Nicht nur Dieter Hildebrandt (an den ich mich nur als alten Mann erinnere, seine große Zeit lag eher vor meiner Wahrnehmungsschwelle …) ist gestorben, auch der große Dichter Hans-Jürgen Heise hat die Erde verlassen, wie Fixpoetry heute vermeldet. Sonst scheint diesen Verlust noch niemand registriert zu haben …
Kategorie: literatur Seite 15 von 38
Jochen Beyses Rebellion ist wieder ein verschlungenes Spiel inmitten eines Auflösungs- und Erkenntnisprozess. Der Erzähler, der sich hier in einem bruchstückhaften Wahrnehmungsstrom äußert, taumelt zwischen Apparaten, Realität, Literatur und Einbildung. Durch reichhaltigen Medien- und Alkoholkonsum wird das Verwirr- oder Vexierspiel noch angeheizt. Nur langsam kristallisiert sich heraus, was erzählt wird – die Erlebnisse einer Nacht in Algier, die der Erzähler aber zugleich in Kairo verbringt: Dort ist nämlich, rund um den Tahrir-Platz zur Zeit der ägyptischen Revolution, der von ihm gespielte Egoshooter „Tod in Kairo“ angesiedelt. Das vermischt sich dann noch mit weiteren Nachrichten, der Einnerung an Camus’ „Der Fremde“ und diversen Paranoien und hyperbolisierten Stereotypen, bis völlig unklar ist, was echt ist und was Spiel, was Nachricht, was Information, was Erleben, was Fiktion. Phantasie, Delirium, Wirklichkeit sind so hoffnungslos durcheinander geraten und in einander verzwirbelt, dass die Zugehörigkeit des Erlebens und Erzählens zu einem der Reiche höchstens momentan, phasenweise gelingt.
Ich habe auch nie geglaubt, dass das Lebensziel erreicht ist, wenn Spiel und Wirklichkeit eins geworden sind. (104)
- und doch geht es in Rebellion ja gerade ganz spannend um diese Grenze und ihre Übergänge.
Michael Serres hat über die Gegenwart nachgedacht – was eigentlich mit dem, was wir so einfach „Vernetzung“ oder ähnlich nennen, gemeint ist und was hier passiert. Der Übergang zur Netz-Generation (oder so ähnlich) ist für ihn ein ähnlich entscheidender und bedeutender Schritt wie die Schwelle zur Schrift in der Antike und zum Buch in der Renaissance – ein Übergang, der (noch) nicht ausreichend in seinen Konsequenzen – unter anderem für das Bild des Menschen – gewürdigt wird. Dazu gehört auch die Folgerung für die Pädagogik: nicht Wissen erzählen kann mehr ihr Zweck sein, sie soll/darf, so Serres, die neue Kompetenzvermutung an die Stelle der Inkompetenzanmaßung (wie in den letzten jahrhunderten) setzen – denn das Wissen, das früher mühsam vermittelt und bewahrt werden musste, ist heute ja mit einem Fingertip verfügbar.
Er nutzt dafür in seinem stilistisch beeindruckendem Essay (mir haben die harten, klaren Sätze, die fast eine lange Reihe von Thesen sind, sehr viel Vergnügen bereitet) das Bild des Kleinen Däumlings/Däumelinchen: Das sind – durchaus mit Emphase gedacht – neue Menschen, die über neue Körper-/Raum-/Zeit-/Lebenserfahrungen verfügen und deshalb etwa auch eine neue Moral nötig haben. Und notwendig ist in diesem Moment der Wende, des Übergangs: neue/gewandelte Institutionen (wie Schule, Universität, Arbeit, Klinik …): wie längst gestorbene Sterne strahlen sie in ihrer alten Form noch, obwohl sie ebenfalls schon tot sind, was sich in der permanenten Unruhe, dem Geraune & Geschwätze dort, wo sie noch anzutreffen sind, manifestiert.
