Nichts ist so egal wie etwas, das neben Goethe und Schiller steht. Niemand besucht es. —Clemens J. Setz, Bot, 38
Kategorie: literatur Seite 3 von 38
The past is fragile, as fragile as bones grown brittle with age, as fragile as ghosts seen in windows or the dreams that fall apart upon waking and leave nothing behind them but a feeling of unease or distress or, more rarely, a kind of eerie satisfaction.
—Siri Hustvedt, Memories of the Future, 13
Schon der Untertitel zeigt die Ambivalenz des Buches: Ist das ein Journal oder sind es Geschichten? Man muss das wohl wirklich zusammendenken: Das ist kein Tagebuch, also schon Fiktion. Aber es simuliert das tägliche Schreiben: Der Erzähler nimmt sich ein Notizbuch mit 200 Seiten vor und beschreibt jeden Tag eine Seite mehr oder weniger voll. Vielleicht hat Becker das auch so gemacht – aber das ist ja auch egal. Schade ist nur, dass der Verlag die Idee, die 200 Seiten eines Journale fiktional zu beschreiben (des Erzählers), nicht im realen Buch abbilden wollte – das wäre doch eine schöne Performanz des Textes gewesen, der sein Organisationsprinzip ja immerhin selbst erläutert. Dafür sind die Journalgeschichten aber immerhin ohne Seitenzahlen gedruckt.
Man erlebt, seufzt der Mensch, das Wetter gar nicht mehr, wie es kommt, wie es ist, wie es geht. Man erlebt nur noch, wie es eine Prophezeiung erfüllt. (150)
Der Text ist eine Mischung aus grundsätzlichen Reflexionen, leicht und fast nebenbei, als Zufall und Fundstücke etc präsentiert, mit den Erinnerungen und vielfältigen Erinnerungsanlässen eines alt(ernd)en Mannes, die immer wieder vom Einbruch der „Realität“ der Schreibgegenwart, zum Beispiel den wiederholt auftauchenden „Gästen“, unterbrochen werden. Vieles sind „nette“, freundliche, zugewandte Tagebuchskizzen mit viel untergemischter (persönlicher) „Vergangenheitsbewältigung“, auch viel Hitler & Co. Das ist dann – nicht nur hin und wieder – schon etwas sentimental, aber dank der Wortkunst Beckers noch auszuhalten. Dennoch ist mir das insgesamt etwas zu belanglos, das plätschert zu ziellos vor sich hin. Die sympathische kurze/kleine Form wird für meinen Geschmack nicht ausreichend für die poetische Verdichtung genutzt, deshalb wirkt vieles doch etwas blass und bleibt ohne tiefere Wirkung für mich.
In diesem Jahr könnte es soweit sein. Im vergangenen Jahr hätte es auch soweit sein können, ebenso im Jahr davor, oder vor zwei, drei, vor zehn Jahren schon. Vielleicht ist es erst im nächsten Jahr soweit, oder im übernächsten; dabei müssen es nicht einmal Jahre, es können auch kürzere Fristen sein, Wochen, Tage, Stunden, wer weiß. Ganz sicher ist, irgendwann ist es soweit, ob plötzlich, oder ob es sich hinzieht. (16)
Aber, und das ist halt ein großes Aber: Literarisch taugt das nicht, weder formal noch stilistisch trägt das irgendwie. Ästhetisch ist das belanglos (so wie der Inhalt der Geschichte ja auch eigentlich eher belanglos bleibt). Das funktioniert als nette – und recht flache – Unterhaltung, als eine unkomplizierte, anspruchslose Lektüre für zwischendurch, mit dem einen oder anderen Lacher. Die Süddeutsche hat das in ihrer Rezension als „Privatfernsehliteratur“ bezeichnet (behauptet der Perlentaucher) – und das trifft es ziemlich genau: Mit und vor allem über die vermurksten Leben der anderen lachen, sich selbst dabei wohlig überheblich und sicher fühlen – viel mehr will und kann dieser Text nicht.
Ich weiß ja wieder einmal nicht so recht: Von der Kritik recht einhellig sehr positiv bewertet und besprochen, finde ich das Buch dann doch eher belanglos. Ja, die fünf Lebensläufe der Frauen, die lose miteinander verknüpft diesen Roman bzw. dessen fünf Abschnitte bilden, sind interessant zu verfolgen (auch gerade als männlicher Leser wahrscheinlich). Aber das bleibt im Erzählen wieder so schrecklich banal und gewöhnlich. Vielleicht sind solche Bücher, gerade in ihrer Stillosigkeit (oder zumindest in ihrem neutralen, unauffälligen Stil) notwendig – aber packen oder gar begeistern kann mich das nicht.
