»Nächstens mehr.«

Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

jazz oder was? die dritten jazztage des mainzer klangraums

zumin­dest der ers­te tag, beim zwei­ten abend konn­te ich lei­der nicht dabei sein. aber die ers­te hälf­te war schon ziem­lich an- & auf­re­gend – genau wie es das lin­e­up ver­hieß: tri­band, frau con­tra bass, dani­el stel­ter band etc.

hier mei­ne betrach­tun­gen für die main­zer rhein-zeitung:
Zwei Duos und zwei Quar­tet­te: Schon der Auf­takt der drit­ten Klang­raum-Jazz­ta­ge Mainz bot ein reich­hal­ti­ges Pro­gramm: Mit Blue Snow, Frau­Con­tra­Bass, Tri­band und der Dani­el-Stel­ter-Band war das Pro­gramm nicht nur gut voll­ge­packt, son­dern auch sehr unter­schied­lich bestückt. Und eini­ge Bekann­te waren ja auch dabei, zusam­men mit den neu­en Gesich­tern beim aus­ver­kauf­ten ers­ten Tag in der Show­büh­ne. Die Ver­an­stal­ter vom Klang­raum-Stu­dio freut der wach­sen­de Zuspruch, die am am Ein­gang ver­geb­lich noch um Ein­lass bit­ten­den ver­mut­lich weni­ger. Ddenn sie ver­pass­ten wirk­lich eini­ges. Nach dem lei­sen, fein­sin­nig-ver­spon­nen Auf­takt von Blue Snow, dem schwei­ze­ri­schen Per­cus­sio­nis­ten-Duo, das mit Marim­ba­phon, Vibra­phon und auch auf dem umfunk­tio­nier­ten Ikea-Tisch Rhyth­men aller mög­li­chen Her­künf­te ganz ohne schwei­zer Gemüt­lich­keit misch­te, war es aber mit der Ruhe und Gelas­sen­heit ganz schnell vorbei.
Frau­Con­tra­Bass, das ande­re Duo, erfreu­ten schon im letz­ten Jahr bei den Jazz­ta­gen. Auch jetzt hat­ten Sän­ge­rin Katha­ri­na Debus und Bas­sist Hanns Höhn wie­der viel lau­ni­ge Musik dabei. Mit Stevie Won­der, Jami­ro­quai und vie­len ande­ren wid­men die bei­den sich der Lie­be – der kör­per­li­chen und der pla­to­ni­schen, der erfüll­ten und der ver­sag­ten. Trotz der Reduk­ti­on des musi­ka­li­schen Mate­ri­als erzeu­gen sie groß­ar­ti­ge Effek­te: Höhn schram­melt, zupft, klopft und reibt an allen Ecken und Enden sei­nes Kon­tra­bas­ses, Debus lässt ihre kräf­ti­ge, vol­le Stim­me röh­ren, scat­ten und schmeicheln.
Auch die Dani­el-Stel­ter-Band, die zum Schluss, gegen Mit­ter­nacht, als das Publi­kum schon anfing zu schwä­cheln, der Show­büh­ne ein­heiz­te, war im letz­ten Jahr schon zu Gast. Und immer noch schei­nen die vier Män­ner über uner­schöpf­li­che Ener­gie­re­ser­voirs zu ver­fü­gen. Die Rhyth­mus­grup­pe ist zwar per­so­nal­iden­tisch mit der von Tri­band. Aber mit Ulf Klei­ner an den Fen­der-Rho­des und Dani­el Stel­ters sowie sei­ner E‑Gitarre wird das ganz anders: Die druck­vol­len, kna­ckig dröh­nen­den Groo­ves wer­den mit dem Mut und der Kraft zu ganz schlich­ten, betö­ren­den Melo­dien gro­ßer Prä­gnanz kon­fron­tiert und ergänzt. Egal, ob als Hom­mage an einen Hip­Hop­per oder in der trau­ri­gen Geschich­te eines unter­ge­hen­den Papier­böt­chens: Alles über­flüs­si­ge wird gna­den­los ent­sorgt, auf der Suche nach dem Opti­mum ihrer Musik ist das Quar­tett schon ziem­lich nah am Ziel.
Damit knüp­fen sie nicht nur per­so­nell an Tri­band an. Auch die machen nicht ger­ne vie­le unnö­ti­ge Wor­te und Töne. Aber sie sind exal­tier­ter, expe­ri­men­tier­freu­di­ger. Ihre Mischung aus Pop, Jazz, Funk und einem reich­li­chen Schuss Soul ist dabei aber auch wun­der­bar aus­ge­feilt. Und live noch bes­ser als im Stu­dio: Noch prä­zi­ser in den Stim­mun­gen, noch genau­er und auch noch kon­zen­trier­ter, noch – was man kaum glau­ben mag – ein biss­chen mehr ent­schlackt und zugleich gna­den­los fokus­siert. Die­se Stren­ge, gepaart mit der unbän­di­gen Freu­de – die Musi­ker schei­nen oft noch mehr Spaß zu haben als das auch schon begeis­ter­te Publi­kum – das ist so zwin­gend, so unbarm­her­zig rich­tig – und so wun­der­bar gut.
Und es ist eine herr­li­che Ergän­zung für die Jazz­ta­ge und passt genau in deren Pro­fil. Nach dem ers­ten Abend war ja noch nicht Schluss: Am Sams­tag ging es genau­so bunt und umfang­reich wei­ter – dies­mal mit der Phoe­nix-Foun­da­ti­on und Lars Reichow, mit dem akus­ti­schen Jazz von Spa­ni­ol 4, dem elek­tro­nisch abge­schmeck­ten Klän­gen von „2 fishes in the big big sea“ und den haus­ei­ge­nen Vibes.

