Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Kategorie: literatur Seite 13 von 38

Blütenstaub

Wir sind auf einer Mis­si­on: zur Bil­dung der Erde sind wir berufen.

— Nova­lis, aus der Samm­lung Blü­ten­staub

(Nova­lis ist heu­te vor 242 Jah­ren gebo­ren worden.)

Aus-Lese #31

Bir­git Kemp­ker: Ich will ein Buch mit dir. Weil am Rhein: Urs Enge­ler Edi­tor 1997. 119 Seiten. 

Ein fei­nes und schö­nes Buch ist das, von einer gewis­sen Ele­ganz. Und von einer deut­li­chen Mehr­di­men­sio­na­li­tät, die weit über das „Buch“ als Text hin­aus reicht: Das ist zugleich Buch­kunst (in den von der Autorin über­bor­dend gestal­te­ten Umschlä­gen und Vor­satz­blät­tern), im Text, in den ein­ge­füg­ten Fotos (die wirk­lich asl Bil­der ein­ge­klebt sind wie in einem per­sön­li­chen Album, nicht gedruckt), als Hörstück.

Kemp­ker ver­folgt hier die Geschich­te einer Lie­be, auch (gera­de) der kör­per­li­chen, über zwei Jahr­hun­der­te hin­weg. Sehen spielt dabei eine gro­ße Rol­le – und der Ver­lust davon, die Tren­nung, das Weg-Gehen: Abwe­sen­des Sehen, also Erin­nern und Ver­ge­gen­wär­ti­gen ist ein wich­ti­ges The­ma die­ses Buches, des­sen Gat­tung gar nicht so ein­fach zu bestim­men ist: Das Gedächt­nis und als Bild oder im Foto, aber auch in der Prä­senz der Schrift. Tren­nung und Gegen­wart, Sehn­sucht und Erfül­lung sind die gro­ßen The­men die­ses Buches. Schei­tern oder doch ein (pro­ble­ma­ti­sches) Gelin­gen, das bleibt in der Schwebe.

Kemp­ker schreibt hier dicht, fast atem­los mit den kur­zen Sät­zen, den weni­gen Hypo­ta­xen und den oft nach­ge­stell­ten Appo­si­tio­nen (und über­ge­ord­ne­ten Sät­zen). Am ehes­ten kann man Ich will ein Buch mit dir wohl als Lang­ge­dicht zu bezeich­nen, des­sen Stro­phen aber eher als Blö­cke oder Kapi­tel zu lsesn sind. Über­haupt ist die Unter­schei­dung Pro­sa oder Lyrik hier nicht ein­fach – zur Lyrik weist vor allem die Text­ge­stal­tung auf der Sei­te, weni­ger die eigent­li­che (inne­re) Textgestalt. 

Das Gan­ze ist dabei durch­aus aus­grei­fend: Die Buch­ge­stal­tung – mit den Fotos als „ech­te“ Fotos, wie im Fami­li­en­al­bum ein­ge­klebt, nicht gedruckt, dem Umschlag und den Vor­satz­blät­tern. Und dann auch noch eine CD mit einer knap­pen hal­ben Stun­de „Stü­cke“, die The­men und Sät­ze des Buches auf­grei­fen …, mit den Stim­men spie­len, die die „Bür­ger und Bür­ge­rin­nen der Stadt Ber­lin“ der Autorin und ihrem Co-Autor lei­hen und den Tex­ten, den kur­zen Sät­zen neu­en Klang und neu­en Bei­klang, neu­en Sinn ver­lei­hen. Ein Aben­teu­er, wahrlich.

Ich schwin­ge mich von Satz zu Satz mein Schatz /​durch die­se Soli­tü­den, ich häng an dir, im /​Dschun­gel gibt es kei­nen fal­schen Ton, neh­me /​dei­ne Brie­fe an mein Bett. (75f.)

Moni­ka Maron: Stil­le Zei­le Sechs. Frank­furt am Main: Fischer 1993. 219 Seiten .

maron, stille zeile sechsBei Tho­mas Bern­hard hät­te so ein Buch und sein The­ma den Unter­ti­tel Eine Abrech­nung getra­gen. Dafür ist Maron aber zu fein­sinng und es wäre ihre wohl auch zu direkt. Aber im Kern ist Stil­le Zei­le Sechs (was übri­gens eine Haus­num­mer ist und sich nicht auf irgend einen Text bezieht) genau das: Eine Abrech­nung mit den „Vätern“ der DDR, hier als Beglei­tung des Lebens­en­des und des Begräb­nis des über­zeug­ten Sozia­lis­ten Her­bert Bee­ren­baum durch die His­to­ri­ke­rin Rosa­lind Pol­kow­ski, die Mit­te der 1980er in der DDR beschließt, nicht mehr ihren Kopf und ihr Den­ken dem Arbeits­markt (wie es so schön heißt) zur Ver­fü­gung zu stel­len, des­halb als eine Art Sekre­tä­rin des Bee­ren­baum für die Nie­der­schrift sei­ner Memoi­ren dient und dabei dann doch wie­der anfängt, zu den­ken und mit dem „Kopf zu arbei­ten“ – aller­dings in dras­ti­scher Oppo­si­ti­on un Her­aus­for­de­rung zu Beerenbaum. 

Dar­in, wie in einem Kin­der­bett, lag der geschrumpf­te Bee­ren­baum; der Mensch erkenn­bar als sein ver­schlis­se­nes Mate­ri­al: die gal­lert­ar­ti­ge Sub­stanz der Augen, deren Run­dung die Höh­len frei­ga­ben, die Haut als Per­ga­ment, schon los­ge­löst vom Fleisch, das blaue Geäder hin­ter den trans­pa­ren­ten Schlä­fen, die Schä­del­kno­chen, die sich durch die schlaf­fe Haut dräng­ten und als das Gesicht des Todes schon sicht­bar waren unter dem, das Bee­ren­baum im Leben gehört hat­te. (32f.)

[
Ger­traud Klemm: Herz­milch. Graz: Dro­schl 2014. 237 Seiten. 

klemm, herzmilchDas ist groß­ar­tig, die­ses Buch – die­ser Roman. Dabei ist es eigent­lich fast trau­rig und depri­mie­rend, was hier erzählt wird. Im Kern geht es um die Fra­ge: Wie wird man Frau? Und wie ist man das eigent­lich? Wie ver­hält man sich zu den Rol­len-/Ge­schlechts­er­war­tun­gen, zu den Ansprü­chen der ande­ren, der Gesell­schaft, zu den eige­nen Träu­men zwi­schen Kopf und Körper?

