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Hineingehört #3

Nichts als Hoffnung (aber immerhin)

Tindersticks, No Treasure but Hope (Cover)

Ein neu­es Tin­der­sticks-Album ist ja schon ein Ereig­nis. Auch das fast mys­tisch schwe­ben­de und leich­te No Tre­a­su­re but Hope fällt in die Kate­go­rie. Dabei ist es fast unge­wöhn­lich für ein Tin­der­stick-Album, weil vie­les (nicht alles aber) etwas hel­ler und freund­li­cher ist als auf älte­ren Ver­öf­fent­li­chun­gen. Natür­lich bleibt Stuart Stap­les Stuart Stap­les, aber er klingt hier deut­lich welt­zu­ge­wand­ter, ja sogar freund­li­cher und locker(er), nicht mehr so ange­strengt, schwer, gequält wie auf frü­he­ren Alben. Dabei bleibt die Musik irgend­wie schon noch zwi­sch­ne der Lei­der­schaft von Nick Cave und der Ver­zweif­lung von Leo­nard Cohen angesiedelt. 

Ins­ge­samt wirkt das auf mich – nach den ers­ten paar Durch­gän­gen – aller­dings etwas fla­cher: Das ist mir oft zu aus­ge­feilt, klang­lich zu detail­ver­liebt, fast prä­ten­ti­ös. Da fehlt mir dann doch etwas Unmit­tel­bar­keit – und damit genau jene Qua­li­tät, die mich an frü­he­ren Alben stark in den Bann gezo­gen hat: Die emo­tio­na­le Stär­ke, die Unmit­tel­bar­keit der Gefüh­le, die die (älte­re) Musik immer wie­der (und immer noch, das funk­tio­niert auch nach Jah­ren des wie­der­hol­ten Hörens noch, ich habe es gera­de aus­pro­biert – und das zeigt die wah­re Grö­ße die­ser Musik) aus­zeich­net, das fehlt mir hier. Viel­leicht – das ist frei­lich nur eine Ver­mu­tung – sind Tin­der­stick ein­fach zu gut gewor­den. Das ist aber wahr­schein­lich Blöd­sinn, auch die letz­ten Alben waren ja schon aus­ge­zeich­net produziert. 

Hier schlägt aber wohl doch stär­ker der Kunst­wil­le durch. Und dafür sind die For­ma­te der Pop­songs dann aber doch wie­der zu kon­ven­tio­nell und des­halb zu schwach, das bleibt dann manch­mal etwas schrammeling-​mittelmäßig. Das heißt nun aber über­haupt nicht, dass No tre­a­su­re but hope schlecht sei. Auch hier gibt es wun­der­ba­re Momen­te und schö­ne, erfül­len­de Lie­der. „Trees fall“ zum Bei­spiel, oder „Carou­sel“ mit der typi­schen Tin­der­stick-Stim­mung, der melan­cho­li­sch­ne Grun­die­rung. Und auch „See my Girls“ hat dann doch wie­der sehr dring­li­che, inten­si­ve Momen­te (und eine schö­ne Gitar­re). Das titel­ge­ben­de „No tre­a­su­re but hope“ ist in der sehr redu­zier­ten Kon­zen­tra­ti­on auf Kla­vier und Gesang durch­aus ein klei­nes kam­mer­mu­si­ka­li­sches, inti­mes Meis­ter­werk – und ein­fach schön.

Tin­der­sticks: No Tre­a­su­re but Hope. Lucky Dog/​City Slang 2019. Slang 50236.

Verspieltes Klavier

Stefan Aeby, Piano Solo (Cover)

Ste­fan Aebys ers­te Solo­auf­nah­me (soweit ich sehe zumin­dest), im letz­ten Jahr bei Intakt erschie­nen. Das ist, mehr noch als die Trio­auf­nah­men, im Gan­zen oft sehr ver­spielt, aber ins­ge­samt vor allem sehr har­mo­nisch: kla­re Struk­tu­ren und kla­re Tona­li­tä­ten bestim­men den Gesamteindruck. 

