Zum Inhalt springen →

Aus-​Lese #18

Tobi­as Prem­per: Durch Bäu­me hin­durch. Göt­tin­gen: Steidl 2013. 93 Seiten.

Und schon wie­der kur­ze Pro­sa ohne Gat­tung: Sze­nen, Ein­fäl­le, … – Vignet­ten fasst das wohl am bes­ten zusam­men. Prem­per sam­melt hier Absur­des, Gro­tes­kes, Komi­sches, Phan­tas­ti­sches unge­heu­er ver­dich­tet. Nur sel­ten ist ein Text eine gan­ze Sei­te (oder mehr) lang. Das ist vor allem eines: irr­sin­nig amü­sant. Dabei ist das aber über­haupt nicht hirn­los, denn in der Kürzest-​Prosa über Bäu­me und Men­schen, über Nor­ma­li­tät und das Leben, über Träu­me und Erschei­nun­gen, wun­der­sa­me Beg­nun­gen, Abnor­ma­li­tä­ten als Grund­stim­mung, Nor­ma­li­tät als Aus­nah­me ste­cken alles gro­ßen Fra­gen – selbst wenn das als „Sze­ne aus dem wirk­li­chen Leben“ über­schrie­ben ist. Vor allem zeigt Prem­per aber immer wie­der die Absur­di­tät der Bana­li­tät des All­tags, des ganz nor­ma­len Lebens mit sei­nen unzäh­li­gen, immer glei­chen Hand­lun­gen, Momen­ten und Erfah­run­gen. Ein wirk­lich groß­ar­ti­ges Vergnügen!

War­um mann Bücher machen muss“: Weil man sonst wie­der Frau­en ver­brennt und Scha­fe fickt. (38)

Moritz Rin­ke: Wir lie­ben und wis­sen nichts. Rein­bek: Rowohlt 2013. 124 Seiten.

Wir lie­ben und wis­sen nichts ist ein net­tes Kam­mer­spiel über moder­ne Paa­re, über Lie­be, Bezie­hung, Kom­mu­ni­ka­ti­on und den gan­zen Rest – eine Varia­ti­on eines bekann­ten The­mas also:

Kann man zusam­men­blei­ben, wenn man sich die Wahr­heit sagt? (121)

Ganz geschickt gemacht ist das, und gut ver­packt – da merkt man die Erfah­rung Rin­kes. Und natür­lich spie­len auch und vor allem die Zumu­tun­gen des (post-)modernen Kapi­ta­lis­mus eine wesent­li­che Rol­le: „[…] ich glau­be, die Lie­be ist irgend­wann mit dem Kapi­ta­lis­mus zusam­men­ge­sto­ßen und dabei kaputt­ge­gan­gen.“ (112)

Peter Salo­mon: Die Jah­re lie­gen auf der Lau­er. Neue Gedich­te. Eggin­gen: Edi­ti­on Ise­le 2012. 90 Seiten.

Lei­der fand ich den Band nicht ganz so span­nend, wie die Rezen­si­on erwar­ten ließ. Salo­mon schreibt hier vor allem so etwas wie erzäh­len­de Gedich­te: Vie­le „intak­te“ Sät­ze, die nur behut­sam umge­bro­chen und so in die lyri­sche Form gebracht wer­den. Es geht viel ums Erin­nern, vie­le Made­lei­nes, und viel alte BRD tau­chen hier auf, aber auch viel Glück – das aber nie dau­er­haft und sicher ist: „Ich ging nach Hau­se, ich glau­be /​ Glück­lich – “ (66) schlie­ßen die „Momen­te des Glücks“, die genau so einen Moment des Endens der Ver­gan­gen­heit, des Nie­der­le­gens eines alten Gebäu­des auf­zei­gen. Genau die­ser das Ende offen las­sen­de, andeu­ten­de Gedan­ken­strich beschließt nicht weni­ge sei­ner Gedich­te („Es war, als gäbe es nie ein Ende – “ (71)) Vie­les ist hier ganz nett, aber berührt mich nicht sehr nach­drück­lich: Viel­leicht ist es des­halb für mich nicht so span­nend, weil Salo­mon der Kraft und Gestalt der „nor­ma­len“ Spra­che weit­ge­hend ver­traut – ich bevor­zu­ge momen­tan Lyri­ker, die Spra­che sozu­sa­gen gegen den Strich bürs­ten, wesens­fremd ver­wen­den – und dar­aus Bedeutung(en) erzeu­gen. Das pas­siert hier nicht.

