Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Kategorie: literatur Seite 18 von 38

sTiL. und Spiel

Es ist immer ein schö­ner Tag, wenn die Post so einen unschein­ba­ren grau­en Umschlag aus Solo­thurn bringt. Denn dar­in ver­steckt sich immer ein gro­ßes Lese­er­leb­nis (wirk­lich, bis jetzt war das immer so!). Und die­ses Mal ist beim neu­en Lyrik­band sTiL.e(ins) Art und Welt­wa­isen von Kon­stan­tin Ames sogar noch eine CD dabei – das ist also ein mul­ti­me­dia­les Erlebnis …

Die Vor­freu­de ist also gleich mehr­fach hoch: Die rough­books sind eigent­lich (fast) immer eine span­nen­de Lek­tü­re. Und gele­se­ne Lyrik ist eben­falls ein Fas­zi­no­sum. Und schließ­lich ist Kon­stan­tin Ames ein Dich­ter, der viel verheißt.

Als Leser bleibt er aber sprö­de, fin­de ich: Mir sind sei­ne Tex­te näher, wenn ich sie vor mir sehe – vor allem, weil ich dann halt mein Tem­po selbst bestim­men kann. Und das ist oft wesent­lich lang­sa­mer als die Lese­ge­schwin­dig­keit von Ames.

Denn sei­ne Gedich­te brau­en Zeit. Ames ist ein Sprach­jon­gleur, der sei­ne Art des Sprach­spiels, manch­mal auch der Spie­le­rei­en immer mehr per­fek­tio­niert. Vor­aus­set­zung ist zunächst ein­mal ein bewuss­tes Mei­den der Nor­ma­li­tät. Oder zumin­dest unter­nimmt er kei­ne Anstren­gung, in kon­ven­tio­nel­le Ras­ter ein­zu­pas­sen – höchs­tens eben im Spiel, etwa mit den manch­mal auf­tau­chend­ne Bin­nen- oder End-Reimen.

Ames also als Sprach­spie­ler vor dem Her­ren: Er klopft die Spra­che ab, bohrt und quetscht, sucht die Dop­pel­deu­tig­kei­ten (und ist sich auch für Kalau­er nicht zu scha­de), häm­mertt an die ver­steck­ten Türen, kriecht in die Fal­ten, taucht in die Tun­nel … Und immer geht es dar­um: Was steckt eigent­lich in der – unse­rer – Spra­che? Und was dahin­ter? Viel­leicht ist das wirk­lich dekon­stru­ie­ren­de Dich­tung (gibt es so etwas eigent­lich über­haupt?): Ames nimmt aus­ein­an­der, trennt und ana­ly­siert, split­tet und reißt an den Wor­ten, den Fügun­gen, den Sät­zen. Nicht immer kommt dann dabei „etwas“ her­aus, nicht immer ensteht dabei etwas Neu­es. Das muss es aber ja auch gar nicht: Es geht ja zunächst ein­mal dar­um, Bewusst­sein zu schaf­fen, Auf­merk­sam­keit auf das Ver­bor­ge­ne zu lenken.

Dazu gehört vor allem, die Viel­schich­tig­keit der Spra­che zu offen­ba­ren. Viel­leicht des­halb sind die­se Gedich­te immer in Bewe­gung, ken­nen kei­ne Ein­kehr oder Kon­tem­pla­ti­on, son­dern nur ein „fort“, ein „vor­wärts“ und ein „zurück“ – die Rich­tung scheint bei­na­he egal, so lan­ge die Bewe­gung nicht ins Sto­cken gerät. Und das ver­langt auch, nicht nur mit Asso­zia­tio­nen und Destruk­ti­on sowie Dekon­struk­ti­on von Wör­tern und Sät­zen zu spie­len, son­dern auch abzu­tau­chen in die Sozio­lek­te und Dia­lek­te von heu­te und von frü­her – genau­so grö­ßen­wahn­sinng wie sich das hier als Pro­gramm liest ist es auch manch­mal. Aber ohne Grö­ßen­wahn­sinn ja auch kei­ne gro­ße Kunst … Die Kunst zumin­dest man­cher die­ser Gedicht, könn­te man viel­leicht auch sagen, besteht dann aber dar­in, die­ses auf­de­cken­de (oder zer­stö­ren­de) Spiel in Sze­nen, Abläu­fen, Erzäh­lun­gen, Geschich­ten zu ermög­li­chen. Oder ermög­li­chen erst die­se Ver­läu­fe das Spiel? Ich weiß nicht mehr, wo vorn oder hin­ten ist, was Anfang oder was Ende, was Grund und was Fol­ge … – herrlich!

