Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Kategorie: literatur Seite 16 von 38

Aus-Lese #15

Wolf­gang Fröm­berg: Etwas Bes­se­res als die Frei­heit. Luh­mar: Hab­li­zel 2013. 202 Seiten.

Der Rezen­sent der taz war von Fröm­bergs zwei­tem Roman ziem­lich begeis­tert, ich nicht so sehr. Es fiel mir schwer, da über­haupt rein­zu­kom­men, in den Text über den Text über den Text: Die (Erzähl-)Ebenen ver­schwim­men hier per­ma­nent (im Roman gibt es z.B. einen Roman, der heißt wie der Roman). Das wäre ja noch kein Pro­blem (eher ein Plus­punkt), aber Fröm­bergs sprö­der Stil, sei­ne tro­cke­ne Spra­che mach­ten es mir schwer, den ver­schie­de­nen Hand­lungs­strän­gen und Figu­ren­kon­stel­la­tio­nen, die lose immer mal wie­der mit ein­an­der ver­knüpft wer­den, ohne dass das beson­ders deut­lich wird, zu fol­gen – dazu kom­men noch ver­schie­de­ne Zeit-Hand­lungs-Ebe­nen und Träu­me und Erin­ne­run­gen. Viel­leicht lag’s auch an mei­ner Lese­si­tua­ti­on – aber ich sehe nicht recht, was Fröm­berg hier eigent­lich will. Es geht irgend­wie um die Alt-68er und deren Kin­der. Der Sohn zwei­er 68er und Kom­mu­nar­den, Leo, ist so etwas wie die Zen­tral­fi­gur. Er beschäf­tigt sich ableh­nend mit der Geschich­te sei­ne Eltern, das als „Künst­ler“ ver­ar­bei­tend, sei­ne Frau/​Ex, die als „Detek­ti­vin“ zu den 68ern unter­wegs ist/​war, die aber auch schon tot sind, spielt auch eine Rol­le. Und dazu kommt noch die gesam­te neu­es­te Geschich­te Deutsch­lands und der Welt, vom Anfang des 20. Jahr­hun­derts bis in die Gegen­wart, die unbe­dingt ind en Text hin­ein gepackt wer­den muss­te. Das führt zu ent­spre­chend lan­gen Erklä­run­gen und Abschwei­fun­gen, tro­cken und zäh macht es den Text. Und wie­der mal schrei­ben alle Figu­ren: Wer­ner und sein Sohn Leo, Ursu­la und auch der extri­mis­ti­sche Akti­vist Andre­as, selbst die „Geo­lo­gin“ Vic­to­ria – da kann man schön immer dar­aus zitie­ren, ohne sich die Zita­te zu eigen machen zu müs­sen. Des­halb ist Etwas Bes­se­res als die Frei­heit auch vol­ler gewich­ti­ger Sät­ze, die als phi­lo­so­phi­sche Erkenntnisse/​Sätze/​Wahrheiten daher­kom­men, meist aber Pla­ti­tü­den sind. Und natür­lich endet das wie­der im Schrei­ben: „Vic­to­ria schloss die Augen, setz­te den Stift aufs Papier, öff­ne­te die Tür und stürz­te sich in eine neue Welt.“ (196)

Außer­dem ist das Buch ganz schlecht gesetzt: ungüns­ti­ger Sei­ten­spie­gel, schlech­ter Block­satz (teil­wei­se rich­ti­ge Löcher in den Zei­len) – das sind hand­werk­li­che Feh­ler, die beim Lesen ermü­den, vor allem weil der Text selbst nur sehr grob geglie­dert ist. 

Ange­li­ka Mei­er: Stür­zen, drü­ber schla­fen. Klei­ne Geschich­ten und Stü­cke. Zürich: Dia­pha­nes 2013. 194 Seiten.

Sku­ri­les und Absur­des mischt sich in Mei­ers klei­nen Geschich­ten mit Gro­tes­kem und auch Lus­ti­gem: Das sind Minia­tu­ren, die unse­re ach-so-bekann­te Welt ein­fach auf den Kopf stel­len und mög­li­che Wel­ten erzäh­len. Da sich oft nur eine klei­ne Bedin­gung oder Bege­ben­heit ändert, kann man wun­der­bar sehen, was dann pas­siert – und hat erzähl­te Wel­ten, die der „Rea­li­tät“ unwahr­schein­lich glei­chen und doch ganz anders sind.

Wun­der­bar ist auch die Erzähl­tech­nik Mei­ers, die ich schon in Heim­lich, heim­lich mich ver­giss bewun­der­te. Zum Bei­spiel die Raf­fi­nes­se der Infor­ma­ti­ons­ver­ga­be, die (meis­tens) sehr zurück­hal­tend, unauf­dring­lich, fast unmerk­lich geschieht. So kann Mei­er etwa lan­ge offen las­sen kann, ob die Erzäh­ler­stim­me weib­lich oder männ­lich ist (wenn es eben kei­ne Rol­le spielt). Eine sou­ve­rä­ne Erzähl­tech­nik, die hier oft im Dienst des Wun­derns und Ver­wun­derns steht, des Auf­merk­samm­a­chen auf die Gestalt der Welt, die wir immer wie­der als gege­ben und „nor­mal“ hin­neh­men, die ja aber oft auch ganz kon­tin­gent ist und durch­aus auch (ganz) anders sein könn­te – zum Bei­spiel so, wie Mei­er es uns hier mal vor­führt und wor­über wir dann stau­nen dür­fen oder rat­los und per­plex sein dür­fen. „Ihre Minia­tu­ren sind ver­gnüg­lich zu lesen­de Etü­den in Sar­kas­mus, alle­samt dazu geeig­net, die Zumu­tun­gen der Wirk­lich­keit auf Distanz zu hal­ten“ hat Jörg Mage­nau das in sei­ner Kri­tik genannt – und das stimmt. Auch wenn manch­mal – etwa und vor allem in den bei­den Thea­ter­stü­cken am Ende des Ban­des das Moment der Fin­ger­übung etwas arg deut­lich wird – die bei­den Tex­te hin­ter­las­sen mich etwas rat­los, vor allem Was­ser! Ele­ment! Pen­the­si­lea liest Kleist scheint mir in ers­ter Linie eine sol­che (sti­lis­ti­sche) Fin­ger­übung – aber viel­leicht über­se­he ich ein­fach den ent­schei­den­den Punkt …

Bert­hold Seli­ger: Das Geschäft mit der Musik. Ein Insi­der­be­richt. Ber­lin: Edi­ti­on Tiamat 2013. 352 Seiten.

