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Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Vergangenheit

The past is fra­gi­le, as fra­gi­le as bones grown britt­le with age, as fra­gi­le as ghosts seen in win­dows or the dreams that fall apart upon waking and lea­ve not­hing behind them but a fee­ling of unea­se or distress or, more rare­ly, a kind of eerie satisfaction.

—Siri Hust­vedt, Memo­ries of the Future, 13

Docere

quod­que parum novit, nemo doce­re potest
[Nie­mand kann leh­ren, was er wenig ver­steht.]Ovid, Tris­tia, 2,348

spinnennetz vor natur

Ins Netz gegangen (10.10.)

Ins Netz gegan­gen am 10.10.:

Aus-Lese #53

Jür­gen Becker: Die fol­gen­den Sei­ten. Jour­nal­ge­schich­ten. Frank­furt am Main: Suhr­kamp 2006. 156 Sei­ten. ISBN 978−3−518−41820−8.

becker, seiten (cover)Schon der Unter­ti­tel zeigt die Ambi­va­lenz des Buches: Ist das ein Jour­nal oder sind es Geschich­ten? Man muss das wohl wirk­lich zusam­men­den­ken: Das ist kein Tage­buch, also schon Fik­ti­on. Aber es simu­liert das täg­li­che Schrei­ben: Der Erzäh­ler nimmt sich ein Notiz­buch mit 200 Sei­ten vor und beschreibt jeden Tag eine Sei­te mehr oder weni­ger voll. Viel­leicht hat Becker das auch so gemacht – aber das ist ja auch egal. Scha­de ist nur, dass der Ver­lag die Idee, die 200 Sei­ten eines Jour­na­le fik­tio­nal zu beschrei­ben (des Erzäh­lers), nicht im rea­len Buch abbil­den woll­te – das wäre doch eine schö­ne Per­for­manz des Tex­tes gewe­sen, der sein Orga­ni­sa­ti­ons­prin­zip ja immer­hin selbst erläu­tert. Dafür sind die Jour­nal­ge­schich­ten aber immer­hin ohne Sei­ten­zah­len gedruckt. 

Man erlebt, seufzt der Mensch, das Wet­ter gar nicht mehr, wie es kommt, wie es ist, wie es geht. Man erlebt nur noch, wie es eine Pro­phe­zei­ung erfüllt. (150)

Der Text ist eine Mischung aus grund­sätz­li­chen Refle­xio­nen, leicht und fast neben­bei, als Zufall und Fund­stü­cke etc prä­sen­tiert, mit den Erin­ne­run­gen und viel­fäl­ti­gen Erin­ne­rungs­an­läs­sen eines alt(ernd)en Man­nes, die immer wie­der vom Ein­bruch der „Rea­li­tät“ der Schreib­ge­gen­wart, zum Bei­spiel den wie­der­holt auf­tau­chen­den „Gäs­ten“, unter­bro­chen wer­den. Vie­les sind „net­te“, freund­li­che, zuge­wand­te Tage­buch­skiz­zen mit viel unter­ge­misch­ter (per­sön­li­cher) „Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung“, auch viel Hit­ler & Co. Das ist dann – nicht nur hin und wie­der – schon etwas sen­ti­men­tal, aber dank der Wort­kunst Beckers noch aus­zu­hal­ten. Den­noch ist mir das ins­ge­samt etwas zu belang­los, das plät­schert zu ziel­los vor sich hin. Die sym­pa­thi­sche kurze/​kleine Form wird für mei­nen Geschmack nicht aus­rei­chend für die poe­ti­sche Ver­dich­tung genutzt, des­halb wirkt vie­les doch etwas blass und bleibt ohne tie­fe­re Wir­kung für mich.

In die­sem Jahr könn­te es soweit sein. Im ver­gan­ge­nen Jahr hät­te es auch soweit sein kön­nen, eben­so im Jahr davor, oder vor zwei, drei, vor zehn Jah­ren schon. Viel­leicht ist es erst im nächs­ten Jahr soweit, oder im über­nächs­ten; dabei müs­sen es nicht ein­mal Jah­re, es kön­nen auch kür­ze­re Fris­ten sein, Wochen, Tage, Stun­den, wer weiß. Ganz sicher ist, irgend­wann ist es soweit, ob plötz­lich, oder ob es sich hin­zieht. (16)