Kon­stan­tin Ames: sTiL.e(ins) Art und Welt­wa­isen. Ber­lin und Solo­thurn: rough­books 2012 (rough­book 024). 112 Sei­ten mit CD.

Der Letze seiner Art

… so hat die Süd­deut­sche Zei­tung bzw. deren Maga­zin ein Gespräch mit dem Lek­tor und Ver­le­ger Micha­el Krü­ger (ja, der vom Han­ser-Ver­lag) über­ti­telt. Ich glau­be ja nicht, dass es stimmt – ers­tens gab es „sei­ne Art“ so wie bei Krü­ger wahr­schein­lich gar nie, sein Lebens­lauf ist wohl doch eher eine Aus­nah­me als die Regel (auch in ver­gan­ge­nen Zei­ten). Und zwei­tens ist er nicht der Letz­te – es gibt immer noch oder wie­der Ver­le­ger, die mit ähn­li­cher Inbrunst an die Lite­ra­tur glau­ben wie er. Nur haben die heu­te meist klei­ne­re Verlage … 

Aber davon mal abge­se­hen, ist es wie­der ein typi­schen Krü­ger-Gespräch: Er sagt viel Klu­ges und Kla­res – und man­chen Mist. Sol­che Sät­ze und Über­zeu­gen­en wie 

Es bleibt die gro­ße Tra­gö­die der Moder­ne, dass die Men­schen lie­ber dum­me Bücher lesen als gescheite.

sind natür­lich unbe­dingt wahr (auch wenn das bei­lei­be nicht nur für die Moder­ne gilt). Aber ande­re, das muss man schon sagen, sind dann ein­fach grundfalsch:

Tat­säch­lich hat die Pop­li­te­ra­tur in der Lite­ra­tur fast kei­ne Spu­ren hinterlassen.

Das ist ja wohl ein­fach mal Unsinn – Unsinn, über den ich mich immer wie­der und ger­ne auf­re­gen kann. Natür­lich hat die Pop­li­te­ra­tur Spu­ren hin­ter­las­sen – fast über­all, wür­de ich sogar sagen. Gut, bei Botho Strauß – offen­bar einer von Krü­gers Lieb­lin­gen – viel­leicht nicht so deut­lich. Aber ein gro­ßer Teil der momen­ta­nen Neu­erschei­nun­gen ist in die­ser Form ohne die Pop­li­te­ra­tur über­haupt nicht denkbar. 

So, genug geme­ckert jetzt. Denn trotz allem ist das ein inter­es­san­tes Gespräch mit einem inter­es­san­ten Men­schen, der ein beweg­tes und lite­ra­tur­af­fi­nes Leben (fast) hin­ter sich hat. Also: ein­fach selbst lesen.

Aus-Lese #3

Tho­mas Bern­hard: Argu­men­te eines Win­ter­spa­zier­gän­gers. Und ein Frag­ment zu „Frost“: Leicht­le­big. Her­aus­ge­ge­ben von Rai­mund Fellin­ger und Mar­tin Huber. Ber­lin: Suhr­kamp 2013. 147 Seiten.

Ich glau­be, das ist nur etwas für aus­ge­spro­che­ne Bern­hard-Fans. Auf jeden Fall ist es inter­es­sant, sol­che Über­res­te aus der Werk­statt des Schrift­stel­lers zur Kennt­nis neh­men zu kön­nen. Als ers­tes auf­ge­fal­len ist mir aller­dings das fei­ne Papier, das sich Suhr­kamp hier geleis­tet hat ;-). Und sehr schön auch, dass die fast 30 Sei­ten Typo­skript von „Leicht­le­big“ als Fak­si­mi­le hin­zu­ge­fügt wur­den – auch wenn sie so ver­klei­nert sind, dass sie wirk­lich gera­de noch so zu lesen sind. Wäh­rend „Argu­men­te eines Win­ter­spa­zier­gän­gers“ mir noch recht unfer­tig vor­kommt, wie eine frühe/​erste Ver­si­on erscheint, ist „Leicht­le­big“ schon recht weit aus­ge­ar­bei­tet – und in gewis­ser Wei­se schon ein typi­scher Bernhard-Text.