Das mag auch daran liegen, dass mir das arg pessimistisch grundiert zu sein scheint: Änderungen, Entwicklungen der Protagonistinnen zum Beispiel, scheinen hier kaum bis gar nicht möglich. Ansätze dazu gibt es, die werden aber gerne und immer wieder von der Außenwelt, von den anderen, von Männern und Kindern und anderen Verwandten vor allem, vernichtet und zerschmettert.
Sie weiß mehr als damals, doch was nützt es ihr? (125)
Interessant übrigens, das nur am Rande, dass alle Frauen auffällig viel Musik – und zwar in erster Linie klassische Musik – hören. Das wäre wahrscheinlich einen genaueren Blick wert. Beim ersten Lesen scheint mir das aber, gerade im Zusammenhang mit den erzählten Lebensläufen und deren Problemen, nicht besonders ergiebig. Aufgefallen ist es mir vor allem, weil es mir zumindest zu einem Teil der Figuren nicht so recht zu passen scheint. Aber typisch für Die Liebe im Ernstfall ist, dass auch dies – wie nahezu alle äußere Handlung (abseits von der Gefühlsinnenwelt der Protagonistinnen) nur Nebensache ist, nur so anbei geschieht. „Sätze ohne Spannung, ohne Klang, ohne Zauber“ beschreibt eine der Protagonistinnen, die als Schriftstellerin arbeitet oder zu arbeiten versucht, wenn die Kinder ihr Zeit und Energie lassen, einmal ihre Tagesproduktion (125). Und das trifft auch Die Liebe im Ernstfall ziemlich genau.
außerdem gelesen:
- Moritz Föllmer: „Ein Leben wie im Traum“. Kultur im Dritten Reich. München Beck 2016. 288 Seiten. ISBN 978−3−406−67905−6.
- Jan Philipp Reemtsma: Gewalt als Lebensform. Zwei Reden. Stuttgart: Reclam 2016. 64 Seiten. ISBN 9783150193822.
- Heinz Gärtner: Der Kalte Krieg. Bündnisse – Krisen – Konflikte. Wiesbaden: marix 2017. 254 Seiten. ISBN 9783737410335.
- Hans Eisenträger: Der Mann seiner Frau. Novelle. Hrsg. von Nikola Roßbach. Hannover: Wehrhahn 2018. 68 Seiten. ISBN 978−3−86525−641−6.
Müsset im Naturbetrachten
Immer eins wie alles achten;
Nichts ist drinnen, nichts ist draußen:
Denn was innen ist das ist außen.
So ergreifet ohne Säumnis
Heilig öffentlich Geheimnis
—
Freuet euch des wahren Scheins,
Euch des ernsten Spieles:
Kein Lebendiges ist ein Eins,
Immer ist’s ein Vieles.Johann Wolfgang von Goethe, Epirrhema (aus: Sammlung von 1827, Abschnitt „Gott und Welt“)
Ich probiere mal wieder etwas Neues … Da ich meine Meldungen „Aus-Lese“ mit einer kurzen subjektiven Skizze der jeweiligen Lektüre und meines Eindruckes dazu versehen habe, bedeutet das einen (zwar kleinen) gewissen Aufwand, der mich in der letzten Zeit weitgehend davon abgehalten hat, die Serie fortzuführen. Also gibt es jetzt einen neuen Versuch im deutlich reduzierten Format …
Der schmale Band mit Erzählungen – überwiegend aus den 1950er und 1960er Jahren – hat es nicht geschafft, meine respektvolle Distanz zu Doderer zu verringern. Ich erkenne (und schätze) die Kunstfertigkeit und das Stilbewusstsein des Autors, aber davon abgesehen bleiben mir die Texte (das ging mir mit seinen Romanen ähnlich) eher fremd.
