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Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

marlene streeruwitz’ „der abend …“ beim neuen verlag weissbooks

das ist nun also mein ers­tes buch des neu­en ver­la­ges weiss­books: mar­le­ne stre­eru­witz: der abend nach dem begräb­nis der bes­ten freun­din. was sofort auf­fällt: das hand­li­che for­mat. es ist nur eine sehr schma­les bänd­chen, gera­de mal 60 sei­ten – dafür ist es unver­schämt teu­er. weiss­books ist der neue ver­lag des ehe­ma­li­gen geschäfts­füh­rers des suhr­kamp-ver­la­ges, rei­ner weiß, der den frank­fur­ter ver­lag im ungu­ten ver­ließ und jetzt sein eige­nes ding auf­zieht. die inne­re aus­stat­tung und gestal­tung sieht – wenig über­ra­schend – auf­fäl­lig nach suhr­kamp-büchern aus – wo das wohl her­kommt. dafür gibt sich das gan­ze (noch sehr beschei­de­ne) ver­lags­pro­gram­me ein­fach und sim­pel, außen sind die büchet wohl­tu­end schlicht: rei­nes schwarz-weiß – das ist mal ganz nett. aller­dings steht dann der ver­lags­na­me auch rich­tig groß auf dem umschlag – das fin­de ich wie­der­um etwas befremd­lich. und was das .w am ende soll (weissbooks.w), ist mir auch nicht so klar. genau­so wenig wie der grund, war­um ein deut­scher ver­lag …books hei­ßen muss. aber damit ist er ja nicht der ein­zi­ge. der satz ist übri­gens in mei­nen augen nur mit­tel­mä­ßig – mir sind die rän­der zu klein, auch bei einem sol­che klei­nen for­mat. aber immer­hin ist er regis­ter­hal­tig und mit absichts­vol­ler ver­mei­dung von schus­ter­jun­gen und huren­kin­dern – das ist ja schon mehr als bei fast allen gro­ßen deut­schen ver­la­gen heu­te zu bekom­men ist.

der text ist übri­gens sehr schön – ein ech­ter stre­eru­witz, so gese­hen: knapp und deut­lich, aber nie gefühl­los; über­legt, aber nicht intel­lek­tu­ell-ver­quast. er beschreibt den abschied einer frau von „der bes­ten freun­din” – das defi­ni­tiv­pro­no­men (anstel­le eines übli­chen pos­se­siv-pro­no­men) im titel ist gleich schon typisch für die autorin: es gibt nicht so sehr die (emo­tio­na­le) ver­ein­nah­mung von figu­ren durch den autor bzw. von figu­ren inner­halb des tex­tes, es wird immer eine wohl­tu­en­de, manch­mal etwas kühl wir­ken­de distanz gewahrt. die ich-erzäh­le­rin sin­niert also ange­sichts des begräb­nis­ses über tod und ster­ben nach, über abschied und (weiter-)leben: „sie war so damit beschäf­tigt, das ster­ben ernst zu neh­men, daß sie den tod über­se­hen hat.” (30) wie immer bei stre­eru­witz sind ihre cha­rak­te­re mehr oder min­der allein – was nicht unbe­dingt per se schlecht sein muss: „dann gehen wir bei­de in unse­re allein­wel­ten.” (33) und das nach­den­ken über das ster­ben – „ich weiß nicht, wie man das machen soll. ster­ben. wie die­se panik. die angst vor dem sarg. schon die vor­stel­lung den kör­per sprengt. panik. und kei­ne atta­cken. ein ste­tes anwach­sen. als müß­te die angst alles aus­fül­len, um dem tod kei­nen platz zu las­sen.” (50) – wird natür­lich ver­deckt und offen, bewusst und unbe­wusst für die erzäh­le­rin, zum nach­den­ken und sin­nie­ren über das (rich­ti­ge) leben. und weil das alles so schön unauf­ge­regt, ohne auf­ge­bla­se­ne empha­se, daher­kommt, wirkt es auch so authen­tisch. nur den schluss, den habe ich nicht so recht ver­stan­den: die letz­ten sei­ten ist der erzähl­text zur lyrik auf­ge­löst, mit kurz­zei­len in gleich­mä­ßi­gem zei­len­fall, mit noch mehr luft – das erschloss sich mir bis­her nocht nicht.

