»Nächstens mehr.«

Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Schwere Kunst: Chopin, Rachmaninow & Prokofjew

Ein­fach gemacht hat er sich nichts. Erst ein­mal alle vier Bal­la­den von Fre­de­ric Cho­pin, dann noch drei Pré­ludes von Ser­gej Rach­ma­ni­now und schließ­lich Ser­gej Pro­kof­jews sechs­te Kla­vier­so­na­te – ein Pro­gramm vol­ler spiel­tech­ni­scher Hür­den und musi­ka­li­scher Schwie­rig­kei­ten. Aber Boris Gilt­burg hat eben auch kei­nen Grund, es sich ein­fach zu machen – tech­nisch hat er sein Reper­toire ganz ein­deu­tig voll im Griff. Aber auch musi­ka­lisch zeigt er sich sei­nem Anspruch durch­aus gewachsen.

Tat­säch­lich hat das Pro­gramm, das er im Rah­men der Rei­he „Inter­na­tio­na­le Pia­nis­ten“ des SWR im Frank­fur­ter Hof vor­trug, mehr Gemein­sam­kei­ten, als ein flüch­ti­ger Blick den­ken lässt. Alle drei Kom­po­nis­ten sind Emi­gran­ten, denen das Kla­vier und sei­ne Mög­lich­kei­ten beson­ders nahe stand. Und die­se Hei­mat­lo­sig­keit der Kom­po­nis­ten, ihre Ver­lus­te und Erfah­run­gen der Frem­de, ihr Erfolg und ihre Nie­der­la­gen – das alles prägt sich auch in ihre Musik ein. Genau das zeigt Boris Gilt­burg im Frank­fur­ter Hof immer wie­der. Viel­leicht ist es ja auch nur ein Zufall, dass sei­ne Mög­lich­kei­ten, sei­ne Klang­vor­stel­lun­gen und sein Tem­pe­ra­ment dem die­ser Musik so genau ent­spre­chen. Aber egal – es passt jedenfalls.

Die Cho­pin­schen Bal­la­den, der Beginn und gleich schon der Höhe­punkt die­ser Gat­tung, zei­gen das in ihrer gan­zen Viel­falt. Alle ihrer vie­len Stim­mun­gen tre­ten bei Gilt­burg wun­der­bar deut­lich und plas­tisch her­vor. Über­haupt zeich­net sich sei­ne Inter­pre­ta­ti­on, trotz ihrer Vir­tuo­si­tät, durch eine tief­ge­hen­de Klar­heit aus – und gerät doch nie tro­cken oder aka­de­misch lang­wei­lig. Die Mischung aus Prä­zi­si­on und Wär­me, kraft­vol­ler Ton­ge­bung und intel­li­gen­ter Phra­sie­rung, wis­sen­der Gestal­tung und emp­fin­den­dem Aus­druck führt ihn nicht nur in den vier Bal­la­den Cho­pins zum Erfolg. Wie er mit die­sen Mit­teln die Vehe­menz und dra­ma­ti­sche Nar­ra­ti­vi­tät die­ser Musik ent­wi­ckelt, das ist an sich schon sehr über­zeu­gend. Gilt­burg spielt das dabei aber eben nicht nur als for­ma­le Ana­ly­se, son­der auch als leben­di­gen, atmen­den und spre­chen­den Klang.

Das hilft dann auch beson­ders für Pro­kof­jews 1940 kom­po­nier­te sechs­te Kla­vier­so­na­te, auch so ein düs­ter-expres­si­ves Expe­ri­ment zwi­schen Tra­di­ti­on und Gegen­wart, zwi­schen hol­der Kunst und dis­so­nan­ter Wirk­lich­keit. Gilt­burg lässt die­se Musik ganz exzel­lent von Wahn­sinn zu Har­mo­nie und zurück pen­deln. Hier kann die Musik an genau den rich­ti­gen Stel­len kra­chend bers­ten, aber auch hin­ge­bungs­voll sin­gen, ohne dass dabei irgend etwas ver­lo­ren­geht. Ein­fach ist das alles nicht – weder für den Pia­nis­ten noch für das Publi­kum. Aber berüh­rend und überzeugend.