Wie schön wäre es doch, wenn ein paar mehr von den Menschen, die gerade halb so alt wie Serres (Jahrgang 1930!) sind, ähnlich viel von dem gerade geschehenden Wandel der Welt und der Menschen begriffen hätten – und mit entsprechender Liebe reagieren würden. Wunderbar etwa, wie er Facebook (als Symptom) verteidigt – gerade im Vergleich mit anderen Kollektivierungen wie Nation, Klasse etc. – und ihrem Blutzoll, der jetzt (zunächst mal) mit den virtuellen Vernetzungen und Kollektivierungen wegfällt …
Der originale französische Titel ist fast noch besser: „Petite Poucette“ – da schwingt mehr von der Begeisterung, der Emphase, Liebe und zärtlicher Hinwendung und auch dem Spiel, das den Essay durchzieht, mit. Das Imperative des deutschen Titels findet sich im Text gar nicht so sehr, suggeriert also eine ganz falsche Richtung – denn die Neu-Erfindung geschieht ja bereits, nur die Anpassung des/der System(e) – und der „älteren“ Generation – lässt noch zu wünschen übrig. (Typisch übrigens, dass genau das bei den Rezensenten zu beobachten ist: Wenn man der Zusammenfassung beim Perlentaucher glauben darf, störte die vor allem die Begeisterung Serres von den Möglichkeiten, die sich eröffnen, und sie monieren, dass er die negativen Folgen nicht ausreichend reflektiere …)
Ann Cotten liest von unerwiederter Liebe, Prinzipienbastelei, Selbstschau und Ekel – und ein Text wie „Der schaudernde Fächer“, in dem Wendungen wie „indulgierte Idiosynkrasien“ vorkommmen, verheißt mir Lesevergnügen … Zum Anschauen/Anhören muss man sich leider zur „Zeit“ hinüber begeben, das Video lässt sich nicht einbinden: klick.
Der Trafikant beruht auf einer spannenden Idee: Mit Hilfe eines Protagonisten, der aus der ländlichen Region am Attersee nach Wien kommt, um dort Trafikant zu werden, erzählt Seethaler die Geschichte Österreichs/Deutschlands/Europas in den 1930er und 1940er Jahren. Die Spiegelung des kulturellen und politischen (Welt-)Geschehens (bzw. markante Punkte/Auszüge davon) in einem persönlichen Leben – das ist sicherlich der interessanteste Aspekt am Trafikant. Diese Verschränkung von Zeitgeschichte und persönlicher Biographi ist keineswegs eine neue, innovative Idee Seethalers – aber die Art, wie er das erzählerisch umsetzt, ist doch charmant und überzeugend. Das liegt auch daran, dass er gut zwischen beiden Polen balanciert – das ist in diesem Fall ja gerade das Kunststück. Dazu kommt sein starker, kräftig zupackender Stil. Und einige gute Einfälle wie zum Beispiel die geschickte Integration von Sigmund Freud als „Kapizität“ und Therapeut (v.a./u.a. in Liebesnöten). Das ist auch ein schöner Schachzug des Erzählers. So werden nämlich auch Traum-Erinnerung und ‑Deutung ganz unauffällig zum Motiv im Trafikant – und Träume als Texte. Einfach schön ist, wie das nach und nach ganz sorgsam eingeführt wird … Sowieso muss man die erzählerische Sorgfalt Seethalers loben, seine Planung der Anlage der Handlung(en) – das gelingt ihm vorzüglich und macht den Trafikant zu so einer interessanten Lektüre.
„Die Leute sind ganz narrisch nach diesem Hitler und nach schlechten Nachrichten – was ja praktisch ein und dasselbe ist“, sagte Otto Trsnjek. „Jedenfalls ist das gut für das Zeitungsgeschäft – und geraucht wird sowieso immer!“ (35)
Dieses Mal in einer der besten Zeitschriften: Guy Davenport schreibt assoziationsreich über Balthus, Stephan Broser führt vor, wie man psychoanalytische die Geburt der Psychoanalyse beschreibt oder erklärt (Anna – Ananke), dazu noch einne spannende „OhrenPerformance mit LiveGuide“ von Brigitte Oleschinski, „spricht ins Ohr und Sie gehen mit“ betitelt. Und noch die Fortsetzung von Günter Plessows Faulkner-Übersetzung (das erste Kapitel aus „Absalom, Absalom!“) – sehr anregend und anreichernd (lustig übrigens, dass eine Zeitschrift mit dem Namen „Mütze“, was ja eigentlich so etwas wie eine Einhegung des Kopfes meint, eine absichernde Beschränkung, sich so ganz und gar der Befreiung des Denkens verschreibt und in alle Richtungen ihre Fühler ausstreckt, Grenzen ignoriert und zur Seite stößt …)
Auf diesen luftigen Text bin ich durch das 100-Seiten-Projekt des Umblättereres gestoßen. Und ich muss sagen: Es macht Spaß, diesen abseitigen Text zu lesen. Das ist ein wunderbar ernster Schabernack … Dabei lässt es De Quincey nie an Pietät und Verehrung fehlen.
