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Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Ins Netz gegangen (20.7.)

Ins Netz gegan­gen am 20.7.:

  • «Digi­tal Huma­ni­ties» und die Geis­tes­wis­sen­schaf­ten: Geist unter Strom – NZZ Feuil­le­ton – sehr selt­sa­mer text von urs haf­ner, der vor allem wohl sei­ne eige­ne skep­sis gegen­über „digi­tal huma­ni­ties“ bestä­ti­gen woll­te. dabei unter­lau­fe ihm eini­ge feh­ler und er schlägt ziem­lich wil­de vol­ten: wer „huma­ni­ties“ mit „human­wis­sen­schaf­ten“ über­setzt, scheint sich z.b. kaum aus­zu­ken­nen. und was die ver­zer­ren­de dar­stel­lung von open access mit den digi­tal huma­ni­ties zu tun hat, ist auch nicht so ganz klar. ganz abge­se­hen davon, dass er die fächer zumin­dest zum teil fehl­re­prä­sen­tiert: es geht eben nicht immer nur um clo­se rea­ding und inter­pre­ta­ti­on von ein­zel­tex­ten (abge­se­hen davon, dass e‑mailen mit den digi­tal huma­ni­ties unge­fähr so viel zu tun hat wie das nut­zen von schreib­ma­schi­nen mit kittler’schen medientheorien …)
  • Lyrik: Reißt die Sei­ten aus den Büchern! | ZEIT ONLINE – net­te idee von tho­mas böhm, die lyrik zu ver­ein­zeln (statt in lyrik­bän­den zu sam­meln), das gedicht als opti­sches sprach­kunst­werk zu ver­mark­ten (auch wenn ich sei­ne argu­men­ta­tio­nen oft über­haupt nicht über­zeu­gend finde)
  • Ein­sam auf der Säu­le « Lyrik­zei­tung & Poet­ry News – gute kri­tik­kri­tik zur bespre­chung des aktu­el­len „Jahr­buchs für Lyrik“ in der „zeit“, die auch mich ziem­lich ver­wun­dert hat.

    Unter­schei­dung, Alter­na­ti­ven, Schwer­punkt­set­zung? Fehl­an­zei­ge. Rez. zieht es vor, sich als schar­fe Kri­ti­ke­rin zu insze­nie­ren, jede Dif­fe­ren­zie­rung schwäch­te das Bild nur. Lie­ber auf der Schul­ter von Rie­sen, hier neben Krü­ger, Benn & Co. vor allem Jos­sif Brod­sky, auf die behaup­tet mage­re deut­sche Sze­ne her­ab­bli­cken. Ein­sam ist es dort oben auf der Säule!

  • Ver­kehrs­si­cher­heit: Brun­ners letz­te Fahrt | ZEIT ONLINE – sehr inten­si­ve repor­ta­ge von hen­ning suss­e­bach über die pro­ble­me der/​mit altern­den auto­fah­rern (für mei­nen geschmack manch­mal etwas trä­nen­drü­sig, aber ins­ge­samt trotz­dem sehr gut geschrieben)

    Urlaubs­zeit in Deutsch­land, Mil­lio­nen Rei­sen­de sind auf den Stra­ßen. Da biegt ein 79-Jäh­ri­ger in fal­scher Rich­tung auf die Auto­bahn ein – fünf Men­schen ster­ben. Ein Unglück, das zu einer bri­san­ten Fra­ge führt: Kann man zu alt wer­den fürs Autofahren? 

  • Lyrik und Rap: Die här­tes­te Gang­art am Start | ZEIT ONLINE – uwe kol­be spricht mit mach one (sei­nem sohn) und kon­stan­tin ulmer über lyrik, raps, rhyth­mus und the­men der kunst

    Dass ich mit mei­nen Gedich­ten kein gro­ßes Publi­kum errei­che, ist für mich etwas, wor­un­ter ich sel­ten lei­de. Ich möch­te das, was ich mache, auf dem Niveau machen, das mir vor­schwebt. Dabei neh­me ich auch kei­ne Rück­sicht mehr. Ich gehe an jeden Rand, den ich errei­chen kann. 

  • Rai­nald Goetz: Der Welt­ab­schrei­ber | ZEIT ONLINE – sehr schö­ne und stim­men­de (auch wenn das thea­ter fehlt …) wür­di­gung rai­nald goet­zes durch david hugen­dick anläss­lich der bekannt­ga­be, dass goetz dies­jäh­ri­ger büch­ner-preis-trä­ger wird

    Die ein­zi­ge Reak­ti­on auf die Zudring­lich­keit der Welt kann nur in deren Pro­to­koll bestehen, die zugleich ein Pro­to­koll der eige­nen Über­for­de­rung sein muss.

