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Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Ins Netz gegangen (15.6.)

Ins Netz gegan­gen am 15.6.:

  • Uni­ver­si­tät Mainz: Wir­bel um Habi­li­ta­ti­on eines Theo­lo­gen – FAZ
  • Lyrik: Dich­ter, traut euch ins Zen­trum! | ZEIT ONLINE – so ganz ver­ste­he ich nora bossongs posi­ti­on hier nicht, mir ist da zu viel sic et non drin … irgend­wie geht es also dar­um, dass lyrik sich mit ihrer außen­sei­ter­rol­le nicht all­zu­sehr zufrie­den geben soll­te, aber auch nicht all­zu­sehr auf poli­ti­sche, ästhe­ti­scher oder wie auch immer mas­sen­wir­kung um jeden preis abzie­len soll …

    Denn sosehr die Mar­gi­na­li­sie­rung von Lyrik zu miss­bil­li­gen ist, so genießt Lite­ra­tur jen­seits von Ver­kaufs­druck immer auch den Vor­teil grö­ße­rer ästhe­ti­scher Freiheit.
    […] Denn wie soll sprach­lich auf „extrem poli­ti­sche Zei­ten“ reagiert wer­den, wenn beim Rezi­pi­en­ten der Umgang mit Spra­che durch Beschleu­ni­gung, Infor­ma­ti­ons­flut und Auf­merk­sam­keits­hei­sche­rei kon­ti­nu­ier­lich ver­flacht? Dass sich Lyrik, ob kon­ven­tio­nell oder expe­ri­men­tell, die­ser Ent­sen­si­bi­li­sie­rung wider­setzt, zeigt auch ihre poli­ti­sche Dimen­si­on. Nur wie weit ist es her mit dem kri­ti­schen Poten­zi­al von Spra­chir­ri­ta­ti­on, wenn sie kaum jeman­den mehr erreicht? Was ist eine Avant­gar­de, die zwar noch als ästhe­ti­sche Vor­hut neu­es Ter­rain erkun­det, doch kei­ne Trup­pe mehr hin­ter sich hat? 

  • Geschich­te im Fern­se­hen: Histo­ry sells – Medi­en – Süddeutsche.de – ger­hard mat­zig und karo­li­ne bei­sel neh­men den trend zum his­to­ri­en-tv („rück­wärts­fern­se­hen“ nen­nen sie es) zum anlass einer klei­nen, bit­te­ren gesellschaftsdiagnose:

    Den­noch ist es bit­ter, dass genau dann, wenn die Pro­ble­me der Gegen­wart am größ­ten sind, wenn die Flieh­kräf­te der Glo­ba­li­sie­rung wir­ken und wir als Erben des fos­si­len Wahn­sinns vor einem Abgrund ste­hen, wenn Elend, Hun­ger, Krieg und Not auf der hal­ben Welt regie­ren, dass wir genau dann, wenn wir nach vor­ne schau­en müss­ten, um Lösun­gen zu fin­den, die lei­der nicht im Bie­der­mei­er­rah­men des Kup­fer­stich­ka­bi­netts ruhen, uns so sehr mit dem stän­di­gen Zurück­schau­en auf­hal­ten. Fern­be­die­nungs­be­quem. Und über­haupt der Welt und der Gegen­wart recht fern.

    dass sie aller­dings etwas sinn­frei von „kon­tra­fak­ti­scher Geschichts­theo­rie“ spre­chen, lässt mich sehr an ihrer bil­dung und befä­hi­gung zur gesell­schafts­dia­gno­se zweifeln ;-)