Eine nette kurze Feierabendlektüre, die den Menschen Marcus Tullius Cicero flott, unterhaltsam, auch pointiert porträtiert. Dabei klingt das große (selbstverständliche) Fachwissen der römischen Geschichte immer mit. Mir fehlt allerdings etwas die genauere und ausführlichere Beschäftigung mit den Inhalten von Ciceros Werken. Der Band bleibt (absichtlich) weitgehend (nicht nur, aber doch überwiegend) am Äußeren von Ciceros Leben. – Natürlich wäre das auch viel verlangt, beides auf 100 Seiten zufriedenstellend zu erledigen, das ist mir durchaus bewusst. Für meinen Geschmack hätte eine zumindest teilweise Verschiebung des Fokus aber dennoch gut getan.
Ein faszinierender Text. Ich könnte aber nur schwer genau sagen, was das eigentlich ist – und worauf der Text hinaus will. Auf der Suche nach so etwas wie einer geistigen Signatur der BRD liest Poppenberg Autoren und ihre Rückblicke auf die letzten Jahrzehnte. So kommen Philipp Felsch, Frank Witzel, Ulrich Raulff und Friedrich Kittler gemeinsam in den Blick, werden genau (!) gelesen und mit durchaus sujektive gefärbten Darstellungen und Erinnerungen kombiniert. Das klingt jetzt viel seltsamer als es im Text ist. Der ist nämlich durchaus faszinierend und gelehrt – eine überaus anregende Mischung und auch eine anregende Lektüre.
Roman oder autobiographische Erzählung – eigentlich ist das ja egal. Was es auf jeden Fall ist: Eine – angesichts des Sujets – erstaunlich leichte und leichtfüßige Erzählung der jüdischen Familie Senger vor und während des Nationalsozialismus. Das einzigartige daran ist, das merkt der Erzähler auch selbst, wie wundervoll das gelingt: Ein Wunder ist das Überleben, ein Wunder ohne Staunen. Natürlich gibt es, ganz klassisch, Schwierigkeiten zu überwinden. Aber um Ende siegt doch die Leichtigkeit, das Leben, die fast unverschämte Unvernunft und Unbesorgtheit des Erzählers und seiner Familie. Das ganze ist sehr direkt, unmittelbar erzählt – ein Text, dem man sich kaum entziehen kann (und es ja eigentlich auch nicht möchte). Die meistenteils knappen Kapitel, fast Erinnerungsbruchstücke (vor allem im ersten Teil, der frühen Kindheit des Erzählers) machen dne Text auch gut zugänglich und konsumierbar – sicherlich auch ein Faktor, der zum Erfolg des Buches, das seit 1978 in mehreren Auflagen und Ausgaben (und Verlagen) erschienen ist.
Der Titel kündigt eigentlich eher eine Streitschrift an: „Wider die Rückkehr des Nationalismus“. Das kann der Band aber kaum einlösen. Was er aber kann, und das durchaus recht gut und überzeugend: Hintergründe für Entwicklungen geben. Die Autor*innen bieten nämlich eine Rückschau auf die deutsche Geschichte seit 1945, in West und Ost, mit dem Fokus auf die diversen rechten, nationalistischen Strömungen, Diskussionen und Parteien, von der Entnazifizierung bis in die ungefähre Gegenwart. Das ist als Einordnung und Argumentationshilfe gut gemacht und gut zu nutzen. Die gesamtdeutsche Perspektive ist dabei durchaus hilfreich – unsicher bin ich allerdings, ob Bücher wie diese ihr Ziel wirklich erreichen können …
Eigentlich ist Schmidts Zeitverschiebung eine Geschichte des erweiterten Erwachsenwerdens: Das Ende des Studiums, die ersten Jobs, sich verfestigende Beziehungen, die Liebe und dann das Kind, ein neuer Job, Zusammenziehen mit dem Partner und ein Happy End – das ist das Gerüst des Romans. Aber das ist auch der weniger interessante Teil des Romans. Schnell wird aber klar – der Titel ist in dieser Hinsicht ja überdeutlich … -, dass etwas anderes das eigentliche Thema ist: Die Zeit, genauer vielleicht: ihre Wahrnehmung, oder die wahrgenommene Positionierung der Ich-Erzählerin in ihrem strömenden Fließen.
Zeit ist ohnehin eine Illusion. (140)
Das Erleben und vor allem das Erzählen der Zeit verbindet sich mit ähnlich abstrakten Konzepten wie Fortuna oder Zufall.
