Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Kategorie: literatur Seite 2 von 37

Akkumulation

Wol­ke, wohin du gewolkt bist.
Ein herr­li­cher Mai­tag – mir im Gemüte.

—aus: Elke Erb, „Ursprüng­li­che Akku­mu­la­ti­on“ (in: Elke Erb, Mensch sein, nicht, 1998)
bücherstapel

Aus-Lese #55

Ernst Bau­man: In die Ber­ge! Alpi­ne Foto­gra­fie der 1920er und 1930er Jah­re. Her­aus­ge­ge­ben von Alfred Bül­les­bach udn Rudolf Schicht. Mün­chen: mori­sel 2019. 125 Sei­ten. ISBN 978−3−943915−37−2.

baumann, in die berge (cover)Eine Rezen­si­on in der Süd­deut­schen Zei­tung hat mich auf die­ses schö­ne und span­nen­de Foto­buch auf­merk­sam gemacht. Die Geschich­te der Foto­gra­fie ist ja nun nicht gera­de ein Gebiet, mit dem ich mich aus­ken­ne oder über­haupt irgend­wie beschäf­tigt habe. Trotz­dem (oder des­halb) macht das Buch viel Spaß. Dazu trägt auch nicht uner­heb­lich die sehr infor­ma­ti­ve (und selbst schon reich bebil­der­te) Ein­füh­rung von Alfred Bül­les­bach bei, die es schafft, auch Lai­en der Foto­gra­fie­ge­schich­te wie mir die Zusam­men­hän­ge, in den Bau­mann in den 20er und 30er Jah­rend (und auch noch nach dem Zwei­ten Welt­krieg) arbei­te­te, auf­zu­zei­gen. Dazu gehört nicht nur die wirt­schaft­li­che SItua­ti­on frei­er Foto­gra­fen, son­dern auch die Ver­bin­dung der Foto­gra­fie mit den Ber­gen, die zuneh­men­de, zu die­ser Zeit ja gera­de in Schwung kom­men­de tou­ris­ti­sche Erschlie­ßung der Alpen (durch den Bau von ent­spre­chen­der Infra­struk­tur, durch den Urlaubs­an­spruch der Ange­stell­ten und natür­lich auch durch die öko­no­mi­schen Mög­lich­kei­ten brei­te­rer Bevöl­ke­rungs­schich­ten, ent­spre­chen­de Fahr­ten und Urlau­be zu unter­neh­men), die als Hin­ter­grund für Bau­manns Fotos unab­ding­bar sind. Auch gefal­len hat mir, die Beto­nung der Rele­vanz der Berg­fil­me für die Zeit – nicht nur für das Bild der Ber­ge in der Bevöl­ke­rung, son­dern auch als wirt­schaft­li­ches Stand­bein für nicht weni­ge Beteiligte

Die Fotos selbst schei­nen mir dann durch­aus einen eige­nen Blick von Bau­mann zu ver­ra­ten (mit dem bereits erwähn­ten caveat, dass ich da über wenig Hin­ter­grund ver­fü­ge): Ganz eigen, vor allem vor dem Hin­ter­grund der gegen­wär­ti­gen Extrem-Ver­mark­tung der Ber­ge als spek­ta­ku­lärs­ter Spiel­platz der Welt, ist die stil­le Ruhe und Gelas­sen­heit der Schön­heit der Ber­ge (und auch ihrer Besu­cher, möch­te ich sage, Bestei­ger oder Bezwin­ger wäre für die hier abge­bil­de­ten Men­schen und ihre Hal­tung wohl der fal­sche Aus­druck, viel zu ent­spannt und zurück­hal­tend-freu­di­ge tre­ten sie mir vors Auge). 

Gera­de im Ver­gleich zu heu­ti­gen bild­li­chen Dar­stel­lung von Ber­gen und den Men­schen auf ihnen sieht das hier zahm aus. Auch, weil das eigent­li­che Erschlie­ßen der und das Bewe­gen in den Ber­gen eher ein Rand­the­ma bleibt. Und weil es ver­gleichs­wei­se harm­lo­se Gip­fel der Alpen sidn – aber, und das ist eben der Witz, den­noch unver­gess­lich in Sze­ne gesetzt. Wahr­schein­lich spielt auch die Schwarz-Weiß-Foto­gra­fie eine Rol­le, wohl gera­de bei den auf­tau­chen­den Per­so­ne­nen, die dadurch eine ande­re Schär­fe und Kon­tu­rie­rung zu haben schei­nen als in den spä­te­ren Farb­fo­to­gra­fien (so ist zumin­dest mein eige­ner Eindruck …).

Chris­ti­an Neu­häu­ser: Wie reich darf man sein? Über Gier, Neid und Gerech­tig­keit. 3. Auf­la­ge. Dit­zin­gen: Reclam 2019 (Was bedeu­tet das alles?). 89 Sei­ten. ISBN 978−3−15−019602−1

Neuhäuser, Wie reich darf man sein? (Cover)Neu­häu­ser betrach­tet Reich­tum und damit zusam­men­hän­gen­de Tugen­den und Pro­ble­me wie Gier, Gerech­tig­keit, und Neid – der Titel ist hier tat­säch­lich sehr genau. Er argu­men­tiert dabei vor allem moral­phi­lo­so­phisch. Öko­no­mi­sche, poli­ti­sche und/​oder sozia­le Kri­te­ri­en spie­len nur am Rand eine Rol­le. Und den­noch ist das natür­lich – das bleibt bei dem The­ma und auch bei sei­nem Zugang gar nicht aus – natür­lich ein poli­ti­sches Buch, dass vor allem Super­rei­che für ihn unter mora­li­schen, phi­lo­so­phi­schen und gesell­schaft­li­chen (und damit ja auch poli­ti­schen) Aspek­ten durch­aus kri­tisch zu betra­chen sind. Dabei geht es ihm aber über­haupt nicht um die Per­so­nen, son­dern um die sich an ihnen mani­fes­tie­ren­den Reich­tü­mer – und damit auch die Unter­schie­de, die Gren­zen. Und das hängt eben oft mit Unge­rech­tig­kei­ten zusam­men. Eines sei­ner Kern­ar­gu­men­te ist, dass Super­reich­tum – im Gegen­satz zu Wohl­stand und Reich­tum – nicht (mehr) ver­dient sein kann und damit moral­phi­lo­so­phisch ein Pro­blem ist. 

Ein biss­chen scha­de ist, dass Neu­häu­ser dabei oft nicht sehr in die Tie­fe geht: Das ist manch­mal etwas plau­dernd gera­ten – was nicht heißt, dass Neu­häu­ser mit sei­ner Argu­men­ta­ti­on falsch läge. Aber man­ches scheint mir nicht zu ende gedacht/​geschrieben, zumin­dest in die­sem Büch­lein (es ist ja nun nicht die ein­zi­ge Aus­ein­an­der­set­zung des Autors mit die­sem Thema).

Björn Kuhl­igk: Die Spra­che von Gibral­tar. Gedich­te. Mün­chen: Han­ser Ber­lin 2016. 85 Sei­ten. ISBN 978−3−446−25291−2.

kuhligk, sprache von gibraltar (cover)Kuhl­igk habe ich bis­her eher am Ran­de wahr­ge­nom­men: Durch­aus offen­bar anspre­chen­de Qua­li­tä­ten im lite­ra­ri­schen Schrei­ben, aber nicht mein drin­gens­ter Lek­tü­re­wunsch. Die Spra­che von Gibral­tar könn­te das ändern. Das ist näm­lich ein fei­nes Buch. 