  • Auf der Suche nach ver­ges­se­nen Lite­ra­tur­klas­si­kern – katha­ri­na teutsch berich­tet über das eu-pro­jekt „schwob“, das ver­sucht (wenn ich das rich­tig ver­ste­he …), ver­ges­se­ne oder unbe­kann­te wich­ti­ge wer­ke der natio­nal­li­te­ra­tu­ren (wie­der) ins bewusst­sein zu rufen. teutsch spricht dum­mer­wei­se von „klas­si­kern“, ohne offen­bar zu wis­sen, was das ist – denn eigent­lich sind schon „ver­ges­se­ne Klas­si­ker“ schwie­rig (wenn sie ver­ges­sen sind, sind die ent­spre­chen­den tex­te ja wohl gera­de kei­ne klas­si­ker – zumin­dest nicht mehr, sie waren es höchs­tens mal), die rede von „gänz­lich unentdeckte[n] Klassiker[n]“ ist aber nicht mehr nur alber, son­dern ein­fach abso­lut unsinnig …
  • CD-Cover-Kri­tik: Hel­mut Lachen­manns Gefüh­le | Auf dem Sperr­sitz – wenn musik­kri­ti­ker sich lang­wei­len oder ihnen vom dau­er­hö­ren die ohren blu­ten, wen­den sie sich den covern zu …
  • Lite­ra­ri­sches Quar­tett: „Die Leu­te krie­gen jetzt erst mal mich“ | ZEIT ONLINE – iris radisch hat mit vol­ker wei­der­mann gespro­chen, der (aus­ge­rech­net der!) im herbst das lite­ra­ri­sche quar­tett im zdf wie­der­be­le­ben soll. das gespräch macht mir wenig hoff­nung, dass das eine lite­ra­tur­kri­tisch rele­van­te ver­an­stal­tung wer­den könn­te. aber mal sehen, viel­leicht über­ra­schen sie mich ja …
  • Frank­fur­ter Antho­lo­gie: Johann Wolf­gang Goe­the: „Todes­lied eines Gefan­ge­nen“ – FAZ – mathi­as may­er stellt ind er frank­fur­ter antho­lo­gie ein ziem­lich unbe­kann­tes goe­the-gedicht vor: Die­ses Gedicht hat Goe­the nur ein­mal dru­cken las­sen. Dass er sich hier mit Tod und Kan­ni­ba­lis­mus beschäf­tigt, ist unty­pisch für ihn. So kann man den Dich­ter in sei­ner gan­zen Frei­heit bestaunen.
  • Nach Hacker­an­griff: Raus aus der digi­ta­len Hilf­lo­sig­keit – FAZ – frank rie­ger hofft und wünscht, was sich nun hin­sicht­lich des umgangs mit digi­ta­len net­zen, soft­ware und sicher­heit ändern könn­te (oder wohl eher soll­te, wirk­lich opti­mis­tisch bin ich da nicht …)

    Wirk­lich wirk­sam wären statt­des­sen hohe Inves­ti­tio­nen in lang­fris­ti­ge, effek­ti­ve Abwehr­kon­zep­te. Der Kern des Pro­blems ist und bleibt die schlech­te Qua­li­tät der Soft­ware, auf der unse­re digi­ta­le Welt beruht, und der Man­gel an qua­li­fi­zier­tem Per­so­nal, um Sys­te­me sicher zu kon­fi­gu­rie­ren, zu admi­nis­trie­ren und zu war­ten. Was es des­halb jetzt braucht, ist ein umfang­rei­ches Pro­gramm zur För­de­rung von siche­ren Pro­gram­mier­spra­chen, siche­rer Soft­ware, von Aus­bil­dungs­pro­gram­men für Sicher­heits­pe­zia­lis­ten und Geset­ze für Haf­tungs­re­geln und Haft­pflicht­ver­si­che­run­gen für Soft­ware und IT-Systeme.

  • Janet­te Sadik-Khan: Wagt muti­ge Expe­ri­men­te, die güns­tig und schnell umzu­set­zen sind! » Zukunft Mobi­li­tät -

    Janet­te Sadik-Khan war von April 2007 bis 2013 Beauf­trag­te für den Ver­kehr der Stadt New York City. Wäh­rend ihrer Amts­zeit war sie ver­ant­wort­lich für 10.000 Kilo­me­ter Stra­ßen­netz, 800 Brü­cken, 12.000 Kreu­zun­gen, 1,3 Mil­lio­nen Stra­ßen­schil­der und 300.000 Stra­ßen­lam­pen. Und für eine neue Ver­kehrs­po­li­tik in New York City.