Es gibt kein Ent­kom­men von mei­nem Geschlecht. (182)

Wun­der­bar fand ich die Erzähl­tech­nik, mit der Klemm fast unmerk­lich die Zeit ver­ge­hen lässt: Die fünf Haupt­tei­le sind jeweils bestim­men Lebens­ab­schnit­ten gewid­met – Kind­heit, Pubertät/​Abitur, Stu­di­um, Arbeits­le­ben, Mut­ter­schaft -, in ihnen glei­tet die Zeit oft dahin, wech­sel Klemm und springt ohne direk­te Hin­wei­se im Text nach vorn. Dazu die radi­ka­le Innen­per­spek­ti­ve, die star­ke Ein­sich­ten ver­mit­teln kann. Und das wird dar­über hin­aus in einer sehr bild­haf­ten Spra­che erzählt, gera­de im Anfang, aber auch über die Kind­heit hin­aus: Eine Spra­che, die einen phan­ta­sischen oder zumin­dest phan­ta­sie­vol­len Umgang mit der Umwelt wider­spie­gelt und die die Welt und die Umge­bung belebt.

Ich bin kein Kind mehr, das ist klar. Aber was muss ich jetzt tun, um eine Frau zu sein? (55)/

Suchen und Fra­gen sind die Haupt­mo­ti­ve in Herz­milch – und das Zwei­feln, immer wie­der das Zwei­feln: an der Rol­le, an der eige­nen Iden­ti­tät, an den Zie­len und Wün­schen – ein Leben als Lei­den kris­tal­li­siert sich dabei her­aus. Das ist oft bit­ter und trau­rig, in wei­ten Tei­len auch hart erzählt, schlägt aber nie ins Böse oder zur Bös­ar­tig­keit um. Die­se Grat­wan­de­rung ist es, was wesent­lich dazu bei­trägt, Klemms Roman so gelun­gen zu machen.

Ein Pfahl steckt quer durch unser gan­zes Leben und die Herz­milch spritzt in Fon­tä­nen her­aus. (220)

Fori­an Schei­be: Wei­ße Stun­de. Wien: Luft­schaft 2012. 205 Seiten. 

Florian Scheibe, Weiße StundeAuch wie­der so eine selt­sa­me Geschich­te: Die Freun­din des Erzäh­lers „ver­schwin­det“ bei einem Aus­flug im (Arbeits-)Urlaub in Sizi­li­en, in Noto – und der Erzäh­ler ver­hält sich, das ist der Haupt­teil der Erzäh­lung, des Debüt­ro­mans von Schei­be (auf den ich durch sei­nen Bei­trag in der SpritZ #209 auf­merk­sam wur­de), etwas unge­wöhn­lich, selt­sam und auch ihm selbst uner­klär­lich: Er sucht nicht nach ihr. Fast im Gegen­teil ver­schweigt und ver­heim­licht er zumin­dest zeit- und teil­wei­se ihre Abwe­sen­heit und den Grund. Das führt zu einer neu­en Schaf­fens­kraft des als – bis dahin blo­ckier­ten – Autor arbei­ten­den Erzäh­lers. Dann gerät er aller­dings unter Mord­ver­dacht, wird auch ver­ur­teilt – und im abschlie­ßen­den Teil erfährt der Leser dann sehr hol­ter­di­pol­ter, sehr dif­fe­rent zum ers­ten Teil des Romans, die Unschuld des Erzäh­lers (die Frau war von einem ein­hei­mi­schen Bau­ern ent­führt und ermor­det wor­den, was ein­ein­halb Jah­re spä­ter ans Licht gelangt) bei einer Rück­kehr an den Ort des Ver­lus­tes und des Ver­bre­chens – was aber wie­der­um zu einem Umschlag führt: Die­ses Mal bricht der Erzäh­ler wie­der­um alle Brü­cken ab, lebt als Obdach­lo­ser den sizi­lia­ni­schen Som­mer (ohne Aus­sicht auf Lösung die­ses Zustan­des im Win­ter), aber eben wie­der­um als Schrei­ben­der – Künst­ler-sein gelingt offen­bar nur in dem Moment, in dem er sich aus der Gesell­schaft und ihren Erwar­tun­gen radi­kal aus­klinkt, mit ihnen bricht und sich ihr und ihnen (total, bis zur kör­per­li­chen und geis­ti­gen Selbst­auf­ga­be) ver­wei­gert. Eine gewis­se Skep­sis kann ich ange­sichts des­sen nicht ver­heh­len: Der „Fluch des Schrei­bens“ treibt mir hier zu gro­ße Blüten …

Die Span­nung, die Schei­be aus die­ser Kon­stel­la­ti­on ent­wi­ckelt, ist durch­aus stark – zumal man als Leser dem Erzäh­ler so eini­ges zutraut, ohne sich je sicher sein zu kön­nen. Aber der Schluss hat mich dann doch arg unbe­frie­digt hin­ter­las­sen, zumal das Pen­deln zwi­schen Selbst­über­schät­zung und Selbst­zer­stö­rung zu kei­nem „ver­nün­fi­gen“, irgend­wie befrie­di­gen­den Ergeb­nis führt. 

Klaus Bartsch: Tan­go Ber­lin. Neue und aus­ge­wähl­te Gedich­te. Ber­lin: Wagen­bach 2010. 77 Seiten. 

tango berlinEine manch­mal erstaun­li­che Mischung zeigt die­se vom Autor selbst ver­an­stal­te­te Werk­aus­wahl (lei­der ohne Nach­wei­se und Ent­ste­hungs­zeit- bzw. Erst­ver­öf­fent­li­chungs­an­ga­ben): Es geht in den Gedich­ten oft um har­te Din­ge, um Krieg, Tod, Gewalt und Zer­stö­rung. aber sie zei­gen oft eine spür­ba­re Hei­ter­keit ange­sichts von Grau­en und Schre­cken des Welt­krie­ges, von Man­gel und Zwang. Gewitz­heit und Gelas­sen­heit prä­sen­tie­ren sich oft in lako­ni­scher Cool­ness: knapp und unsen­ti­men­tal, trotz des sen­ti­ma­li­schen For­men­ge­brauchs (mit regel­mä­ßi­ger Metrik mit klas­si­schen Paar- oder Kreuz­rei­men in vie­len Fäl­len). Auch wenn man oft zu lachen beginnt: ein Humo­rist ist Bartsch eigent­lich nicht, es ist eher ein gemei­nes, ein trau­ri­ges, auch ein ver­zwei­fel­tes Lachen.

Nach­kriegs­win­ter

Der Schorn­stein der Schornstein
Sin­gen die Kinder
Ist Nicht­rau­cher geworden
Die Son­ne die Sonne
ging lei­der auch aus
Sie hat kei­nen Bezugsschein
Für neue Koh­len (14)

außer­dem: Das Rolands­lied und ein paar Literaturzeitschriften …

Helden-Potenziale

Für Buben­ge­hir­ne muss die Stadt ein Para­dies sein. Sie sehen die Omni­prä­senz von Hel­den und spei­chern das ab unter: Optio­nen. Für Mäd­chen sind Stadt und Land ohne Hel­din­nen, wie ein Spie­gel mit einem Loch dar­in, in das das Poten­ti­al hin­ein rinnt. Da spei­chert sich gar nichts.