  • „Pan­ora­ma­frei­heit“: Wider den Urhe­ber­rechts-Extre­mis­mus – Süddeutsche.de – leon­hard dobusch zum ver­such, in der eu das urhe­ber­recht noch wei­ter zu verschärfen:

    Wir alle sind heu­te ein biss­chen wie Lich­ten­stein oder War­hol. Wir erstel­len und tei­len stän­dig Fotos und Vide­os, in denen Wer­ke ande­rer vor­kom­men. Zeit, dass das Urhe­ber­recht dar­auf eingeht. 

  • Stravinsky’s Ille­gal “Star Span­gled Ban­ner” Arran­ge­ment | Timo­thy Judd – ich wuss­te gar nicht, dass es von stra­win­sky so ein schö­nes arran­ge­ment der ame­ri­ka­ni­schen hmy­ne gibt. und schon gar nicht, dass die angeb­lich ver­bo­ten sein soll …
  • Essay Grie­chen­land und EU: So deutsch funk­tio­niert Euro­pa nicht – taz​.de – ulrich schul­te in der taz zu grie­chen­land und der eu, mit vie­len sehr guten und tref­fen­den beob­ach­tun­gen & beschrei­bun­gen, unter ande­rem diesen

    Von CSU-Spit­zen­kräf­ten ist man inzwi­schen gewohnt, dass sie jen­seits der baye­ri­schen Lan­des­gren­ze so dumpf agie­ren, als gös­sen sie sich zum Früh­stück fünf Weiß­bier in den Hals.
    […] Das Char­man­te an der teils irr­lich­tern­den Syri­za-Regie­rung ist ja, dass sie ein­ge­spiel­te Riten als nackt entlarvt.

  • Sich „kon­struk­tiv ver­hal­ten“ heißt, ernst genom­men zu wer­den | KRZYSZTOF RUCHNIEWICZ – Stel­lung­nah­me ehe­ma­li­ger Mit­glie­dern des Wis­sen­schaft­lich Bera­ter­krei­ses der (sowie­so über­mä­ßig vom Bund der Ver­trei­be­nen domi­nier­ten) Stif­tung Flucht, Ver­trei­bung, Ver­söh­nung zur Far­ce der Wahl des neu­en Direk­tors unter Kul­tur­staats­mi­nis­te­rin Moni­ka Grütters
  • Kon­sum: Klei­ne Geschich­te vom rich­ti­gen Leben | ZEIT ONLINE – marie schmidt weiß nicht so recht, was sie von craft beer, hand­ge­rös­te­tem kaf­fee und dem gan­zen zele­brier­ten super-kon­sum hal­ten soll: fetisch? rück­be­sin­nung alte hand­werk­li­che wer­te? oder was?
  • Alle Musik ist zu lang – wun­der­ba­re über­le­gun­gen von diet­mar dath zur musik, der welt und ihrer philosophie

    Alle bereits vor­han­de­ne, also auf­ge­schrie­be­ne oder auf­ge­zeich­ne­te Musik, ob als Sche­ma oder als wie­der­ga­be­fä­hi­ge Auf­füh­rung erhal­ten, ist für Men­schen, die heu­te Musik machen wol­len, zu lang, das heißt: Das kön­nen wir doch nicht alles hören, wir wol­len doch auch mal anfan­gen. Wie gesagt, das gilt nicht nur für die Wer­ke, son­dern schon für deren Mus­ter, Prin­zi­pi­en, Gat­tun­gen, Techniken.
    […] Musik hält die Zeit an, um sie zu ver­brau­chen. Wäh­rend man sie spielt oder hört, pas­siert alles ande­re nicht, inso­fern han­delt sie von Ewig­keit als Ereig­nis- und Taten­lo­sig­keit. Aber bei­de Aspek­te der Ewig­keit, die sie zeigt, sind in ihr nicht ein­fach irgend­wie gege­ben, sie müs­sen her­ge­stellt wer­den: Die Ereig­nis­lo­sig­keit selbst geschieht, die Taten­lo­sig­keit selbst ist eine musi­ka­li­sche Tat.