Ganz beson­ders der ers­te Teil, der titel­ge­ben­de Zyklus über Gibral­tar und die euro­päi­sche Enkla­ve dort, ist rich­tig gut. Das ist kei­ne über­mä­ßi­ge Betrof­fen­heits­li­te­ra­tur, der man die Bemüht­heit an jedem Wort anmerkt. Aber es ist ein genau­es Hin­schau­en (was an sich schon durch­aus eine loh­nens­wer­te Leis­tung wäre). Und es ist vor allem die Fähig­keit, aus dem Hin­schau­en, aus der Absur­di­tät und auch der Grau­sam­keit der Welt in die­sem klei­nen Ort eine poe­ti­sche Spra­che zu fin­den und zu bil­den. Damit lässt Kuhl­igk auch immer wie­der die zwei Wel­ten auf­ein­an­der pral­len und sich nicht nur hef­tig anein­an­der rei­ben, son­dern kra­chend mit­ein­an­der Verhaken. 

Sehr pas­send scheint mir auch das (sonst bei Kuhl­igk mei­nes Wis­sens nicht vor­herr­schend, sogar sehr sel­ten ein­ge­setz­te) Mit­tel der lan­gen, erschöp­fen­den, ermü­den­den Rei­hung in die­sem Zyklus ein­ge­setzt zu wein – etwa die sehr ein­drück­lich wir­ken­de und genaue Lita­nei „wenn man …“. 

Und dann gibt es auch noch in den rest­li­chen Abschnit­ten, in der zwei­ten Hälf­te des Ban­des, gute und schö­ne Gedich­te, die etwa sehr gelun­gen die Trost­lo­sig­keit des Land­le­bens im „Dorf­krug“ (47) ein­fan­gen oder in der Dopp­lung von „Was wir haben“ (50) und „Was fehlt“ (51) bei­na­he so etwas wie eine unsen­ti­men­ta­le Land­schafts­ly­rik entwickeln. 

wenn man das Wort „Kapi­ta­lis­mus“ aus­spricht, ist im Mund viel los /​ wenn man Koh­le hoch­trägt, trägt man Asche run­ter (35)

Jür­gen Kau­be: Ist die Schu­le zu blöd für unse­re Kin­der? 2. Auf­la­ge. Ber­lin: Rowohlt Ber­lin 2019. 335 Sei­ten. ISBN 978−3−7371−0053−3.

Kaube, Ist die Schule zu blöd (Cover)Nun ja. Das war eine eher ent­täu­schen­de Lek­tü­re. Kau­be beob­ach­tet das Bil­dungs­sys­tem im wei­te­ren Sin­ne schon län­ger und hat sich auch immer wie­der dar­über geäu­ßert, durch­aus auch jen­seits der taes­ak­tu­el­len Anläs­se. Sei­ne klei­ne Schrift Im Reform­haus habe ich damals durch­aus mit Gewinn gele­sen. Bei Ist die Schu­le zu blöd für unse­re Kin­der? ist das aber lei­der anders. Der Titel hät­te ja schon eine War­nung sein kön­nen. Schon die ers­ten Sei­ten und die anfäng­li­chen Kapi­tel zei­gen schnell ein Haupt­man­ko des Buches: viel Gere­de, viel schö­ne Bei­spie­le, aber eher wenig Substanz. 

Vor allem hat mich sehr schnell und recht nach­hal­tig genervt, wie selek­tiv er liest/​wahrnimmt und dann lei­der auch argu­men­tiert. Das wird zum Bei­spiel in Bezug auf Bil­dungs­em­pi­ri­ker (für ihn ja fast ein Schimpf­wort) sehr deut­lich, aber auch in sei­nen aus­g­wähl­ten Bezü­gen auf Bil­dungs­un­gleich­heit und Chan­cen­un­gleich­heit im Bil­dungs­be­reich. Das ist ja eines sei­ner Haupt­ar­gu­men­te hier: Dass die Schu­le nicht dafür da ist, Ungleich­heit zu besei­ti­gen, dass sie von Politiker*innen zuneh­mend dazu „benutzt“ wird, sozia­le Pro­ble­me zu lösen. Ich kann ihm ja durch­aus dar­in (cum gra­no salis) zustim­men, dass die Schu­le das kaum leis­ten kann. Ich bin mir aber nicht so sicher, ob das wirk­lich ein so bestim­men­des Motiv der Bil­dungs­po­li­tik und so sehr ein wirk­li­ches Pro­blem ist. Jeden­falls haben die­se Nach­läs­sig­kei­ten mir es dann aus­ge­spro­chen schwer gemacht, die posi­ti­ven Aspek­te wirk­lich zu wür­di­gen (die aber durch­aus vor­han­den sind, nur lei­der eben etwas begra­ben unter dem ein­sei­ti­gen, schimp­fen­den Gewet­ter Kau­bes).

außer­dem gelesen:

  • Lüt­fi­ye Güzel: sans tro­phée. Duis­burg, Ber­lin: go-güzel-publi­shing 2019. 
  • Sieg­fried Völl­ger: (so viel zeit hat nie­mand). Gedich­te. Mün­chen: Alli­te­ra 2018 (Lyrik­edi­ti­on 2000). 105 Sei­ten. ISBN 978−3−96233−075−0.
  • Phil­ipp Hübl: Bull­shit-Resis­tenz. 2. Auf­la­ge. Ber­lin: Nico­lai 2019 (Tugen­den für das 21. Jahr­hun­dert). 109 154 Sei­ten. ISBN 978−3−96476−009−8.
Bibliothek (gebogene Reihe)

Aus-Lese #54

Eber­hard Kolb: Otto von Bis­marck. Eine Bio­gra­phie. Mün­chen: Beck 2014. 208 Sei­ten. ISBN 978−3−406−66774−9.

kolb, bismarck (cover)Als Bio­gra­phie ist das für mich kaum satis­fak­ti­ons­fä­hig: Zu blass und ver­schwom­men bleibt das Bild. Der Mensch Bis­marck, die Per­son, tritt nahe­zu gar nicht auf – ab und an gibt es Hin­wei­se auf sei­ne Gesund­heit oder ein paar ganz weni­ge auf Frau und Kin­der. Im Vor­der­grund oder bes­ser allei­ne im Fokus steht sein poli­ti­sches Han­deln. Das beschreibt Kolb mit Zunei­gung, aber durch­aus auch mit Blick für die Ambi­va­len­zen Bis­marcks. Aber auch das Zen­trum, die Poli­tik, bleibt blut- und farb­los. Das liegt vor allem dar­an, dass Kolb oft sehr groß­zü­gig durch die Gescheh­nis­se und Taten durch eilt udn nur die Ergeb­nis­se berich­tet, den Weg aber meist nur sum­ma­risch (und oft genug mit dem Hin­weis: Die Details sind bekannt). Das wie­der­um hängt damit zusam­men, dass er kei­nen rech­ten Zugriff fin­det: Eigent­lich ist das eine preußische/​deutsche Geschich­te am Bei­spiel Bis­marcks. Und bei­des ist in die­sem Umfang natür­lich kaum beson­ders inten­siv oder tief­ge­hend zu leisten. 