Der Kon­zer­ver­an­stal­ter Seli­ger schreibt, war­um das Musik­ge­schäft (womit er in ers­ter Linie das des Pop & Rock meint) so ist, wie es ist: Ver­kom­men, kor­rupt, unbe­frie­di­gend. Eine „Streit­schrift für eine ande­re Kul­tur“ (so nennt der Klap­pen­text das) ist die­ser Bericht. Und er ist zunächst mal ernüch­ternd und des­il­lu­sio­nie­rend: Seli­ger hat vie­les zusam­men­ge­tra­gen zum Zustand der Kul­tur­in­dus­trie, des „Geschäfts mit der Musik“ – vie­les, das dem auf­merk­sa­men Zeit­ge­nos­sen durch­aus schon bekannt sein dürf­te (GEMA, Ein­kom­men, Kon­zen­tra­ti­ons­pro­zes­se im Label- & Ver­lags­we­sen, Musi­ker­ga­gen, Spon­so­ring & Wer­bung), hier aber noch mal geballt und zusam­men­ge­führt, detail­liert an vie­len Bei­spie­len auf­ge­zeigt. Beson­ders beschäf­ti­gen ihn die viel­fäl­ti­gen Kon­zen­tra­ti­ons­pro­zes­se im Geschäft rund um die Musik und die Fra­ge: „Doch was bedeu­tet das [die oli­ga­ri­sche Kon­zen­tra­ti­on] für die Kul­tur, was bedeu­tet das für unse­re Gesell­schaft? Was bringt unse­re Gesell­schaft vor­an? Ist es die Quo­te, die zäh­len soll, oder ist es die Qua­li­tät von Kul­tur?“ (14). Das ist nicht nur ein Vor­wurf an den ver­sa­gen­den Markt – auch wenn des­sen Neu­au­rich­tung (share­hol­der-value statt stake­hol­der-value) seit den 1980er wesent­li­cher Antrieb für den „Ver­fall“ ist, son­dern auch eine Ankla­ge an die die­se Pro­zes­se unter­stüt­zen­de will­fäh­ri­ge Poli­tik, die dem Aus­ver­kauf der Kul­tur nicht nur nichts ent­ge­gen­setzt, son­dern ihn auch vor­an­treibt und finan­zi­ell unter­stützt. Seli­ger prag­nert das als Ver­lust der Viel­falt an – und zwar eben nicht nur musi­ka­lisch, musik-intrin­sisch sozu­sa­gen, son­dern auch auf gesell­schaft­li­cher Ebene.

Statt­des­sen wünscht Seli­ger sich eine Kul­tur der Dis­si­denz – markt­kon­form ist aber immer nur der Gehor­sam, wes­halb die rei­ne Markt­ori­en­tie­rung der Kul­tur (als gan­zes) scha­den muss, weil das Moment des Gegen­läu­fi­gen weg­fal­len muss (dazu gezwun­gen wird …): „Heu­te dage­gen beherrscht der Quo­ten­ter­ror unser kul­tu­rel­les Leben, ob beim öffent­lich-recht­li­chen Rund­funk und Fern­se­hen, bei der staat­li­chen Film­för­de­rung oder bei unse­ren musi­ka­li­schen Frei­zeit­ver­gnü­gen. Wir leis­ten uns ein hoch­sub­ven­tio­nier­tes Kul­tur­sys­tem, unter­wer­fen es aller­dings frei­wil­lig dem Dik­tat der Quo­te. Es zählt nur, was ver­kauft.“ (20), oder: „Dis­si­denz ist in den moder­nen Geschäfts­mo­del­len der Kul­tur­in­dus­trie nicht als Mög­lich­keit vor­ge­se­hen.“ (21). Das ist kei­ne neue oder über­ra­schen­de Erkennt­nis – nicht ohne Grund ist Ador­no (mit sei­nen Arbei­ten über die Kul­tur­in­dus­trie) sein Kron­zeu­ge -, aber weil Seli­ger viel aus sei­nen lang­jäh­ri­gen Erfah­run­gen mit den ver­schie­dens­ten Musi­kern, Ver­an­stal­tern etc. erzählt, – manch­mal hat das auch ein biss­chen etwas von „Opa erzählt von frü­her“ … – ist das eine durch­aus span­nen­de und anre­gen­de Lek­tü­re. Er klagt dabei auch so ziem­lich alle Betei­lig­ten an, von der Musi­ke­rin bis zum Hörer/​Konsumenten, vom Label über Kon­zern­ver­an­stal­ter, Wer­ben­de bis zu Jour­na­lis­tin­nen oder Medi­en­ar­bei­ter. Und natür­lich auch die Poli­tik (Urhe­ber­recht! För­der­gel­der!). Er sieht das Pro­blem aber immer als eines des Sys­tems, nicht des Indi­vi­du­ums – ohne die­sem aller­dings Hand­lungs­mög­lich­keit und Ver­ant­wor­tung abzu­neh­men oder abzu­spre­chen (dafür führt er ja auch Gegen­bei­spie­le an, die sich dem Zwang zur abso­lu­ten Unter­wer­fung unter den Markt und sei­ne (schein­ba­ren) Geset­ze ver­wei­gern). Letz­lich hängt auch für ihn alles an der „Hal­tung“ des Indi­vi­du­ums: „In einer Zeit, in der das Men­schen­recht auf kul­tu­rel­le Teil­ha­be welt­weit durch mul­ti­na­tio­na­le Kon­zer­ne mas­siv gefähr­dert ist, kommt es mehr denn je dar­auf an, Hal­tung zu zei­gen.“ (348) – das ist so etwas wie der Kern, Aus­gangs- und End­punkt des Buches.

Chris­ti­an Hwa­key: Sonet­te mit eli­sa­be­tha­ni­schem Maul­wurf. Über­tra­gen von Ulja­na Wolf. Ber­lin: hoch­roth 2010. 38 Seiten.