Inzwischen habe ich aus einer eigenen (absolut zuverlässigen) Quelle einige Angaben erhalten, die die Aussagen […] teilweise widerlegen. Würde ich mir deshalb erlauben, die Glaubwürdigkeit dieser Herren anzuzweifeln? Keineswegs. (79)
Der kurze Text betont die abstrusen Eigenheiten und Sonderlichkeiten Kants in der Schilderung seines Tagesablaufs und seines Verfalss zum Sterben. 1827 erstmals erschienen, folgt er in einer seltsamen Mischung aus Wahrheit und Dichtung den Berichten Ehregott Andreas Wasianskis, einem Vertrauten Kants aus dessen letzten Lebensjahren. De Quincey tut dies nüchtern und empathisch, pedantisch und barock zugleich.
Die Ausgabe bei Matthes & Seitz ist außerdem auch ein schönes Buch und mir ihren reichlichen Beigaben, die die Rezeption des Textes in verschiedenen Sprachen Europas beiläufig noch vorführt und außerdem die Absurdität des in die Schädelmesserei verliebten 19. Jahrhunderts.
außerdem:
- Goethes Werther (die Fassung von 1774)
- einiges von Arno Schmidt im Arno-Schmidt-Lesebuch
„Revolution mit Feder und Skalpell“ ist die große Ausstellung zum 200. Geburtstag von Georg Büchner untertitelt. Das ist bemerkenswert (weil momentan das Revolutionäre in Leben und Werk Büchners keine besondere Konjunktur hat …) und sonderbar, weil es die Ausstellung nicht widerspiegelt. Offenbar war die Lust nach einem griffigen Slogan aber größer als der Wunsch, dem Besucher zu signalisieren, was ihn erwartet …
Ganz Darmstadt büchnert dafür, für die Gelegenheit „seinen“ Dichter zu ehren. Überall wird für ihn und vor allem die Ausstellung geworben. Auch das übrigens viel bunter, peppiger und poppiger als in den Hallen selbst – da herrscht klassische Typographie in Schwarz auf Weiß bzw. Weiß auf Schwarz vor. Sonst tun sie das ja eher nicht oder doch zumindest deutlich zurückhaltender. Sei’s drum …

„wir alle haben etwas mut und etwas seelengröße notwendig“ – Büchner-Zitat-Installation am Darmstädter Hauptbahnhof
Im Darmstadtium hat die veranstaltende Mathildenhöhe mit der Ausstellung Raum gefunden, Georg Büchner zu erinnern und zu vergegenwärtigen. Wobei Raum schon schwierig ist – das sind offenbar ein paar Ecken, die bisher ungenutzt waren, verwinkelt und verschachtelt – was der Ausstellung nur mäßig guttut, Übersicht oder logische Abläufe oder auch bloße Entwicklungen gibt es hier wenig.
Was gibt es aber in der Ausstellung zu erfahren und zu sehen? Zuerst mal gibt es unheimlich viel zu sehen – und viele schöne, spannende Sachen. Zum Beispiel das nachgebaute Wohnzimmer der Büchners – nicht rekonstruiert, aber schön gemacht (schon die Wände haben mir gefallen). Sehr schön auch die Rekonstruktion seiner letzten Wohnung in Zürich (Spiegelgasse 12 – ganz in der Nähe wird später auch Lenin residieren), seines Sterbezimmers (zwar hinter Glas, aber dennoch sehr schön). Auch die Büchner’sche Haarlocke darf natürlich nicht fehlen.

Büchner auf der Treppe zur Ausstellung (keine Angst, der Rest der Ausstellung ist nicht so wild …)
Auch Büchner selbst ist mit seinen Schriften vertreten – naturgemäß weniger mit Drucken – da ist außer „Danton’s Tod“ ja wenig zu machen -, sondern mit Handschriften. Die sind in der Ausstellung zwar reichlich in Originalen zu bewundern, aber Transkriptionen darf man nicht erwarten. Und lesen, das ist bei Büchners Sauklaue oft nicht gerade einfach. Zumal mir da noch ein anderer Umstand arg aufgestoßen ist: Die Exponate in der (aus konservatorischen Gründen) sehr dämmrigen Ausstellung sind in der Regel von schräg oben beleuchtet – und zwar in einem sehr ungünstigen Winkel: Immer wenn ich mir einen Brief an oder von Büchner genauer betrachten wollte, um ihn zu entziffern, stand ich mir mit meiner Rübe selbst im Licht.