Giu­lia Becker: Das Leben ist eines der Här­tes­ten. Ham­burg: Rowohlt 2019. 224 Sei­ten. ISBN 978−3−498−00689−1.

giulia becker, das leben ist eines der härtesten (cover)
Giu­lia Beckers ers­ter Roman mit dem schö­nen Titel Das Leben ist eines der Här­tes­ten fällt hier wahr­schein­lich etwas aus dem Rah­men. Denn das ist, auch wenn es im Lite­ra­tur­ver­lag Rowohlt erschie­nen ist, kei­ne Kunst, son­dern Unter­hal­tung. Und auch noch recht der­be Unter­hal­tung dazu. Die kur­ze, epi­so­den­haft erzähl­te Geschich­te um eini­ge Ver­lie­rer­ty­pen aus Bor­ken ist aber immer­hin durch­aus komisch oder, um das gleich etwas ein­zu­schrän­ken, hat zumin­dest vie­le komi­sche Momen­te in der Über­trei­bung und Zuspit­zung der Cha­rak­te­re (die eher ziem­lich fla­che Typen sind).
Aber, und das ist halt ein gro­ßes Aber: Lite­ra­risch taugt das nicht, weder for­mal noch sti­lis­tisch trägt das irgend­wie. Ästhe­tisch ist das belang­los (so wie der Inhalt der Geschich­te ja auch eigent­lich eher belang­los bleibt). Das funk­tio­niert als net­te – und recht fla­che – Unter­hal­tung, als eine unkom­pli­zier­te, anspruchs­lo­se Lek­tü­re für zwi­schen­durch, mit dem einen oder ande­ren Lacher. Die Süd­deut­sche hat das in ihrer Rezen­si­on als „Pri­vat­fern­seh­li­te­ra­tur“ bezeich­net (behaup­tet der Per­len­tau­cher) – und das trifft es ziem­lich genau: Mit und vor allem über die ver­murks­ten Leben der ande­ren lachen, sich selbst dabei woh­lig über­heb­lich und sicher füh­len – viel mehr will und kann die­ser Text nicht.

Sin­clair Lewis: Bab­bitt. Über­setzt von Bern­hard Rob­ben. Mit einem Nach­wort von Micha­el Köhl­mei­er. Mün­chen: Manes­se 2017. 784 Sei­ten. ISBN 978−3−641−211476−0.

lewis, babbitt (cover)
Bona­ven­tura hat mich dar­auf gebracht, doch mal wie­der außer­halb des deutsch­spra­chi­gen Bereichs zu lesen. In der Tat war mir Sin­clair Lewis bis­her gera­de so dem Namen nach bekannt, gele­sen hat­te ich noch nichts. Das hat sich nun geän­dert: Bab­bitt ist eine durch­aus ver­gnüg­li­che Lek­tü­re. Von den über 700 Sei­ten soll­te man sich nicht abschre­cken las­sen. Ers­tens sind das Sei­ten im klei­nen Manes­se-Ver­lag, wo die Neu­über­set­zung von Bern­hard Rob­ben (mit eini­gen weni­gen Stel­len, die mir selt­sam schie­nen, ohne sie am Ori­gi­nal geprüft zu haben) 2017 erschie­nen ist. Zwei­tens lässt sich das, zumin­dest in der Über­set­zung, recht flott lesen. Bab­bitt ist, da wür­de ich Micha­el Köhl­mei­ers selt­sa­men Nach­wort doch wider­spre­chen, eine Sati­re. Eine Sati­re auf den ame­ri­ka­ni­schen Mit­tel­stand kurz nach dem Ers­ten Welt­krieg. Der namens­ge­ben­de Titel­held, Geor­ge F. Bab­bitt, ist Immo­bi­li­en­mak­ler und vor allem ein Ange­ber und Schwät­zer vor dem Her­ren. Der Roman bestä­tigt schön mei­ne Vor­ur­tei­le über die ober­fläch­li­che, kapi­ta­lis­ti­sche, patri­ar­cha­li­sche und weit­ge­hend un- bzw. amo­ra­li­sche Gesell­schaft der USA im 20. Jahr­hun­dert (ja, ich weiß, böse Vor­ur­tei­le – und nicht, dass es in Euro­pa bes­ser wäre …). Lewis macht das aber auf eine sehr amü­san­te Wei­se und erzählt Bab­bitt vor allem als einen imper­fek­ten Men­schen, der nach mehr – dem Sinn des Lebens, der Erfül­lung, irgend­was neben dem erwar­te­ten und vor­ge­zeich­ne­ten Leben eines ame­ri­ka­ni­schen Geschäfts­man­nes eben – sucht, ohne selbst zu wis­sen, das er auf der Suche ist und schon gar nicht, wonach ihm eigent­lich dürs­tet und gelüs­tet (jen­seits des Alko­hols natür­lich …). Bab­bitt fängt sehr dicht am Prot­ago­nis­ten an, folgt ihm sozu­sa­gen zunächst auf Schritt und Tritt, in fei­ner Detail­auf­lö­sung. Zuneh­mend löst sich das, die Hand­lung springt, beschleu­nigt und bremst wie­der, was mir doch hin und wie­der den Ein­druck eines for­ma­len Ungleich­ge­wichts erweck­te: Nach der äußerst detail­lier­ten und aus­führ­li­chen Expo­si­ti­on scheint sich die Fabel gera­de im letz­ten Vier­tel immer mehr zu beschleu­ni­gen und weni­ger genau erzählt zu wer­den. Das funk­tio­niert natür­lich trotz­dem, gera­de durch und wegen des hyper­de­tail­lier­ten Beginns. Dabei wird die Gesell­schaft der fik­ti­ven Groß­stadt Zenith, in der Bab­bitt spielt, aber immer deut­li­cher als eine restrik­ti­ve und stra­ti­fi­zier­te erkenn­bar, in der gera­de nichts­nut­zi­ge Schwät­zer wie Bab­bitt durch ihre Ver­bin­dung mit ande­ren ihres­glei­chen (in den Clubs und Ver­ei­ni­gun­gen) die Macht und vor allem das wirt­schaft­li­che Gesche­hen, unge­ach­te­tet ihrer im Roman ziem­lich deut­lich zuta­ge tre­ten­den Inkom­pe­tenz und Amo­ra­li­tät, fest in der Hand haben und behalten.

