Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Kategorie: literatur Seite 17 von 38

Pergamontexte

Mit die­sem Blick beginnt Euro­pa! (29)

Ger­hard Falk­ner spricht, befragt von dem, nun­ja, Lite­ra­tur­fern­seh­red­ner Denis Scheck, im Fern­se­hen über sei­ne Lyrik im all­ge­mei­nen und sei­nen neu­en Lyrik­band Per­ga­mon Poems – natür­lich im Per­ga­mon-Altar. So bin ich auf die­ses schma­le Bänd­chen mit den neu­en Gedich­ten von Ger­hard Falk­ner (der spä­tes­tens seit „Gegen­sprech­stadt – ground zero“ auf mei­ner Lis­te geschät­zer Lyri­ker steht) gesto­ßen. Ganz nett anzu­schau­en und vor allem anzu­hö­ren sind die fünf Fil­me – eigent­lich ja eher Trai­ler – die die ers­ten Gedich­te des Ban­des insze­nie­ren und die dem Bänd­chen als DVD bei­gelegt sind: Gera­de in ihrer Zurück­hal­tung fand ich das ganz gut gemacht, die Kon­zen­tra­ti­on auf den Text und die Rezi­ta­ti­on der Schau­spie­le­rin­nen zusam­men mit den beschrie­be­nen Bil­dern des Per­ga­mon-Altars: Mini­ma­lis­tisch, aber nicht nüch­tern – im Gegen­teil, sogar vol­ler wohl­do­sier­tem Pathos. Aber bei Göt­ter­ge­dich­ten und solch mythisch und erin­ne­rungs­tech­nisch auf­ge­la­de­nem Gegen­stadt geht das nicht anders …: „Das Bei­spiel, das die Grie­chen gaben /​man wird es nicht mehr los“ (37)

Die Gedich­te selbst neh­men die Betrach­tung der Figu­ren und Geschich­ten des Per­ga­mon-Altars nicht nur zum The­ma, son­dern zum Aus­gangs­punkt – für Fra­gen vor allem: Das hat ger­ne einen etwas kul­tur- und/​oder zivil­sa­ti­ons­kri­ti­schen Ein­schlag. Vor allem aber geht es um Fas­zi­na­ti­on: Die Fas­zi­na­ti­on des Betrach­ters durch die Schön­heit der Stei­ne, die Leben­dig­keit ihrer Gestal­ten und – auch – der Gewalt ihrer Taten, der Grö­ße und Unmit­tel­bar­keit. Das ist der Punkt, wo immer wie­der die fra­gen­de Gegen­warts­kri­tik ansetzt: Haben wir heu­te noch sol­che Grö­ße? Wie sähe oder sieht sie aus? „Wie viel Giga­byte hat die­ser Fries?“, fragt Falk­ner dann auch ent­spre­chend. Und genau aus die­ser Span­nung zwi­schen modern-tech­ni­siert-media­li­sier­ter Gegen­wart und mythisch-kämp­fe­risch-hel­den­haf­ter Ver­gan­gen­heit zie­hen die kur­zen, oft locker gefügt erschei­nen­den Gedich­te ihre Spannung: 

Oh, Mann!
Hier flie­gen Räu­me aus­ein­an­der. Hier tre­ten Zeiten
aus den Schran­ken, Göt­ter wan­ken. Alles ist entfesselt.
Ist mit sich im Über­maß und den­noch redu­ziert und klar
… (Otos, 27)

Was Falk­ner außer­dem immer wie­der neu fas­zi­niert: Die stil­le Hand­lung, die ein­ge­fro­re­ne Bewe­gung, der ewi­ge Augen­blick – „ein Tanz der Tat“: 

wenn Aphro­di­te tanzt, raschelt der Mar­mor (43)

An ande­rer Stel­le heißt das „Action­ki­no /​fest­ge­hal­ten als Still“. Und ähn­lich funk­tio­nie­ren auch sei­ne kur­zen Gedich­te: Sie sind vol­ler Bewe­gung und Drang, vol­ler Auf­bruch und Tat­kraft – und blei­ben doch bei einem Augen­blick, erstre­cken sich nie über län­ge­re Zei­ten oder ent­fal­te­te Vor­gän­ge. Scha­de nur, dass es so wenig gewor­den ist: Ohne die eng­li­sche Über­set­zung und viel Para­text hät­te das nicht ein­mal für den sowie­so schon gerin­gen Umfang eines Lyrik­ban­des gereicht. 

Ger­hard Falk­ner: Per­ga­mon Poems. Gedichte+Clips (dt-en). Über­ta­gen von Mark Ander­son. Ber­lin: kook­books 20012. 64 Sei­ten + DVD.

Das Gespräch mit Denis Scheck:


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Und hier sind auch die fünf ange­spro­che­nen kur­zen Fil­me, die zu dem Auf­trag für die „Per­ga­mon Poems“ führ­ten, zu finden:

Per­ga­mon Poems I: Aste­ria & Phoi­be | Judith Engel, Ger­hard Falk­ner, Pergamonaltar

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Per­ga­mon Poems II: Aphro­di­te | Eva Meck­bach, Ger­hard Falk­ner, Pergamonaltar

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Per­ga­mon Poems III: Arte­mis | Til­man Strauss, Ger­hard Falk­ner, Pergamonaltar

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Per­ga­mon Poems IV: Apol­lon | Sebas­ti­an Schwarz, Ger­hard Falk­ner, Pergamonaltar

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Per­ga­mon Poems V: Kybe­le | Jen­ny König, Ger­hard Falk­ner, Pergamonaltar

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rough und interessant: Urs Engeler im Gespräch

