Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Kategorie: literatur Seite 12 von 38

August 1914

René Schi­cke­le, Ers­ter August 1914:

Kam eine rote Wol­ke gezogen,
Ent­stürz­ten ihr dro­hend Gestalten,
Wir rie­fen, um sie aufzuhalten,
schon war sie durch uns geflogen
Und hin­ter­ließ einen Brandgeruch,
Bestür­zung rin­sum wie nach einem Fluch,

und dann war Krieg.

Die Träu­me sind aus uns getreten,
Sie zei­gen flet­schen­de Zäh­ne und winken,
Wir moch­ten in die Kniee sinken,
Die Angst und Wut in Ruh‘ zu beten.
Die wachen Träu­me haben uns umringt,
Wir hören, noch fremd, die eige­ne Stim­me, die singt:

Tod oder Sieg!

„und dann war Krieg.“ – Der große Krieg und die Lyrik

Gleich zwei Antho­lo­gien mit deut­scher Lyrik aus der Zeit des Ers­ten Welt­kriegs sind zufäl­lig fast zusam­men bei mir auf­ge­schlan­gen: Flo­ri­an Voß’ Samm­lung „Welt­krieg! Gefal­le­ne Dich­ter 1914–1918″ und „Die Dich­ter und der Krieg“, ein von Tho­mas Anz und Joseph Vogl her­aus­ge­ge­be­nes Reclam-Bändchen.

voß, gefallen!Auch wenn mir die im Alli­te­ra-Ver­lag erschie­ne­ne Edi­ti­on zunächst sehr gut gefal­len hat: Anz & Vogl lie­fern die bes­se­re Antho­lo­gie. Dabei sind die bei­den Bän­de ganz unter­schied­lich ange­legt und durch­aus auch bei­de ver­dienst- und wert­voll. Aber trotz­dem emp­feh­le ich das Reclam-Heft eher – nicht nur wegen des bes­se­ren Preis-Leis­tungs­ver­hält­nis­ses (7,4 Cent pro Gedicht vs. 19 Cent). Anz & Vogl haben aller­dings auch einen ande­ren Anspruch. Wäh­rend Voß nur Dich­ter berück­sich­tigt, die im Krieg umge­bracht wur­den und auch die­se per­so­na­le Aus­wahl noch ästhe­tisch wei­ter einschränkt:

Ich habe in die­ser Antho­lo­gie aus­schließ­lich deutsch­spra­chi­ge Lyri­ker ver­sam­melt, die der Moder­ne zuge­hö­rig und zudem im Ers­ten Welt­krieg gefal­len sind oder an des­sen Fol­gen star­ben. Lyri­ker‚ die in ihren Gedich­ten den Krieg ver­herr­lich­ten, wur­den von mir nicht in Betracht gezo­gen. (64)

die dichter und der kriegDage­gen bemüh­sen sich Anz & Vogl um gro­ße Band­brei­te, mög­li­che Reprä­sen­ti­vi­tät der „Lite­ra­tur­land­schaft“ bzw. der deutsch­spra­chi­gen Lyrik­pro­duk­ti­on zwi­schen 1914 und 1918. Natür­lich legen sie auch ästhe­ti­sche Kri­te­ri­en an (die sie im Gegen­satz zu Voß frei­lich nicht deut­lich offen­le­gen) und natür­lich bleibt die Aus­wahl – bei so knap­pem Umfang (1982 hat­ten die bei­den Her­aus­ge­ber das glei­che The­ma schon ein­mal aus­führ­li­cher bear­bei­tet), der bei bei­den Samm­lun­gen den Abdruck von etwas mehr als 50 Gedich­ten ermög­lichgt – pro­ble­ma­tisch. Aber die Übeschnei­dun­gen sind gering: Zwei Gedich­te fin­den sich in bei­den Samm­lun­gen, Kurd Adlers „Geschütz“ und Georg Tra­kls „Gro­dek“ – bei­des natür­lich auch Gedich­te, die man nicht ein­fach aus­las­sen kann. Noch ein klei­ner Punkt gefällt mir bei Reclam bes­ser: Jedes Gedicht hat einen Quel­len­nach­weis – bei Voß gibt es das über­haupt nicht. Und das Nach­wort von Anz und Vogl ist auch deut­lich sub­stan­zi­el­ler als das von Voß.

Dafür kann Voß für sich gel­tend machen, mehr von den (fast) ver­ges­se­nen Dich­tern (bei ihm kom­men natur­ge­mäß kei­ne Frau­en vor, bei Anz & Vogl sind immer­hin drei Dich­te­rin­nen auf­ge­nom­men wor­den) zu zei­gen: Kurd Adler eben, aber auch Hans Ehren­baum-Dege­le oder Georg Hecht und Wal­ter Ferl, um nur eini­ge weni­ge zu nennen.

Die Dich­ter und der Krieg“ ist dage­gen deut­lich viel­fäl­ti­ger: In den the­ma­tisch geglie­der­ten Kapi­teln – z.B. „Beginn“, „Krieg und Kunst“, „Kriegs­ma­schi­nen“, „Vater­land – Mensch­heit“ und „Schuld und Trau­er“ – sind eben auch kriegs­be­geis­ter­te Lyri­ker ver­tre­ten und auch pro­pa­gan­dis­ti­sche Ver­se wie Ernst Lissau­ers „Haß­ge­sang gegen Eng­land“ oder Will Ves­pers „Lie­be oder Haß?“ sind abge­druckt. Aber obwohl alle drei Her­aus­ge­ber auf ein unge­heu­er gro­ßes Lyrik­re­per­toire zurück­grei­fen kön­nen – wäh­rend des Krie­ges erleb­te die Vers­dich­tung eine enor­me Kon­junk­tur – sind in bei­den Aus­wahl­bän­den nur ganz wenig bekann­te Gedich­te ver­tre­ten, die auch unab­hän­gig von Kriegs­ju­bi­lä­um und Erin­ne­rung noch gele­sen wer­den. Ich ver­mu­te, dass hängt einer­seits mit ästhe­ti­schen Grün­den zusam­men – vom frü­hen Expres­sio­nis­mus, der moder­nen Lite­ra­tur über­haupt der 1910er und 1920er Jah­re wird heu­te nur noch wenig rezi­piert -, hat ande­rer­seits sicher­lich aber auch the­ma­ti­sche Grün­de: Kriegs­dich­tung (oder auch Anti­kriegs­dich­tung) ent­spricht nur bedingt dem heu­te vor­herr­schen­den Anspruch an Lyrik und ihre The­men … Das bei­des zu ändern, dazu sind die­se zwei Samm­lun­gen zur Lek­tü­re unbe­dingt zu empfehlen.