  • Mari­lyn Mon­roe Reads Joyce’s Ulys­ses at the Play­ground (1955) | Open Cul­tu­re – RT @openculture: Mari­lyn Mon­roe Reads Joyce’s “Ulys­ses“ at the Play­ground (1955)
  • Die Psy­cho­lo­gie des Über­se­hens – der adfc weist dar­auf hin: warn­wes­ten (und ähn­li­ches) brin­gen rad­fah­rern nichts. so wie in groß­bri­tan­ni­en die for­scher, die die auf­merk­sam­kei­ten im ver­kehr unter­sucht haben, argu­men­tie­ren, rede ich ja auch immer: wenn ich die rad­fah­rer nicht sehe, weil ich nicht hin­schaue, wo die sind, brin­gen auch warn­wes­ten nichts. das ist ja eigent­lich auch logisch: wenn die warn­wes­ten die sicht­bar­keit wirk­lich erhöh­ten, wür­de das im umkehr­schluss doch fast bedeu­ten, dass die auto­fah­rer nahe­zu blind sind …
  • Jac­ques Der­ri­da inter­views Ornet­te Cole­man, 1997 (pdf) – sehr inter­es­san­tes gespräch zwi­schen der­ri­da und cole­man, unter ande­rem über die ent­wick­lung der har­mo­lo­dics, tech­no­lo­gie und das poli­tisch-eman­zi­pa­to­ri­sche poten­zi­al der musik/​des jazz
  • Ornet­te Cole­man: Schön­heit ist ein sel­te­nes Gut | ZEIT ONLINE – ste­fan hentz wür­digt den revo­lu­tio­nä­ren ornet­te coleman

    Als ein Musi­ker, der nicht aus dem Her­zen der Jazz­sze­ne kam, der sich nicht vor­her durch die jah­re­lan­ge Mit­wir­kung in hoch­ge­schätz­ten ande­ren Bands über jeden Zwei­fel hin­weg gespielt hat­te, son­dern mit eigen­ar­ti­gen, eige­nen Ideen auf der Büh­ne erschien, blieb Ornet­te Cole­man ein Außen­sei­ter der Jazz­sze­ne. Und damit umso wich­ti­ger und reprä­sen­ta­ti­ver für deren afro­ame­ri­ka­ni­sche Seite.

Politik, Macht und Überzeugung: Robert Roßmann über Heiko Maas

ein ganz und gar grot­ti­ger, grau­sa­mer, gräß­li­cher text von robert roß­mann zur ver­tei­di­gung und ver­eh­rung von hei­ko maas steht heu­te in der süd­deut­schen zei­tung – völ­lig unan­ge­bracht das alles. denn dahin­ter steht eine posi­ti­on, die auch in der spd weit ver­brei­tet zu sein scheint: haupt­sa­che regie­ren – was dann gemacht wird/​werden kann, ist zweit­ran­gig, macht um der macht wil­len ist die haupt­sa­che (und dann wun­dern sie sich, dass sie nie­mand mehr wählt). inter­es­sant ist hier übri­gens auch die wort­wahl im detail: leu­theu­ser-schnar­ren­ber­ger hat eine „bru­ta­len Blo­cka­de­po­li­tik“ der vor­rats­da­ten­spei­che­rung betrie­ben und ist sogar zurück­ge­tre­ten – das jemand in der bun­des­po­li­tik auf höchs­ter ebe­ne für sei­ne über­zeu­gun­gen ein­tritt, scheint für roß­mann eher ein unfall als ein lobens­wer­ter (charakter-)zu zu sein: die läh­mung der mer­kel­jah­re schlägt voll durch … manch­mal ist das echt zum verzweifeln …

Ins Netz gegangen (11.6.)

Ins Netz gegan­gen am 11.6.:

  • Post: Wer ist wich­ti­ger, Mit­ar­bei­ter oder Aktio­nä­re? – Wirt­schaft – Süddeutsche.de – am kom­men­tar von det­lef ess­lin­ger sieht man dann doch mal einen posi­ti­ven unter­schied zwi­schen der faz (deren punkt war ges­tern: „Noch scha­den die höhe­ren Löh­ne dem Geschäft der Post offen­bar nicht son­der­lich. Doch man muss kein Wirt­schafts­wei­ser sein, um zum Schluss zu kom­men, dass die hohen Löh­ne ein Wett­be­werbs­nach­teil für die Post sind.“ (http://​www​.faz​.net/​a​k​t​u​e​l​l​/​r​h​e​i​n​-​m​a​i​n​/​k​o​m​m​e​n​t​a​r​-​d​e​r​-​s​t​r​e​i​k​-​g​i​l​t​-​a​u​c​h​-​u​n​s​-​1​3​6​3​8​8​1​3​.​h​tml) und der süd­deut­schen. er erkennt näm­lich das wah­re pro­blem des post-streiks: „Auch die Deut­sche Post AG gehört zu den Akti­en­ge­sell­schaf­ten, die der­zeit an der Spal­tung der Gesell­schaft, zumin­dest an deren Ver­här­tung, mit­wir­ken.“ deshalb:

    Der Kon­flikt bei der Post jedoch ist grund­sätz­li­cher Natur. Es geht um zwei Fra­gen: Soll eine Gewerk­schaft mit­re­den, wie ein Kon­zern sich orga­ni­siert? Und was ist davon zu hal­ten, wenn die­ser Kon­zern gleich­zei­tig Zumu­tun­gen für die Mit­ar­bei­ter, aber Wohl­ta­ten für die Aktio­nä­re bereithält?