Sonst bietet die Ausstellung so ziemlich alles, was moderne Ausstellungsplaner und ‑bauer so in ihrem Repertoire haben: Projektionen, Multimediainstallationen, Animationen, überblendete Bilder, eine Art Nachrichtenticker (der schwer zu bedienen ist, weil er dazu tendiert, in irrem Tempo durchzurasen), mit Vorhängen abgetrennte Separées (während das beim Sezieren/der Anatomie unmittelbar Sinn macht, hat mir das erotische Kabinett insgesamt nicht so recht eingeleuchtet …) und sogar einen „Lenz-Tunnel“ (von dem man sich nicht zu viel erwarten darf und sollte). Der letzte Raum, der sich der Rezeption der letzten Jahrzehnte widmet, hat das übliche Problem: So ganz mag man die Rezeption nicht weglassen, eine verünftige Idee dafür hatte man aber auch nicht. Da er auch deutlich vom Rest der Ausstellung getrennt ist und quasi schon im Foyer liegt, verliert er zusätzlich. Viel spannendes gibt es da aber eh’ nicht zu sehen, so dass man durchaus mit Recht hindurcheilen darf (wie ich es getan hab – Werner Herzog kenne ich, Alban Berg kenne ich, Tom Waits auch, die Herbert-Grönemeyer-Bearbeitung von „Leonce und Lena“ sollte man sowieso meiden …).
Bei manchen Wertungen bin ich naturgemäß zumindest unsicher, ob das der Wahrheit letzter Schluss ist – etwa bei der Betonung der Freude und des Engagements, das Büchner für die vergleichende Anatomie entwickelt haben soll – was übrigens in der Ausstellung selbst schon durch entsprechende Zitate konterkariert wird und in meiner Erinnerung in Hauschilds großer Büchner-Biografie nicht von ungefähr deutlich anders dargestellt wird. Unter den Experten und Büchner-Biografen schon immer umstritten war die Rolle des Vaters – hier taucht er überraschend wenig auf. Überhaupt bleibt die Familie sehr im Hintergrund: Sie bietet nur am Anfang ein wenig den Rahmen, in dem Georg aufwächst – mehr Wert als auf die Familie und persönliche Beziehungen überhaupt legt die Ausstellung aber auf Erfahrungen und Rezeptionen von Kunst (Literatur, Theater, Gemälde und andere mehr oder weniger museale Gegenständlichkeiten) und geo-/topographischem Umfeld.
Nicht zu vergessen sind bei den Exponaten aber die kürzlich entdeckte Zeichnung August Hoffmann, die wahrscheinlich Büchner zeigt. Auch wenn ich mir dabei wiederum nicht so sicher bin, dass sie das Büchner-Bild wirklich so radikal verändert, wie etwa Dedner meint (in der Ausstellung wird sie nicht weiter kommentiert). Und die erste „echte“ Guillotine, die ich gesehen habe, auch wenn es „nur“ eine deutsche ist.
Gestört hat mich insgesamt vor allem die Fixierung auf den Audioguide – ich hätte gerne mehr Text an der Wand gehabt (zum Beispiel, wie erwähnt, die Transkriptionen der Handschriften – die muss man mir nicht vorlesen, da gibt es wesentlich elegantere Lösungen, die einer Ausstellung über einen Schriftsteller auch angemessener sind). Zumal die Sprecher manchmal arg gekünstelt wirken.
Und wieder ist mir aufgefallen: Büchner selbst ist fast so etwas wie das leere Zentrum der Ausstellung (auch wenn das jetzt etwas überspitzt ist). Es gibt hier unheimlich viel Material aus seinem näheren und weiteren Umkreis, zu seiner Zeitgeschichte und seiner Geographie – aber zu ihm selbst gar nicht so viel. Das ist natürlich kein Zufall, sondern hängt eben mit der Überlieferungs- und Rezeptionsgeschichte zusammen. Aber als Panorama des Vormärz im Großherzogtum Hessen (und Straßburg) ist die Ausstellung durchaus tauglich. Jetzt, wo ich darüber nachdenke, fällt mir allerdings auf: Weder „Vormärz“ noch „Junges Deutschland“ sind mir in der Ausstellung begegnet. Von der Einbettung sollte man sich auch überhaupt weder in literaturgeschichtlicher noch in allgemeinhistorischer Hinsicht zu viel erwarten: Das ist nur auf Büchner selbst bezogen, nachträgliche Erkenntnisse der Forschung oder nicht von Büchner selbst explizierte Zusammenhänge verschwinden da etwas.