mar­le­ne stree­ur­witz; der abend nach dem begräb­nis der bes­ten freun­din. frank­furt am main: weiss­books 2008.

schubert is not dead

na, wer hät­te das gedacht ;-). aber in der tat, wenn ich mir die­se bei­den cds anhö­re (schu­bert is not dead, pump­kin records 2007) wird wie­der ein­mal klar, wie belast­bar schu­berts lie­der (denn nur dar­um geht es hier) auch im 21. jahr­hun­dert sind. die ers­te schei­be ist ganz der (lei­der nicht kom­plet­ten) win­ter­rei­se gewid­met, die zwei­te springt dann kreuz und quer durch das rest­li­che voka­le schaf­fen schu­berts. gut, alles ist nicht gera­de gro­ße kunst, man­ches ist auch für mich zu tra­shig und lo-fi. aber so alles in allem ist das doch eine net­te idee – und weil die meis­ten der (mir sowie­so unbe­kann­ten, vor­wie­gend offen­bar öster­rei­chi­schen) musi­ker sich nicht gera­de skla­visch an schu­berts noten­text hal­ten, den kern aber doch in der regel recht gut tref­fen, ist das eine der bes­se­ren „aktua­li­sie­run­gen” eines klas­si­schen kom­po­nis­ten der let­zen jahr(zehnt)e. anhören!

die ersten 1000 km sind geschafft

mit dem lauf von bin­gen nach mainz habe ich heu­te die gren­ze über­schrit­ten: die ers­ten 1000 km sind in die­sem jahr gelau­fen. trotz des etwas ver­hal­te­nen beginns ist das gar nicht so schlecht: 2,5 mona­te. wenn ich so wei­ter mache, dürf­te das mit den 5000 km in 2008 (eines mei­ner eher locke­ren zie­le für die­ses jahr) sogar klap­pen – wenn nichts dazwi­schen kommt.

der ultramarathonmann

als vor­be­rei­tung auf den renn­steig-super­ma­ra­thon sozu­sa­gen schon ein­mal pas­sen­de lek­tü­re: dean kar­na­zes’ ultra­ma­ra­thon­man. aus dem leben eines 24-stun­den-läu­fers (riva 2008). eini­ge beein­dru­cken­de lauf­schil­de­run­gen ver­sam­melt er dort, vor allem die erfah­rung sei­nes ers­ten offi­zi­el­len ultras, des 100 mei­len-lau­fes wes­tern sta­tes endu­rance. danach wird’s dann etwas, nun­ja, ver­rückt: bad­wa­ter hal­te ich ja schon für grenz­wer­tig, aber einen mara­thon zum süd­pol – das ist schon etwas selt­sam. und es hat ja selbst für sol­che läu­fer nur mit bie­gen und bre­chen funk­tio­niert. ansons­ten ganz net­tes büch­lein (lei­der nicht sehr inspie­rend über­setzt – höhen­an­ga­ben in fuß hel­fen mir nicht sehr viel …), das immer wie­der um den gedan­ken kreist, war­um men­schen eigent­lich sol­che extre­me din­ge tun. und das vor allem so ehr­lich ist, dar­auf kei­ne wirk­li­che ant­wort zu haben. ange­nehm auch, dass er rein auf sich selbst fixiert bleibt: plat­zie­run­gen und ergeb­nis­se spie­len (fast) gar kei­ne rol­le: hier – zumin­dest in dem buch – geht es kar­na­zes um das erleb­nis des lau­fens, die erfah­rung der über­win­dung aller mög­li­chen schmerzen …

so eini­ges wah­res steht da drin: „Lau­fen bedeu­te­te in ers­ter Linie: raus­ge­hen und Erfah­run­gen sam­meln. Ich sah, wie Gebäu­de ent­stan­den, wie die Vögel nach Süden zogen, un ich Wech­sel der Jah­res­zei­ten sah ich die Blät­ter fal­len und die Tage kür­zer wer­den“ (s. 30) – es ist im prin­zip banal und so ziem­lich jeder läu­fer hat dies wohl schon bemerkt. aber es stimmt. naja, von der art gibt es eine men­ge beob­ach­tun­gen und mei­nun­gen hier.