  • — achim tack – achim tack nimmt einen bei­trag von fron­tal 21 unter die lupe – und fin­det wenig, sehr wenig sub­stanz: <blockquoe>In der Fron­tal 21 Sen­dung vom 9. Juni 2015 nähern sich die Redak­teu­re Chris­ti­an Esser und Danie­la Schmidt-Lan­gels in ihrem Bei­trag „Schul­ster­ben- in Deutsch­land – Bil­dungs­re­pu­blik ohne Bil­dung“ dem wich­ti­gen The­ma Schul­schlie­ßun­gen auf dem Land und wer­fen dem Gut­ach­ter­bü­ro Bire­gio aus Bonn vor, der Poli­tik Gefäl­lig­keits­gut­ach­ten zu Dum­ping­prei­sen zu erstel­len. Die bei­den Autoren bedie­nen sich in ihrem Bei­trag dabei frag­wür­di­ger Gesprächs­part­ner und Quel­len, ver­schwei­gen für die Geschich­te ele­men­ta­re Zusam­men­hän­ge und müs­sen sich ihrer­seits fra­gen las­sen, inwie­weit sie einen „Gefäl­lig­keits­bei­trag“ für eine Bür­ger­initia­ti­ve erstellt haben.</blockquoe>
  • „Kei­ne Aus­weis­pflicht für den Gebrauch der Mei­nungs­frei­heit“ | L.I.S.A. – Das Wis­sen­schafts­por­tal der Ger­da Hen­kel Stif­tung – patrick bah­ners holt im schrift­li­chen inter­view mit dem l.i.s.a‑portal bei der bewer­tung des mün­k­ler-watch­blogs weit aus. unter ande­rem recht­fer­tigt er die anony­mi­tät der kri­ti­ker (was mich ja wirk­lich gewun­der hat in die­ser pseu­do­de­bat­te, dass man das immer wie­der tun muss):

    Die Legi­ti­mi­tät der Namen­lo­sig­keit der Blog-Autoren kann nach mei­ner Mei­nung nicht ernst­haft bestrit­ten wer­den. Eine ande­re Fra­ge ist es, ob die Blog­ger gut bera­ten waren, von der Lizenz zur Anony­mi­tät im gege­be­nen Kon­text Gebrauch zu machen. Das ist eine Klugheitsfrage.

    – auch inhalt­lich hat er übri­gens eini­ges zu sagen, dass eine genaue lek­tü­re des blogs ver­rät (im gegen­satz zu den aller­meis­ten ande­ren media­len äußerungen …)

  • BND: Mer­kels schlei­chen­de Staats­kri­se | Blät­ter für deut­sche und inter­na­tio­na­le Poli­tik – dani­el lei­se­gang über die deut­schen ille­ga­len spione

    Längst geht es somit in der BND-Affä­re um weit­aus mehr, als um ille­ga­le Spio­na­ge – näm­lich um den Erhalt der grund­recht­lich ver­an­ker­ten Gewaltenteilung. 

    ich bin aller­dings nicht so opti­mis­tisch wie er, wenn er meint: „Lan­ge wer­den sich die Zustän­di­gen beim BND und im Kanz­ler­amt nicht mehr um ihre Ver­ant­wor­tung drü­cken kön­nen.“ – es zeigt sich ja immer mehr, dass sie genau das tun

  • fuck you very much – We enjoy the soli­tu­de. 

Taglied 10.6.2015

Bia­gio Mari­ni, Sona­ta Varia­ta op. 8 (1629):

Bia­gio Mari­ni ‑Sona­ta Varia­ta (op. 8, 1629) Ens.Helianthus

Beim Kli­cken auf das und beim Abspie­len des von You­Tube ein­ge­bet­te­ten Vide­os wer­den (u. U. per­so­nen­be­zo­ge­ne) Daten wie die IP-Adres­se an You­Tube übertragen.