Brit­ta Bür­ger führt im Deutsch­land­ra­dio ein inter­es­san­tes Gespräch mit Urs Enge­ler (zum Nach­le­sen/​zum Nach­hö­ren) über Lyrik natür­lich, über das Ver­le­gen von Lyrik, die Qua­li­tät und Nach­fra­ge von Gedich­ten. Urs Enge­ler erzählt ganz gelas­sen auch von den öko­no­mi­schen Schwie­rig­kei­ten eines Lyrik-Ver­le­gers und wie ein Mäzen plötz­lich zum Gläu­bi­ger wur­de. Natür­lich spricht er auch über die rough­books, die mir immer wie­der so viel Freu­de berei­ten … Und er ver­rät, dass er auch selbst wie­der dich­tet (ohne die Öffent­lich­keit aber an den Ergeb­nis­sen teil­ha­ben las­sen zu wol­len). Schön, wie er in den knap­pen zehn Minu­ten zei­gen kann, was es heißt, sich für Lyrik zu begeis­tern. Mei­ne „Lieblings“-stelle: Sei­ne Aus­füh­run­gen zur „Güte“ von Gedich­ten, zur Fra­ge nach den Kri­te­ri­en für ein gutes Gedicht – die ver­neint er näm­lich ein­fach und sagt statt dessen:

Inter­es­san­te Gedich­te, die haben bei jedem Lesen neue Erleb­nis­se auf Lager für uns. Es gibt ganz vie­le Din­ge zu beob­ach­ten, das heißt, man muss schon sehr gedul­dig sein, um hin­ter die­se Qua­li­tä­ten zu kom­men, aber qua­si je nach­hal­ti­ger ich beschäf­tigt wer­de durch einen Text, des­to inter­es­san­ter scheint er mir, und unterm Strich wür­de ich dann auch sagen, des­to mehr Qua­li­tä­ten scheint er mir zu haben, sprich, des­to bes­ser ist er.

(via Lyrik­zei­tung)

Übel mitgespielt

Über all die­sen Erwä­gun­gen glaub­te Matthes irre zu wer­den, er zwang sich zu über­le­gen, wer ihnen so übel mit­ge­spielt hat­te – die Geschich­te (wie wir wis­sen), in der sie han­del­ten (oder die von ihnen han­del­te). Wem soll­te er sie erzäh­len, ohne aus­ge­lacht zu wer­den? Denn das Ver­rück­te war: sie hat­ten, in ihrer Werk­statt, gelebt von dem Zustand; jetzt wur­den sie ange­se­hen, als wären sie zustän­dig gewe­sen! Man wür­de sie zur Ver­ant­wor­tung zie­hen, wie wah­re Herr­scher, und, indem man sie bestraf­te, in den höchs­ten Rang erhe­ben. In eine Rol­le … die sie nie gespielt hat­ten. Er stand auf dem Damm, von der Rol­le gekom­men. Er woll­te nicht gese­hen wer­den und hoff­te, er könn­te wirk­lich drü­ben aus dem Werk­tor tre­ten, ein ein­zi­ges Mal noch, und alles in Ord­nung bringen.
Vol­ker Braun, Die vier Werk­zeug­ma­cher, 21

Aus-Lese #9

Micha­el Wildt: Geschich­te des Natio­nal­so­zia­lis­mus. Göt­tin­gen: Van­den­hoeck & Ruprecht 2008 (UTB Grund­kurs Neue Geschich­te). 219 Seiten.

Auf zwei­hun­dert Sei­ten den Natio­nal­so­zia­lis­mus abhan­deln: Das trau­en sich weni­ge, und von denen gelingt es auch nur weni­gen. Wildt schafft das durch­aus in einer sehr kon­zen­trier­te, auf­fäl­lig kon­zi­sen und kla­ren Dar­stel­lung, die sich stark auf das Kon­zept oder For­schungs­pa­ra­dig­ma der „Volks­ge­mein­schaft“ stützt. 

Zwei ideo­lo­gi­sche Momen­te des Natio­nal­so­zia­lis­mus hebt er beson­ders her­vor: Lebens­raum und Anti­se­mi­tis­mus. Schwach bleibt er bei allem, was Orga­ni­sa­ti­on und poli­ti­sche, par­tei­li­che wie staat­li­che Struk­tu­ren angeht – die kom­men fast nicht vor. Lei­der feh­len auch ein Regis­ter und eine Zeit­ta­fel – wegen der Viel­zahl hier ange­ris­se­ner the­ma­ti­scher Foki und Minia­tur­ge­schich­ten, die sich chro­no­lo­gisch immer wie­der über­lap­pen, wäre gera­de das letz­te­re eine hilf­reich Ergän­zung. Gut gelun­gen ist in die­ser gedräng­ten Form sicher­lich die Dar­stel­lung der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ideo­lo­gie in der Ver­bin­dung von Revo­lu­ti­on und All­tag, Poli­tik und Wirt­schaft. Wildt schil­dert dies unter dem Para­dig­ma der „Volks­ge­mein­schaft“, mit dem er gera­de die Gleich­zei­tig­keit von Inklu­si­on und Exklu­si­on gut deu­ten und schil­dern kann.

Die­ses Para­dig­ma hilft sicher­lich viel beim Ver­ständ­nis des Natio­nal­so­zia­lis­mus, macht an ande­ren Stel­len die Dar­stel­lung aber zumin­dest schwie­rig, wenn nicht unmög­lich. Deut­lich wird das vor allem im drit­ten Kapi­tel, das dem Krieg, Ter­ror und Ver­nich­tung gewid­met ist, aber auch schon vor­her: Wo es um das „Inne­re“ des Deut­schen Reichs geht, ist Wildt sehr kon­zi­se. In den außen­po­li­ti­schen Tei­len (oder bes­ser: Abschnit­ten) und vor allem der Dar­stel­lung des/​r Kriegs/​e fehlt ihm teil­wei­se der inne­re Zusam­men­hang, die argu­men­ta­ti­ve Logik und Strin­genz des zwei­ten Kapitels.