Und noch etwas: eines der überraschendsten Ausstellungsstücke ist übrigens Rudi Dutschkes Handexemplar der Enzensberger-Ausgabe des „Hessischen Landboten“, mit sehr intensiven Lektürespuren und Anmerkungen …
Aber dass der Katalog – ein gewaltiger Schinken – die Abbildungen aus irgend einer versponnenen Design-Idee alle auf den Kopf gestellt hat, halte ich gelinde gesagt für eine Frechheit. Ein Katalog ist meines Erachtens nicht der Platz für solche Spielereien (denen ich sonst ja überhaupt nicht abgeneigt bein), weil er dadurch fast unbenutzbar wird – so einen Brocken mag ich eigentlich nicht ständig hin und her drehen, so kann man ihn nicht vernünftig lesen.Aber trotzdem bietet die Ausstellung eine schöne Möglichkeit, in das frühe 19. Jahrhundert einzutauchen: Selten gibt es so viel Aura auf einmal. Die Ausstrahlung der Originale aus Büchners Hand und der (Druck-)Erzeugnisse seiner Gegenwart, von denen es hier ja eine fast übermäßige Zahl gibt, ist immer wieder beeindruckend – und irgendwie auch erhebend. Fast so eindrücklich übrigens wie die Lektüre der Texte Büchners selbst – dadrüber kommt die Ausstellung auch mit ihrer Masse an Exponaten nicht.
„Geschichte“ enstammt der neuen Reihe „Edition Poeticon“ im Berliner J.-Frank-Verlag mit dem schönen Motto „Poetisiert euch“. Hier erscheinen gerade so etwas wie Poetiken oder poetische Schriften zeitgenössicher Dichter aus dem Umfeld des Frank-Verlages. Bei Jan Kuhlbrodt geht es – der Titel verrät es – um Geschichte, Geschichtsbilder, Zeit und Rolle der Kunst in der Geschichte. Vor allem aber beschäftigt ihn hier die Möglichkeit des Dichters, Geschichte zu begleiten, wahrzunehmen, aufzunehmen in seine Dichtung, sie (als gemachte/erzählte Geschichte) zu formen und vielleicht auch (als geschehene) mitzubestimmen – also die Frage, wie Dichterinnen und ihre Dichtungen sich zur Geschichte verhalten können/müssen/sollen .… Er sucht das in erster Linie an Beispielen aus dem 20. Jahrhundert, vor allem in der russischen Lyrik. Da will er, wenn ich ihn richtig verstehe, die Möglichkeit zeigen, Geschichte in die Dichtung aufzunehmen, also so etwas wie „Geschichts-Lyrik“ zu schreiben – und zwar nicht (nur) auf inhaltlicher Ebene, sondern vor allem in formaler Hinsicht.
Mit einigen wenigen Ausnahmen spielt Geschichte in der deutschen Gegenwartslyrik kaum eine Rolle. Es mag daran liegen, dass der Begriff der Geschichte im zwanzigsten Jahrhundert derart zerfasert und zerfällt, dass ein lyrischer Bezut darauf geradezu unmöglich ist [dann einige Beispiele, wo es doch noch versucht wird – dort] geht es um ein Bewahren individueller Erfahrungen im Kontext wirrer und verwirrender Abläufe (38f.)