muntermacher am morgen und am abend

ich hät­te nie gedacht, dass das funk­tio­niert: raja­ton sings abba with lah­ti sym­pho­ny orches­tra. und dass ich so eine cd wirk­lich mag. aber es ist pas­siert. gera­de höre ich sie wie­der ein­mal, mei­ne momen­ta­ne lieb­lings-a-cap­pel­la-grup­pe: die fin­ni­schen raja­ton. (in finn­land ist die­se cd übri­gens ein gigan­ti­scher hit gewe­sen). und es ist enorm bemer­kens­wert, wie dicht die orches­ter­par­ti­tur am ori­gi­nal ist – das ist ziem­lich klas­se. und natür­lich die sän­ge­rin­nen und sän­ger: das fas­zi­nie­ren­de an raja­ton ist ja gene­rell ihre rie­si­ge band­brei­te an voka­len klang­far­ben. und hier wird das wie­der ein­mal deut­lich: sie klin­gen unwahr­scheinl sehr nach dem ori­gi­nal – nur ein tick bes­ser – gesang­lich gese­hen. noch eine neben­be­mer­kung: die songs von abba, das ist mir beim hören wie­der ein­mal sehr klar gewor­den, zäh­len ohne fra­ge zum bes­ten der pop-geschich­te – ech­te kunst­wer­ke schon, nahe an der per­fek­ti­on. das bes­te die­ser cd sind aber wirk­lich die rei­nen a‑cap­pel­la-ver­sio­nen (obwohl money, money, money auch nicht schlecht und vor allem der unwirk­lich zwar­te anfang von the win­ner takes it all bedrü­ckend schön ist): da ist etwa das ver­blüf­fen­de vou­lez-vous (mit zusätz­li­cher human beat­box), da einen enor­men dri­ve hat und wirk­lich groovt. und dann head over heels – das fängt fast harm­los, zieht dann mit sei­ner klang­li­chen macht aber total in den bann (auch wenn es nicht zu mei­nen abba-lieb­lings-songs gehört). und schließ­lich, ganz gro­ße kunst, bezau­bernd vom ers­ten voka­len trom­mel­wir­bel bis zum schluss­ton, fas­zi­nie­rend und ein­neh­mend: fer­nan­do. ganz gro­ße musik – thank you for the music, the song and the singing!

raja­ton sings abba with lah­ti sym­pho­ny orches­tra. plast­in­ka records 2006.

darjeeling tukdah 2007 ftgfop1 f.f.

noch einer von den fei­nen, hoch­klas­si­gen dar­jee­lings aus dem ange­bot von kolod­ziej & lie­der. ein tee, den man viel trin­ken kann – oder könn­te, wenn man sich den nicht ganz nied­ri­gen preis leis­ten möch­te ;-). auf jeden fall: zart und frisch, sehr bele­bend, mit einer ange­neh­men wür­ze, ins­ge­samt sehr fein, ele­gant und har­mo­nisch: aus­ge­spro­chen kul­ti­viert eben. wie gesagt: dar­an kann man sich gewöhnen …

zube­rei­tung: 13 gramm tee für 1,5 liter kochen­des was­ser, 2:15 minu­ten zie­hen las­sen (eher noch etwas kür­zer – bei län­ge­ren zieh­zei­ten ver­liert er doch etwas).