  • Lite­ra­tur­blogs are bro­ken | The Dai­ly Frown – fabi­an tho­mas attes­tiert den „lite­ra­tur­blogs“ „feh­len­de Distanz, Gefall­sucht und Harm­lo­sig­keit aus Prin­zip“ – und ange­sichts mei­ner beob­ach­tung (die ein eher klei­nes und unsys­te­ma­ti­sches sam­ple hat) muss ich ihm lei­der zustimmen.
  • Inter­view ǀ „Ent-iden­ti­fi­ziert euch!“—der Frei­tag – groß­ar­ti­ges gespräch zwi­schen harald falcken­berg und jona­than mee­se über wag­ner, bay­reuth, kunst und den gan­zen rest:

    Ja, ich hab total auf lieb Kind gemacht. Ich merk­te ja schon, dass ich im Wag­ner-Forum so als Mons­ter dar­ge­stellt wur­de. Ich bin kein Mons­ter. Ich woll­te das Ding nur radi­ka­li­sie­ren. Ich hab auf nett gemacht und so getan, als wäre ich gar nicht ich selbst. Was ich ja immer tue. Sei nie­mals du selbst. Kei­ne Selbst­su­che, bit­te. Kei­ne Pil­ger­fahrt. Kei­ne Mön­che­rei. Ich bin ein­fach wie ’n Spiel­kind da ran­ge­gan­gen, und ich dach­te, jetzt geht’s ab.
    […] Kul­tur ist genau­so beschis­sen wie Gegen­kul­tur. Main­stream ist genau­so beschis­sen wie Under­ground. Kul­tur und Gegen­kul­tur ist das Glei­che. Poli­tik kannst du nicht mit Kul­tur bekämp­fen. Son­dern nur mit Kunst. Du kannst nicht eine neue Par­tei grün­den, weil sie genau­so schei­ße ist wie jede ande­re. Du kannst kei­ne neue Reli­gi­on grün­den, weil sie genau­so schei­ße ist wie alle ande­ren. Du kannst kei­ne neue Eso­te­rik schaf­fen, weil sie genau­so schei­ße ist wie jede ande­re. Du kannst kei­ne Spi­ri­tua­li­tät schaf­fen, die bes­ser wäre als alle anderen.
    Jede Par­tei ist gleich schei­ße, jede Reli­gi­on ist gleich zukunfts­un­fä­hig, jede Eso­te­rik ist abzu­leh­nen. Ich benut­ze Eso­te­rik, aber ich iden­ti­fi­zie­re mich nicht damit. Ich iden­ti­fi­zie­re mich nicht mit Wag­ner, ich iden­ti­fi­zie­re mich nicht mit Bay­reuth, ich iden­ti­fi­zie­re mich mit gar nichts.
    Ent-iden­ti­fi­ziert euch! Seid nicht mehr! Seid eine Num­mer! Seid end­lich eine Nummer!
    Das ist geil. Seid kein Name! Seid kein Indi­vi­du­um! Seid kein Ich! Macht kei­ne Nabel­be­schau, kei­ne Pil­ger­rei­se, geht nie­mals ins Klos­ter, guckt euch nie­mals im Spie­gel an, guckt immer vorbei!
    Macht nie­mals den Feh­ler, dass ihr auf den Trip geht, euch selbst spie­geln zu wol­len. Ihr seid es nicht. Es ist nicht die Wich­tig­tue­rei, die die Kunst aus­macht, son­dern der Dienst an der Kunst. Die Kunst ist völ­lig frei. Mei­ne Arbeit, die ist mir zuzu­schrei­ben, aber nicht die Kunst. Die spielt sich an mir ab. 

  • Eine Bemer­kung zur Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung by Fach­di­dak­tik Deutsch -

    »Fak­ten­wis­sen« kommt nicht zuerst, wenn Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung ernst genom­men wird – Kön­nen kommt zuerst. Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung bedeu­tet, die Ler­nen­den zu fra­gen, ob sie etwas kön­nen und wie sie zei­gen kön­nen, dass sie es kön­nen. Weil ich als Leh­ren­der nicht mehr zwin­gend sagen kann, auf wel­chem Weg die­ses Kön­nen zu errei­chen ist. Dass die­ses Kön­nen mit Wis­sen und Moti­va­ti­on gekop­pelt ist, steht in jeder Kom­pe­tenz­de­fi­ni­ti­on. Wer sich damit aus­ein­an­der­setzt, weiß das. Tut das eine Lehr­kraft nicht, ist das zunächst ein­fach ein­mal ein Zei­chen dafür, dass sie sich nicht mit Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung beschäf­tigt hat. Fehlt die­se Bereit­schaft, müs­sen zuerst die Vor­aus­set­zun­gen dafür geschaf­fen werden.