Voß, Flo­ri­an (Hrsg.): Welt­krieg! Gefal­le­ne Dich­ter 1914–1918. Mün­chen: Alli­te­ra 2014 (Lyrik­edi­ti­on 2000). 70 Sei­ten. ISBN 9783869066332.

Anz, Tho­mas & Joseph Vogl (Hrsg.): Die Dich­ter und der Krieg. Deut­sche Lyrik 1914–1918. Stutt­gart: Reclam 2014. 103 Sei­ten. ISBN 9783150192559.

Rudertrainer

Ruder­trai­ner, dach­te Mat­ti: der ein­zi­ge unwür­di­ge Beruf hier auf dem Was­ser, denn ob man Fischer war, oder Steg­ma­cher, oder Fahr­rin­nen­bag­ger­füh­rer, man muß­te bestän­dig und hart zugrei­fen, um das Sei­ni­ge zu tun; das ein­zi­ge aber, wonach so ein Ruder­trai­ner zu grei­fen hat­te, war die­ser Trich­ter, der, aus der Fer­ne gese­hen, dem Kopf etwas Miß­ge­bil­de­tes gab, ein wider­wär­ti­ger Aus­wuchs war das, ein vor­ge­stülp­ter Schlund, in dem noch das gewöhn­lichs­te Wort mit einem raben­ar­ti­gen Krä­hen und Kräch­zen behängt wur­de. Theo­re­tisch war Mat­ti durch­aus bewußt, daß die­se Män­ner, denen er da und dort immer wie­der begeg­ne­te, auch Trai­nings­plä­ne erstell­ten und Wett­kampf­stra­te­gien ent­war­fen, daß sie wahr­schein­lich sogar eine spe­zi­el­le Klug­heit besa­ßen, aber so wie sie sich ihm hier auf dem Was­ser zeig­ten, erschie­nen sie ihm wie Schin­der und Schma­rot­zer, wie Nach­fah­ren jener salz- und see­len­ver­krus­te­ten Antrei­ber, die einst­mals auf den Galee­ren der Welt­mee­re zugan­ge gewe­sen waren.

—Birk Mein­hardt, Brü­der und Schwes­tern, 662

Zukunft

Die Zukunft enhält nicht nur jede Men­ge schwar­zer Schwä­ne, sie ist selbst einer.

—Ulri­ke Draesner

Luxus

In Lon­don. Wo die Muse­en umsonst waren. Dass das ein Luxus war. Und dass alle Muse­en in der gan­zen Welt gra­tis sein muss­ten. Sonst waren sie gar kei­en Muse­en. Dass nur ein Muse­um ein Muse­um | war, wenn es kei­nen Ein­tritt kos­te­te. Dass nur in so einem Muse­um die Kunst­wer­ke Kunst blie­ben. Wenn man zah­len muss­te, dann muss­te die Kunst gleich wie­der etwas leis­ten. Dann wur­den die alten Mecha­nis­men wie­der ein­ge­setzt und Wunsch­er­fül­lun­gen ein­ge­kauft. Bezah­lung. Das gab den Din­gen Sinn. Den fal­schen Sinn, aber Sinn. Dann war die Sinn­lo­sig­keit von Kunst ver­lo­ren. Und nichts blieb. 

—Mar­le­ne Stre­eru­witz, Nach­kom­men., S. 424f.

Jörg Fauser: Der Autor spricht

Jörg Fau­ser in der heu­te etwas selt­sam anmu­ten­den Sen­dung „Autor Scoo­ter“ (mit dem damals noch halb­wegs erträg­li­chen Hell­muth Kara­sek) über sich, sein Schrei­ben und so wei­ter – der Autor als selbst­er­nann­tes „Mit­glied der Agen­tur für Spra­che und Zwei­fel“ spricht:

Den Schrift­stel­ler, der nicht gele­sen wird, hal­te ich für eine pathe­ti­sche und sinn­lo­se Figur.


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schön auch, wie Kara­sek mit sei­nem roman­tisch-genia­len Autor­be­griff auf Jörg Fau­sers wesent­lich hand­fes­te­rem, hand­werk­li­chen Autor-Ich („wri­ting is my busi­ness“) trifft …

Aus-Lese #33

Es wird mal wie­der höchs­te Zeit für die nächs­te Aus-Lese …

Ben­ja­min Stein: Das Alpha­bet des Rab­bi Löw. Ber­lin: Ver­bre­cher 2014. 286 Seiten. 

stein, alphabetDas Alpha­bet, ganz frisch vom Ver­lag, ist den­noch schon eini­ge Jah­re alt: Denn Stein legt hier ein Über­ar­bei­tung sei­nes Erst­lings vor. Das ist eine sehr auf­wän­dig kon­stru­ier­te, ver­track­te Geschich­te, die ich jetzt gar nicht rekon­stru­ie­ren (oder gar nach­er­zäh­len) möch­te – und wohl auch kaum noch könn­te. Was mich wie­der ein­mal über­zeugt und beein­druckt hat, ist das Erzäh­len des Erzäh­lens als The­ma selbst, mit dem fast schon obli­ga­to­ri­schen Ver­wi­schen von Erzähl­tem und Rea­li­tät, bei dem die Gren­zen zwi­schen erzäh­len­dem und erzähl­ten Ich schnell über­wun­den (bzw. unkenntn­lich gemacht) wer­den. Wo das Wirk­li­che unwirk­lich wird (zu wer­den scheint) – und die Phan­ta­sie auf ein­mal real: Da ist man in einem Text von Beja­min Stein. Sera­phin mit See­len aus Feu­er tau­chen hier auf, Selbst­ent­zün­dun­gen der untreu­en Lieb­ha­ber – über­haupt brennt hier ziem­lich viel -: Engel, Golem und Rab­bis, Wor­te und Namen und ähn­li­ches bevöl­ke­ren die­ses amü­san­te Ver­wir­spiel auf vie­len Ebe­nen der Erzäh­lung und der Wirk­lich­keit (aber ist eine Wirk­lich­keit, in der es Engel gibt, Men­schen, die selbst ent­zün­den, Wie­der­ge­bur­t/-erschei­nen nach meh­re­ren hun­dert Jah­ren als iden­ti­sche Per­son, ist so eine Wirk­lich­keit über­haupt „wirk­lich“?), ange­rei­chert mit reli­giö­sen The­men (und eini­gen Kurio­sa, zumin­dest für mich, der ich mich in der jüdi­schen Reli­gi­on so gar nicht aus­ken­ne). Und wie in Agen­ten­thril­lern/-fil­men/-seri­en wird sozu­sa­gen im nach­hin­ein immer noch eine Ebe­ne der Täuschung/​Illusion/​Erzählung/​Fiktion ein­ge­baut, die jeweils erst sicht­bar wird, in dem sie zer­stört wird, auf­ge­löst wird – und ent­spre­chend rück­wir­kend den gan­zen Text auf­löst, ent­kernt, … Das ist ein alter Erzäh­ler­trick, gewiss, den Stein hier aber durch­aus nett umsetzt. Man­che Pas­sa­gen sind für mei­nen Geschmack etwas kri­mi­haft, manch­mal auch etwas argl plau­de­rend erzählt, zu sehr dar­auf ange­legt, gemein­sa­me sache mit dem Leser machen. Mit Ratio­na­li­tät allein wird man die­sem Buch über Engel, das zugleich ein ver­track­ter Mehrgenerationen-Familiengeschichte(n) im 20. Jahr­hun­dert ist, in der alle mit allen zusam­men­hän­gen, kaum gerecht. Und sehr schön ist es übri­gens auch, mal wie­der ein in Lei­nen gebun­de­nes Buch in der Hand zu haben – das liegt da gleich ganz anders …