Eigent­lich ganz span­nen­de und viel­fäl­ti­ge Gedich­te, die Sonet­te von Haw­key. Die Über­tra­gung von Wolf ist eigent­lich eine Über­set­zung, die fast eine inter­li­nea­re ist – extrem nah an dem Ori­gi­nal. Das ist mal derb und ver­spielt, mal hoch­ge­mut und ordi­när zugleich – ein selt­sa­mes sic-et-non, ein Pen­deln zwi­schen den Wel­ten und Spra­chen macht die Sonet­te Haw­keys aus – und im Umschlag des Pen­dels pas­siert die Kunst, dort, wo die Spra­che glit­zert und glänzt und funkelt …

& they slept, sound­ly. sleep was a sound & /​they floa­ted into it – sie leg­ten sich aufs ohr & schlaf war ein laut. /​sie schweb­ten hin­ein (36÷37)

The­re comes a time when you rea­li­ze that ever­y­thing is a dream, and only tho­se things pre­ser­ved in wri­ting have any pos­si­bi­li­ty of being real.
James Sal­ter, All That Is (Mot­to)

Aus-Lese #14

Noah Sow: Deutsch­land Schwarz Weiß. Der all­täg­li­che Ras­sis­mus. Mün­chen: Gold­mann 2009. 320 Seiten.

Deutsch­land Schwarz Weiß ist ein wich­ti­ges Buch. Wich­tig, um die vor­herr­schen­den Struk­tu­ren des Ras­sis­mus in Deutsch­land zu erken­nen und so ver­su­chen, sie zu bekämp­fen, und zu über­win­den. Sow zeigt an einer Fül­le von Bei­spie­len, wie tief ver­an­kert ras­sis­ti­sches Den­ken und Ver­hal­ten in der deut­schen Gesell­schaft ist, wie Ras­sis­mus in Deutsch­land zum All­tag gehört – weil er struk­tu­rell-gesell­schaft­lich be“gründet“ und qua­si ver­erbt wird.

Ich bin zwar nicht in jedem Detail mit ihren Wer­tun­gen ein­ver­stan­den – aber dar­um geht es auch gar nicht. Son­dern dar­um, zu erken­nen, wie sehr ras­sis­ti­sche Vor­stel­lung unser Den­ken und eben auch unser Han­deln immer wie­der immer noch prä­gen. Dafür ist Sow’s Buch her­vor­ra­gend geeig­net und soll­te fast so etwas wie Pflicht­lek­tü­re für bewuss­te Teil­neh­mer der deut­schen Gesell­schaft sein . Ich hät­te es zwar ger­ne etwas strin­gen­ter und kla­rer in Struk­tur und Spra­che, aber das ist mei­ne per­sön­li­che Prä­fe­renz. Sow bemüht sich um Umit­tel­bar­keit und Wirk­mäch­tig­keit – da hat sie wahr­schein­lich die bes­se­re und wirk­sa­me­re Stra­te­gie und Spra­che gefunden.

Letzt­lich läuft das gan­ze auf die­sen einen Satz hin­aus: „Ras­sis­mus ist kein Schwar­zes, son­dern ein wei­ßes Pro­blem.“ (272) – das ist der zen­tra­le Punkt. Und den muss man erken­nen, bevor man etwas ändern kann.

Tho­mas Meine­cke: Ana­log. Mit Zeich­nun­gen von Michae­la Melián. Ber­lin: Ver­bre­cher 2013. 111 Seiten. 

Das neu­e­se (schma­le) schö­ne Bänd­chen (vor allem dank der Zeich­nun­gen Meliáns) von Tho­mas Meine­cke bringt den Buch­le­sern sei­ne gesam­mel­te Kolum­nen aus dem „Groo­ve“ von 2007–2013. Ganz sym­bo­lisch auf­ge­la­den sind das natür­lich 33 – denn es geht vor­wie­gend um Plat­ten bzw. die Musik dar­auf (und auch hin und wie­der um die Unge­wiss­heit, ob eine Plat­te mit 33 oder 45 Umdre­hun­gen abzu­spie­len sei): Das sind kur­ze (oder eigent­lich sehr kur­ze) Text zur Musik über­haupt, zum DJ-Sein im Radio und im Club, und den Impli­ka­tio­nen der Pro­fes­si­on und der Musik. Fas­zi­nie­rend ist dabei immer wie­der, wie genau Meine­cke beob­ach­ten und erken­nen kann (so weit ich das zu ver­fol­gen und beur­tei­len ver­mag, nicht alles ist mir bekannt von dem Vie­len (ist nicht immer mei­ne Musik …), über das er schreibt) – und wie prä­zi­se er die­se Erkennt­nis­se in weni­ge Wor­te fasst. Zum Bei­spiel so:

  • „Respekt, dach­te ich, da macht die Nacht dann gar nicht, was sie will, son­dern was Westbam will.“ (26)
  • „Sie gera­ten ins Fach­sim­peln, und ich wür­de am liebs­ten mit­re­den, aber ich habe ja die Liner-Notes geschrie­ben.“ (38)
  • „Ich konn­te vor allem von Theo­lo­nious Monk mei­ne Augen nicht las­sen: Sei­ne mini­ma­lis­ti­sche Unru­he schien mir von uto­pi­schen Aus­ma­ßen zu sein.“ (43)
  • „Ich habe (spä­tes­tens seit Hoyers­wer­da) her­aus­ge­fun­den, dass ich eine natio­na­le Iden­ti­tät allein über den Holo­caust ent­wi­ckeln kann. (Eigent­lich bräuch­te ich gar kei­ne.)“ (85f.)
  • „Ich hat­te das Gefühl, dass lau­ter Schau­spie­le­rIn­nen (in brand­neu­en Leder­ja­cken) um mich her­um stan­den, und irgend­wo stand sicher auch Man­fred Eicher, der den sonisch anrü­chi­gen Muzak Jazz-Kata­log sei­nes ECM Labels jüngst durch Vill­a­lobos (dem ich hier mal die Ahnungs­lo­sig­keit des Spät­ge­bo­re­ren attes­tie­re) ver­edeln ließ.“ (87)
  • „Logisch bil­det das Mys­te­ri­um der Musik für Schrift­stel­ler (wie mich) einen Sehn­suchts­raum: Wo die Spra­che nur schwer hin­kommt, tut sich ein Gefühl von Frei­heit auf. (Spra­che ist ja ein Knast.) Ande­rer­seit mei­ne (von dekon­struk­ti­vis­ti­schen Femi­nis­tin­nen erlern­te) Erkennt­nis: Vor der Spra­che gibt es nichts. Auch Dis­ko ist dis­kur­siv.“ (93)
Ernst Wünsch: Sprizz bit­ter. Erzäh­lung. Wien: Sisy­phus 2009. 156 Seiten.