  • Essay zum UN-Welt­kul­tur­er­be: Mord mit bes­ten Absich­ten – taz​.de -

    Und immer noch drän­geln die Städ­te, die Dör­fer, die Regio­nen, dass sie ja als Ers­te ein­bal­sa­miert wer­den. Wie die Län­der, die sich um Olym­pi­sche Spie­le bewer­ben, ohne sich klar­zu­ma­chen, dass sie damit ihren Unter­gang her­auf­be­schwö­ren wie Grie­chen­land mit Athen.

  • Wie man nicht für die Vor­rats­da­ten­spei­che­rung argu­men­tiert | sascha​lobo​.com – sascha lobo seziert den tweet von rein­hold gall. wie (fast) immer exzel­lent. scha­de (und mir unver­ständ­lich), dass sol­che tex­te in den gro­ßen, publi­kums­wirk­sa­men medi­en kei­nen platz fin­den – war­um steht das nicht im print-spie­gel, der gedruck­ten faz oder süddeutschen?
  • Sex (und gen­der) bei der Fifa | Männ­lich-weib­lich-zwi­schen – ein schö­ner text zum pro­blem der bestim­mung des geschlechts, des bio­lo­gi­schen, wie es die fifa ver­sucht – näm­lich über den tes­to­ste­ron-spie­gel. mit dem (inzwi­schen erwart­ba­ren) resul­tat: so kann man das jeden­falls nicht machen.

    an darf also ver­mu­ten und hof­fen, dass auch die­se Defi­ni­ti­on von sex zu sport­li­chen Zwe­cken dem­nächst, wie bis­her alle ande­ren Defi­ni­tio­nen auch, als unbrauch­bar und absurd erwei­sen – aber wohl, eben­falls wie immer, erst zu spät.

Immer noch kein schöner Land

wilfried fischer, kein schöner landVon Loth­rin­gen bis nach Ost­preu­ßen, vom Shan­ty im nie­der­deut­schen Platt bis zum mozärt­li­chen Wien der Zau­ber­flö­te reicht das Ein­zugs­ge­biet von „Kein schö­ner Land“. Noch eine Volks­lied-Samm­lung für Chö­re also? Gibt es davon nicht längst genug? Sicher, aber nicht so eine. Denn die übli­chen Edi­tio­nen set­zen immer noch einen klas­si­schen vier­stim­mi­gen Chor vor­aus – und sind des­halb für Ensem­bles mit knap­per Män­ner­be­set­zung oft kaum geeignet.

Wil­fried Fischer ist nun schon seit eini­ger Zeit unter dem Titel „Chor zu dritt“ dabei, ein Reper­toire für drei­stim­mi­gen Chor auf­zu­bau­en, genau­er: für Chö­re mit eben nur einer Män­ner­stim­me. Auch der vier­te Band setzt sich die­ses Ziel, bleibt dafür aber nicht bei purer Drei­stim­mig­keit ste­hen: Stimm­tei­lun­gen, haupt­säch­lich im Sopran, gehö­ren auch hier natür­lich zum Hand­werks­zeug der Arran­geu­re. Aber für Män­ner wird eben nie mehr als eine Stim­me gesetzt – die aller­dings hin und wie­der für Bäs­se recht hoch liegt.
Die Idee des Volks­lie­des hat Fischer dabei recht breit gefasst: Unter den hier vesam­mel­ten 93 Sät­zen sind nicht weni­ge geist­li­che Lie­der und Cho­rä­le. Über­haupt ist die Aus­wahl nicht immer ganz nach­voll­zieh­bar: Eini­ges sehr bekann­tes fehlt, dafür ist ande­res nicht so weit ver­brei­te­tes ent­hal­ten – aber bei knapp 100 Lie­dern bleibt das nicht aus. Mate­ri­al bie­tet der Band auf sei­nen gut 200 Sei­ten aber mehr als genug. Ger­ne greift Fischer dabei auch auf vor­han­de­ne Sät­ze nam­haf­ter Kom­po­nis­ten zurück, die den neu­en Anfor­de­run­gen behut­sam ange­passt wer­den: Von Hein­rich Isaac bis Ernst Pep­ping, von Felix Men­dels­sohn Bar­thol­dy und Johan­nes Brahms bis Her­mann Schroe­der reicht der Griff ins Archiv.