Denn die Verspätung – um die Zeitverschiebung etwas banaler zu verpassen – ist das zentrale Moment des Texte. Die chronologische Verspätung ist das eine, aber Verspätung ist eben auch ein Lebensgefühl (oder genauer: das Lebensgefühl einer Phase des Lebens): Das übermächtige Gefühl des Verpassens, des „zwischen“, „noch nicht“, und des immer schon zu spät sein, des Eindrucks, immer schon den Anfang verpasst zu haben … Aber selbst das happy end schlägt sich doch auch noch auf das Zeit(empfinden) – hier des eigenen, kleinen Kindes – nieder: „Und nimmt sich alle Zeit der Welt.“ (189) ist der Schlusssatz, der schön zum Anfangssatz passt: „Ich war ohnehin zu spät, konnte mir also Zeit lassen.“ (5)
Das Thema der Zeitverschiebung ist damit auf individueller Ebene sozusagen erledigt. Aber es wird eben deutlich (wie so oft in diesem Roman: überdeutlich), dass es in der nächsten Generation (wieder/noch) ein Thema sein kann. Allerdings, da schließt sich der Kreis nicht ganz: Noch ist das ein Kind, das „alle Zeit der Welt“ hat. Vielleicht gelingt ihm/ihr (?) ja das Erwachsenwerden der Zeit(empfindung) gemäß den gesellschaftlichen Konventionen/Erwartungen parallel zum restlichen Erwachsenwerden? (Wobei Zeitverschiebung ja eigentlich eher die Frage aufwirft, ob man ohne dieses spezielle, d.h. „normale“ Empfinden der Zeit, das Behagen darin, überhaupt erwachsen geworden ist – der Text verneint das eher und situiert seine Protagonistin ja mehr als deutlich in einem Zwischen, einem Übergangsstadium (klassisch: Pubertät), unabhängig von ihrem Alter.
Gerade der Anfang ist durchaus charmant erzählt, das muss man Schmidt attestieren, mit lässiger und heiterer Ironie-Distanz. Überhaupt ist die Sprache oft lakonisch, knapp und direkt mit Tendenz zum Humor. Es gibt wenig Ausschmückung, das hohe Tempo des Geschehens nimmt der Text gut auf: Die Zeit ist einfach nie genug, vor allem – so behauptet die Erzählerin immer wieder – lebt sie im Bewusstsein, sie zu verschwenden und hat permanent das Gefühl, die Zeit nicht genügend auszukosten, nicht ausreichend zu nutzen, immer nicht das Digentliche (des Lebens) zu tun, sondern nur einen Notbehelf, eine Zwischenlösung. Leider wird die Erzählung und die Sprache zunehmend konventioneller – sozusagen parallel zum Leben, dem Lebensentwurf der Erzählerin. Und damit verliert der Text leider meines Erachtens etwas: Sicher, das ist in Übereinstimmung mit der geschilderten Entwicklung. Aber es machte den Text für mich gegen Ende auch deutlich langweiliger.
Ich verschwendete mehr und mehr Zeit damit zu fürchten, meine Zeit ernsthaft zu verschwenden. (105)
Niemand ist das Alphabet einer seltsamen, schwierigen Vater-Tochter-Beziehung, die durch Abwesenheiten wesentlich mitbestimmt ist und von der Tochter nach dem Tod ihres Vaters erforscht und aufgeschrieben wird. Der wird uns als Melancholiker gezeigt, der auch daran stirbt (naja, eigentlich dann doch am Herzinfarkt), dessen Leben bestimmt ist vom Wahnsinn der Melancholie (?) und der sich immer wieder temporär in stationärer Behandlung befindet, zugleich aber (!) hoch angesehener Jura-Professor. Niemand nutzt für diesen nachträglichen Abschied den emotionalen, psychischen und literarischen Nachlass des Vater, aus dessen Schriften (teilweise auch fiktional gedacht) wird immer wieder zitiert. Denn zugleich ist der Roman auch ein Versuch des Erinnerns, mehr noch: der Vergegenwärtigung des Vaters durch die Auseinandersetzung, Aufarbeitung (Durcharbeitung) des Verhältnisses der Ich-Erzählerin mit ihm und ein Versuch, ihn – als Menschen, als Person – zu verstehen. Schwierig ist das insofern, als er schon während dem Leben verschwindet, (oder das zumindest als – in seinen Niederschriften offenbartes – Ziel hatte): eben ein Niemand werden, ein Mann ohne Eigenschaften.