Das ist über­haupt nicht bit­ter, aber dafür ganz beson­der sprit­zig: Eine kaum zu beschrei­ben­de Erzäh­lung vol­ler Humor (weni­ger dage­gen wit­zig). Wild und aus­ufernd ist der Text, der dien Lebens­ab­schnitt eines Lang­zeit­ar­beits­lo­sen, der einen 97jährigen Thea­ter­künst­ler als Mäd­chen für alles dient. Unwahr­schein­lich und den Leser auch schon mal bedrän­gend sta­pel sich da die Ver­rückt­hei­ten. Der Rezen­sent von lite​ra​tur​kri​tik​.de weist dar­auf hin, dass das zumin­dest teil­wei­se trotz sei­ner gera­de­zu phan­tas­ti­schen Gestalt durch­aus rea­le Bege­ben­hei­ten der Thea­ter­sze­ne der 1970er Jah­re beschreibt. Davon aber mal abge­se­hen, ist das ein­fach gran­di­os unter­hal­tend: Wild und unge­zähmt ist die­ser Text wie sein Sujet, frei vaga­bun­die­rend zwi­schen Exkur­sen und Fuß­no­ten, viel­schich­tig zwi­schen rea­len, irrea­len und sur­rea­len Abschnit­ten wie in einem Traum hin und her sprin­gend. Fas­zi­nie­rend und sympathisch…

Aus-Lese #13

Gor­don Sted­man Jones: Das kom­mu­nis­ti­sche Mani­fest von Karl Marx und Fried­rich Engels. Ein­füh­rung, Text, Kom­men­tar. Mün­chen: Beck 2012. 319 Seiten.

Das Buch von Sted­man Jones ist eine gro­ße ideen­ge­schicht­li­che Kom­men­tie­rung und Ein­ord­nung, aber auch schon eine Ein­füh­rung in Marx und Engels Den­ken über­haupt (v.a. Marx). Mit sei­ner brei­ten Anla­ge trifft es aber mehr den Hin­ter­grund als das Objekt bzw. des­sen Fol­gen (also den Text und sei­ne poli­ti­sche „Umset­zung“), mehr die gesam­te Geis­tes- und Ideen­ge­schich­te, in der die bei­den Autoren lasen, dach­ten und schrie­ben, als das Kom­mu­nis­ti­sche Mani­fest an sich. Auch wenn Marx & Engels die direk­ten Ver­wei­se aus dem Mani­fest alle tilg­ten: Gor­don Sted­man Jones fin­det trotz­dem eine Men­ge … Und genau das ist das eigent­lich Inter­es­san­te und Fas­zi­nie­ren­de an die­ser Ein­füh­rung, die immer wie­der betont, dass der Kom­mu­nis­mus des Mani­fests nicht in ers­ter Linie eine im enge­ren (heu­ti­gen) Sin­ne poli­ti­sche Idee ist, son­dern eine gro­ße Erzäh­lung, die das Nar­ra­tiv des Chris­ten­tums ablö­sen soll­te und ent­spre­chend in Oppo­si­ti­on zu die­sem kon­tu­riert wurde.

Selt­sam aber, dass der Text, um den es eigent­lich geht – näm­lich das Mani­fest – erst ganz zum Schluss abge­druckt wird, qua­si als Anhäng­sel: Ich weiß nicht, wie ich das ver­ste­hen soll – nimmt Sted­man Jones sei­nen über­aus pro­fun­den und gelehr­ten Kom­men­tar wich­ti­ger als den aus­lö­sen­den Text? Ist das der Ver­such, sich von einem ver­meint­lich „anstö­ßi­gen“ Text zu distan­zie­ren? (Das fängt ja schon beim Titel und auf dem Umschlag an: Sted­man Jones ist wich­ti­ger als es Karl Marx und Fried­rich Engels sind (Das gilt aller­dings nur für die deut­sche Aus­ga­be, die ori­gi­na­le eng­li­sche Ver­si­on fir­miert als: Karl Marx and Fried­rich Engels, The Com­mu­nist Mani­festo. With an Intro­duc­tion and Notes by Gareth Sted­man Jones). – Ja, sein Text ist län­ger … Aber ohne das Mani­fest wäre sein Text eben gar nichts, nicht ein­mal exis­tent. Und sinn­voll sowie­so nicht. Aber viel­leicht lese ich da zu viel in sol­che Klei­nig­kei­ten …). Doch genug davon – ist es wenigs­tens lesens­wert? Auf jeden Fall. Auch wenn ich gleich wie­der Beden­ken anmel­den muss: Der Auf­bau des Kom­men­tars ist mir aller­dings weder im Gro­ßen noch im Klei­nen immer wirk­lich klar oder schlüs­sig gewor­den. Zum Bei­spiel fängt Sted­man Jones nach dem kur­so­risch-über­grei­fen­den Vor­wort damit an, die Rezep­ti­on des Mani­fests dar­zu­le­gen – noch bevor über­haupt klar ist, was drin steht, sozu­sa­gen (Eigent­lich scheint er aber, damit hängt viel­leicht auch die Ver­ban­nung des Mani­fes­tes an den Schluss zusam­men, einen Leser vor­aus­zu­set­zen, der den Text des Mani­fests schon ziem­lich gut parat hat). Abge­se­hen davon ist das aber eine vor­züg­li­che, knap­pe Dar­stel­lung der his­to­ri­schen Situa­ti­on in Euro­pa, der Ideen und Reak­ti­on vor dem Kom­mu­nis­mus und in sei­nem Umfeld bzw. sei­ner Ablehnung.

Ger­hard Polt: Kin­der­dres­sur. Geschich­ten. Zürich, Ber­lin: Kein & Aber 2013. 160 Seiten.