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zeitung.)

Zufriedene Majestäten: Beethoven und Rachmaninow

Es sieht reich­lich selt­sam aus, was für einen kurio­sen Tanz Hän­de und Arme von Yakov Kreiz­berg da auf­füh­ren. Aber es funk­tio­niert: Der Diri­gent hat das SWR Sin­fo­nie­or­ches­ter Baden-Baden und Frei­burg beim Meis­ter­kon­zert in der Rhein­gold­hal­le in jedem Moment fest im Griff – auch wenn sei­ne Schlag­tech­nik das nicht unbe­dingt verrät.

Mit rie­si­gen, weit aus­ho­len­den Bewe­gun­gen schwingt der Diri­gent sei­nen extra­lan­gen Stab und steht dann kurz dar­auf minu­ten­lang fast wie ein­ge­fro­ren und steu­ert die Orches­ter­mu­si­ker mit win­zigs­ten Bewe­gun­gen zwei­er Fin­ger der lin­ken Hand. Dabei hat er aller­dings auch Unter­stüt­zung: Kirill Ger­stein am Kla­vier gibt im fünf­ten Kla­vier­kon­zert von Lud­wig van Beet­ho­ven ger­ne auch den einen oder ande­ren Impuls. Über­haupt ergän­zen die bei­den sich hier sehr ange­nehm: Diri­gent und Pia­nist bevor­zu­gen für das letz­te Kla­vier­kon­zert Beet­ho­vens, das vor fast genau 200 Jah­ren urauf­ge­führt wur­de, eine weich abge­run­de­te, har­mo­nisch aus­ge­füll­te Les­art, die garan­tiert nir­gend­wo aneckt.

Rund­um satt und zufrie­den tönt der doch oft so rebel­li­sche Beet­ho­ven hier, ertrinkt fast in der Har­mo­nie, Ein­tracht und Schön­heit die­ser Musik. Ger­stein spielt das sehr sau­ber und immer mit unauf­dring­li­cher, fast ver­steck­ter Bril­lanz. Dabei ver­birgt er sich und auch die meis­ten Akzen­te sei­nes Parts hin­ter wei­chem Eben­maß. Die Musik, die da in der Rhein­gold­hal­le erklingt, ist nicht von die­ser Welt – sie küm­mert sich aber auch gar nicht dar­um, sie ist mit sich selbst und ihrer rei­nen Schön­heit schon mehr als zufrieden.
Auch das Orches­ter lässt sich da nicht lan­ge bit­ten und schmei­chelt auf allen Ebe­nen. So rich­tig dre­hen die Musi­ker des SWR-Orches­ters aber erst bei Ser­gej Rach­ma­ni­nows zwei­ter Sin­fo­nie auf
Auch die wie­der­um kei­ne im eigent­li­chen Sin­ne span­nen­de oder anre­gen­de Musik. 

Denn Kreiz­berg bleibt sei­ner Metho­de – und sei­nem Diri­gier­stil – treu: Mit gleich­zei­tig ecki­gen und sanft wogen­den Bewe­gun­gen lässt er die Sin­fo­nie zugleich feder­leicht schwe­ben und erwar­tungs­voll vibrie­ren. Das tost und dröhnt oft ganz gewal­tig, schwellt immer wie­der wun­der­bar auf und ab – denn wenn Kreiz­berg etwas kann, dann ist es das geschick­tes­te Phra­sie­ren: Nie kommt die Musik zur Ruhe, nie erschöpft sich sein Drang zum ewi­gen Wei­ter. Das ebnet die monu­men­ta­le Sin­fo­nie aller­dings auch hin und wie­der ein biss­chen ein – alles liegt sozu­sa­gen glei­cher­ma­ßen auf dem Weg, der immer wei­ter vor­wärts führt und nie ankommt. Aber die­ser Weg ist ein unbe­dingt schö­ner, ein Rei­gen seligs­ter Melo­dien­kunst in purer Prä­senz. Und das klingt groß­ar­tig – auch wenn es manch­mal selt­sam anzu­schau­en ist.