venedig: erste eindrücke

übers wochen­en­de (von don­ners­tag nach­mit­tag bis mon­tag mit­tag – also ein sehr groß­zü­gi­ges wochen­en­de) war ich in vene­dig – dank dani­el und sei­ner gast­freund­schaft im deut­schen stu­di­en­zen­trum dort eine sehr kos­ten­güns­ti­ge bildungreise.

heu­te nur ein paar ers­te ein­drü­cke, der kom­plet­te bericht kommt später.

die rei­se­zeit war opti­mal: für vene­zia­ni­sche ver­hält­nis­se war die stadt aus­ge­stor­ben. bis auf den abso­lu­ten kern­be­reich war es wirk­lich sehr leer – über­all. am mon­tag frei­lich nicht mehr ganz so sehr wie am frei­tag zuvor. die tem­pe­ra­tu­ren waren zwar nicht aus­ge­spro­chen ange­nehm, aber durch­aus erträg­lich. zumin­dest für einen heiß­blüt­ler wie mich. und das wet­ter war wun­der­bar: ganz viel son­nen­schein, ein biss­chen leich­te bewöl­kung, über­haupt kein nie­der­schlag. so konn­ten wir die stadt und ihre schät­ze herr­lich erlaufen.

ach ja, das lau­fen: natür­lich bin ich auch in vene­dig jeden tag gelau­fen. aber das ist dafür eine unbarm­her­zi­ge stadt. gleich drei­fach: der boden ist immer nur stein. und wirk­lich nur. (na gut, eine win­zi­ge ecke gar­der­inie gibt es. viel wei­cher ist’s da aber auch nicht). und es gibt ein­fach kei­ne gera­de stre­cken: ecken, kan­ten, schar­fe kni­cke – die gas­sen sind schwer zu ren­nen. und dann noch­die kanä­le. d.h. die brü­cken dar­über. die stö­ren den rhyth­mus auch noch­mal gewal­tig. und wenn dann noch leu­te unter­wegs sind, wird es wirk­lich fast zum par­cour, das lauftraining.