— Ger­traud Klemm, Herz­milch (S. 175)

Bücher

Zum heu­ti­gen „Welt­tag des Buches“ darf und muss Georg Chris­toph Lich­ten­berg, der gro­ße Leser und Schrei­ber, zu Wort kom­men lassen:

Wie man alte Bücher stu­diert, in der Absicht Wahr­heit zu suchen, so kann man wohl zuwei­len eine Aus­beu­te erhal­ten, die andern ent­gan­gen ist, allein man ris­kiert auch zuwei­len, die bes­te Zeit sei­nes Lebens zu ver­ku­xen. [H 56]

oder

Es ist sehr gut, die von andern hun­dert­mal gele­se­nen Bücher immer noch ein­mal zu lesen, denn obgleich das Objekt einer­lei bleibt, so ist doch das Sub­jekt ver­schie­den. [H 54]

— Georg Chris­toph Lich­ten­berg, Sudel­bü­cher

Frühe

Dicht am Boden

Die Frü­he sprang auf die Bei­ne wie ein Lamm
Und sah mich am Boden, auf allen vieren.

— Bernd Jentzsch

Aus-Lese #30

Jona­than Safran Foer: Tree of Codes. Lon­don: Visu­al Edi­ti­on 2011. 139 Seiten. 

Foer, Tree of CodesDie Idee hin­ter Tree of Codes ist aus­ge­spro­chen cool: Foer nahm einen vor­han­de­nen Text – näm­lich The Street of Cro­co­di­les von Bru­no Schulz – und schnei­det ein­fach weg, was ihm im Weg ist oder nicht gefällt. Das Ergeb­nis, ein Cut-up sozu­sa­gen, ist dann ein neu­er Text. Der Witz ist nun, dass nicht ein­fach der neue Text gedruckt wird, son­dern der Pro­zess des Aus­schnei­dens auch im Ergeb­nis, in Tree of Codes also, noch sicht­bar ist. Denn die Sei­ten sind durch­lö­chert. Alles, was für neu­en Text, die Über­schrei­bung (Palim­psest!) nicht benö­tigt wird, wird weg­ge­schnit­ten. Ent­spre­chend löch­rig sind die Sei­ten: Manch­mal ste­hen vom „ori­gi­na­len“ Text noch hal­be Sät­ze oder ein­zel­ne Wort­grup­pen, manch­mal auf einer hal­ben Sei­te auch nur ein ein­zel­nes Wort und sonst vor allem Luft, Nichts, die tat­säch­lich spür­ba­re Abwe­sen­heit des ursprünglichen/​vorhandenen Tex­tes. Das macht die Fra­gi­li­tät des Buches als Ding und als Text (Lücken!) ganz neu deutlich.

Man ist außer­dem geneigt, dem Text eine gewis­se Offen­heit zuzu­spre­chen: Durch die Lücken, die Löcher auf den Sei­ten, im Papier scheint ja immer das noch kom­men­de schon durch, ist also schon prä­sent – als Wort, als Satz­zei­chen, als Split­ter oder nur als Lücke. Das täuscht aber ziem­lich. Auch die Idee des „Satz­bil­des“ bekommt eine ganz neue Bedeu­tung: Tat­säch­lich macht es irgend­wie doch einen Unter­schied, ob ein Satz mit weni­gen Lücken geschnit­ten ist oder ob ein klei­nes Gebil­de wie „I found mys­elf lost.“ (80÷81) sich über andert­halb Sei­ten – mit enspre­chend viel Luft – erstreckt: Das Gewicht wird ein ande­res (eher rezi­prok aber …)

Lee­re und Abwe­sen­hei­ten spie­len aber auch inhalt­lich eine gewis­se Rol­le (oder mei­ne Per­spek­ti­ve ist durch die Form ver­scho­ben). Der ste­hen­ge­blie­be­ne Text ist dabei manch­mal etwas schräg (wie die ver­rut­schen­den, absin­ken­den Häu­ser …), einen Tick sur­re­al oder expres­sio­nis­tisch (in der Dar­stel­lung der Stadt). Auf­lö­sungs­er­schei­nun­gen, das Ver­schwin­den, Ver­blas­sen und Ver­wan­deln von Per­so­nen und Din­gen spie­len hier eine bedeu­ten­de Rolle.

The tree of codes was bet­ter than a paper imi­ta­ti­on. (96)

Wolf­gang Hil­big: Eine Über­tra­gung. Frank­furt am Main: Fischer 2011 (Wer­ke 4). 427 Seiten. 

hilbig, eine übertragungEine Über­tra­gung ist Hil­bigs ers­ter Roman und trotz­dem gleich ein „ech­ter“ und typi­scher Hil­big: Das Pro­blem des Ichs wird hier durch­de­kli­niert, ins­be­son­de­re die Fra­ge nach der Iden­ti­tät eines Schrift­stel­lers. Die Iden­ti­tät der Haupt­fi­gur, eines schrift­stel­lern­den Hei­zers (oder als Hei­zer arbei­ten­den Schrift­stel­lers, das hängt von Stand- und Zeit­punkt ab), steht dabei nicht nur unter inne­rem Druck und Recht­fer­ti­gungs­zwang, son­dern gera­de auch unter äuße­rem Zwang, der sich in den staat­li­chen Repres­sa­li­en der DDR-Insti­tu­tio­nen (geheimdienstlich/​polizeilich) äußert – was natür­lich zusam­men­hängt und sich gegen­sei­tig verstärkt.

Die gan­ze Über­tra­gung ist des­halb eine Art „Selbst­ver­neh­mung“, in dem die erzäh­len­de Haupt­fi­gur ver­sucht, die­sem Pro­blem – also: Wer ist die­ses Ich? Kann ich mei­nen Erin­ne­run­gen trau­en? Und mei­nen Wahr­neh­mun­gen? – auf den Grund zu gehen. Der dabei reich­hal­tig kon­su­mier­te Alko­hol hilft nicht unbe­dingt, Klar­heit zu ver­schaf­fen. Neben­bei gibt es noch ein wei­te­res Pro­blem, das der Unter­su­chung bedarf: Die Lie­be – als Pro­blem in einer Gesell­schaft der Angst/​Sicherheit/​Unterdrückung). Das ist in Hil­bigs typi­scher mäch­ti­ger, har­ter Spra­che manch­mal anstren­gend, über die lan­ge Stre­cke durch­zu­hal­ten. Aber es ist in sei­ner kör­per­li­chen Wucht eben auch immer wie­der groß­ar­tig und berei­tet mir aus­ge­spro­chen gro­ßes Vergnügen …

Es war da ein Text, der auf sei­nen Ver­fas­ser war­te­te, aber andau­ernd griff das Leben ein und hin­der­te den Ver­fas­ser, indem es sei­ne eige­ne Geschich­te schrieb … […]. (107)

Lui­se F. Pusch: Das Deut­sche als Män­ner­spra­che. Auf­sät­ze und Glos­sen zur femi­nis­ti­schen Lin­gu­is­tik. Frank­furt: Suhr­kamp 1984. 202 Seiten. 