Das Buch als Maga­zin #2: Woyzeck

Sehr schön und inspi­rie­rend: Gute gra­fi­sche Gestal­tung, vor allem span­nen­de und anre­gen­de Foto­gra­fien. Und natür­lich auch inter­es­san­te, fes­seln­de Tex­te. Zum Bei­spiel das wun­der­ba­re Inter­view mit einer psy­cha­t­ri­schen Oberärtztin …

Georg Büch­ner: Lenz. Her­aus­ge­ge­ben von Eva-​Maria Vering and Wer­ner Wei­land. Darm­stadt: Wis­sen­schaft­li­che Buch­ge­sell­schaft 2001 (=Sämt­li­che Wer­ke und Schrif­ten. Historisch-​kritische Aus­ga­be mit Quel­len­do­ku­men­ta­ti­on und Kom­men­tar (Mar­bur­ger Aus­ga­be), Band 5).

Ein Klas­si­ker, natür­lich … Ein biss­chen Büch­ner-Lek­tü­re muss zu sei­nem 200. Geburts­tag auch unbe­dingt sein. Der Lenz fes­selt mich immer wie­der: Die Inten­si­tät und die gewal­ti­ge Spra­che der Erzäh­lung fin­de ich fas­zi­nie­rend. Auch wenn mir die­ses Mal sehr auf­ge­fal­len, wie „unfer­tig“ der Text eigent­lich ist …

Diet­mar Dath: Klei­ne Poli­zei im Schnee. Erzäh­lun­gen. Ber­lin: Ver­bre­cher 2012. 236 Seiten.

Klei­ne Poli­zei im Schnee ist ein typi­scher Dath. Natür­lich ist das (wie­der) eine Mischung aus Sci-​Fi, Dys- & Uto­pie, Gegen­warts­be­schrei­bung & ‑kri­tik, phan­tas­ti­scher und rea­lis­ti­scher Lite­ra­tur (sein Mar­ken­zei­chen und eine sei­ner bes­ten Qua­li­tä­ten – der größ­te Sti­list ist er schließ­lich nicht …). Unty­pisch ist nur die klei­ne, kur­ze Form von sehr unter­schied­li­cher Län­ge, die sei­nen Kos­mos etwas zugäng­li­cher wir­ken las­sen als die gro­ßen Schin­ken. Dabei ist zugäng­lich aber rela­tiv. Denn wie­der prä­gen Ver­knüp­fun­gen kreuz und quer die­se Tex­te (die eigent­lich einen gro­ßen Text bil­den). Es gibt also viel zu ent­wir­ren: Dath prak­ti­ziert ein sehr fas­zi­nie­ren­des Erzäh­len aus ver­schie­de­nen Rich­tun­gen. Man kann (und darf) das dann wie ein Puz­zle zusam­men­set­zen. Die ein­zel­nen Tei­le sind aber auch schon sehr schön, so dass es nicht so schlimm ist, wenn das Puz­zle nicht ganz fer­tig wird ;-). (Daths Werk gibt mal viel Arbeit für flei­ßi­ge Ger­ma­nis­ten, mit all sei­nen intra- und inter­tex­tu­el­len Allu­sio­nen und Bezü­gen, v.a. inner­halb sei­nes eige­nen Werkes …)

Kon­se­quenz ist näm­lich noch schö­ner als Erfolg. (167)

Veröffentlicht in diverses

Kommentaren

    Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.