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Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

„Das Thema:

… bes­ser kein The­ma. The­ma war das Leben, so, wie es sein soll­te. Das Leben, wie es nicht sein soll­te, gab es ja schon.“ (moritz von uslar, wald­stein oder der tod des wal­ter gie­se­king am 6. juni 2005, 121)

„In Redaktionen …

… konn­te ja nie groß­ar­tig gedacht wer­den, weil eben for­mu­liert wer­den muss­te. Die Jour­na­lis­ten-Krux: Grund­sätz­lich muss­te jeder immer­zu zu allem einen Text auf­sa­gen kön­nen. Was dazu führ­te, dass auch wirk­lich alles – erstaun­lich flott, erstaun­lich lus­tig – gesagt wer­den konn­te. Jeder quak­te sei­nen Quark durch die Gegend.“ (moritz von uslar, wald­stein oder der tod des wal­ter gie­se­king am 6. juni 2005, 76)

„Alte Musik, die Kunst …

… des vor­letz­ten und vor­vor­letz­ten Jahr­hun­derts. O je. Wie kam man als gesun­der Mensch dazu, sich das anzu­hö­ren? Man muss­te doch neu­es­te, neue Musik hören!“ (moritz von uslar, wald­stein oder der tod des wal­ter gie­se­king am 6. juni 2005, 69)

„Klaviermusik, dachte Gieseking, …

… hat­te den Vor­teil, dass sie oft nicht ganz so don­nernd laut, prunk­voll, ange­be­risch und Besitz ergrei­fend daher­kam wie sym­pho­ni­sche Musik. Das Orches­ter als Über­wäl­ti­gungs­ma­schi­ne wirk­te irgend­wie gest­rig.“ (moritz von uslar, wald­stein oder der tod des wal­ter gie­se­king am 6. juni 2005, 45)

nepal jun chiyavari 2009 himalayan orange sftgfop1

man meint, in der weich wabern­den duft­wol­ke die­ses tee einen hauch oran­ge wahr­zu­neh­men. aber das ist ver­mut­lich eine täu­schung, die bloß dar­auf beruht, dass die­se sor­te aus dem nepa­le­si­schen tee­gar­ten jun chi­ya­ba­ri die zitrus­frucht im namen trägt: hima­la­yan oran­ge nen­nen die anbau­er ihren tee (sftgfop1, first flush, ern­te 2009). wie sie auf die­sen namen kamen, weiß ich nicht. was ich aber unmit­tel­bar erfah­ren durf­te: das ist aus­ge­spro­chen wohl­schme­cken­der, rund­um gelun­ge­ner tee. die dunk­le tas­se hält, was das fruch­ti­ge bou­qet ver­spricht: ein kräf­ti­ger, durch­set­zungs­star­ker tee mit aus­ge­spro­chen gerin­ger ten­denz zur bit­ter­heit – also schon in der zube­rei­tung sehr gut­mü­tig. und wie die meis­ten oolongs, die ich bis­her in der kan­ne hat­te, aus­ge­spro­chen lecker. (ich wer­de sowie­so gera­de zum oolong-fan. die haben meist auch ein ziem­lich gutes preis-leistungs-verhältnis ;-),)

zube­rei­tung: 14g tee für ca. 1,5 liter was­ser, zieh­zeit (1. auf­guss) 2:30 minuten

thailand doi tung oolong king’s grade

mein ers­ter thai­län­di­scher oolong. der tee, der in einer etwas unge­wöhn­li­chen (vakuum-)verpackung kommt, ver­strömt nach dem ers­ten auf­guss (der null­te auf­guss dient zum kur­zen auf­wei­chen der blät­ter und wird ent­sorgt) einen sehr fruch­ti­gen, som­mer­li­chen geruch. die hel­le, grün­li­che tas­se ver­rät gro­ßen genuss. und wirk­lich ist die­ser leicht fer­men­tier­te tee aus den doi-tung-gär­ten im nor­den thai­lands erst­klas­sig (ich weiß, das sage ich ziem­lich oft …). der doi tung oolong ist dabei aber eigent­lich sehr zurück­hal­tend und besticht vor allem durch sein under­state­ment sowie sei­ne aus­ge­gli­chen­heit, die in den spä­te­ren auf­güs­sen etwas von den domi­nan­ter her­vor­tre­ten­den fri­schen geschmacks­no­ten abge­löst wird. wie die meis­ten oolongs ist das ein eher sanf­tes, nur leicht anre­gen­des getränk, per­fekt für den nach­mit­täg­li­chen genuss.

zube­rei­tung: 2. auf­guss im oolong-känn­chen, was­ser ca. 90 °C, zieh­zeit ca. 1:45 minuten.