Man­ches von den hier ver­sam­mel­ten, etwas dis­pa­ra­ten (lin­gu­is­ti­schen) Auf­sät­zen und (jour­na­lis­ti­schen) sprach­kri­ti­schen Glos­sen von Lui­se Pusch ist inzwi­schen etwas geal­tert – vor allem in dem Sinn, dass man die Ent­ste­hungs­zeit der 1980er erkennt. Das meis­te aber ist noch – erschre­ckend eigent­lich – aktu­ell und gül­tig sowie­so: Pusch zeigt einer­seits, wie sehr die deut­sche Spra­che von patriacha­li­schen Struk­tu­ren und Denk­mus­tern geprägt ist und schlägt ande­rer­seits vor, wie man das ändern könn­te – damit die Nicht-Män­ner nicht immer nur „mit­ge­meint“ sind. Ihr Haupt­vor­schlag im titel­ge­ben­den Auf­satz ist letzt­lich so etwas wie eine Ent­ge­schlecht­li­chung (wie sie z.B. im Eng­li­schen weit ver­brei­tet ist): Aus „der Pro­fes­sor“ und „die Pro­fes­so­rin“ wird „der Pro­fes­sor“ und „die Pro­fes­sor“. Ihr ist natür­lich klar, dass das ein recht radi­ka­ler Ein­griff in die über­lie­fer­te Sprach­struk­tur ist und des­halb von vor­ne­her­ein abge­lehnt wird (auch wenn das Ergeb­nis kei­nes­wegs unsys­te­ma­tisch im Deu­schen wäre). Als „klei­ne“ Alter­na­ti­ve bevor­zugt sie dann wenigs­tens die Dop­pel­nen­nung bzw. deren abge­kürz­te Form mit Binnen‑I.

Hel­mut Oeh­ring: Mit ande­ren Augen. Vom Kind gehör­lo­ser Eltern zum Kom­po­nis­ten. Ber­lin: btb 2011. 256 Seiten. 

Oehring, Mit anderen AugenOeh­rings frü­he Auto­bio­gra­phie ist als Text bzw. Buch ziem­lich selt­sam und lebt wohl nur von der schon im Unter­ti­tel ver­kün­de­ten Beson­der­heit sei­nes Lebens­we­ges – die Lebens­ge­schich­te eines „nor­ma­len“ (im Sin­ne der stan­dar­di­sier­ten Erwar­tung) Kom­po­nis­ten hät­te wohl nicht die­sen Ver­lag gefun­den. Ich emp­fand das text­lich vor allem also als recht kru­de Mischung aus sehr per­sön­li­chem Erle­ben und Künst­ler­bio­gra­phie mit Beto­nung des Auto­di­dak­ten­tums und der Unwahr­schein­lich­keit des Gelin­gens, dem Hän­gen­blei­ben im Dazwi­schen (zwi­schen Wel­ten) sowie Erläu­te­rung der Ent­ste­hungs­zu­sam­men­hän­ge und Bedeu­tung der eige­nen Wer­ke. Kru­de wirkt das vor allem, weil es so chao­tisch erzählt ist, ohne erkenn­ba­re Abfol­ge oder Zusam­men­hän­ge, in Fet­zen fast. Oeh­ring betont dabei auch ger­ne und wie­der­holt die von ihm erleb­te Wucht der Erfah­rung von Neu­em, ins­be­son­de­re von Kunst – also Oper, Musik, Pop und so wei­ter. Das wird dann aber von ihm immer wei­der mit sehr all­ge­mei­nen Beob­ach­tun­gen und künst­le­ri­schen Arbei­ten (vor allem Aus­schnit­ten aus den Tex­ten sei­ner Kom­po­si­tio­nen) gemischt. Und so ekkle­ti­zis­tisch Oeh­ring sich im Hören gibt (von Schön­berg bis Depe­che Mode rei­chen unge­fähr sei­ne Vor­lie­ben), so unein­heit­lich ist auch sei­ne Spra­che – oft sehr höl­zern, manch­mal sti­lis­tisch aus­ge­spro­chen unge­lenk, an ande­ren Stel­len aber auch sprü­hend vor Begeisterung.

Richard Ale­wyn, Karl Sälz­le: Das gro­ße Welt­thea­ter. Die Epo­che der höfi­schen Fest in Doku­ment und Deu­tung. Ham­burg: Rowohlt 1959. 134 Seiten. 

Das große WelttheaterDie­se klas­si­sche Dar­stel­lung der Epo­che des Barocks als Zeit­al­ter des Fes­tes war­te­te schon län­ger auf mei­ne Lek­tü­re. Im ers­ten Teil bie­tet Ale­wyn hier eine über­sicht­li­che Mor­pho­lo­gie des baro­cken Fes­tes, die – so weit ich das über­bli­cke – gelun­gen auf grund­le­gen­de Züge abs­tra­hiert, aber das mit Bei­spie­len reich­hal­tig demons­triert. Dem schließt er eine nähe­re Betrach­tung der Ele­men­te des Fes­tes im Barock an (die vor allem das Thea­ter aus­führ­lich wür­digt) und auch eine Situ­ie­rung des baro­cken Fes­tes im Leben & Geselll­schaft. Hier spürt man viel­leicht am deut­lichs­ten das Alter des Tex­tes. Bei der Abgren­zung zum „Volk“ etwa – davon hat Ale­wyn kaum einen Begriff, ihn inter­es­sie­ren die offen­sicht­li­chen Quel­len – und die sind aus adli­gen Krei­sen oder beschrei­ben zumin­dest vor allem den Adel. Dem­entspre­chend kon­zen­triert er sich ganz stark auf die­se „wich­ti­ge“ Schicht – was sich in die­sem Unter­su­chungs­zu­sam­men­hang sach­lich ja auch weit­ge­hend recht­fer­ti­gen lässt -, der Rest ist allen­falls Staffage. 

Der zwei­te Teil des Taschen­buchs fügt dem dann noch eini­ge Beschrei­bun­gen gro­ßer Fes­te des Barocks an, die lei­der nicht vor­wie­gend Quel­len sind, son­dern in der Haupt­sa­che Quel­len­pa­ra­phra­sen (was inso­fern ver­ständ­lich ist, als die baro­cken Fest­be­schrei­bun­gen natür­lich barock sind – d.h. unse­ren heu­ti­gen Lese­ge­wohn­hei­ten viel­leicht ein wenig zu ausführlich …).