Wil­li Jas­per: Zau­ber­berg Riva. Ber­lin: Matthes & Seitz 2011. 271 Seiten.

Wil­li Jas­per schrieb hier eine Lite­ra­tur­ge­schich­te der eige­nen Art: Die Geschich­te der Lite­ra­tur und der Lite­ra­ten eines Ortes – eines rea­len (Riva am Gar­da­see) und eines imaginären/​symbolischen (das Sana­to­ri­um). Das ist stel­len­wei­se eine fas­zi­nie­ren­de Mischung aus Lite­ra­tur- und all­ge­mei­ner Kul­tur­ge­schich­te der ers­ten bei­den Jahr­zehn­te des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts, weil es Strän­ge der Geschich­te zusam­men­führt, die sonst eher fern von­ein­an­der blei­ben: Zum Bei­spiel ver­eint die­ser Ort Zau­ber­berg Riva neben Tho­mas und Hein­rich Mann auch Franz Kaf­ka, Sig­mund Freud, Her­mann Suder­mann, Chris­ti­an Mor­gen­stern und ande­re. Manch­mal hängt Jas­per aber auch ein­fach in einer Beschrei­bung (über­haupt ist das eher deskrip­tiv als ana­ly­sie­rend) bestimm­ter Lebens­ab­schnit­te bestimm­ter Autoren fest – z.B. Hein­rich Mann, mit dem er sich sehr gut auskennt.
Natür­lich spielt auch die Neur­asthe­nie eine ent­spre­chend gro­ße Rol­le – dafür, für die­se „Mode“-Krankheit des frü­hen zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts, der nerv­li­chen Erschöp­fung ange­sichts der rasen­den Zeit und der rasen­den Umstän­de der Moder­ne, waren die Sana­to­ri­en unter ande­rem ja gera­de „zustän­dig“ – als eine Art Erho­lungs­heim, eine Auf­he­bung des gewöhn­li­chen Lebens mit sei­nen mora­li­schen und gesell­schafl­ti­chen Pflich­ten und Zwän­gen, eine Zeit der (tem­po­rä­ren) Befrei­ung und Auf­he­bung. Scha­de nur, dass er gera­de dies, den eigent­li­chen Ort, immer wie­der über län­ge­re Stre­cken etwas aus den Augen ver­liert und dann nur noch „nor­ma­le“ Lite­ra­tur­ge­schich­te ist. Ein beein­dru­cken­des Pan­ora­ma, das eben über die eigent­li­che Lite­ra­tur hin­aus­geht, aber doch nicht nur blo­ße Kul­tur­ge­schich­te ist, ist Zau­ber­berg Riva den­noch – und gera­de dar­in, in sei­nem eige­nen Blick, aus­ge­spro­chen anregend.

Paul Bogaert: Der Soft-Sla­lom. Her­aus­ge­ge­ben und über­setzt von Chris­ti­an Filips. Leu­ven u.a., rough­books 2013 (=rough­book 027). 65 Seiten.

Cra­zy, was der Bel­gi­er Bogaert da geschaf­fen hat – das liegt ja nahe, wenn man den Über­set­zer als Lyri­ker schon kennt …
Der Soft-Sla­lom ist eine Art erzäh­len­der Gedicht­zy­klus in num­me­rier­ten Kapi­teln und Ein­zel­ge­dich­ten, die sehr nahe an der Pro­sa sind/​bleiben (zumin­dest in der deut­schen Ver­si­on, die flä­mi­sche kann ich nun lei­der nicht beur­tei­len, auch wenn das rough­book bei­de Spra­chen bie­tet), in sprach­li­cher Hin­sicht spie­le­risch und ver­spielt. Inhalt­lich bleibt mir das meis­te kryp­tisch – was viel­leicht nur teil­wei­se an den Tex­ten selbst liegt:

Heu­te müs­sen Namen erdacht werden,
damit wir spä­ter einen übrig haben.
[…] Spä­ter erst, viel spä­ter, als all das neu­tra­li­siert ist,
der Soft-Sla­lom, na, ist das was,
da umfasst mich, tau­ber inzwischen
und blin­der, supersacht
eine Umar­mung von hinten