Danie­la Kri­en: Die Lie­be im Ernst­fall. Frank­furt am Main: Bücher­gil­de Guten­berg 2019. 288 Sei­ten. ISBN 978−3−85420−978−2.

daniela krien, liebe im ernstfall (cover)

Ich weiß ja wie­der ein­mal nicht so recht: Von der Kri­tik recht ein­hel­lig sehr posi­tiv bewer­tet und bespro­chen, fin­de ich das Buch dann doch eher belang­los. Ja, die fünf Lebens­läu­fe der Frau­en, die lose mit­ein­an­der ver­knüpft die­sen Roman bzw. des­sen fünf Abschnit­te bil­den, sind inter­es­sant zu ver­fol­gen (auch gera­de als männ­li­cher Leser wahr­schein­lich). Aber das bleibt im Erzäh­len wie­der so schreck­lich banal und gewöhn­lich. Viel­leicht sind sol­che Bücher, gera­de in ihrer Stil­lo­sig­keit (oder zumin­dest in ihrem neu­tra­len, unauf­fäl­li­gen Stil) not­wen­dig – aber packen oder gar begeis­tern kann mich das nicht. 

Das mag auch dar­an lie­gen, dass mir das arg pes­si­mis­tisch grun­diert zu sein scheint: Ände­run­gen, Ent­wick­lun­gen der Prot­ago­nis­tin­nen zum Bei­spiel, schei­nen hier kaum bis gar nicht mög­lich. Ansät­ze dazu gibt es, die wer­den aber ger­ne und immer wie­der von der Außen­welt, von den ande­ren, von Män­nern und Kin­dern und ande­ren Ver­wand­ten vor allem, ver­nich­tet und zerschmettert. 

Sie weiß mehr als damals, doch was nützt es ihr? (125)