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zeitung.)

Darjeeling Teesta Valley FTGFOP1 F.F. invoice 14 season 2010

Dar­jee­ling als Tee­an­ga­be und Cha­rak­te­ris­ti­kum ist unge­fähr so sinn­voll wie die Anga­be „deut­scher Weiß­wein“. Das mer­ke ich immer wie­der, vor allem wenn ein neu­er Tee aus Dar­jee­ling zum ers­ten Mal in mei­ne Kan­ne kommt. Heu­te ist es einer aus dem Tees­ta Val­ley, wie fast immer bekom­me ich die­sen offi­zi­ell „Dar­jee­ling Tees­ta Val­ley FTGFOP1 F.F. invoice 14 sea­son 2010“ benann­ten Tee von Kolod­ziej & Lie­der. Mit ist deses Tal mit dem pas­sen­den Namen bis­her noch nicht begeg­net – aber das will ja nichts hei­ßen. Nach der deut­schen Wiki­pe­dia heißt das „tief ein­ge­schnit­te­ne“ Tal im Ost-Hima­la­ya auch Tis­ta, was mir aber die schö­ne Homo­gra­phie ver­miest hätte …

Nun aber zum Tee: Der weist trotz kur­zer Zieh­zeit eine recht dunk­le Tas­se mit kräf­tig leuch­ten­dem, war­men Braun auf und duf­tet, mit leicht Nuss­no­te, wie ein hal­ber Gar­ten. Es ist etwas schwie­rig, ihn wirk­lich tref­fend zu beschrei­ben – kei­ne Note sticht beson­ders her­aus. Ich fin­de ihn auf­fal­lend rund, mit einer ange­nehm dezen­ten Wür­ze. Das fas­zi­nie­ren­de an die­sem Tee ist, dass er gleich­zei­tig aus­ge­spro­chen kräf­tig ist (viel­leicht habe ich ihn aber auch schon einen Tick zu lan­ge zie­hen las­sen), ande­rer­seits aber auch eben sehr rund und har­mo­nisch. Und ver­mut­lich habe ich mit die­ser ers­ten Kan­ne noch nicht ein­mal das vol­le Poten­zi­al aus­ge­reizt, ich ver­mu­te, da muss ich noch ein biss­chen nach der idea­len Zube­rei­tung suchen. Nur lei­der habe ich nur 100 Gramm – und der Tee ist schon ausverkauft …

Tee: Dar­jee­ling Tees­ta Val­ley FTGFOP1 F.F. invoice 14 sea­son 2010 von Kolod­ziej & Lieder
Zube­rei­tung: 14 Gramm Tee für 1,5 Liter kochen­des Was­ser, 2:20 Minu­ten zie­hen lassen.

Robert Hartmanns „Läufergeschichten aus Afrika“

Ein eher unschein­ba­res klei­nes Büch­lein sind die „Läu­fer­ge­schich­ten aus Afri­ka“ des Sport­jour­na­lis­ten Robert Hart­mann. Auf knapp 170 Sei­ten wer­den hier eine Men­ge Lang­stre­cken­läu­fer vor­ge­stellt. Sie kom­men (fast) alle aus Kenia – da kennt Hart­mann sich offen­bar aus. Inso­fern ist das „Afri­ka“ im Titel etwas irre­füh­rend. Ende der 1960er setzt sei­ne Geschich­ten­samm­lung ein und führt bis in die 1990er. Ganz ver­schie­de­ne klei­ne Stim­mungs­bil­der sind es, die Hart­mann hier ver­sam­melt, meist in der Form kur­zer Por­träts: Wett­kampf­er­zäh­lun­gen, Lauf­bio­gra­phien, Läuferlebenswege, …