„Hast du die­sen Satz ver­stan­den?“, heißt es ein­mal, und: „Kommt das gut? Ergreift es dich?“ Das ist tat­säch­lich die Fra­ge, die sich mir bei der Lek­tü­re die­ser Gedich­te beson­ders deut­lich stellt: Habe ich das ver­stan­den? Bedeu­tet (mir) das etwas? Doch mit­ten­drin ver­ste­cken sich auch ein­fach schö­ne Momen­te hier drin (zumin­dest ver­ste­cken sie sich für mich oder vor mir .…):

Es herrscht Trubel
und mit­ten­drin bemerkst du
eine Mani­fes­ta­ti­on. Fühlst du, wie
die Situation
sich zu bewe­gen beginnt?

Rai­ner Stoll­mann: Die Ent­ste­hung des Schön­heits­sinns aus dem Eis. Gesprä­che über Geschich­ten mit Alex­an­der Klu­ge. Ber­lin: Kad­mos Kul­tur­ver­lag 2005. 154 Seiten.

Alex­an­der Klu­ge erklärt im Gespräch mit Rai­ner Stoll­mann die Geschich­ten aus sei­nem Band „Die Lücke, die der Teu­fel läßt“ (2003) – und zugleich sich selbst und vor allem die gan­ze Welt. Wie immer bei Klu­ge-Gesprä­che ist das klug und meist ein­leuch­tend, nicht sel­ten über­ra­schend, weil Klu­ge Fak­ten aus allen Wis­sens­ge­bie­ten auf unge­wohn­te Ver­bin­dun­gen abklopft und auch noch Ver­bin­dun­gen sieht oder zieht, wo ich beim bes­ten Wil­len kei­ne (mehr) sehen kann. Manch­mal ist das in dem etwas bes­ser­wis­se­ri­schen Ges­tus des Alles-Durch­schau­ers aber durch­aus auch etwas ner­vend. Doch das Gefühl habe ich bei Klu­ge öfters …

Biografische Wahrheit

Wer Bio­graf wird, ver­pflich­tet sich zur Lüge, zur Ver­heim­li­chung, Heu­che­lei, Schön­fär­be­rei und selbst zur Ver­heh­lung sei­nes Unver­ständ­nis­ses, die bio­gra­fi­sche Wahr­heit ist nicht zu haben, und wenn man sie hät­te, wäre sei nicht zu brauchen.

Sig­mund Freud an Arnold Zweig, 30.9.1945

Lob des Internets

… ach, wie gut, dass es das Inter­net gibt! Ohne die Lyrik­zei­tung und ohne Fix­poet­ry zum Bei­spiel (neben eini­gen ande­ren, die ich mal alle auf­lis­ten müss­te …) wür­de ich bestimmt höchs­tens halb so viel Gedich­te lesen (die dann übri­gens noch ganz alt­mo­disch off­line und auf Papier zu mir kom­men) – in den Feuil­le­tons gibt es ja fast kei­ne Bespre­chun­gen von Lyrik­bän­den (mehr) … Vor allem die Lyrik­zei­tung („Lyrik­zei­tung & Poet­ry News – News that stay news: spread ‚em!“) ist ja gera­de­zu unheim­lich in ihrem Fleiß, mit dem sie bemer­kens­wer­te und ver­streu­te Lyrik-Sich­tun­gen und ‑Bespre­chun­gen im Inter­net sam­melt und ver­brei­tet. Und wie viel wür­de mir ohne das alles fehlen!

Aus-Lese #2

Wolf­gang Matz: Adal­bert Stif­ter oder Die­se fürch­ter­li­che Wen­dung der Din­ge. Mün­chen: Han­ser 1995, 406 Seiten. 