Inter­es­sant übri­gens, das nur am Ran­de, dass alle Frau­en auf­fäl­lig viel Musik – und zwar in ers­ter Linie klas­si­sche Musik – hören. Das wäre wahr­schein­lich einen genaue­ren Blick wert. Beim ers­ten Lesen scheint mir das aber, gera­de im Zusam­men­hang mit den erzähl­ten Lebens­läu­fen und deren Pro­ble­men, nicht beson­ders ergie­big. Auf­ge­fal­len ist es mir vor allem, weil es mir zumin­dest zu einem Teil der Figu­ren nicht so recht zu pas­sen scheint. Aber typisch für Die Lie­be im Ernst­fall ist, dass auch dies – wie nahe­zu alle äuße­re Hand­lung (abseits von der Gefühls­in­nen­welt der Prot­ago­nis­tin­nen) nur Neben­sa­che ist, nur so anbei geschieht. „Sät­ze ohne Span­nung, ohne Klang, ohne Zau­ber“ beschreibt eine der Prot­ago­nis­tin­nen, die als Schrift­stel­le­rin arbei­tet oder zu arbei­ten ver­sucht, wenn die Kin­der ihr Zeit und Ener­gie las­sen, ein­mal ihre Tages­pro­duk­ti­on (125). Und das trifft auch Die Lie­be im Ernst­fall ziem­lich genau.

außer­dem gelesen:

  • Moritz Föll­mer: „Ein Leben wie im Traum“. Kul­tur im Drit­ten Reich. Mün­chen Beck 2016. 288 Sei­ten. ISBN 978−3−406−67905−6.
  • Jan Phil­ipp Reemts­ma: Gewalt als Lebens­form. Zwei Reden. Stutt­gart: Reclam 2016. 64 Sei­ten. ISBN 9783150193822.
  • Heinz Gärt­ner: Der Kal­te Krieg. Bünd­nis­se – Kri­sen – Kon­flik­te. Wies­ba­den: marix 2017. 254 Sei­ten. ISBN 9783737410335.
  • Hans Eisen­trä­ger: Der Mann sei­ner Frau. Novel­le. Hrsg. von Niko­la Roß­bach. Han­no­ver: Wehr­hahn 2018. 68 Sei­ten. ISBN 978−3−86525−641−6.

Epirrhema

Müs­set im Naturbetrachten
Immer eins wie alles achten;
Nichts ist drin­nen, nichts ist draußen:
Denn was innen ist das ist außen.
So ergrei­fet ohne Säumnis
Hei­lig öffent­lich Geheimnis

Freu­et euch des wah­ren Scheins,
Euch des erns­ten Spieles:
Kein Leben­di­ges ist ein Eins,
Immer ist’s ein Vie­les.Johann Wolf­gang von Goe­the, Epir­r­he­ma (aus: Samm­lung von 1827, Abschnitt „Gott und Welt“)

Bücherreihe

Aus-Lese #52

Ich pro­bie­re mal wie­der etwas Neu­es … Da ich mei­ne Mel­dun­gen „Aus-Lese“ mit einer kur­zen sub­jek­ti­ven Skiz­ze der jewei­li­gen Lek­tü­re und mei­nes Ein­dru­ckes dazu ver­se­hen habe, bedeu­tet das einen (zwar klei­nen) gewis­sen Auf­wand, der mich in der letz­ten Zeit weit­ge­hend davon abge­hal­ten hat, die Serie fort­zu­füh­ren. Also gibt es jetzt einen neu­en Ver­such im deut­lich redu­zier­ten Format …

Hei­mi­to von Dode­rer: Unter schwar­zen Ster­nen. Erzäh­lun­gen. Mün­chen: Deut­scher Taschen­buch-Ver­lag 1973. 153 Sei­ten. ISBN 978−3−423−00889−1.

Der schma­le Band mit Erzäh­lun­gen – über­wie­gend aus den 1950er und 1960er Jah­ren – hat es nicht geschafft, mei­ne respekt­vol­le Distanz zu Dode­rer zu ver­rin­gern. Ich erken­ne (und schät­ze) die Kunst­fer­tig­keit und das Stil­be­wusst­sein des Autors, aber davon abge­se­hen blei­ben mir die Tex­te (das ging mir mit sei­nen Roma­nen ähn­lich) eher fremd.

Wolf­gang Schul­ler: Cice­ro. Dit­zin­gen: Reclam 2018 (Reclam 100 Sei­ten). 101 Sei­ten. ISBN 978−3−15−020435−1.

