Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Kategorie: literatur Seite 15 von 38

Verlust

Nicht nur Die­ter Hil­de­brandt (an den ich mich nur als alten Mann erin­ne­re, sei­ne gro­ße Zeit lag eher vor mei­ner Wahr­neh­mungs­schwel­le …) ist gestor­ben, auch der gro­ße Dich­ter Hans-Jür­gen Hei­se hat die Erde ver­las­sen, wie Fix­poet­ry heu­te ver­mel­det. Sonst scheint die­sen Ver­lust noch nie­mand regis­triert zu haben …

Aus-Lese #21

Jochen Bey­se: Rebel­li­on. Zwi­schen­be­richt. Zürich, Ber­lin: Dia­pha­nes 2013. 166 Seiten.

Jochen Bey­ses Rebel­li­on ist wie­der ein ver­schlun­ge­nes Spiel inmit­ten eines Auf­lö­sungs- und Erkennt­nis­pro­zess. Der Erzäh­ler, der sich hier in einem bruch­stück­haf­ten Wahr­neh­mungs­strom äußert, tau­melt zwi­schen Appa­ra­ten, Rea­li­tät, Lite­ra­tur und Ein­bil­dung. Durch reich­hal­ti­gen Medi­en- und Alko­hol­kon­sum wird das Ver­wirr- oder Vexier­spiel noch ange­heizt. Nur lang­sam kris­tal­li­siert sich her­aus, was erzählt wird – die Erleb­nis­se einer Nacht in Algier, die der Erzäh­ler aber zugleich in Kai­ro ver­bringt: Dort ist näm­lich, rund um den Tah­r­ir-Platz zur Zeit der ägyp­ti­schen Revo­lu­ti­on, der von ihm gespiel­te Ego­shoo­ter „Tod in Kai­ro“ ange­sie­delt. Das ver­mischt sich dann noch mit wei­te­ren Nach­rich­ten, der Ein­ne­rung an Camus’ „Der Frem­de“ und diver­sen Para­noi­en und hyper­bo­li­sier­ten Ste­reo­ty­pen, bis völ­lig unklar ist, was echt ist und was Spiel, was Nach­richt, was Infor­ma­ti­on, was Erle­ben, was Fik­ti­on. Phan­ta­sie, Deli­ri­um, Wirk­lich­keit sind so hoff­nungs­los durch­ein­an­der gera­ten und in ein­an­der verz­wir­belt, dass die Zuge­hö­rig­keit des Erle­bens und Erzäh­lens zu einem der Rei­che höchs­tens momen­tan, pha­sen­wei­se gelingt. 

Ich habe auch nie geglaubt, dass das Lebens­ziel erreicht ist, wenn Spiel und Wirk­lich­keit eins gewor­den sind. (104)

- und doch geht es in Rebel­li­on ja gera­de ganz span­nend um die­se Gren­ze und ihre Übergänge. 

Micha­el Ser­res: Erfin­det euch neu!. Eine Lie­bes­er­klä­rung an die ver­netz­te Gene­ra­ti­on. Ber­lin: Suhr­kamp 2013. 77 Seiten.

Micha­el Ser­res hat über die Gegen­wart nach­ge­dacht – was eigent­lich mit dem, was wir so ein­fach „Ver­net­zung“ oder ähn­lich nen­nen, gemeint ist und was hier pas­siert. Der Über­gang zur Netz-Gene­ra­ti­on (oder so ähn­lich) ist für ihn ein ähn­lich ent­schei­den­der und bedeu­ten­der Schritt wie die Schwel­le zur Schrift in der Anti­ke und zum Buch in der Renais­sance – ein Über­gang, der (noch) nicht aus­rei­chend in sei­nen Kon­se­quen­zen – unter ande­rem für das Bild des Men­schen – gewür­digt wird. Dazu gehört auch die Fol­ge­rung für die Päd­ago­gik: nicht Wis­sen erzäh­len kann mehr ihr Zweck sein, sie soll/​darf, so Ser­res, die neue Kom­pe­tenz­ver­mu­tung an die Stel­le der Inkom­pe­tenz­an­ma­ßung (wie in den letz­ten jahr­hun­der­ten) set­zen – denn das Wis­sen, das frü­her müh­sam ver­mit­telt und bewahrt wer­den muss­te, ist heu­te ja mit einem Fin­ger­tip verfügbar. 

Er nutzt dafür in sei­nem sti­lis­tisch beein­dru­cken­dem Essay (mir haben die har­ten, kla­ren Sät­ze, die fast eine lan­ge Rei­he von The­sen sind, sehr viel Ver­gnü­gen berei­tet) das Bild des Klei­nen Däumlings/​Däumelinchen: Das sind – durch­aus mit Empha­se gedacht – neue Men­schen, die über neue Kör­per-/Raum-/Zeit-/Le­bens­er­fah­run­gen ver­fü­gen und des­halb etwa auch eine neue Moral nötig haben. Und not­wen­dig ist in die­sem Moment der Wen­de, des Über­gangs: neue/​gewandelte Insti­tu­tio­nen (wie Schu­le, Uni­ver­si­tät, Arbeit, Kli­nik …): wie längst gestor­be­ne Ster­ne strah­len sie in ihrer alten Form noch, obwohl sie eben­falls schon tot sind, was sich in der per­ma­nen­ten Unru­he, dem Gerau­ne & Geschwät­ze dort, wo sie noch anzu­tref­fen sind, manifestiert. 