Eine der schlech­tes­ten (Dichter-)Biographien über­haupt, die ich je gele­sen habe (okay, das ist nicht unbe­dingt mei­ne Sache). Matz nimmt die Bio­gra­phie eigent­lich nur zum Anlass, mög­lichst aus­führ­lich und aus­schwei­fend über die Erzäh­lun­gen Stif­ters zu schrei­ben – und die voll­ends bio­gra­phisch erklä­ren zu wol­len. Das klappt natür­lich alles vor­ne und hin­ten nicht, des­we­gen wird mun­ter und wild drauf los spe­ku­liert. Eine sehr unan­ge­neh­me Sache, das – Bio­gra­phis­mus ist ja sowie­so schon eine – mei­nes Erach­tens – gefähr­li­che Sache vol­ler Fall­stri­cke, hier ist sie jeden­falls voll­ends miss­glückt: Weder das Leben noch das Werk wird so ver­ständ­lich oder erklärt. – Eine Bio­gra­phie, die das Bio­gra­phi­sche mei­det, weil sie lie­ber im Werk sich tum­melt – ohne das aber wesent­lich auf­hel­len zu kön­nen, weil sie es wie­der nur aus dem Bio­gra­phi­schen (bzw. ein bis zwei Moti­ven, die sich dar­aus erge­ben) zu ver­ste­hen ver­sucht, und zwang­haft wil­de Fol­ge­run­gen anstellt …

Carl Schmitt: Römi­scher Katho­li­zis­mus und poli­ti­sche Form. 5. Auf­la­ge. Stutt­gart: Klett-Cot­ta 2008 [1923]. 65 Seiten. 

Semi­nar­lek­tü­re ;-). Aber nicht unspan­nend: Schmitts Pan­ora­ma der euro­päi­schen Gei­ste­ge­schich­te (ab dem Mit­tel­al­ter) und der katho­li­schen Kir­che als com­ple­xio oppo­si­torum. Typisch Schmitt, setzt das mit einem Pau­ken­schlag ein: „Es gibt einen anti-römi­schen Affekt.“ (5) Dar­aus speist und dazu führt dann der gan­ze fol­gen­de Text: Zu zei­gen, dass es der römi­schen Kir­che als com­ple­xio oppo­si­torum gelingt, gegen­über den welt­li­chen Dif­fe­ren­zen der Ideo­lo­gien und Unter­schie­den und Ver­än­de­run­gen durch die Jahr­hun­der­te gewis­ser­ma­ßen gelas­sen oder absor­bie­rend zu blei­ben (Schmitt nennt das die „Elas­ti­zi­tät“ der Kir­che), wor­aus sich – mit ihrer unge­heu­re­ren hier­ar­chi­schen Struk­tur – die „unfass­ba­re poli­ti­sche Macht“ (6) der katho­li­schen Kir­che sich speist. Sehr inter­es­sant sind dann gegen Ende auch sei­ne Über­le­gun­gen zur Reprä­sen­ta­ti­on und deren Feh­len in der moder­nen Gesell­schaft und im moder­nen Staat (auch wenn ich die Fol­ge­run­gen Schmitts nicht unbe­dingt teile).

Johann Chris­ti­an Gün­ther: Wer­ke. Her­aus­ge­ge­ben von Rei­ner Böhl­hoff. Frank­furt am Main: Deut­scher Klas­si­ker Ver­lag 1998 (Biblio­thek der Frü­hen Neu­zeit, Band 10) 1596 Seiten. 

Kreuz-und-quer-Lek­tü­re eini­ger Gedich­te. Die komemn – das scheint mir im Moment typisch für Gün­ther – in der Regel eher „tra­di­tio­nell“ oder tra­di­ti­ons-kon­form daher, ver­ste­cken in einer geschick­ten Dop­pel­bö­dig­keit aber oft genug gera­de ein Spiel mit den tra­di­tio­nel­len For­men und Topoi, oft in einer kri­ti­schen oder sati­ri­schen Hal­tung. Sehr span­nend das, auch weil die Gedich­te aus dem Kanon wei­tes­ge­hend ver­schwun­den sind oder sich höchs­tens als ein­zel­ne Exem­pla­re, aber nicht als inte­gra­les Werk eines Autors dort noch zei­gen (Gün­ther ist auch als Mensch offen­bar – so weit wir das bei der eher mäßi­gen Quel­len­la­ge heu­te noch sagen kön­nen – eine sehr inter­es­san­te Gestalt gewesen …).

außer­dem noch ein biss­chen Stif­ter und Schnitzler …

Aus-Lese #1

Elke Erb: Das Hünd­le kam wei­ter auf drein. Ber­lin, Wuisch­ke und Solo­thurn: rough­books 2013 (rough­book 028). 62 Seiten.