Neben Fischer selbst, der ein Groß­teil der Arran­ge­ments und Bear­bei­tun­gen bei­steu­ert, sind u.a. Pas­cal Mar­ti­né, Cars­ten Ger­litz und Burk­hard Kinz­ler mit diver­sen neu­en Sät­zen ver­tre­ten. Die Arran­ge­ments selbst sind immer min­des­tens soli­de, aber oft für drei­stim­mi­ge Sät­ze auhc über­ra­schend klang­voll und wir­kungs­voll. Den meis­ten merkt man posi­tiv an, dass die Drei­stim­mig­keit hier nicht nur als Man­gel gedacht wird, son­dern als Her­aus­for­de­rung und Chan­ce. Aus der genaue­ren Beschäf­ti­gung mit den Mög­lich­kei­ten der Beset­zung ent­wi­ckeln die Arran­geu­re dabei immer wie­der sehr kla­re und fili­gra­ne, sehr leben­di­ge und beweg­te Sät­ze, die im vier­stim­mi­gen Chor so kaum funktionierten.
Dabei sind die Sät­ze dem Sujet ent­spre­chend ins­ge­samt – selbst noch in den aus­ge­feil­te­ren Bear­bei­tun­gen – eher zurück­hal­tend und schlicht in dem Sin­ne, dass Sät­ze ger­ne hin­ter Melo­die und Text zurück­ste­hen. Stil­si­cher und ver­nünf­tig spricht aus den Arran­ge­ments weni­ger Expe­ri­men­tier­freu­de, dafür viel Erfah­rung und Ein­füh­lungs­ver­mö­gen – und nicht zuletzt der Ver­such, ein mög­lichst brei­tes Publi­kum – sin­gend und hörend – zu erreichen.

Wil­fried Fischer (Hrsg.): Kein schö­ner Land. Deut­sche Volks­lie­der aus 4 Jahr­hun­der­ten (Chor zu dritt, Band 4). Mainz: Schott 2015. 214 Sei­ten. 19,50 Euro.

— Zuerst erschie­nen in Chor­zeit—Das Vokal­ma­ga­zin, Aus­gabe #18, Juli/​August 2015.

Konsum

Haben’s gekauft, es freut sie baß;
Eh man’s denkt, so betrübt sie das.

Willst du nichts Unnüt­zes kaufen,
Mußt du nicht auf den Jahr­ma­krt lau­fen.Johann Wolf­gang Goe­the, Sprichwörtlich

Plagiarius

Übri­gens sagen alle Unpar­tei­ischen, daß fast wir alle es nicht so machen wie Fibel, son­dern viel schlim­mer, weil wir nicht, wie er, nur auf anony­me Gedan­ken eines Ein­zel­nen, son­dern auf die unzäh­li­gen vie­ler Tau­sen­de, gan­zer Zeit­al­ter und Biblio­the­ken unsern Namen unter dem Titel »unse­re gelehr­te Bil­dung« set­zen und sogar bald dem, bald den Pla­gia­ri­us sel­ber steh­len.Jean Paul; Leben Fibels, des Ver­fas­ser der bien­ro­di­schen Fibel

Twitterlieblinge Juni 2015

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(ergie­bi­ger monat, der juni …)

Taglied 20.6.2015

Aidan Bak­er & Idklang, Whe­re We’­re From, The Birds Sing A Pret­ty Song:

Taglied 18.6.2015

Jonas Kocher & Ilan Manouach, Ske­le­ton Draft III:

Ins Netz gegangen (18.6.)

Ins Netz gegan­gen am 18.6.:

  • Ste­fan Nig­ge­mei­er | Der Ehr­geiz des Ste­fan Raab – ste­fan nig­ge­mei­er schreibt einen nach­ruf auf ste­fan raab (zumin­dest liest es sich über wei­te stre­cken so …)
  • Pro­fil, ver­scha­chert für 25 Cent – con­stan­ze kurz in ihrer faz-kolum­ne über die selt­sa­me digi­tal­po­li­tik der kanzlerin

    War­um soll­te sich aber dar­an in Zukunft nicht mehr nur ein klei­ner Kreis von Kon­zer­nen eine gol­de­ne Nase ver­die­nen, son­dern plötz­lich – falls end­lich die stö­ren­den Skep­ti­ker aus dem Weg gehen – Big Data zum Segen für die deut­sche Wirt­schaft wer­den? Glaubt die Bun­des­kanz­le­rin, die Big-Data-Köni­ge wer­den ihre Ser­ver-Hal­len, Cloud-Stand­or­te und Rechen­zen­tren nebst den For­schungs­zen­tren und den klügs­ten Data-Mining-Köp­fen, die sie inter­na­tio­nal ein­ge­kauft haben, den deut­schen Unter­neh­mern abtre­ten, wenn die­se nur ihre skep­ti­sche Hal­tung ablegen?