Ursachen

Man soll nicht, „Ursa­che“ und „Wir­kung“ feh­ler­haft ver­ding­li­chen, wie es die Natur­for­scher thun (und wer gleich ihnen heu­te im Den­ken natu­ra­li­sirt—) gemäss der herr­schen­den mecha­nis­ti­schen Töl­pe­lei, wel­che die Ursa­che drü­cken und stos­sen lässt, bis sie „wirkt“; man soll sich der „Ursa­che“, der „Wir­kung“ eben nur als rei­ner Begrif­fe bedie­nen, das heisst als con­ven­tio­nel­ler Fik­tio­nen zum Zweck der Bezeich­nung, der Ver­stän­di­gung, nicht der Erklä­rung. Im „An-sich“ gie­bt es nichts von „Cau­sal-Ver­bän­den“, von „Not­hwen­dig­keit“, von „psy­cho­lo­gi­scher Unfrei­heit“, da folgt nicht „die Wir­kung auf die Ursa­che“, das regiert kein „Gesetz“. Wir sind es, die allein die Ursa­chen, das Nach­ein­an­der, das Für-ein­an­der, die Rela­ti­vi­tät, den Zwang, die Zahl, das Gesetz, die Frei­heit, den Grund, den Zweck erdich­tet haben; und wenn wir die­se Zei­chen-Welt als „an sich“ in die Din­ge hin­ein­dich­ten, hin­ein­mi­schen, so trei­ben wir es noch ein­mal, wie wir es immer getrie­ben haben, näm­lich mytho­lo­gisch. Der „unfreie Wil­le“ ist Mytho­lo­gie: im wirk­li­chen Leben han­delt es sich nur um star­ken und schwa­chen Willen.

—Fried­rich Nietz­sche, Jen­seits von Gut und Böse, 21

Critical Mass in Mainz, die Sommerausgabe

Logo der Critical MassAm Frei­tag – wie jeden ers­ten Frei­tag in jedem Monat – war in Mainz wie­der die Cri­ti­cal Mass unter­wegs. Und nach län­ge­rer Pau­se war ich auch wie­der dabei. Die tem­po­rä­re Abs­ti­nenz hat­te kein beson­de­ren Grün­de – der Ter­min (frei­tags ab 18 Uhr) ist für mich nur etwas ungüns­tig, da habe ich oft ande­re Ver­pflich­tun­gen oder ver­las­se Mainz gera­de für das Wochenende …

Aber im Juni hat es geklappt – aus­ge­rech­net an einem Brü­cken­tag, nach dem im immer noch katho­li­schen Rhein­land-Pfalz (und Mainz) ent­spre­chend began­ge­nen Fron­leich­nams­fest). Ich hat­te mich extra beeilt, weil ich bis kurz vor sechs auf dem Cam­pus war. Und dann war es doch wie­der umsonst … Denn nicht zum ers­ten Mal star­te­te die Cri­ti­cal Mass mit erheb­li­cher Ver­zö­ge­rung – erst kurz vor halb Sie­ben setz­te sich der Tross in Bewe­gung. Einen Grund dafür konn­te ich nicht so recht erken­nen – es war nicht gera­de so, dass die Mas­sen noch mit ihren Rädern zum Guten­berg­platz ström­ten. Mich nervt so etwas ja immer unge­mein: Was soll das Rum­ge­ste­he und War­ten auf dem Guten­berg­platz? Es muss ja nicht unbe­dingt um Punkt 18.00 los­ge­hen. Aber knapp 30 Minu­ten Ver­zö­ge­rung müs­sen eben auch nicht sein.

Egal: trotz oder wegen herr­lichs­tem Som­mer­wet­ter – etwa 32 Grad bei strah­len­dem Son­nen­schein – waren knapp 90 Rad­le­rin­nen und Rad­ler dabei. Lei­der war auch viel Bier mit im Spiel – schon vor­her sam­mel­ten sich die Fla­schen und Dosen auf den Trep­pen des Staats­thea­ters und auch wäh­rend (!) des Fah­rens wur­de noch flei­ßig wei­ter gepi­chelt. Und das ist etwas, was ich gar nicht ver­ste­hen kann und will: Die Cri­ti­cal Mass bemüht sich dar­um, dass Fahr­rä­der als Teil des Ver­kehrs ernst und wich­tig genom­men wer­den. Da passt so etwas doch nicht wirk­lich dazu, zumal ich durch­aus der Mei­nung bin, dass Rausch­mit­tel im Ver­kehr nichts zu suchen haben … Aber zur Main­zer Cri­ti­cal Mass, vor allem zu der gest­ri­gen, pass­te das wie­der­um durch­aus. Die hat sich näm­lich stark auf das Rhein­ufer kon­zen­triert und kam mir eher wie eine Frei­zeit­fahrt als eine ver­kehrs­po­li­ti­sche Akti­on vor. Blöd nur, dass man dann auch mal durch die Fuß­gän­ger­zo­ne radelt. Und vom regel­wid­ri­gen Abbie­gen von der Theo­dor-Heuss-Brü­cke in die Gro­ße Blei­che will ich gar nicht reden, auch wenn ich das für total falsch hal­te, zumal die Rhein­stra­ße eine viel sinn­vol­le­re Alter­na­ti­ve böte. Aber war­um die Cri­ti­cal Mass um den Win­ter­ha­fen gur­ken muss? Um den gril­len­den Stu­den­ten zuzu­win­ken? Oder war­um sie am Kas­te­ler Rhein­ufer vor­bei­schau­en muss? Ich hab’s nicht verstanden. 