Wu Ming: Mani­tua­na. Ber­lin, Ham­burg: Asso­zia­ti­on A 2018. 509 Sei­ten. ISBN 978−3−86241−465−9.

wu ming, manituana (cover)Mani­tua­na reicht lei­der nicht an die letz­ten Bän­de von Wu Ming her­an. Das kann durch­aus dar­an lie­gen, dass der USA, ihre Unab­hän­gig­keits­krieg und der Kampf mit, um und gegen die „India­ner“ schon an sich nicht so ganz mein Ding sind. Da pas­siert dann zwar wie­der viel, es wird gekämpft, betro­gen, ver­ra­ten und ver­han­delt, eine Dele­ga­ti­on darf auch nach Eng­land rei­sen und sich im Luxus (und den Nie­de­run­gen Lon­dons) des Adels­le­bens gehö­rig fremd füh­len. Ich hat­te beim Lesen aber schon eigent­lich durch­weg den Ein­druck, dass das an Span­nung und vor allem hin­sicht­lich des bild­haf­ten, detail­rei­chen Erzäh­lens ein­fach nicht (mehr) so gut ist. Zu sehr dringt hier immer wie­der die Absicht an die Ober­flä­che und stellt sich vor den Text – und damit funk­tio­niert genau das, was bei ande­ren Tex­ten von Wu Ming die beson­de­re Span­nung und den spe­zi­el­len Reiz aus­macht, hier lei­der nicht.

Jan Peter Bre­mer: Der jun­ge Dok­to­rand. 2. Auf­la­ge. Mün­chen: Ber­lin 2019. 176 Sei­ten. ISBN 978−3−8270−1389−7.

bremer, der junge doktorand (cover)Das ist ein über­ra­schend fei­nes, klei­nes Buch. Jan Peter Bre­mer hat­te ich bis­her ja über­haupt nicht auf dem Schirm. Aber in Der jun­ge Dok­to­rand zeigt er sich durch­aus als gewief­ter Erzäh­ler, der sein Hand­werk ver­steht und vor allem ernst nimmt: Ernst neh­men in dem Sinn, dass er sich bemüht, sau­ber zu arbei­ten, Feh­ler zu ver­mei­den. Das zeigt der Text, der mit Gespür und Form­be­wusst­sein erzählt ist. Das kunst­vol­le Beherr­schen des Erzäh­lens zeigt sich auch in dem Umfang des Buches: Das ist ein klei­ner Roman. Es geht auch gar nicht so sehr um gro­ße, all­um­fas­sen­de Din­ge – die Welt wird hier nicht gera­de erzählt. Aber auch wenn er sich beschei­den gibt: Bre­mer gelingt es doch, auf den weni­gen Sei­ten mit genau­en Sät­zen, tref­fen­den Beschrei­bun­gen und Bewusst­sein für das rich­ti­ge Tem­po gro­ße The­men zu erzäh­len: Es geht um Ehe, um Gesell­schaft und Indi­vi­du­um, und natür­lich, vor allem, um Kunst – und auch ein biss­chen um nicht-nor­mier­te Lebens­läu­fe wie den des jun­gen Dok­to­ran­den, der weder jung noch Dok­to­rand ist. Das klingt in der Zusam­men­fas­sung recht tro­cken und ja, fast banal, ent­fal­tet bei Bre­mer aber eine tref­fen­den und sub­ti­le Komik. Und das macht dann ein­fach Spaß.

Nor­bert Scheu­er: Win­ter­bie­nen. 5. Auf­la­ge. Mün­chen: Beck 2019. 319 Sei­ten. ISBN 978−3−406−73964−4.

scheuer, winterbienen (cover)Die Win­ter­bie­nen haben mich etwas ent­täuscht und rat­los zurück­ge­las­sen. Ich habe Scheu­er ja durch­aus als erfah­re­nen Erzäh­ler und Autor schät­zen gelernt. Die­ser Roman hat aber mehr Schwä­chen als er mit sei­nen eher mäi­gen Stär­ken aus­glei­chen kann. Da ist zum einen die selt­sa­me Tage­buch-Fik­ti­on. Die passt näm­lich vor­ne und hin­ten nicht: Gut, dass der Tage­buch­text in Fuß­no­ten die latei­ni­schen Zita­te über­setzt, das wird noch von der Her­aus­ge­ber­fik­ti­on gedeckt. Dass (als ein Bei­spiel von vie­len) Egi­di­us Ari­mond (schon der Name macht mich ja bei­na­he wahn­sin­nig) als erfah­re­ner Imker aber nach jahr­zehn­te­lan­ger Tätig­keit sei­nem Tage­buch erklärt, was er war­um bei den Bie­nen, vor allem eben im Win­ter, macht, ist ein­fach hand­werk­li­cher bzw. erzähl­tech­ni­scher Unsinn, der einer Lek­to­rin durch­aus mal hät­te auf­fal­len dür­fen. Der Roman an sich ist für mich etwas zwie­späl­tig: Natür­lich sehr durch­drun­gen von völ­ki­scher Ideo­lo­gie, die eben wie­der durch die Tage­buch-Fik­ti­on legi­ti­miert wird. Dann ist da noch das Lei­den eines Krie­ges, der auf die Aggres­so­ren zurück­ge­fal­len wird, hier aber – in Ari­mond und den rest­li­chen, sche­men­haft auf­tau­chen­den Eifel­be­woh­nern – eher als irgend­wie gege­ben hin­ge­nom­men wird. Angeb­lich ist die erzähl­te Welt geprägt von dem „Wunsch nach einer fried­li­chen Zukunft“ – davon merkt man im Text aber reich­lich wenig. Im gan­zen bleibt mir das etwas frag­wür­dig und vor allem aus­ge­spro­chen unbe­frie­di­gend: War­um erzählt Scheu­er uns das? Und war­um ver­steckt sich der Autor so (bei­na­he) voll­kom­men hin­ter sei­ner Figur – was will mir das eigent­lich sagen?

außer­dem gelesen:

  • Hei­mi­to von Dode­rer: Unter schwar­zen Ster­nen. Erzäh­lun­gen. Mün­chen: Deut­scher Taschen­buch Ver­lag 1973. 154 Sei­ten. ISBN 3−7642−0055−3.
  • Glenn Gould: Frei­heit und Musik. Reden und Schrif­ten. 2., durch­ge­se­he­ne und ergänz­te Auf­la­ge. Dit­zin­gen: Reclam 2019 (Was bedeu­tet das alles?). 84 Sei­ten. ISBN 978−3−15−019412−6.
  • Alger­non Black­wood: Eine Kanu­fahrt auf der Donau. /​ Die Wei­den. Ulm: danu­be boo­kes 2018. 154 Sei­ten. ISBN 978−3−946046−13−4.
  • Sibyl­le Schwarz: Ist Lie­ben Lust, wer bringt dann das Beschwer?. Leip­zig: Rei­ne­cke & Voß 2016. 58 Sei­ten. ISBN 978−3−942901−21−5.

Hölderlin

Höl­der­lin und die Bibel sind die ein­zi­gen Din­ge auf der Welt, die sich nie­mals wider­spre­chen können.

—Gers­hom Sholem, Tage­buch 1918–1919

Goethe und Schiller

Nichts ist so egal wie etwas, das neben Goe­the und Schil­ler steht. Nie­mand besucht es. —Cle­mens J. Setz, Bot, 38

Vergangenheit

The past is fra­gi­le, as fra­gi­le as bones grown britt­le with age, as fra­gi­le as ghosts seen in win­dows or the dreams that fall apart upon waking and lea­ve not­hing behind them but a fee­ling of unea­se or distress or, more rare­ly, a kind of eerie satisfaction.