Ich bin ja ein gro­ßer Bewun­de­rer Elke Erbs. Und ich genie­ße ihre etwas ver-rück­te, manch­mal absei­ti­ge Poe­sie sehr – weil sie genau das kann, was ich an Kunst so mag: Mich berüh­ren und ver­än­dern, neue Wahr­neh­mun­gen und Kon­struk­tio­nen der Welt ermög­li­chen (ohne sie zu erzwin­gen, nur durch das Anbie­ten). Der für sei­ne lyri­sche Über­zeu­guns­ar­beit auch kaum genug zu loben­de Urs Enge­ler (den das deut­sche Feuil­le­ton ja inzwi­schen weit­ge­hend ver­ges­sen zu haben scheint, wenn mich mein Ein­druck nicht sehr täuscht …) hat genau die­ser Elke Erb anläss­lich der Ver­lei­hung des Ernst-Jandl-Prei­ses für Lyrik die­ses schma­le Bänd­chen her­aus­ge­ge­ben und den Abon­nen­ten sei­ner tol­len Buch­rei­he „rough­book“ als Geschenk gesandt. Man­ches auf die­sen 62 Sei­ten ist sehr, sehr knapp, ande­res dafür fast zum Aus­gleich rich­tig lang. Manch­mal schei­nen die weni­gen Ver­se eines Text­leins „nur“ Nota­te zu sein, manch­mal zei­gen sie ihre Er-Arbeit-ung. Jeden­falls scheint hier eine per­sön­li­che­re Dich­te­rin durch, als ich sie aus ihren anderen/​letzten Bän­den wahr­ge­nom­men habe, eine Dich­te­rin, die sich stär­ker selbst als Per­son und Indi­vi­du­um in ihre Tex­te (und deren Zen­trum) ein­bringt und dabei auch/​gerade ihr poet(olog)isches Selbst­ver­ständ­nis erkun­det und erschreibt. Jeden­falls sind hier wie­der eini­ge wun­der­bar gelun­ge­ne Bei­spie­le der Erb’schen Sprach­macht und Sprach­phan­ta­sie zu fin­den – und mehr braucht es auch gar nicht, um mich glück­lich zu machen (zumin­dest für die Lese­zeit und etwas dar­über hin­aus …)1

Peter Fisch­li, David Weiss: Fin­det mich das Glück? Köln: Ver­lag der Buch­hand­lung Walt­her König 2003. [unpa­gi­niert]

Die­se (Kunst-)Büchlein, das (m)ich nur zufäl­lig gefun­den habe – was an sich schon eine gro­ße Schan­de ist – ist ohne Zwei­fel eines der wei­ses­ten Bücher unse­rer Zeit. Oder viel­leicht gera­de mit Zwei­fel. Denn Fisch­li & Weiss fra­gen ein­fach nur.2 Das Buch besteht aus irrs­sin­nig vie­len Kar­ten – je zwei pro Sei­te – die mit wei­ßer Hand­schrift auf tief­schwar­zem Hin­ter­grund fra­gen stel­len: Phi­lo­so­phi­sche (v.a. onto­lo­gi­sche und phä­no­me­no­lo­gi­sche), auch bana­le und wit­zi­ge, tief- und flach­grün­di­ge. Vor allem unheim­lich vie­le, unheim­lich span­nen­de und berüh­ren­de (Und dazwi­schen gibt es noch ein paar (weni­ge) klit­ze­klei­ne lus­ti­ge Zeich­nun­gen …). Natür­lich füh­ren sich die Fra­gen alle letzt­lich gera­de durch ihre Kom­bi­na­ti­on und Kon­stel­la­ti­on in der qua­si-unend­li­chen Abfol­ge voll­kom­men ad absur­dum. Aber das ist eben eine schö­ne Idee, schön gemacht .…

Chris­toph Schlin­gen­sief: AC: Church Of Fear (Aus­stel­lungs­ka­ta­log Muse­um Lud­wig, Köln). Köln: Ver­lag der Buch­hand­lung Walt­her König 2005. 48 Seiten. 

Chris­toph Schlin­gen­sief erklärt das Kon­zept, die Idee und die Rea­li­sie­rungs­ge­schich­te der „Church of Fear“ in zwei aus­führ­li­chen Inter­views. Mit eini­gen „Ori­gi­nal­do­ku­men­ten“ der „Church of Fear“ und Bil­dern des für die CoF gebau­ten Kir­chen­ge­bäu­des, die min­des­tens genau­so inter­es­sant sind …

Wiglaf Dros­te: Sprichst du noch oder kom­mu­ni­zierst du schon? Neue Sprachglos­sen. Ber­lin: Edi­ti­on Tiamat 2012 (Cri­ti­ca Dia­bo­lis 196). 192 Seiten. 