Außer­dem sehr uner­freu­lich: Dass ein sol­ches Buch, dass in einem renom­mier­ten Ver­lag wie Van­den­hoeck & Ruprecht erscheint, so vie­le auf­fäl­li­ge sprach­li­che Feh­ler hat: Von man­chen har­ten, unge­schick­ten For­mu­lie­ren abge­se­hen gibt es min­des­tens eine Hand­voll Sät­ze, deren Kon­struk­ti­on ungram­ma­tisch ist – in der Regel liegt das wohl an Über­ar­bei­tun­gen, die die Res­te einer frü­he­ren Ver­si­on nicht voll­stän­dig tilg­te (da blei­ben dann z.B. mal zwei Ver­ben im Satz ste­hen …). Doch davon darf man sich eben nicht stö­ren lassen …

Nico Bleut­ge: fall­strei­fen. 2. Auf­la­ge. Mün­chen: Beck 2009. 79 Seiten.

Erkun­dung der Rän­der und Gren­zen, der Natur und der Erin­ne­rung: Wun­der­schö­ne klei­ne Gedich­te sind im zwei­ten Gedichte­band von Nico Bleut­ge zu fin­den, vie­le – aus­weich­lich der Anmer­kung – inter­tex­tu­ell zumin­dest ange­regt. Beob­ach­tun­gen des Moments zwi­chen Erin­nern und Ver­ges­sen, zwi­schen Erle­ben und Ver­ges­sen: Dar­aus schlägt Bleut­ge schö­ne, ein­drück­li­che Bilder: 

beweg­te land­schaft. heu­te sind es die wol­ken, die
eine sicht­li­nie zie­hen, quer über den him­mel (67)

Beson­ders ange­tan haben es ihm hier eben die Rän­der und Gren­zen, die vor allem als Ufer, Über­gän­ge und Lini­en immer wie­der auftauchen. 

… nah an den bruchkanten
der beschot­te­rungs­rin­ne stre­cken sich lär­chen entlang
die das tal ent­zwei schnei­den, für den blick. und dahin­ter beginnt
eine neue land­schaft
, wet­ter­zo­ne von bräun­li­chen feldern
mit fall­strei­fen … (57)

Und die­se Linen wer­den beglei­tet von den unsicht­ba­ren Lini­en, den Lini­en der Erin­ne­rung, die­sen haar­fei­nen Zeit­li­ni­en: „die rän­der ver­schie­ben sich täg­lich“ (70)

das mischt sich, manch­mal, noch ins schauen
wäh­rend die bil­der, nacht­schicht im genick
nur lang­sam ineinanderfließen
und von den fens­tern kommt das licht
ver­än­dert in den raum, und sinkt schon, sinkt
zurück. (mischt sich, 8)

Schön und inspirierend.

Bal­tha­sar Gra­ci­an: Hand­ora­kel und Kunst der Welt­klug­heit. Über­tra­gen von Arthur Scho­pen­hau­er. Her­aus­ge­ge­ben und mit einem Nach­wort ver­sehn von Otto Frei­herrn von Tau­be. Frank­furt am Main: Insel 2009 [1653/​]. 136 Seiten.

Ein Buch vol­ler Sen­ten­zen, eigent­lich: Wie wird man ein geach­te­ter, wür­di­ger, ehren­vol­ler und erfolg­rei­cher Mann des 17. Jahr­hun­derts? Durch Glück und Talent, durch geschick­tes Tak­tie­ren und sozia­le Klug­heit – am Stück kann man die­se Über­zahl der Maxi­men mit ihren kur­zen Erklä­run­gen kaum lesen, sie sind dann nicht (mehr) zu ertra­gen … Aber ken­nen muss man sie natür­lich schon.

Vol­ker Braun: Die vier Werk­zeug­ma­cher. Frank­furt am Main: Suhr­kamp 1996. 51 Seiten.

Ich bin ja ein gro­ßer Bewun­de­rer Vol­ker Brauns. Auch die­se klei­ne Erzäh­lung aus der Umbruchs­zeit 1989/​1990 über den Zusam­men­hang von Mensch­heit, Arbeit und Geschich­te ist ein klei­nes Juwel. Schon der Anfang, der ers­te, zwei­te, drit­te Satz, ist ein­fach großartig: 

Im Osten Deutsch­lands leb­ten vor der Wen­de nicht eben ver­gnüg­te und im gan­zen geist­lo­se Leu­te, alle mit irgend­was bschäf­tigt, das sie nicht fro­her mach­te – Arbeit, die, obwohl alle an ihr betei­ligt waren, wenig bewirk­te; und das war ihr Unglück; über das aber nicht gespro­chen wur­de in den Zei­tun­gen und sons­ti­gen Ver­all­ge­mei­ne­run­gen der Regie­rung, die immer­fort Arbeits­kräf­te such­te, Mas­sen, um sie zu begeis­tern. […] So geschah es, daß sie aus Ver­zweif­lung oder son­stei­nem Humor, den sie behal­ten hat­ten, von selbst auf die Stra­ße gin­gen, wo sie am brei­tes­ten war, und bald eini­ge, bald ihrer mehr durch die Innen­städ­te zogen, um sich über­haupt bemerk­bar zu machen. (9)

Aus-Lese #8

Johann Wolf­gang von Goe­the: Unter­gang einer Reichs­haupt­stadt. Johann Wolf­gang von Goe­the. Bela­ge­rung von Mainz. Ein Bil­der­bo­gen. Her­aus­ge­ge­ben von Her­mann Kurz­ke und Oli­ver Kem­mann. 2. Auf­la­ge. Frank­furt: Socie­täts-Ver­lag. 176 Seiten.