Die Geschich­te des höfi­schen Fes­tes, eines der glän­zends­ten Kapi­tel abend­län­di­scher Kul­tur­ge­schich­te, war­tet umge­schrie­ben und kaum gese­hen der Auf­er­ste­hung aus den Grüf­ten unse­rer Archi­ve und gra­phi­schen Samm­lun­gen. Es fehlt nicht an der Samm­lung und Kata­lo­gi­sie­rung die­ser Schät­ze, aber es fehlt an jeder geis­ti­gen Ord­nung und Deu­tung. (16)

Ein jedes Zeit­al­ter schafft sich ein Gleich­nis, durch das es im Bild sei­ne Ant­wort gibt auf die Fra­ge nach dem Sinn des Lebens und in dem es den Schlüs­sel aus­lie­fert zu sei­nem Geheim­nis. Die Ant­wort des Barock lau­tet: Die Welt ist ein Thea­ter. Groß­ar­ti­ger kann man viel­leicht von der Welt, aber schwer­lich vom Thea­ter den­ken. Kein Zeit­al­ter hat sich mit dem Thea­ter tie­fer ein­ge­las­sen als das Barock, kei­nes hat es tie­fer ver­stan­den. In kei­nem Stoff aber auch hat das Barock sich völ­li­ger offen­bart als im Thea­ter. Es hat das Thea­ter zum voll­stän­di­gen Abbild und zum voll­kom­me­nen Sinn­bild der Welt gemacht. (48)

Andre­as Alt­mann: Die lich­ten Lie­der der Bäu­me lie­gen im Gras und schei­nen nur so. Leip­zig: Poe­ten­la­den 2014. 101 Seiten. 

Altmann, Die lichten LiederDas Mot­to stellt gleich wich­ti­ge Ele­men­te des sehr fas­zi­nie­ren­den Gedicht­ban­des von Alt­mann vor: 

erin­ne­run­gen häu­ten sich. immer wie­der /​stel­len sie mir ihre kör­per in die spiegel.

heißt es da: Erin­ne­run­gen, Kör­per, auch die Kör­per­lich­keit der Erinnerung(en) sowie Spie­gel und Selbst­be­trach­tun­gen durch­zie­hen als Moti­ve vie­le der Gedich­te. Gera­de der Aspekt des Zusam­men­hangs von Erin­ne­rung und Geschich­te schlägt sich bei Alt­mann oft nie­der. Das sind kon­kre­te (teil­wei­se sogar sehr kon­kre­te!), streng öko­no­misch „erzähl­te“ Sze­nen und klei­ne Geschich­ten, die mit spar­sa­men Hin­wei­sen auf ihre geschicht­li­che Situ­ie­rung über das eigent­lich Erzähl­te ger­ne hin­aus­wei­sen. Dafür reicht manch­mal schon ein ein­zel­nes Wort – „Grenz­weg“ zum Bei­spiel situ­iert das Gedicht zeit­lich und ört­lich an der inner­deut­schen Gren­ze. Trotz­dem neigt Alt­mann dazu, sei­ne Lyrik prä­sen­tisch zu prä­sen­tier­ten, als ob sie ohne Zeit wäre: „… aus der zeit fällt. die wun­den sind leer.“ heißt es ein­mal. (11)

Sei­ne kon­kre­te, auf der Ebe­ne der Lexik gera­de­zu all­täg­li­che Spra­che ver­bin­det sich zu star­ken Bil­dern, die gera­de durch ihre Genau­ig­keit und Schlicht­heit wirk­mäch­tig sind. Dabei füh­len sich vie­le sei­ner Gedich­te, die auch immer wie­der die Natur an den Kul­tur­rän­dern, an den Schnitt­stel­len zwi­schen mensch­li­chen Arte­fak­ten und „rei­ner“ Natur evo­zie­ren, sehr men­schen­leer an, obwohl das „Ich“ – aller­dings bevor­zugt im spie­gel – durch­aus vor­kommt. Prä­gen­der sind aller­dings die (Natur-)Räume mit Schnee (auch Regen) und ihrem spe­zi­el­len Licht, die „geschich­te im land­schafts­park“ (16) oder die „ana­to­mie der erin­ne­rung“ (22).

In den oft stil­len, unauf­ge­reg­ten Gedich­ten schwingt immer eine gewis­se, star­ke Leich­tig­keit mit, eine schein­ba­re Natür­lich­keit der Spra­che, wie sie im immer wie­der vor­kom­men­den Bild der Feder sich typisch mani­fes­tiert. Die Feder ist auch inhalt­lich ganz tref­fend: Als Rest eines Leben­we­sens, als Stell­ver­tre­ter, zugleich aber auch eine Wun­de (hin­ter­las­send), dabei sich schwe­bend fort­be­we­gend (kein eigent­li­ches flie­gen …), ziel­los, unge­steu­ert und unre­gel-/steu­er­bar, zugleich Teil der Land­schaft (der Natur) und der/​ihrer Geschöpfe.

… die geräu­sche in der land­schaft /​sind blind. ich tast mich an wor­ten durch /​die gedächt­nis­räu­me. … (26)

Nina Buß­mann: Gro­ße Feri­en. Ber­lin: Suhr­kamp 2012. 200 Seiten. 

Bußmann, Große FerienBuß­manns Roman ist ein schö­nes, inten­si­ves Kam­mer­spiel der Moral. Der Text lebt stark von sei­ner geschick­ten Infor­ma­ti­ons­ver­ga­be, der all­mäh­li­chen, immer wie­der durch Abschwei­fun­gen, Ablen­kun­gen und Sprün­ge unter­bro­che­nen Auf­klä­rung des Lesers – die übri­gens bis zum Schluss nicht voll­stän­dig geschieht. Aber wie immer gilt ja: Der Pro­zess ist meis­tens inter­es­san­ter als das Erge­benis. Hier geht es um einen älte­ren Leh­rer und sein Ver­hält­nis zu einem begab­ten Schü­ler, das zu einem Eklat – dem „Vor­fall“ – sich stei­gert und dar­in aber auch, gemein­sam mit der Sicher­heit des Gewis­sens, der Wahr­neh­mung (und der Anstel­lung) des Leh­rers, der kei­nen Vor­na­men hat, sei­nen Schluss fin­det. Ent­we­der ist das ein gewal­ti­ger Kli­max, der sich in einer Ohr­fei­ge ent­lädt – oder eben nicht, weil die Ohr­fei­ge aus­bleibt, mit ihr aber eben auch die Ori­en­tie­rung im Leben und der Moral, im Wis­sen um Gut und Böse, Falsch und Rich­tig. Und das ist eben das zen­tra­le Schei­tern Schramms, der Hauptfigur: 

Sie sind Leh­rer, Sie müs­sen die Din­ge klä­ren und nicht ein Geheim­nis dar­aus machen. (129)

Buß­mann erzählt das in einem sehr schö­nen, stän­dig flie­ßen­den Wech­sel im Hin und Her zwi­schen der Gegen­wart (dem Sor­gen um den Gar­ten, die Befrei­ung der Auf­fahrt vom Unkraut – wun­der­bar, wie genau und prä­zi­se Buß­mann das schil­dern kann!) und der Vor­ge­schich­te, dem Her­an­tas­ten an den „Vor­fall“. Die genaue Beob­ach­tung und Wahr­neh­mung der Umge­bung (der Umwelt) durch die Augen Schramms spielt eine wesent­li­che Rol­le gera­de weil sie in der erzähl­ten Zeit, die bru­tal ver­lang­samt erscheint, kon­tras­tiert mit der Unge­wiss­heit in im wei­tes­ten Sin­ne mora­li­schen Frage.