Was weißt du schon? erwi­der­te die Stim­me. Und das war der Satz, den er von nun an immer wie­der hören soll­te: Was weißt du schon? Sei nicht dumm. Es gibt ein Bild hin­ter dem Spie­gel und eine Stadt tief unter dir. Es gibt Engel, die wer­den als Men­schen gebo­ren, und Men­schen, die gehen in Flam­men auf, weil die Buch­sta­ben keck ihre Plät­ze tau­schen und die Welt auf den Kopf stel­len, nicht mehr als ein Spiel. (201f.)

Fried­helm Rath­jen: Arno Schmidt lesen! Ori­en­tie­rungs­hil­fe für Erst­le­ser und Weg­wei­ser im Lite­ra­tur­dschun­gel. Süd­west­hörn: Edi­ti­on ReJOY­CE 2014. 168 Seiten.

rathjen, schmidt lesenEin schö­ner, kur­zer und kna­cki­ger Über­blick aus der Rath­jen-Werk­statt: Zugleich eine ganz kur­ze Ein­füh­rung in die Bio­gra­phie Schmidts und ein Über­blick über sein Schaf­fen. Das geschieht vor allem im Modus der Kurz­cha­rak­te­ris­tik aller Wer­ke, die Rath­jen chro­no­lo­gisch abhan­delt und so zugleich auch ein biss­chen Rezep­ti­ons­ge­schich­te – vor allem für die nach­ge­las­se­nen Publi­ka­tio­nen und Edi­ti­on – bie­tet. Dazu gehört, den jewei­li­gen Wer­ken zuge­ord­net, ein doch recht aus­führ­li­ches Ver­zeich­nis der (wich­ti­gen?) Sekun­där­li­te­ra­tur – lei­der ohne Kom­men­tar und des­halb also ein doch nicht ganz so poten­ter „Weg­wei­ser“. Als Hilfs­mit­tel und Anre­gung für den (noch) nicht voll­stän­di­gen Schmid­tia­ner ist Arno Schm­dit lesen! aber trotz­dem nütz­lich, auch wenn für mei­nen Geschmack die Text­lein zu den Wer­ken manch­mal doch arg kurz gera­ten sind. Doch weil Rath­jen ein guter Ken­ner des Schmidt­schen-Kos­mos ist, hat das Büch­lein durch­aus sei­nen Wert, der natur­ge­mäß für Schmidt-Ken­ner gerin­ger ist als für Novizen.

Ilma Rakusa: Ein­sam­keit mit rol­len­dem »r«. Erzäh­lun­gen. Graz: Dro­schl 2014. 158 Seiten. 

rakusa, einsamkeitIn Kür­ze: Ganz tol­le Erzäh­lun­gen sind hier zu fin­den, unbe­dingt emp­feh­lens­wert – wenn man klei­ne Geschich­ten zwi­schen Repor­ta­ge und Moment­auf­nah­me aus der Frem­de Euro­pas mit einem Hang zu leich­ter Melan­cho­lie und Trau­rig­keit mag. Meist geben sie kur­ze Ein­bli­cke in Leben und Cha­rak­ter einer Per­son (die den Titel der jewei­li­gen Geschich­te bil­det), oft durch eine nahes­ten­de Erzäh­le­rin, einen Freund etwa. Das hat oft etwas von einer Pseu­do-Repor­ta­ge, wie es etwa ein­ge­ar­bei­te­te Zita­te der Prot­ago­nis­ten einer Erzäh­lung zur Dar­stel­lung ihres Hin­ter­grunds, ihrer Geschich­te nutzt, als stamm­ten sie aus einem Gespräch. Dazu passt auch die Schlicht­heit der Sät­ze – zumin­dest syn­tak­tisch, lexi­ka­lisch ist das durch­aus kunst­voll: Daher kommt auch der lyri­sche, oft leicht schwe­ben­de Ton der Erzäh­le­rin­nen aus der Feder Rakus­as.