aber des­we­gen war ich ja nicht dort. son­dern um vene­dig zu erle­ben und ken­nen­zu­ler­nen. das ist die stadt: ver­rückt. der reich­tum der ver­gan­gen­heit. und auch noch der gegen­wart. und dann zugleich auch der ver­fall: schon immer – zumin­dest aber lan­ge (man lese nur tho­mas mann) eine mor­bi­de stadt: liebt den tod. das ende. das ver­ge­hen. das ver­fal­len. so sieht es da auch aus: über­all brö­ckelt es. über­all ste­hen hal­be rui­nen rum, die noch bewohnt wer­den. sehr selt­sam. und dann dane­ben oder dar­in die präch­tigs­ten kulturschätze.
die geschich­te: wahn­sinn. die­ses selbst­be­wusst­sein. bzw. die gran­dio­se selbst­über­he­bung und ‑ver­herr­li­chung. da ist jede kon­zern­zen­tra­le heu­te dreck dage­gen. und auch in dubai kann das nur schwer zu top­pen sein. und die dich­te an kunst – das ist ein­fach über­wäl­ti­gend. mir brummt jetzt immer noch der kopf von den gan­zen ein­drü­cken. das muss ich jetzt erst ein­mal alles noch men­tal sor­tie­ren. und hof­fent­lich bin ich noch halb­wegs in der lage, das auseinanderzuhalten …

Juli Zeh, Corpus Delicti

… habe ich gele­sen auf der Rei­se von Vene­dig zurück nach Mainz.

Ein The­sen­ro­man. Reins­ten Was­sers. Und durch­aus obers­ter Güte­klas­se. Aber eben mit all den typi­schen Pro­ble­men – Man merkt die Absicht und ist ver­stimmt (oder so ähn­lich). Nun hielt sich die Ver­stim­mung bei mir extrem in Gren­zen, weil ich dem Ziel Zehs, dem frei­en statt dem siche­ren Men­schen voll zustim­me und stark sym­pa­thi­sie­re. Das ändert aber wenig dar­an, dass der Roman – der sich im Unter­ti­tel als „Ein Pro­zess“ aus­gibt (Gerichts­ver­hand­lung und Ent­wick­lung – natür­lich ist bei­des gemeint … [und die­se abso­lut durch­schau­ba­re Dop­pel­deu­tig­keit ist typisch für das Buch {lei­der, mei­nes Erach­tens, den seman­ti­sche Leer­stel­len sind inter­pre­ta­tiv meis­tens deut­lich ergie­bi­ger}, das künst­le­risch eher mit­tel­mä­ßig ist.]) Ok, die Infor­ma­ti­ons­ver­ga­be ist ganz gut gelun­gen, sie ent­wi­ckelt sich halb­wegs unge­zwun­gen (am Anfang frei­lich mit hohem Tem­po – und bewusst auf Klar­heit der mes­sa­ge ausgerichtet).

Wor­um geht’s? Um einen Staat der Zukunft, in dem Nor­ma­li­tät als Gesund­heit defi­niert wird (bzw anders­rum) und Krank­heit dem­zu­fol­ge abge­schafft ist – gesell­schaft­lich und pri­vat. Das bedarf natür­lich eini­ger Vor­keh­run­gen … Jeden­falls gerät die Haupt­fi­gur, eine Bio­lo­gin, mit die­sen staat­li­chen Vor­keh­run­gen, genannt die „Metho­de“, in Kon­flikt. Und ent­wi­ckelt sich zur Wider­ständ­le­rin auf sehr eige­nen Wei­se, zu einer Art Revo­lu­tio­nä­rin ohne Revo­lu­ti­on. Jeden­falls zu einem Pro­blem für die „Metho­de“, dass mit allen Mit­teln gelöst und schließ­lich besei­tigt wer­den muss – nicht ohne eini­ge Ver­wick­lun­gen natür­lich. Durch die Mon­ta­ge ver­schie­de­ner Ebe­nen, u.a. auch die eines Putz­frau­en-Tri­os, wird das ganz har­mo­nisch in sei­ner Viel­stim­mig­keit und Per­spek­ti­vi­tät. Aber nichts­des­to­trotz bleibt die Bot­schaft klar: Ohne Frei­heit ist der Mensch kein Mensch mehr, ist das Leben kei­ne Leben mehr, son­dern nur noch Exis­tenz. Die mag zwar sorgen‑, schmerz- & krank­heits­frei sein, aber eben ohne Leben. Die Par­al­le­len zu aktu­el­len Dis­kus­sio­nen sind wohl mehr als zufäl­lig ;-). Und auch mehr als deut­lich … Das, es klang oben ja schon an, min­dert mei­ne Begeis­te­rung für die­ses Buch etwas: Dass die Phan­ta­sie zu wenig aus­ge­reizt wird, die Vor­stel­lung­kraft zu blass scheint – auch um den Preis der etwa unvoll­kom­me­nen Ver­mitt­lung der zen­tra­len Text­bot­schaft wäre das doch etwas span­nen­der gewe­sen. Für mich zumin­dest. Aber man kann ja nicht immer alles haben.