wie man aus einer normalen mittelgebirgslandschaft deutschlands ein verwunschenes geisterland macht

wil­li weiss reis­te für die süd­deut­sche zei­tung durch den oden­wald. und es schon inter­es­sant, so etwas mal zu lesen, wenn man das ziel­ge­biet etwas kennt. da kom­men näm­lich so eini­ge unge­nau­ig­kei­ten und ver­zer­run­gen zutage.

zum bei­spiel steht da: erbach wur­de im spä­ten mit­tel­al­ter zum zen­trum der elfen­bein­schnit­zer. franz I, graf von erbach, der dafür maß­geb­lich ver­ant­wort­lich war, leb­te lei­der erst 1754–1823 – also unbe­deu­tend spä­ter (übri­gens, um den abstand zum mit­tel­al­ter zu ver­deut­li­chen: franz I. war auch der letz­te graf vor der media­ti­sie­rung der graf­schaft erbach). im spä­ten mit­tel­al­ter war im oden­wald noch nicht so viel los mit spe­zia­li­sier­ter wirt­schafts­po­li­tik und so …

was mich aber am meis­ten stört (abge­se­hen von der unge­nau­en dar­stel­lung der geschich­te um die fusi­on von erbach und michel­stadt): der oden­wald ist hier eine ein­zi­ge wald­idyl­le, nahe­zu men­schen­leer – abge­se­hen von den weni­gen hier hau­sen­den ori­gi­na­len, den künst­lern auf der suche nach „kon­tem­pla­ti­on“ und den alten bau­ern -, stän­dig wer­den mythen und aber­glau­ben des 18. und 19. jahr­hun­derts zitiert und evo­ziert, die im oden­wald fak­tisch kaum noch jemand kennt …und sonst: vor allem lau­ter abge­le­ge­ne dörf­chen, ein­zel­ne höfe, alte scheu­nen etc. – das der oden­wald inzwi­schen ziem­lich groß­flä­chig zuge­baut wur­de, erfährt man da kaum. statt­des­sen heißt es dann: „was­ser­rei­che wäl­der, aus denen immer wie­der hügel mit bur­gen oder fach­werk-städt­chen … auf­tau­chen“ – nun ja. so vie­le bur­gen tau­chen da nicht auf. und fach­werk-städt­chen auch nicht so oft. aber das wäre ja zu nor­mal und wür­de nicht in die rezep­ti­on des oden­wal­des als magisch-ver­wun­sche­ne land­schaft pas­sen, in der auch heu­te noch die bau­ern schau­er­ge­schich­ten erzäh­len, wenn sie dem vor­bei­schau­en­den rei­sen­den aus der fer­nen groß­stadt koch­kä­se auf­ti­schen – wie das gespräch mit dem land­wirt in ober-kains­bach wirk­lich abge­lau­fen ist, wür­de ich ja schon ger­ne wis­sen. und ob weiss wirk­lich glaubt, dass sei real, was er hier schreibt und andeutet.

der arti­kel mit dem pas­sen­den titel „der rit­ter der lüf­te“ will sich aus­weis­lich sei­ne run­ter­zei­le dem „roden­stei­ner land im oden­wald“ wid­men. selt­sam, dass weiss dann auf ein­mal in hes­sen­eck und am kräh­berg auf­taucht – das ist doch eine ziem­lich ande­re ecke. immer­hin hat er mit­be­kom­men, dass der oden­wald ein grö­ße­res pro­blem mit gehirn­am­pu­tier­ten motor­rad­fah­rern hat, die sich wie die lem­min­ge auf den stra­ßen in den tod stür­zen. aber selbst die­ser ziem­lich moder­ne irr­sinn wird dann wie­der in das aber­gläu­bi­sche, mythisch-ver­wusche­ne bild des oden­wal­des ganz naht­los ein­ge­passt: „Was sind das für Geräu­sche? Sind es fer­ne Motor­rä­der oder ist es anschwel­len­des Geschrei aus der Höhe? [Weiss soll­te sich mal im Som­mer an einem sonn­tag an einem ziem­lich belie­bi­gen ort im oden­wald raus­set­zen – er wird den krach der motor­rä­der schnell ken­nen­ler­nen] Bel­len Hun­de? Klir­ren Schwer­ter? Man kann da nicht so sicher sein – im Oden­wald.“ na ja, eil­li weiss viel­leicht nicht – man schon.