Mir ist das alles jeden­falls zu viel Par­ty und zu wenig Ver­kehrs­po­li­tik. Dazu passt auch, dass die Cri­ti­cal Mass jetzt in Mainz zwar eta­bliert ist, aber auch nie­man­den zu stö­ren oder zu beschäf­ti­gen scheint: Das gehört nun offen­bar ein­fach zur Folk­lo­re des städ­ti­schen Lebens dazu, dass ab und an Frei­tags abends ein Rad­fah­rer-Kor­don durch die Stadt zieht. Genau wie zu jeder Cri­ti­cal Mass ein Auto­fah­rer gehört, der schimp­fend und aus­ras­tend sich über die Chao­ten auf den Zwei­rä­dern auf­regt. Aber ich sehe im Moment nicht, dass so eine Par­ty­ver­an­stal­tung etwas ande­res als ein net­ter Zeit­ver­treib und eine schö­ne Zeit für die Betei­lig­ten ist … Das ist ja wie­der­um an sich nicht ver­kehrt und auch nicht an sich anstö­ßig, ver­folgt aber eben doch einen ande­ren Zweck. Und ja, ich weiß, man­ches davon, was ich hier bemän­ge­le, lie­ße sich mit etwas mehr Engan­ge­ment mei­ner­seits viel­leicht sogar ändern. Aber dazu bin ich dann doch zu zurück­hal­tend (oder zu pas­siv oder zu wenig enga­giert …). Also wer­de ich erst ein­mal wie­der etwas Pau­se von der Main­zer Cri­ti­cal Mass machen und spä­ter mal wie­der vorbeischauen …

Ins Netz gegangen (4.6.)

Ins Netz gegan­gen am 4.6.:

  • The Danish Cycling Expe­ri­ence – The Euro­pean – es ist ganz einfach:

    If you want to have bicy­cles cycling your city, you have to build your city for bicy­cles to cycle. 

    oder:

    The main reason why the bike has beco­me such a popu­lar choice: It’s the easie­st way! It’s healt­hy, cheap, sus­tainable, and nowa­days the two-whee­ler is even pret­ty tren­dy in major cities around the world. But at the end of the day, sim­pli­ci­ty is the one thing that real­ly counts for commuters.

  • Des Kaiser’s neue Kar­te: Dis­rup­ti­on mit Datenschutz?—Das gute digi­ta­le Leben—Medium – lea gim­pel über eine neue kun­den­kar­te, die zwar auf per­sön­li­che daten ver­zich­ten, dabei aber – und das ist min­des­tens genau­so schlimm – wei­ter dazu bei­trägt, die soli­da­ri­sche gesell­schaft aufzulösen:

    Die abso­lu­te Preis­dis­kri­mi­nie­rung ist der feuch­te Traum jedes Wirt­schafts­wis­sen­schaft­lers. Und wird sich bald auf alle Lebens­be­rei­che erstre­cken: Vom Super­markt­ein­kauf über das Ticket für den öffen­li­chen Nah­ver­kehr bis zur Strom- und Was­ser­ver­sor­gung. Doch was pas­siert mit denen, die dabei nicht mit­ma­chen wol­len? Nach wel­chen Kri­tie­ren wer­den Prei­se gemacht, wer bestimmt sie? Und wel­che gesell­schaft­li­chen Aus­wir­kun­gen hat die kom­plet­te Umstel­lung des Preis­mo­dells, das unse­rem Wirt­schafts­sys­tem zugrun­de liegt?