Die Erzählerin verliert sich wunderbar in ihren eigenen Sätzen, häuft immer mehr Details und Erinnerungen an, türmt das auf, fügt immer neue Ergänzungen, Präzisierungen, Erweiterungen an. Die Sätze fangen oft ganz harmlos an und ufern dann maßlos aus. Aber das ist ja aber gerade der schöne und sympathische Witz des Textes: die ungetüme, wilde, chaotisch-fragmentarische Erinnerung wird nur durch das Alphabet der Kapitel gezähmt – zumindest scheinbar. Und letztlich bleibt der Versuch der Ordnung, ein kohärentes Ganzes dadurch zu schaffen (von Anfang bis Schluss in einer festgefügten Abfolge) auch vergeblich, eben nur ein Versuch, der im Text einmal als „Ordnung ohne Bedeutung“ klassifiziert wird (147). Aber sie ist wohl doch mehr: Denn die Buchstaben stehen ja nicht alleine, sondern werden in den Kapitelüberschriften zum Wort (mit Ausnahme des „Y“, wo die Ordnung dann eben auch reflektiert wird …).
„Nun gehen die Buchstaben aus, diese Ordnung ohne Bedeutung, mit deren Hilfe ich versucht habe, seine Unordnung und meine in den Griff zu bekommen, unsere Erinnerungen zu glätten und stammelnd dieses sehr alte Wissen zu buchstabieren, zu dem ich nicht durchgedrungen bin, als ob diese Wörter und Sätze, die unter dem Impuls und der Notwendigkeit einer anderern Ordnung, der seinigen – einer Aufforderung oder eines Versprechens (einen Roman daraus machen) –, hingeschrieben wurden, sogleich wieder in ihre ursprünglichen Bestandteile auseinanderfallen würden […] (147)
Simeliberg hatte mich ziemlich begeistert. Glanz und Schatten kann da leider nicht ganz mithalten. Vor allem die starke Konzentration und die fremde Härte, jeweils in Form und Sprache, von Simeliberg fehlt mir hier. Ganz oft weiß ich spontan (und später) überhaupt nicht, was die Texte wollen und/oder sollen, die Fremdheit ist und bleibt oft ziemlich groß: Irgendwie finde ich nicht zu dem Text. Dessen „Thema“ könnte man oft nennen: die kalte, erbarmungslose Welt des (Spät-)Kapitalismus und des Konsums, die Zurichtungsmaschinen und ‑mechanismen der („freien“) Gesellschaft, wie sie sich vor allem in der Fremdbestimmung (statt Individualität) äußern – aber der Fremdbestimmung einer gesichtslosen, anonymen Macht. Das spielen die Texte mit dem Vorführen von Rollenbildern und ‑klischees, v.a. denen der Geschlechter, durch. Gewalt spielt dabei immer wieder eine außerordentlich Rolle: als Ventil, als Ausbruch aus den unentkommbaren Zwängen, als Umschlagen der Energien. Nico Bleutge hat in seiner Rezension des Bandes vorgeschlagen, die Texte als zum Vortrag bestimmte zu lesen – vielleicht ist das wirklich hilfreich, denn „alleine“, als blanker Text, finde ich nur in einigen wenigen (zum Beispiel dem intensiven „Studentin“ oder „Mais“) genügend Faszination bei der Lektüre.

