Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Kategorie: literatur Seite 33 von 38

Lutz Görner macht sich und uns mit Robert Gernhardt einen schönen Abend

Hei­ter soll die Kunst sein. Unbe­dingt hei­ter. Wenn einer das begrif­fen hat, dann Robert Gern­hardt – von ihm stammt die For­de­rung schließ­lich auch. Natür­lich in bes­tens gereim­ter Form. Lutz Gör­ner hat das aber auch sehr gut ver­stan­den. Im Frank­fur­ter Hof lie­fer­te er eine Kost­pro­be davon ab: Von Robert Gern­hardts humo­ris­ti­scher Lyrik und sei­ner komi­schen Dar­bie­tungs­kunst. Und das Publi­kum fraß ihm von der ers­ten Minu­te an aus der Hand. Es folg­te ihm durch sein drei­mi­nü­ti­ges Schwei­gen genau­so wie es ihm bei der „Erin­ne­rung an eine Begeg­nung in Duder­stadt“ durch Geki­cher und Räus­pern die Gele­gen­heit gab, sich nahe­zu zehn Minu­ten mit dem Titel des Gedich­tes her­um­zu­schla­gen, bevor er über­haupt zum ers­ten Vers wei­ter­ge­hen konnte.

>Gör­ner ist dem Lyri­ker der Neu­en Frank­fur­ter Schu­le seit 1991 zuge­tan. Und das macht er sehr deut­lich. Über­haupt hat er auf der Büh­ne kei­nen Platz und kei­ne Zeit für Andeu­tun­gen oder Zwi­schen­tö­ne. Gern­hardts Gedich­te also. Er spricht sie, dekla­miert, erzählt, schreit, grunzt, stöhnt, knurrt, seufzt, zwit­schert, säu­selt, lis­pelt, knirscht, haucht, stot­tert, lallt und schimpft mit und durch Gern­hardts Wor­te: Kurz, er macht alles, um Robert Gern­hardt noch ein­mal zu ver­ge­gen­wär­ti­gen. Und er macht immer auch noch ein biss­chen mehr. Denn Gör­ner ist inzwi­schen weit mehr als ein Rezi­ta­tor – er ist selbst zum Komi­ker gewor­den. Viel­leicht ist es ja in einer Art Osmo­se durch die lan­ge Beschäf­ti­gung mit Gern­hardt gesche­hen. Jeden­falls sind des Dich­ters Wor­te nicht die ein­zi­gen lus­ti­gen und unter­halt­sa­men in die­sem Programm.

Das zeich­net sich dadaurch aus, das es sogar zwei rote Fäden hat: Einen gespro­che­nen und einen musi­zier­ten. Denn Gör­ner ist nicht allein auf der Büh­ne. Er lässt sich von Ste­phan Sch­lei­ner am Kla­vier mit Gern­hardt-Varia­tio­nen, einem kun­ter­bun­ten Gang durch die Musik­ge­schich­te, unter­stüt­zen. Und er hat noch einen Tisch vol­ler Requi­si­ten und Ver­klei­dung­ne bereit­ste­hen, mit denen er genau­so schnell zum Sol­da­ten wie zum Clown wird.Aber um zum roten Faden zurück zu kom­men: Gör­ner prä­sen­tiert sei­ne Gedicht-Aus­wahl rund um die und zwi­schen den ein­zel­nen Stro­phen der „Ode an die Spaß­ma­cher und die Ernst­ma­cher“ – wie schon damals bei sei­nem ers­ten Gern­hardt-Pro­gramm. Alt­ba­cken ist das aber nie. Und beschei­den auch nicht. Denn schon Gern­hardt selbst wuss­te zu sagen: „Lie­ber Gott, nimm es hin, dass ich was Besond­res bin.“ Und Lutz Gör­ner und sein Publi­kum sind damit sehr einverstanden.

„Nicht der Bey­fall des gegen­wär­ti­gen Jahr­hun­derts, das wir sehen, son­dern des künf­ti­gen, das uns unsicht­bar ist, soll uns begeis­tern.” (j. g. hamann an i. kant, dezem­ber 1759 [zitiert nach ecke­hard schu­ma­cher, die iro­nie der unver­ständ­lich­kiet, 155])

lyrimail – den tag mit einem gedicht beginnen

heu­te hat lyrik­mail – über­haupt ein aus­ge­spro­chen net­ter und emp­feh­lens­wer­ter, noch dazu kos­ten­lo­ser ser­vice, den ich mit freu­den jeden tag genie­ße – mir eine gro­ße freu­de gemacht: ich durf­te den tag mit einer klei­nen por­ti­on schil­ler beginnen:

Majes­tas populi.

Majes­tät der Men­schen­na­tur! dich soll ich beim Haufen
Suchen? Bei Weni­gen nur hast du von jeher gewohnt.
Ein­zel­ne Weni­ge zäh­len, die Übri­gen alle sind blinde
Nie­ten; ihr lee­res Gewühl hül­let die Tref­fer nur ein.