Wie schön wäre es doch, wenn ein paar mehr von den Men­schen, die gera­de halb so alt wie Ser­res (Jahr­gang 1930!) sind, ähn­lich viel von dem gera­de gesche­hen­den Wan­del der Welt und der Men­schen begrif­fen hät­ten – und mit ent­spre­chen­der Lie­be reagie­ren wür­den. Wun­der­bar etwa, wie er Face­book (als Sym­ptom) ver­tei­digt – gera­de im Ver­gleich mit ande­ren Kol­lek­ti­vie­run­gen wie Nati­on, Klas­se etc. – und ihrem Blut­zoll, der jetzt (zunächst mal) mit den vir­tu­el­len Ver­net­zun­gen und Kol­lek­ti­vie­run­gen wegfällt …

Der ori­gi­na­le fran­zö­si­sche Titel ist fast noch bes­ser: „Peti­te Pou­cet­te“ – da schwingt mehr von der Begeis­te­rung, der Empha­se, Lie­be und zärt­li­cher Hin­wen­dung und auch dem Spiel, das den Essay durch­zieht, mit. Das Impe­ra­ti­ve des deut­schen Titels fin­det sich im Text gar nicht so sehr, sug­ge­riert also eine ganz fal­sche Rich­tung – denn die Neu-Erfin­dung geschieht ja bereits, nur die Anpas­sung des/​der System(e) – und der „älte­ren“ Gene­ra­ti­on – lässt noch zu wün­schen übrig. (Typisch übri­gens, dass genau das bei den Rezen­sen­ten zu beob­ach­ten ist: Wenn man der Zusam­men­fas­sung beim Per­len­tau­cher glau­ben darf, stör­te die vor allem die Begeis­te­rung Ser­res von den Mög­lich­kei­ten, die sich eröff­nen, und sie monie­ren, dass er die nega­ti­ven Fol­gen nicht aus­rei­chend reflektiere …)

Indulgierte Idiosynkrasien

Ann Cot­ten liest von uner­wie­der­ter Lie­be, Prin­zi­pi­en­bas­te­lei, Selbst­schau und Ekel – und ein Text wie „Der schau­dern­de Fächer“, in dem Wen­dun­gen wie „indul­gier­te Idio­syn­kra­si­en“ vor­komm­men, ver­heißt mir Lese­ver­gnü­gen … Zum Anschauen/​Anhören muss man sich lei­der zur „Zeit“ hin­über bege­ben, das Video lässt sich nicht ein­bin­den: klick.

Aus-Lese #20

Robert See­tha­ler: Der Tra­fi­kant. Zürich, Ber­lin: Kein & Aber 2012. 250 Seiten.

Der Tra­fi­kant beruht auf einer span­nen­den Idee: Mit Hil­fe eines Prot­ago­nis­ten, der aus der länd­li­chen Regi­on am Atter­see nach Wien kommt, um dort Tra­fi­kant zu wer­den, erzählt See­tha­ler die Geschich­te Österreichs/​Deutschlands/​Europas in den 1930er und 1940er Jah­ren. Die Spie­ge­lung des kul­tu­rel­len und poli­ti­schen (Welt-)Geschehens (bzw. mar­kan­te Punkte/​Auszüge davon) in einem per­sön­li­chen Leben – das ist sicher­lich der inter­es­san­tes­te Aspekt am Tra­fi­kant. Die­se Ver­schrän­kung von Zeit­ge­schich­te und per­sön­li­cher Bio­gra­phi ist kei­nes­wegs eine neue, inno­va­ti­ve Idee See­tha­lers – aber die Art, wie er das erzäh­le­risch umsetzt, ist doch char­mant und über­zeu­gend. Das liegt auch dar­an, dass er gut zwi­schen bei­den Polen balan­ciert – das ist in die­sem Fall ja gera­de das Kunst­stück. Dazu kommt sein star­ker, kräf­tig zupa­cken­der Stil. Und eini­ge gute Ein­fäl­le wie zum Bei­spiel die geschick­te Inte­gra­ti­on von Sig­mund Freud als „Kapi­zi­tät“ und The­ra­peut (v.a./u.a. in Lie­bes­nö­ten). Das ist auch ein schö­ner Schach­zug des Erzäh­lers. So wer­den näm­lich auch Traum-Erin­ne­rung und ‑Deu­tung ganz unauf­fäl­lig zum Motiv im Tra­fi­kant – und Träu­me als Tex­te. Ein­fach schön ist, wie das nach und nach ganz sorg­sam ein­ge­führt wird … Sowie­so muss man die erzäh­le­ri­sche Sorg­falt See­tha­lers loben, sei­ne Pla­nung der Anla­ge der Handlung(en) – das gelingt ihm vor­züg­lich und macht den Tra­fi­kant zu so einer inter­es­san­ten Lektüre.

„Die Leu­te sind ganz nar­risch nach die­sem Hit­ler und nach schlech­ten Nach­rich­ten – was ja prak­tisch ein und das­sel­be ist“, sag­te Otto Trsn­jek. „Jeden­falls ist das gut für das Zei­tungs­ge­schäft – und geraucht wird sowie­so immer!“ (35)

Müt­ze #5. Her­aus­ge­ge­ben von Urs Enge­ler. Solo­thurn 2013. 52 Seiten.

Die­ses Mal in einer der bes­ten Zeit­schrif­ten: Guy Daven­port schreibt asso­zia­ti­ons­reich über Bal­thus, Ste­phan Bro­ser führt vor, wie man psy­cho­ana­ly­ti­sche die Geburt der Psy­cho­ana­ly­se beschreibt oder erklärt (Anna – Anan­ke), dazu noch ein­ne span­nen­de „Ohren­Per­for­mance mit Live­Gui­de“ von Bri­git­te Olesch­in­ski, „spricht ins Ohr und Sie gehen mit“ beti­telt. Und noch die Fort­set­zung von Gün­ter Ples­sows Faul­k­ner-Über­set­zung (das ers­te Kapi­tel aus „Absa­lom, Absa­lom!“) – sehr anre­gend und anrei­chernd (lus­tig übri­gens, dass eine Zeit­schrift mit dem Namen „Müt­ze“, was ja eigent­lich so etwas wie eine Ein­he­gung des Kop­fes meint, eine absi­chern­de Beschrän­kung, sich so ganz und gar der Befrei­ung des Den­kens ver­schreibt und in alle Rich­tun­gen ihre Füh­ler aus­streckt, Gren­zen igno­riert und zur Sei­te stößt …)

Tho­mas De Quin­cey: Die letz­ten Tage des Imma­nu­el Kant. Aus dem Eng­li­schen über­setzt und her­aus­ge­ge­ben von Cor­ne­lia Lan­gen­dorf. Mit Bei­trä­gen von Fleur Jaeg­gy, Gio­gio Man­ganel­li und Albert Cara­co sowie einem Anhang. Mün­chen: Matthes & Seitz 1991. 143 Seiten.