Gefal­len hat mir aber auch die Viel­falt der erzähl­ten Aspek­te. Eine Rol­le spie­len unter ande­rem auch noch das memen­to mori für die Mut­ter, der Vater als Pro­blem­fi­gur der Ver­gan­gen­heit und Vikk­tor als undurch­schau­ba­rer Bru­der (der ein­mal sogar als Ter­ro­rist ver­mu­tet wird) … Auch sti­lis­tisch hat Buß­mann mit ihren gesta­pel­ten Sät­ze eine pas­sen­de Form gefun­den: Die Sät­ze sind ein­fach nie fer­tig, nie abge­schlos­sen, immer wie­der gibt es wie nach­träg­lich ein­ge­füg­te, ein­ge­scho­be­ne Ergän­zun­gen, Prä­zi­sie­run­gen, Erwei­te­run­gen, die als sol­che eben über­deut­lich kennt­lich blei­ben, was zu einer frag­men­tier­ten Syn­tax, einer per­ma­nen­ten Sto­ckung und Unter­bre­chung führt (und das Lesen dadurch bewusst verlangsamt …): 

Zwan­zig Jah­re oder län­ger hat­te er dort ver­bracht, im Hin­ter­land, in einem von allen Ver­kehrs­we­gen abge­schie­de­nen Berg­dorf, und auch wenn es dar­um für einen Dok­tor nie gereicht hat­te, war er jeden­falls, ent­ge­gen allen Erwar­tun­gen, Arzt gewor­den, ein rich­ti­ger, wahr­schein­lich nicht ein­mal ein schlech­ter Arzt. (145)

Ein sehr klu­ges, schö­nes und lesen­wer­tes Buch.

Alex­an­der Schim­mel­busch: Die Murau Iden­ti­tät. Ber­lin: Metro­lit 2014. 206 Seiten. 

Schimmelbusch, Murau IdentitätDie Murau Iden­ti­tät (sic, der Autor schreibt das – wohl in Anleh­nung an die „Bourne Iden­ti­ty“ – ohne not­wen­di­gen Bin­de­strich) ist lei­der doch ein ziem­lich lang­wei­li­ges Buch. Hin­ter der „Murau-Iden­ti­tät“ ver­birgt sich ein unto­ter Tho­mas Bern­hard, der ein­fach wei­ter lebt (war­um, wird nicht so recht klar), was wir aus „Rei­se­be­rich­ten“ sei­nes Ver­le­gers, die dem Erzäh­ler zuge­spielt wer­den, erfah­ren. Das ist natür­lich eine Stil­ko­pie Tho­mas Bern­hards, auch in den Rants, die ver­su­chen, Bern­hard zu imi­tie­ren – aber lei­der nur eine mäßi­ge, in der Regel bleibt es flach, niveau­los und vor allem völ­lig banal. Wahr­schein­lich ist das Bern­hard-Imi­tat immer nur bein ers­ten Mal über­haupt inter­es­sant … Manch­mal blitzt immer­hin etwas Witz (und ganz sel­ten auch Esprit) hin­durch, eini­ge schö­ne Absur­di­tä­ten hat zusam­men mit viel Leer­lauf auch ein­ge­streut. Irgend­wie scheint mir das Ziel eine Mischung aus gewe­sen zu sein. Lei­der bleibt der Text aber eine bloß not­dürf­ti­ge zusam­men­ge­stop­pel­te Rah­men­hand­lung für die fünf Berich­te des „Ver­le­gers“ zum Unto­ten Tho­mas Bern­hard (und sei­nem Roman­pro­jekt Àni­ma Negra über die posi­ti­ven Sei­ten der Ehe & Fami­lie) – viel mehr als die­se Idee ist in den 200 Sei­ten ein­fach nicht drin.

Aus-Lese #29

Die­ses Mal eine lan­ge, lan­ge Lis­te, weil ich etwas nach­läs­sig war und des­halb eini­ges nach­tra­gen muss:

Hen­drik Rost: Licht für ande­re Augen. Göt­tin­gen: Wall­stein 2013. 80 Seiten. 

Rost, LichtSchon die Wid­mung hat mich für die­sen Lyrik­band ein­ge­nom­men: „Ein Wort hin, zwei Wör­ter her – viel mehr ist es oft nicht, aber das ist die Kunst. Jamas!“ (4) heißt es dort. Genau, so ist es. 

Und Rost gelingt es, die Kunst der Dich­tung. Sei­ne rhyth­misch frei­en, unge­reim­ten Gedich­te, alle ein­zeln und von über­schau­ba­rer Län­ge, haben eine leich­te Anmut, eine schwe­ben­de Weh­mut ist ihnen eigen – so unge­fähr lässt sich ihr Ton wohl fas­sen, viel­leicht auch als Ele­ganz des Flus­ses der Spra­che und der Bil­der. Lee­re Räu­me (d.h. frei von Men­schen, ver­las­sen, aber nicht tot) schei­nen ihn zu fas­zi­nie­ren, meint man am Anfang des Ban­des. Aber das täuscht, die Men­schen tau­chen doch immer wie­der auf, als Kind, auf Bil­dern, als Dia­log­part­ner und als Tote/​Geister aus der Ver­gan­gen­heit (Brecht, Celan, Kling und vie­le ande­re wer­den auch nament­lich herbeigerufen). 

Über­haupt der Tod und die Ver­gan­gen­heit: die ster­ben­de Klar­heit, aber auch die Trau­er der Din­ger behaup­ten immer wie­der ihren Platz. So heißt es zum Bei­spiel in „Platz­ver­weis“:

Manch­mal ist die Trau­rig­keit eines Stuhls /​nicht die Trau­rig­keit, die der Stuhl /​aus­strahlt, son­dern die /​der­je­ni­gen, die auf ihm geses­sen haben /​vor Tagen, Jah­ren oder län­ger. (21)/

Das Schö­ne an Rosts Gedich­te ist immer wie­der das Sehen und Schrei­ben mit ande­ren Augen. Der Ein­fall des All­tags in die Kunst (und die (Lebens-)Philosophie), zugleich aber auch ganz deut­lich die Gegen­wart der – nicht nur lite­ra­ri­schen – Vergangenheit(en): Das zeich­net sein Werk beson­ders aus.

Flo­ri­an Voß: Daten­schat­ten Daten­strö­me Staub. Ber­lin: J. Frank 2011 (Quart­heft 28). 80 Seiten. 