Aber so viel inter­es­san­tes und unter­halt­sam-nett Geplau­der­tes hier auf­ge­schrie­ben ist, so vie­le Stol­per­stei­ne leg­ten sich mir auch immer wie­der in den Lese­weg. Das hat eini­ge ver­schie­de­ne Grün­de: Das nicht geklär­te Ziel des gan­zen Buches etwa. So spricht er z.B. ger­ne vom „Wun­der“ der Läu­fer aus Kenia und ihren über­ra­gen­den Leis­tun­gen – Erklä­rungs­an­sät­ze feh­len aber ziem­lich kom­plett, Hart­mann ver­sucht es noch nicht ein­mal. Trai­ning fin­det hier ja auch über­haupt nicht statt – statt­des­sen gilt das „Gesetz der Savan­ne“, was auch immer das sein soll … (Schön auch: „Die Jäger und Samm­ler hat­ten nichts ver­lernt.“ [82]) Und dann die oft genug uner­träg­li­che roman­ti­sche Ver­klä­rung, der sich Hart­mann so ger­ne beflei­ßigt – Fak­ten tau­chen zwar auf, sind aber viel weni­ger wich­tig (genau wie geschicht­li­che Hin­ter­grün­de) als die Stim­mung – und natür­lich immer wie­der: die Freund­schaft des Autors mit den Läu­fern, vor allem Mike Boito.

Am meis­ten genervt hat mich ja die naï­ve Ver­klä­rung der Unter­ent­wick­lung eines gan­zen Kon­ti­nents und der Armut: Die Keni­aer sind hier die bes­se­ren Men­schen, noch unver­dor­ben von den Bequem­lich­kei­ten der Moder­ne, sie sind noch „ech­te“ Men­schen mit natür­lich-gesun­dem Ver­hält­nis zum Kör­per und des­sen Leis­tungs­fä­hig­keit (immer wie­der erzählt er, wie die Ath­le­ten zu Fuß zum Wett­kampf kom­men …). Höchs­tens als gute Moti­va­ti­on zur ech­ten Leis­tung, die die ver­weich­lich­ten Euro­pä­er nicht mehr brin­gen wollen/​können, spielt Armut hier letzt­lich eine Rol­le. Und das führt direkt zum nächs­ten Punkt: Hart­manns mehr oder weni­ger ver­deck­tem (Rest-)Kolonialismus – es geht nicht dar­um, Afri­ka und den Afri­ka­nern Mög­lich­kei­ten der Ent­wick­lung auf­zu­zei­gen (ok, das wäre in die­sem Rah­men auch zu viel ver­langt), son­dern eigent­lich dar­um, das Gefäl­le zwi­schen Afri­ka und Euro­pa aus­zu­nut­zen. Gewiss, für ein­zel­ne Indi­vi­du­en mag das funk­tio­nie­ren und erfolg­reich sein – die Hun­der­te Läu­fert, die sich auf dem Weg dahin auf­rei­ben und schei­tern, spie­len hier kei­ne wirk­li­che Rol­le. Das lei­ten­de Prin­zip ist das der hoch­be­gab­ten Habe­nicht­se, die zum Erfolg lau­fen. Und die freu­en sich über die pri­mi­tivs­ten, erbärm­lichs­ten Almo­sen, die der freund­lich geson­ne­ne väter­li­che Freund aus dem rei­chen Deutsch­land ab und an über­reicht. „Das war ein ein­fa­ches Sys­tem. Aber es funk­tio­nier­te.“ (136)

Poli­tik taucht über­haupt nicht auf – als spiel­te sich das Leben nur auf dem Sport­platz ab. Und das Frau­en nichts zu mel­den haben – macht nichts. Dafür ist er offen­bar außer­or­dent­lich begeis­tert von den grau­sa­men, eli­tä­ren, män­ner­bünd­le­rischn Ini­ta­ti­ons­ri­ten der Stäm­me. Nun ja …

Also, alles in allem: Eine net­te Lek­tü­re zwi­schen­durch, wenn man eini­ge Ansprü­che mal außen vor lässt.

Robert Hart­mann: Läu­fer­ge­schich­ten aus Afri­ka. Has­sel­roth: Schmid 2004. 172 Sei­ten. ISBN 3−938101−01−6.