Auf die­sen luf­ti­gen Text bin ich durch das 100-Sei­ten-Pro­jekt des Umblät­te­re­res gesto­ßen. Und ich muss sagen: Es macht Spaß, die­sen absei­ti­gen Text zu lesen. Das ist ein wun­der­bar erns­ter Scha­ber­nack … Dabei lässt es De Quin­cey nie an Pie­tät und Ver­eh­rung fehlen. 

Inzwi­schen habe ich aus einer eige­nen (abso­lut zuver­läs­si­gen) Quel­le eini­ge Anga­ben erhal­ten, die die Aus­sa­gen […] teil­wei­se wider­le­gen. Wür­de ich mir des­halb erlau­ben, die Glaub­wür­dig­keit die­ser Her­ren anzu­zwei­feln? Kei­nes­wegs. (79)

Der kur­ze Text betont die abstru­sen Eigen­hei­ten und Son­der­lich­kei­ten Kants in der Schil­de­rung sei­nes Tages­ab­laufs und sei­nes Ver­falss zum Ster­ben. 1827 erst­mals erschie­nen, folgt er in einer selt­sa­men Mischung aus Wahr­heit und Dich­tung den Berich­ten Ehregott Andre­as Wasi­an­skis, einem Ver­trau­ten Kants aus des­sen letz­ten Lebens­jah­ren. De Quin­cey tut dies nüch­tern und empa­thisch, pedan­tisch und barock zugleich. 

Die Aus­ga­be bei Matthes & Seitz ist außer­dem auch ein schö­nes Buch und mir ihren reich­li­chen Bei­ga­ben, die die Rezep­ti­on des Tex­tes in ver­schie­de­nen Spra­chen Euro­pas bei­läu­fig noch vor­führt und außer­dem die Absur­di­tät des in die Schä­del­mes­se­rei ver­lieb­ten 19. Jahrhunderts. 

außer­dem:

  • Goe­thes Wert­her (die Fas­sung von 1774)
  • eini­ges von Arno Schmidt im Arno-Schmidt-Lese­buch

Revolutionär? Die Darmstädter Büchnerausstellung

„Revo­lu­ti­on mit Feder und Skal­pell“ ist die gro­ße Aus­stel­lung zum 200. Geburts­tag von Georg Büch­ner unter­ti­telt. Das ist bemer­kens­wert (weil momen­tan das Revo­lu­tio­nä­re in Leben und Werk Büch­ners kei­ne beson­de­re Kon­junk­tur hat …) und son­der­bar, weil es die Aus­stel­lung nicht wider­spie­gelt. Offen­bar war die Lust nach einem grif­fi­gen Slo­gan aber grö­ßer als der Wunsch, dem Besu­cher zu signa­li­sie­ren, was ihn erwartet …

Ganz Darm­stadt büch­nert dafür, für die Gele­gen­heit „sei­nen“ Dich­ter zu ehren. Über­all wird für ihn und vor allem die Aus­stel­lung gewor­ben. Auch das übri­gens viel bun­ter, pep­pi­ger und pop­pi­ger als in den Hal­len selbst – da herrscht klas­si­sche Typo­gra­phie in Schwarz auf Weiß bzw. Weiß auf Schwarz vor. Sonst tun sie das ja eher nicht oder doch zumin­dest deut­lich zurück­hal­ten­der. Sei’s drum …

"wir alle haben etwas mut und etwas seelengröße notwendig" - Büchner-Zitat-Installation am Darmstädter Hauptbahnhof

„wir alle haben etwas mut und etwas see­len­grö­ße not­wen­dig“ – Büch­ner-Zitat-Instal­la­ti­on am Darm­städ­ter Hauptbahnhof

Im Darm­stad­ti­um hat die ver­an­stal­ten­de Mat­hil­den­hö­he mit der Aus­stel­lung Raum gefun­den, Georg Büch­ner zu erin­nern und zu ver­ge­gen­wär­ti­gen. Wobei Raum schon schwie­rig ist – das sind offen­bar ein paar Ecken, die bis­her unge­nutzt waren, ver­win­kelt und ver­schach­telt – was der Aus­stel­lung nur mäßig gut­tut, Über­sicht oder logi­sche Abläu­fe oder auch blo­ße Ent­wick­lun­gen gibt es hier wenig.

Was gibt es aber in der Aus­stel­lung zu erfah­ren und zu sehen? Zuerst mal gibt es unheim­lich viel zu sehen – und vie­le schö­ne, span­nen­de Sachen. Zum Bei­spiel das nach­ge­bau­te Wohn­zim­mer der Büch­ners – nicht rekon­stru­iert, aber schön gemacht (schon die Wän­de haben mir gefal­len). Sehr schön auch die Rekon­struk­ti­on sei­ner letz­ten Woh­nung in Zürich (Spie­gel­gas­se 12 – ganz in der Nähe wird spä­ter auch Lenin resi­die­ren), sei­nes Ster­be­zim­mers (zwar hin­ter Glas, aber den­noch sehr schön). Auch die Büchner’sche Haar­lo­cke darf natür­lich nicht fehlen.

Büchner auf der Treppe zur Ausstellung (keine Angst, der Rest der Ausstellung ist nicht so wild ...)