Eine net­te kur­ze Fei­er­abend­lek­tü­re, die den Men­schen Mar­cus Tul­li­us Cice­ro flott, unter­halt­sam, auch poin­tiert por­trä­tiert. Dabei klingt das gro­ße (selbst­ver­ständ­li­che) Fach­wis­sen der römi­schen Geschich­te immer mit. Mir fehlt aller­dings etwas die genaue­re und aus­führ­li­che­re Beschäf­ti­gung mit den Inhal­ten von Cice­ros Wer­ken. Der Band bleibt (absicht­lich) weit­ge­hend (nicht nur, aber doch über­wie­gend) am Äuße­ren von Cice­ros Leben. – Natür­lich wäre das auch viel ver­langt, bei­des auf 100 Sei­ten zufrie­den­stel­lend zu erle­di­gen, das ist mir durch­aus bewusst. Für mei­nen Geschmack hät­te eine zumin­dest teil­wei­se Ver­schie­bung des Fokus aber den­noch gut getan. 

Ger­hard Pop­pen­berg: Herbst der Theo­rie. Erin­ne­run­gen an die alte Gelehr­ten­re­pu­blik Deutsch­land. Ber­lin: Matthes & Seitz 2018 (Fröh­li­che Wis­sen­schaft 111). 239 Sei­ten. ISBN 978−3−95757−386−5.

Ein fas­zi­nie­ren­der Text. Ich könn­te aber nur schwer genau sagen, was das eigent­lich ist – und wor­auf der Text hin­aus will. Auf der Suche nach so etwas wie einer geis­ti­gen Signa­tur der BRD liest Pop­pen­berg Autoren und ihre Rück­bli­cke auf die letz­ten Jahr­zehn­te. So kom­men Phil­ipp Felsch, Frank Wit­zel, Ulrich Raulff und Fried­rich Kitt­ler gemein­sam in den Blick, wer­den genau (!) gele­sen und mit durch­aus sujek­ti­ve gefärb­ten Dar­stel­lun­gen und Erin­ne­run­gen kom­bi­niert. Das klingt jetzt viel selt­sa­mer als es im Text ist. Der ist näm­lich durch­aus fas­zi­nie­rend und gelehrt – eine über­aus anre­gen­de Mischung und auch eine anre­gen­de Lektüre.

Valen­tin Sen­ger: Kai­ser­hof­stra­ße 12. 4. Auf­la­ge der Neu­aus­ga­be. Frank­furt am Main: Schöff­ling 2012. 316 Sei­ten. ISBN 978−3−89561−485−9.

senger, kaiserhofstraße 12 (cover)Roman oder auto­bio­gra­phi­sche Erzäh­lung – eigent­lich ist das ja egal. Was es auf jeden Fall ist: Eine – ange­sichts des Sujets – erstaun­lich leich­te und leicht­fü­ßi­ge Erzäh­lung der jüdi­schen Fami­lie Sen­ger vor und wäh­rend des Natio­nal­so­zia­lis­mus. Das ein­zig­ar­ti­ge dar­an ist, das merkt der Erzäh­ler auch selbst, wie wun­der­voll das gelingt: Ein Wun­der ist das Über­le­ben, ein Wun­der ohne Stau­nen. Natür­lich gibt es, ganz klas­sisch, Schwie­rig­kei­ten zu über­win­den. Aber um Ende siegt doch die Leich­tig­keit, das Leben, die fast unver­schäm­te Unver­nunft und Unbe­sorgt­heit des Erzäh­lers und sei­ner Fami­lie. Das gan­ze ist sehr direkt, unmit­tel­bar erzählt – ein Text, dem man sich kaum ent­zie­hen kann (und es ja eigent­lich auch nicht möch­te). Die meis­ten­teils knap­pen Kapi­tel, fast Erin­ne­rungs­bruch­stü­cke (vor allem im ers­ten Teil, der frü­hen Kind­heit des Erzäh­lers) machen dne Text auch gut zugäng­lich und kon­su­mier­bar – sicher­lich auch ein Fak­tor, der zum Erfolg des Buches, das seit 1978 in meh­re­ren Auf­la­gen und Aus­ga­ben (und Ver­la­gen) erschie­nen ist.

