Freundlich sein

Freund­li­ch sein.
[…] Man soll­te es mit allen Mit­teln ver­su­chen. Man soll­te immer ein paar Melo­dien im Kopf haben, daß man ein­falls­lo­sen Stra­ßen­gei­gern Vor­schlä­ge machen kann. 

—Chris­to­ph Meckel, Freund­li­ch sein (1961)

Mozart mit japanischer Disziplin: Masaaki Suzukis „Requiem“

mozart, requiemNun also auch Masaaki Suzuki: Der Dirigent hat mit seinem Bach Collegium Japan jetzt auch den namensgebenden Bach und sein direktes Umfeld verlassen. Die großen Dirigenten der historisch informierten Aufführungspraxis machen das ja schon einige Zeit vor und sind inzwischen bereits im 20. Jahrhundert angelangt. Ganz so weit reist Suzuki in der Zeit nicht - aber bis Mozart hat er es inzwischen auch geschafft. Und sogar bis ganz an dessen Ende: Da steht das Requiem - so dicht am Tod, dass es unvollendet blieb.

Fertigstellungen des Fragments gibt es ohne Zahl, nur übertroffen von den Mythen, die sich um das Requiem und den Tod seines Schöpfers ranken. Masaaki Suzuki fügt dem für seine jetzt erschiene Aufnahme des Requiems eine eigene Vervollständigung hinzu - die aber wiederum sehr stark auf den bekannten Ergänzungen Franz Xaver Süßmayers beruht, sie hauptsächlich um kleine Änderungen in der Instrumentation fortschreibt sowie mit Joseph Eyblers Arbeiten ergänzt. Neu ist hier vor allem eine kurze Amen-Fuge am Ende der Sequenz, die Suzuki selbst auf der Basis einer Mozart-Skizze (die dem Requiem nicht eindeutig zugeordnet werden kann) gesetzt hat.

Und neu ist bei dieser Aufnahme vor allem der herrliche Klang des Bach Collegiums Japan, der Mozart bisher versagt blieb. Und da sie all ihre Vorzüge, zu denen an erster Stelle ihr disziplinierter, klarer und heller Klang mit deutlichster Artikulation gehört, auch bei Mozart einsetzen, wird das Requiem zu einem sehr reinen Vergnügen. Zumal Suzuki auch hier emotional sehr kontrolliert bleibt - es gibt zweifellos überschäumendere Aufnahmen - und auf pathetische Gesten oder aufsehen erregende Effekte ganz verzichtet. Die stringent leuchtende Klarheit, die er – und vor allem die Sänger des Bach Collegiums – dem Lacrimosa mitgeben: Das ist großartig. Denn die Hauptqualität seiner Aufnahme ist unbestreitbar: Man hört einfach alles, was in der Partitur passiert. Suzuki musiziert das Requiem mit einer schlanken Lebendigkeit und pointierter Platizität: Nichts scheint seiner Aufmerksamkeit zu entgehen, alle Teile erklingen in einer vibrierenden Ausgeglichenheit. Die Präzision der Artikulation und Phrasierung lassen auch die durchaus sehr zügigen Tempi ganz unproblematisch und natürlich erscheinen: Die Spannung bleibt über das gesamte Requiem hinweg hoch, ein Nachlassen kennt Suzuki kaum. Der feine, detailreiche Klang - an dem auch die um neutrale und genaue Abbildung bemühte Tontechnik von BIS großen Anteil hat - zeugt von akkurater Vorbereitung und präziser Ausführung, selbst in bewegten und turbulenten Sätzen wie dem Kyrie. Chor und Orchester - beides nicht sehr groß besetzt - befinden sich hier immer in wunderbarster Balance. In jedem Moment hat man den Eindruck, den ganzen, den reinen Mozart zu hören - und vergisst darüber gerne, dass hier gar nicht so viel vom Meister selbst erklingt. Auch die Solisten, allen voran die Sopranistin Carolyn Sampson, passen sich in dieses fein austarierte Klanggeschehen fugenlos ein, wie das fast opernhafte Recordare schon beim ersten Hören beweist. Ergänzt wird das formidable Requiem auf der vorliegenden SACD noch um eine energisch strahlende Aufnahme der "Vesperae solennes de confessore" (KV 339) aus Mozarts Salzburger Zeit.

Wolfgang Amadeus Mozart: Requiem d-moll (KV 626), vervollständigt von Masaaki Suzuki; Vesperae solennes de confessore (KV 339). Carolyn Sampson, Marianne B. Kielland, Makoto Sakurada, Christian Immler, Bach Collegium Japan, Masaaki Suzuki. BIS 2091, 2014.

(zuerst erschienen in "Chorzeit - Das Vokalmagazin", #13 Februar 2015)

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Ins Netz gegangen (24.2.)