Immer wie­der wer­den beschä­dig­te Leben erzäh­len: Hei­mat­ver­lust oder über­haupt Hei­mat­lo­sig­keit, das (ewi­ge) Wei­ter­zie­hen, die Suche nach einem Platz/​Ort (nicht nur, aber auch geo­gra­phisch) im Leben bestim­men den Weg der Prot­ago­nis­ten, die ganz über­wie­gend suchend sind, sich auf dem Weg bein­den, immer unter­wegs – nach Leben, Sinn etc., auch nach Erleuch­tung (mehr­mals suchen sie die ganz pla­ka­tiv in Indi­en): ent­wur­zel­te Men­schen der Moder­ne zeigt Rakusa uns. Momen­tan oder zeit­wei­se, vor­über­ge­hend kann die Ein­sam­keit auf­ge­ho­ben oder sus­pen­diert wer­den – in Freundschaft(en) und Lie­be etwa, wobei die Ent­he­bung aus der Ein­sam­keit immer als sol­che, als nicht dau­ern­de Erleich­te­rung, auch wahr­ge­nom­men und erkannt wird: Das Bewusst­sein der End­lich­keit der „Gesel­lig­keit“ ist immer vor­han­den, ihre Fra­gi­li­tät gewusst. So spie­len sich in den Figu­ren Dra­ma und Trau­ma der Gegen­wart ab: Kapi­ta­lis­mus, Krieg und Krank­hei­ten als Ver­ur­sa­cher der „Stö­rung“. Und: Euro­pa außer­halb Deutschlands/​Mitteleuropa wird gezeigt, mit Krieg und Kriegs­fol­gen, Armut, Lee­re, Ver­zweif­lung, Leid, Trau­er und Trau­rig­keit – ohne des­halb total schwarz zu sein, grun­diert die­se dunk­le Erfah­rung doch nicht nur das Leben der Prot­ago­nis­tin­nen, son­dern auch den Ton der meis­ten Erzäh­lun­gen: dun­kel, aber nicht depres­siv; hart, aber nicht ver­zwei­felt. Auch die Orte sind kei­nes­wegs alles Idyl­len: Kol­jansk etwa wird als rei­ner Höl­len­ort erzählt: Trost­los, aus­sichts­los, ret­tungs­los: „Ein Punkt, der bald ver­schwun­den sein wird. Dort.“ (158) – das sind zugleich die letz­ten Wor­te des Buches – die dem Gan­zen noch einemal einen etwas über­ra­schend düs­ter­nen, trost­los-grau­en Dreh geben

Wie geht das: im Leben eine Sei­te umwen­den? Aus­stei­gen, weg­ge­hen, auf nichts hof­fen als auf die Rich­tig­keit der Ent­schei­dung. (73)

Wir waren kurz sehr lan­ge weg gewe­sen. (79)

Tim B. Mül­ler: Nach dem Ers­ten Welt­krieg. Lebens­ver­su­che moder­ner Demo­kra­tien. Ham­burg: Ham­bur­ger Edi­ti­on 2014. 174 Seiten.

müller, demokratienDemo­kra­tien sind labi­le Gebil­de, Dau­er­haf­tig­keit gibt es nicht, die Demo­kra­tie muss immer neu her­ge­stellt wer­den. Des­we­gen benö­ti­gen sie Ent­schei­dun­gen, Reagie­ren – und Ent­wick­lung, sie ver­zei­hen aber auch Feh­ler. Ganz beson­ders gilt das für Momen­te der Kri­se. Mül­ler zeigt das anhand „der“ Kri­se der moder­nen Demo­kra­tien nach dem Ers­ten Welt­krieg am Ende der 1920er Jah­re, im Umfeld der Wirt­schafts­kri­se. Dabei zeigt Mül­ler auch, wie eng sozia­le Demo­kra­tie (mit ihrer Umver­tei­lung (die aus dem Gleich­heits­pos­tu­lat resul­tiert), also der „Wohl­fahrts­staat“ und demo­kra­ti­sche Orga­ni­sa­ti­on sowie Gesin­nung (der Bevöl­ke­rung) im 20. Jahr­hun­dert in Euro­pa (und den USA) zusammenhängen. 

Demo­kra­tie will Mül­ler ver­stan­den wis­sen als Pro­zess, stän­di­ge Dis­kus­si­on, Ver­ge­wis­se­rung und Anpas­sung sind not­wen­dig und wesen­haft. Das geschieht nicht in allen Län­dern und Gesell­schaf­ten gleich­zei­tig und auf glei­che Wei­se. Für Deutsch­land stellt er etwa fest:

Demo­kra­tie als Kul­tur und Lebens­wei­se muss­te in Deutsch­land mit beson­de­rem Nach­druck ver­an­kert wer­den, weil Kriegs­ver­lauf und Nie­der­la­ge eine schwie­ri­ge Aus­gangs­la­ge geschaf­fen hat­ten: Die Kriegs­nie­der­la­ge führ­te zur Demo­kra­tie, was die Demo­kra­tie belas­te­te. (81)

Und spä­ter heißt es:

Es bedurf­te einer gewal­ti­gen Erschüt­te­rung, um die­ses Gefü­ge ins Wan­ken zu brin­gen. Die Welt­wirt­schafts­kri­se ließ die Ent­wick­lung, die den Zeit­ge­nos­sen seit dem Ers­ten Welt­krieg unauf­halt­sam erschie­nen war, still­ste­hen. Das war nicht der Unter­gang. Aber die Rou­ti­nen und Kon­ven­tio­nen der Demo­kra­tien, die auch unter gro­ßem Druck so lan­ge so gut funk­tio­niert hat­ten, gerie­ten ins Stot­tern. Jetzt kam es auf klu­ges Regie­ren an, jetzt konn­te jeder fal­sche Schritt in den Abgrund füh­ren, jetzt waren anti­de­mo­kra­ti­sche Kräf­te und Tra­di­tio­nen imstan­de, zur Bedro­hung zu wer­den. Die libe­ra­le und sozia­le Demo­kra­tie war nicht am Ende. Sie ging sogar gestärkt aus der gro­ßen Kri­se her­vor. Nur nicht in Deutsch­land. (112f.)

Das ist genau der Punkt, um den die­ser Essay kreist: Die Ent­wick­lung der Geschich­te war – auch in Deutsch­land – kei­ne zwangs­läu­fi­ge, der Weg aus der Kri­se hät­te auch anders aus­se­hen kön­nen. Ver­sa­gen sieht Mül­ler hier vor allem bei Brü­ning, dem er bescheinigt: 

Vom Blick­win­kel der Geschich­te der Demo­kra­tie aus war es nicht die­se oder jene Maß­nah­me der Brü­ning-Regie­rung, die den Unter­gang der Demo­kra­tie ein­lei­te­te, nicht das Spa­ren selbst, son­dern ein fun­da­men­ta­les intel­lek­tu­el­les Ver­sa­gen, die Unfä­hig­keit, Poli­tik in einer der Demo­kra­tie ange­mes­se­nen Kom­ple­xi­tät zu den­ken. (120)

Die Modi, Lösun­gen oder Stra­te­gien zur Bewäl­ti­gung der Kri­se der Demo­kra­tie, dar­auf weist Mül­ler aus­drück­lich hin, hät­ten aber gera­de das zur Bedin­gung gehabt: Die Beherr­schung des „Thea­ters der Demo­kra­tie“ (127) – das scheint für Mül­ler nicht nur der/​ein wesent­li­cher Unter­scheid zwi­schen Brü­ning und Roo­se­velt zu sein, son­dern ein wesent­li­ches Ele­ment erfolg­rei­cher Kri­sen­be­wäl­ti­gung. Zumin­dest kann man sein Lob von Roo­se­velts „demokratische[m] Expe­ri­men­tie­ren“ (129), das Mül­ler wohl als ange­mes­sens­tes Ver­fah­ren, die Kri­se zu be-/über­wäl­ti­gen, ansieht, so sehen.