Nor­bert Frei/​Christian Morina/​Franka Maubach/​Maik Tänd­ler: Zur rech­ten Zeit. Wider die Rück­kehr des Natio­na­lis­mus. Ber­lin: Ull­stein 2019. 224 Sei­ten. ISBN 978−3−550−20015−1.

frei et al., zur rechten zeit (cover)Der Titel kün­digt eigent­lich eher eine Streit­schrift an: „Wider die Rück­kehr des Natio­na­lis­mus“. Das kann der Band aber kaum ein­lö­sen. Was er aber kann, und das durch­aus recht gut und über­zeu­gend: Hin­ter­grün­de für Ent­wick­lun­gen geben. Die Autor*innen bie­ten näm­lich eine Rück­schau auf die deut­sche Geschich­te seit 1945, in West und Ost, mit dem Fokus auf die diver­sen rech­ten, natio­na­lis­ti­schen Strö­mun­gen, Dis­kus­sio­nen und Par­tei­en, von der Ent­na­zi­fi­zie­rung bis in die unge­fäh­re Gegen­wart. Das ist als Ein­ord­nung und Argu­men­ta­ti­ons­hil­fe gut gemacht und gut zu nut­zen. Die gesamt­deut­sche Per­spek­ti­ve ist dabei durch­aus hilf­reich – unsi­cher bin ich aller­dings, ob Bücher wie die­se ihr Ziel wirk­lich errei­chen können …

geknüpftes netz (knoten)

Ins Netz gegangen (9.5.)

Ins Netz gegan­gen am 9.5.:

wirkkraft der dichtung

immer stär­ke­re leser­ge­hir­ne bedro­hen die wirk­kraft der dich­tung.—Ulf Stol­ter­foht, fach­spra­chen XXIV, dog­ma für dich­tung, 2005

Da Capo – Effektvolle Zugaben für Chöre

carsten gerlitz, da capo
Zuga­ben­stü­cke sind offen­bar gefähr­lich: Wenn der Ton­set­zer selbst schon vor ihrem über­mä­ßi­gem Genuss warnt, dann soll­te man wohl wirk­lich mit Vor­sicht genie­ßen. Dabei gibt es kaum einen Grund, den Band „Da Capo!“ von Cars­ten Ger­litz mit spit­zen Fin­gern anzu­fas­sen. Im Gegen­teil, man soll­te den unbe­dingt auf­schla­gen und (ein)studieren. Auch wenn der Titel nicht so ganz passt. Denn nicht die Wie­der­ho­lung ist das Ziel von Ger­litz, son­dern neu­es Mate­ri­al für die Zuga­be bei Chor­kon­zer­ten zu lie­fern. Ech­te „Knal­ler“ sol­len es also sein, pep­pi­ge Arran­ge­ments ver­spricht der Unter­ti­tel. Und das fin­det man in den sechs Sät­zen von über­schau­ba­rer Schwie­rig­keit dann durch­aus – wenn auch nicht in jedem einzelnen.

Denn einen Schluss­punkt für ein Kon­zert set­zen sie alle auf ganz ver­schie­de­ne Wei­se: „Auf uns“ als groovig-​poppige Soul­bal­la­de, die Ger­litz‘ Fähig­keit als Arran­geur effekt­vol­ler Chor­mu­sik beson­ders deut­lich zeigt, „Das Publi­kum war heu­te wie­der wun­der­voll“ als schnell ein­stu­dier­te und schnell gesun­ge­ne, unkom­pli­zier­te Minia­tur, die schon als Abspann­mu­sik bei Bugs Bun­ny gut funk­tio­niert hat. Es geht aber auch roman­ti­scher, mit dem von Brahms ent­lehn­ten „Guten Abend, gute Nacht“, dem sanft und sehr fein aus­ge­ar­bei­te­ten „Der Mond ist auf­ge­gan­gen“ oder auch mit dem Abschieds­lied der Come­di­an Har­mo­nists, „Auf Wie­der­sehn, my Dear“, das Ger­litz sehr nah an deren Klang und Arran­ge­ment setzt. Und damit auch wirk­lich jeder gemisch­ter Chor hier etwas fin­det, gibt es noch eine unkom­pli­ziert swin­gen­de, ja, fast harm­lo­se „Sen­ti­men­tal Jour­ney“ dazu. Und wenn man den schma­len Band so durch­blät­tert, trifft die War­nung des Vor­worts viel­leicht doch zu: Zu viel Feu­er­werk ermü­det. Dafür rei­chen die­se sechs Sät­ze aber nicht aus – schon allein des­halb nicht, weil sie so ganz und gar unter­schied­lich sind.