Büch­ner auf der Trep­pe zur Aus­stel­lung (kei­ne Angst, der Rest der Aus­stel­lung ist nicht so wild …)

Über­haupt, das kann man nicht oft genug beto­nen: Zu sehen gibt es unend­lich viel: Unzäh­li­ge Sti­che, Radie­run­gen, Bil­der – von Darm­stadt und Straß­burg vor allem. Gie­ßen zum Bei­spiel ist extrem unter­re­prä­sen­tiert. Und natür­lich gibt es Tex­te über Tex­te: Schrif­ten, die Büch­ner gele­sen hat, die er benutzt hat, die er ver­ar­bei­tet hat – sie tau­chen (fast) alle in den enst­pre­chen­den Dru­cken der Büch­ner­zeit hier auf, von Shake­speare bis zu den medi­zi­ni­schen Trak­ta­ten, von Des­car­tes bis Goe­the und Tieck.
Auch Büch­ner selbst ist mit sei­nen Schrif­ten ver­tre­ten – natur­ge­mäß weni­ger mit Dru­cken – da ist außer „Danton’s Tod“ ja wenig zu machen -, son­dern mit Hand­schrif­ten. Die sind in der Aus­stel­lung zwar reich­lich in Ori­gi­na­len zu bewun­dern, aber Tran­skrip­tio­nen darf man nicht erwar­ten. Und lesen, das ist bei Büch­ners Sau­klaue oft nicht gera­de ein­fach. Zumal mir da noch ein ande­rer Umstand arg auf­ge­sto­ßen ist: Die Expo­na­te in der (aus kon­ser­va­to­ri­schen Grün­den) sehr dämm­ri­gen Aus­stel­lung sind in der Regel von schräg oben beleuch­tet – und zwar in einem sehr ungüns­ti­gen Win­kel: Immer wenn ich mir einen Brief an oder von Büch­ner genau­er betrach­ten woll­te, um ihn zu ent­zif­fern, stand ich mir mit mei­ner Rübe selbst im Licht. 

Sonst bie­tet die Aus­stel­lung so ziem­lich alles, was moder­ne Aus­stel­lungs­pla­ner und ‑bau­er so in ihrem Reper­toire haben: Pro­jek­tio­nen, Mul­ti­me­dia­in­stal­la­tio­nen, Ani­ma­tio­nen, über­blen­de­te Bil­der, eine Art Nach­rich­ten­ti­cker (der schwer zu bedie­nen ist, weil er dazu ten­diert, in irrem Tem­po durch­zu­ra­sen), mit Vor­hän­gen abge­trenn­te Sepa­rées (wäh­rend das beim Sezieren/​der Ana­to­mie unmit­tel­bar Sinn macht, hat mir das ero­ti­sche Kabi­nett ins­ge­samt nicht so recht ein­ge­leuch­tet …) und sogar einen „Lenz-Tun­nel“ (von dem man sich nicht zu viel erwar­ten darf und soll­te). Der letz­te Raum, der sich der Rezep­ti­on der letz­ten Jahr­zehn­te wid­met, hat das übli­che Pro­blem: So ganz mag man die Rezep­ti­on nicht weg­las­sen, eine verün­f­ti­ge Idee dafür hat­te man aber auch nicht. Da er auch deut­lich vom Rest der Aus­stel­lung getrennt ist und qua­si schon im Foy­er liegt, ver­liert er zusätz­lich. Viel span­nen­des gibt es da aber eh’ nicht zu sehen, so dass man durch­aus mit Recht hin­durch­ei­len darf (wie ich es getan hab – Wer­ner Her­zog ken­ne ich, Alban Berg ken­ne ich, Tom Waits auch, die Her­bert-Grö­ne­mey­er-Bear­bei­tung von „Leon­ce und Lena“ soll­te man sowie­so meiden …).

Bei man­chen Wer­tun­gen bin ich natur­ge­mäß zumin­dest unsi­cher, ob das der Wahr­heit letz­ter Schluss ist – etwa bei der Beto­nung der Freu­de und des Enga­ge­ments, das Büch­ner für die ver­glei­chen­de Ana­to­mie ent­wi­ckelt haben soll – was übri­gens in der Aus­stel­lung selbst schon durch ent­spre­chen­de Zita­te kon­ter­ka­riert wird und in mei­ner Erin­ne­rung in Hau­schilds gro­ßer Büch­ner-Bio­gra­fie nicht von unge­fähr deut­lich anders dar­ge­stellt wird. Unter den Exper­ten und Büch­ner-Bio­gra­fen schon immer umstrit­ten war die Rol­le des Vaters – hier taucht er über­ra­schend wenig auf. Über­haupt bleibt die Fami­lie sehr im Hin­ter­grund: Sie bie­tet nur am Anfang ein wenig den Rah­men, in dem Georg auf­wächst – mehr Wert als auf die Fami­lie und per­sön­li­che Bezie­hun­gen über­haupt legt die Aus­stel­lung aber auf Erfah­run­gen und Rezep­tio­nen von Kunst (Lite­ra­tur, Thea­ter, Gemäl­de und ande­re mehr oder weni­ger musea­le Gegen­ständ­lich­kei­ten) und geo-/to­po­gra­phi­schem Umfeld.

Nicht zu ver­ges­sen sind bei den Expo­na­ten aber die kürz­lich ent­deck­te Zeich­nung August Hoff­mann, die wahr­schein­lich Büch­ner zeigt. Auch wenn ich mir dabei wie­der­um nicht so sicher bin, dass sie das Büch­ner-Bild wirk­lich so radi­kal ver­än­dert, wie etwa Ded­ner meint (in der Aus­stel­lung wird sie nicht wei­ter kom­men­tiert). Und die ers­te „ech­te“ Guil­lo­ti­ne, die ich gese­hen habe, auch wenn es „nur“ eine deut­sche ist.

Gestört hat mich ins­ge­samt vor allem die Fixie­rung auf den Audio­gui­de – ich hät­te ger­ne mehr Text an der Wand gehabt (zum Bei­spiel, wie erwähnt, die Tran­skrip­tio­nen der Hand­schrif­ten – die muss man mir nicht vor­le­sen, da gibt es wesent­lich ele­gan­te­re Lösun­gen, die einer Aus­stel­lung über einen Schrift­stel­ler auch ange­mes­se­ner sind). Zumal die Spre­cher manch­mal arg geküns­telt wirken.