Im Grun­de ist das auch schon ein wesent­li­cher Teil des Haupt­ar­gu­ments: „Wirt­schafts­wachs­tum, Wohl­fahrts­staat und Demo­kra­tie waren unauf­lös­lich mit­ein­an­der ver­wo­ben.“ (138f.). Und da sind, gera­de in Kri­sen­zei­ten, für Mül­ler han­deln­de Per­so­nen gefragt, Indi­vi­du­en (hier eben Poli­ti­ker (& Keynes ;-))), die die­se Kom­ple­xi­tät erken­nen und zugleich im demo­kra­ti­schen Dis­kurs (dem „Thea­ter“) ange­mes­sen argu­men­tie­ren kön­nen. In allen sei­nen Bei­spie­len macht Mül­ler Akti­ve aus, die die Demo­kra­tie „ret­ten“ (oder im fal­le Brü­nings, eben nicht). Ange­legt ist das dabei durch­aus in Struk­tu­ren, aber die Not­wen­dig­keit der/​einer Ent­schei­dung und – das ist im demo­kra­ti­schen Han­deln eben immer genau­so wich­tig – des Über­zeu­gens bleibt (als vor­nehm­lich indi­vi­du­el­le Leistung!).

Als kon­kre­te Über­le­bens­stra­te­gien von Demo­kra­tien iden­ti­fi­ziert Mül­ler dann vor allem drei Momen­te: Ers­tens die „sozia­le Sta­bi­li­sie­rung durch Sozi­al­po­li­tik“ (das heißt auch, in wirt­schaft­li­chen Kri­sen­zei­ten die staat­li­chen Inves­ti­tio­nen aus­zu­wei­ten statt blind zu spa­ren), zwei­tens die „poli­ti­sche Inte­gra­ti­on durch demo­kra­ti­sches Pathos, durch Par­ti­zi­pa­ti­on und Mobi­li­sie­rung der Bür­ger“ und drit­tens eine Wirt­schafts­po­li­tik mit inten­si­vem ein­grei­fen in öko­no­mi­sche Struk­tu­ren, „ohne Rück­sicht auf öko­no­mi­sche Effi­zi­enz“, d.h. hier v.a. Arbeits­be­schaf­fungs­maß­nah­men (152). Das kann man übri­gens, so deu­tet Mül­ler sehr vor­sich­tig an, durch­aus auch für die gegen­wär­ti­ge Kri­se als Lösungs­fak­to­ren anneh­men … Über alle Kri­sen hin­aus aber gilt: 

Demo­kra­tien muss­ten sich ihrer stän­di­gen Gefähr­dung auch in guten Zei­ten bewusst blei­ben. Unter allen Umstän­den galt es, ihr zivi­li­sa­to­ri­schen Mini­mum zu bewah­ren. (152)

Alex­an­der Gumz: aus­rü­cken mit model­len. Ber­lin: kook­books 2011. 88 Seiten.

gumz, modelleSelt­sam: das fes­selt oder berührt mich so gar nicht – ohne dass ich sagen könn­te, war­um. Irgend­wie zün­den die Bil­der nicht, die Spra­che (Stil und Form) setzt sich nicht fest, die Inhal­te inter­es­sie­ren mich nicht. Die Form­lo­sig­keit (ger­ne in lan­gen Zwei­zei­ler) ist zwar irgend­wie gefühlt kook­books-typisch, aber ich erken­ne nichts, was die Tex­te für mich inter­es­sant mach­te. Viel­leicht braucht’s noch­mal eine Re-Lek­tü­re in ein paar Wochen – wer weiß, mög­li­cher­wei­se sieht der Lese­ein­druck dann schon ganz anders aus … 

Net­te Momen­te hat das näm­lich schon – zum Bei­spiel im ers­ten Zyklus, „zer­beul­tes gelän­de“: Der Wald, der wie auf Dro­gen scheint. Über­haupt spie­len Zei­chen (in) der Natur eine Rol­le: das heißt nicht zufäl­lig „zer­beul­tes gelän­de“, geht es doch immer wie­der um die Ein­wir­kung und die Ein­grif­fe der Men­schen in die Natur bzw. den Wald. Aber dann lese ich eben auch vie­les, was mir nur selt­sam und gewollt erscheint: wie gesagt, die Reso­nanz fehlt bei mir (was durch­aus an die­sem spe­zi­fi­schen Leser lie­gen kann): das sind nur lose gereih­te gewoll­te Bil­der für mich, nach den ers­ten Sei­ten ist aber auch die­ser Reiz weg.

wir leh­nen an der gren­ze zum gewitter,
schüt­teln die köpfe.

unter unse­ren füßen
dehnt sich der steg. (11, zer­beul­tes gelände)

Chris­toph Ban­gert: War Porn. Hei­del­berg, Ber­lin: Keh­rer 2014. 189 Seiten.

bangert, war pornEin har­tes, sehr har­tes und grau­sa­mes Buch. War Porn sam­melt Kriegs­fo­to­gra­fie aus Irak und Afgha­ni­stan vor allem, die in Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten nicht gedruckt wird. Sie zeigt näm­lich vor allem die Opfer, die Res­te, die von Men­schen manch­mal nur noch übrig blei­ben, nach dem der Krieg über sie hin­weg gegan­gen ist. Aber das ist eben auch emi­nent wich­tig, so etwas zu sehen, sich selbst zuzu­mu­ten – Krieg, Gewalt pas­siert ja nicht ein­fach, son­dern wird gemacht. Von Men­schen. Über­all und immer wie­der. Dar­an muss man erin­nern: wie das aus­sieht – abseits der schi­cken Kampf­jets oder der harm­los ver­nied­lich­ten „Droh­nen“. Klug ist das inso­fern, als Ban­gert sehr wohl um die „Nor­ma­li­tät“ sei­ner Bil­der weiß: Die sind – und das gilt eben lei­der auch für das dar­ge­stell­te – kei­nes­wegs außer­ge­wöhn­lich. Unge­wöhn­lich ist nur, dass sie gezeigt wer­den. Das – als Buch – zu loben, hat einen bit­te­ren Bei­geschmack: Denn das ist zwar durch­aus ein schö­nes Buch, schö­ner wäre es aber, wenn es War Porn gar nicht gäbe.