Schön langweilig: Beethoven & Rachmaninov

Es sieht reich­lich selt­sam aus, was für einen kurio­sen Tanz Hän­de und Arme von Yakov Kreiz­berg da auf­füh­ren. Aber es funk­tio­niert: Der Diri­gent hat das SWR Sin­fo­nie­or­ches­ter Baden-Baden und Frei­burg beim Meis­ter­kon­zert in der Rhein­gold­hal­le in jedem Moment fest im Griff – auch wenn sei­ne Schlag­tech­nik das nicht unbe­dingt verrät. 

Mit rie­si­gen, weit aus­ho­len­den Bewe­gun­gen schwingt der Diri­gent sei­nen extra­lan­gen Stab und steht dann kurz dar­auf minu­ten­lang fast wie ein­ge­fro­ren und steu­ert die Orches­ter­mu­si­ker mit win­zigs­ten Bewe­gun­gen zwei­er Fin­ger der lin­ken Hand. Dabei hat er aller­dings auch Unter­stüt­zung: Kirill Ger­stein am Kla­vier gibt im fünf­ten Kla­vier­kon­zert von Lud­wig van Beet­ho­ven ger­ne auch den einen oder ande­ren Impuls. Über­haupt ergän­zen die bei­den sich hier sehr ange­nehm: Diri­gent und Pia­nist bevor­zu­gen für das letz­te Kla­vier­kon­zert Beet­ho­vens, das vor fast genau 200 Jah­ren urauf­ge­führt wur­de, eine weich abge­run­de­te, har­mo­nisch aus­ge­füll­te Les­art, die garan­tiert nir­gend­wo aneckt. 

Rund­um satt und zufrie­den tönt der doch oft so rebel­li­sche Beet­ho­ven hier, ertrinkt fast in der Har­mo­nie, Ein­tracht und Schön­heit die­ser Musik. Ger­stein spielt das sehr sau­ber und immer mit unauf­dring­li­cher, fast ver­steck­ter Bril­lanz. Dabei ver­birgt er sich und auch die meis­ten Akzen­te sei­nes Parts hin­ter wei­chem Eben­maß. Die Musik, die da in der Rhein­gold­hal­le erklingt, ist nicht von die­ser Welt – sie küm­mert sich aber auch gar nicht dar­um, sie ist mit sich selbst und ihrer rei­nen Schön­heit schon mehr als zufrieden. 

Auch das Orches­ter lässt sich da nicht lan­ge bit­ten und schmei­chelt auf allen Ebe­nen. So rich­tig dre­hen die Musi­ker des SWR-Orches­ters aber erst bei Ser­gej Rach­ma­ni­nows zwei­ter Sin­fo­nie auf. Auch die ist wie­der­um kei­ne im eigent­li­chen Sin­ne span­nen­de oder anre­gen­de Musik. Denn Kreiz­berg bleibt sei­ner Metho­de – und sei­nem Diri­gier­stil – treu: Mit gleich­zei­tig ecki­gen und sanft wogen­den Bewe­gun­gen lässt er die Sin­fo­nie zugleich feder­leicht schwe­ben und erwar­tungs­voll vibrie­ren. Das tost und dröhnt oft ganz gewal­tig, schwellt immer wie­der wun­der­bar auf und ab – denn wenn Kreiz­berg etwas kann, dann ist es das geschick­tes­te Phra­sie­ren: Nie kommt die Musik zur Ruhe, nie erschöpft sich sein Drang zum ewi­gen Wei­ter. Das ebnet die monu­men­ta­le Sin­fo­nie aller­dings auch hin und wie­der ein biss­chen ein – alles liegt sozu­sa­gen glei­cher­ma­ßen auf dem Weg, der immer wei­ter vor­wärts führt und nie ankommt. Aber die­ser Weg ist ein unbe­dingt schö­ner, ein Rei­gen seligs­ter Melo­dien­kunst in purer Prä­senz. Und das klingt groß­ar­tig – auch wenn es manch­mal selt­sam anzu­schau­en ist.