china mao feng

weil mei­ne tee­vor­rä­te (vor allem bestimm­te sor­ten …) so lang­sam zur nei­ge gehen und ich für die nach­schub-order erst ein­mal die bestän­de kon­trol­lier­te, bin ich unver­hofft auf einen lan­gen über­se­he­nen tee in mei­ner kis­te gesto­ßen: mao feng heißt die sor­te und kommt aus chi­na. ein schwar­zer tee, den mir kolod­ziej & lie­der in recht gro­ßen blät­tern (lan­ge, leicht ein­ge­roll­te spit­zen) schick­te, die den vor­teil der waa­ge über das löf­fel­maß bei der zube­rei­tung wie­der ein­mal sehr deut­lich mach­ten ;-) der mao feng ist ein kee­mun-tee, kommt also aus der pro­vinz anhui, die für ihre hoch­wer­ti­gen tees bekannt ist.

schon der ers­te duft ist recht betö­rend, eine mischung aus kakao und nuss, die der ziem­lich dunk­le tee sehr inten­siv ver­strömt. der tee ist unge­heu­er mild und trotz­dem fül­lig mit einer leich­ten ten­denz zur süße. vor allem aber ganz weich und so gau­men­schmei­chelnd, dass die kan­ne ruck­zuck leer wird.

zube­rei­tung: 14 gramm für ca. 1,5 liter was­ser, 4 minu­ten zieh­zeit beim ers­ten versuch.

gottesdienst wie in alten zeiten

Ein nord­deut­scher Got­tes­dienst zu Beginn des 17. Jahr­hun­derts – wie der wohl geklun­gen hat? Und was dort zu hören und zu erle­ben, zu sehen und zu fei­ern war, wenn es ein wich­ti­ger Fei­er­tag war wie etwa die Michae­lis­ves­per? Um das auf­zu­spü­ren, könn­te man sich jetzt eini­ge Wochen in die Biblio­thek set­zen und alte Kir­chen­ord­nun­gen, Musi­ker­rech­nun­gen und Par­ti­tu­ren stu­die­ren. Oder man setzt sich ent­spannt in sei­nen Hör­ses­sel und legt die gera­de erschie­ne SACD des Kna­ben­chor Han­no­ver in den Play­er. Dort ist näm­lich genau das auf­ge­nom­men: Eine ver­such­te Rekon­struk­ti­on so einer Michae­lis­ves­per, wie sie etwa in den 1620er-Jah­ren zum Bei­spiel in Wol­fen­büt­tel hät­te gesche­hen kön­nen. Jörg Brei­ding, der Diri­gent der Han­no­ve­ra­ner, hat mit fach­kun­di­ger Unter­stüt­zung aus den Wer­ken Micha­el Prae­to­ri­us, der genau dort Orga­nist und Hof­ka­pell­meis­ter war, ein mög­li­ches Gesamt­kunst­werk einer musi­ka­li­schen Ves­per zu Michae­lis zusam­men­ge­stellt. Und das dann zu unse­rem Glück mit sei­nem Chor und einer Men­ge Instru­men­tal-Exper­ten (dem Johann-Rosen­mül­ler-Ensem­ble und Hil­le Perls „The Siri­us Viols“ sowie dem Bre­mer Laut­ten-Chor) auf eine Super-Audio-CD gebannt. 80 Minu­ten fas­zi­nie­ren­de Musik sind das gewor­den, in denen man mit dem frem­den Blick des Nach­ge­bo­re­nen der unge­heue­ren Viel­falt der Musik Prae­to­ri­us’ lau­schen darf, sei­nen Kon­zert­sät­zen und sei­nen Psal­men etwa, aber auch dem gro­ßen Magni­fi­cat, das in sich noch ein­mal mit sei­nem brei­ten Spek­trum musi­ka­li­scher Gestal­tungs­kraft fein dif­fe­ren­ziert. Genau das macht auch Brei­ding mit sei­nen Sän­gern und Instru­men­ta­lis­ten: Das ist, gera­de in der Har­mo­nie der Man­nig­fal­tig­keit und der wei­chen Fül­le des Klangs eine sehr fei­ne und fein­sin­ni­ge Auf­nah­me gewor­den. Scha­de nur, dass die Got­tes­diens­te heu­te sol­che musi­ka­li­schen Hoch­leis­tun­gen nicht (mehr) bieten.

Michae­lis­ves­per mit Wer­ken von Micha­el Prae­to­ri­us. Vie­le Solis­ten …. Kna­ben­chor Han­no­ver, Jörg Brei­ding. Ron­deau Pro­duc­tion SACD ROP7007, 2009.