  • Rachel Dole­zal: Die Far­ben­fra­ge | ZEIT ONLINE – ein sehr klu­ger, aus­führ­li­cher und abwä­gen­der text von nils mark­wardt über rachel dole­zal, schwarz und weiß und die (aus deutscher/​meiner sicht reich­lich merk­wür­dig anmu­ten­de) dis­kus­si­on um „ras­se“ als identitätsmarker

    Doch was folgt nun aus dem Gan­zen? Sofern race eine sozia­le Kon­struk­ti­on ist, stellt sich die hypo­the­ti­sche Fra­ge, ob das Pas­sing von Rachel Dole­zal nicht zumin­dest dann legi­tim gewe­sen wäre, wenn sie mit offe­nen Kar­ten gespielt hät­te, wenn sie also von vorn­her­ein publik gemacht hät­te, dass sie als Wei­ße gebo­ren wur­de, sich aber als Schwar­ze fühlt.
    Doch selbst dann hät­te die­ser Fall ein ent­schei­den­des Pro­blem, das sich aus einer his­to­ri­schen Unter­drü­ckungs­ge­schich­te ablei­tet. Wenn man solch ein trans­ra­cial-Kon­zept radi­kal zu Ende denkt, hie­ße dies ja, dass letzt­lich jede Form eth­ni­scher Selbst­be­schrei­bung indi­vi­du­ell ver­han­del­bar wür­de. Und dies wür­de dann, zumin­dest bis zu einem gewis­sen Gra­de, eben­falls bedeu­ten, dass letzt­lich auch jene affir­ma­ti­ven schwar­zen Iden­ti­täts­kon­zep­te, etwa black­ness oder négri­tu­de, die nicht zuletzt auch als Reak­ti­on auf jahr­hun­der­te­lan­ge Repres­si­on durch Wei­ße ent­stan­den sind, obso­let wür­den oder sich zumin­dest soweit öff­nen müss­ten, dass auch Wei­ße „I’m proud to be black“ sagen könnten.
    Sprich: Man hät­te, wenn auch unge­wollt und mit den Mit­teln wei­ßer dekon­struk­ti­vis­ti­scher Essen­tia­lis­mus­kri­tik, aber­mals eine Situa­ti­on, in der Schwar­zen gesagt wird, wie sie ihre Kul­tur zu defi­nie­ren haben.

  • Wie ich Femi­nist wur­de | Log­buch Suhr­kamp – ein sehr per­sön­li­cher, auf­schluss­rei­cher und inter­es­san­ter text von tho­mas meine­cke (fast eine art bekennt­nis), im dem es um den weg zum selbst und zum schrei­ben (und auch: dem ver­ste­hen von welt und mensch) geht

    In die­sem ästhe­tisch-poli­ti­schen Spalt las­sen sich dis­kur­si­ve Roma­ne ver­fas­sen, die von ande­ren Din­gen erzäh­len als jene, die von den gro­ßen männ­li­chen, ver­meint­lich geschlos­se­nen, auf jeden Fall sich als auto­nom insze­nie­ren­den Autor-Sub­jek­ten (oft als Genies bezeich­net) ver­fasst wur­den (und wei­ter­hin mun­ter ver­fasst wer­den). Die gro­ße Bina­ri­tät, wie sie dem an der Kate­go­rie der Klas­se ori­en­tier­ten poli­ti­schen Den­ken und Schrei­ben anhaf­te­te, wur­de nun durch einen genau­en Blick auf die klei­nen Unter­schie­de, auf sub­ti­le Ver­schie­bun­gen und Modu­la­tio­nen abgelöst

  • Tre­asu­re In Hea­ven | Lapham’s Quar­ter­ly – peter brown über die „kam­pa­gne“ des frü­hen chris­ten­tums und beson­ders hie­ro­ny­mus’, euer­ge­tis­mus in christ­li­ches almo­sen­ge­ben zu verwandeln