Selt­sam und schön: Schön in der Auf­ma­chung, in der Samm­lung aller mög­li­cher Mate­ria­li­en rund um Goe­thes fin­gier­ten Tage­buch-Bericht zur Bela­ge­rung von Mainz, in der reich­hal­ti­gen Anno­tie­rung in bes­ter Gelehr­ten­ma­nier. Selt­sam dann aber wie­der man­che Tex­te, zum Bei­spiel das Lob der Mon­ar­chie im Anfang (und die Abwer­tung der Demokratie): 

Eine rich­ti­ge Idee lag ihr zugrun­de, sie war nicht gleich­be­deu­tend mit auto­ri­tä­rem Macht­miß­brauch. Die Men­schen waren in ihr nicht gleich­ge­stellt, gewiß nicht, sie waren ver­schie­den und hat­ten abge­stuf­te Rech­te. Aber sie sind ja auch heu­te nur in der Theo­rie gleich, und Geset­zes­ge­wän­der, die ver­schie­de­ne Rech­te für ver­schie­de­ne Men­schen vor­se­hen, schmie­gen sich dem Gesell­schaft­leib unter Umstän­den natür­li­cher an als das schlot­tern­de Ein­heits­kleid der Demo­kra­tie. (7f.)

Abge­se­hen davon aber eine schö­ne, reich und klug kom­men­tier­te Aus­ga­be des Goe­the-Tex­tes, der vor allem mit sei­nem reich­hal­ti­gen (größ­ten­teils zeit­ge­nös­si­schen) Bild­ma­te­ri­al gefällt. Zwei­fel­los ein schö­nes und schön gemach­tes Buch – ide­al für den Couch­tisch ;-). Aber das Vor­wort! – So etwas lässt mich rat­los zurück. Wahr­schein­lich bin ich nur wie­der mal die fal­sche Zielgruppe …

Peter Kurz­eck: Der radi­ka­le Bio­graph. Her­aus­ge­ge­ben von Eri­ka Schmied. Frank­furt am Main: Stroem­feld 2013. 179 Seiten.

Das Geburts­tags­ge­schenk des Stroem­feld-Ver­lags für Peter Kurz­eck zum 70. Geburts­tag – und vor allem für sei­ne Leser, Hörer und Fans: Schö­ne Fotos von den Schau­plät­zen sei­nes Lebens und sei­ner Wer­ke und von ihm, Tex­te von Man­fred Papst, Tho­mas Meine­cke zum Schrei­ben und Erin­nern Kurz­ecks und ein Gespräch mit ihm und vie­lem mehr: Wun­der­schö­ne Foto­gra­fien eines Lebens mit klug und kennt­nis­reich aus­ge­wähl­ten Zita­ten aus dem Werk Kurz­ecks – ein herr­li­ches Geschenk.

Ann Cot­ten: Haupt­werk. Soft­soft­porn. Mit Zeich­nun­gen von Marei­le Fel­li­en, Ostheim/​Rhön: Peter Engst­ler 2013. 70 Seiten.

Wie immer bei Ann Cot­ten zeigt auch das Haupt­werk eine Art wil­de Spra­che – schon der Unter­ti­tel weist ja dar­auf hin: Eine Spra­che, die sich nicht um seman­ti­sche Kon­ven­tio­nen schert, alle Sti­le, Gen­res und Regis­ter hem­mungs­los mischt, die Viel­falt der Hete­ro­ge­ni­tät fei­ert – in Leich­tig­keit und Locker­heit. Fun­ken sprüht das vor allem an den Stel­len, wo Cot­ten ihre Mehr­spra­chig­keit ein­setzt, wo sich eng­li­sche Kon­struk­tio­nen mit deut­schen Wör­ter fül­len oder umge­kehrt, wo die Mischun­gen tan­zen – ich weiß nur noch nicht so recht, was die Fun­ken ent­zü­den sol­len oder werden …
Das klei­ne Vor­wort bie­tet dazu noch so etwas wie eine klei­ne Poe­tik, die aller­dings selbst auch wie­der poe­tisch (und dun­kel) ist:

Das Vor­wort ist nur dazu da, Freund­schaf­ten zu ret­ten. […] Eigent­lich müss­te man also für jeden Zusam­men­hang sprach­lich sich etwas ganz Neu­es her­aus­bil­den las­sen – aber womit denn? Der Ein­druck von Sin­gu­la­ri­tät ver­lei­tet einen ja eher dazu, eine Sache nicht sprach­lich zu beschrei­ben: Wozu soll­te man etwas, was nur stimmt, solan­ge es da ist, all­ge­mein erschlie­ßen? […] Zum Text zurück: Wenn sei­ne Irr­tü­mer ein Ver­bre­chen dar­stel­len, besteht die­ses in mei­ner selbst­ver­schul­de­ten Einsamkeit.

Cha­mis­so /​Scho /​Stol­ter­foht: Frau­en-Lie­be und Leben. Per­le­berg Ber­lin: hoch­roth 2010. 46 Seiten.

Adel­bert von Cha­mis­sos „Lie­der-Cyclus“ Frau­en-Lie­be und Leben von 1830 im Ori­gi­nal und in zwei sehr unter­schied­li­chen Nach­dich­tun­gen – einer sehr inspie­ren­den von Sabi­ne Scho und einer frem­deln­den von Ulf Stol­ter­foht, bei­de auf ihre Wei­se sehr dicht am Ori­gi­nal und trotz­dem sehr eigenständig.

Dirk von Geh­len: Eine neue Ver­si­on ist ver­füg­bar. Exklu­si­ve Erst­auf­la­ge, indi­vi­dua­li­sier­te Pre­mi­um-Edi­ti­on. Mün­chen 2013. 224 Seiten.

Das crowd-finan­zier­te zwei­te Buch Dirk von Geh­lens über die Ver­än­de­run­gen, die die Digi­ta­li­sie­rung für die Kul­tur, das Kul­tur­er­zeug­nis und die Gesell­schaft (mit ihren Kul­tur­er­zeu­gern und ‑rezi­pi­en­ten) mit sich bringt, hat einen eige­nen klei­nen Blog­bei­trag bekom­men: klick.