Und wie­der ist mir auf­ge­fal­len: Büch­ner selbst ist fast so etwas wie das lee­re Zen­trum der Aus­stel­lung (auch wenn das jetzt etwas über­spitzt ist). Es gibt hier unheim­lich viel Mate­ri­al aus sei­nem nähe­ren und wei­te­ren Umkreis, zu sei­ner Zeit­ge­schich­te und sei­ner Geo­gra­phie – aber zu ihm selbst gar nicht so viel. Das ist natür­lich kein Zufall, son­dern hängt eben mit der Über­lie­fe­rungs- und Rezep­ti­ons­ge­schich­te zusam­men. Aber als Pan­ora­ma des Vor­märz im Groß­her­zog­tum Hes­sen (und Straß­burg) ist die Aus­stel­lung durch­aus taug­lich. Jetzt, wo ich dar­über nach­den­ke, fällt mir aller­dings auf: Weder „Vor­märz“ noch „Jun­ges Deutsch­land“ sind mir in der Aus­stel­lung begeg­net. Von der Ein­bet­tung soll­te man sich auch über­haupt weder in lite­ra­tur­ge­schicht­li­cher noch in all­ge­mein­his­to­ri­scher Hin­sicht zu viel erwar­ten: Das ist nur auf Büch­ner selbst bezo­gen, nach­träg­li­che Erkennt­nis­se der For­schung oder nicht von Büch­ner selbst expli­zier­te Zusam­men­hän­ge ver­schwin­den da etwas.

Und noch etwas: eines der über­ra­schends­ten Aus­stel­lungs­stü­cke ist übri­gens Rudi Dutsch­kes Hand­ex­em­plar der Enzens­ber­ger-Aus­ga­be des „Hes­si­schen Land­bo­ten“, mit sehr inten­si­ven Lek­tü­re­spu­ren und Anmerkungen …

Hoch geht's zu Büchner

Hoch geht’s zu Büchner

Aber dass der Kata­log – ein gewal­ti­ger Schin­ken – die Abbil­dun­gen aus irgend einer ver­spon­ne­nen Design-Idee alle auf den Kopf gestellt hat, hal­te ich gelin­de gesagt für eine Frech­heit. Ein Kata­log ist mei­nes Erach­tens nicht der Platz für sol­che Spie­le­rei­en (denen ich sonst ja über­haupt nicht abge­neigt bein), weil er dadurch fast unbe­nutz­bar wird – so einen Bro­cken mag ich eigent­lich nicht stän­dig hin und her dre­hen, so kann man ihn nicht ver­nünf­tig lesen.

Aber trotz­dem bie­tet die Aus­stel­lung eine schö­ne Mög­lich­keit, in das frü­he 19. Jahr­hun­dert ein­zu­tau­chen: Sel­ten gibt es so viel Aura auf ein­mal. Die Aus­strah­lung der Ori­gi­na­le aus Büch­ners Hand und der (Druck-)Erzeugnisse sei­ner Gegen­wart, von denen es hier ja eine fast über­mä­ßi­ge Zahl gibt, ist immer wie­der beein­dru­ckend – und irgend­wie auch erhe­bend. Fast so ein­drück­lich übri­gens wie die Lek­tü­re der Tex­te Büch­ners selbst – dad­rü­ber kommt die Aus­stel­lung auch mit ihrer Mas­se an Expo­na­ten nicht.

Aus-Lese #19

Jan Kuhl­brodt: Geschich­te. Kein Weg, nur Gehen. Ber­lin: J. Frank 2013. Edi­ti­on Poe­ti­con #01. 47 Seiten.

„Geschich­te“ enstammt der neu­en Rei­he „Edi­ti­on Poe­ti­con“ im Ber­li­ner J.-Frank-Verlag mit dem schö­nen Mot­to „Poe­ti­siert euch“. Hier erschei­nen gera­de so etwas wie Poe­ti­ken oder poe­ti­sche Schrif­ten zeit­ge­nös­si­cher Dich­ter aus dem Umfeld des Frank-Ver­la­ges. Bei Jan Kuhl­brodt geht es – der Titel ver­rät es – um Geschich­te, Geschichts­bil­der, Zeit und Rol­le der Kunst in der Geschich­te. Vor allem aber beschäf­tigt ihn hier die Mög­lich­keit des Dich­ters, Geschich­te zu beglei­ten, wahr­zu­neh­men, auf­zu­neh­men in sei­ne Dich­tung, sie (als gemachte/​erzählte Geschich­te) zu for­men und viel­leicht auch (als gesche­he­ne) mit­zu­be­stim­men – also die Fra­ge, wie Dich­te­rin­nen und ihre Dich­tun­gen sich zur Geschich­te ver­hal­ten können/​müssen/​sollen .… Er sucht das in ers­ter Linie an Bei­spie­len aus dem 20. Jahr­hun­dert, vor allem in der rus­si­schen Lyrik. Da will er, wenn ich ihn rich­tig ver­ste­he, die Mög­lich­keit zei­gen, Geschich­te in die Dich­tung auf­zu­neh­men, also so etwas wie „Geschichts-Lyrik“ zu schrei­ben – und zwar nicht (nur) auf inhalt­li­cher Ebe­ne, son­dern vor allem in for­ma­ler Hinsicht. 

Mit eini­gen weni­gen Aus­nah­men spielt Geschich­te in der deut­schen Gegen­warts­ly­rik kaum eine Rol­le. Es mag dar­an lie­gen, dass der Begriff der Geschich­te im zwan­zigs­ten Jahr­hun­dert der­art zer­fa­sert und zer­fällt, dass ein lyri­scher Bezut dar­auf gera­de­zu unmög­lich ist [dann eini­ge Bei­spie­le, wo es doch noch ver­sucht wird – dort] geht es um ein Bewah­ren indi­vi­du­el­ler Erfah­run­gen im Kon­text wir­rer und ver­wir­ren­der Abläu­fe (38f.)

Moa­cyr Sli­ar: Kaf­kas Leo­par­den. Düs­sel­dorf: Lili­en­feld 2013 (Lili­en­fel­dia­na 18). 135 Seiten.

