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Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Durch den Tag

Rei­ten, rei­ten, rei­ten, durch den Tag, durch die Nacht, durch den Tag. Rei­ten, rei­ten, reiten.

—Rai­ner Maria Ril­ke, Die Wei­se von Lie­be und Tod des Cor­nets Chris­toph Rilke

Hineingehört #4

Glückseligkeit und das Gegenteil

Sarah Buechi, Contradictions of Happiness (Cover)

Genau wie die bei­den Vor­gän­ger­al­ben nimmt auch das hier mich sofort gefan­gen. Aber das viel Erstaun­li­che­re: Ich blei­be fas­zi­niert. Gera­de auch nach wie­der­hol­tem Hören: Die Poe­sie die­ser Musik ver­liert ihre Kraft und ihre Wir­kung für mich bis­her über­haupt nicht. Im Gegen­teil, das Gefal­len stei­gert sich sogar noch, weil fei­ne Details offen­ba­rer wer­den, als sie es beim anfäng­li­chen Hören tun: denn Auf­fal­len ist nicht gera­de das Ziel aller Musi­ker die­ser Auf­nah­me. Um Bue­chi ver­sam­meln sich wie­der aus­ge­zeich­ne­te Mit­strei­ter, die mit ihrer Stim­me und ihren fein-melan­cho­li­schen, kla­ren Lini­en wun­der­bar har­mo­nie­ren. An ers­ter Stel­le, wenn man denn über­haupt eine Rei­hen­fol­ge auf­stel­len möch­te (ich bin mir da nicht so ganz sicher), steht wie­der der wun­der­ba­re Pia­nist Ste­fan Aeby, den ich auch in ande­ren Zusam­men­hän­gen sehr schät­ze. Auch André Pou­saz am Bass und Lio­nel Fried­li am Schlag­werk sind inte­gra­le Tei­le die­ses Gan­zen, das sich nicht mehr in sei­ne Tei­le auf­split­ten lässt. Das ist es gera­de, was mich hier bei jedem Hören wie­der ein­fängt: Nicht nur die grund­le­gen­de Stim­mung des Albums, son­dern die Über­ein­stim­mung, die Ein­stim­mig­keit der vie­len Töne und Klän­ge in den feins­ten Nuan­cen der Stim­mun­gen und Har­mo­nien. Wun­der­bar, ganz ein­fach. Einen nicht uner­he­li­chen Anteil dar­an haben natür­lich auch die Kom­po­si­tio­nen, die alle (mit Aus­nah­me eines Volks­lie­des) von Bue­chi selbst stam­men. Und schließ­lich auch das Streich­trio, das das bewähr­te Quar­tett zumin­dest zeit­wei­se ergänzt und dem gan­zen einen Touch Klas­si­ker-Sta­tus verleiht.

Und allein „After we’ve kissed“ wäre das Album schon wert gewe­sen: lang­sam sich ent­wi­ckelnd und ent­fal­tend, aus dem inti­men kam­mer­mu­si­ka­li­sche Anfang bis zur welt­um­span­nen­den Grö­ße anwach­send, ohne den Kern aus den Augen und Ohren zu ver­lie­ren. Herr­lich. Damit kein fal­scher Ein­druck ent­steht: Das ist bei­lei­be nicht alles Welt­schmerz­mu­sik, die sanft vor sich hin­düm­pelt. „Wheel of Tempt­a­ti­on“ zum Bei­spiel hat durch­aus ordent­lich Punch. Aber das wird nie zum Selbst­zweck, son­dern hat in Kom­po­si­ti­on und Text sei­nen Grund.

Sarah Bue­chi: Con­tra­dic­tions of Hap­pi­ness. Intakt Records 2019. Intakt CD 299.

Orientierungslos im Eis

Jim Black, Malamute (Cover)

Mala­mu­te, benannt nach den offen­bar eher rast­lo­sen und unkal­ku­lier­ba­ren Schlit­ten­hun­de Alas­kas (so ben­haup­ten es zumin­dest die Liner Notes), ist ein pas­sen­der Name für die­ses Quar­tett von Jim Black: Sie wirkt etwas hyper­ak­tiv und ziel­los, ohne Grund und Boden will sie irgend­wie alles auf ein­mal sein. Da gibt es net­tes fit­ze­li­ges Gefrit­zel vor allem vom Sam­pler & Key­board (Eli­as Ste­me­se­der), schö­ne, weich-sen­ti­men­ta­le Saxo­phon-Lini­en (Óskar Gud­jóns­son), einen grun­die­ren­den Bass (Chris Tor­di­ni) und selbst­ver­ständ­lich kunst­voll-power­vol­le Drums (Jim Black natürlich).

Aber dann bleibt doch alles wie hin­ter einem Schlei­er, unter einer mat­ten Ober­flä­che ver­bor­gen. Ja, Umbrü­che und der häu­fi­ge Wan­del machen die kur­zen Stü­cke durch­aus inter­es­sant – aber es bleibt in mei­nen Ohren eine ober­fläch­li­che Inter­es­sant­heit, eher ein Inter­es­se am Neu­en, ein Spiel mit der Abwechs­lung. Aber hier höre ich nichts oder zumin­dest zu wenig, was mich dau­er­haft und nach­hal­tig fas­zi­nie­ren wür­de. Das ist mir zu geschmei­dig und zu wenig gehalt­voll: Die Ideen spru­deln schon ganz schön, aber sie fin­den nicht so recht zuein­an­der. Des­halb sind die meis­ten Stü­cke auch kur­ze Zwei-/Drei-Minü­ter: Dann sind die jewei­li­gen Ideen, Moti­ve, Ein­fäl­le halt durch und es pas­siert nichts mehr. So ver­san­den die schö­nen Ideen und die immer wie­der auf­fla­ckern­de Ener­gie ver­pufft ein­fach unge­nutz. Und das ist mir dann doch ein biss­chen wenig.

Jim Black: Mala­mu­te. Intakt Records 2017. Intakt CD 283.