—Siri Hust­vedt, Memo­ries of the Future, 13

Aus-Lese #53

Jür­gen Becker: Die fol­gen­den Sei­ten. Jour­nal­ge­schich­ten. Frank­furt am Main: Suhr­kamp 2006. 156 Sei­ten. ISBN 978−3−518−41820−8.

becker, seiten (cover)Schon der Unter­ti­tel zeigt die Ambi­va­lenz des Buches: Ist das ein Jour­nal oder sind es Geschich­ten? Man muss das wohl wirk­lich zusam­men­den­ken: Das ist kein Tage­buch, also schon Fik­ti­on. Aber es simu­liert das täg­li­che Schrei­ben: Der Erzäh­ler nimmt sich ein Notiz­buch mit 200 Sei­ten vor und beschreibt jeden Tag eine Sei­te mehr oder weni­ger voll. Viel­leicht hat Becker das auch so gemacht – aber das ist ja auch egal. Scha­de ist nur, dass der Ver­lag die Idee, die 200 Sei­ten eines Jour­na­le fik­tio­nal zu beschrei­ben (des Erzäh­lers), nicht im rea­len Buch abbil­den woll­te – das wäre doch eine schö­ne Per­for­manz des Tex­tes gewe­sen, der sein Orga­ni­sa­ti­ons­prin­zip ja immer­hin selbst erläu­tert. Dafür sind die Jour­nal­ge­schich­ten aber immer­hin ohne Sei­ten­zah­len gedruckt. 

Man erlebt, seufzt der Mensch, das Wet­ter gar nicht mehr, wie es kommt, wie es ist, wie es geht. Man erlebt nur noch, wie es eine Pro­phe­zei­ung erfüllt. (150)

Der Text ist eine Mischung aus grund­sätz­li­chen Refle­xio­nen, leicht und fast neben­bei, als Zufall und Fund­stü­cke etc prä­sen­tiert, mit den Erin­ne­run­gen und viel­fäl­ti­gen Erin­ne­rungs­an­läs­sen eines alt(ernd)en Man­nes, die immer wie­der vom Ein­bruch der „Rea­li­tät“ der Schreib­ge­gen­wart, zum Bei­spiel den wie­der­holt auf­tau­chen­den „Gäs­ten“, unter­bro­chen wer­den. Vie­les sind „net­te“, freund­li­che, zuge­wand­te Tage­buch­skiz­zen mit viel unter­ge­misch­ter (per­sön­li­cher) „Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung“, auch viel Hit­ler & Co. Das ist dann – nicht nur hin und wie­der – schon etwas sen­ti­men­tal, aber dank der Wort­kunst Beckers noch aus­zu­hal­ten. Den­noch ist mir das ins­ge­samt etwas zu belang­los, das plät­schert zu ziel­los vor sich hin. Die sym­pa­thi­sche kurze/​kleine Form wird für mei­nen Geschmack nicht aus­rei­chend für die poe­ti­sche Ver­dich­tung genutzt, des­halb wirkt vie­les doch etwas blass und bleibt ohne tie­fe­re Wir­kung für mich.

In die­sem Jahr könn­te es soweit sein. Im ver­gan­ge­nen Jahr hät­te es auch soweit sein kön­nen, eben­so im Jahr davor, oder vor zwei, drei, vor zehn Jah­ren schon. Viel­leicht ist es erst im nächs­ten Jahr soweit, oder im über­nächs­ten; dabei müs­sen es nicht ein­mal Jah­re, es kön­nen auch kür­ze­re Fris­ten sein, Wochen, Tage, Stun­den, wer weiß. Ganz sicher ist, irgend­wann ist es soweit, ob plötz­lich, oder ob es sich hin­zieht. (16)

Giu­lia Becker: Das Leben ist eines der Här­tes­ten. Ham­burg: Rowohlt 2019. 224 Sei­ten. ISBN 978−3−498−00689−1.

giulia becker, das leben ist eines der härtesten (cover)
Giu­lia Beckers ers­ter Roman mit dem schö­nen Titel Das Leben ist eines der Här­tes­ten fällt hier wahr­schein­lich etwas aus dem Rah­men. Denn das ist, auch wenn es im Lite­ra­tur­ver­lag Rowohlt erschie­nen ist, kei­ne Kunst, son­dern Unter­hal­tung. Und auch noch recht der­be Unter­hal­tung dazu. Die kur­ze, epi­so­den­haft erzähl­te Geschich­te um eini­ge Ver­lie­rer­ty­pen aus Bor­ken ist aber immer­hin durch­aus komisch oder, um das gleich etwas ein­zu­schrän­ken, hat zumin­dest vie­le komi­sche Momen­te in der Über­trei­bung und Zuspit­zung der Cha­rak­te­re (die eher ziem­lich fla­che Typen sind).
Aber, und das ist halt ein gro­ßes Aber: Lite­ra­risch taugt das nicht, weder for­mal noch sti­lis­tisch trägt das irgend­wie. Ästhe­tisch ist das belang­los (so wie der Inhalt der Geschich­te ja auch eigent­lich eher belang­los bleibt). Das funk­tio­niert als net­te – und recht fla­che – Unter­hal­tung, als eine unkom­pli­zier­te, anspruchs­lo­se Lek­tü­re für zwi­schen­durch, mit dem einen oder ande­ren Lacher. Die Süd­deut­sche hat das in ihrer Rezen­si­on als „Pri­vat­fern­seh­li­te­ra­tur“ bezeich­net (behaup­tet der Per­len­tau­cher) – und das trifft es ziem­lich genau: Mit und vor allem über die ver­murks­ten Leben der ande­ren lachen, sich selbst dabei woh­lig über­heb­lich und sicher füh­len – viel mehr will und kann die­ser Text nicht.

Sin­clair Lewis: Bab­bitt. Über­setzt von Bern­hard Rob­ben. Mit einem Nach­wort von Micha­el Köhl­mei­er. Mün­chen: Manes­se 2017. 784 Sei­ten. ISBN 978−3−641−211476−0.

lewis, babbitt (cover)
Bona­ven­tura hat mich dar­auf gebracht, doch mal wie­der außer­halb des deutsch­spra­chi­gen Bereichs zu lesen. In der Tat war mir Sin­clair Lewis bis­her gera­de so dem Namen nach bekannt, gele­sen hat­te ich noch nichts. Das hat sich nun geän­dert: Bab­bitt ist eine durch­aus ver­gnüg­li­che Lek­tü­re. Von den über 700 Sei­ten soll­te man sich nicht abschre­cken las­sen. Ers­tens sind das Sei­ten im klei­nen Manes­se-Ver­lag, wo die Neu­über­set­zung von Bern­hard Rob­ben (mit eini­gen weni­gen Stel­len, die mir selt­sam schie­nen, ohne sie am Ori­gi­nal geprüft zu haben) 2017 erschie­nen ist. Zwei­tens lässt sich das, zumin­dest in der Über­set­zung, recht flott lesen. Bab­bitt ist, da wür­de ich Micha­el Köhl­mei­ers selt­sa­men Nach­wort doch wider­spre­chen, eine Sati­re. Eine Sati­re auf den ame­ri­ka­ni­schen Mit­tel­stand kurz nach dem Ers­ten Welt­krieg. Der namens­ge­ben­de Titel­held, Geor­ge F. Bab­bitt, ist Immo­bi­li­en­mak­ler und vor allem ein Ange­ber und Schwät­zer vor dem Her­ren. Der Roman bestä­tigt schön mei­ne Vor­ur­tei­le über die ober­fläch­li­che, kapi­ta­lis­ti­sche, patri­ar­cha­li­sche und weit­ge­hend un- bzw. amo­ra­li­sche Gesell­schaft der USA im 20. Jahr­hun­dert (ja, ich weiß, böse Vor­ur­tei­le – und nicht, dass es in Euro­pa bes­ser wäre …). Lewis macht das aber auf eine sehr amü­san­te Wei­se und erzählt Bab­bitt vor allem als einen imper­fek­ten Men­schen, der nach mehr – dem Sinn des Lebens, der Erfül­lung, irgend­was neben dem erwar­te­ten und vor­ge­zeich­ne­ten Leben eines ame­ri­ka­ni­schen Geschäfts­man­nes eben – sucht, ohne selbst zu wis­sen, das er auf der Suche ist und schon gar nicht, wonach ihm eigent­lich dürs­tet und gelüs­tet (jen­seits des Alko­hols natür­lich …). Bab­bitt fängt sehr dicht am Prot­ago­nis­ten an, folgt ihm sozu­sa­gen zunächst auf Schritt und Tritt, in fei­ner Detail­auf­lö­sung. Zuneh­mend löst sich das, die Hand­lung springt, beschleu­nigt und bremst wie­der, was mir doch hin und wie­der den Ein­druck eines for­ma­len Ungleich­ge­wichts erweck­te: Nach der äußerst detail­lier­ten und aus­führ­li­chen Expo­si­ti­on scheint sich die Fabel gera­de im letz­ten Vier­tel immer mehr zu beschleu­ni­gen und weni­ger genau erzählt zu wer­den. Das funk­tio­niert natür­lich trotz­dem, gera­de durch und wegen des hyper­de­tail­lier­ten Beginns. Dabei wird die Gesell­schaft der fik­ti­ven Groß­stadt Zenith, in der Bab­bitt spielt, aber immer deut­li­cher als eine restrik­ti­ve und stra­ti­fi­zier­te erkenn­bar, in der gera­de nichts­nut­zi­ge Schwät­zer wie Bab­bitt durch ihre Ver­bin­dung mit ande­ren ihres­glei­chen (in den Clubs und Ver­ei­ni­gun­gen) die Macht und vor allem das wirt­schaft­li­che Gesche­hen, unge­ach­te­tet ihrer im Roman ziem­lich deut­lich zuta­ge tre­ten­den Inkom­pe­tenz und Amo­ra­li­tät, fest in der Hand haben und behalten.