Die­ser kleine/​kurze Roman hat über das schö­ne Pro­gramm von Tubuk-Delu­xe sei­nen Weg zu mir gefun­den. Es ist ein rund­um schö­nes Buch, als Buch­ob­jekt schön gemacht, vor allem wie­der mit einem schö­nen Ein­band. Und es ist auch ein net­ter Text. Sti­lis­tisch fin­de ich das in der Über­set­zung zwar ziem­lich blass, aber hin­ter Kaf­kas Leo­par­den ver­birgt sich ein inter­es­san­ter Ein­fall: Was pas­siert, wenn man einen Apho­ris­mus Kaf­kas – näm­lich sei­ne „Leo­par­den im Tem­pel“ – nicht als Lite­ra­tur, son­dern als Gebrauchs­text sozu­sa­gen liest? Im Roman Scli­ars pas­siert das zunächst in der Form, dass der Text als ver­schlüs­sel­te, revo­lu­tio­nä­re Hand­lungs­an­wei­sung im Mit­tel­eu­ro­pa 1916 gele­sen wird (oder zumin­dest der Ver­such unter­nom­men wird, der ähn­lich wie vie­le ger­ma­nis­ti­sche Lek­tü­ren der „Leo­par­den“ schei­tert. Das gan­ze wird dann sehr schön und unter­halt­sam aus­ge­brei­tet und in einer Art Rah­men auch noch gedop­pelt, in der das Kaf­ka-Typo­skript wie­der eine Rol­le spielt, dies­mals als ver­meint­lich auf­stän­disch codier­te Nach­richt im Bra­si­li­en der Dik­ta­tur. Und am Ende ver­schwin­det der Text als Ding, das Typo­skript, im Müll – bleibt aber im Gedächt­nis und im Traum vor­han­den und wirk­sam. Kaf­kas Leo­par­den ist durch­aus unter­hal­sam und liest sich flott weg .…

Wir dür­fen nichts erschaf­fen, was wir nicht zu beherr­schen wis­se. Und genau das ist Lite­ra­tur, eine unkon­trol­lier­ba­re Ange­le­gen­heit. Man beginnt zu schrei­ben, zu erfin­den, und wer weiß, wo es hin­führt? Und außer­dem, wozu noch mehr Bücher? (41)

außer­dem gelesen:

  • Spra­che im tech­ni­schen Zeit­al­ter #201 (mit anre­gen­den Gedich­ten von Micha­el Fied­ler)
  • und die letz­ten Hef­te der GWU, um damit end­lich mal wie­der aufzuholen.

Büchner 200

Zum 200. Geburts­tag von Georg Büch­ner geht es rund – nicht nur wegen der neu­em Bio­gra­phie von Her­mann Kurz­ke (ich habe sie noch nicht gele­sen, ver­mu­te aber, dass sie auf­grund des Ver­fas­sers und sei­ner sti­lis­ti­schen Fähig­kei­ten wahr­schein­lich mehr gele­sen wird als die maß­geb­li­che von Hau­schild (auch wenn ich mit Kurz­kes Metho­des des fröh­li­chen Zir­kel­schlie­ßens zwi­schen Leben und Lite­ra­tur und Leben schon bei Tho­mas Mann so mei­ne Pro­ble­me hat­te und aus mei­ner Text­kennt­nis etwas skep­tisch bin ob der Auf­fas­sung Büch­ners als vor allem christ­li­chen Autor …)), außer­dem stür­zen sich natür­lich auch die Medi­en auf das Jubi­lä­um. Lus­tig fand ich wie­der die „Zeit“, die ihren nicht schlech­ten, aber auch nicht beson­de­ren Text von Eli­sa­beth von Thad­den schon eine Woche zu früh brach­te – obwohl doch der 17. Okto­ber gera­de ein Don­ners­tag ist. Aber das gehört ja inzwi­schen zur Medi­en­me­cha­nik, alle Jubi­lä­en mög­lichst früh und damit mög­lichst vor allen ande­ren zu fei­ern (bei Kom­po­nis­ten, die ja immer ein gan­zes Jahr – Wag­ner, Ver­di, … – bekom­men, ist es wesent­lich schlimmer).

Vielleicht Georg Büchner? - Philipp August Joseph Hoffmann (1833) (Quelle: Commons

Viel­leicht Georg Büch­ner? – Phil­ipp August Joseph Hoff­mann (1833) (Quel­le: Com­mons)

Büch­ner ist ja ein Autor, den man gut fei­ern kann: Die Tex­te sind kano­ni­siert, es sind nicht so vie­le und die meis­ten auch gar nicht so lang – da kann jeder mit­re­den ;-). Und sie bie­ten auch viel­fäl­ti­ge Anschluss­mög­lich­kei­ten in alle mög­li­chen Rich­tun­gen – vom poli­ti­schen Agi­ta­tor über den Lust­spiel­au­tor zum psy­chisch inter­es­sier­ten Erzäh­ler und dem medi­zi­ni­schen Wis­sen­schaft­ler ist für jeden Geschmack etwas dabei …

Schön gewor­den fin­de ich aber auch die zwei­te Aus­ga­be von „Das Buch als Maga­zin“, die sich mit dem „Woy­zeck“ beschäf­tigt und wie­der dem Kon­zept treu bleibt: Vor­ne den Ori­gi­nal­text (was hier ja ein biss­chen schwie­rig ist, weil der Woy­zeck nur als Frag­ment­samm­lung über­lie­fert ist), danach jour­na­lis­ti­sche Text zu ver­schie­de­nen nah oder fern lie­gen­den Aspek­ten bringt – und das gan­ze schick gemacht dazu.

Und wo wir schon beim Woy­zeck sind: Arte hat eine Fern­seh­ver­si­on des Woy­zeck dre­hen las­sen (in der Media­thek noch ver­füg­bar), für die Nuran David Calis die Hand­lung in den Kiez von Ber­lin ver­legt. Das ist viel­leicht kei­ne genia­le Leis­tung, hat aber sehr schö­ne Momen­te. Nicht zuletzt dank Tom Schil­ling und Nora von Wald­stät­ten, dank der schö­nen Bil­der und vor allem dank der geschick­ten Sound­ge­stal­tung. Gewiss, Über­ra­schun­gen bie­tet das kei­ne, ist mir aber als respekt­vol­le Aneig­nung eines klas­si­schen Tex­tes posi­tiv aufgefallen.