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zeitung.)

Frühsommer in der Teetasse

Noch ein fei­ner Oolong aus Tai­wan, der Tai­wan Ever­spring Siji­chun Kul­ti­var. Der Ever­spring Siji­chun Kul­ti­var von Kolod­ziej & Lie­der ist nur sehr leicht oxi­diert. Die Blät­ter sind, wie das bei die­sen Tees üblich ist, zu klei­nen Kugeln oder Bro­cken zusam­men­ge­rollt und ent­fal­ten sich beim Auf­guss zu rich­tig gro­ßen, voll­stän­di­gen Blät­tern, die auch schon im tro­cke­nen Zustand ver­blüf­fend frisch und fruch­tig duften.

Und so schmeckt er auch: Wie ein fei­ner Früh­som­mer­tag, mit etwas fruch­ti­ger Süße und erfri­schen­der Wür­ze, aber alles ganz leicht und unbe­schwert. Der Ever­spring hat dabei eine erstaun­lich kla­re Tas­se – aber viel­leicht habe ich auch nur zu wenig Tee benutzt, bei der Sei­ten­griff­kan­ne ist das immer etwas schwer ein­zu­schät­zen. Aber das ist ein Tee, bei dem ich mich wirk­lich freue, dass ich meh­re­re Auf­güs­se machen darf. So leicht und locker wie der ers­te ist natür­lich kei­ner, aber bis zum fünf­ten haben alle ihren eige­nen Reiz – mit etwas län­ge­rer Zieh­zeit zum Ende der Rei­he hin gewinnt der Tee fast sogar noch etwas an Prä­senz und Definition.

Tee: Tai­wan Ever­spring Siji­chun Kul­ti­var 2010
Zube­rei­tung: ca. 3–5 Gramm Tee (geschätzt) in der Sei­ten­griff­kan­ne mit 95 °C hei­ßem Was­ser und einer Zieh­zeit von genau 30 Sekunden.

Das Wandern ist nicht nur des Müllers Lust

Nein, das Wan­dern ist­wirk­lich nicht nur des Mül­lers Lust. Auch Ulrich Gro­ber hat wahn­sin­nig viel Lust am Wan­dern und beim Wan­dern. So viel, dass er ein Buch dar­über geschrie­ben hat: „Vom Wan­dern“ heißt das ganz unauf­fäl­lig. Und der Unter­ti­tel ver­heißt noch dazu „Neue Wege zu einer alten Kunst“ – da kann man geteil­ter Mei­nung sein.1 Aber zunächst ein­mal muss ich fest­hal­ten: Ulrich Gro­ber ist ein wun­der­ba­res Buch gelun­gen. Das haben auch ande­re Leser schon fest­ge­stellt. Und ich kann mich da wirk­lich nur anschließen.

War­um ist das so gut? Nun, Gro­ber berich­tet zwar – wie vie­le vor und nach ihm – auch von sei­nen Erleb­nis­sen auf sei­nen Wan­de­run­gen. Aber das Wie ist ent­schei­dend. Denn die eigent­li­che Wan­de­rung ist oft genug gar nicht so wich­tig. Es geht nie dar­um, von einem Ort zum ande­ren, vom Start zum Ziel zu kom­men. Son­dern immer um das, was dazwi­schen ist und pas­siert. Das meint nicht nur die all­zu plat­te Erkennt­nis, dass der Weg das Ziel sei. Nein, bei Gro­ber ist auch der Weg nicht das Ziel. Zumin­dest hier nicht. Hier geht es dar­um, was mit dem Indi­vi­du­um des Wan­de­rers beim Wan­dern, in der Bewe­gung durch Raum und Zeit, pas­siert. Da sind auch gleich noch zwei ganz wich­ti­ge Stich­wor­te gefal­len: Raum und Zeit. Dafür hat Gro­ber ein beson­de­ren Spür­sinn. Raum, das ist die Land­schaft, durch die die jewei­li­ge Wan­de­rung (fast immer ist er übri­gens als Soli­tär unter­wegs) ihn führt. Die wird nicht nur anhand ihrer ober­fläch­li­chen Beschaf­fen­heit beschie­ben, son­dern – so könn­te man etas empa­thisch sagn – in ihrem Wesen und ihrer prä­gen­den Kraft erkannt. Genau die­se Tat­sa­che, dass Gro­ber den ver­schie­de­nen Land­schaf­ten, Natur­räu­men, Umge­bun­gen ein Wesen, einen Cha­rak­ter zuschreibt, ist das Ent­schei­den­de. Und ähn­lich ist es mit der Zeit: Gro­ber ist ein Fla­neur unter den Wan­de­rern. Eben weil es ihm nicht auf den Weg, son­dern auf das Erle­ben ankommt. Und vor dem Erle­ben steht das Wahr­neh­men. Weil Gro­ber viel weiß und viel kennt (zumin­dest im Buch …) nimmt er viel wahr: Natur­kund­li­ches, His­to­ri­sches, Metero­lo­gi­sches, Geo­lo­gi­sches, Botanisches …