(geschrie­ben für die neue chorzeit)

mit musik & händel durch europa

Georg Fried­rich Hän­del, der gro­ße Jubi­lar die­ses Jah­res, ist schon in jun­gen Jah­ren weit her­um­ge­kom­men in Euro­pa. Und er hat sich von vie­lem, was er dabei gehört hat, inspie­re­ren las­sen. Manch­mal auch etwas mehr – das „Aus­lei­hen“ gelun­ge­ner Melo­dien bei­spiels­wei­se war zu sei­nen Zei­ten noch kei­nes­wegs so ver­pönt wie heu­te. Wer sich also ein biss­chen inten­si­ver mit Hän­dels Musik beschäf­tigt, muss sich auch mit ganz viel ande­ren Wer­ken befas­sen. Zum Bei­spiel mit Musik von Diet­rich Bux­te­hu­de, dem Hän­del in Lübeck einen Besuch abstat­te­te. Oder mit Johann Hein­rich Schmel­zer, der in Wien Kar­rie­re mach­te. Und natür­lich auch mit Hän­dels Riva­len in Lon­don, Gio­van­ni Bononcini.
Die Vil­la Musi­ca hat all das in ein schö­nes Pro­gramm mit dem Tele­mann-Quar­tett gepackt und im Ertha­ler Hof auch einen sehr pas­sen­den Saal für die­se viel­fäl­ti­ge, fili­gra­ne und dra­ma­ti­sche Musik gefun­den. Die Hit­ze dort hat das Publi­kum ger­ne aus­ge­hal­ten, denn die vier Spe­zia­lis­ten des Tele­mann-Quar­tetts boten zwar nicht unbe­dingt gro­ße Über­ra­schun­gen, aber hohe bis höchs­te Qua­li­tät. Und zwar in allen Dimensionen.
Das Fun­da­ment leg­te, das ist bei baro­cker Musik unver­zicht­bar, der Gene­ral­bass. Flo­ri­an Heye­rick am Cem­ba­lo und Rai­ner Zip­per­ling mit Gam­be und Cel­lo begnüg­ten sich aber nicht mit dem Hin­ter­grund. Mit viel Fan­ta­sie, mit Prä­zi­si­on und span­nungs­ge­la­de­nen Lini­en mach­ten sie sich zu einem unver­zicht­ba­ren, ele­men­ta­ren Teil der Musik. Und was die­se bei­den aus­zeich­ne­te, galt auch für die Gei­ge­rin Swant­je Hoff­mann und den Altis­ten Yose­meh Adjei: Genau­ig­keit in allen Situa­tio­nen und Hin­ga­be an die Aus­drucks­viel­falt und die Kraft der Musik. Dazu kam dann noch ein rei­bungs­lo­ses Mit­ein­an­der, ein echt gemein­sa­mes Musi­zie­ren, bei dem jeder mit jedem agier­te, auf­ein­an­der reagier­te und zusam­men eine fes­te Ein­heit bil­de­te. Unab­läs­sig flo­gen die Bli­cke kreuz und quer, ver­ge­wis­ser­ten sich Sän­ger und Cem­ba­list, Gei­ge­rin und Cel­list der Gemein­sam­kei­ten. Über­haupt war hier alles immer in Bewe­gung, kam kei­ner der Musi­ker zum Still­stand. Und das war ein gutes Zei­chen: Denn die­se Rast­lo­sig­keit über­trug sich auf die Musik. So wur­den dann auch eher eph­eme­re Wer­ke wie die Vio­lin­so­na­te von Isa­bel­la Leo­nar­da oder die Cel­lo­so­na­te von Gio­van­ni Bonon­ci­ni zu span­nen­den Aus­flü­gen in die baro­cke Klang­welt. Aber die Höhe­punket lagen woan­ders. Schon die bei­den Psalm­ver­to­nun­gen Bux­te­hu­des lie­ßen das erah­nen: Das wah­re Dra­ma kam in den Ari­en Hän­dels zum Vor­schein. Hier konn­te sich der famo­se Alt­us Yose­meh Adjei voll aus­le­ben. Mit sei­ner leicht­fü­ßig über alle Schwie­rig­kei­ten hin­weg­ei­len­den, klar und pein­lichst genau geführ­ten Stim­me wur­de er Rinal­do oder Cesa­re, koket­tier­te mit der die Vogel­ru­fe imi­tie­ren­den Vio­li­ne, ließ den Zorn brau­sen, den Herz­schmerz seh­nend schluch­zen und die Tugend prei­sen – ohne jede Spur von Zurück­hal­tung ver­leib­te er sich sei­ne Par­tien ein und führ­te gemein­sam mit dem Rest des Quar­tet­tes die Hän­del-Rei­se weit über die tat­säch­li­chen Sta­tio­nen in das unend­li­che Reich der Fan­ta­sie hinaus.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung)

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