Juli Zeh: Cor­pus Deli­cit. Ein Pro­zess. Frank­furt am Main: Schöff­ling 2009.

Deutscher Alltag, 9. Januar 2010

Nein, es geht jetzt nicht um das Wet­ter, das ja nur ganz nor­ma­ler Win­ter ist (also All­tag, auch wenn aller­lei pseu­do­jour­na­lis­ti­sche Medi­en gleich wie­der Welt­un­ter­gangs­sze­na­ri­en kon­stru­ie­ren). Nein, hier geht es – wie­der ein­mal – um den Grund, Sams­tag mor­gens die Süd­deut­sche Zei­tung zu lesen. Vor allem die Wochen­end­bei­la­ge, von der ich im all­ge­mei­nen nicht beson­ders begeis­tert bin. Aber ein klei­ner Text ani­miert mich immer wie­der: Kurt Kis­ters Kolum­ne „Deut­scher All­tag“. Gott­sei­dank ist (und hof­fent­lich bleibt) sie eine Klei­nig­keit, eine Drein­ga­be – aber eine wun­der­ba­re. Auf grö­ße­res For­mat gezo­gen wür­de sie wahr­schein­lich schnell uner­träg­lich wer­den. So kann kk aber jede Woche ganz her­vor­ra­gend sei­ne iro­ni­sche und sati­ri­sche Ader aus­le­ben. Und das gan­ze mit mehr oder weni­ger aktu­el­len Beob­ach­tun­gen ver­knüp­fen. Nicht immer sind das zwangs­läu­fig gran­dio­se Wür­fe. Aber immer sind sie niveau­voll und eröff­nen neue Blicke.

Heu­te zum Bei­spiel steht da mit­ten in den­eher harm­los-net­ten Betrach­tun­gen zum „wil­den Lesen“ ein wun­der­schö­ner (wenn auch gar nicht so wahn­sin­nig ori­gi­nel­ler) Satz:

Es ist immer rich­tig, das Leben zu ändern, was bei Slo­ter­di­jk damit begin­nen soll­te, dass er sich end­lich mal die Haar schnei­den lässt.

Und dann geht es gleich weiter:

Slo­ter­di­jks Minia­tur über den Sci­en­to­lo­gy-Grün­der Hub­bard plus sei­ne Grund­sätz­lich­kei­ten über die Nicht-Exis­tenz von Reli­gi­on brin­gen einen zum Bei­spiel zu der Über­le­gung, was denn eigent­lich Hub­bard von Moham­med unter­schei­det, und ob nicht viel­leicht Tom Crui­se und Osa­ma bin Laden einen ähn­li­che Hang zur Ver­ti­ka­li­tät ausleben.

Ja, wenn man Kurt Kis­ter heißt, dann kommt man offen­bar auf sol­che herr­li­chen Ideen und Vergleiche.