What you see in this book is my per­so­nal expe­ri­ence. And in a way it’s yours, too, becau­se the­se things hap­pen­ed in your life­time. You as a view­er are com­pli­cit. (3)

außer­dem:

  • Peter Weiss, Ästhe­tik des Wider­stands – groß­ar­tig und erschla­gend, fes­selnd und lang­wei­lend ohne Ende (je nach dem, wo man gera­de ist – im 2. Buch hat­te ich ganz schö­ne Durchhänger …)
  • Johann Beer (das „Tage­buch“, Jucun­di Jucun­dis­si­mi wun­der­li­che Lebens-Beschrei­bung u.a.)
  • Chris­ti­an Reu­ter, Schmel­muff­skys wahr­haff­ti­ge curiö­se und sehr gefähr­li­che Rei­se­be­schrei­bung zu Was­ser und Lande
  • Joseph Roth, Das fal­sche Gewicht. Die Geschich­te eines Eichmeisters
  • Max Frisch, Tage­buch 1966–1971

Exil

Ein Emi­grant ist kein Mensch, nur ein Schat­ten, der einen Men­schen vor­stel­len will.

— Peter Weiss, Ästhe­tik des Wider­stands, II/​16

Gedichte

die bes­ten Gedich­te eines Goe­the, Klop­stock, Höl­der­lin – sind nichts, als sehr gute Pro­sa; anders, in Zei­len, angeordnet

— Arno Schmidt, Reim’ Dich oder ich freß’ Dich!

Aus-Lese #32

Jan Keupp, Jörg Schwarz: Kon­stanz 1414–1418. Eine Stadt und ihr Kon­zil. Darm­stadt: Wis­sen­schaft­li­che Buch­ge­sell­schaft 2013. 213 Seiten. 

keupp-schwarz_konstanzEine – vor allem im ers­ten Teil von Jörg Schwarz – sehr gut zu lesen­de Dar­stel­lung für Nicht-Exper­ten des spä­ten Mit­tel­al­ters. Die ers­te Hälf­te befasst sich mit dem eigent­li­chen Kon­zil, der Auf­lö­sung des gro­ßen abend­län­di­schen Schis­mas, bei dem aus drei Päps­ten wie­der einer wur­de und neben­bei unter ande­rem noch Jan Hus ver­brannt wur­de. Das ist soli­de gemacht, geht aber natur­ge­mäß nicht all­zu sehr in die Tie­fe. Im zwei­ten Teil geht es dann in der Dar­stel­lung von Jan Keupp um Kon­stanz selbst: Die Stadt, ihre Bür­ger, ihre Poli­tik, ihre Wirt­schaft. Das franst dann ein biss­chen aus, der The­men­strauß wird arg bunt und es wirkt etwas ober­fläch­lich und zufäl­lig, die stär­ke­re Kohä­renz des ers­ten Teils wird nicht mehr erreicht. Das ist weni­ger ein Pro­blem von Keupp, auch wenn er nicht ganz so ein guter Erzäh­ler ist wie Schwarz (der manch­mal frei­lich arg sug­ges­tiv schreibt), son­dern eines der Sache – die ist ein­fach so viel­fäl­tig, dass sie nur durch den Ort der Über­lie­fe­rung – Kon­stanz eben – zusam­men­ge­hal­ten wird. Durch reich­hal­ti­ge Quel­len­zi­ta­te (meist über­setzt), vor allem aus den Rats- und Gerichts­ak­ten, wird das recht leben­dig. Lei­der ist aber über­haupt kein Zitat nach­ge­wie­sen – das fin­de ich dann doch immer scha­de, weil es die Benutz­bar­keit natür­lich enorm einschränkt.

Pierre Ber­taux: Höl­der­lin und die Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on. Frank­furt am Main: Suhr­kamp 1969. 188 Seiten. 

bertaux, hölderlinEin Klas­si­ker der Höl­der­lin-For­schung, der zu sei­ner Zeit, bei sei­nem ers­ten Erschei­nen, ziem­lich für Auf­ruhr sorg­te. Denn Ber­taux geht es dar­um, zu zei­gen, dass Höl­der­lin Jako­bi­ner – also Anhän­ger der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on war – und, das ist das wich­ti­ge an sei­nem Buch, dass sich das auch in der Dich­tung Höl­der­lins nie­der­schlägt. Den ers­ten Punkt kann ich gut nach­voll­zie­hen, beim zwei­ten wird es schwie­rig, da scheint mir Ber­taux’ Lek­tü­re von Höl­der­lins Lyrik als ver­schlüs­sel­ter Code, der sei­ne poli­ti­sche Bot­schaft ver­steckt, zu ein­sei­tig und etwas übers Ziel hin­aus zu schie­ßen. Letzt­lich steht aber auch recht wenig zu kon­kre­ten Wer­ken Höl­der­lins drin – dafür ent­wi­ckelt Ber­taux mit viel Mühe ein brei­tes Pan­ora­ma der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on und vor allem ihrer Rezep­ti­on in Deutsch­land und beson­ders in Tübin­gen und Schwa­ben, das weit, sehr, sehr weit über Höl­der­lin hin­aus geht, aber ande­rer­seits zum kon­kre­ten Gegen­stand der Unter­su­chung eben auch nur bedingt etwas beiträgt.

Wor­auf es ankam, war, an einem Bei­spiel zu zei­gen, daß die »poli­ti­sche« Inter­pre­ta­ti­on der Dich­tung Höl­der­lins auch – und nicht zuletzt – einen gül­ti­gen Bei­trag zu einem bes­se­ren Ver­ständ­nis leis­ten kann und die­se Dich­tung wie­der auf­le­ben läßt in ihrer Aktua­li­tät, als lau­fen­den Kom­men­tar zum Pro­blem der Revo­lu­ti­on und des Man­nes im Zeit­al­ter der Revo­lu­tio­nen. (138)/

Oswald Egger: Tag und Nacht sind zwei Jah­re. Kalen­der­ge­dich­te. Warm­bronn: Ulrich Kei­cher 2006. 31 Seiten. 