Danie­la Kri­en: Die Lie­be im Ernst­fall. Frank­furt am Main: Bücher­gil­de Guten­berg 2019. 288 Sei­ten. ISBN 978−3−85420−978−2.

daniela krien, liebe im ernstfall (cover)

Ich weiß ja wie­der ein­mal nicht so recht: Von der Kri­tik recht ein­hel­lig sehr posi­tiv bewer­tet und bespro­chen, fin­de ich das Buch dann doch eher belang­los. Ja, die fünf Lebens­läu­fe der Frau­en, die lose mit­ein­an­der ver­knüpft die­sen Roman bzw. des­sen fünf Abschnit­te bil­den, sind inter­es­sant zu ver­fol­gen (auch gera­de als männ­li­cher Leser wahr­schein­lich). Aber das bleibt im Erzäh­len wie­der so schreck­lich banal und gewöhn­lich. Viel­leicht sind sol­che Bücher, gera­de in ihrer Stil­lo­sig­keit (oder zumin­dest in ihrem neu­tra­len, unauf­fäl­li­gen Stil) not­wen­dig – aber packen oder gar begeis­tern kann mich das nicht. 

Das mag auch dar­an lie­gen, dass mir das arg pes­si­mis­tisch grun­diert zu sein scheint: Ände­run­gen, Ent­wick­lun­gen der Prot­ago­nis­tin­nen zum Bei­spiel, schei­nen hier kaum bis gar nicht mög­lich. Ansät­ze dazu gibt es, die wer­den aber ger­ne und immer wie­der von der Außen­welt, von den ande­ren, von Män­nern und Kin­dern und ande­ren Ver­wand­ten vor allem, ver­nich­tet und zerschmettert. 

Sie weiß mehr als damals, doch was nützt es ihr? (125)

Inter­es­sant übri­gens, das nur am Ran­de, dass alle Frau­en auf­fäl­lig viel Musik – und zwar in ers­ter Linie klas­si­sche Musik – hören. Das wäre wahr­schein­lich einen genaue­ren Blick wert. Beim ers­ten Lesen scheint mir das aber, gera­de im Zusam­men­hang mit den erzähl­ten Lebens­läu­fen und deren Pro­ble­men, nicht beson­ders ergie­big. Auf­ge­fal­len ist es mir vor allem, weil es mir zumin­dest zu einem Teil der Figu­ren nicht so recht zu pas­sen scheint. Aber typisch für Die Lie­be im Ernst­fall ist, dass auch dies – wie nahe­zu alle äuße­re Hand­lung (abseits von der Gefühls­in­nen­welt der Prot­ago­nis­tin­nen) nur Neben­sa­che ist, nur so anbei geschieht. „Sät­ze ohne Span­nung, ohne Klang, ohne Zau­ber“ beschreibt eine der Prot­ago­nis­tin­nen, die als Schrift­stel­le­rin arbei­tet oder zu arbei­ten ver­sucht, wenn die Kin­der ihr Zeit und Ener­gie las­sen, ein­mal ihre Tages­pro­duk­ti­on (125). Und das trifft auch Die Lie­be im Ernst­fall ziem­lich genau.

außer­dem gelesen:

  • Moritz Föll­mer: „Ein Leben wie im Traum“. Kul­tur im Drit­ten Reich. Mün­chen Beck 2016. 288 Sei­ten. ISBN 978−3−406−67905−6.
  • Jan Phil­ipp Reemts­ma: Gewalt als Lebens­form. Zwei Reden. Stutt­gart: Reclam 2016. 64 Sei­ten. ISBN 9783150193822.
  • Heinz Gärt­ner: Der Kal­te Krieg. Bünd­nis­se – Kri­sen – Kon­flik­te. Wies­ba­den: marix 2017. 254 Sei­ten. ISBN 9783737410335.
  • Hans Eisen­trä­ger: Der Mann sei­ner Frau. Novel­le. Hrsg. von Niko­la Roß­bach. Han­no­ver: Wehr­hahn 2018. 68 Sei­ten. ISBN 978−3−86525−641−6.

Epirrhema

Müs­set im Naturbetrachten
Immer eins wie alles achten;
Nichts ist drin­nen, nichts ist draußen:
Denn was innen ist das ist außen.
So ergrei­fet ohne Säumnis
Hei­lig öffent­lich Geheimnis

Freu­et euch des wah­ren Scheins,
Euch des erns­ten Spieles:
Kein Leben­di­ges ist ein Eins,
Immer ist’s ein Vie­les.Johann Wolf­gang von Goe­the, Epir­r­he­ma (aus: Samm­lung von 1827, Abschnitt „Gott und Welt“)

Bücherreihe

Aus-Lese #52

Ich pro­bie­re mal wie­der etwas Neu­es … Da ich mei­ne Mel­dun­gen „Aus-Lese“ mit einer kur­zen sub­jek­ti­ven Skiz­ze der jewei­li­gen Lek­tü­re und mei­nes Ein­dru­ckes dazu ver­se­hen habe, bedeu­tet das einen (zwar klei­nen) gewis­sen Auf­wand, der mich in der letz­ten Zeit weit­ge­hend davon abge­hal­ten hat, die Serie fort­zu­füh­ren. Also gibt es jetzt einen neu­en Ver­such im deut­lich redu­zier­ten Format …

Hei­mi­to von Dode­rer: Unter schwar­zen Ster­nen. Erzäh­lun­gen. Mün­chen: Deut­scher Taschen­buch-Ver­lag 1973. 153 Sei­ten. ISBN 978−3−423−00889−1.