Er schließt übri­gens fast kon­ven­tio­nell und abso­lut zustim­mungs­fä­hig: „Was für ein Aben­teu­er: Lesen.“ Des­we­gen: Sams­tags immer Kurt Kis­ters „Deut­schen All­tag“ lesen. es ist ein Aben­teu­er, das Spaß mach. Bestimmt. Garantiert.

warum ich das laufen liebe. und den winter.

heu­te ist so ein tag, der das (täg­li­che) lau­fen wie­der herr­lich und loh­nend macht:
der schnee fällt und fällt seit dem mor­gen­grau­en (der weg zum got­tesi­denst war kein gro­ßes ver­gnü­gen). aber sofort nach der rück­kehr vom dienst in die lauf­kl­am­tot­ten geschlüpft, den forerun­ner gestar­tet und die salo­mon-schu­he (für den schnee) geschnürt: raus geht es, in den schnee und den win­ter­li­chen wald. was schö­ne­res gibt es für einen läu­fer kaum. gut, rekor­de bricht man bei die­sem wet­ter nicht .… vor allem, da ich die gut 32 km von ges­tern noch etwas in den bei­nen merk­te. aber das ist bei so schö­nem wet­ter auch egal. ja, ich fin­de das wirk­li­ich aus­ge­spro­chen schö­nes lauf­wet­ter. auch wenn die son­ne nicht scheint. und auch, wenn es unun­ter­bro­chen schneit. gut, der wind hät­te jetzt nicht sein müs­sen – dann hät­te ich nicht so viel schnee im gesicht gehabt. aber das konn­te mei­ne freu­de nicht trüben.

unter­wegs war ich auf einer „standard“-runde: über den buch­wald­s­kopf und son­nen­weg zum zir­kel­berg, dann ein stück den kut­schen weg hin­auf, ober­halb von erbuch durch den wald in einem gro­ßen bogen bis unge­fähr zum almen­hof und dann über den schachert ins drei­see­tal und zurück nach hau­se. das ist eine sehr schö­ne, weil sehr lee­re run­de. nach dem ers­ten kilo­me­ter (mit schö­nen anstie­gen) ver­schwin­det man beim buch­wald­s­kopf im wald und lässt mensch und ort hin­ter sich. am zir­kel­berg muss man noch ein­mal kurz die stra­ße über­que­ren, aber sonst ist man nur auf wald­we­gen unter­wegs. und bis zur rück­kehr ins drei­see­tal bei kilo­me­ter 13 auch meist ganz allein. nur der schluss hat dann noch ein klei­nes biss­chen stra­ße – aber das ist minimal.

so kann man oder ich zumin­dest auf die­ser run­de ganz viel genie­ßen. den schö­nen wald. die ab und an davon­stie­ben­den rehe. die zwit­schern­den vögel. vor allem aber die sanf­te stil­le, die gedämpf­te ruhe, die heu­te im schnee alles umgibt.

und dann nach 80 minu­ten die har­te rück­kehr in die zivi­li­sa­ti­on: die autos brau­sen, die men­schen schip­pen schnee mit mög­lichst viel getö­se, der sonn­tags­bra­ten duf­tet bis auf die stra­ße. und man hat es eigent­lich gar nicht ver­misst. aber die war­me dusche genießt man dann schon.

„wie es wirklich war“

unter die­ser über­schrift (eigent­lich wäre ja der prä­sens noch tref­fen­der gewe­sen) steht ein ganz net­ter text von hil­mar klu­te in der sz am wochen­en­de (natür­lich nicht online ;-) …) über und mit ror wolf. und er fängt auch ganz tref­fend an:

wenn wir ehr­lich sind, brau­chen wir heut­zu­ta­ge drin­gend geschich­ten, die uns etwas von unse­rer viel­fach gebro­che­nen wirk­lich­keit erzählen.