Business as usual in Berlin

Angelika Niescier, The Berlin Concert (Cover)

Tja. Das ist guter, schö­ner Post-Bop oder wie auch immer man das nen­nen mag. Und erstaun­lich lang­wei­lig fand ich das. Klar, das ist natür­lich hand­werk­lich gut gemacht, das läuft wie geschmiert. Nicht nur das Saxo­phon von Ange­li­ka Nie­scier, auch Bass (Chris­to­pher Tor­di­ni) und Schlag­zeug (Tyshawn Sorey) sind stets auf­merk­sam und agil dabei. Über­haupt ist das Zusam­men­spiel sehr dicht udn von gegen­sei­ti­ger Auf­merk­sam­keit und Reak­ti­ons­freu­dig­keit geprägt. Man merkt, dass es ein kon­zen­trier­tes Kon­zert war (auf­ge­nom­men wur­de das beim Jazz­fest Ber­lin 2017). Das war’s dann aber auch schon, irgend­wie scheint mir das doch nicht ganz auf der Höhe der Zeit, son­dern etwas alt­ba­cken. Viel­leicht ist mein Geschmack aber auch inzwi­schen zu ein­sei­tig oder zu ver­dor­ben. Was soll’s, mein Ding ist das jeden­falls nicht. Zumal auch der Klang der Auf­nah­me mir etwas dumpf und undif­fe­ren­ziert erschien.

Ange­li­ka Nie­scier, Chris­to­pher Tor­di­ni, Tyshawn Sorey: The Ber­lin Con­cert. Intakt Records 2018. Intakt CD 305.

Roter Teppich für Hörgenuss

Christof Mahnig & Die Abmahnung, Red Carpet (Cover)

Das ist nahe­zu unver­schämt cool: Schon die Trom­pe­te von Chris­tof Mah­nig, die den Roten Tep­pich von Red Car­pet zuerst beschrei­tet, dann Schlag­zeug und Bass auch see­ehr laid back: Nur all­mäh­lich setzt sich aus den Split­tern etwas Grö­ße­res und sogar ein Gan­zes zusam­men. Wenn man Kli­schee bemü­hen woll­te, dann könn­te man sagen: Sehr schwei­ze­risch. Und zwar in der unauf­ge­reg­ten Selbst­stän­dig­keit, die durch­aus hier und dort die Gren­ze zur Eigen­bröt­le­rei über­schrei­tet, die stu­re Gelas­sen­heit – auch gran­di­os dabei: Gitar­rist Lau­rent Méteau. Dazu noch das ver­spiel­te Aus­pro­bie­ren, das ganz unvor­sich­ti­ge Tas­ten, das Auf­bre­chen „Zu neu­en Ufern“ (so heißt der zwei­te Track tat­säch­lich, und es ist tat­säch­lich kein (zumin­dest nicht nur) Kli­schee), und schon ent­fal­tet sich groß­ar­ti­ge Musik. Ich will das Bild jetzt nicht über­stra­pa­zie­ren, aber man könn­te sicher­lich noch etwas zur Mischung aus groß­städ­ti­scher Hip­ness und ver­wun­sche­nen Tal­schlüs­sen, aus hohen Gip­feln und schrof­fen Abhän­gen sagen und schrei­ben. Egal: Red Car­pet macht ein­fach unmit­tel­bar Spaß. Und macht eben nicht nur unmit­tel­bar Spaß, son­dern auch dau­er­haft, beim wie­der­hol­ten Hören. Hat­te ich so ehr­lich gesagt über­haupt nicht erwartet. 

Witz und Humor, tief­grün­di­ges Spie­len und erfri­sches Genie­ßen – und das funk­tio­niert vor allem des­halb so gut, weil das Quar­tett klang­lich so wun­der­bar har­mo­nisch rüber­kommt und alles immer so selbst­ver­ständ­lich klingt: Das muss genau so sein. Und das ist eine Kunst, die ich sehr zu schät­zen weiß. 

Chris­tof Mah­nig & Die Abmah­nung: Red Car­pet. Leo Records 2019. LR 854.

außer­dem neben vie­lem ande­rem gehört:

  • John Zorn: Insur­rec­tion. Tzadik ‎2018. TZ 8359.
  • Mar­ker: Wired for Sound. Audio­gra­phic Records 2017. AGR-013.
  • Desti­na­ti­on Rach­ma­ni­nov: Arri­val. Ser­gej Rach­ma­nin­off: Kla­vier­kon­zer­te Nr. 1 & 3. Daniil Trif­o­nov, The Phil­adel­phia Orches­tra, Yan­nick Nézet-Ségu­in. Deut­sche Gram­mo­phon 2019. 
  • Asmus Tiet­chens: Musik aus der Grau­zo­ne. 1981.
  • Nick Cave & The Bad Seeds: Ghos­teen. Ghos­teen 2019.

Kunst des Lebens

Die Kunst des Lebens bestand doch dar­in, zwar nach Höhe­rem zu stre­ben, sich aber klu­ger­wei­se mit dem zu begnü­gen, was man krie­gen konnte

—Bri­git­te Gla­ser, Büh­ler­hö­he, 432

Farbe ist keine Infrastruktur

Es ist ja lei­der beliebt gewor­den in deut­schen Kom­mu­nen, Rad­we­ge nicht mehr als sepa­ra­te Bau­tei­le von Ver­kehrs­we­gen anzu­le­gen, son­dern ein­fach etwas Far­be zu neh­men und einen Strei­fen damit von der Fahr­bahn für den moto­ri­sier­ten Ver­kehr mehr oder weni­ger dem Rad­ver­kehr zuzu­wei­sen. Das funk­tio­niert in der Pra­xis häu­fig nicht beson­ders gut: Auto­fah­rer igno­rie­ren die Mar­kie­run­gen ganz, beim Fah­ren und auch beim Par­ken. Oder sie über­ho­len so dicht, dass die even­tu­el­le Schutz­wir­kung des Strei­fens wenn nicht tat­säch­lich ver­schwin­det, so doch zumin­dest nicht mehr wahr­ge­nom­men wer­den kann. Es gibt aber auch hand­fes­te sta­tis­ti­sche Aus­wer­tun­gen, die zei­gen, dass man so die Sicher­heit von Rad­fah­ren­den nicht erhöht – sogar im Gegen­teil. Die Unter­su­chung stammt aus den USA. 

Dort wur­de zwi­schen 2000 und 2012 für ein dut­zend grö­ße­re Städ­te der USA der Zusam­men­hang von Infra­struk­tur und „Ver­lus­ten“ im Rad­ver­kehr unter­sucht. Die Ana­ly­se der Ver­kehrs- und Unfall­da­ten zeigt sehr deut­lich: Bau­li­che Tren­nung von Rad­we­gen und moto­ri­sier­tem Ver­kehr hilft am bes­ten, Unfäl­le und Schä­den zu redu­zie­ren. Die Zahl der Rad­fah­ren­den allein macht nicht den wesent­li­chen Unter­schied, son­dern die – rich­ti­ge! – Infra­struk­tur für die struk­tu­rell benach­tei­lig­ten Radfahrenden: 

rese­ar­chers found that bike infra­struc­tu­re, par­ti­cu­lar­ly phy­si­cal bar­riers that sepa­ra­te bikes from spee­ding cars as oppo­sed to shared or pain­ted lanes, signi­fi­cant­ly lowe­red fata­li­ties in cities that instal­led them.