Alles, was Polt sich zum The­ma Kin­der ein­fal­len hat las­sen, ver­sam­melt die­ses schö­ne Taschen­buch. Teil­wei­se sind das schon Klas­si­ker, teil­wei­se auch (mir) neue Klei­nig­kei­ten und Fund­stü­cke. Jeden­falls sind das 160 Sei­ten Polt’sche Per­len in der unüber­treff­li­chen Polt­schen Lako­nie und Gemein­heit: Ein net­ter Lese­spaß, vor allem, wenn man sich das noch mit Polt selbst vor­stellt beim Lesen – was ange­sichts der Tat­sa­che, das vie­le der hier ver­sam­mel­ten (alten und neu­en) „Geschich­ten“ Dia­lo­ge oder klei­ne Sze­nen sind, umso leich­ter fällt und sinn­fäl­li­ger ist … 

und dies dann zu einer unkal­ku­lier­ba­ren Aug­men­ta­ti­on von Kin­dern führt

Tru­man Capo­te: Yach­ten und der­glei­chen. Erzäh­lun­gen. Zürich: Kein & Aber 2013. 176 Seiten.

Eini­ge ver­streu­te Erzäh­lun­gen Capo­tes, deren titel­ge­ben­de Yach­ten und der­glei­chen – auch die bes­te in die­sem Band, mei­nes Erach­tens – wur­de hier erst­mals ver­öf­fent­licht. Aber ins­ge­samt bin ich mir immer noch (oder wie­der) nicht sicher, was ich von Capo­tes Erzähl­kunst hal­ten soll: Das ist alles tech­nisch sehr sau­ber – aber auch so sau­ber, dass es mir manch­mal ste­ril scheint. Das hängt natür­lich mit der abso­lu­ten Beschrän­kung auf das Außen auch der Men­schen zusam­men und hat durch­aus sei­ne Fas­zi­na­ti­on. Aber irgend­wie hin­ter­lässt es mich doch immer wie­der etwas unbe­frie­digt – da fehlt ein­fach etwas, weil der (pho­to­gra­phi­sche) Rea­lis­mus der Spra­che, des Stils und der Form auf der Ebe­ne der Figu­ren (psy­cho­lo­gisch) eben so gera­de nicht ein­ge­löst wer­den kann (und auch nicht soll oder will). 

Tru­man Capo­te: Früh­stück bei Tif­fa­ny. Zürich: Kein & Aber 2008. 175 Seiten.

Und gleich noch ein Bän­chen von Capo­te dazu. Wohl eher das Bänd­chen von Capo­te, sein wohl berühm­tes­ter Text – vor allem wegen der Ver­fil­mung. Den Film ken­ne ich zwar (auch wenn die letz­te Begeg­nung schon lan­ge her ist), das Buch habe ich aber noch nie gele­sen – also ein klei­nes biss­chen Lücken­fül­le­rei. Aus der Erin­ne­rung (des Films) her­aus erschien mir das Buch aber bes­ser und span­nen­der als der Kino­film. Vor allem, weil der Text sti­lis­tisch und for­mal noch nicht so gemei­ßelt wirkt wie spä­te­re Capo­te-Tex­te, son­dern leben­di­ger, die Spra­che atmet hier noch mehr. Das ist ein­fach sehr schön – immer wie­der. Auch wenn inzwi­schen (mir) immer kla­rer wird, wie alt das ist, d.h., wie weit ent­fernt die hier beschrie­be­ne und statt­fin­den­de Welt (der ame­ri­ka­ni­schen 1950er Jah­re) doch von mir und von heu­te ist.

Vergessen: 3000 unbekannte Briefe im Thomas-Mann-Archiv

Die FAZ berich­tet heu­te im Feuil­le­ton (S. 31, lei­der nicht online), dass das Tho­mas-Mann-Archiv in Zürich unge­fähr drei­tau­send Brie­fe aus dem Nach­lass des Autors bzw. sei­ner Frau Katia bis zum Dezem­ber 2012 ein­fach „ver­ges­sen“ hat. Das sind schlap­pe 13 Kis­ten, die die Archi­va­re dort in den letz­ten Jahr­zehn­ten kom­plett „über­se­hen“ haben: Die wur­den nicht erfasst, nicht kata­lo­gi­siert, nicht aus­ge­wer­tet und waren auch nie­man­dem zugäng­lich – nicht den For­schern, aber auch nicht den Fami­li­en­mit­glie­dern. Schon die Umstän­de, wie die Brie­fe ins Archiv gelangt sind, sind selt­sam (für Schrift­stel­ler-Nach­läs­se aller­dings wie­der­um gar nicht so sehr …): 

Der­zeit bemüht man sich im TMA, die Her­kunft der auf­ge­tauch­ten Brief­be­stän­de zu rekon­stru­ie­ren – auch das führt auf dunk­le Pfa­de. Ein Teil der Brie­fe sei wohl bereits 1981 ins Archiv gelangt, gebracht von Ani­ta Naef, der Sekre­tä­rin erst von Eri­ka, spä­ter von Golo Mann; der grö­ße­re Teil sei 1994 geschenkt wor­den, eben­falls aus der Hand von Ani­ta Naef. […] Nach den heu­ti­gen Recher­chen des TMA brach­te sie den größ­ten Teil des jetzt auf­ge­tauch­ten Brief­be­stands 1994, im Todes­jahr Golo Manns, als „Schen­kung“ ins TMA, ohne dass dies ver­zeich­net oder im Jah­res­be­richt des Archivs ver­merkt wor­den wäre.

Das ist schon eine ganz schö­ne Schlam­pe­rei – auch wenn Til­mann Lah­me in der FAZ sicher­lich zu recht dar­auf hin­weist, dass das TMA sich mehr als For­schungs­stät­te denn als klas­si­sches Archiv verstand: 

Dem­ge­gen­über sind Erfas­sung, Erschlie­ßung und Siche­rung der Archi­va­li­en nicht auf dem Stand eines moder­nen Archivs.