    Altog­e­ther, to accept Chris­ti­an prea­ching was to make a major shift in one’s image of socie­ty. In terms of the social ima­gi­na­ti­on, it invol­ved not­hing less than moving from a clo­sed uni­ver­se to an open one. We begin, in the clas­si­cal world, with a honey­comb of litt­le cities, in each of which the rich thought of nur­tu­ring only their fel­low citi­zens, with litt­le regard to whe­ther any of them were poor. We end, in Chris­ti­an times, with an open uni­ver­se, whe­re socie­ty as a whole—in town and coun­try­si­de alike—was seen to be ruled, as if by a uni­ver­sal law of gra­vi­ty, by a sin­gle, bleak divi­si­on bet­ween rich and poor. The duty of the Chris­ti­an pre­a­cher was to urge the rich no lon­ger to spend their money on their bel­oved, well-known city, but to lose it, almost heed­less­ly, in the face­l­ess mass of the poor. Only that utter­ly coun­ter­fac­tu­al gesture—a ges­tu­re that owed not­hing to the claims of one’s home­town or of one’s fel­low citizens—would earn the rich “tre­asu­re in heaven.” 

  • Der Pia­nist Mau­ri­zio Pol­li­ni im Inter­view – ein sehr, sehr gutes, inter­es­san­tes und intel­li­gen­tes gespräch zwi­schen zwei beet­ho­ven-lieb­ha­bern, jan brach­mann und mau­ri­zio pol­li­ni, anläss­lich der voll­endung sei­ner auf­nah­me aller beethoven-sonate

    Es gibt in Beet­ho­vens Musik Momen­te, die in die Nähe reli­giö­ser Erfah­rung füh­ren kön­nen. Momen­te von gestei­ger­tem Enthu­si­as­mus. Ich will das gar nicht leug­nen. Ich per­sön­lich fin­de, dass man nicht not­wen­di­ger­wei­se an Reli­gi­on den­ken muss, um die­se Musik zu wür­di­gen. Es ist nur deren Grö­ße, wel­che die ästhe­ti­sche Begeis­te­rung schnell ins Reli­giö­se umschla­gen las­sen kann.[…] Das Pro­blem liegt dar­in, dass Beet­ho­vens Wer­ke so viel­ge­stal­tig sind. Er wech­selt Stil und Stim­mung von Stück zu Stück. Es wie­der­holt sich nichts. Des­halb sind die­se Sona­ten so schwer zu spie­len. Die Kennt­nis der einen Sona­te hilft Ihnen über­haupt nicht wei­ter bei der nächsten.

  • Dop­pel­te Unfall­ge­fahr: Helm­trä­ger in Müns­ter öfter im Kran­ken­haus | Rad­helm­fak­ten – eine etwas beun­ru­hi­gen­de samm­lung von daten der unfall­sta­tis­ti­ken: es scheint so, dass die ver­let­zungs­ra­te bei helm­trä­gern in unfäl­len deut­lich grö­ßer ist als bei nicht-helm­trä­gern. das wider­spricht schön jeder all­tags­lo­gik – und es ist über­haupt nicht klar, war­um das so ist … 
  • DER NERD: EINE MINI-PHÄNOMENOLOGIE | Das Schöns­te an Deutsch­land ist die Auto­bahn – sehr coo­le über­le­gun­gen von georg seeß­len zum nerd­tum, der pop-)kultur und ins­be­son­de­re dem deut­schen nerd:

    Jede Kul­tur hat die Nerds, die sie ver­dient. Den Geist einer Comic-Serie, eines TV-Events, eines Star-Ima­gos oder einer Buch­rei­he, einer Sport­art, einer Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­nik, einer Pro­dukt­li­nie erkennt man an ihren Nerds.[…] Der deut­sche Nerd liebt nicht, was er sich erwählt hat, son­dern er hasst, was dem ent­ge­gen oder auch nur außer­halb steht. Der deut­sche Nerd denkt immer hier­ar­chisch. Er will unbe­dingt Ober-Nerd wer­den. Er will das Nerd-Tum orga­ni­sie­ren. Statt Exege­sen pro­du­ziert er Vor­schrif­ten, statt Got­tes­diens­ten sei­nes Kul­tes hält er Gerichte.