Und das sind durch­aus beacht­li­che Wir­kun­gen: Bis zu 50 % weni­ger Unfäl­le. Im Gegen­satz dazu hilft Far­be über­haupt nicht: „Rese­ar­chers found that pain­ted bike lanes pro­vi­ded no impro­ve­ment on road safe­ty.“ Aber wirk­lich wahr­ge­nom­men wor­den scheint die Stu­die in Deutsch­land nicht: Da herrscht immer noch die Idee, Far­be könn­te irgend­wie hel­fen – natür­lich mit dem Hin­ter­ge­dan­ken, dass man den armen Auto­fah­ren­den ihre Pri­vi­le­gi­en ja nicht weg­neh­men und ihnen ja nicht – noch nicht ein­mal meta­pho­risch – weh­tun darf (oder eben möchte).

Quel­le: Sepa­ra­ted Bike Lanes Means Safer Streets, Stu­dy Says

Hineingehört #3

Nichts als Hoffnung (aber immerhin)

Tindersticks, No Treasure but Hope (Cover)Ein neu­es Tin­der­sticks-Album ist ja schon ein Ereig­nis. Auch das fast mys­tisch schwe­ben­de und leich­te No Tre­asu­re but Hope fällt in die Kate­go­rie. Dabei ist es fast unge­wöhn­lich für ein Tin­der­stick-Album, weil vie­les (nicht alles aber) etwas hel­ler und freund­li­cher ist als auf älte­ren Ver­öf­fent­li­chun­gen. Natür­lich bleibt Stuart Stap­les Stuart Stap­les, aber er klingt hier deut­lich welt­zu­ge­wand­ter, ja sogar freund­li­cher und locker(er), nicht mehr so ange­strengt, schwer, gequält wie auf frü­he­ren Alben. Dabei bleibt die Musik irgend­wie schon noch zwi­sch­ne der Lei­der­schaft von Nick Cave und der Ver­zweif­lung von Leo­nard Cohen angesiedelt. 

Ins­ge­samt wirkt das auf mich – nach den ers­ten paar Durch­gän­gen – aller­dings etwas fla­cher: Das ist mir oft zu aus­ge­feilt, klang­lich zu detail­ver­liebt, fast prä­ten­ti­ös. Da fehlt mir dann doch etwas Unmit­tel­bar­keit – und damit genau jene Qua­li­tät, die mich an frü­he­ren Alben stark in den Bann gezo­gen hat: Die emo­tio­na­le Stär­ke, die Unmit­tel­bar­keit der Gefüh­le, die die (älte­re) Musik immer wie­der (und immer noch, das funk­tio­niert auch nach Jah­ren des wie­der­hol­ten Hörens noch, ich habe es gera­de aus­pro­biert – und das zeigt die wah­re Grö­ße die­ser Musik) aus­zeich­net, das fehlt mir hier. Viel­leicht – das ist frei­lich nur eine Ver­mu­tung – sind Tin­der­stick ein­fach zu gut gewor­den. Das ist aber wahr­schein­lich Blöd­sinn, auch die letz­ten Alben waren ja schon aus­ge­zeich­net produziert. 

Hier schlägt aber wohl doch stär­ker der Kunst­wil­le durch. Und dafür sind die For­ma­te der Pop­songs dann aber doch wie­der zu kon­ven­tio­nell und des­halb zu schwach, das bleibt dann manch­mal etwas schram­mel­ing-mit­tel­mä­ßig. Das heißt nun aber über­haupt nicht, dass No tre­asu­re but hope schlecht sei. Auch hier gibt es wun­der­ba­re Momen­te und schö­ne, erfül­len­de Lie­der. „Trees fall“ zum Bei­spiel, oder „Carou­sel“ mit der typi­schen Tin­der­stick-Stim­mung, der melan­cho­lisch­ne Grun­die­rung. Und auch „See my Girls“ hat dann doch wie­der sehr dring­li­che, inten­si­ve Momen­te (und eine schö­ne Gitar­re). Das titel­ge­ben­de „No tre­asu­re but hope“ ist in der sehr redu­zier­ten Kon­zen­tra­ti­on auf Kla­vier und Gesang durch­aus ein klei­nes kam­mer­mu­si­ka­li­sches, inti­mes Meis­ter­werk – und ein­fach schön.

Tin­der­sticks: No Tre­asu­re but Hope. Lucky Dog/​City Slang 2019. Slang 50236.

Verspieltes Klavier

Stefan Aeby, Piano Solo (Cover)Ste­fan Aebys ers­te Solo­auf­nah­me (soweit ich sehe zumin­dest), im letz­ten Jahr bei Intakt erschie­nen. Das ist, mehr noch als die Trio­auf­nah­men, im Gan­zen oft sehr ver­spielt, aber ins­ge­samt vor allem sehr har­mo­nisch: kla­re Struk­tu­ren und kla­re Tona­li­tä­ten bestim­men den Gesamteindruck. 

Beson­ders wird Pia­no solo aber vor allem durch den Kla­vier­klang, das ist viel­leicht, zusam­men mit sei­ner klang­li­chen Ima­gi­na­ti­ons­kraft, Aebys größ­ter Stär­ke. Denn der ist viel­schich­tig und fein­sin­nig, mit gro­ßem Nuan­cen­reich­tum. Hier kommt nun noch dazu, dass das Kla­vier von Aeby im Stu­dio – er hat das wohl voll­stän­dig allei­ne auf­ge­nom­men – teil­wei­se ver­frem­det, ergänzt und bear­bei­tet wurde. 