carsten gerlitz, in my life (beatles)
Und wer noch nicht weiß, wie er sein Publi­kum dazu bringt, Zuga­ben zu for­dern, kann sich zwei­er ande­rer kürz­lich erschie­ner Arran­ge­ments von Cars­ten Ger­litz bedie­nen – die sind jetzt aber nicht mehr für jeden Chor und jeden Geschmack geeig­net. Denn mit ABBAs „Dancing Queen“ und „In My Life“ von den Beat­les legt der ver­sier­te Arran­geur zwei Sät­ze vor, die sehr genau und gut in die neue Rei­he Pop-​Choir-​Classics passen.Nah am Ori­gi­nal emp­feh­len sie sich vor allem für im Pop schon ver­trau­te und geüb­te Chö­re – bei­de set­zen auch ein fünf­stim­mi­ges, rhyth­misch siche­res Ensem­ble vor­aus. Mit weni­gen, oft nur punk­tu­el­len Ände­run­gen, geschick­ter Stimm­ver­tei­lung und dra­ma­tur­gi­schem Gespür wird aus blo­ßen a-​cappella-​Coverversionen bei Ger­litz ein Hit fürs nächs­te Kon­zert. Dabei arbei­tet er sehr öko­no­misch mit Ein­fäl­len: Sei­ne Arran­ge­ments sprü­hen nicht vor Ideen, sind aber stets wir­kungs­voll gear­bei­tet. Nicht zuletzt liegt das auch an den Ori­gi­na­len: Das sind eben ech­te Klas­si­ker, die Kraft und Inspi­ra­ti­on genug haben – die Rei­he trägt den Titel „Pop-​Choir-​Classics“ schließ­lich nicht umsonst.

Cars­ten Ger­litz: Da Capo! Zuga­be­stü­cke in pep­pi­gen Arran­ge­ments für gemisch­ten Chor. Mainz: Schott 2015 (ED 20577).
Cars­ten Ger­litz: Beat­les, In My Life. (Pop-​Choir-​Classics) Ber­lin: Bos­worth 2015 (BOE7741).
Cars­ten Ger­litz: ABBA, Dancing Queen. (Pop-​Choir-​Classics) Ber­lin: Bos­worth 2015 (BOE7742).

(Zuerst erschie­nen in „Chor­zeit – Das Vokalmagazin“)

Ins Netz gegangen (6.4.)

Ins Netz gegan­gen am 6.4.:

  • Do We Wri­te Dif­fer­ent­ly on a Screen? | The New Yor­ker → tim parks eher pes­si­mis­ti­sche sicht auf die gewan­del­te art und wei­se des schrei­bens und sei­ner begleit­um­stän­de durch die tech­no­lo­gi­sche ent­wick­lung der letz­ten jahrzehnte

    Just as you once lear­ned not to drink ever­y­thing in the hotel mini­bar, not to eat too much at free buf­fets, now you have to cut down on com­mu­ni­ca­ti­on. You have lear­ned how com­pul­si­ve you are, how fra­gi­le your iden­ti­ty, how important it is to cul­ti­va­te a litt­le distance. And your only hope is that others have lear­ned the same les­son. Other­wi­se, your pro­fes­si­on, as least as you thought of it, is finished.

  • Das Spiel mit der Exzel­lenz | For­schung & Leh­re → micha­el hart­mann mit einer zurück­hal­ten­den, aber nicht über­schwäng­lich posi­ti­ven ein­schät­zung der exzel­lenz­stra­te­gie für die deut­schen universitäten

    Die Éli­te hat gewon­nen, die Mas­se verloren.

  • Peter Brötz­mann inter­view | It’s psy­che­de­lic Baby Maga­zi­ne → sehr schö­nes, offe­nes und ehr­li­ches inter­view mit peter brötz­mann, in dem er vor allem über sei­ne frü­hen jah­re – also die 1960er – spricht
  • Pro­vo­zie­ren und War­ten | Van → sehr schö­nes, ange­nehm freund­li­ches inter­view mit dem gro­ßen fre­de­ric rzewski:

    Ich habe nichts Ori­gi­nel­les kom­po­niert. Alles, was ich gemacht habe, ist von ande­ren zu klau­en. Aber auch Mozart hat links und rechts geklaut und Bach natür­lich genau­so. Du nimmst etwas, machst es auf dei­ne Art. 

  • Ganz­jäh­ri­ge Som­mer­zeit wäre der „Cloxit“ | Riff­re­por­ter → trotz der grenz­wer­tig blö­den Über­schrift ein inter­es­san­ter text über die aus­wir­kun­gen einer mög­li­chen ganz­jäh­ri­gen som­mer­zeit in deutschland

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