Dieser kleine/kurze Roman hat über das schöne Programm von Tubuk-Deluxe seinen Weg zu mir gefunden. Es ist ein rundum schönes Buch, als Buchobjekt schön gemacht, vor allem wieder mit einem schönen Einband. Und es ist auch ein netter Text. Stilistisch finde ich das in der Übersetzung zwar ziemlich blass, aber hinter Kafkas Leoparden verbirgt sich ein interessanter Einfall: Was passiert, wenn man einen Aphorismus Kafkas – nämlich seine „Leoparden im Tempel“ – nicht als Literatur, sondern als Gebrauchstext sozusagen liest? Im Roman Scliars passiert das zunächst in der Form, dass der Text als verschlüsselte, revolutionäre Handlungsanweisung im Mitteleuropa 1916 gelesen wird (oder zumindest der Versuch unternommen wird, der ähnlich wie viele germanistische Lektüren der „Leoparden“ scheitert. Das ganze wird dann sehr schön und unterhaltsam ausgebreitet und in einer Art Rahmen auch noch gedoppelt, in der das Kafka-Typoskript wieder eine Rolle spielt, diesmals als vermeintlich aufständisch codierte Nachricht im Brasilien der Diktatur. Und am Ende verschwindet der Text als Ding, das Typoskript, im Müll – bleibt aber im Gedächtnis und im Traum vorhanden und wirksam. Kafkas Leoparden ist durchaus unterhalsam und liest sich flott weg .…
Wir dürfen nichts erschaffen, was wir nicht zu beherrschen wisse. Und genau das ist Literatur, eine unkontrollierbare Angelegenheit. Man beginnt zu schreiben, zu erfinden, und wer weiß, wo es hinführt? Und außerdem, wozu noch mehr Bücher? (41)
außerdem gelesen:
- Sprache im technischen Zeitalter #201 (mit anregenden Gedichten von Michael Fiedler)
- und die letzten Hefte der GWU, um damit endlich mal wieder aufzuholen.
Zum 200. Geburtstag von Georg Büchner geht es rund – nicht nur wegen der neuem Biographie von Hermann Kurzke (ich habe sie noch nicht gelesen, vermute aber, dass sie aufgrund des Verfassers und seiner stilistischen Fähigkeiten wahrscheinlich mehr gelesen wird als die maßgebliche von Hauschild (auch wenn ich mit Kurzkes Methodes des fröhlichen Zirkelschließens zwischen Leben und Literatur und Leben schon bei Thomas Mann so meine Probleme hatte und aus meiner Textkenntnis etwas skeptisch bin ob der Auffassung Büchners als vor allem christlichen Autor …)), außerdem stürzen sich natürlich auch die Medien auf das Jubiläum. Lustig fand ich wieder die „Zeit“, die ihren nicht schlechten, aber auch nicht besonderen Text von Elisabeth von Thadden schon eine Woche zu früh brachte – obwohl doch der 17. Oktober gerade ein Donnerstag ist. Aber das gehört ja inzwischen zur Medienmechanik, alle Jubiläen möglichst früh und damit möglichst vor allen anderen zu feiern (bei Komponisten, die ja immer ein ganzes Jahr – Wagner, Verdi, … – bekommen, ist es wesentlich schlimmer).

Vielleicht Georg Büchner? – Philipp August Joseph Hoffmann (1833) (Quelle: Commons)
Büchner ist ja ein Autor, den man gut feiern kann: Die Texte sind kanonisiert, es sind nicht so viele und die meisten auch gar nicht so lang – da kann jeder mitreden ;-). Und sie bieten auch vielfältige Anschlussmöglichkeiten in alle möglichen Richtungen – vom politischen Agitator über den Lustspielautor zum psychisch interessierten Erzähler und dem medizinischen Wissenschaftler ist für jeden Geschmack etwas dabei …
Schön geworden finde ich aber auch die zweite Ausgabe von „Das Buch als Magazin“, die sich mit dem „Woyzeck“ beschäftigt und wieder dem Konzept treu bleibt: Vorne den Originaltext (was hier ja ein bisschen schwierig ist, weil der Woyzeck nur als Fragmentsammlung überliefert ist), danach journalistische Text zu verschiedenen nah oder fern liegenden Aspekten bringt – und das ganze schick gemacht dazu.
Und wo wir schon beim Woyzeck sind: Arte hat eine Fernsehversion des Woyzeck drehen lassen (in der Mediathek noch verfügbar), für die Nuran David Calis die Handlung in den Kiez von Berlin verlegt. Das ist vielleicht keine geniale Leistung, hat aber sehr schöne Momente. Nicht zuletzt dank Tom Schilling und Nora von Waldstätten, dank der schönen Bilder und vor allem dank der geschickten Soundgestaltung. Gewiss, Überraschungen bietet das keine, ist mir aber als respektvolle Aneignung eines klassischen Textes positiv aufgefallen.
Die Darmstädter Ausstellung – „Georg Büchner. Revolutionär mit Feder und Skalpell – habe ich noch nicht gesehen, das kommt aber demnächst auch noch – mal sehen, ob ich da noch etwas Neues und/oder Interessantes finden kann …
Aber am besten feiert man einen Dichter natürlich durchs Lesen. Am Wochenende ist wieder der Lenz dran, dann nehme ich mir die wunderschöne Edition der Marburger Ausgabe noch einmal vor.