Eine geschichtswissenschaftliche Dissertation aus dem Jahr 1940 über ein Ereignis aus dem Jahr 1571 – lohnt die Lektüre eines solchen Textes heute noch? Durchaus, kann man sagen, wenn der Verfasser Format hatte. Und das muss man Felix Hartlaub bescheinigen. Deshalb ist Don Juan d’Austria und die Schlacht bei Lepanto tatsächlich auch noch interessant, als historische Darstellung eines historischen Ereignisses. Interessant ist auch die Form: Hartlaub arbeitet erzählend, er bringt (fast) keine Zitate und nutzt auch vergleichsweise wenige Quellen (und sowieso zur gedruckte): Als geschichtswissenschaftliche Qualifikationsschrift hätte das heute wohl keine Chance mehr. Auch als „Sachbuch“ bin ich mir nicht ganz sicher, ob sich die Lektüre heute wirklich noch so unbedingt lohnt, wie die Herausgeber betonen … Sicher, die Stilisierung des sowieso schon zur Weltgeschichte hochstilisierten Ereignisses ist gekonnt umgesetzt. Aber viel mehr sehe ich da jetzt nicht unbedingt …
Die letzte Sinngebung des Tages von Lepanto gewann wir auch so noch nicht. An die Seite solcher Überlegungen muß wohl die Ahnung treten, daß der Tag von Lepanto zu den seltenen Ereignissen gehört, die, wenn man es so ausdrücken darf, auf einer höheren Ebene der Geschichte liegen und bei denen die Frage nach den tatsächlichen Folgen im letzten nicht angemessen ist. Nur materiell betrachtet, gehörte der Sieg freilich wohl zu den – im Verhältnis zu dem Erfolge – allzu verschwenderischen Blutopfern, an denen vor allem auch die deutsche Geschichte so reich ist. In dieser Hinsicht ist manche aus den unmittelbar folgenden Jahren erhaltene Äußerung aufschlußreich. Das ideal Bild der Schlacht aber, die noch überall, in den Galeeren im Hafen, in den Waffen und Narben gegenwärtig war, löste sich rasch aus dem Gefüge menschlicher Planungen; es war ganz in sich abgeschlossen, man konnte keinerlei Abwandlungen und Fortsetzungen ersinnen. (237)
außerdem gelesen:
- Axel Matthes: Georges Bataille nach Allem. Berlin: blauwerke 2016 (splitter 07). 66 Seiten. ISBN 978−3−945002−07−0.
- Günter de Bruyn: Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter. Eine Biographie. Überarbeitete und vermehrte Neufassung. Frankfurt: Fischer 2013. 350 Seiten. ISBN 9783100096449.
- Hans Jürgen von der Wense: Das Nordlicht. Herausgegeben von Valeska Bertoncini und Reiner Niehoff. Mit einem Beiwort von Valeska Bertoncini. Berlin: blauwerke 2016 (splitter 11). 58 Seiten. ISBN 9783945002117.
- Hans Jürgen von der Wense: Das lose Werk. Mappe Nr. 01: Wolken. Berlin: blauewerke 2016. ISBN 978−3−945002−02−5.
- Ruth Klüger: Marie von Ebner-Eschenbach. Anwältin der Unterdrückten. Wien: Mandelbaum 2016 (Autorinnen feiern Autorinnen). 56 Seiten. ISBN 9783854765219.
- Marlene Streeruwitz: Marlene Streeruwitz über Bertha von Suttner. Wien: Mandelbaum 2014 (Autorinnen feiern Autorinnen). 61 Seiten. ISBN 9783854764564.
es ist an der zeit
sich zu radikalisieren
dafür muss ich aber erst einmal aufhören
die wollmäuse unter
dem bett
wegzufegen
[…]
- Lütfiye Güzel, elle-rebelle (2017)
Entschlage Dich des Bewußtseyns, Dir selbst zu gehören. Dann sey! Dann lebe! In aller Bedeutung! Fürchte nichts! Hoffe die Gegenwart! Erwarte nichts! Dann findest Du, daß Du Alles hast. Es zu erhalten, hast Du in dem Augenblick schon gelernt. Bist Du nun, was Du bist, so findet sich Dir was Du besitzen sollst. —Johann Wilhelm Ritter: Neun Briefe an Clemens Brentano aus dem Jahre 1802. Herausgegeben & mit einem Nachwort versehen von Rainer Niehoff. Berlin: blauwerke 2017 (splitter 13), 9 (18−3−1802)
Wer möchte denn Goethe sein? So gnadenreich es ist, ihn gewesen zu wissen, so peinigend wäre es, er noch einmal sein zu müssen. Erkennen heißt doch gerade, besitzen zu dürfen, ohne es sein zu müssen. Hans Blumenberg: Lebensthemen. Aus dem Nachlaß, 151
[…]
O Nacht! Ich will ja nicht so viel,
ein kleines Stück Zusammenballung,
ein Abendnebel, eine Wallung
von Raumverdrang, von Ichgefühl.
[…]
O Nacht! Ich mag dich kaum bemühn!
Ein kleines Stück nur, eine Spange
von Ichgefühl—im Überschwange
noch einmal vorm Vergängnis blühn!
[…]
O still! Ich spüre ein kleines Rammeln:
Es sternt mich an—es ist kein Spott —:
Gesicht, ich: mich, einsamen Gott,
sich groß um einen Donner sammeln.
—Gottfried Benn



