z.b. dieser satz: der deutsche buchpreis „ist vor allem ein Spiel, ein Marketing- und Literaturbetriebsspiel mit Fiktionen und um Fiktionen, und die Währung, in der hier Gewinne und Verluste berechnet werden, heißt Aufmerksamkeit.“ geschrieben hat ihn hubert spiegel in seinem kurzen textlein zur vorauswahl für den bücherpreis 2008, der ansonsten vor allem dazu dient, leser in den dazugehörigen lesesaal der faz zu locken.
Kategorie: literatur Seite 32 von 38
halleluja! dank der zia bzw. ihrer außenstelle, der riesenmaschine, ist es jetzt endlich möglich, literatur ganz und gar objektiv, also unter völliger ausschaltung der blöden kritiker, zu beurteilen. hier ist der kriterienkatalog: klick. speziell abgestimmt zwar auf die klagenfurter preisvergabe, aber – mit leichten modifikationen – auch darüber hinaus gut anzuwenden.
„Schön ist das Internet in seiner Leisigkeit, der Unendlichkeit seiner Räume und der Heimlichkeit jedes einzelnen seiner Punkte, von dem irgendwelche geheimen Signale ausgehen.” (so fängt rainald goetz seinen klage-beitrag am freitag – mit dem titel enkomion – an.) schön finde ich diese beobachtung.
„Im Osten Deutschlands lebten vor der Wende nicht eben vergnügte und im ganzen geistlose Leute, alle mit irgendwas beschäftigt, das sie nicht froher machte – Arbeit, die, obwohl alle an ihr beteiligt waren, wenig bewirkte; und das war ihr Unglück; über das aber nicht gesprochen wurde in den Zeitungen und sonstigen Verallgemeinerungen der Regierung, die immerfort Arbeitskräfte suchte, Massen, um sie zu begeistern.”
so fängt volker brauns kleiner prosatext die vier werkzeugmacher. herrlich.
Dass der Winter noch einmal zurück nach Mainz kam, das konnten die Macher des Staatstheaters wirklich nicht vorhersehen. So blieben die abstrakten Blumendekorationen nur Hoffnung beim literarisch-musikalischen Goethe-Abend unter dem Motto „Leise Bewegung bebt in der Luft.“ Vielleicht hat ja auch deshalb der Osterspaziergang aus dem „Faust“ gefehlt – vom Eise befreit sind die Bäche momentan ja nur bedingt. Jedenfalls gab es auch so mehr als genug Material für eine schnelle Stunde Rezitationen und ein wenig Musik.
Zwei Goethe-Premieren im Theater waren der Anlass, dafür im Foyer des Kleinen Hauses einen Salon mit Sessel, Chaiselongue und Piano aufzubauen. Die Musik steuerten Alexander Spemann und die Pianistin Erika le Roux bei. Wie sie allerdings dazu kamen, unbedingt den etwas unpassenden „Erlkönig“ zu singen, wurde nicht so recht klar. Und so gut war er dann auch nicht, dass er sich selbst legitimiert hätte. Da wäre es doch naheliegender und passender gewesen, den „Musensohn“ nicht nur vorzulesen, sondern in Schuberts wunderbarer Vertonung erklingen zu lassen. Hugo Wolfs Komposition des „Blumengrusses“ konnte Spemann dagegen schön zart und einfühlsam vortragen.
Aber der Sänger war ja nicht die Hauptsache. Sondern der Text. Und davon gab es eine Menge, im schnellen Wechsel: Natürlich ganz viele Gedichte, dazu einige Ausschnitte aus dem „Werther“ und den „Wahlverwandschaften“ sowie Briefe Goethes an seine Frauen. Da gab es also Frivoles, Stimmungsvolles, Romantisches und Banales, Deftiges und Subtiles. Wie das bei Goethe eben so ist.