Eine schöne Idee: Rund um einen klassischen Text – bei der ersten Nummer ist es Franz Kafkas „Die Verwandlung“ – sammeln die Magazinmacher Texte, Interviews, Grafiken und Fotos. Die hängen an einzelnen Aspekten der „Verwandlung“, an Assoziationen oder Interpretationsansätzen. Schöne Lektüren, auch ein schön gemachtes Magazin.
Das Gedicht erscheint
Sobald es erschienen ist,
ist es verschwunden. (90)
Schon der Untertitel verweist auf die typische Erb-Form: Gedichte als Tagebuch. Mensch sein, nicht versammelt unheimlich viel davon – so viel, dass es mir manches Mal zu viel war, dieser ungeheure Materialberg oder ‑wust. Einfälle und Gedanken in den verschiedensten Formen – als knappes „Gedicht“, als kleiner Essay, als Erinnerungsprotokoll, als … reihen sich hier aneinander und aneinander. Hin und wieder fiel es mir schwer, in den Textfluss hineinzukommen: Manches fängt mein Auge, trifft eine Stimmung in mir – vieles bleibt mir zunächst – d.h. beim ersten Lesen – fremd, lässt mich ratlos oder (fast noch unangenehmer …) unbeteiligt, so dass der Eindruck erst einmal zwiespältig bleibt. Aber vielleicht ist das ja auch das Ziel:
Das Gefühl des Gewinns
bei der Überlegung, Gedichte seien Erkenntnisträger:
nämlich hast-du-nicht-gesehen schwimmt schulterhoch
und umgebend teichgleich ein allgemeines Interesse
so, als habe es im Sinn, zu erkunden, was ist,
und existiere gewiß (19)
Ich bin eine in einem Tagebuch aufbewahrte Erinnerung. (117)
Umsonst und draußen ist ein schönes Buch. Auch wenn nicht ganz klar ist, was das eigentlich ist. Nicht ohne Grund steht da nichts anderes auf der Titelseite, nicht „Roman“, nicht „Notizen“, nicht „Tagebuch“ – obwohl all das seine Berechtigung hätte. Kuhlbrodt lebt und wandelt in Berlin. Oder besser gesagt: Der Erzähler tut dies. Denn das Ich ist nicht das Ich selbst, es blitzt immer wieder der Spalt der Differenz zwischen Erzähler-Ich und Autor-Ich, zwischen „Ich“ und Detlef Kuhlbrodt, auf. Distanziert, aber beteiligt sind diese Berlin-Notizen, das Berlin-Tagebuch mit großen Lücken, aber in Tagesform: Beobachtungen und Empfindungen mischen sich, sind aber immer knapp und lakonisch, ja unsentimental geschildert. Melancholie ist die Grundstimmung: Verlust und Trauer prägen die Zeit und das Erleben, aber eine ARt positive Trauer: Das Erkennen der Realität als gegebene, als fast unausweichliche hängt damit zusammen. Und das Nicht-vollkommen-einverstanden-Sein damit, aber ohne Druck/Wille zur Revolte: Abseits statt mittendrin oder (aktiv) dagegen bewegt sich der Erzähler im Leben. Stephan Wackwitz hat das in der taz recht gut auf den Punkt gebracht, nämlich als „entspanntes Geltenlassen“.