- lei­der hält er das niveau nicht ganz durch, gegen ende wird es doch etwas viel klatsch und seich­tes düm­peln im bio­gra­phi­schen … aber trotz­dem: es ist immer gut, etwas über ror wolf zu lesen – er ist doch arg in ver­ges­sen­heit gera­ten inzwi­schen. obwohl er es nun wirk­lich nicht ver­dient. und da hilft die (neue) werk­aus­ga­be ver­mut­lich auch nicht so sehr viel (selbst die rüh­ri­ge, sei­nem werk gewid­me­te wirk­lich­keits­fa­brik kann da ja kaum etwas aus­rich­ten), obwohl die bei­den ers­ten bis­her erschie­nen bän­de ja auch aus­ge­spro­chen schö­ne bücher sind.

http://​de​.wiki​pe​dia​.org/​w​i​k​i​/​R​o​r​_​W​olf

2009 gelaufen

das war es also schon wie­der, das jahr 2009. die läu­fe­ri­sche bilanz ist ziem­lich durch­wach­sen. vor­ge­nom­men hat­te ich mir nicht viel: ein mara­thon­dou­ble aus­pro­bie­ren, um zu sehen, ob etap­pen­läu­fe etwas für mich sein könn­ten. und, vor allem, die letz­ten sekun­den trai­nie­ren und den mara­thon unter drei stun­den lau­fen. das ers­te hat geklappt, das zwei­te nicht.

dabei fing es ganz ordent­lich an: bis mai hat­te ich bereits 1800 kilo­me­ter in den bei­den. und tat­säch­lich klapp­te der dop­pel­schlag dann ziem­lich gut: sams­tags abend in mann­heim, sonn­tags mor­gen in mainz jeweils ein mara­thon in deut­li­che unter vier stun­den (sie­he den bericht hier). danach war’s dann nicht mehr so lus­tig. die moti­va­ti­on ging etwas berg­ab. zunächst stand natür­lich aus­gie­bi­ge rege­ne­ra­ti­on auf dem plan. den sprung zurück ins trai­ning habe ich dann aber nur noch halb­her­zig geschafft. die kilo­me­ter­leis­tung blieb im juni sogar etwas unter der vom mai, im juli fiel sie noch mehr ab. da, vor allem nach dem rhein­steig-extrem­lauf (mit mei­ner aller­ers­ten alters­klas­sen-plat­zie­rung!) fing das übel näm­lich an: in mei­nem lin­ken fuß tat sich etwas. ich brauch­te eine gan­ze wei­le, bis mir klar, was das war: ein fer­sen­sporn. und wie ich damit umzu­ge­hen habe. der ver­such, trotz­dem den bären­fels-trail mit­zu­lau­fen, ging dann auch ordent­lich in die hose. und im august erwei­ter­te sich das dann zur stra­fe für den über­mut noch um eine reizung/​entzündung der plant­ar-seh­ne. des­halb bin ich ab ende august und vor allem im sep­tem­ber fast gar nicht mehr gelaufen.

aber eben nur fast. denn der streak soll­te hal­ten. und er tat es auch – auch wenn es höchst­wahr­schein­lich etwas unver­nünf­tig war und die hei­lung ohne das täg­li­che (weiter-)laufen etwas schnel­ler gesche­hen wäre. aber ein biss­chen ver­rückt muss man ja sein … 558 tage des täg­li­chen lau­fens gezählt – im herbst war die­se wach­sen­de zahl, die inzwi­schen auch mei­nen ers­ten ver­such über­holt hat, oft die ein­zi­ge moti­va­ti­on, über­haupt noch die schu­he zu schnüren.