Das alles schreibt er nie­der als eine Mischung aus Natur, Zivi­li­sa­ti­on, Geschich­te und Kul­tur der jewei­li­gen Wan­de­rung. Und er bleibt dabei sym­pa­thisch unauf­ge­regt: Das sind kei­nes­wegs „beson­de­re“ Wan­de­run­gen, kei­ne unge­wöhn­li­chen, aus­ge­fal­le­nen Wege oder Stre­cken, die er geht – son­dern ganz nor­ma­le Wege in Deutsch­land (und ein­mal über die Alpen nach Ita­li­en). Wan­dern ohne sport­li­che oder ähn­li­che Ambi­tio­nen also. Dafür aber eben mit ganz viel Zeit und vor allem ganz viel Auf­merk­sam­keit für sich selbst und die Umge­bung, für das Erle­ben auf allen Ebe­nen: Mikro‑, Meso- und Makro­ebe­ne wech­seln immer wie­der. Die Auf­merk­sam­keit ist aber nicht nur auf die Umge­bung, ihre Eigen­hei­ten und ihre Ver­än­de­run­gen, gerich­tet, son­dern auch auf das Wan­dern selbst, auf die Bewe­gung von Kör­per und Geist. Das ist auch wie­der so eine Ver­bin­dung, die typisch für Gro­ber ist: Das Wan­dern betrift nicht nur den Kör­per, der sich bewegt, son­dern in min­des­tens genau­so star­kem Maße auch den Geist, der ange­regt wird.

Dafür gibt es auf die­se mehr als 300 Sei­ten unzäh­li­ge Bei­spie­le. Denn die gewan­der­ten Rou­ten sind hier nicht nur Weg­be­schrei­bun­gen,2 son­dern Erfah­rungs- und Erleb­nis­be­rich­te, eine Auto­bio­gra­phie eines Wan­de­rers in Aus­schnit­ten. Dazwi­schen streut Gro­ber dann noch eini­ge Wis­sens-Exkur­se ein – von der Aus­rüs­tung über kul­tur­ge­schicht­li­che Abschwei­fun­gen und Son­die­run­gen bis zu öko­lo­gi­schen und gesund­heit­li­chen Aspek­ten des Wan­derns. Immer wie­der taucht aber leit­mo­ti­visch nicht nur die posi­ti­ve Wir­kung des Wan­derns im All­ge­mei­nen, son­dern vor allem die Frei­heit des Wan­de­rers in Raum (Gro­ber bleibt nicht immer auf vor­ge­ge­be­nen Wegen) und Zeit (auch an sei­ne eige­ne Pla­nung hält er sich nicht unbe­dingt immer) auf – bis hin zum letz­ten Satz: „Der Weg ist frei.“ (315)

Ulrich Gro­ber: Vom Wan­dern. Neue Wege zu einer alten Kunst. Frank­furt am Main: Zwei­tau­send­eins 2010 (2006). 343 Sei­ten. ISBN 9783861508441/​9783861507727