Die Darm­städ­ter Aus­stel­lung – „Georg Büch­ner. Revo­lu­tio­när mit Feder und Skal­pell – habe ich noch nicht gese­hen, das kommt aber dem­nächst auch noch – mal sehen, ob ich da noch etwas Neu­es und/​oder Inter­es­san­tes fin­den kann …

Aber am bes­ten fei­ert man einen Dich­ter natür­lich durchs Lesen. Am Wochen­en­de ist wie­der der Lenz dran, dann neh­me ich mir die wun­der­schö­ne Edi­ti­on der Mar­bur­ger Aus­ga­be noch ein­mal vor.

Aus-Lese #17

Buch als Maga­zin #1: Die Verwandlung.

Eine schö­ne Idee: Rund um einen klas­si­schen Text – bei der ers­ten Num­mer ist es Franz Kaf­kas „Die Ver­wand­lung“ – sam­meln die Maga­zin­ma­cher Tex­te, Inter­views, Gra­fi­ken und Fotos. Die hän­gen an ein­zel­nen Aspek­ten der „Ver­wand­lung“, an Asso­zia­tio­nen oder Inter­pre­ta­ti­ons­an­sät­zen. Schö­ne Lek­tü­ren, auch ein schön gemach­tes Magazin.

Elke Erb: Mensch sein, nicht. Gedich­te und ande­re Tage­buch­no­ti­zen. 2. Auf­la­ge. Basel, Weil am Rhein, Wien: Urs Enge­ler Edi­tor 1999. 136 Seiten.

Das Gedicht erscheint
Sobald es erschie­nen ist,
ist es ver­schwun­den. (90)

Schon der Unter­ti­tel ver­weist auf die typi­sche Erb-Form: Gedich­te als Tage­buch. Mensch sein, nicht ver­sam­melt unheim­lich viel davon – so viel, dass es mir man­ches Mal zu viel war, die­ser unge­heu­re Mate­ri­al­berg oder ‑wust. Ein­fäl­le und Gedan­ken in den ver­schie­dens­ten For­men – als knap­pes „Gedicht“, als klei­ner Essay, als Erin­ne­rungs­pro­to­koll, als … rei­hen sich hier anein­an­der und anein­an­der. Hin und wie­der fiel es mir schwer, in den Text­fluss hin­ein­zu­kom­men: Man­ches fängt mein Auge, trifft eine Stim­mung in mir – vie­les bleibt mir zunächst – d.h. beim ers­ten Lesen – fremd, lässt mich rat­los oder (fast noch unan­ge­neh­mer …) unbe­tei­ligt, so dass der Ein­druck erst ein­mal zwie­späl­tig bleibt. Aber viel­leicht ist das ja auch das Ziel:

Das Gefühl des Gewinns
bei der Über­le­gung, Gedich­te sei­en Erkenntnisträger:

näm­lich hast-du-nicht-gese­hen schwimmt schulterhoch
und umge­bend teich­gleich ein all­ge­mei­nes Interesse
so, als habe es im Sinn, zu erkun­den, was ist,
und exis­tie­re gewiß (19)

Det­lef Kuhl­brodt: Umsonst und drau­ßen. Ber­lin: Suhr­kamp 2013. 198 Seiten.

Ich bin eine in einem Tage­buch auf­be­wahr­te Erin­ne­rung. (117)

Umsonst und drau­ßen ist ein schö­nes Buch. Auch wenn nicht ganz klar ist, was das eigent­lich ist. Nicht ohne Grund steht da nichts ande­res auf der Titel­sei­te, nicht „Roman“, nicht „Noti­zen“, nicht „Tage­buch“ – obwohl all das sei­ne Berech­ti­gung hät­te. Kuhl­brodt lebt und wan­delt in Ber­lin. Oder bes­ser gesagt: Der Erzäh­ler tut dies. Denn das Ich ist nicht das Ich selbst, es blitzt immer wie­der der Spalt der Dif­fe­renz zwi­schen Erzäh­ler-Ich und Autor-Ich, zwi­schen „Ich“ und Det­lef Kuhl­brodt, auf. Distan­ziert, aber betei­ligt sind die­se Ber­lin-Noti­zen, das Ber­lin-Tage­buch mit gro­ßen Lücken, aber in Tages­form: Beob­ach­tun­gen und Emp­fin­dun­gen mischen sich, sind aber immer knapp und lako­nisch, ja unsen­ti­men­tal geschil­dert. Melan­cho­lie ist die Grund­stim­mung: Ver­lust und Trau­er prä­gen die Zeit und das Erle­ben, aber eine ARt posi­ti­ve Trau­er: Das Erken­nen der Rea­li­tät als gege­be­ne, als fast unaus­weich­li­che hängt damit zusam­men. Und das Nicht-voll­kom­men-ein­ver­stan­den-Sein damit, aber ohne Druck/​Wille zur Revol­te: Abseits statt mit­ten­drin oder (aktiv) dage­gen bewegt sich der Erzäh­ler im Leben. Ste­phan Wack­witz hat das in der taz recht gut auf den Punkt gebracht, näm­lich als „ent­spann­tes Geltenlassen“.

Um authen­tisch schrei­ben zu kön­nen, war es oft not­wen­dig, Din­ge zu tun, von denen ich nicht genau wuss­te, ob ich sie tat oder ob ich eine Rol­le übte. (148)

Aus-Lese #16

Ron Wink­ler: Torp. Mit Illus­tra­tio­nen von Pětrus Åkkor­děon. Ber­lin: J. Frank 2010. 155 Seiten.