Vie­les ist dann auch – wie erwar­tet – sehr schön. Aber vie­les ist auch nicht beson­ders über­wäl­ti­gend: So rich­tig umge­haut hat mich eigent­lich nichts. Das ist soli­de, durch­aus mit inspier­ten und inspie­ren­den Momen­ten, über­haupt kei­ne Fra­ge. Mir scheint es aber ins­ge­se­amt einen Ticken zu banal, einen Tick zu flach in der oft unge­bro­che­nen Schön­heit, in der Suche nach Har­mo­nie und Wohl­klang. Dabei gibt es dann auf Pia­no solo auch vie­le Klang­ef­fek­te. Die machen das aber manch­mal – und teil­wei­se sogar über wei­te­re Stre­cken – etwas arg künst­lich für mei­nen Geschmack („Dance on a Cloud“ wäre dafür ein Bei­spiel). „Fling­ga“ dage­gen ist dann aber wie­der her­aus­ra­gend: da kann sein run­der, wei­cher, abge­stimm­ter Ton sich voll entfalten.

Die Idee, den Kla­vier­klang nicht allei­ne zu las­sen, ihn auf­zu­pep­pen, zu erwei­tern, zu ver­frem­den, ist ja ganz schön und nett. Aber das Ergeb­nis oder bes­ser die Ergeb­nis­se über­zeu­gen mich nicht immer voll­ends. Vor allem scheint mir die klang­li­che Erwei­te­rung oder Ver­frem­dung nicht immer aus­rei­chend musi­ka­lisch begrün­det und zwin­gend. Zumin­dest wur­de mir das beim Hören nicht ent­spre­chend klar. Und dann bleibt es halt vor allem eine (tech­ni­sche) Spie­le­rei. Trotz alle­dem ist Pia­no solo aber den­noch eine defi­ni­tiv schö­ne, über­zeu­gen­de Auf­nah­me mit ein­neh­men­den Klangbildern.

Ste­fan Aeby: Pia­no solo. Intakt Records 2019. Intakt CD 332.

Die Winterreise als Gruppenwanderung

Schubert, Winterreise (Cover)Das ist Schu­berts Win­ter­rei­se – und auch wie­der nicht. Denn sie ist – teil­wei­se – für Streich­quar­tett tran­skri­biert und mit Inter­mez­zi ver­se­hen von Andre­as Höricht.

Die Idee scheint ja erst ein­mal ganz viel­ver­spre­chend: Die Win­ter­rei­se – bzw. ihre „wich­tigs­ten“ (das heißt vor allem: die bekann­tes­ten) Lie­der – auf die Musik zu redu­zie­ren, zum Kern vor­zu­sto­ßen, den Text zu sub­li­mie­ren. Das Ergeb­nis ist aber nicht mehr ganz so viel­ver­spre­chend. Die Inter­mez­zi, die zwar viel mit Schu­bert­schen Moti­ven spie­len und ver­su­chen, die Stimmung(en) auf­zu­grei­fen, sind ins­ge­samt dann doch eher über­flüs­sig. Und die Lie­der selbst: Nun ja, bei mir läuft men­tal dann doch immer der Text mit. Und es gibt durch­aus schö­ne Momen­te, wo das Kon­zept auf­zu­ge­hen scheint. Im gan­zen bleibt mir das aber zu wenig: Da fehlt zu viel. Selbst eher mit­tel­mä­ßi­ge Inter­pre­ta­tio­nen haben heu­te ein Niveau, das mehr an Emo­ti­on und Ein­druck, mehr Inhalt und Struk­tur ver­mit­telt als es die­se Ver­si­on beim Voy­a­ger-Quar­tett tut. Als beken­nen­der Win­ter­rei­se-Fan und ‑Samm­ler darf das bei mir natür­lich nicht feh­len. Ich gehe aber stark davon aus, dass ich in Zukunft eher zu einer gesun­ge­nen Inter­pre­ta­ti­on grei­fen werde …

Franz Schu­bert: Win­ter­rei­se for string quar­tet. Voy­a­ger Quar­tet. Solo Musi­ca 2020. SM 335. 

Dreifache Freiheit

Kaufmann/Gratkowski/de Joode, Oblengths (Cover)Sowohl Kauf­mann als auch Grat­kow­ski sind Impro­vi­sa­to­ren, deren Arbeit ich immer ver­su­che im Blick zu haben. Sie ver­kör­pern näm­lich eine Form der impro­vi­sier­ten Musik oder des frei­en Jazz (oder wie immer man das genau klas­si­fi­zie­ren mag), die ver­schie­de­ne Aspek­te ver­eint und zusam­men­bringt: Sie sind Künst­ler, die viel am und mit dem Klang arbei­ten (gera­de bei Achim Kauf­mann fällt mir das immer wie­der auf, wie klang­stark er das Kla­vier zu spie­len weiß) und zugleich im frei­en Impro­vi­sie­ren und Zusan­men­spiel Struk­tu­ren ent­ste­hen las­sen kön­nen, die das Hören span­nend und über­ra­schungs­voll machen. Das gilt auch für ihre Zusam­men­ar­beit mit Wil­bert de Joo­de, die auf Oblengths doku­men­tiert ist. Auf­ge­nom­men wur­de ein Aben im Janu­ar 2014 im Köl­ner Loft, ver­öf­fent­licht hat es das immer wie­der und immer noch groß­ar­ti­ge Label Leo Records. 

Das bes­te an die­ser Auf­nah­me ist die Kom­bi­na­ti­on von glei­chen oder ähn­li­cher Musi­zer­wei­sen der drei Trio­part­ner und der immer wie­der über­ra­schen­den Viel­falt an kon­kre­ten klang­li­chen Ereig­nis­sen, die dar­aus ent­ste­hen. Da ist schon viel Geknar­ze, Gerum­pel, Krat­zen und Fie­pen. Aber auch viel Wohl­klang: Oblengths, das ist eine der gro­ßen Stär­ken die­ses Tri­os, war­tet mit einer unge­wohn­ten Band­brei­te vom Geräusch bis zum har­mo­ni­schen Drei­klang und klas­sisch gebau­ten Melo­dien oder Moti­ven auf. Man merkt beim Hören aber eben auch unmit­tel­bar, dass das hier kein Selbst­zweck ist, son­dern ein­ge­setzt wird, um Zusam­men­hän­ge her­zu­stel­len und umfas­sen­de­ren Aus­druck zu ermög­li­chen. Dazu passt auch, dass der Klang­raum ein wirk­lich wei­tes Reper­toire umfasst und auch im lei­sen, ver­ein­zel­ten, sogar im stil­len Moment noch sehr aus­dif­fe­ren­ziert ist. Ich wür­de nicht sagen, dass das Trio erzählt – aber irgend­wie erge­ben sich dann doch so etwas wie Geschich­ten, Abfol­gen von Momen­ten, die zusam­men­ge­hö­ren und eine gemein­sa­me Struk­tur haben. 