auch nach­dem die ent­zün­dung abge­heilt und der fuß so halb­wegs wie­der her­ge­stellt war, schnell­ten die kilo­me­ter nicht gera­de in die höhe. zum einen woll­te ich nur lang­sam stei­gern, um kei­nen rück­fall zu pro­vo­zie­ren. zum ande­ren fiel es mir im spät­herbst und win­ter zuneh­mend schwer, mich für län­ge­re ein­hei­ten zu moti­vie­ren: ein biss­chen etwas ging immer, aber jen­seits der 10 kilo­me­ter fehl­te oft sehr die lust. erst kurz vor weih­nach­ten kam die zurück – aber da war es schon zu spät, sozu­sa­gen ;-). so ste­hen jetzt halt „nur“ 4387 kilo­me­ter im trai­nings­ta­ge­buch – das ist aber durch­aus in ord­nung so. ich hof­fe, nächs­tes jahr wer­den es wie­der mehr. und bin zuver­sicht­lich, dass das auch klappt. auch wenn ich im wort­sin­ne immer noch nicht trai­nie­re, son­dern nur lau­fe – viel­leicht brau­che ich im moment den stress des tem­po­trai­nings nicht so sehr. zumal ich sehr am über­le­gen bin, ob ich mich wirk­lich noch mal auf die drei-stun­den-gren­ze hoch­trai­nie­ren soll. das ist für mich unta­len­tier­ten läu­fer (und extrem undis­zi­pli­nier­ten esser) näm­lich mit viel arbeit und fleiß ver­bun­den. wahr­schein­lich ver­le­ge ich mich doch eher auf die län­ge­ren stre­cken ohne tem­po­druck. das macht mir eigent­lich am meis­ten spaß. auch ohne wett­kampf und ver­an­stal­tung: die lan­gen läu­fe am wochen­en­de sind eigent­lich das schöns­te am lau­fen über­haupt. auch (oder weil?) man danach so schön fer­tig ist …

und abschlie­ßend mein lauf­jahr 2009 in eini­gen zah­len:

gelau­fe­ne kilo­me­ter 2009: 4387,41 km
benö­tig­te gesamt­zeit: 378:00:29 (wahn­sinn!)
durch­schnitts­tem­po: 5:11 min/​km
höhen­me­ter: +/- 59.000 m (wahr­schein­lich etwas mehr als real, das ist der per sport­tracks & ele­va­ti­on cor­rec­tion plug­in ermit­tel­te wert)
kür­zes­te ein­heit: 2,1 km
längs­te ein­heit: 53,1 km
mara­thon oder mehr: 8 mal (ergibt: 353,5 km @ 5:20)

„wenn gott …

„wenn gott die geschich­te des uni­ver­sums erzäh­len könn­te, wür­de das
uni­ver­sum zu einer fik­ti­on wer­den.” (e.m. fors­ter, ansich­ten des
romans)

klavierkunst für eine bessere welt

Er scheint ein ganz nor­ma­ler jun­ger Pia­nist zu sein, so wie er in Jeans und schwar­zem Hemd auf die Büh­ne des Frank­fur­ter Hofes kommt. Aber in Kai Schu­ma­cher steckt mehr. Denn wer „The Peo­p­le United Will Never Be Defea­ted“ auf­nimmt (für das Main­zer Label Wergo) und auch noch live spielt, der muss etwa Beson­de­res sein. Schließ­lich ist Fre­de­ric Rzew­skis rie­si­ger Varia­tio­nen­zy­klus nicht irgend ein Werk.

Zum einen sind da die tech­ni­schen Schwie­rig­kei­ten: In die­sen gut sech­zig Minu­ten ist eine Men­ge ver­packt – rasen­de Läu­fe, don­nern­de Akkor­de, wil­de Sprün­ge, bru­ta­le Laut­stär­ke und sub­ti­le Fein­hei­ten wech­seln stän­dig. Und die musi­ka­li­schen Anfor­de­run­gen sind auch nicht gering: Die­se 36 Varia­tio­nen erfor­dern viel Gestal­tungs­kraft, viel Über­sicht und gleich­zei­tig enor­me Kon­zen­tra­ti­on im Detail.

Es geht aber noch wei­ter: Wer die­se Musik spielt, bezieht immer auch irgend eine poli­ti­sche Posi­ti­on. Schließ­lich ist das Musik, die etwas ver­än­dern will. Denn Rzew­ski hat nicht irgend eine Melo­die als Grund­la­ge genom­men, son­dern das chi­le­ni­sche „El pue­blo uni­do jamás será ven­ci­do“, das Anfang der 1970er Jah­re zum musi­ka­li­schen Sym­bol des Wider­stands gegen Pino­chet wurde.