Immer­hin scheint sich nun etwas zu tun: 

Die Lei­tung der Hoch­schu­le hat nun, nach der Ein­glie­de­rung des TMA und unter dem Ein­druck des Auf­tau­chens der drei­tau­send Katia-Mann-Brie­fe, kurz­fris­tig ein grö­ße­res Pro­jekt bewil­ligt. Mehr als eine hal­be Mil­li­on Schwei­zer Fran­ken ste­hen von sofort an für Erschlie­ßung und Digi­ta­li­sie­rung der Archiv­be­stän­de zur Ver­fü­gung. Bis zum Ende des kom­men­den Jah­res sol­len die Bestän­de kom­plett in einem moder­nen, online abruf­ba­ren Sys­tem erfasst und digi­ta­li­siert sein

Ande­rer­seits gehen die Merk­wür­dig­kei­ten aber gleich wei­ter: Fri­do Mann, Enkel Tho­mas’, hat – offen­bar als eine Art „Ent­schä­di­gung“ für das lan­ge wäh­ren­de Ver­säum­nis des Archivs, „etwa fünf­zig Brie­fe sei­nes Vaters Micha­el an Katia Mann“ aus­ge­hän­digt bekom­men. Die sind also aus dem Archiv gleich wie­der verschwunden … 

Das Archiv selbst scheint auch sonst eher nach­läs­sig geführt zu wer­den, der FAZ-Arti­kel lässt da eini­ges anklin­gen (und macht dar­auf auf­merk­sam, dass das nicht unbe­dingt die Schuld der betei­lig­ten Per­so­nen sein muss, son­dern auch in sei­ner Kon­struk­ti­on und der man­geln­den Wert­schät­zung durch die Hoch­schul-Lei­tung geschul­det sein kann). Die Inter­net­sei­te des Archivs jeden­falls gibt kei­nen Hin­weis auf den Fund der Manuskripte …

Aus-Lese #12

Johan­nes Bobrow­ski: Nach­bar­schaft. Gedich­te. Aus­ge­wählt und mit einem Nach­wort von Klaus Wagen­bach. Ber­lin: Klaus Wagen­bach 2010 (Klaus Wagen­bachs Oktav­hef­te). 77 Seiten.

Eine Aus­wahl­aus­ga­be der Gedich­te Bobrow­skis, die im Wagen­bach-Ver­lag zum Ver­lags­ju­bi­lä­um erschien und mich, da ich noch nichts von Bobrow­ski (außer sei­nem Namen) kann­te, ange­lacht hat. Nach dem Lesen war das nicht mehr so sehr der Fall: Einen rech­ten Zugang habe ich nicht gefun­den, die Lyrik Bobrow­skis reso­niert nicht so recht bei mir. Es ist eine ganz bestim­te Art von Dich­tung der und über Land­schaf­ten, was hier immer gan­ze Land­schaf­ten meint, mit ihren Leu­ten, Tie­ren und der Gegend – aber eben nicht nur die der Natur etc. Er beschreibt das weni­ger, son­dern besingt die – auch schon zum Ent­ste­hungs­zeit­punkt – unter­ge­gan­ge­ne, ver­lo­ren gegan­ge­ne Land­schaf­ten sehr poe­tisch und auch gewollt poe­tisch. Das klingt mir dann oft sehr empha­tisch auf­ge­la­den, in einer bewusst und gewollt artis­tisch über­höh­ten Spra­che, die ihre (Landschafts-)Bilder immer gera­de­zu zwang­haft meta­pho­risch und mythisch ergänzt bzw. über­höht – das pas­siert natür­lich fast immer bei (guter) Land­schafts­dich­tung, fiel mir hier aber als beson­ders gesuch­te Form sehr auf.

Ildi­kó Noé­mi Nagy: Oh Bume­rang. Sto­ries. Salz­burg: Jung und Jung 2013. 127 Seiten.

Das Som­mer­buch von Tubuk-Delu­xe. Und ein ech­tes Spät­som­mer­buch, das schon ein biss­chen auf den Herbst ein­stimmt. Nagys „Sto­ries“ sind wirk­li­che kur­ze Geschich­ten, die man kaum Erzäh­lung nen­nen mag: Moment­auf­nah­men, fast lyrisch ver­dich­tet, manch­mal nur knap­pe zwei Sei­ten lang – aber immer sehr genau und prä­zi­se. Immer geht es hier um eine Art Lee­re, vor allem die emo­tio­na­le. Auch eine gewis­se Orts­lo­sig­keit spielt da häu­fig mit hin­ein, die irgend­wie mit der unga­risch-stäm­mi­gen Ame­ri­ka­ne­rin als Ich-Erzäh­le­rin (die Ähn­lich­kei­ten mit der Autorin hat) zusam­men­hängt: Die „Unbe­haust­heit“ ist hier nicht nur (aber auch) meta­phy­sisch, sie mani­fes­tiert sich hier immer wie­der. Und dann ist da noch eine Art offe­ne Trau­rig­keit, die die Stim­mung der meis­ten Sto­ries prägt. Auch in den Per­so­nen­kon­stel­la­tio­nen, dem Umgang der Per­so­nen mit­ein­an­der, der fast immer beim Neben­ein­an­der ver­bleibt, zeigt sich das immer wie­der. So gibt es nur ganz weni­ge Gesprä­che, in denen Kom­mu­ni­ka­ti­on wirk­lich gelingt. Die gro­ße Fremd­heit geht aber noch wei­ter, sie umschließt auch das eige­ne Lebens und das eige­ne Selbst. Über­haupt ist (oder scheint?) immer alles schon länst ver­gan­gen und ver­lo­ren – Zukunft gibt es nur ganz sel­ten, Gegen­wart auch nicht so häu­fig. Das ist dann nur in klei­nen Dosen genieß­bar, sonst ver­liert man sich dar­in wie in einer boden­lo­sen Tie­fe. Aber das ist auch kein Pro­blem, die „Sto­ries“ sind ja alle kurz und knapp.

Pas­cal Mer­cier: Nacht­zug nach Lis­sa­bon. 8. Auf­la­ge. Mün­chen: btb 2008. 697 Seiten.

Ein schö­nes Buch hat Pas­cal Mer­cier da geschrie­ben, über die Mög­lich­keit des rech­ten, rich­ti­gen und wah­ren Lebens. Und über die Tie­fe der See­le. Und über die Mög­lich­keit, einen ande­ren Men­schen ken­nen: Das Pro­blem fängt ja schon beim Indi­vi­du­um selbst an: Kann man sich selbst ken­nen? Und kann man dann ande­re Men­schen (er-)kennen? Und kann man Men­schen nach ihrem Tod noch ken­nen ler­nen? In den Erin­ne­run­gen derer, die die­sen Men­schen über­leb­ten? In sei­nen Taten? In sei­nen poe­ti­schen Erkun­dun­gen, sei­nen Nota­ten und sei­nen Niederschriften? 