Achim Kauf­mann, Frank Grat­kow­ski, Wil­bert de Joo­de: Oblengths. Leo Records 2016. CD LR 748. 

Hineingehört #2

Goldige Klänge

the king's singers, gold (cover)Die Jubi­lä­ums-Drei­fach-CD der King’s Sin­gers mit dem schö­nen und pas­sen­den Titel Gold habe ich schon bespro­chen: klick. Es ist wirk­lich eine schö­ne und umfas­sen­de Doku­men­ta­ti­on der Kern­fä­hig­kei­ten der eng­li­schen Boy Group, auch nach der jüngs­ten Beset­zungs­än­de­rung immer noch mit den alten klang­li­chen (Gold-)Qualitäten. Es ist ziem­lich egal, ob sie Renais­sance-Motet­ten oder raf­fi­nier­te Arran­ge­ments von Pop-Songs sin­gen. Alles, was sie sich vor­neh­men, machen sie sich unab­ding­bar zu eigen. Und so klin­gen dann fünf Jahr­hun­der­te Musik doch ziem­lich gleich – wie fünf Jahr­zehn­te King’s Sin­gers eben.

The King’s Sin­gers: Gold. Signum Records 2017. 67:37 + 61:15 + 65:37 Minuten.

Liebe für den und im Gesang

the king's men, love from king's (cover)Ein Nach­bar-Pro­jekt sind die „King’s Men“, die am King’s Col­lege stu­die­ren (im Gegen­satz zu den King’s Sin­gers …). Ihr Album ist tat­säch­lich ganz lieb­rei­zend – es trägt ja auch den Titel Love from King’s. Zu den Lie­bes­lied-Klas­si­kern habe ich auch schon etwas (für die Chor­zeit) geschrie­ben: klick. Hier brin­gen die „King’s Men“ die Musik und den Stim­men­klang immer wie­der wirk­lich zum Fun­keln und auch fast zum eksta­ti­schen Tan­zen – so wie man sich auch die Lie­be wünscht. Wie die „King’s Men“ hier mit eher beschei­de­nen musi­ka­li­schen Mit­teln einen enor­men akus­ti­schen und emo­tio­na­len Raum und eine gera­de­zu über­wäl­ti­gen­de klang­li­che Fül­le zau­bern, das ist ein­fach wunderbar.

The King’s Men: Love from King’s. The Recor­dings of King’s Col­lege Cam­bridge 2018. 47:22 Minuten.

Wiederentdeckte Monster

musical monsters (cover)Die Musi­cal Mons­ters sind eigent­lich gar kei­ne neue Musik. Auf­ge­nom­men wur­de das näm­lich schon 1980 bein Jazz­fes­ti­val Wil­li­s­au. Des­sen Chef Niklaus Trox­ler hat die Bän­der gut auf­ge­ho­ben. Und Intakt konn­te sie jetzt, nach umständ­li­cher Rech­te­ab­klä­rung, end­lich ver­öf­fent­li­chen. Zu hören ist ein Quin­tett mit gro­ßen Namen: Don Cher­ry, Irè­ne Schwei­zer, Pierre Fav­re, John Tchi­cai und Léon Fran­cio­li, das es so sonst nicht zu hören gibt. Und tat­säch­lich merkt man das doch recht deut­lich, dass hier gro­ße Meister*innen am Werk sind, auch wenn sie sonst nicht zusam­men spiel­ten. Aber Musi­cal Mons­ters ist eine aus­ge­las­se­ne, fröh­li­che, inten­si­ve Musik. Selbst wenn das tech­nisch nicht immer per­fekt sein mag: Es ist leben­dig. Und das ist dann doch irgend­wie die Hauptsache.

Don Cher­ry, John Tchi­cai, Irè­ne Schwei­zer, Léon Fran­cio­li, Pierre Fav­re: Musi­cal Mons­ters. Intakt Records CD 269, 2016. 59:28 Minuten.
bücherstapel

Aus-Lese #55

Ernst Bau­man: In die Ber­ge! Alpi­ne Foto­gra­fie der 1920er und 1930er Jah­re. Her­aus­ge­ge­ben von Alfred Bül­les­bach udn Rudolf Schicht. Mün­chen: mori­sel 2019. 125 Sei­ten. ISBN 978−3−943915−37−2.

baumann, in die berge (cover)Eine Rezen­si­on in der Süd­deut­schen Zei­tung hat mich auf die­ses schö­ne und span­nen­de Foto­buch auf­merk­sam gemacht. Die Geschich­te der Foto­gra­fie ist ja nun nicht gera­de ein Gebiet, mit dem ich mich aus­ken­ne oder über­haupt irgend­wie beschäf­tigt habe. Trotz­dem (oder des­halb) macht das Buch viel Spaß. Dazu trägt auch nicht uner­heb­lich die sehr infor­ma­ti­ve (und selbst schon reich bebil­der­te) Ein­füh­rung von Alfred Bül­les­bach bei, die es schafft, auch Lai­en der Foto­gra­fie­ge­schich­te wie mir die Zusam­men­hän­ge, in den Bau­mann in den 20er und 30er Jah­rend (und auch noch nach dem Zwei­ten Welt­krieg) arbei­te­te, auf­zu­zei­gen. Dazu gehört nicht nur die wirt­schaft­li­che SItua­ti­on frei­er Foto­gra­fen, son­dern auch die Ver­bin­dung der Foto­gra­fie mit den Ber­gen, die zuneh­men­de, zu die­ser Zeit ja gera­de in Schwung kom­men­de tou­ris­ti­sche Erschlie­ßung der Alpen (durch den Bau von ent­spre­chen­der Infra­struk­tur, durch den Urlaubs­an­spruch der Ange­stell­ten und natür­lich auch durch die öko­no­mi­schen Mög­lich­kei­ten brei­te­rer Bevöl­ke­rungs­schich­ten, ent­spre­chen­de Fahr­ten und Urlau­be zu unter­neh­men), die als Hin­ter­grund für Bau­manns Fotos unab­ding­bar sind. Auch gefal­len hat mir, die Beto­nung der Rele­vanz der Berg­fil­me für die Zeit – nicht nur für das Bild der Ber­ge in der Bevöl­ke­rung, son­dern auch als wirt­schaft­li­ches Stand­bein für nicht weni­ge Beteiligte

Die Fotos selbst schei­nen mir dann durch­aus einen eige­nen Blick von Bau­mann zu ver­ra­ten (mit dem bereits erwähn­ten caveat, dass ich da über wenig Hin­ter­grund ver­fü­ge): Ganz eigen, vor allem vor dem Hin­ter­grund der gegen­wär­ti­gen Extrem-Ver­mark­tung der Ber­ge als spek­ta­ku­lärs­ter Spiel­platz der Welt, ist die stil­le Ruhe und Gelas­sen­heit der Schön­heit der Ber­ge (und auch ihrer Besu­cher, möch­te ich sage, Bestei­ger oder Bezwin­ger wäre für die hier abge­bil­de­ten Men­schen und ihre Hal­tung wohl der fal­sche Aus­druck, viel zu ent­spannt und zurück­hal­tend-freu­di­ge tre­ten sie mir vors Auge). 