Show 2 footnotes

  1. Vor allem, was das Wan­dern als „Kunst“ betrifft. Aber auch die Ver­hei­ßung „neu­er Wege“ ist eigent­lich irre­füh­rend: Denn beson­ders neu im Sin­ne von inno­va­tiv ist das alles nicht unbe­dingt. Eher neu im Sin­ne einer (Rück-)Besinnung. ↩
  2. Das sind sie sogar im eigent­li­chen Text über­haupt nicht – dafür gibt es aber einen Anhang mit vie­len Infor­ma­tio­nen, der auch die Zita­te, die der bil­dungs­be­flis­se­ne Gro­ber immer wie­der ein­streut, nach­weist. ↩

Assam Mangalam

und wie­der mal ein neu­er Assam, ein (Weihnachts-)Geschenk und des­halb nicht aus einem mei­ner Läden, son­dern von „Tee vom See“. Aber das ist offen­bar auch ein guter Laden, denn die­ser Assam darf sich sehen lassen.

Schon das Blatt duf­tet ver­hei­ßungs­voll wür­zig, mit einem Hauch Anis regen die klei­nen, mit vie­len gol­de­nen Spit­zen durch­setz­ten Blät­ter olfak­to­risch schon vor dem Auf­guss an. Vor­her sogar mehr als danach … Auch die Tas­se prä­sen­tiert sich wie­der­um ver­hei­ßungs­voll: Ein natür­lich dunk­ler Tee, aber mit einem stark strah­len­den Rot unter­schei­det er sich von den meis­ten gewöhn­li­chen Assams. Der Manga­lam erobert den Geschmacks­raum des Mun­des im Nu und in Gän­ze, bleibt dabei aber doch sehr zurück­hal­tend und unauf­dring­lich – weder der wür­zi­ge Duft noch die mal­zi­ge Assam-Note tre­ten beson­ders her­vor. Dafür fällt aber der wei­che und lang nach­klin­gen­de Geschmack sehr posi­tiv auf.

Tee: Assam Manga­lam FTGFOP1
Zube­rei­tung: ca. 15 Gramm Tee für 1,5 Liter kochen­des Was­ser, 4:30 Minu­ten Ziehzeit.

Mein schwarzer Blitz

End­lich habe ich wie­der ein Fahrrad!

Nach­dem ich mich dann – nach lan­gem Suchen und Pro­bie­ren – letz­te Woche end­lich für ein Modell ent­schie­den hat­te, ging es ganz schnell: Am Mon­tag abends bestellt, konn­te ich schon am Don­ners­tag das extra für mich ange­fer­tig­te Rad beim Rad­haus abho­len. So schnell geht das natür­lich nicht immer, aber ein biss­chen Glück darf ich ja auch mal haben.

Und seit­dem hat­te ich schon eine Men­ge Spaß mit dem „schwar­zen Blitz“, wie ich das rasan­te und wen­di­ge Gefährt gleich mal getauft habe.

Es ist ein Twin­road Lite mit einer Mischung aus den Deo­re-LX- und ‑XT-Grup­pen von Shi­ma­no aus der Manu­fak­tur von Paul Müsing – in mat­tem Schwarz, ohne Dekor, mit schwar­zen Anbau­tei­len – fast ein biss­chen unheim­lich, die­ser dunk­le Renner.

So siehts im Moment aus, bevor die Klin­gel und die Lam­pen­hal­te­run­gen mon­tiert werden:

Der schwarze Blitz

Der schwar­ze Blitz

Rückansicht

Rück­an­sicht

Der Antrieb

Der Antrieb

Faschismusschleife

„ ‚Das Leben in der Faschis­mus­schlei­fe kün­di­ge ich unwi­der­ruf­lich auf’, sag­te sie“ (Dona­ta Rigg, Wei­ße Sonn­ta­ge, 70)

Seite 152 von 208

Präsentiert von WordPress & Theme erstellt von Anders Norén