Beson­ders wird Pia­no solo aber vor allem durch den Kla­vier­klang, das ist viel­leicht, zusam­men mit sei­ner klang­li­chen Ima­gi­na­ti­ons­kraft, Aebys größ­ter Stär­ke. Denn der ist viel­schich­tig und fein­sin­nig, mit gro­ßem Nuan­cen­reich­tum. Hier kommt nun noch dazu, dass das Kla­vier von Aeby im Stu­dio – er hat das wohl voll­stän­dig allei­ne auf­ge­nom­men – teil­wei­se ver­frem­det, ergänzt und bear­bei­tet wurde. 

Vie­les ist dann auch – wie erwar­tet – sehr schön. Aber vie­les ist auch nicht beson­ders über­wäl­ti­gend: So rich­tig umge­haut hat mich eigent­lich nichts. Das ist soli­de, durch­aus mit ins­pier­ten und ins­pie­ren­den Momen­ten, über­haupt kei­ne Fra­ge. Mir scheint es aber ins­ge­se­amt einen Ticken zu banal, einen Tick zu flach in der oft unge­bro­che­nen Schön­heit, in der Suche nach Har­mo­nie und Wohl­klang. Dabei gibt es dann auf Pia­no solo auch vie­le Klang­ef­fek­te. Die machen das aber manch­mal – und teil­wei­se sogar über wei­te­re Stre­cken – etwas arg künst­lich für mei­nen Geschmack („Dance on a Cloud“ wäre dafür ein Bei­spiel). „Fling­ga“ dage­gen ist dann aber wie­der her­aus­ra­gend: da kann sein run­der, wei­cher, abge­stimm­ter Ton sich voll entfalten.

Die Idee, den Kla­vier­klang nicht allei­ne zu las­sen, ihn auf­zu­pep­pen, zu erwei­tern, zu ver­frem­den, ist ja ganz schön und nett. Aber das Ergeb­nis oder bes­ser die Ergeb­nis­se über­zeu­gen mich nicht immer voll­ends. Vor allem scheint mir die klang­li­che Erwei­te­rung oder Ver­frem­dung nicht immer aus­rei­chend musi­ka­lisch begrün­det und zwin­gend. Zumin­dest wur­de mir das beim Hören nicht ent­spre­chend klar. Und dann bleibt es halt vor allem eine (tech­ni­sche) Spie­le­rei. Trotz alle­dem ist Pia­no solo aber den­noch eine defi­ni­tiv schö­ne, über­zeu­gen­de Auf­nah­me mit ein­neh­men­den Klangbildern.

Ste­fan Aeby: Pia­no solo. Intakt Records 2019. Intakt CD 332.

Die Winterreise als Gruppenwanderung

Schubert, Winterreise (Cover)

Das ist Schu­berts Win­ter­rei­se – und auch wie­der nicht. Denn sie ist – teil­wei­se – für Streich­quar­tett tran­skri­biert und mit Inter­mez­zi ver­se­hen von Andre­as Höricht.

Die Idee scheint ja erst ein­mal ganz viel­ver­spre­chend: Die Win­ter­rei­se – bzw. ihre „wich­tigs­ten“ (das heißt vor allem: die bekann­tes­ten) Lie­der – auf die Musik zu redu­zie­ren, zum Kern vor­zu­sto­ßen, den Text zu sub­li­mie­ren. Das Ergeb­nis ist aber nicht mehr ganz so viel­ver­spre­chend. Die Inter­mez­zi, die zwar viel mit Schu­bertschen Moti­ven spie­len und ver­su­chen, die Stimmung(en) auf­zu­grei­fen, sind ins­ge­samt dann doch eher über­flüs­sig. Und die Lie­der selbst: Nun ja, bei mir läuft men­tal dann doch immer der Text mit. Und es gibt durch­aus schö­ne Momen­te, wo das Kon­zept auf­zu­ge­hen scheint. Im gan­zen bleibt mir das aber zu wenig: Da fehlt zu viel. Selbst eher mit­tel­mä­ßi­ge Inter­pre­ta­tio­nen haben heu­te ein Niveau, das mehr an Emo­ti­on und Ein­druck, mehr Inhalt und Struk­tur ver­mit­telt als es die­se Ver­si­on beim Voyager-​Quartett tut. Als beken­nen­der Winterreise-​Fan und ‑Samm­ler darf das bei mir natür­lich nicht feh­len. Ich gehe aber stark davon aus, dass ich in Zukunft eher zu einer gesun­ge­nen Inter­pre­ta­ti­on grei­fen werde …