ausgespielt

in der tat, „aus­ge­spielt” hat nor­man lebrecht. er behaup­tet zwar, die „klas­sik­in­dus­trie” habe aus­ge­spielt. klas­sik­in­dus­trie meint übri­gens hier nur die majors der plat­ten­la­bels. und das ist eines der größ­ten pro­ble­me des autors: er sieht immer nur die hal­be wahr­heit, ist aber fel­sen­fest über­zeugt, dass er unbe­stech­lich bis auf den grund der tat­sa­chen sieht. sei­ne tat­sa­chen sind aber einer­seits ziem­lich banal, ande­rer­seits – und das lei­der viel häu­fi­ger – klatsch und tratsch. davon ist auch sei­ne schrei­be bestimmt – ziem­lich ner­vend, das gan­ze. z.b. zitiert er lie­bend ger­ne irgend­wel­che mana­ger oder musi­ker (vor­wie­gend diri­gen­ten …), die aber alle nichts sagen oder schrei­ben, son­dern stöh­nen, keu­chen, seuf­zen, jubi­lie­ren oder was auch immer … (das fast alle quel­len für die­se zita­te schrift­lich sind und über den akt des spre­chens nichts aus­sa­gen, ist da nur neben­säch­lich). in der tat, und das ist auch so ein pro­blem, kann lebrecht nur per­so­na­li­sie­ren: es sind nicht irgend­wel­che struk­tu­ren oder markt­ver­än­de­run­gen oder geschmacks­wan­del oder neue publi­ka, die den markt der majors beein­träch­ti­gen, son­dern immer nur – ganz weni­ge natür­lich – per­so­nen, die sei­ner mei­nung nach offen­bar nur in ihrer eige­nen rea­li­tät leben. auf die dau­er nervt das gan­ze ziem­lich, weil die eigent­li­chen infor­ma­tio­nen dar­in ver­schütt gehen und der kern der sache sowie­so ver­lo­ren ist. dass sich um die drei, vier gro­ßen labels inzwi­schen eine rie­si­ge men­ge mitt­le­rer und klei­ner labels gebil­det hat, die durch­aus erfolg­reich ope­rie­ren und den markt ver­sor­gen kön­nen, regis­triert lebrecht nur am ran­de – sein aktu­ells­tes bei­spiel dafür ist naxos, die inzwi­schen ihre ehe­mals vor­rei­ter­rol­le ja auch schon eine gan­ze wei­le ein­ge­büßt haben.

beson­ders abar­tig sind dann die ver­sam­mel­ten auf­nah­me-kri­ti­ken: da arbei­tet lebrecht näm­lich genau­so. er erzählt lie­ber irgend­wel­che klatsch­ge­schich­ten über die ent­ste­hung der plat­te oder cd, als sich mit den musi­ka­li­schen ergeb­nis­sen zu beschäf­ti­gen … nun­ja, ich fand’s aus­ge­spro­chen dürf­tig und sehr enttäuschend .…

nor­man lebrecht: aus­ge­spielt. auf­stieg und fall der klas­sik­in­dus­trie. mainz: schott 2007.

am sonn­tag war ich sozu­sa­gen dazu ver­don­nert, fast drei­ein­halb stun­den auf den unbe­que­men bän­ken des main­zer domes zu sit­zen. dafür gab es aber groß­ar­ti­ge musik zu hören:

Eigent­lich war schon nach weni­gen Tak­ten alles klar. Aber es blieb trotz­dem span­nend bis zur letz­ten Note. Denn der dicht ver­schlun­ge­ne Ein­gangs­chor der Mat­thä­us­pas­si­on von Bach ist in jeder Auf­füh­rung ein ers­ter Prüf­stein. Im Main­zer Dom war sofort zu hören, dass hier erfah­re­ne Musi­ker am Werk sind, die ihre Auf­ga­be sehr ernst neh­men. Denn was dem Dom­ka­pell­meis­ter Mathi­as Breit­schaft gelang, war bezeich­nend: Auf der einen Sei­te form­te er einen kla­ren, bis ins Detail genau über­schau­ba­ren Ver­lauf. Ande­rer­seits aber barst die gan­ze Pas­si­ons­ver­to­nung von der ers­ten Note an schier vor unge­heu­rer Expres­si­vi­tät. Genau die­sen Spa­gat ver­langt Bachs Mat­thä­us­pas­si­on vom Diri­gen­ten immer wie­der: Einer­seits ist da die­ses monu­men­ta­le Rie­sen­werk, die­se über­gro­ße und über­mensch­li­che Kom­po­si­ti­on und die aus­ufern­den Kom­men­ta­re dazu, wie das rich­tig und in Bachs Sin­ne auf­zu­füh­ren sei. Ande­rer­seits ist da aber eine Par­ti­tur, die vol­le Empha­se und gan­zen Ein­satz ver­langt. Und genau dar­an hält sich Breit­schaft. Er bemüht sich nicht um eine aka­de­misch oder his­to­ri­sche kor­rek­te Auf­füh­rung. Er will ver­kün­den, er will erzäh­len und über­zeu­gen. Den rhe­to­ri­schen Cha­rak­ter der Bach­schen Musik macht er zu sei­nem Maß­stab. Und dabei gelin­gen ihm drei Stun­den groß­ar­ti­ge Musik – von Anfang bis zum Ende fas­zi­niert die­se Auf­füh­rung mit der Fül­le ihrer Raf­fi­nes­se im Detail. Das ist vor allem ein Ver­dienst der Dom­kan­to­rei. Wie die Sän­ger mit ihrem wei­chen, schmieg­sa­men Klang, der auf­fäl­lig wand­lungs­fä­hig ist und vor allem, das ist das ent­schei­den­de über­haupt, immer aus der Tie­fe des Her­zens zu kom­men scheint, immer wie­der ver­füh­ren – das ist ein­fach groß­ar­tig. An einem ein­zel­nen Wort hängt oft ein gan­zer Cho­ral, eine Sil­be gibt allem Bedeu­tung – und alles stimmt per­fekt bis die aller­feins­te Nuan­ce, es ist jetzt gar nicht mehr anders vor­stell­bar. Vor so einem impo­san­ten Hin­ter­grund haben es die Solis­ten etwas schwer. Sie machen ihre Sache aber trotz­dem gut. Wäh­rend der Chris­tus von Hans-Georg Dech­an­ge sou­ve­rän begann, dann aber recht bald sehr deut­lich ermat­te­te, benö­tig­te Tho­mas Dewald eine Wei­le, um zur Hoch­form auf­zu­lau­fen. Dann aber gab er einen sehr empa­thi­schen Evan­ge­lis­ten, der sich per­fekt ins Kon­zept ein­pass­te. Neben den soli­den Leis­tun­gen von Clau­dia von Til­zer und Ali­son Brow­ner war es vor allem noch der Bass Patrick Pobe­schin, der durch die fein­sin­ni­ge Aus­ge­stal­tung auf­fiel. Und dann war da natür­lich noch der sin­gen­de Diri­gent: In Gedan­ken tut Breit­schaft dies ja immer – hier durf­te er es aber auch ein­mal als „Zwei­ter Hohe­pries­ter“ wirk­lich tönen.