Der schma­le Band mit Erzäh­lun­gen – über­wie­gend aus den 1950er und 1960er Jah­ren – hat es nicht geschafft, mei­ne respekt­vol­le Distanz zu Dode­rer zu ver­rin­gern. Ich erken­ne (und schät­ze) die Kunst­fer­tig­keit und das Stil­be­wusst­sein des Autors, aber davon abge­se­hen blei­ben mir die Tex­te (das ging mir mit sei­nen Roma­nen ähn­lich) eher fremd.

Wolf­gang Schul­ler: Cice­ro. Dit­zin­gen: Reclam 2018 (Reclam 100 Sei­ten). 101 Sei­ten. ISBN 978−3−15−020435−1.

Eine net­te kur­ze Fei­er­abend­lek­tü­re, die den Men­schen Mar­cus Tul­li­us Cice­ro flott, unter­halt­sam, auch poin­tiert por­trä­tiert. Dabei klingt das gro­ße (selbst­ver­ständ­li­che) Fach­wis­sen der römi­schen Geschich­te immer mit. Mir fehlt aller­dings etwas die genaue­re und aus­führ­li­che­re Beschäf­ti­gung mit den Inhal­ten von Cice­ros Wer­ken. Der Band bleibt (absicht­lich) weit­ge­hend (nicht nur, aber doch über­wie­gend) am Äuße­ren von Cice­ros Leben. – Natür­lich wäre das auch viel ver­langt, bei­des auf 100 Sei­ten zufrie­den­stel­lend zu erle­di­gen, das ist mir durch­aus bewusst. Für mei­nen Geschmack hät­te eine zumin­dest teil­wei­se Ver­schie­bung des Fokus aber den­noch gut getan. 

Ger­hard Pop­pen­berg: Herbst der Theo­rie. Erin­ne­run­gen an die alte Gelehr­ten­re­pu­blik Deutsch­land. Ber­lin: Matthes & Seitz 2018 (Fröh­li­che Wis­sen­schaft 111). 239 Sei­ten. ISBN 978−3−95757−386−5.

Ein fas­zi­nie­ren­der Text. Ich könn­te aber nur schwer genau sagen, was das eigent­lich ist – und wor­auf der Text hin­aus will. Auf der Suche nach so etwas wie einer geis­ti­gen Signa­tur der BRD liest Pop­pen­berg Autoren und ihre Rück­bli­cke auf die letz­ten Jahr­zehn­te. So kom­men Phil­ipp Felsch, Frank Wit­zel, Ulrich Raulff und Fried­rich Kitt­ler gemein­sam in den Blick, wer­den genau (!) gele­sen und mit durch­aus sujek­ti­ve gefärb­ten Dar­stel­lun­gen und Erin­ne­run­gen kom­bi­niert. Das klingt jetzt viel selt­sa­mer als es im Text ist. Der ist näm­lich durch­aus fas­zi­nie­rend und gelehrt – eine über­aus anre­gen­de Mischung und auch eine anre­gen­de Lektüre.

Valen­tin Sen­ger: Kai­ser­hof­stra­ße 12. 4. Auf­la­ge der Neu­aus­ga­be. Frank­furt am Main: Schöff­ling 2012. 316 Sei­ten. ISBN 978−3−89561−485−9.

senger, kaiserhofstraße 12 (cover)Roman oder auto­bio­gra­phi­sche Erzäh­lung – eigent­lich ist das ja egal. Was es auf jeden Fall ist: Eine – ange­sichts des Sujets – erstaun­lich leich­te und leicht­fü­ßi­ge Erzäh­lung der jüdi­schen Fami­lie Sen­ger vor und wäh­rend des Natio­nal­so­zia­lis­mus. Das ein­zig­ar­ti­ge dar­an ist, das merkt der Erzäh­ler auch selbst, wie wun­der­voll das gelingt: Ein Wun­der ist das Über­le­ben, ein Wun­der ohne Stau­nen. Natür­lich gibt es, ganz klas­sisch, Schwie­rig­kei­ten zu über­win­den. Aber um Ende siegt doch die Leich­tig­keit, das Leben, die fast unver­schäm­te Unver­nunft und Unbe­sorgt­heit des Erzäh­lers und sei­ner Fami­lie. Das gan­ze ist sehr direkt, unmit­tel­bar erzählt – ein Text, dem man sich kaum ent­zie­hen kann (und es ja eigent­lich auch nicht möch­te). Die meis­ten­teils knap­pen Kapi­tel, fast Erin­ne­rungs­bruch­stü­cke (vor allem im ers­ten Teil, der frü­hen Kind­heit des Erzäh­lers) machen dne Text auch gut zugäng­lich und kon­su­mier­bar – sicher­lich auch ein Fak­tor, der zum Erfolg des Buches, das seit 1978 in meh­re­ren Auf­la­gen und Aus­ga­ben (und Ver­la­gen) erschie­nen ist.

Nor­bert Frei/​Christian Morina/​Franka Maubach/​Maik Tänd­ler: Zur rech­ten Zeit. Wider die Rück­kehr des Natio­na­lis­mus. Ber­lin: Ull­stein 2019. 224 Sei­ten. ISBN 978−3−550−20015−1.

frei et al., zur rechten zeit (cover)Der Titel kün­digt eigent­lich eher eine Streit­schrift an: „Wider die Rück­kehr des Natio­na­lis­mus“. Das kann der Band aber kaum ein­lö­sen. Was er aber kann, und das durch­aus recht gut und über­zeu­gend: Hin­ter­grün­de für Ent­wick­lun­gen geben. Die Autor*innen bie­ten näm­lich eine Rück­schau auf die deut­sche Geschich­te seit 1945, in West und Ost, mit dem Fokus auf die diver­sen rech­ten, natio­na­lis­ti­schen Strö­mun­gen, Dis­kus­sio­nen und Par­tei­en, von der Ent­na­zi­fi­zie­rung bis in die unge­fäh­re Gegen­wart. Das ist als Ein­ord­nung und Argu­men­ta­ti­ons­hil­fe gut gemacht und gut zu nut­zen. Die gesamt­deut­sche Per­spek­ti­ve ist dabei durch­aus hilf­reich – unsi­cher bin ich aller­dings, ob Bücher wie die­se ihr Ziel wirk­lich errei­chen können …

bücher (von oben & hinten)

Aus-Lese #51

Almut Tina Schmidt: Zeit­ver­schie­bung. Graz, Wien: Dro­schl 2016. 189 Sei­ten. ISBN 978−3−85420−978−2.

schmidt, zeitverschiebung (cover)Eigent­lich ist Schmidts Zeit­ver­schie­bung eine Geschich­te des erwei­ter­ten Erwach­sen­wer­dens: Das Ende des Stu­di­ums, die ers­ten Jobs, sich ver­fes­ti­gen­de Bezie­hun­gen, die Lie­be und dann das Kind, ein neu­er Job, Zusam­men­zie­hen mit dem Part­ner und ein Hap­py End – das ist das Gerüst des Romans. Aber das ist auch der weni­ger inter­es­san­te Teil des Romans. Schnell wird aber klar – der Titel ist in die­ser Hin­sicht ja über­deut­lich … -, dass etwas ande­res das eigent­li­che The­ma ist: Die Zeit, genau­er viel­leicht: ihre Wahr­neh­mung, oder die wahr­ge­nom­me­ne Posi­tio­nie­rung der Ich-Erzäh­le­rin in ihrem strö­men­den Fließen. 