Der Lyri­ker Ron Wink­ler hat mit Torp ein sehr humor­vol­les und ein­sich­ti­ges Buch vor­ge­legt. Was das eigent­lich ist, ist schwer zu sagen: Kur­ze Text(fragment)e, schwan­kend zwi­schend Minia­tur, Lyrik und Apho­ris­men paa­ren sich hier mit Illus­tra­tio­nen. Der Ein­fall und die For­mu­lie­rungs­kunst bestim­men das Ergeb­nis maß­geb­lich – also doch Lyrik? Aber gebun­de­ne Spra­che ist es nicht. Irgend­wie ist es aber auch völ­lig egal, weil Torp ein­fach Spaß macht. Wink­ler führt hier knapp und kurz mög­li­che Wel­ten vor – oder viel­leicht auch nur eine, die des „Torp“. Sprach­spie­le und Ver­frem­dun­gen küm­mern sich um eine neue, ande­re Sicht auf das „Ich“ und die Welt und den gan­zen Kram. Unter­stützt wird das mit ähn­lich exal­tiert-phan­tas­tisch-ver­fremd­ent-über­zeich­nen­den Illus­tra­tio­nen. Ein net­tes, nach­denk­li­ches, unter­halt­sa­mes, tie­fes Buch – auch wenn nicht viel drin­steht. Und wenn die Schrift­art zumin­dest gewöh­nungs­be­dürf­tig ist, mir einen Deut zu ver­spielt ist – auch wenn vie­les an Text und Bild Spiel ist, so ist es doch nicht nur Spiel, son­dern zeigt ja gera­de durch das Spiel sei­ne Wahr­haf­tig­keit – die­ser Ernst wird von der Schrift ten­den­zi­ell nicht wahr­ge­nom­men bzw. überspielt … 

Ron Wink­ler schlägt vor, Torp als „Kon­takt­an­zei­ge zum Ken­nen­ler­nen sei­ner selbst [zu] ver­ste­hen, aber auch als Hand­buch zum Ver­ständ­nis einer doch eini­ger­ma­ßen tor­phaf­ten Welt“. Und das kann man sei­ner Mei­nung nach dar­aus ler­nen: „Mög­li­cher­wei­se, dass man noch das Pro­fans­te als aura­tisch erle­ben kann. Torp wirbt, wenn man so will, für ein lite­ra­ri­sches Sein.“ Das passt. 

Torp kor­ri­gier­te gern Sprich­wör­ter und Apho­ris­men. Als geis­ti­ge Betriebs­sys­te­me bräuch­ten auch Ideen hin und wie­der ein Update (29)
Torp konn­te stun­den­lang Gedich­te lesen. So lächer­lich das auch klin­gen mag. (67)
Torp begrüß­te die Exis­tenz.
Torp bemerkt sehr oft und immer wie­der neu, dass das Geräusch von Wie­se nicht ganz stimm­te. (137)

Bau­er, Chris­toph J.: Brötz­mann. Gesprä­che. Ber­lin: Posth-Ver­lag 2012. 180 Seiten.

Der Wup­per­ta­ler Phi­lo­so­phie­do­zent Chris­toph J. Bau­er hat sich mehr­mals mit Peter Brötz­mann zu Gesprä­chen getrof­fen. Die sind hier abge­druckt. Lei­der offen­bar ganz und gar unre­di­giert, als rei­ne Tran­skrip­ti­on der Gesprä­che – mit den ent­spre­chen­den Fol­gen. Der mäan­dernd-trei­ben­den Gesprächs­füh­rung zum Bei­spiel, die auch dar­an ein biss­chen krankt, dass Bau­er – weder Inter­view-erfah­re­ner Jour­na­list noch Jazz-Spe­zia­list, son­dern Fan – oft arg unprä­zi­se, schwam­mig fragt. Dafür ger­ne auch mal aus­ufernd und ins sehr All­ge­mei­ne Abdrif­ten. Ande­rer­seits wer­den so die direk­te Aus­sa­gen Brötz­manns wer­den nicht abge­mil­dert: Der ist – wie sei­ne Musik, könn­te man sagen – im Gespräch manch­mal harsch und kan­tig in sei­nen Urtei­len und sei­ner Spra­che. Aber oft bleibt mir das auch etwas unge­nau, vie­les nur andeu­tend, anrei­ßend, aber eben gedank­lich und sprach­lich nicht aus­ge­ar­bei­tet (viel­leicht auch, weil die Fra­gen zu wenig unter­stüt­zen, zu wenig bei der „Geburt“ hel­fen …). Aber den­noch gibt es viel Klar­text, zu eige­nen und frem­den Feh­lern, zu Musi­ker-Kol­le­gen, zu Abnei­gun­gen und Vor­lie­ben. Die bei­den unter­hal­ten sich zum Bei­spiel über Frei­heit im Jazz und der Gesell­schaft, wie über­haupt der Zusam­men­hang von Musik und Gesell­schaft eine wich­ti­ge Rol­le spielt, die Bedin­gun­gen und Unter­schie­de die­ser bei­den „Sys­te­me“. Außer­dem geht es unter ande­rem um die Ent­ste­hungs­grün­de und ‑kon­tex­te des „Free Jazz“, um die Arbeits­wei­se des Chi­ca­go Ten­tet, um euro­päi­sche und ame­ri­ka­ni­sche Tra­di­tio­nen, um das Leben als Musi­ker, mit Musi­kern, auf Tour und so wei­ter etc.

Vorwärts, die Zeit

Sang der Gesänge (Zeit-Marsch)

Sang der Gesänge,
heb dich zur Sonne
über dem Marsch
der roten Kolonne.
Land, sei bereit!
Vor­wärts, die Zeit!

Du, Land der Länder,
brich auf und stürme
tritt in den Staub
das Modergewürme.
Wage den Streit!
Vor­wärts, die Zeit!

Freu­dig, du Land,
der Zukunft verschworen
denn die Kommune
steht vor den Toren.
Hal­te den Eid!
Vor­wärts, die Zeit!

Greif in die Räder
Zahn­rad der Wochen
Tag­schicht und Nachtschicht!
Ununterbrochen!
Spu­te dich heut!
Vor­wärts, die Zeit!

Mei­ne Kommune,
sto­ße vom Thron heut
Faul­heit und Schlendrian,
alte Gewohnheit!
Herz sei erneut!
Vor­wärts, die Zeit!

Wla­di­mir Maja­kow­ski, deutsch von Hugo Huppert

Ernst Busch – Zeit Marsch („Sang der Gesänge“)

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