"Eine neue Version ist verfügbar" - Frontcover

Die neueste Version der neuen Version

So sieht sie also aus, mei­ne per­so­na­li­sier­te Neue Ver­si­on, die jetzt ver­füg­bar ist – aber das hat­te ich ja schon getwittert.

Schön ist das Buch gewor­den, mit den far­bi­gen Sei­ten der ver­schie­de­nen Kapi­teln (nur eine bes­se­re und fle­xi­ble­re Kle­be­bin­dung hät­te ich mir gewünscht …). Wobei ver­füg­bar schon falsch ist: Der Text hät­te mir schon lan­ge bekannt sein kön­nen und war es teil­wei­se auch, weil der Autor Dirk von Geh­len (des­sen Mas­hup ich auch schon mit Gewinn gele­sen habe) sei­ne Unter­stüt­zer am Ent­ste­hungs­pro­zess hat teil­ha­ben las­sen (was ich aber nicht alles gele­sen und ange­hört habe). Jetzt also die neue Ver­si­on von Eine neue Ver­si­on ist ver­füg­bar, die auch nur eine vor­läu­fig letz­te ist: Im Herbst erscheint es als über­ar­bei­te­te Ver­si­on noch ein­mal bei einem Verlag.

Wor­um geht es in Eine neue Ver­si­on ist ver­füg­bar? Um Ver­flüs­si­gung. Von Geh­len beob­ach­tet und beschreibt eine Ver­än­de­rung, die durch die Digi­ta­li­sie­rung viel­leicht nicht her­vor­ge­bracht, aber zumin­dest beschleu­nigt wur­de: Gesell­schaft und ihre „Pro­duk­te“ ver­än­dert sich. Sie wird beweg­li­cher, eben flüs­si­ger, über­win­det also die Star­re des Fest­stof­fes. Das heißt auch: Sie exis­tiert immer in ver­schie­de­nen Ver­sio­nen: Alles – z.B. auch die Kul­tur – wird zur Software. 

Auch ein schöner Rücken kann entzücken ...

Auch ein schö­ner Rücken kann entzücken …

Meta­phern spie­len dabei – die Vor­stel­lung der „Ver­flüs­si­gung“ macht es ja schon deut­lich – eine gro­ße Rol­le. Viel­leicht manch­mal eine zu gro­ße: Hin und wie­der hät­te ich mir (auch) noch etwas mehr Kon­kre­ti­sie­rung gewünscht. Sicher, dass ist nicht das pri­mä­re Ziel von Geh­lens. Aber gescha­det hät­te es dem Text und sei­ner ana­ly­ti­schen Schär­fe viel­leicht nicht ;-). Und für mei­nen unmaß­geb­li­chen Geschmack wird der Fuß­ball­spiel­ver­gleich etwas über­stra­pa­ziert. Aber das sind Klei­nig­kei­ten, im Gro­ßen und Gan­zen bin ich – glau­be ich zumin­dest – auf einer Linie mit der Neu­en Version. 

Ver­flüs­si­gung heißt also: Der Künst­ler – denn obwohl von Geh­len immer mit dem Blick auf die gesam­te Gesell­schaft schreibt, bleibt die Künst­le­rin und ihr Kul­tur­schaf­fen doch im Fokus – steht „nicht mehr am Anfang, son­dern in der Mit­te eines krea­ti­ven Pro­zes­ses […], des­sen Aus­gang offen ist“ (S. 149f.) Und des­halb heißt es ganz fol­ge­rich­tig ein­mal: „Wir müs­sen schwim­men ler­nen!“ Und das ist also von Geh­lens For­de­rung für alle. Er schlägt dazu einen Weg in fünf Schrit­ten vor:

  1. Das Pro­dukt als Pro­zess den­ken (führt zu grö­ße­rer Nähe zw. Pro­du­zent und Konsument)
  2. Das Gespräch füh­ren (der sozia­le Aspekt der Kul­tur – dazu gehört auch, die „Meta­da­ten“ offen­zu­le­gen, also den Pro­zess zu zei­gen und auch nach­voll­zieh­bar zu machen)
  3. Ein Netz­werk erstel­len (Künst­ler als (Ver-)Mittler)
  4. Einen Salon eröff­nen (Gemein­sam­keit spe­zi­fisch defi­nier­ter (vir­tu­el­ler) Öffentlichkeit(en))
  5. Erleb­nis­se schaf­fen (auch der Ent­ste­hungs­pro­zess ist ein Erlebnis)

Zusam­men­ge­nom­men heißt das dann: 

Schwim­men ler­nen bedeu­tet des­halb vor allem: die neu­en Bedin­gun­gen im ver­än­der­ten Ver­hält­nis zwi­schen Autor und Publi­kum zu erspü­ren. Denn hier liegt eine der zen­tra­len Fol­gen der digi­ta­len Kopie für die zu Soft­ware gewor­de­ne Kul­tur. (S. 150)

Und damit hat er wohl ziem­lich recht. Es wird also span­nend, davon bin ich über­zeugt: Noch gibt es ja erst weni­ge Ver­su­che, die­sen Weg (in der Kunst) zu gehen. Das wer­den in den nächs­ten Jah­ren sicher­lich viel mehr wer­den – und dar­auf freue ich mich. Und so gelas­sen und freund­lich-posi­tiv, wie von Geh­len die­sen ja durch­aus radi­ka­len Ver­än­de­rungs­pro­zess beschreibt, freut er sich genau­so darauf … 

Dirk von Geh­len: Eine neue Ver­si­on ist ver­füg­bar. Exklu­si­ve Erst­auf­la­ge, indi­vi­dua­li­sier­te Pre­mi­um-Edi­ti­on. Mün­chen 2013. 224 Seiten.
Individualisierte Premium-Edition

Indi­vi­dua­li­sier­te Premium-Edition

Aus-Lese #7

Jakob van Hod­dis: Gedich­te. Ber­lin: hoch­roth 2009. 22 Seiten.