warum bloggen eigentlich so wenig wissenschaftler?

eine inter­es­san­te und span­nen­de fra­ge. sicher macht man es sich zu leicht, wenn man das mit dem ver­weis auf die eh’ schon knap­pen res­sour­chen erle­digt (wobei ich dem befund über­haupt nicht wider­spre­chen will). aber ich fra­ge mich doch immer mehr, war­um z.b. jour­na­lis­ten immer wie­der (und in letz­ter zeit in mei­ner wahr­neh­mung immer häu­fi­ger) so sinn- und merk­be­freit auf blogs im all­ge­mei­nen ein­schla­gen. eini­ge inter­es­san­te über­le­gun­gen von marc sche­los­ke zum mög­li­chen nut­zen des blog­gens für wis­sen­schaft­ler fin­den sich in der wis­sens­werk­statt. ich bin ja sehr gespannt, ob sich auf die­sem feld irgend wann etwas tut… irgend­wie scheint es doch sehr schwer zu sein für die im wis­sen­schafts- oder hoch­schul­sys­tem täti­gen men­schen, hier tätig zu wer­den, vor­tei­le zu sehen. es muss ja gar nicht immer die gern beschwo­re­ne popu­la­ri­sie­rung der wis­sen­schaf­ten sein, die man damit errei­chen will. was man aber sicher – zumin­dest ein wenig – schaf­fen könn­te, wäre eine grö­ße­re öffent­lich­keit für wis­sen­schaft. und damit könn­te – das wäre ein ide­al – auch grö­ße­res ver­ständ­nis für wis­sen­schaft und ihre (gesell­schaft­li­che) not­wen­dig­keit ein­her­ge­hen. naja … aber schon ein (!) gutes blog könn­te für man­ches (gera­de klei­nes) fach­ge­biet mit leich­tig­keit mehr bewir­ken als tage der offe­nen türen oder die oft gera­de­zu ver­zwei­felt anmu­ten­den bemü­hun­gen, uni­ver­si­tä­ten dem rest der gesell­schaft zu „öff­nen” (wo dann doch in den vor­trä­gen immer kaum mehr als das dut­zend seni­or-stu­den­ten herumsitzt …)

genial: mozart und ligeti und schubert befruchten sich gegenseitig

Die­ses Kon­zert ist kein Spaß, son­dern schwe­re Arbeit. Nicht nur für Paul Lewis, den jun­gen bri­ti­schen Pia­nis­ten, den der SWR für die Rei­he „Inter­na­tio­na­le Pia­nis­ten“ nach Mainz geholt hat. Auch die Zuhö­rer im Frank­fur­ter Hof kön­nen sich nicht locker zurück­leh­nen. Denn Lewis ver­wei­gert sich jeder Ent­span­nung, jeder bil­li­gen Affir­ma­ti­on und gut­gläu­bi­gen Gefühls­du­se­lei. Er treibt fast alles bis zum Äußers­ten. Sein Pro­gramm dafür ist eine genia­le Kom­bi­na­ti­on von Mozart, Schu­bert und Györ­gy Ligeti.