Zeit ist ohne­hin eine Illu­si­on. (140)

Das Erle­ben und vor allem das Erzäh­len der Zeit ver­bin­det sich mit ähn­lich abs­trak­ten Kon­zep­ten wie For­tu­na oder Zufall.
Denn die Ver­spä­tung – um die Zeit­ver­schie­bung etwas bana­ler zu ver­pas­sen – ist das zen­tra­le Moment des Tex­te. Die chro­no­lo­gi­sche Ver­spä­tung ist das eine, aber Ver­spä­tung ist eben auch ein Lebens­ge­fühl (oder genau­er: das Lebens­ge­fühl einer Pha­se des Lebens): Das über­mäch­ti­ge Gefühl des Ver­pas­sens, des „zwi­schen“, „noch nicht“, und des immer schon zu spät sein, des Ein­drucks, immer schon den Anfang ver­passt zu haben … Aber selbst das hap­py end schlägt sich doch auch noch auf das Zeit(empfinden) – hier des eige­nen, klei­nen Kin­des – nie­der: „Und nimmt sich alle Zeit der Welt.“ (189) ist der Schluss­satz, der schön zum Anfangs­satz passt: „Ich war ohne­hin zu spät, konn­te mir also Zeit las­sen.“ (5)

Das The­ma der Zeit­ver­schie­bung ist damit auf indi­vi­du­el­ler Ebe­ne sozu­sa­gen erle­digt. Aber es wird eben deut­lich (wie so oft in die­sem Roman: über­deut­lich), dass es in der nächs­ten Gene­ra­ti­on (wieder/​noch) ein The­ma sein kann. Aller­dings, da schließt sich der Kreis nicht ganz: Noch ist das ein Kind, das „alle Zeit der Welt“ hat. Viel­leicht gelingt ihm/​ihr (?) ja das Erwach­sen­wer­den der Zeit(empfindung) gemäß den gesell­schaft­li­chen Konventionen/​Erwartungen par­al­lel zum rest­li­chen Erwach­sen­wer­den? (Wobei Zeit­ver­schie­bung ja eigent­lich eher die Fra­ge auf­wirft, ob man ohne die­ses spe­zi­el­le, d.h. „nor­ma­le“ Emp­fin­den der Zeit, das Beha­gen dar­in, über­haupt erwach­sen gewor­den ist – der Text ver­neint das eher und situ­iert sei­ne Prot­ago­nis­tin ja mehr als deut­lich in einem Zwi­schen, einem Über­gangs­sta­di­um (klas­sisch: Puber­tät), unab­hän­gig von ihrem Alter. 

Gera­de der Anfang ist durch­aus char­mant erzählt, das muss man Schmidt attes­tie­ren, mit läs­si­ger und hei­te­rer Iro­nie-Distanz. Über­haupt ist die Spra­che oft lako­nisch, knapp und direkt mit Ten­denz zum Humor. Es gibt wenig Aus­schmü­ckung, das hohe Tem­po des Gesche­hens nimmt der Text gut auf: Die Zeit ist ein­fach nie genug, vor allem – so behaup­tet die Erzäh­le­rin immer wie­der – lebt sie im Bewusst­sein, sie zu ver­schwen­den und hat per­ma­nent das Gefühl, die Zeit nicht genü­gend aus­zu­kos­ten, nicht aus­rei­chend zu nut­zen, immer nicht das Digent­li­che (des Lebens) zu tun, son­dern nur einen Not­be­helf, eine Zwi­schen­lö­sung. Lei­der wird die Erzäh­lung und die Spra­che zuneh­mend kon­ven­tio­nel­ler – sozu­sa­gen par­al­lel zum Leben, dem Lebens­ent­wurf der Erzäh­le­rin. Und damit ver­liert der Text lei­der mei­nes Erach­tens etwas: Sicher, das ist in Über­ein­stim­mung mit der geschil­der­ten Ent­wick­lung. Aber es mach­te den Text für mich gegen Ende auch deut­lich langweiliger.

Ich ver­schwen­de­te mehr und mehr Zeit damit zu fürch­ten, mei­ne Zeit ernst­haft zu ver­schwen­den. (105)

Gwen­aël­le Aubry: Nie­mand. Graz, Wien: Dro­schl 2013. 150 Sei­ten. ISBN 978−3−85420−843−3.

aubry, niemand (cover)Nie­mand ist das Alpha­bet einer selt­sa­men, schwie­ri­gen Vater-Toch­ter-Bezie­hung, die durch Abwe­sen­hei­ten wesent­lich mit­be­stimmt ist und von der Toch­ter nach dem Tod ihres Vaters erforscht und auf­ge­schrie­ben wird. Der wird uns als Melan­cho­li­ker gezeigt, der auch dar­an stirbt (naja, eigent­lich dann doch am Herz­in­farkt), des­sen Leben bestimmt ist vom Wahn­sinn der Melan­cho­lie (?) und der sich immer wie­der tem­po­rär in sta­tio­nä­rer Behand­lung befin­det, zugleich aber (!) hoch ange­se­he­ner Jura-Pro­fes­sor. Nie­mand nutzt für die­sen nach­träg­li­chen Abschied den emo­tio­na­len, psy­chi­schen und lite­ra­ri­schen Nach­lass des Vater, aus des­sen Schrif­ten (teil­wei­se auch fik­tio­nal gedacht) wird immer wie­der zitiert. Denn zugleich ist der Roman auch ein Ver­such des Erin­nerns, mehr noch: der Ver­ge­gen­wär­ti­gung des Vaters durch die Aus­ein­an­der­set­zung, Auf­ar­bei­tung (Durch­ar­bei­tung) des Ver­hält­nis­ses der Ich-Erzäh­le­rin mit ihm und ein Ver­such, ihn – als Men­schen, als Per­son – zu ver­ste­hen. Schwie­rig ist das inso­fern, als er schon wäh­rend dem Leben ver­schwin­det, (oder das zumin­dest als – in sei­nen Nie­der­schrif­ten offen­bar­tes – Ziel hat­te): eben ein Nie­mand wer­den, ein Mann ohne Eigenschaften. 

Die Erzäh­le­rin ver­liert sich wun­der­bar in ihren eige­nen Sät­zen, häuft immer mehr Details und Erin­ne­run­gen an, türmt das auf, fügt immer neue Ergän­zun­gen, Prä­zi­sie­run­gen, Erwei­te­run­gen an. Die Sät­ze fan­gen oft ganz harm­los an und ufern dann maß­los aus. Aber das ist ja aber gera­de der schö­ne und sym­pa­thi­sche Witz des Tex­tes: die unge­tü­me, wil­de, chao­tisch-frag­men­ta­ri­sche Erin­ne­rung wird nur durch das Alpha­bet der Kapi­tel gezähmt – zumin­dest schein­bar. Und letzt­lich bleibt der Ver­such der Ord­nung, ein kohä­ren­tes Gan­zes dadurch zu schaf­fen (von Anfang bis Schluss in einer fest­ge­füg­ten Abfol­ge) auch ver­geb­lich, eben nur ein Ver­such, der im Text ein­mal als „Ord­nung ohne Bedeu­tung“ klas­si­fi­ziert wird (147). Aber sie ist wohl doch mehr: Denn die Buch­sta­ben ste­hen ja nicht allei­ne, son­dern wer­den in den Kapi­tel­über­schrif­ten zum Wort (mit Aus­nah­me des „Y“, wo die Ord­nung dann eben auch reflek­tiert wird …).