Egger, Tag und NachtKalen­der­ge­dich­te? Wirk­lich? Das wür­de mich bei einem Autor wie Oswald Egger aller­dings über­ra­schen. Und natür­lich ist das weder Kalen­der noch Gedicht – zumin­dest nach her­kömm­li­chem Ver­ständ­nis. Aber das zähl­te für Egger ja (noch) nie. Ein ande­rer, ein neu­er Gang durch’s (Natur-)Jahr hat er hier auf­ge­schrie­ben – Men­schen kom­men nicht vor (nur das „ich“, das aber durch­aus häu­fig), höchs­tens ihre Arte­fak­te wie die „Fahr­stra­ße“ (14), die Wege etc, die in der Natur lie­gen – ein Jah­res­rei­gen, wirk­lich ein Rei­gen. Hier kann man sehen, was pas­siert, wenn sich ein Sprach­meis­ter und ‑magi­er wie Egger der Natur annimmt: Ihren Erschei­nun­gen und ihrem Erklin­gen. Das ist – wie immer – phan­tas­tisch: Kaum jemand kann Spra­che so magisch und kraft­voll ver­for­men wie Egger – und damit Bil­der und Töne evo­zie­ren, die nor­ma­le Sät­ze oder Wör­ter nicht auf­ru­fen kön­nen: Die sind zu schwach, zu aus­ge­laugt, zu abge­nutzt, sie tref­fen das ein­zig­ar­ti­ge, beson­de­re des jewei­li­gen Moments nicht – und des­halb gibt’s halt Neu­es. Das hat immer etwas von einem Aben­teu­er: Man weiß weder, wo der Satz einen hin­führt, noch, was der nächs­te Satz, die nächs­te Seite/​Doppelseite (ein „Gedicht“) bringt.

[…] wie far­big flam­men­de­re Träu­me /​schreck­ten die­se hier, kal­bends­ten sel­ban­der, als Vögel /​im Fie­ber­schlaf erstarrt, und flou­res­zie­ren etwas (wie nichts) /​| auf Gra­nit, die wie Por­phyr­pflas­ter­plat­ten der Zufluß-Gnei­se /​schie­fern­der Wege, alles Fir­ma­ment ver­blei­te licht­grau und /​betrübt sich rich­tig – (rich­tig)? (2f.)
Moni­ka Rinck: Hel­le Ver­wir­rung. Gedich­te – Rincks Ding- und Tier­le­ben. Tex­te & Zeich­nun­gen. Idstein: kook­books 2009. 139 Seiten. 

rinck, helle verwirrungGleich zwei Bücher auf ein­mal hier. Aber zwei ganz ver­schie­de­ne Sei­ten von Moni­ka Rinck. In Hel­le Ver­wir­rung die „nor­ma­le“ Lyri­ke­rin, in Rincks Ding- und Tier­le­ben die Zeich­ne­rin von kurio­sen Din­gen. Aber Rinck hat ja sowie­so Auge und Ohr für das Unge­wöhn­li­che, das Kurio­se – etwas im „Begriffs­stu­dio“. Das schlägt sich vor allem in den küh­nen Bil­dern der Hel­len Ver­wir­rung nie­der – und in den star­ken Titel der Gedich­te, die – sel­ten genug – wirk­li­che Titel sind: „erschöpf­te kon­zep­te: die lie­be“, „immer nie“ …
Und allein der Quit­ten-Zyklus ist mit sei­nen phan­tas­ti­schen, viel­fäl­ti­gen und voll­kom­men über­ra­schen­den Bil­dern den Band schon wert.

Weni­ger konn­te ich dage­gen mit dem Ding- und Tier­le­ben anfan­gen: Das ist sehr spie­le­risch und humo­ris­tisch, mit Lust an Kon­tra­dik­tio­nen und Null-Sinn und dem sprach­li­chen extem­po­rie­ren. Aber einen rech­ten Zugang habe ich dazu nicht gefunden.

Mein Lieb­lings­zi­tat:

in jedem buch gibt es zei­len, die man gar nicht lesen darf. (14)

Schö­ne Stel­len gibt es aber unend­lich vie­le. Zitie­rens­wert erschien mir auch noch das hier – viel­leicht gibt das ja einen Ein­druck, war­um ich das so gern gele­sen habe: 

das fand für dich auf der gren­ze statt, die meis­ten dei­ner gäs­te /​haben sich ent­schie­den für: nor­ma­li­tät. ein­sam waren sie trotz­dem. (16)/

Oswald Egger: Deut­scher sein. Warm­bronn: Ulrich Kei­cher 2013 (Rei­he Lite­ra­tur­haus Stutt­gart 4). 28 Seiten. 

Egger, Deutscher-seinEin klei­ner, bei Kei­cher sorg­sam gedruck­ter Essay über die deut­sche Spra­che, ihre Struk­tur und ihren Laut, ihre Mög­lich­kei­ten und Schwie­rig­kei­ten. Zugleich geht es, der Titel ver­rät es ja, auch um die Mög­lich­kei­ten und Beschwer­nis­se, Deut­scher zu sein. Die­ses Sein scheint sich aber – für Egger ja nicht beson­ders ver­wun­der­lich – vor allem oder haupt­säch­lich in der Spra­che abzu­spie­len und zu ent­wi­ckeln. Des­we­gen geht es also auch um sol­che Erleb­nis­se wie den „Schmug­gel“ von Sinn und Bedeu­tung in Wör­ter, Sät­ze und Tex­te. Oder um Klang und Musik, Lie­der und Melos des Deut­schen – vor allem natür­lich des „Deutsch­lands­lie­des“, der Natio­nal­hym­ne. The­men sind außer­dem: Der Umgang „der Deut­schen“ – und ihrer Dich­ter – mit ihrer Spra­che und den ihr inne­woh­nen­den Mög­lich­kei­ten. In An- und Halb­sät­zen zei­gen sich dabei auch eini­ge Bau­stei­ne der Poe­tik Eggers – näm­lich eben in sei­nem Ver­ständ­nis der Spra­che, die wohl etwas sehr offe­nes und flui­des ist. 

da gabelt sich die Gabe der Spra­che in irr­wi­sche Wün­schel, durch und durch die Gegend ohne Gegen­stand als ein ein­ge­peitsch­ter Schlin­ger­krei­sel im ergat­ter­ten Misch­masch (5)

Oswald Egger: Nichts, das ist. Frank­furt am Main: Suhr­kamp 2001. 160 Seiten. 

egger, nichts das istAußer­dem noch die­sen drit­ten Egger gele­sen. Aber da sehe ich mich außer­stan­de, etwas halb­wegs klu­ges dazu zu sagen …