  • The 20 Most Bike-Fri­end­ly Cities on the Pla­net | WIRED – With each edi­ti­on, the Copenhagen­ize Design Company’s Index of the most bike-fri­end­ly cities in the world evol­ves. In 2011 we ran­ked 80 glo­bal cities; in 2013 we ran­ked 150.

    This year, we con­side­red cities with a regio­nal popu­la­ti­on over 600,000 (with a few excep­ti­ons becau­se of their poli­ti­cal and regio­nal importance, and to keep things inte­res­t­ing). We ran­ked 122 cities. The top 20 are pre­sen­ted here.

  • Vom Per­ga­ment ins Inter­net – das jgu-maga­zin berich­tet über das dfg-pro­jekt der digi­ta­len ver­öf­fent­li­chung der augs­bur­ger baumeisterbücher

    Die Augs­bur­ger Bau­meis­ter­bü­cher sind ein außer­ge­wöhn­li­che Quel­le. „Es gibt fast aus jeder grö­ße­ren Stadt und selbst aus klei­ne­ren Orten in Deutsch­land Kon­to­bü­cher oder Rech­nungs­bü­cher“, erklärt Rog­ge. „Sie sind nur unter­schied­lich gut über­lie­fert. Man­che fan­gen erst um das Jahr 1500 an. Die Augs­bur­ger Bau­meis­ter­bü­cher begin­nen 1320. Das ist sehr früh. Außer­dem sind sie bis zum Jahr 1800 fast kom­plett erhal­ten. Bei vie­len ande­ren Städ­ten klaf­fen gro­ße Lücken.“ Und bei Augs­burg han­delt es sich um einen bedeu­ten­den Ort, eine Reichs­stadt, eine weit­ge­hend auto­no­me Kom­mu­ne, die nur dem Kai­ser unter­stand. „Sie war unter ande­rem stark in den inter­na­tio­na­len Han­del eingebunden.“ 

  • The­ma: 70 Jah­re Auf­bau-Ver­lag: Bau Auf­bau auf | ZEIT ONLINE – burk­hard mül­ler por­trät den (heu­ti­gen) auf­bau-ver­lag inkl. sei­ner geschich­te und sei­nen besit­zer, mat­thi­as koch
  • Glei­che Rech­te als Son­der­rech­te? – sehr gute aus­füh­run­gen von anna katha­ri­na mari­gold zur gleich­stel­lung vor dem recht in deutschland …
  • Hat­ten im Mit­tel­al­ter alle Men­schen schlech­te Zäh­ne? | blog​.Histo​Fakt​.de – das histo­fakt-blog über die zäh­ne des mit­tel­al­ter­li­chen men­schens – die wahr­schein­lich (so weit wir das wis­sen) gar nicht so schlecht waren …

    wer etwas auf sich hielt, wird ohne Zwei­fel von den zahl­rei­chen Mög­lich­kei­ten zur Zahn­pfle­ge Gebrauch gemacht und auf fri­schen Atem geach­tet haben. Da die typi­sche Ernäh­rung die Zahn­ge­sund­heit zudem weit weni­ger gefähr­de­te, als dies heut­zu­ta­ge der Fall ist, dürf­ten also die meis­ten Men­schen im Mit­tel­al­ter ent­ge­gen popu­lä­rer Vor- und Dar­stel­lun­gen tat­säch­lich nicht über schlech­te, son­dern im Gegen­teil über star­ke, gesun­de und wei­ße Zäh­ne ver­fügt haben.
    Nicht Ver­fall war im Mit­tel­al­ter die größ­te Gefahr für Zäh­ne und Zahn­fleisch, son­dern Verschleiß.

Im Vorübergehn

Ich ging im Felde
So für mich hin,
Und nichts zu suchen,
Das war mein Sinn.

Da stand ein Blümchen
Sogleich so nah,
Daß ich im Leben
Nichts lie­ber sah.

Ich wollt es brechen,
Da sagt’ es schleunig:
Ich habe Wurzeln,
Die sind gar heimlich.

Im tie­fen Boden
Bin ich gegründet;
Drum sind die Blüten
So schön geründet.

Ich kann nicht liebeln,
Ich kann nicht schranzen;
Mußt mich nicht brechen,
Mußt mich verpflanzen.
 –
Ich ging im Walde
So vor mich hin;
Ich war so heiter,
Wollt immer weiter –
Das war mein Sinn.