„Nun gehen die Buch­sta­ben aus, die­se Ord­nung ohne Bedeu­tung, mit deren Hil­fe ich ver­sucht habe, sei­ne Unord­nung und mei­ne in den Griff zu bekom­men, unse­re Erin­ne­run­gen zu glät­ten und stam­melnd die­ses sehr alte Wis­sen zu buch­sta­bie­ren, zu dem ich nicht durch­ge­drun­gen bin, als ob die­se Wör­ter und Sät­ze, die unter dem Impuls und der Not­wen­dig­keit einer ande­rern Ord­nung, der sei­ni­gen – einer Auf­for­de­rung oder eines Ver­spre­chens (einen Roman dar­aus machen) –, hin­ge­schrie­ben wur­den, sogleich wie­der in ihre ursprüng­li­chen Bestand­tei­le aus­ein­an­der­fal­len wür­den […] (147)

Micha­el Fehr: Glanz und Schat­ten. Erzäh­lun­gen. Luzern: Der gesun­de Men­schen­ver­sand 2017. 141 Sei­ten. ISBN 9783038530398.

fehr, glanz und schatten (cover)Sime­li­berg hat­te mich ziem­lich begeis­tert. Glanz und Schat­ten kann da lei­der nicht ganz mit­hal­ten. Vor allem die star­ke Kon­zen­tra­ti­on und die frem­de Här­te, jeweils in Form und Spra­che, von Sime­li­berg fehlt mir hier. Ganz oft weiß ich spon­tan (und spä­ter) über­haupt nicht, was die Tex­te wol­len und/​oder sol­len, die Fremd­heit ist und bleibt oft ziem­lich groß: Irgend­wie fin­de ich nicht zu dem Text. Des­sen „The­ma“ könn­te man oft nen­nen: die kal­te, erbar­mungs­lo­se Welt des (Spät-)Kapitalismus und des Kon­sums, die Zurich­tungs­ma­schi­nen und ‑mecha­nis­men der („frei­en“) Gesell­schaft, wie sie sich vor allem in der Fremd­be­stim­mung (statt Indi­vi­dua­li­tät) äußern – aber der Fremd­be­stim­mung einer gesichts­lo­sen, anony­men Macht. Das spie­len die Tex­te mit dem Vor­füh­ren von Rol­len­bil­dern und ‑kli­schees, v.a. denen der Geschlech­ter, durch. Gewalt spielt dabei immer wie­der eine außer­or­dent­lich Rol­le: als Ven­til, als Aus­bruch aus den unent­komm­ba­ren Zwän­gen, als Umschla­gen der Ener­gien. Nico Bleut­ge hat in sei­ner Rezen­si­on des Ban­des vor­ge­schla­gen, die Tex­te als zum Vor­trag bestimm­te zu lesen – viel­leicht ist das wirk­lich hilf­reich, denn „allei­ne“, als blan­ker Text, fin­de ich nur in eini­gen weni­gen (zum Bei­spiel dem inten­si­ven „Stu­den­tin“ oder „Mais“) genü­gend Fas­zi­na­ti­on bei der Lektüre. 

Felix Hart­laub: Don Juan d’Aus­tria und die Schlacht bei Lepan­to. Her­aus­ge­ge­ben von Wolf­ram Pyta und Wolf­gang M. Schwiedrzik. Neckar­ge­münd, Wien: Edi­ti­on Mne­mo­sy­ne 2017 (Gegen­Satz 8). 292 Sei­ten. ISBN 9783934012301.

felix hartlaub, don juan d'austria (cover)
Eine geschichts­wis­sen­schaft­li­che Dis­ser­ta­ti­on aus dem Jahr 1940 über ein Ereig­nis aus dem Jahr 1571 – lohnt die Lek­tü­re eines sol­chen Tex­tes heu­te noch? Durch­aus, kann man sagen, wenn der Ver­fas­ser For­mat hat­te. Und das muss man Felix Hart­laub beschei­ni­gen. Des­halb ist Don Juan d’Aus­tria und die Schlacht bei Lepan­to tat­säch­lich auch noch inter­es­sant, als his­to­ri­sche Dar­stel­lung eines his­to­ri­schen Ereig­nis­ses. Inter­es­sant ist auch die Form: Hart­laub arbei­tet erzäh­lend, er bringt (fast) kei­ne Zita­te und nutzt auch ver­gleichs­wei­se weni­ge Quel­len (und sowie­so zur gedruck­te): Als geschichts­wis­sen­schaft­li­che Qua­li­fi­ka­ti­ons­schrift hät­te das heu­te wohl kei­ne Chan­ce mehr. Auch als „Sach­buch“ bin ich mir nicht ganz sicher, ob sich die Lek­tü­re heu­te wirk­lich noch so unbe­dingt lohnt, wie die Her­aus­ge­ber beto­nen … Sicher, die Sti­li­sie­rung des sowie­so schon zur Welt­ge­schich­te hoch­sti­li­sier­ten Ereig­nis­ses ist gekonnt umge­setzt. Aber viel mehr sehe ich da jetzt nicht unbedingt …

Die letz­te Sinn­ge­bung des Tages von Lepan­to gewann wir auch so noch nicht. An die Sei­te sol­cher Über­le­gun­gen muß wohl die Ahnung tre­ten, daß der Tag von Lepan­to zu den sel­te­nen Ereig­nis­sen gehört, die, wenn man es so aus­drü­cken darf, auf einer höhe­ren Ebe­ne der Geschich­te lie­gen und bei denen die Fra­ge nach den tat­säch­li­chen Fol­gen im letz­ten nicht ange­mes­sen ist. Nur mate­ri­ell betrach­tet, gehör­te der Sieg frei­lich wohl zu den – im Ver­hält­nis zu dem Erfol­ge – all­zu ver­schwen­de­ri­schen Blut­op­fern, an denen vor allem auch die deut­sche Geschich­te so reich ist. In die­ser Hin­sicht ist man­che aus den unmit­tel­bar fol­gen­den Jah­ren erhal­te­ne Äuße­rung auf­schluß­reich. Das ide­al Bild der Schlacht aber, die noch über­all, in den Galee­ren im Hafen, in den Waf­fen und Nar­ben gegen­wär­tig war, lös­te sich rasch aus dem Gefü­ge mensch­li­cher Pla­nun­gen; es war ganz in sich abge­schlos­sen, man konn­te kei­ner­lei Abwand­lun­gen und Fort­set­zun­gen ersin­nen. (237)

außer­dem gelesen:

  • Axel Matthes: Geor­ges Batail­le nach Allem. Ber­lin: blau­wer­ke 2016 (split­ter 07). 66 Sei­ten. ISBN 978−3−945002−07−0.
  • Gün­ter de Bruyn: Das Leben des Jean Paul Fried­rich Rich­ter. Eine Bio­gra­phie. Über­ar­bei­te­te und ver­mehr­te Neu­fas­sung. Frank­furt: Fischer 2013. 350 Sei­ten. ISBN 9783100096449.
  • Hans Jür­gen von der Wen­se: Das Nord­licht. Her­aus­ge­ge­ben von Val­eska Ber­ton­ci­ni und Rei­ner Nie­hoff. Mit einem Bei­wort von Val­eska Ber­ton­ci­ni. Ber­lin: blau­wer­ke 2016 (split­ter 11). 58 Sei­ten. ISBN 9783945002117.
  • Hans Jür­gen von der Wen­se: Das lose Werk. Map­pe Nr. 01: Wol­ken. Ber­lin: blau­e­wer­ke 2016. ISBN 978−3−945002−02−5.
  • Ruth Klü­ger: Marie von Ebner-Eschen­bach. Anwäl­tin der Unter­drück­ten. Wien: Man­del­baum 2016 (Autorin­nen fei­ern Autorin­nen). 56 Sei­ten. ISBN 9783854765219.
  • Mar­le­ne Stre­eru­witz: Mar­le­ne Stre­eru­witz über Ber­tha von Sutt­ner. Wien: Man­del­baum 2014 (Autorin­nen fei­ern Autorin­nen). 61 Sei­ten. ISBN 9783854764564.

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