„Die­se Beob­ach­tung erschüt­tert uns, wenn wir mit Ärz­ten zusam­men sind, daß sie in voll­kom­me­ner Unwis­sen­heit prak­ti­zie­ren, sagt Oeh­ler. Aber unter den Ärz­ten ist die Unwis­sen­heit eine Gewohn­heit, an die sie sich in Jahr­hun­der­ten gewöhnt haben, sagt Oeh­ler. Von Aus­nah­men abge­se­hen, sagt Oeh­ler.” (Tho­mas Bern­hard, Gehen)

„if you under­stand, you are wrong.” (jac­ques lacan, zitiert nach ecke­hard schu­ma­cher, die iro­nie der unver­ständ­lich­keit, 18)

noch mehr literatur online

und wie­der gibt es neue online-quel­len für alte bücher: die wbg macht ihren mit­glie­dern die digia­li­sa­te des olms-ver­la­ges zugäng­lich. sehr schön. net­te sei­te, viel inter­es­san­ter inhalt. und man kann es sogar als pdf-datei her­un­ter­la­den. etwa 400 reprints, v.a. aus den berei­chen der lite­ra­tur­wis­sen­schaft und der phi­lo­so­phie. und dazu noch mess­ka­ta­lo­ge. wie­der ein neu­es lese­zei­chen in mei­ner über­bor­den­den sammlung …

„wenn’s nich zu sagen iss, dann sing es” (arno schmidt, abend mit gold­rand, 1. tag, I,4)

tristesse royale revisited

lukas hein­ser (cof­fee and tv) hat noch ein­mal in der alten schar­te­ke, der pro­gramm­schrift der neue­ren pop­li­te­ra­tur in deutsch­land aus den frü­hen neun­zi­gern, geblät­tert. und eini­ge inter­es­san­te beob­ach­tun­gen zusam­men getra­gen – vor allem zur belang­lo­sig­keit die­ses mani­fes­tes für die heu­ti­ge gesell­schaft, lite­ra­tur und den pop.

„Bil­dung ist nicht nur wich­ti­ger als der Jäger 90, die Schwe­be­bahn und der Aus­bau des Auto­bahn­net­zes, sie ist auch wich­ti­ger als die gewohn­te Ver­an­stal­tung Schu­le.” (Hart­mut von Hen­tig, Bil­dung, 209)

erste lesedrücke von den bieresch

soviel gleich vor­weg: das (näm­lich klaus hof­fers bei den bie­resch) ist ein selt­sa­mes, befremd­li­ches buch.

es ent­fal­tet eine völ­lig ande­re welt – und doch auch wie­der nicht. bie­resch ist selt­sa­mes völk­chen – schon die namen! alle sind sie mehr­fach benannt, alle extrem mit bedeu­tung auf­ge­la­den (aber auch wie­der nicht, sie kön­nen sie ver­lie­ren, ändern, neue bekom­men …), je nach situa­ti­on und hier­ar­chie und stel­lung von adres­sat und adres­sie­rer wech­seln sie immer wie­der … die bräu­che sind auch selt­sam, irgend­wie unge­nau, unscharf, nicht zu begrei­fen – aber: besu­cher ist nicht zum ers­ten mal dort, er war als kind durch­aus in die­ser gegend, unter die­sen leu­ten – scheint aber kaum/​keine erin­ne­run­gen (mehr) dar­an zu haben

die­se völ­li­ge fremd­ar­tig­keit, die­se ganz eige­ne welt (die aller­dings durch­aus – ncith nur auf meta­pho­ri­scher ebe­ne! – berüh­rungs­punk­te mit dem, was wir „wirk­lich­keit” zu nen­nen gewohnt sind, hat) ist zwar ein umstand, der die lek­tü­re sehr schwer macht. aber auch fas­zi­nie­rend. und der die­ses buch so wohl­tu­end unter­schei­det von dem aller­meis­ten, was heut­zu­ta­ge als lite­ra­tur pro­du­ziert wird – die sich in viel zu vie­len fäl­len dar­auf beschränkt, die ober­flä­che der rea­li­tät zu erzäh­len, also bloß wie­der­zu­ge­ben. von daher – dies so ganz neben­bei – sehe ich das esra-urteil des bun­des­ver­fas­sungs­ge­rich­tes auch nicht als so gro­ße gefahr für die kunst an: sicher bin ich für eine größt­mög­li­che frei­heit der kunst, über­haupt kei­ne fra­ge. aber ich wun­de­re und fra­ge mich dann doch oft, war­um es vie­len autoren so schwer fällt, sich von den tasäch­li­chen bege­ben­hei­ten ihres lebens zu lösen (inwie­weit das alles auf max bilers esra zutrifft oder nicht, kann ich natür­lich gar nicht beur­tei­len, weil ich weder das buch noch die wirk­lich­keit ken­ne). was ich damit aber eigent­lich sagen will: der kunst soll­te es – auch wenn sie die nähe zur wirk­lich­keit sucht – mög­lich sein, dies so zu tun, dass per­sön­lich­keits­rech­te nicht ver­letzt wer­den. auch im medi­um der spra­che, dass für sol­che grenz­über­schrei­tun­gen natür­lich wie­der­um das prä­de­sti­nier­tes­te über­haupt ist. aber das ist schon wie­der ein ande­res pro­blem, das gro­ße tei­le der heu­te pro­du­zier­ten tex­te betrifft: dass sie kei­ne eige­ne (kunst-)sprache haben (auch gar nicht erstre­ben), kei­nen stil, son­dern sich mit dem all­tags­werk­zeug der kom­mu­ni­ka­ti­on schon zufrie­den geben. das tut klaus hof­fer hier sicher­lich nicht.

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