Rosenpracht

Am Wochen­en­de im Odenwald:

16. Juni 1904

Ste­phen clo­sed his eyes to hear his boots crush crack­ling wrack and shells. You are wal­king through it how­so­me­ver. I am, a stri­de at a time. A very short space of time through very short times of space. Five, six: the nach­ein­an­der. Exact­ly: and that is the ine­luc­ta­ble moda­li­ty of the audi­ble. Open your eyes. No. Jesus! If I fell over a cliff that beet­les o’er his base, fell through the neben­ein­an­der ine­luc­ta­b­ly! I am get­ting on nice­ly in the dark. My ash sword hangs at my side. Tap with it: they do. My two feet in his boots are at the ends of his legs, neben­ein­an­der. Sounds solid: made by the mal­let of Los Demi­ur­gos. Am I wal­king into eter­ni­ty along San­dy­mount strand? Crush, crack, crick, crick. Wild sea money. Domi­nie Dea­sy kens them a’. Won’t you come to San­dy­mount, Made­line the mare?

Rhythm beg­ins, you see. I hear. Aca­talec­tic tetra­me­ter of iambs mar­ching. No, agal­lop: deline the mare.

Open your eyes now. I will. One moment. Has all vanis­hed sin­ce? If I open and am for ever in the black adia­pha­ne. Bas­ta! I will see if I can see.

See now. The­re all the time wit­hout you: and ever shall be, world wit­hout end.

They came down the steps from Leahy’s ter­race pru­dent­ly, Frau­en­zim­mer: and down the shel­ving shore flab­bi­ly, their splay­ed feet sin­king in the sil­ted sand. Like me, like Algy, coming down to our migh­ty mother. Num­ber one swung lour­di­ly her midwife’s bag, the other’s gamp poked in the beach. From the liber­ties, out for the day. Mrs Flo­rence Mac­Ca­be, relict of the late Patk Mac­Ca­be, deep­ly lamen­ted, of Bri­de Street. One of her sis­ter­hood lug­ged me sque­al­ing into life. Crea­ti­on from not­hing. What has she in the bag? A mis­birth with a trai­ling navel­cord, hus­hed in rud­dy wool. The cords of all link back, strand­ent­wi­ning cable of all fle­sh. That is why mys­tic mon­ks. Will you be as gods? Gaze in your ompha­los. Hel­lo! Kinch here. Put me on to Eden­ville. Aleph, alpha: nought, nought, one.

Spou­se and help­ma­te of Adam Kad­mon: Heva, naked Eve. She had no navel. Gaze. Bel­ly wit­hout ble­mish, bul­ging big, a buck­ler of taut vel­lum, no, whit­ehe­aped corn, ori­ent and immor­tal, stan­ding from ever­las­ting to ever­las­ting. Womb of sin.

Wom­bed in sin dark­ness I was too, made not begot­ten. By them, the man with my voice and my eyes and a ghost­wo­man with ashes on her breath. They clas­ped and sun­de­red, did the coupler’s will. From befo­re the ages He wil­led me and now may not will me away or ever. A lex eter­na stays about Him. Is that then the divi­ne sub­s­tance whe­r­ein Father and Son are con­sub­stan­ti­al? Whe­re is poor dear Ari­us to try con­clu­si­ons? War­ring his life long upon the con­trans­ma­gni­fi­cand­jew­bang­tan­tia­li­ty. Ill­star­red here­si­arch’ In a Greek water­c­lo­set he brea­thed his last: eutha­na­sia. With bea­ded mit­re and with cro­zier, stal­led upon his thro­ne, widower of a wido­wed see, with upstif­fed omo­pho­ri­on, with clot­ted hinderparts.

Airs rom­ped round him, nip­ping and eager airs. They are coming, waves. The white­ma­ned seahor­ses, cham­ping, bright­wind­brid­led, the steeds of Mananaan.

I must­n’t for­get his let­ter for the press. And after? The Ship, half twel­ve. By the way go easy with that money like a good young imbecile.

Yes, I must.

His pace sla­cke­ned. Here. Am I going to aunt Sara’s or not? My con­sub­stan­ti­al father’s voice. Did you see any­thing of your artist brot­her Ste­phen late­ly? No? Sure he’s not down in Stras­burg ter­race with his aunt Sal­ly? Could­n’t he fly a bit hig­her than that, eh? And and and and tell us, Ste­phen, how is uncle Si? O, wee­ping God, the things I mar­ried into! De boys up in de hay­l­oft. The drun­ken litt­le cos­t­dra­wer and his brot­her, the cor­net play­er. High­ly respec­ta­ble gon­do­liers! And skew­ey­ed Wal­ter sir­ring his father, no less! Sir. Yes, sir. No, sir. Jesus wept: and no won­der, by Christ!

I pull the whee­zy bell of their shut­te­red cot­ta­ge: and wait. They take me for a dun, peer out from a coign of vantage.

James Joy­ce, Ulysses

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