Voß, DatenschattenDer Auf­takt ist gleich eine schö­ne Kon­tra­fak­tur oder Wie­der­auf­nah­me der Cel­an­schen „Todes­fu­ge“ in „Ver­fug­tes Meis­ter­stück“: Die Re-Grun­die­rung im All­tag, die Ent­mys­ti­fi­zie­rung und Ent­zau­be­rung der tota­len Meta­pher – das klappt hier ganz gut. Über­haupt fin­det sich das in vie­len Gedich­ten von Voß: Die unter­schieds­lo­se Gleich­wer­tig­keit von All­tag mit sei­nen Bana­li­tä­ten und abso­lu­ter Phan­ta­sie. Manch­mal wen­det sich das etwas arg ins pun­ki­ge und tra­shi­ge (für mei­nen Geschmack). Aber die Dop­pel­ge­sich­tig­keit – auf der einen Sei­te die hohe Spra­che mit aus­ge­sucht phan­ta­sie­vol­len Meta­phern und wil­den Bil­dern, auf der ande­ren Sei­te aber auch (bewuss­te – neh­me ich an) Platt­hei­ten und fla­che Wör­ter und Sät­ze – ste­hen neben­ein­an­der oder wer­den ein­an­der kon­fron­tiert. Oft klingt das in mei­nen Ohren dann groß und leer zugleich, also etwas prä­ten­ti­ös. Manch­mal scheint das aber auch groß­ar­tig – aber eher sel­ten, oft lässt mich das ein­fach kalt. Die­se Gegen­sät­ze bil­den oft schrof­fe, scharf­kan­ti­ge Unfäl­le, aus denen ich aber kei­ne Fun­ken schla­gen kann und die mich – wie das meis­te in die­sem Band – rat­los und unbe­tei­ligt las­sen. (Und an die binär codier­ten Sei­ten-/Buch­teil-/Ge­dicht­zah­len kann ich mich gar nicht gewöhnen …)

Nur kei­ne Panik, es ist nur /​ein Vul­kan der da raucht /​nicht der Kopf, der ist leer (Über­all Kuscheltiere)

Dou­glas Cou­p­land: Play­e­rO­ne. What Is to Beco­me of Us. A Novel in Five Hours. Lon­don: Hei­ne­mann 2010. 248 Seiten.

Coupland, PlayerEine „real-time novel“ hat Cou­p­land Play­e­rO­ne genannt, das als eine Art Vor­le­sung in fünf Stun­den ent­stan­den ist und dem­entspre­chend auch fünf Tei­le auf­weist. Es geht, wenig über­ra­schend bei Cou­p­land, um die Zukunft der Mensch­heit: Eine Grup­pe zufäl­lig zusam­men­ge­wür­fel­ter Men­schen gerät in einer Flug­ha­fen­bar in ein apo­ka­lyp­ti­sches Sze­na­rio, hier der Zusam­men­bruch der Ölver­sor­gung (und damit der gesam­ten Ener­gie) von einem Moment auf den ande­ren, mit den ent­spre­chen­den anar­chi­schen und gewalt­tä­ti­gen Fol­gen, die noch durch ein paar ande­re Erzähl­strän­ge, die ihre eige­ne Dyna­mik und teil­wei­se Gewalt ber­gen, über­la­gert wer­den. Das dient Cou­p­land dann dazu, sich sei­nen Lieb­lings­the­men zu wid­men: Wie sieht die Zukunft der Mensch­heit aus, wie die der Gesell­schaft? Er erzählt das hier mit per­spek­ti­vi­schem Fokus auf den ein­zel­nen Per­so­nen, dekli­niert also immer, in jeder „Stun­de“, das vor­han­de­ne Per­so­nal durch – erwei­tert um den „Play­er One“, so etwas wie eine tech­nisch-pro­gram­mier­te Iden­ti­tät einer der Cha­rak­te­re. Außer­dem ver­han­delt wer­den: Lebens­we­ge, psy­ch­ana­ly­ti­sche Deu­tun­gen und ganz stark das Pro­blem der Zeit, ihr Tem­po, ihre Linea­ri­tät, ihr Fort­schrei­ten und Anhalten …

Luke once thought time was like a river, and that it always flowed at the same speed, no mat­ter what. But now he belie­ves that time has floods, too – it sim­ply isn’t a con­stant any­mo­re. (70)
Tho­se bodies bind us to the future. They’re time-fro­zen. Tomor­row = yes­ter­day = today = the same thing, always. (110)

Wal­ter Höl­le­rer: Sys­te­me. Neue Gedich­te. Ber­lin: Lite­ra­ri­sches Col­lo­qui­um 1969. 56 Seiten.

Höllerer, SystemeÜber einen Bei­trag von Die­ter M. Gräf (Erkun­dun­gen inner­halb und außer­halb der Maschi­ne ja und nein. Neue und neu geblie­be­ne Gedich­te Wal­ter Höl­le­rers aus der Zeit der „Sys­te­me“. In: Spra­che im tech­ni­schen Zeit­al­ter, H. 203 (2012), S. 264–269) bin ich auf die­sen Gedicht­band Höl­le­rers auf­merk­sam gewor­den – den ich als Lyri­ker bis­her noch kaum kann­te, son­dern vor allem als Theo­re­ti­ker, Inter­pret und Ver­mitt­ler von Gedich­te­tem. Und das ist eine Schan­de, denn hier ver­sam­meln sich eini­ge, sogar ziem­lich vie­le aus­ge­spro­chen gute Gedich­te – auch wenn man ihnen ihre Ent­ste­hungs­zeit, die 1960er Jah­re, (inzwi­schen) in man­chen Gedan­ken und For­mu­lie­run­gen sehr deut­lich anmerkt. Aber das muss ja auch gar nicht schlecht sein …

Schon beim titel­ge­ben­den Gedicht „Sys­te­me“ kann man wun­der­bar das Moment sehen und erfah­ren, das ich an Gedich­ten so schät­ze: wie die Signi­fi­kan­ten ins Tan­zen kom­men. Höl­le­rer erreicht das hier oft durch das Mit­tel der extre­men syn­tak­ti­schen Ver­kür­zung: Tei­wei­se nur Wort­bro­cken, ein­zel­ne Wor­te ohne unmit­tel­ba­ren syn­tak­ti­schen Zusam­men­hang, die – auch in der räum­li­chen Anord­nung auf dem Papier – mit­ein­an­der in Bezie­hung tre­ten und Sinn hervorbringen.

Da steckt auch viel Technik(kritik) und Tech­ni­zi­tät drin, nicht nur im Inhalt, son­dern auch in der Spra­che und der Form (das ist wohl wenig über­ra­schend beim Grün­der der Spra­che im tech­ni­schen Zeit­al­ter …). Man­ches scheint aber auch – aus heu­ti­ger Sicht – sehr zeit­ge­bun­den bzw. typisch für die Situa­ti­on und Stim­mung der Bun­des­re­pu­blik am Ende der Sech­zi­ger. Etwa die poli­ti­schen Ele­men­te, das Moment der poli­tisch-gesell­schaft­li­chen Sys­tem­kri­tik aus/​in der Mit­te der Gesell­schaft (na gut, viel­leicht nicht ganz die dama­li­ge Mit­te). Heu­te scheint mir das nur noch im Bereich der Kapi­ta­lis­mus­kri­tik gän­gig zu sein – oder in klei­ne­ren, extre­me­ren Rand­be­rei­chen, die dann aber eher sel­ten in so „eli­tä­ren“ For­men wie die­ser Lyrik (und ihrer Ver­or­tung durch das Erschei­nen als „LCB-Edi­tio­nen“ im (Literatur-)Betrieb) sich zeigen.