Gera­de im Ver­gleich zu heu­ti­gen bild­li­chen Dar­stel­lung von Ber­gen und den Men­schen auf ihnen sieht das hier zahm aus. Auch, weil das eigent­li­che Erschlie­ßen der und das Bewe­gen in den Ber­gen eher ein Rand­the­ma bleibt. Und weil es ver­gleichs­wei­se harm­lo­se Gip­fel der Alpen sidn – aber, und das ist eben der Witz, den­noch unver­gess­lich in Sze­ne gesetzt. Wahr­schein­lich spielt auch die Schwarz-Weiß-Foto­gra­fie eine Rol­le, wohl gera­de bei den auf­tau­chen­den Per­so­ne­nen, die dadurch eine ande­re Schär­fe und Kon­tu­rie­rung zu haben schei­nen als in den spä­te­ren Farb­fo­to­gra­fien (so ist zumin­dest mein eige­ner Eindruck …).

Chris­ti­an Neu­häu­ser: Wie reich darf man sein? Über Gier, Neid und Gerech­tig­keit. 3. Auf­la­ge. Dit­zin­gen: Reclam 2019 (Was bedeu­tet das alles?). 89 Sei­ten. ISBN 978−3−15−019602−1

Neuhäuser, Wie reich darf man sein? (Cover)Neu­häu­ser betrach­tet Reich­tum und damit zusam­men­hän­gen­de Tugen­den und Pro­ble­me wie Gier, Gerech­tig­keit, und Neid – der Titel ist hier tat­säch­lich sehr genau. Er argu­men­tiert dabei vor allem moral­phi­lo­so­phisch. Öko­no­mi­sche, poli­ti­sche und/​oder sozia­le Kri­te­ri­en spie­len nur am Rand eine Rol­le. Und den­noch ist das natür­lich – das bleibt bei dem The­ma und auch bei sei­nem Zugang gar nicht aus – natür­lich ein poli­ti­sches Buch, dass vor allem Super­rei­che für ihn unter mora­li­schen, phi­lo­so­phi­schen und gesell­schaft­li­chen (und damit ja auch poli­ti­schen) Aspek­ten durch­aus kri­tisch zu betra­chen sind. Dabei geht es ihm aber über­haupt nicht um die Per­so­nen, son­dern um die sich an ihnen mani­fes­tie­ren­den Reich­tü­mer – und damit auch die Unter­schie­de, die Gren­zen. Und das hängt eben oft mit Unge­rech­tig­kei­ten zusam­men. Eines sei­ner Kern­ar­gu­men­te ist, dass Super­reich­tum – im Gegen­satz zu Wohl­stand und Reich­tum – nicht (mehr) ver­dient sein kann und damit moral­phi­lo­so­phisch ein Pro­blem ist. 

Ein biss­chen scha­de ist, dass Neu­häu­ser dabei oft nicht sehr in die Tie­fe geht: Das ist manch­mal etwas plau­dernd gera­ten – was nicht heißt, dass Neu­häu­ser mit sei­ner Argu­men­ta­ti­on falsch läge. Aber man­ches scheint mir nicht zu ende gedacht/​geschrieben, zumin­dest in die­sem Büch­lein (es ist ja nun nicht die ein­zi­ge Aus­ein­an­der­set­zung des Autors mit die­sem Thema).

Björn Kuhl­igk: Die Spra­che von Gibral­tar. Gedich­te. Mün­chen: Han­ser Ber­lin 2016. 85 Sei­ten. ISBN 978−3−446−25291−2.

kuhligk, sprache von gibraltar (cover)Kuhl­igk habe ich bis­her eher am Ran­de wahr­ge­nom­men: Durch­aus offen­bar anspre­chen­de Qua­li­tä­ten im lite­ra­ri­schen Schrei­ben, aber nicht mein drin­gens­ter Lek­tü­re­wunsch. Die Spra­che von Gibral­tar könn­te das ändern. Das ist näm­lich ein fei­nes Buch. 

Ganz beson­ders der ers­te Teil, der titel­ge­ben­de Zyklus über Gibral­tar und die euro­päi­sche Enkla­ve dort, ist rich­tig gut. Das ist kei­ne über­mä­ßi­ge Betrof­fen­heits­li­te­ra­tur, der man die Bemüht­heit an jedem Wort anmerkt. Aber es ist ein genau­es Hin­schau­en (was an sich schon durch­aus eine loh­nens­wer­te Leis­tung wäre). Und es ist vor allem die Fähig­keit, aus dem Hin­schau­en, aus der Absur­di­tät und auch der Grau­sam­keit der Welt in die­sem klei­nen Ort eine poe­ti­sche Spra­che zu fin­den und zu bil­den. Damit lässt Kuhl­igk auch immer wie­der die zwei Wel­ten auf­ein­an­der pral­len und sich nicht nur hef­tig anein­an­der rei­ben, son­dern kra­chend mit­ein­an­der Verhaken. 

Sehr pas­send scheint mir auch das (sonst bei Kuhl­igk mei­nes Wis­sens nicht vor­herr­schend, sogar sehr sel­ten ein­ge­setz­te) Mit­tel der lan­gen, erschöp­fen­den, ermü­den­den Rei­hung in die­sem Zyklus ein­ge­setzt zu wein – etwa die sehr ein­drück­lich wir­ken­de und genaue Lita­nei „wenn man …“. 