—Johann Wolf­gang Goe­the, Im Vorübergehn

Twitterlieblinge Mai 2015

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Darf man das das? Maybebop darf

maybebop, das darf man nichtEin bun­tes Cover ver­heißt far­bi­ge Musik. Bei May­be­bop geht die Glei­chung unbe­dingt auf. Denn das Foto mit den vier Her­ren in sehr far­bi­gen Anzü­gen ist kein Zufall: So bunt wie das Äuße­re klingt auch das neu­es­te Album von May­be­bop mit dem schö­nen Titel „Das darf man nicht“. Über die modi­schen Ent­schei­dun­gen des Quar­tetts mag man geteil­ter Mei­nung sein – die Musik bie­tet dafür kei­nen Anlass.

Denn May­be­bop bleibt sich und ihrem Erfolgs­re­zept ziem­lich treu. „Das darf man nicht“ ist – je nach Zäh­lung – immer­hin schon das zwan­zigs­te Album der Han­no­ve­ra­ner A‑Cap­pel­la-Pop-Spe­zia­lis­ten. Und das hört man. Nicht, weil es lang­wei­lig wäre. Son­dern weil die Vier – und vor allem ihr Tex­ter, Kom­po­nist und Arran­geur Oli­ver Gies, der auch die­se CD fast im Allein­gang zu ver­ant­wor­ten hat – genü­gend Erfah­rung mit­brin­gen, ihre Stär­ken voll aus­zu­spie­len: „Das darf man nicht“ ist wie­der eine gelun­ge­ne Mischung aus Par­ty­hits, gefühl­vol­len Bal­la­den, komi­schen Ein­la­gen und kna­cki­gen Beats.

Vor allem aber ist es sehr fein­sin­nig und sorg­fäl­tig gear­bei­tet. Denn das fällt immer wie­der auf: Die 13 Songs klin­gen nicht nur beim ers­ten Hören gut, son­dern offen­ba­ren auch beim fünf­ten oder sieb­ten Durch­lauf noch viel­schich­ti­ge und neue Details. Dabei ist das kei­nes­wegs aka­de­misch aus­ge­tüf­tel­te Musik. Im Gegen­teil: May­be­bop steigt gleicht mit den ers­ten Tönen in die Par­ty ein, läs­sig und kon­zen­triert star­ten sie mit „Es war gut so“ – so bleibt auch der Rest der CD.
Etwa der Titel­song, „Das darf man nicht“. Da hört man gut eine ech­te Spe­zia­li­tät von May­be­bop: Exzel­len­ter Vocal­pop mit ein­gän­gi­gen Melo­dien zu gewitz­ten Tex­ten, unter­stützt von sorg­fäl­tig aus­ge­ar­bei­te­ten, ideen­rei­chen Arran­ge­ments, die sich nie in den Vor­der­grund drän­gen. Und dazu fei­ne Hook­li­nes, die sich schnell und tief ins Gedächt­nis gra­ben. Davon lebt etwa auch die „Fes­tung“, bei dem sich der dunk­le Bass im har­mo­nisch aus­ba­lan­cier­ten Quar­tett, das (mit leich­ter elek­tro­ni­scher Nach­hil­fe) eine durch­aus erstaun­li­che Klang­fül­le pro­du­ziert, in einem groß ange­leg­tem Phan­tas­ma aus­le­ben darf. 

Wun­der­bar ist auch das ambi­va­lent betex­te­te Deutsch­lied, in dem Haydns Kai­ser­quar­tett ganz anders, näm­lich gefühl­voll, nach­denk­lich und modern klingt. Das beginnt als Anti-Hym­ne mit den Wor­ten „Wäre ich ein Ita­lie­ner“, schafft die Kur­ve zu einem posi­ti­ven Deutsch­land­bild aber dann doch noch: „Deutsch­land ist schon echt okay“. Oder die leicht schmal­zi­ge Pop-Bal­la­de „Ich seh Dich“, die geschmack­voll ver­träumt erzäh­lend dahin­fließt. Zum Aus­gleich gibt es aber auch genug kna­ckig Kra­cher, die alle Extre­mi­tät zum Zucken brin­gen. Denn ob man’s darf oder nicht: May­be­bop macht leich­te, ein­gän­gi­ge Musik mit Niveau bei den abwechs­lungs­rei­chen Tex­ten, der sti­lis­tisch viel­fäl­ti­gen Musik und der prä­zi­sen Aus­füh­rung, die ein­fach Spaß macht.

— Zuerst erschie­nen in Chor­zeit—Das Vokal­ma­ga­zin, Aus­gabe #16, Mai 2015.

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