Er beginnt schon Mozarts Fan­ta­sie c‑Moll KV 475 als eine der radi­kals­ten Moder­ni­sie­run­gen, die man sich vor­stel­len kann: Mozart klingt plötz­lich wie ein Avant­gar­dist. Die Noten sind noch die ori­gi­na­len, aber vom Mozart­schen Geist ist nichts mehr zu spü­ren. Das ist aber kein Ver­lust, denn an sei­ne Stel­le tritt etwas neu­es, bezau­bern­des: Sprö­de, kah­le und sehr frem­de, immer gehö­rig distan­zier­te Klän­ge bricht Lewis aus Mozarts Fan­ta­sie her­aus, im Zau­ber der tota­len klang­li­chen Reduk­ti­on baut sich immer wie­der kör­per­lich greif­ba­re, bru­tal erschei­nen­de Span­nung auf. So ver­lo­ren, so rest­los depri­mie­rend trau­rig und ziel­los hört man Mozart sel­ten. Und der Bri­te führ­te das dann auch noch naht­los wei­ter – mit Lige­tis „Musi­ca Ricer­ca­ta“. Die elf Stü­cke waren ihm erneut ein Pan­op­ti­kum der extre­men Sprö­dig­keit. Die Span­nung, mit der Lewis die kar­gen Kon­struk­tio­nen Lige­tis auf­lädt, lässt die raf­fi­nier­ten Stü­cke gera­de­zu implo­die­ren. Sein drän­gen­der Wil­le macht jede Note gewich­tig wie eine Enzy­klo­pä­die, jedes der elf Stü­cke zu einer Biblio­thek der sinn­li­chen und ratio­nel­len Erfah­rung: Mit eben­mä­ßi­ger, kon­zen­trier­ter Klar­heit wird jede Note zu einem Gral, jede Phra­se zu einem Heiligtum.

Das ist extrem, ja fast tota­lis­tisch, wie Lewis hier eine inter­pre­ta­to­ri­sche Idee zum abso­lu­ten Prin­zip erklärt. Aber es ist – weil er eben ein aus­ge­zeich­ne­ter Pia­nist ist – in jedem Moment trag­fä­hig. Sein Mozart spielt, lässt sich leicht – und auch mit guten Grün­den – ablehnen.Wenn man sich aber dar­auf ein­lässt, erkennt man hier­in den ein­zi­gen Grund, Mozart heu­te über­haupt noch zu spie­len: Weil die­se Musik immer noch zeit­ge­mäß sein kann. Gera­de in ihrer Nüch­tern­heit, die Lewis fast bis zur Lako­nie treibt, ver­bin­det sich Mozart – auch im Ron­do a‑Moll, das er bruch­los an die „Musi­ca ricer­ca­ta“ anfüg­te – per­fekt mit den Lige­ti­schen Schöpfungen.

Im zwei­ten Teil des Kon­zer­tes wid­me­te Lewis sich dann Schu­berts Sona­te G‑Dur op. 78. Mit genaiu die­ser Ernst­haf­tig­keit, die­ser unbe­ding­ten Hin­ga­be. Und wie er auch hier die Zer­ris­sen­heit die­ser Musik ent­wi­ckelt, die Kämp­fe und das Schwan­ken zwi­schen Grö­ße und Erbärm­lich­keit deut­lich macht in bru­ta­ler Scho­nungs­lo­sig­keit, das nimmt gefan­gen. Wie­der fehlt jede poe­ti­sche Ver­klä­rung. An ihre Stel­le tritt ein­mal mehr der Zau­ber der klar prä­pa­rier­ten Struk­tur – und damit ist Paul Lewis mit Sicher­heit einer der ehr­lichs­ten Pia­nis­ten unse­rer Zeit.

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