Um authentisch schreiben zu können, war es oft notwendig, Dinge zu tun, von denen ich nicht genau wusste, ob ich sie tat oder ob ich eine Rolle übte. (148)
Der Lyriker Ron Winkler hat mit Torp ein sehr humorvolles und einsichtiges Buch vorgelegt. Was das eigentlich ist, ist schwer zu sagen: Kurze Text(fragment)e, schwankend zwischend Miniatur, Lyrik und Aphorismen paaren sich hier mit Illustrationen. Der Einfall und die Formulierungskunst bestimmen das Ergebnis maßgeblich – also doch Lyrik? Aber gebundene Sprache ist es nicht. Irgendwie ist es aber auch völlig egal, weil Torp einfach Spaß macht. Winkler führt hier knapp und kurz mögliche Welten vor – oder vielleicht auch nur eine, die des „Torp“. Sprachspiele und Verfremdungen kümmern sich um eine neue, andere Sicht auf das „Ich“ und die Welt und den ganzen Kram. Unterstützt wird das mit ähnlich exaltiert-phantastisch-verfremdent-überzeichnenden Illustrationen. Ein nettes, nachdenkliches, unterhaltsames, tiefes Buch – auch wenn nicht viel drinsteht. Und wenn die Schriftart zumindest gewöhnungsbedürftig ist, mir einen Deut zu verspielt ist – auch wenn vieles an Text und Bild Spiel ist, so ist es doch nicht nur Spiel, sondern zeigt ja gerade durch das Spiel seine Wahrhaftigkeit – dieser Ernst wird von der Schrift tendenziell nicht wahrgenommen bzw. überspielt …
Ron Winkler schlägt vor, Torp als „Kontaktanzeige zum Kennenlernen seiner selbst [zu] verstehen, aber auch als Handbuch zum Verständnis einer doch einigermaßen torphaften Welt“. Und das kann man seiner Meinung nach daraus lernen: „Möglicherweise, dass man noch das Profanste als auratisch erleben kann. Torp wirbt, wenn man so will, für ein literarisches Sein.“ Das passt.
Torp korrigierte gern Sprichwörter und Aphorismen. Als geistige Betriebssysteme bräuchten auch Ideen hin und wieder ein Update (29)
Torp konnte stundenlang Gedichte lesen. So lächerlich das auch klingen mag. (67)
Torp begrüßte die Existenz.
Torp bemerkt sehr oft und immer wieder neu, dass das Geräusch von Wiese nicht ganz stimmte. (137)
Der Wuppertaler Philosophiedozent Christoph J. Bauer hat sich mehrmals mit Peter Brötzmann zu Gesprächen getroffen. Die sind hier abgedruckt. Leider offenbar ganz und gar unredigiert, als reine Transkription der Gespräche – mit den entsprechenden Folgen. Der mäandernd-treibenden Gesprächsführung zum Beispiel, die auch daran ein bisschen krankt, dass Bauer – weder Interview-erfahrener Journalist noch Jazz-Spezialist, sondern Fan – oft arg unpräzise, schwammig fragt. Dafür gerne auch mal ausufernd und ins sehr Allgemeine Abdriften. Andererseits werden so die direkte Aussagen Brötzmanns werden nicht abgemildert: Der ist – wie seine Musik, könnte man sagen – im Gespräch manchmal harsch und kantig in seinen Urteilen und seiner Sprache. Aber oft bleibt mir das auch etwas ungenau, vieles nur andeutend, anreißend, aber eben gedanklich und sprachlich nicht ausgearbeitet (vielleicht auch, weil die Fragen zu wenig unterstützen, zu wenig bei der „Geburt“ helfen …). Aber dennoch gibt es viel Klartext, zu eigenen und fremden Fehlern, zu Musiker-Kollegen, zu Abneigungen und Vorlieben. Die beiden unterhalten sich zum Beispiel über Freiheit im Jazz und der Gesellschaft, wie überhaupt der Zusammenhang von Musik und Gesellschaft eine wichtige Rolle spielt, die Bedingungen und Unterschiede dieser beiden „Systeme“. Außerdem geht es unter anderem um die Entstehungsgründe und ‑kontexte des „Free Jazz“, um die Arbeitsweise des Chicago Tentet, um europäische und amerikanische Traditionen, um das Leben als Musiker, mit Musikern, auf Tour und so weiter etc.
Sang der Gesänge (Zeit-Marsch)
Sang der Gesänge,
heb dich zur Sonne
über dem Marsch
der roten Kolonne.
Land, sei bereit!
Vorwärts, die Zeit!
Du, Land der Länder,
brich auf und stürme
tritt in den Staub
das Modergewürme.
Wage den Streit!
Vorwärts, die Zeit!
Freudig, du Land,
der Zukunft verschworen
denn die Kommune
steht vor den Toren.
Halte den Eid!
Vorwärts, die Zeit!
Greif in die Räder
Zahnrad der Wochen
Tagschicht und Nachtschicht!
Ununterbrochen!
Spute dich heut!
Vorwärts, die Zeit!
Meine Kommune,
stoße vom Thron heut
Faulheit und Schlendrian,
alte Gewohnheit!
Herz sei erneut!
Vorwärts, die Zeit!
Wladimir Majakowski, deutsch von Hugo Huppert
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