Wiglaf Dros­te beob­ach­tet Spra­che und Spre­cher mit­samt ihren Erzeu­gern, den Spre­che­rin­nen und Schrei­be­rin­nen, sehr genau. Und er legt ger­ne den gesal­ze­nen Fin­ger auf die offe­ne Wun­de. Dass er selbst sehr bis­sig, genau und tref­fend for­mu­lie­ren kann, macht das Meckern am schlech­ten Sprach­ge­brauch der ande­ren umso inter­es­san­ter. Zumal Dros­te sich auch die eine oder ande­re Abwei­chung von der rei­nen Sprach­krik­tik – die er aber sowie­so immer als Teil der not­wen­di­gen Gesell­schaft­kri­tik und nicht als blo­ße Beck­mes­se­rei auf dem Gebiet der Spra­che emp­fin­det – erlaubt – ein ech­tes Bil­dungs­ver­gnü­gen (wie übri­gens auch David Hugen­dick in der „Zeit“ fand)!

Show 2 footnotes

  1. Der Titel – Das Hünd­le kam auf drein – hat mich übri­gens erst ein­mal gründ­lich ver­wirrt – bis ich im Zusam­men­hang – er ist ein Zitat aus dem Gedicht „Iss mit Ver­stand“, wo er sei­nen Sinn von ganz allei­ne erfährt.
  2. Damit ist das übri­gens ein Buch, dass den Plan Vivi­ans aus Tho­mas Meine­ckes Tom­boy rea­li­siert: Ein Werk nur in Fra­gen abzu­fas­sen.

Vor Einsatz des Regens

Gera­de in der (längst über­fäl­li­gen) Lek­tü­re des Jahr­buchs der Lyrik 2008 sto­ße ich auf die­ses raf­fi­nier­te visu­el­le Gedicht von Jut­ta Over. Natur­ge­dich­te in die­ser Form kann­te ich bis­her noch gar nicht, in der Ter­mi­no­lo­gie der Autorin sind das „Klang­bil­der“. Und das passt heu­te ziem­lich oft, hier in Mainz …

Jutta Over: Brachvogel vor Einsatz des Regens (Jahrbuch der Lyrik 2008, 141)

Jut­ta Over: Brach­vo­gel vor Ein­satz des Regens (Jahr­buch der Lyrik 2008, 141)

Gedichte, Verstehen und Bildung

Gegen die Bil­dungs­hu­be­rei, die vie­le Inter­pre­ten vor ihre Lek­tü­ren von Gedich­te stel­len, schreibt Jahn Kuhl­brodt1 auf „Post­kul­tur“ in einer klei­nen The­sen­samm­lung zur rezi­pi­en­ten­ori­en­ten Her­me­neu­tik lyri­scher Sprach­wer­ke (wenn man das alles so nen­nen mag …):

Ver­ste­hen setzt Bil­dung nicht vor­aus, son­dern ist die Bil­dung. Der Rezi­pi­ent also bil­det sich im Erschlie­ßen des Tex­tes selbst, ent­wi­ckelt sein Voka­bu­lar und Werk­zeug, und somit sich selbst.

Und gegen die Behaup­tung der „Unver­ständ­lich­keit“, die ja tat­säch­lich auch theo­re­tisch gar nicht so ein­fach zu fas­sen ist, setzt er die ganz und gar kla­re, unzwei­deu­ti­ge Ansage: 

Es gibt kei­ne unver­ständ­li­chen Gedich­te (kein einziges).