Franz Schu­bert: Win­ter­rei­se for string quar­tet. Voya­ger Quar­tet. Solo Musi­ca 2020. SM 335. 

Dreifache Freiheit

Kaufmann/Gratkowski/de Joode, Oblengths (Cover)

Sowohl Kauf­mann als auch Grat­kow­ski sind Impro­vi­sa­to­ren, deren Arbeit ich immer ver­su­che im Blick zu haben. Sie ver­kör­pern näm­lich eine Form der impro­vi­sier­ten Musik oder des frei­en Jazz (oder wie immer man das genau klas­si­fi­zie­ren mag), die ver­schie­de­ne Aspek­te ver­eint und zusam­men­bringt: Sie sind Künst­ler, die viel am und mit dem Klang arbei­ten (gera­de bei Achim Kauf­mann fällt mir das immer wie­der auf, wie klang­stark er das Kla­vier zu spie­len weiß) und zugleich im frei­en Impro­vi­sie­ren und Zusan­men­spiel Struk­tu­ren ent­ste­hen las­sen kön­nen, die das Hören span­nend und über­ra­schungs­voll machen. Das gilt auch für ihre Zusam­men­ar­beit mit Wil­bert de Joo­de, die auf Oblengths doku­men­tiert ist. Auf­ge­nom­men wur­de ein Aben im Janu­ar 2014 im Köl­ner Loft, ver­öf­fent­licht hat es das immer wie­der und immer noch groß­ar­ti­ge Label Leo Records. 

Das bes­te an die­ser Auf­nah­me ist die Kom­bi­na­ti­on von glei­chen oder ähn­li­cher Musi­zer­wei­sen der drei Trio­part­ner und der immer wie­der über­ra­schen­den Viel­falt an kon­kre­ten klang­li­chen Ereig­nis­sen, die dar­aus ent­ste­hen. Da ist schon viel Geknar­ze, Gerum­pel, Krat­zen und Fie­pen. Aber auch viel Wohl­klang: Oblengths, das ist eine der gro­ßen Stär­ken die­ses Tri­os, war­tet mit einer unge­wohn­ten Band­brei­te vom Geräusch bis zum har­mo­ni­schen Drei­klang und klas­sisch gebau­ten Melo­dien oder Moti­ven auf. Man merkt beim Hören aber eben auch unmit­tel­bar, dass das hier kein Selbst­zweck ist, son­dern ein­ge­setzt wird, um Zusam­men­hän­ge her­zu­stel­len und umfas­sen­de­ren Aus­druck zu ermög­li­chen. Dazu passt auch, dass der Klang­raum ein wirk­lich wei­tes Reper­toire umfasst und auch im lei­sen, ver­ein­zel­ten, sogar im stil­len Moment noch sehr aus­dif­fe­ren­ziert ist. Ich wür­de nicht sagen, dass das Trio erzählt – aber irgend­wie erge­ben sich dann doch so etwas wie Geschich­ten, Abfol­gen von Momen­ten, die zusam­men­ge­hö­ren und eine gemein­sa­me Struk­tur haben. 

Achim Kauf­mann, Frank Grat­kow­ski, Wil­bert de Joo­de: Oblengths. Leo Records 2016. CD LR 748. 

Veröffentlicht in musik

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