Das Leben ist nicht das, was wir leben; es ist das, was wir uns vor­stel­len zu leben.

Der Plot dafür ist manch­mal etwas arg kon­stru­iert für mei­nen Geschmack, und manch­mal wird es auch etwas lang­at­mig. Aber schön – nicht nur inhalt­lich, auch gera­de im sprach­li­chen Sin­ne – ist der Nacht­zug nach Lis­sa­bon trotzdem.

Kitsch ist das tückischs­te aller Gefäng­nis­se. Die Git­ter­stä­be sind mit dem Gold ver­ein­fach­ter, unwirk­li­cher Gefüh­le ver­klei­det, so daß man sie für die Säu­len eines Palas­tes hält.

Aus-Lese #11

Niklas Luh­mann: Ver­trau­en. Ein Mecha­nis­mus der Reduk­ti­on sozia­ler Kom­ple­xi­tät. 4. Auf­la­ge. Stutt­gart: Luci­us & Luci­us 2000. 140 Seiten.

Ver­trau­en – von Luh­mann als (not­wen­di­ger) Vor­gang in kom­ple­xen Sys­te­men auf­ge­fasst, der dazu dient, Kom­ple­xi­tät (der Welt und der Umwelt) zu redu­zie­ren und dabei vom Außen ins Inne­re zu ver­la­gern. Das ist, auch als frü­her Reprä­sen­tant der Luh­mann­schen Sys­tem­theo­rie, natür­lich schon lan­ge ein Klas­si­ker, und dop­pelt inter­es­sant: Inhalt­lich ein­fach, weil Luh­mann zei­gen kann, wel­che Funk­tio­nen Ver­trau­en haben kann (und war­um die ethi­sche Betrach­ung des Ver­trau­ens nicht aus­rei­chen kann bzw. das Phä­no­men über­haupt nicht rich­tig erfas­sen zu ver­mag). Und eine span­nen­de Lek­tü­re auch des­halb, weil es noch voll­kom­men in den 60er-Jah­ren gefan­gen ist, mit ihrer Tech­nik­gläu­big­keit (mit­samt ihrer Idee der tech­nisch-auto­ma­ti­schen Plan‑, Regu­lier- und Steu­er­bar­keit der Welt mit ihren Vor­gän­gen) – heu­te wür­de vie­les anders gedacht und geschrie­ben wer­den, auch von Luh­mann selbst sicher­lich. Scha­de nur, dass der Satz grau­sam ist: Obwohl das der zwei­te Neu­druck der vier­ten Auf­la­ge ist, wim­melt es von typo­gra­phi­schen Feh­lern. Die rüh­ren, so scheint es mir, daher, dass der Text mal mit OCR erfasst wur­de und dabei vie­le klei­ne­re und grö­ße­re Feh­ler über­se­hen wur­den. Das trifft den Inhalt zwar über­haupt nicht, macht das Lesen manch­mal aber über­mä­ßig anstrengend.

Chris­toph Meckel: Blut im Schuh. Lüne­burg: zu Klam­pen 2001 (Lyrik Edi­ti­on 13/​Edition Post­skrip­tum). 48 Seiten.

Einer der älte­ren Gedicht­bän­de Meckels – aber (immer noch) unge­heur emp­feh­lens­wert. Auch wenn die Grund­stim­mung vie­ler Tex­te eher düs­ter und/​oder nega­tiv ist. Aber die Kon­zen­tra­ti­on, mit der Meckel beob­ach­tet und beschreibt, die Knapp­heit der Spra­che und der sprach­li­chen Bil­der – das ist über­wäl­ti­gend und vortrefflich. 

Begriffe

Ganz ohne Anlass, nur aus Freu­de über die neu­es­te E‑Mail-Lie­fe­rung vor eini­gen Tagen, sei hier noch ein­mal das „Begriffs­stu­dio“ von Moni­ka Rinck emp­foh­len. Das ist eine span­nen­de Sache: Die Lyri­ke­rin sam­melt hier auf einer Web­sei­te (und per regel­mä­ßi­ger E‑Mail-Lie­fe­rung eben) Begrif­fe im wei­tes­ten Sinn: Wör­ter, For­mu­lie­run­gen, Phra­sen, Halb­sät­ze, Ideen und vie­les mehr. Die aku­tel­le Aus­ga­be (#3385–3436) ent­hält Trou­vail­len wie: 

fear­Pho­ne
dor­mi­t­ori­en schnar­chen­der home­re
grup­pen­bi­ki­ni
jung­ge­zie­fer
ein­ver­see­lung des mangels

Das ist eine der anre­gends­ten Lis­ten, die ich bis­her gese­hen habe – für alle Freun­de der krea­ti­ven Sprach­ver­wen­dung sei sie des­halb drin­gend empfohlen.

Ulrich-Tag

Heu­te ist „Ulrich-Tag“ – das schlägt die Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin Inka Mül­der-Bach vor. In Anleh­nung an den Bloomsday wird heu­te der „Mann ohne Eigen­schaf­ten – also Ulrich – gefeiert. 

Ich glau­be, damit ich verstehe

Der Roman von Robert Musil (bzw. das unvoll­endet geblie­be­ne Frag­ment) ist zwar erst vor gut 80 Jah­ren erschie­nen, spielt aber im August 1913 – also genau vor hun­dert Jah­ren, auch wenn der genaue Tag des Monats nicht spe­zi­fiert wir. Da hilft auch die wohl berühm­tes­te Wet­ter­be­schrei­bung der (deut­schen) Lite­ra­tur­ge­schich­te nicht wei­ter, mit der Musil sei­nen Roman beginnt. Dort heißt es zwar: 