Neben stürmischen Liebeserklärungen und träumerischen Naturbeschreibungen standen dann eben auch die Trauer um gefällte Nussbäume im Pfarrhof und der briefliche Bericht über die eigenhändig gepflanzten Obstbäume – und alles immer wieder gedeutet als Bild. Alle Natur, alles Wachsen und Gedeihen, Blühen und Vergehen ist nur ein Spiegel. Für die Liebe natürlich: Wie die Natur im Frühling sprießt und gedeiht, so wächst auch die Zuneigung. Und für die Sehnsucht, der Begierde nach Nähe. Marcus Mislin und Friederike Bellstedt lasen das alles mit Routine und Empathie, mit Einfühlung und auch einem kleinen Hauch Ironie. Und das kam beim Publikum zu Recht ausgezeichnet an.
das ist nun also mein erstes buch des neuen verlages weissbooks: marlene streeruwitz: der abend nach dem begräbnis der besten freundin. was sofort auffällt: das handliche format. es ist nur eine sehr schmales bändchen, gerade mal 60 seiten – dafür ist es unverschämt teuer. weissbooks ist der neue verlag des ehemaligen geschäftsführers des suhrkamp-verlages, reiner weiß, der den frankfurter verlag im unguten verließ und jetzt sein eigenes ding aufzieht. die innere ausstattung und gestaltung sieht – wenig überraschend – auffällig nach suhrkamp-büchern aus – wo das wohl herkommt. dafür gibt sich das ganze (noch sehr bescheidene) verlagsprogramme einfach und simpel, außen sind die büchet wohltuend schlicht: reines schwarz-weiß – das ist mal ganz nett. allerdings steht dann der verlagsname auch richtig groß auf dem umschlag – das finde ich wiederum etwas befremdlich. und was das .w am ende soll (weissbooks.w), ist mir auch nicht so klar. genauso wenig wie der grund, warum ein deutscher verlag …books heißen muss. aber damit ist er ja nicht der einzige. der satz ist übrigens in meinen augen nur mittelmäßig – mir sind die ränder zu klein, auch bei einem solche kleinen format. aber immerhin ist er registerhaltig und mit absichtsvoller vermeidung von schusterjungen und hurenkindern – das ist ja schon mehr als bei fast allen großen deutschen verlagen heute zu bekommen ist.
der text ist übrigens sehr schön – ein echter streeruwitz, so gesehen: knapp und deutlich, aber nie gefühllos; überlegt, aber nicht intellektuell-verquast. er beschreibt den abschied einer frau von „der besten freundin” – das definitivpronomen (anstelle eines üblichen possesiv-pronomen) im titel ist gleich schon typisch für die autorin: es gibt nicht so sehr die (emotionale) vereinnahmung von figuren durch den autor bzw. von figuren innerhalb des textes, es wird immer eine wohltuende, manchmal etwas kühl wirkende distanz gewahrt. die ich-erzählerin sinniert also angesichts des begräbnisses über tod und sterben nach, über abschied und (weiter-)leben: „sie war so damit beschäftigt, das sterben ernst zu nehmen, daß sie den tod übersehen hat.” (30) wie immer bei streeruwitz sind ihre charaktere mehr oder minder allein – was nicht unbedingt per se schlecht sein muss: „dann gehen wir beide in unsere alleinwelten.” (33) und das nachdenken über das sterben – „ich weiß nicht, wie man das machen soll. sterben. wie diese panik. die angst vor dem sarg. schon die vorstellung den körper sprengt. panik. und keine attacken. ein stetes anwachsen. als müßte die angst alles ausfüllen, um dem tod keinen platz zu lassen.” (50) – wird natürlich verdeckt und offen, bewusst und unbewusst für die erzählerin, zum nachdenken und sinnieren über das (richtige) leben. und weil das alles so schön unaufgeregt, ohne aufgeblasene emphase, daherkommt, wirkt es auch so authentisch. nur den schluss, den habe ich nicht so recht verstanden: die letzten seiten ist der erzähltext zur lyrik aufgelöst, mit kurzzeilen in gleichmäßigem zeilenfall, mit noch mehr luft – das erschloss sich mir bisher nocht nicht.
marlene streeurwitz; der abend nach dem begräbnis der besten freundin. frankfurt am main: weissbooks 2008.
„Mit dem Wort ICH fangen schon die Schwierigkeiten an.” (Peter Handke, Von der Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt)
„Was ich BIN:
ich bin’s!”
(Peter Handke, Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt)
„Oper ist die letzte glaubwürdige Religion.” (Ken Russell)
„Sprache ist klüger als ihre Benutzer, dachte ich” (Thomas Hettche: Vaportetto (Linie 52), 200)
