freiheit und Musik. Reden und Schriften. 2., durchgesehene und ergänzte Auflage. Ditzingen: Reclam 2019 (Was bedeutet das alles?). 84 Seiten. ISBN 978−3−15−019412−6.
- Algernon Blackwood: Eine Kanufahrt auf der Donau. /Die Weiden. Ulm: danube bookes 2018. 154 Seiten. ISBN 978−3−946046−13−4.
- Sibylle Schwarz: Ist Lieben Lust, wer bringt dann das Beschwer?. Leipzig: Reinecke & Voß 2016. 58 Seiten. ISBN 978−3−942901−21−5.
Hölderlin und die Bibel sind die einzigen Dinge auf der Welt, die sich niemals widersprechen können.
—Gershom Sholem, Tagebuch 1918–1919
Nichts ist so egal wie etwas, das neben Goethe und Schiller steht. Niemand besucht es. —Clemens J. Setz, Bot, 38