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  • Edi­ti­on: Hit­lers „Mein Kampf“ kommt 2016 rund 2000 Sei­ten dick – DIE WELT – sven felix kel­ler­hoff war bei der vor­stel­lung der kom­men­tier­ten aus­ga­be von hit­lers „mein kampf“, die er sehr begrüßt:

    Das IfZ und sein Vize­chef Magnus Brecht­ken jeden­falls sind den rich­ti­gen Weg in einer offe­nen Gesell­schaft gegan­gen: Sie suchen gegen den offen­sicht­li­ch beschränk­ten Hori­zont von Beam­ten und (eini­gen) Poli­ti­kern in Mün­chen die Unter­stüt­zung der Öffent­lich­keit. Denn jede Fort­set­zung des absur­den Tan­zes um Hit­lers „Mein Kampf“ führt nur in die Irre.

  • Ver­bot für Brechts Stück „Baal“: In Gra­bes­ru­he – taz.de – es ist ganz ein­fach mit dem brecht-thea­ter:

    Es zählt zur pos­tu­men Iro­nie von Brechts Leben, dass der gro­ße Zer­trüm­me­rer des Klas­si­ker­thea­ters schluss­end­li­ch selbst zum Klas­si­ker gewor­den ist. Pos­tum wer­den Brechts Ide­en in Stein gemei­ßelt, wofür sie der Autor nie vor­ge­se­hen hat­te.

  • Kie­ler Matro­sen­auf­stand 1918 : Berühm­tes Foto ent­puppt sich nach fast 100 Jah­ren als Irr­tum – quel­len­kri­tik bei foto­gra­fi­en ist eine schwie­ri­ge und auf­wän­di­ge sache:

    Erstaun­li­cher Erkennt­nis im Bun­des­bild­ar­chiv: Das bekann­tes­te Foto, mit dem seit fast 100 Jah­ren der Kie­ler Matro­sen­auf­stand von 1918 illus­triert wur­de, ist in Wahr­heit in Ber­lin ent­stan­den.

    hier war es die „ori­gi­nal­vor­la­ge“ (was auch immer das gen­au ist …), die durch ihre beschrif­tung eine kor­rek­tur erzwang

  • Alte Schrif­ten – wahn­sin­nig umfang­reich, auch mit eini­gen ttf-fonts für aus­ge­fal­le­nes wie die mero­win­gi­sche minus­kel …

    Auf die­sen Sei­ten fin­den Sie eine Samm­lung alter Schrift­zei­chen aller Völ­ker und Kul­tu­ren von Abur bis Zapo­te­ki­sch.

Hessische Mathematik und das Stöffsche

In Hes­sen wer­den jedes Jahr bei wei­tem nicht alle Äpfel gepflückt, sie ver­fau­len an den Bäu­men. Dabei zahl­ten Kel­te­rei­en zwi­schen 10 und 13 Euro pro Dop­pel­zent­ner Äpfel

schreibt die FAZ heu­te, nach­dem eini­ge hes­si­sche Kel­te­rei­en wohl dabei erwischt wor­den, auch „frem­des“ Obst zu ver­ar­bei­ten. Das hier ver­steck­te „Dabei“ muss man sich auf der Zun­ge zer­ge­hen las­sen: Ein Dop­pel­zen­ter hat 100 Kilo­gramm, dafür bekommt man gan­ze 10 Euro (manch­mal auch mehr, manch­mal auch weni­ger …). Dafür muss man die Äpfel­bäu­me haben, d.h. den Grund nicht anders­wei­tig nut­zen. Man muss die Bäu­me pflan­zen und lan­ge, lan­ge war­ten, bis so sein Baum einen Dop­pel­zen­ter gibt (zehn Jah­re wer­den kaum rei­chen). Man muss die Bäu­me pfle­gen (soll­te man zumin­dest, gut, das kann man sich viel­leicht spa­ren). Wenn man die Äpfel nicht aus einem Dor­nen­ge­strüpp auf­sam­meln will, muss man unter den Bäu­men mähen. Das geht oft nicht mit einem Trak­tor, son­dern nur mit einem Rasen­mä­her (den man auch haben soll­te). Man muss die Äpfel auf­le­sen. Einen Dop­pel­zen­ter schafft man auch nicht in zehn Minu­ten … Und, nicht zu ver­ges­sen, man muss sie auch noch zur Kel­te­rei brin­gen. Die sind näm­li­ch nicht bei den Bäu­men und die kom­men auch nicht vor­bei – das heißt, man braucht auch noch ein Fahr­zeug und Treib­stoff (Dop­pel­zen­tern­wei­se Äpfel mit dem Fahr­rad oder zu Fuß trans­por­tie­ren wür­de zwar fit machen, aber nicht sehr ertrag­reich sein …). Und dann darf man froh sein, wenn man 10 Euro für den Dop­pel­zen­ter Äpfel bekommt. Und da wun­dern die sich ernst­haft, dass das in einem der reichs­ten Län­der der Welt nicht mehr so vie­le machen wol­len?

(Und, nur so neben­bei: Ein Apfel­wein, der nach vier Wochen fer­tig ist – das geht doch auch nicht ohne Zusät­ze? Nor­ma­ler­wei­se dau­ert das eher vier Mona­te …)

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