Eini­ge von den bekann­ten – und von mir bewun­der­ten und gelieb­ten – Tex­ten des Expres­sio­nis­ten Jakob van Hod­dis, sehr schön und geschmack­voll als klei­ne Bro­schü­re gedruckt und mit einer anspre­chen­den Gra­phik von Uwe Mei­er-Weit­mar ver­se­hen. Mehr muss ich dazu nicht sagen …

Juli Zeh: Trei­deln. Frank­fur­ter Poe­tik­vorl­se­un­gen. Frank­furt: Schöff­ling 2013. 197 Seiten.

Juli Zeh wird zur Poe­tik­vor­le­sung gebe­ten, ver­wei­gert sich und schreibt dann doch so etwas ähn­li­ches wie eine Poe­tik – in Form von ver­schie­de­nen Mails an ihr Umfeld – ihren Mann, ihren Ver­le­ger und befreun­de­te Autoren mit ein paar dazwi­schen­ge­streu­ten E‑Mails an die Abfall­be­ra­tung (sie braucht unbe­dingt eine zwei­te blaue Ton­ne, um der Men­gen in ihrem Haus­halt pro­du­zier­ten Alt­pa­piers Herr zu wer­den …) und das Finanz­amt. Dar­in ent­wi­ckelt sie dann zwar kei­ne regel­ge­rech­te Poe­tik, zeigt aber eben gera­de in ihrer Ableh­nung (der Mög­lich­keit) einer Poe­tik und dem all­mäh­li­chen, tas­ten­den Ent­wi­ckeln eines Roman­pro­jekts, wie ihre Poe­tik aus­sieht und/​oder zu ver­ste­hen ist. Und neben­bei räumt sie gleich noch mit ein biss­chen Unsinn auf – zum Bei­spiel der absur­den Fra­ge „Was will uns der Autor damit sagen?“ oder den blö­den Inter­view­fra­gen der Medi­en oder dem Gespenst der poli­ti­schen Autorin. Sehr amü­sant und lehr­reich zugleich.

Poe­tik­vor­le­sung? Kommt nicht in Fra­ge. Ich bin doch nicht mein eige­ner Deutsch-Leis­tungs­kurs. Ohne mich.

Hen­ning Ahrens: Tier­ta­ge. Frank­furt: Fischer-Taschen­buch-Ver­lag 2009. 283 Seiten.

Etwas tro­cken in der Spra­che und kon­stru­iert im Plot für mei­nen Geschmack, hat Tier­ta­ge aber immer­hin einen erheb­li­chen Unter­hal­tungs­wert: Die Ver­bin­dung von „Fabel“ (oder so ähn­lich, mit den spre­chen­den und han­deln­den Tie­ren) und rea­lis­ti­schem Roman hat durch­aus einen gewis­sen Reiz.

Urs Alle­mann: schoen! schoen!. Basel, Weil am Rhein: Urs Enge­ler Ditor 2003. 72 Seiten.

„Sil­ben­schutt“ – nun gut, nicht ganz. Aber der ein­füh­ren­de Zyklus „Noch lan­ge nicht tot. Ele­gi­en, Oden, Gesän­ge“ ist schon ein Abbruch­un­ter­neh­men in der Spra­che – auf­ge­spreng­te Sät­ze, ein­zel­ne Tei­le, die kein Gan­zes mehr geben – das hin­ter­lässt mich erst ein­mal etwas rat­los. Manch­mal gibt es „schö­ne“ Momen­te, in denen die Fugen der Bruch­stü­cke anfan­gen zu tanzen 

Vom Auge trop­fe was es zu sehen schien

– aber das sind weni­ge, vie­les berührt mich kaum oder gar nicht … End­gül­ti­ges Urteil bis zur Re-Lek­tü­re vertagt. 

Hans Joa­chim Schäd­lich: Kokosch­kins Rei­se. Rein­bek: Rowohlt 2010. 191 Seiten.

Tro­cken-lako­ni­scher Bericht eigent­lich einer Nost­al­gi­ker-Rei­se: Ein rus­si­scher Emi­grant, der St. Peters­burg 1918 nach der Revo­lu­ti­on als Jun­ge mit sei­ner Mut­ter ver­ließ, kehrt zurück an die Stät­ten und Erfah­run­gen sei­ner Kind­heit und Jugend, in Russ­land und Deutsch­land – und erzählt bzw. berich­tet das sei­ner Rei­se­be­glei­tung, ein­ge­bet­tet in die Schiffs­rei­se über den Atlan­tik zurück in die USA, wo er leb­te. Das gibt dem Autor viel Mög­lich­keit, die Grau­sam­kei­ten, Inkon­se­quen­zen und Unsin­nig­kei­ten der Novem­ber­re­vo­lu­ti­on in Erin­ne­rung zu rufen – in dem etwas lar­moy­ant-nost­al­gisch-erin­ne­rungs­se­li­gen Ton der sno­bis­ti­schen Alt­her­ren­pro­sa, die sich in die gute alte Zeit zurück­wünscht – das zaris­ti­sche Russ­land des 19. Jahrhunderts.

Aus-Lese #6

Pierre Michon: Die Elf. Ber­lin: Suhr­kamp 2012. 120 Seiten.