Und damit ist schon klar: Zum Lesen von Lyrik braucht es kei­ne beson­de­ren Kennt­nis­se, kein spe­zi­el­les Exper­ten­wis­sen um die lite­ra­tur- und motiv­ge­schicht­li­chen Zusam­men­hän­ge, kein wie auch immer gear­te­tes Spe­zi­al­werk­zeug im Umgang mit dem Text, son­dern nur ( – ja, nur! Wenn das immer so ein­fach wäre!) einen offe­nen Ver­stand und die Bereit­schaft, sich auf den jewei­li­gen Text auch wirk­lich ein­zu­las­sen und ihn nicht nur abzu­fer­ti­gen (mei­ner Erfah­rung nach ist das aber schon der schwie­rigs­te Schritt über­haupt bei jeder Lek­tü­re: Sich auf den Text und sei­ne Ver­fasst­heit, sei­ne Struk­tu­ren und sei­ne Gemacht­heit, sei­ne Bil­der, Gedan­ken und all das wirk­lich ganz ein­zu­las­sen – das gelingt bei­lei­be nicht immer!). Dann ist aber auch der drit­te Punkt Kuhl­brodts sowie­so schon klar, nämlich:

Jedes Gedicht ist konkret.

Tja. So ist das eben. Wirklich.

Show 1 footnote

  1. So behaup­tet zumin­dest die Lyrik­zei­tung, der ich auch den Hin­weis auf die­se Sät­ze ver­dan­ke. Der Ein­trag bei „Post­kul­tur“ selbst ist ohne Autoren­kenn­zeich­nung.

Sprachkunst, klingend

Heu­te ist – mit der dies­jäh­ri­gen Ver­lei­hung an Moni­ka Rinck für ihren bei kook­books erschie­nen Band „Honig­pro­to­kol­le“ – end­lich das Archiv des Peter-Huchel-Prei­ses online gegan­gen. Eine „Groß­tat für die Lyrik“ hat die Badi­sche Zei­tung das schon letz­te Woche genannt. Das ist sozu­sa­gen ein Geburts­tags­ge­schenk zum 30jährigen Bestehen des Prei­ses, der aus­schließ­lich der Lyrik gewid­met ist und seit 1983 vom Land Baden-Würt­tem­berg und dem Süd­west­rund­funk. Ein Geschenk aller­dings, das nicht dem Preis zuge­dacht ist, son­dern den Lese­rin­nen und Lesern der hier geehr­ten und aus­ge­zeich­ne­ten Kunst. Vor allem aber den Höre­rin­nen und Hörern: Denn der SWR hat die Lesun­gen, die Lau­da­tio­nes und die Dank­re­den der letz­ten 30 Jah­re online zum An- und Nach­hö­ren zur Ver­fü­gung gestellt. Da fin­det man nun Lesun­gen und Reden von den gro­ßen Lyri­kern und Lyri­ke­rin­nen der letz­ten Jahr­zehn­te, die mit ziem­lich gro­ßer Treff­si­cher­heit durch die Jury des Peter-Huchel-Prei­ses aus­ge­zeich­net wur­den: Wulf Kirs­ten, Elke Erb, Tho­mas Kling, Wolf­gang Hil­big, Ulja­na Wolf, Oswald Egger, Ulf Stol­ter­foht, Ger­hard Falk­ner, Frie­de­ri­ke May­rö­cker, Nora Bossong und eben Moni­ka Rinck, um nur ein paar mei­ner Lieb­lin­ge zu nen­nen, die sich auf die­ser illus­tren Lis­te finden.

Vor allem ist das Archiv aber eben eine Fund­gru­be, in der man schö­nes und sku­ri­les, erhe­ben­des und lockern­des wun­der­bar (wieder-)entdecken kann – zum Bei­spiel die wun­der­ba­re Lesung Tho­mas Klings (mit Unter­stüt­zung des Schlag­zeu­gers Frank Köll­ges) oder die alters­brü­chi­ge Stim­me Frie­de­ri­ke May­rö­ckers, die direkt von der selb­si­che­ren (und sech­zig Jah­re jün­ge­ren) Nora Bossong gefolgt wird. Oder das tas­ten­de Rezi­tie­ren Oswald Eggers … – eine groß­ar­ti­ge Sache, die­ses Ton­ar­chiv (das könn­te der SWR eigent­lich auch mal für sei­nen Jazz­preis machen …). Zumal die Web­site auch eine anspre­chen­de und über­sicht­li­che Gestal­tung gefun­den hat – wun­der­bar, um sich bald stun­den­lang hier zu verlieren …

Screenshot Peter-Huchel-Preis-Archiv, hier Oswald Egger (Preisträger 2007)

Screen­shot Peter-Huchel-Preis-Archiv, hier Oswald Egger (Preis­trä­ger 2007)

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