Und dann gibt es auch noch in den rest­li­chen Abschnit­ten, in der zwei­ten Hälf­te des Ban­des, gute und schö­ne Gedich­te, die etwa sehr gelun­gen die Trost­lo­sig­keit des Land­le­bens im „Dorf­krug“ (47) ein­fan­gen oder in der Dopp­lung von „Was wir haben“ (50) und „Was fehlt“ (51) bei­na­he so etwas wie eine unsen­ti­men­ta­le Land­schafts­ly­rik entwickeln. 

wenn man das Wort „Kapi­ta­lis­mus“ aus­spricht, ist im Mund viel los /​wenn man Koh­le hoch­trägt, trägt man Asche run­ter (35)

Jür­gen Kau­be: Ist die Schu­le zu blöd für unse­re Kin­der? 2. Auf­la­ge. Ber­lin: Rowohlt Ber­lin 2019. 335 Sei­ten. ISBN 978−3−7371−0053−3.

Kaube, Ist die Schule zu blöd (Cover)Nun ja. Das war eine eher ent­täu­schen­de Lek­tü­re. Kau­be beob­ach­tet das Bil­dungs­sys­tem im wei­te­ren Sin­ne schon län­ger und hat sich auch immer wie­der dar­über geäu­ßert, durch­aus auch jen­seits der taes­ak­tu­el­len Anläs­se. Sei­ne klei­ne Schrift Im Reform­haus habe ich damals durch­aus mit Gewinn gele­sen. Bei Ist die Schu­le zu blöd für unse­re Kin­der? ist das aber lei­der anders. Der Titel hät­te ja schon eine War­nung sein kön­nen. Schon die ers­ten Sei­ten und die anfäng­li­chen Kapi­tel zei­gen schnell ein Haupt­man­ko des Buches: viel Gere­de, viel schö­ne Bei­spie­le, aber eher wenig Substanz. 

Vor allem hat mich sehr schnell und recht nach­hal­tig genervt, wie selek­tiv er liest/​wahrnimmt und dann lei­der auch argu­men­tiert. Das wird zum Bei­spiel in Bezug auf Bil­dungs­em­pi­ri­ker (für ihn ja fast ein Schimpf­wort) sehr deut­lich, aber auch in sei­nen aus­g­wähl­ten Bezü­gen auf Bil­dungs­un­gleich­heit und Chan­cen­un­gleich­heit im Bil­dungs­be­reich. Das ist ja eines sei­ner Haupt­ar­gu­men­te hier: Dass die Schu­le nicht dafür da ist, Ungleich­heit zu besei­ti­gen, dass sie von Politiker*innen zuneh­mend dazu „benutzt“ wird, sozia­le Pro­ble­me zu lösen. Ich kann ihm ja durch­aus dar­in (cum gra­no salis) zustim­men, dass die Schu­le das kaum leis­ten kann. Ich bin mir aber nicht so sicher, ob das wirk­lich ein so bestim­men­des Motiv der Bil­dungs­po­li­tik und so sehr ein wirk­li­ches Pro­blem ist. Jeden­falls haben die­se Nach­läs­sig­kei­ten mir es dann aus­ge­spro­chen schwer gemacht, die posi­ti­ven Aspek­te wirk­lich zu wür­di­gen (die aber durch­aus vor­han­den sind, nur lei­der eben etwas begra­ben unter dem ein­sei­ti­gen, schimp­fen­den Gewet­ter Kau­bes).

außer­dem gelesen:

  • Lüt­fi­ye Güzel: sans tro­phée. Duis­burg, Ber­lin: go-güzel-publi­shing 2019. 
  • Sieg­fried Völl­ger: (so viel zeit hat nie­mand). Gedich­te. Mün­chen: Alli­te­ra 2018 (Lyrik­edi­ti­on 2000). 105 Sei­ten. ISBN 978−3−96233−075−0.
  • Phil­ipp Hübl: Bull­shit-Resis­tenz. 2. Auf­la­ge. Ber­lin: Nico­lai 2019 (Tugen­den für das 21. Jahr­hun­dert). 109 154 Sei­ten. ISBN 978−3−96476−009−8.
Bibliothek (gebogene Reihe)

Aus-Lese #54

Eber­hard Kolb: Otto von Bis­marck. Eine Bio­gra­phie. Mün­chen: Beck 2014. 208 Sei­ten. ISBN 978−3−406−66774−9.

kolb, bismarck (cover)Als Bio­gra­phie ist das für mich kaum satis­fak­ti­ons­fä­hig: Zu blass und ver­schwom­men bleibt das Bild. Der Mensch Bis­marck, die Per­son, tritt nahe­zu gar nicht auf – ab und an gibt es Hin­wei­se auf sei­ne Gesund­heit oder ein paar ganz weni­ge auf Frau und Kin­der. Im Vor­der­grund oder bes­ser allei­ne im Fokus steht sein poli­ti­sches Han­deln. Das beschreibt Kolb mit Zunei­gung, aber durch­aus auch mit Blick für die Ambi­va­len­zen Bis­marcks. Aber auch das Zen­trum, die Poli­tik, bleibt blut- und farb­los. Das liegt vor allem dar­an, dass Kolb oft sehr groß­zü­gig durch die Gescheh­nis­se und Taten durch eilt udn nur die Ergeb­nis­se berich­tet, den Weg aber meist nur sum­ma­risch (und oft genug mit dem Hin­weis: Die Details sind bekannt). Das wie­der­um hängt damit zusam­men, dass er kei­nen rech­ten Zugriff fin­det: Eigent­lich ist das eine preußische/​deutsche Geschich­te am Bei­spiel Bis­marcks. Und bei­des ist in die­sem Umfang natür­lich kaum beson­ders inten­siv oder tief­ge­hend zu leisten. 

Wu Ming: Mani­tua­na. Ber­lin, Ham­burg: Asso­zia­ti­on A 2018. 509 Sei­ten. ISBN 978−3−86241−465−9.

wu ming, manituana (cover)Mani­tua­na reicht lei­der nicht an die letz­ten Bän­de von Wu Ming her­an. Das kann durch­aus dar­an lie­gen, dass der USA, ihre Unab­hän­gig­keits­krieg und der Kampf mit, um und gegen die „India­ner“ schon an sich nicht so ganz mein Ding sind. Da pas­siert dann zwar wie­der viel, es wird gekämpft, betro­gen, ver­ra­ten und ver­han­delt, eine Dele­ga­ti­on darf auch nach Eng­land rei­sen und sich im Luxus (und den Nie­de­run­gen Lon­dons) des Adels­le­bens gehö­rig fremd füh­len. Ich hat­te beim Lesen aber schon eigent­lich durch­weg den Ein­druck, dass das an Span­nung und vor allem hin­sicht­lich des bild­haf­ten, detail­rei­chen Erzäh­lens ein­fach nicht (mehr) so gut ist. Zu sehr dringt hier immer wie­der die Absicht an die Ober­flä­che und stellt sich vor den Text – und damit funk­tio­niert genau das, was bei ande­ren Tex­ten von Wu Ming die beson­de­re Span­nung und den spe­zi­el­len Reiz aus­macht, hier lei­der nicht.