Kai Schu­ma­cher macht das im Frank­fur­ter Hof über­deut­lich, er lässt näm­lich erst ein­mal das Ori­gi­nal ein­spie­len – gleich ein ers­ter Gän­se­haut-Moment. Davon wird es noch eine gan­ze Men­ge geben. Denn was Rzew­ski kom­po­niert hat, das ist nicht nur hoch­vir­tu­os und viel­fäl­tig, arti­fi­zi­ell und natür­lich zugleich. Son­dern auch so vol­ler Ideen, Sti­le, Anklän­ge, dass es unge­heu­er viel zu ent­de­cken gibt. Und Kai Schu­ma­cher scheint das alles im Blick zu haben. Sei­ne Inter­pre­ta­ti­on die­ses auf­grund sei­ner hohen Schwie­rig­keit nahe­zu nie gespiel­ten Wer­kes ist gera­de dadurch aus­ge­zeich­net, die kunst­vol­le Gestalt der Musik beson­ders in den Fokus zu holen.

Ande­rer­seits ver­liert der Zyklus dadurch an Schär­fe – und auch die Gewiss­heit, dass das geein­te Volk wirk­lich nie­mals besiegt wer­den wird. Viel­leicht ist das zwangs­läu­fig so, die welt­ge­schicht­li­che Ent­wick­lung seit 1975, als Rzew­ski das Mam­mut­werk kom­po­nier­te, ist ja kei­ne rei­ne Erfolgs­ge­schich­te der Befrei­ung unter­drück­ter Völ­ker. Gera­de die­se Span­nung zwi­schen Opti­mis­mus und dem Bewusst­sein um Nie­der­la­ge und Unter­drü­ckung auf der ande­ren Sei­te führt Schu­ma­cher immer wie­der ganz beson­ders hervor.

So rea­li­siert er mit elas­ti­schem Ton, mit federn­der Kraft ein sehr offe­nes Kunst­werk: Das hier ist eine Auf­füh­rung, die gera­de die sti­lis­ti­sche Viel­falt der Varia­tio­nen, von den ana­ly­tisch die Melo­die zer­split­tern­den Sät­zen über vir­tuo­se Tas­ten­don­ner­mo­men­te bis zu Jazz- und Blues-Impres­sio­nen, beson­ders deut­lich macht. Die­se Kon­tras­te arbei­tet Schu­ma­cher sehr stark her­aus – und ist doch immer wie­der dann beson­ders über­zeu­gend, wenn er sich ganz in die Musik ver­sen­ken kann, wenn die zar­ten und zer­brech­li­chen Momen­te auch ihn selbst neu ergrei­fen und berühren.

harter gegenwind für die wikipedia

der wiki­pe­dia weht gera­de in den letz­ten tagen ein har­ter wind ins gesicht – nicht so ganz ver­ständ­lich, mei­ner mei­nung nach, weil die inklu­sio­nis­ten, die gera­de v.a. das wort füh­ren, eine enzy­klo­pä­die mit einer daten­bank und wis­sen mit infor­ma­ti­on ver­wech­seln (und des­halb so unsin­nig pau­schal gegen rele­vanz­kri­te­ri­en argu­men­tie­ren). jetzt in der tele­po­lis gefun­den: Das Inter­view mit dem umstrit­te­nen Medi­en­theo­re­ti­ker Prof. Eugen Dri­ver­man zur ihm dro­hen­den Ent­zie­hung der Lehr­be­fug­nis, der fefe-Kri­se von 2009 und der Kanz­ler­wahl Wes­ter­wel­les von 2016 von Mar­kus Kom­pa. da ste­hen vie­le net­te sachen drin. zum bei­spiel: „Die­se Sper­ren waren jedoch damals noch nicht durch­setz­bar, da die sei­ner­zeit an der Regie­rung betei­lig­te FDP alle ande­ren Wahl­ver­spre­chen gebro­chen hat­te und zur Gesichts­wah­rung wenigs­tens das Inter­net­sperr­ge­setz von 2009 vor­läu­fig blockierte.“

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