In den Gedich­ten oder 200 Strophen/​4‑Zeiler mit angehängter/​überlagerter Poe­tik & Sprach­kri­tik & Sprach­su­che im poe­ti­schen Modus steckt – so viel mer­ke ich schon beim ers­ten Lesen – unheim­lich viel drin. Hyper­kom­plex gibt sich das, viel­leicht ist das aber auch nur gefakt? Beim (ers­ten) Lesen blei­ben eigent­lich nur Sinn­fet­zen, Asso­zia­tio­nen, Klän­ge, Klang­wort­rei­hen und ‑ent­wick­lun­gen – aber davon so viel, dass es die Lek­tü­re lohnt. Die 3–5fache Par­al­le­li­tät des Tex­tes (der Tex­te? – was ist hier über­haupt „der“ Text? und was machen die Zeichnungen/​Grafiken da drin?), hori­zon­tal und ver­ti­kal auf den Sei­ten, vom Kolum­nen­ti­tel oben bis zum unte­ren Rand, über­haupt das per­ma­nen­te Über­kreu­zen und Que­ren – von Sinn, von Einheit(en), von Text und Spra­che machen schon eine „nor­ma­le“ Lek­tü­re unmög­lich – ein „Ver­ste­hen“ erst recht. Immer neue Ansät­ze schei­nen sich hier auf­zu­tun, Ite­ra­tio­nen viel­leicht auch, oder Boh­run­gen in der Art von Ver­su­chen mit offe­nem Aus­gang: kein fes­ter BOden, kein festes/​dauerndes Ergeb­nis ist das ein­zig Ergeb­nis­haf­te, was die Lek­tü­re ergibt. 

Zwei Bei­spiel­sei­ten – bei­na­he zufäl­lig aus­ge­wählt ;-) – mögen das illustrieren:
egger, nichts das ist, 18

egger, nichts das ist, 48

Scott Jurek with Ste­ve Fried­man: Eat & Run. My unli­kely Jour­ney to Ultra­ma­ra­thon Great­ness. Lon­don u.a.: Bloomsbu­ry 2012. 260 Seiten.

Ist das ein Lauf­buch? Der Autor­na­me lässt es ver­mu­ten: Scott Jurek ist einer der gro­ßen Ultra­l­äu­fer. Aber Eat & Run – der Titel ver­rät es ja schon – dreht sich nicht nur ums Lau­fen. Im Gegen­teil: Über wei­te Stre­cken geht es vor allem ums Essen. Nicht ohne Grund steht das im Titel vor­ne. Und zwar um das rich­ti­ge Essen – näm­lich die vega­ne Ernäh­rung. Jurek schil­dert aus­führ­lich sei­nen Weg von der „nor­ma­len“ ame­ri­ka­ni­schen Kost des mitt­le­ren Wes­tens zur vega­ni­schen Ernäh­rung. Das geschieht bei ihm vor allem aus (schein­bar) gesund­heit­li­chen Grün­den und weil er meint zu beob­ach­ten, dass er sich damit bes­ser fühlt. Zugleich pla­gen ihn aber auch lan­ge und immer wie­der die Zwei­fel, ob er mit vega­nen Lebens­mit­teln aus­ge­wo­gen, gesund und in allen Berei­chen aus­rei­chend genährt ist, um Ultras zu laufen.

So recht warm gewor­den bin ich mit Eat & Run aber nicht. Obwohl ich die Leis­tun­gen Jureks sehr schät­ze, blieb mir sei­ne Hal­tung zum Lau­fen, wie sie sich hier zeigt, ein­fach fremd. Mehr dazu steht in mei­nem Lauf­blog: klick.

span style=„font-variant: small-caps“>Werner Laub­scher: Win­ter­rei­se. Win­ter­spra­che. Ann­wei­ler: Tho­mas Plö­ger 1989. 58 Seiten.

laubscher, winterreiseDar­auf bin ich nur zufäl­lig durch einen Bei­trag in der Poet #15 gekom­men. Zunächst mal ist das ein schö­nes Buch, auch die Her­stel­lung ist ein Teil des Kunst­werks: Tra­di­tio­nel­ler Blei­satz, fei­nes Papier (unauf­ge­schnit­ten und des­we­gen dop­pelt – so wird aus 58 Sei­ten ein Buch), leben­di­ger Druck, schö­ner Ein­band, dazu die far­bi­gen Bil­der Laub­schers – so macht man Bücher. 

Wil­helm Mül­lers Win­ter­rei­se – oder wohl doch eher Schu­berts Lied­zy­klus – dient Laub­scher als Anre­gung und Aus­gangs­punkt für sei­ne klei­nen Gedich­te. Die haben etwas von Pre­zio­sen: Fein und fein­sin­nig beob­ach­tet, sehr klug und sehr sprach­ge­wandt, auch sehr geschlif­fen und fest, über­haupt nicht spie­le­risch. Teil­wei­se funk­tio­nie­ren sie als Über­schrei­bung: Ein­zel­ne Wor­te und Sät­ze aus dem „Ori­gi­nal“ sind als Zita­te und Anklä­ge ein­ge­ar­bei­tet – sehr dicht, fast naht­los fügen sie sich in Laub­schers wesent­lich moder­ne­ren (wenn auch nicht avant­gar­dis­ti­schen) Ton ein, der es trotz sei­ner Moder­ni­tät schafft, ver­gleichs­wei­se zeit­los zu blei­ben. Ziem­lich düs­ter, grau und trau­rig ist die­se Win­ter­welt hier. Aber, und das macht es lesens­wert, es sind ganz vie­le Graus. Viel­leicht könn­te man sagen, dass Laub­scher hier die Mül­lersche Win­ter­rei­se über­bie­tet: Mit mehr Rea­lis­mus und zugleich mehr poe­ti­scher Ent­rü­ckung geht das wei­ter als die roman­ti­schen Urge­dich­te. Und bleibt dabei ande­rer­seits auch doch sehr zurück­hal­tend – arg breit ist das the­ma­ti­sche Feld nicht. Das macht aber nicht, weil es hand­werk­lich sehr geschickt – etwa in der Ver­ket­tung der ein­zel­nen Gedich­te – und durch­aus fein gemacht ist: (Be)rührend sind hier vie­le der Gedich­te, emo­tio­nal durch oder in ihrer Kunstfertigkeit.

Eines mei­ner Lieb­lings­ge­dich­te aus dem titel­ge­ben­den Zyklus ist das auf Sei­te 19:
laubscher_19

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