Jan Peter Bre­mer: Der jun­ge Dok­to­rand. 2. Auf­la­ge. Mün­chen: Ber­lin 2019. 176 Sei­ten. ISBN 978−3−8270−1389−7.

bremer, der junge doktorand (cover)Das ist ein über­ra­schend fei­nes, klei­nes Buch. Jan Peter Bre­mer hat­te ich bis­her ja über­haupt nicht auf dem Schirm. Aber in Der jun­ge Dok­to­rand zeigt er sich durch­aus als gewief­ter Erzäh­ler, der sein Hand­werk ver­steht und vor allem ernst nimmt: Ernst neh­men in dem Sinn, dass er sich bemüht, sau­ber zu arbei­ten, Feh­ler zu ver­mei­den. Das zeigt der Text, der mit Gespür und Form­be­wusst­sein erzählt ist. Das kunst­vol­le Beherr­schen des Erzäh­lens zeigt sich auch in dem Umfang des Buches: Das ist ein klei­ner Roman. Es geht auch gar nicht so sehr um gro­ße, all­um­fas­sen­de Din­ge – die Welt wird hier nicht gera­de erzählt. Aber auch wenn er sich beschei­den gibt: Bre­mer gelingt es doch, auf den weni­gen Sei­ten mit genau­en Sät­zen, tref­fen­den Beschrei­bun­gen und Bewusst­sein für das rich­ti­ge Tem­po gro­ße The­men zu erzäh­len: Es geht um Ehe, um Gesell­schaft und Indi­vi­du­um, und natür­lich, vor allem, um Kunst – und auch ein biss­chen um nicht-nor­mier­te Lebens­läu­fe wie den des jun­gen Dok­to­ran­den, der weder jung noch Dok­to­rand ist. Das klingt in der Zusam­men­fas­sung recht tro­cken und ja, fast banal, ent­fal­tet bei Bre­mer aber eine tref­fen­den und sub­ti­le Komik. Und das macht dann ein­fach Spaß.

Nor­bert Scheu­er: Win­ter­bie­nen. 5. Auf­la­ge. Mün­chen: Beck 2019. 319 Sei­ten. ISBN 978−3−406−73964−4.

scheuer, winterbienen (cover)Die Win­ter­bie­nen haben mich etwas ent­täuscht und rat­los zurück­ge­las­sen. Ich habe Scheu­er ja durch­aus als erfah­re­nen Erzäh­ler und Autor schät­zen gelernt. Die­ser Roman hat aber mehr Schwä­chen als er mit sei­nen eher mäi­gen Stär­ken aus­glei­chen kann. Da ist zum einen die selt­sa­me Tage­buch-Fik­ti­on. Die passt näm­lich vor­ne und hin­ten nicht: Gut, dass der Tage­buch­text in Fuß­no­ten die latei­ni­schen Zita­te über­setzt, das wird noch von der Her­aus­ge­ber­fik­ti­on gedeckt. Dass (als ein Bei­spiel von vie­len) Egi­di­us Ari­mond (schon der Name macht mich ja bei­na­he wahn­sin­nig) als erfah­re­ner Imker aber nach jahr­zehn­te­lan­ger Tätig­keit sei­nem Tage­buch erklärt, was er war­um bei den Bie­nen, vor allem eben im Win­ter, macht, ist ein­fach hand­werk­li­cher bzw. erzähl­tech­ni­scher Unsinn, der einer Lek­to­rin durch­aus mal hät­te auf­fal­len dür­fen. Der Roman an sich ist für mich etwas zwie­späl­tig: Natür­lich sehr durch­drun­gen von völ­ki­scher Ideo­lo­gie, die eben wie­der durch die Tage­buch-Fik­ti­on legi­ti­miert wird. Dann ist da noch das Lei­den eines Krie­ges, der auf die Aggres­so­ren zurück­ge­fal­len wird, hier aber – in Ari­mond und den rest­li­chen, sche­men­haft auf­tau­chen­den Eifel­be­woh­nern – eher als irgend­wie gege­ben hin­ge­nom­men wird. Angeb­lich ist die erzähl­te Welt geprägt von dem „Wunsch nach einer fried­li­chen Zukunft“ – davon merkt man im Text aber reich­lich wenig. Im gan­zen bleibt mir das etwas frag­wür­dig und vor allem aus­ge­spro­chen unbe­frie­di­gend: War­um erzählt Scheu­er uns das? Und war­um ver­steckt sich der Autor so (bei­na­he) voll­kom­men hin­ter sei­ner Figur – was will mir das eigent­lich sagen?

außer­dem gelesen:

  • Hei­mi­to von Dode­rer: Unter schwar­zen Ster­nen. Erzäh­lun­gen. Mün­chen: Deut­scher Taschen­buch Ver­lag 1973. 154 Sei­ten. ISBN 3−7642−0055−3.
  • Glenn Gould: Frei­heit und Musik. Reden und Schrif­ten. 2., durch­ge­se­he­ne und ergänz­te Auf­la­ge. Dit­zin­gen: Reclam 2019 (Was bedeu­tet das alles?). 84 Sei­ten. ISBN 978−3−15−019412−6.
  • Alger­non Black­wood: Eine Kanu­fahrt auf der Donau. /​Die Wei­den. Ulm: danu­be boo­kes 2018. 154 Sei­ten. ISBN 978−3−946046−13−4.
  • Sibyl­le Schwarz: Ist Lie­ben Lust, wer bringt dann das Beschwer?. Leip­zig: Rei­ne­cke & Voß 2016. 58 Sei­ten. ISBN 978−3−942901−21−5.

Hölderlin

Höl­der­lin und die Bibel sind die ein­zi­gen Din­ge auf der Welt, die sich nie­mals wider­spre­chen können.

—Gers­hom Sholem, Tage­buch 1918–1919

Goethe und Schiller

Nichts ist so egal wie etwas, das neben Goe­the und Schil­ler steht. Nie­mand besucht es. —Cle­mens J. Setz, Bot, 38

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