Über dem Atlan­tik befand sich ein baro­me­tri­sches Mini­mum; es wan­der­te ost­wärts, einem über Ruß­land lagern­den Maxi­mum zu, und ver­riet noch nicht die Nei­gung, die­sem nörd­lich aus­zu­wei­chen. Die Iso­ther­men und Iso­the­ren taten ihre Schul­dig­keit. Die Luft­tem­pe­ra­tur stand in einem ord­nungs­ge­mä­ßen Ver­hält­nis zur mitt­le­ren Jah­res­tem­pe­ra­tur, zur Tem­pe­ra­tur des käl­tes­ten wie des wärms­ten Monats und zur ape­ri­odi­schen monat­li­chen Tem­pe­ra­tur­schwan­kung. Der Auf- und Unter­gang der Son­ne, des Mon­des, der Licht­wech­sel des Mon­des, der Venus, des Saturn­rin­ges und vie­le ande­re bedeut­sa­me Erschei­nun­gen ent­spra­chen ihrer Vor­aus­sa­ge in den astro­no­mi­schen Jahr­bü­chern. Der Was­ser­dampf in der Luft hat­te sei­ne höchs­te Spann­kraft, und die Feuch­tig­keit der Luft war gering. Mit einem Wort, das das Tat­säch­li­che recht gut bezeich­net, wenn es auch etwas alt­mo­disch ist: Es war ein schö­ner August­tag des Jah­res 1913.

- aber dum­mer­wei­se hat sich die Rea­li­tät des Augusts 1913 dar­an nicht gehal­ten, so dass sich auch aus den metero­lo­gi­schen Daten kein genau­er „Ulrich-Tag“ eru­ie­ren lässt. Nichts­des­to­troz ist der „Mann ohne Eigen­schaf­ten“ natür­lich auch heu­te noch eine groß­ar­tig ins­prie­ren­de Lektüre.

Aus-Lese #10

ZEIT-Geschich­te, 2/​2013: Anders leben. Jugend­be­we­gung und Lebens­re­form in Deutsch­land um 1900. 114 Seiten.

Das Heft bie­tet vor allem eines: Vie­le schö­ne Bil­der luf­ti­ger oder gar nicht beklei­de­ter Men­schen … Die Tex­te haben mich näm­lich die­ses Mal etwas ent­täuscht: Joa­chim Rad­kau haut im ein­lei­ten­den Über­blicks­ar­ti­kel erst mal kräf­tig auf alle ande­ren His­to­ri­ker aller Pro­ve­ni­en­zen ein, die die (Lebens-)Reformbewegungen der Jahr­hun­dert­wen­de sowie­so alle falsch ver­stan­den haben (im Gegen­satz zu ihm selbst). Inter­es­sant ist dann noch der Text über den „Mon­te Veri­tà“, Andre­as Molitors Text über die Darm­städ­ter Mat­hil­den­hö­he hin­ge­gen bleibt flach – wie vie­le ande­re Bei­trä­ge auch. Ins­ge­samt sicher eines der schlech­te­ren Hef­te – mit der Geschich­te einer Idee kommt die Redak­ti­on mit ihren gewohn­ten Mit­teln offen­bar nicht zuran­de: Das ist nur eine lan­ge Rei­hung von Ein­zel­phä­no­me­nen, die kaum ein gro­ßes oder nur ein grö­ße­res Bild ergeben.

Jörn Rüsen: Kann ges­tern bes­ser wer­den? Zum Beden­ken der Geschich­te. Ber­lin: Kad­mos 2003 (Kul­tur­wis­sen­schaft­li­che Inter­ven­tio­nen, Bd. 2). 160 Seiten.

Vier Essays über Geschich­te an sich, als Pro­blem und Lösung, über die Ver­ant­wor­tung von His­to­ri­kern gegen­über der Ver­gan­gen­heit, der Gegen­wart und der Zukunft – all die­se Grund­satz­fra­gen beim Nach­den­ken über und Arbeit mit und an der Geschich­te eben. Das ist alles sehr reflek­tiert, aber auch sehr tro­cken und strikt theo­re­tisch: typisch Rüsen eben … Typisch für ihn ist auch, immer von einer (exis­ten­zia­lis­ti­schen) „Anthro­po­lo­gie des His­to­ri­schen“ aus­zu­ge­hen und dar­aus sei­ne Über­le­gun­gen zu Wert und Gestalt der Geschich­te zu entwickeln.

Ger­hard Falk­ner: Per­ga­mon Poems. Gedichte+Clips (dt-en). Über­ta­gen von Mark Ander­son. Ber­lin: kook­books 20012. 64 Sei­ten + DVD.

Zu dem Per­ga­mon Poems auf Papier und Sil­ber-/Matt­schei­be habe ich die­se Woche schon ein biss­chen etwas geschrie­ben: klick.

Edgar Allan Poe: Die Geschich­te der Arthur Gor­don Pym aus Nan­tu­cket. Über­setzt von Hans Schmid, her­aus­ge­ge­ben von Hans Schmid und Micha­el Farin. Ham­burg: mare­buch­ver­lag 2008. 525 Seiten.

Ein schön gemach­tes Buch, mit aus­führ­li­chem Begleit­ma­te­ri­al, einer neu­en, gut les­ba­ren Über­set­zung mit reich­li­cher Kom­men­tie­rung (auch wenn mich die Fuß­no­ten fast ein biss­chen zu sehr ablen­ken beim Lesen des Haupt­tex­tes). Vor allem aber ein wirk­lich groß­ar­ti­ger Roman, ein Hoch­fest des unzu­ver­läs­si­gen Erzäh­lens – denn das ein­zi­ge, das sicher ist, ist, dass nichts sicher ist, was hier erzählt wird … – da hilft auch die Beteue­rung des Erzäh­lers nicht viel:

Ich berich­te die­se Umstän­de ganz detail­ge­treu, und ich berich­te sie, wohl­ver­stan­den, exakt so, wie sie uns erschie­nen. (199)

Davon darf man sich den Spaß aber nicht ver­der­ben las­sen. Im Gegen­teil, der schlitz­oh­ri­ge Erzäh­ler ist ein nicht uner­heb­li­cher Grund, war­um die­se Aben­teu­er­ge­schich­te einer See­rei­se mit blin­dem Pas­sa­gier, Meu­te­rei, Schiffs­bruch, Süd­see-Han­del, Süd­pol-Expe­di­ti­on und Kämp­fen mit Ein­ge­bo­re­nen … so unter­halt­sam daher­kommt und so ein raf­fi­nier­ter Text ist.

Seite 16 von 38

Präsentiert von WordPress & Theme erstellt von Anders Norén