Das ist ein rich­ti­ges Klein­od, die­ser kur­ze Text, mit sei­ner ver­schwur­belt prä­zi­sen oder prä­zi­se ver­schwur­bel­ten Spra­che: Jeden­fall Sät­ze wie Laby­rin­the – aber nicht, um den Leser nur in die Irre zu füh­ren (das macht er aber auch ganz ger­ne), son­dern um ihn auf­merk­sam zu machen, ihn zu brem­sen und zum Inne­hal­ten bewe­gen. Michon berich­tet vom „berühm­tes­ten Gemäl­de der Welt“, sei­nem Schöp­fer und sei­nen Ent­ste­hungs­zu­sam­me­hän­ge. Dum­mer­wei­se exis­tiert die­ses Gemäl­de aber gar nicht, son­dern ist – wie alles in die­sem Text – Fik­ti­on, eine erfun­de­ne „Geschich­te“. Genau damit spielt Michon hier meis­ter­haft, gera­de auch im sprach­li­chen Abbild die­ses Spiels: Der Fik­tio­na­li­tät seiner/​der Geschich­te. Ein groß­ar­ti­ges Vergnügen!

Arno Schmidt: See­land­schaft mit Poca­hon­tas. Illus­tra­tiert von Felix Schnee­ber­ger. Mit einem Nach­wort von Claus Loren­zen und de Anhang: „Klei­ne Rede auf Arno Schmidt“ von Gün­ter Grass. Groß­hans­dorf: Offi­ci­na Ludi 2012. 128 Seiten.

Ein Spon­tan­kauf auf der Main­zer Mini­pres­sen-Mes­se vor eini­gen Wochen – natür­lich wegen der Illus­tra­tio­nen, den Text ken­ne (und habe) ich ja (natür­lich …) schon. Die Arbei­ten von Felix Schnee­berg haben mir beim ers­ten Durch­blät­tern gefal­len und sagen mir immer noch zu: Mit Witz und spit­zem Pin­sel ergän­zen sie den – auch schön gedruck­ten – Text recht anspre­chend, beto­nen oft die Komik und den Irr­witz, ohne den eigent­li­chen Text zu über­la­gern. Vor allem das necki­sche und locke­re Moment gefällt mir – das passt gar nicht so schlecht zur See­land­schaft mit Poca­hon­tas.

Aus-Lese #5

Mat­thi­as Becher: Karl der Gro­ße. 5. Auf­la­ge. Mün­chen: Beck 2007. 128 Seiten.

Eine Bio­gra­phie, die kei­ne Bio­gra­phie sein will. Und vor allem kei­ne sein kann: Denn die im eigent­li­chen Sin­ne bio­gra­phi­schen Zeug­nis­se über Karl den Gro­ßen sind extrem rar gesät. Becher greift des­halb recht weit aus, bis zu den Anfän­gen der Mero­win­gern – deren Geschich­te wird auf weni­gen Sei­ten ganz dicht erzählt. Nah an den Quel­len, aber mir ange­neh­mer Distanz zum (angeb­li­chen) Kron­zeu­gen Ein­hard beschreibt Becher das Leben und die Leis­tun­gen Karl des Gro­ßen wohl­tu­end nüch­tern und aus­ge­wo­gen, aller­dings in man­chen Din­gen zwangs­läu­fig auch sehr knapp, v.a. was die Orga­ni­sa­ti­on des Fran­ken­rei­ches und ins­be­son­de­re die „kul­tu­rel­le“ Sei­te sei­ner Herr­schaft angeht.

U. D. Bau­er: O.T.. Ber­lin: Die Ande­re Biblio­thek 2013. 245 Seiten.

Ein schö­nes Spiel: Ein Buch – ein Roman? – der aus­schließ­lich eine Mon­ta­ge ist: Die „Autorin“ reiht 2857 Zita­te anein­an­der und macht dar­aus so etwas wie einen Text. Also ein Spiel mit post­mo­der­nen Theo­rien von Inter­tex­tua­li­tät und Autoren­funk­ti­on. Aber eigent­lich ein recht plat­tes, sozu­sa­gen die Dum­my-Ver­si­on der Theo­rien: Denn gera­de durch das Aus­stel­len des Zitat­cha­rak­ters – das Buch ist so gedruckt, das sich das Mon­tie­ren als Kle­ben von Zettelchen/​Textschnipseln ver­mit­telt – und vor allem durch den peni­blen Nach­weis der Zita­te und ihrer Fund­stel­len wird natür­lich die eigent­li­che Idee der Inter­tex­tua­li­tät, des „il n’y a pas de hors-tex­te“, des Ver­schwin­dens des Autors gleich wie­der kon­ter­ka­riert und ad absur­dum geführt. Also eher eine Kurio­si­tät als irgend etwas wirk­lich überzeugendes …
Der Leser (zumin­dest ich) bleibt auf Distanz, das stän­di­ge Wech­seln der Zita­te und Sti­le sorgt dafür schon allei­ne. Wenn man etwas bewun­dern kann, dann ist es wohl haupt­säch­lich die Fleiß­ar­beit, die in dem Buch steckt – und die Pass­ge­nau­ig­keit, mit der U. D. Bau­er die Zita­te mon­tiert. Eine schö­ne Idee, deren Umset­zung mir aber etwas ent­lar­vend und etwas banal oder schlicht scheint.

Aus-Lese #4

Ulf Stol­ter­foht: holz­rauch über hes­lach. Basel, Weil am Rhein: Urs Enge­ler Edi­tor 2008. 122 Seiten.

Eine Schan­de, dass ich das erst jetzt lese – irgend­wie hat sich das immer wie­der in mei­nem Sta­pel unge­le­se­ner Bücher ver­steckt. Dabei bin ich ein gro­ßer Bewun­de­rer und Schät­zer der Stolterfoht’schen Dicht­kunst, sei­ne „fachsprachen“-zyklen habe ich mit gro­ßer Begeis­te­rung gele­sen. holz­rauch über hes­lach ist denen ganz ähn­lich, und doch ganz anders: In stren­gen, metrisch kla­ren sechs-ver­si­gen Stro­phen, auf­ge­teilt in neun Tei­le zu 36 Stro­phen (und einen kur­zen Pro­log), schreibt Stol­ter­foht ein Por­trät des Ört­chens Hes­lach. Oder lässt schrei­ben, denn wie gewohnt nutzt er eine Mischung aus ecri­tu­re auto­ma­tique, mas­sivs­ter Inter­tex­tua­li­tät, Zita­ten und Allu­sio­nen, gepaart mit einer unbän­di­gen deskrip­ti­ven Phan­ta­sie – das ist sehr ein­drück­lich und fas­zi­nie­rend. Und wer einen Text unter ein Mot­to aus Klaus Hof­fers Bei den Bie­resch-Roma­nen stellt, der hat bei mir sowie­so fast schon gewon­nen. Zu Recht ist das von der Kri­tik ein „eth­no­lo­gi­sches“ Gedicht genannt wor­den. Denn genau das macht Stol­ter­foht: Er nimmt den eth­no­lo­gi­schen Stand­punkt ein und fin­det dafür, für sei­ne Beschrei­bung der Wirk­lich­keit (s)einer Jugend in Hes­lach in den 1970er Jah­ren, eben eine eige­ne poe­ti­sche Spra­che, so dass Inhalt und Form zu einer fas­zi­nie­ren­den Deckung kom­men. Wenn schon auto­bio­gra­phi­sches Schrei­ben, dann bit­te doch so.

Timur Ver­mes: Er ist wie­der da. Der Roman. Köln: Eich­born 2012. 396 Seiten.

Nun ja, auch wenn (fast) alle begeis­tert sind: Ich fand das nur mäßig – mäßig über­ra­schend, mäßig ori­gi­nell, mäßig lus­tig. Natür­lich ist die Idee ganz nett und erst­mal auch wit­zig, Hit­ler im Herbst 2011 aus einer Art Schlaf nach dem miss­glück­ten Selbst­mord­ver­such mit Kopf­schmer­zen auf­wa­chen zu las­sen, ihn auf die ver­än­der­te Gegen­wart mit ihren neu­en Medi­en und Gewohn­hei­ten tref­fen zu las­sen. Aber da wird es schon schwie­rig: Die­ses Auf­ein­an­der­tref­fen ist schon nicht so span­nend und komisch (oder wenigs­tens tra­gisch), wie es hät­te sein kön­nen und eigent­lich müs­sen. Dass Hit­ler dann als schein­bar per­fek­ter Komö­di­ant gleich beim Fern­se­hen lan­det, ist auch eine net­te Idee. Aber die Leu­te und das Gesche­hen beim Fern­se­hen ist schon wie­der so ober­fläch­lich und banal geschil­dert, dass es nicht ein­mal die Ober­fläch­lich­keit und Bana­li­tät des Fern­se­hens abbil­den kann. Und so geht das halt dann wei­ter – zum „lite­ra­ri­schen Kabi­nett­stück ers­ter Güte“, dass der Umschlag ver­heißt, ist da noch ein gutes Stück Weg …

Arnold Stad­ler: Mein Stif­ter. Por­trait eines Selbst­mör­ders in spe und fünf Pho­to­gra­phien. Mün­chen: btb 2009. 196 Seiten.

Das ist auch so ein selt­sa­mes Büch­lein. Stad­ler, der ja als Roman­cier sogar den Georg-Büch­ner-Preis bekam (auch wenn ich nie so recht ver­stand, war­um), schickt sei­ner Aus­ein­an­der­set­zung mit Adal­bert Stif­ter vor­sichts­hal­ber eine „Notiz“ vor­an. Da heißt es:

Dies ist kein Sach­buch, son­dern eine – viel­leicht son­der­ba­re – Lie­bes­er­klä­rung. […] Es ist ein Ver­ge­gen­wär­ti­guns­ver­such von einem, der selbst schreibt, Roma­ne und so wei­ter. Der Ver­such einer Lie­bes­er­klä­rung, ein Essay.

Und das ist es auch, da hat er schon recht. Dabei ist es aber nicht nur viel­leicht, son­dern wirk­lich son­der­bar und selt­sam. Er berich­tet von sei­ner Lek­tü­re und vom Leben Stif­ters – aber immer unge­heur sprung­haft und wie unkon­zen­triert wir­kend. Klu­ge Beob­ach­tun­gen, vor allem zu Stif­ters rei­hen sich mit Bana­li­tä­ten, Ein­sich­ten ver­ste­cken sich im Geschwa­fel. Das mag etwas hart klin­gen, aber Stad­ler nutzt die Frei­heit der Form „Essay“ ziem­lich aus – für mäan­dern­den und repe­ti­ti­ve Bruch­stü­cke, die in der Sum­me mehr über Stad­ler als über Stif­ter erzäh­len. Wie immer geht das natür­lich nicht ab ohne den Ver­weis auf sei­ne Her­kunft und sein Koket­tie­ren mit der Reli­gi­on bzw. der katho­li­schen Kir­che – für mich blieb das eher uner­gie­big und auch ein wenig freud­los: Von Lie­be (zu Stif­ter) ist nur hin und wie­der etwas zu spüren.

Kon­stan­tin Ames: sTiL.e(ins) Art und Welt­wa­isen. Ber­lin und Solo­thurn: rough­books 2012 (rough­book 024). 112 Sei­ten mit CD.

Ames ist ein Genie – ein Genie, das sich (so ist mein Ein­druck bis­her) nicht immer ganz im Griff hat: Vie­les ist ein­fach groß­ar­tig, auch hier, in sTiL., man­ches aber auch manie­ris­tisch und auf­ge­setz und ner­vig. Aber, davon bin ich ja fel­sen­fest über­zeugt, das Schei­tern gehört zum Gelin­gen immer dazu: Nur wer den Unter­gang wagt, kann den Gip­fel errei­chen. Jeden­falls: Mir macht sol­che Poe­sie gro­ßen Spaß – mehr dazu im pas­sen­den Blog­ein­trag.

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