Vol­ker Braun: Trotz­des­to­nichts oder Der Wen­de­hals. Frank­furt: Suhr­kamp 2000. 147 Seiten.

Ich mag Vol­ker Brauns Pro­sa eigent­lich sehr ger­ne. Die­ser schma­le Band hat mich aller­dings nicht wirk­lich über­zeu­gen oder begeis­tern kön­nen. Der titel­ge­ben­de Dia­log (der auch den meis­ten Umfang bean­sprucht) ist ziem­lich schnell ziem­lich lahm und lang­wei­lig. Vor allem lese ich da haupt­säch­lich Bana­li­tä­ten und Phra­sen aus Brauns BRD- und Wen­de-Kri­tik-Reper­toire. Dafür sind die die kur­zen Anek­do­ten, Erzäh­lun­gen aus Teil III inter­es­san­ter. In typi­scher Braun-Manier zei­gen sie mit ihrer Kon­zen­tra­ti­on auf eine Bege­ben­heit, eine cha­rak­te­ris­ti­sche Beob­ach­tung noch ein­mal sein sti­lis­ti­sches Kön­nen. Aber auch hier bleibt mir das inhalt­lich etwas arg rück­schau­end, ver­an­gen­heits­ori­en­tiert: In/​an der Gegen­wart – der Wende/​dem Umbruch (wie es bei Braun heißt) – wer­den nur die nega­ti­ven Sei­ten gezeigt und dar­ge­stellt, es weht immer etwas Weh­mut über das Schei­tern des Expe­ri­men­tes DDR durch die Sät­ze, ohne dass sich posi­ti­ve­re Zie­le oder Uto­pien zei­gen würden. 

Nach der soge­nann­ten Wen­de sah ich nur die Wen­dun­gen, und zwar der will­fäh­rigs­ten Leu­te, die sich also gleich blie­ben. (135)

Bernd Caill­oux: Gut­ge­schrie­be­ne Ver­lus­te. Roman mémoi­re. Ber­lin: Suhr­kamp 2012. 271 Seiten.

Bernd Cailloux, Gutgeschriebene VerlusteIch habe hier am Anfang einen Moment gebraucht, bis mir klar wur­de, war­um mir eini­ges bekannt vor­kam: Weil es in Figu­ren und Gesche­hen gewis­se Ähn­lich­kei­ten mit Das Geschäfts­jahr 1968/​69 von Caill­oux gibt. Unab­hän­gig von der Fra­ge, ob hier ein altern­der Autor auto­bio­gra­phisch erzählt (das scheint aber eines der Haupt­in­ter­es­sen der Rezen­sen­ten zu sein, die Deco­die­rung, Ent­schlüs­se­lung der auf­tau­chen­den Cha­rak­te­re und Ereig­nis­se) geht es in die­ser rück­bli­cken­der Ver­ge­gen­wär­ti­gung eines alte(rnde)n 68er (der damit aber auch wie­der nur am Ran­de zusam­men­hängt, weil ihn an der Bewe­gung vor allem die Dro­gen, der Sex und die Geschäf­te inter­es­sier­ten) vor allem um das Pro­blem der frag­men­tier­ten Erin­ne­rung, die sich auch im Text so nie­der­schlägt. Manch­mal fand ich das etwas müh­sam, manch­mal ist es span­nend, manch­mal aber auch etwas bemüht, doch meist aber locker und humo­rig par­lie­rend erzählt. Altern und Erin­nern – an bessere/​beste Zei­ten – sind also das The­ma, ange­rei­chert mit Pop-/li­te­ra­tur­his­to­ri­schen Arte­fak­ten. Aber so rich­tig rein­ge­fun­den habe ich nicht, mir schien, das Caill­oux hier doch arg viel Leer­lauf produziert.

Was in er im Eigen­be­darf ver­brauch­ten Zeit pas­sier­te, war nur bedingt erzäh­lens­wert – in Fil­me rein­ku­cken, Tabel­len stu­die­ren, im Netz rumkli­chen, mal was lesen, den­ken, ins­be­son­de­re den­ken, eine Pri­mär­tu­gend. (145)

Elke Naters: Lügen. Mün­chen: List 1999. 192 Seiten.

Naters, LügenNaters zwei­ter Roman ist im Grun­de eine Varia­ti­on des ers­ten (Köni­gin­nen), aber ohne des­sen for­ma­le Stär­ken. Wie­der geht es um Freund­schaft zwi­schen Frau­en und um Bezie­hungs­dra­men. Das wird nun aber hier deut­lich ein­di­men­sio­na­ler erzählt. Die absicht­lich beschränk­te Spra­che, der schlich­te Stil – das bringt hier kaum mehr Schön­heit oder Wahr­heit her­vor. Vor­herr­schend ist dage­gen das Plät­schern: Harm­lo­se Ober­flä­chen wer­den erzählt – natür­lich absicht­lich, das schlägt sich ja auch deut­lich in Spra­che und Form nie­der -, die aber auch auf nichts (mehr) zu ver­wei­sen zu wol­len schei­nen und nur noch dem rei­nen Selbst­zweck die­nen. Das ist wenig, vor allem weil die Figu­ren blass blei­ben und eigent­lich – so weit ich das wahr­neh­me – lang­wei­lig sind. Man kann dem natür­lich zugu­te hal­ten, dass genau das gezeigt wer­den soll­te: Dass es kei­ne indi­vi­du­el­len, „span­nen­den“ Lebens­ent­wür­fe mehr gibt und dass sie sich auch nicht mehr nach den klas­si­schen Kri­te­ri­en schön oder span­nend erzäh­len las­sen. Aber das ist eine zwar wah­re, aber sehr tro­cke­ne Ein­sicht, die hier irgend­wie den Text nicht mehr trägt und rechtfertigt.

Das Leben ist banal. Mein Leben ist banal. Ich bin banal.
Das gibt mir noch eine Wei­le zu den­ken, obwohl mir gar nicht danach ist. (180)

Ange­li­ka Mei­er: Eng­land. Zürich: Dia­pha­nes 2010. 329 Seiten.

Meier, EnglandAnge­li­ka Mei­ers ers­ter Roman ist nicht ganz so groß­ar­tig wie Heim­lich heim­lich mich ver­giss, aber trotz­dem ein sehr gutes Buch. Es geht in einer reich­lich ver­rück­ten Geschich­te um eine Phi­lo­so­phin, der Witt­gen­stein erschie­nen ist und die dadurch auf die ver­ges­se­nen und ver­schol­le­nen Manu­skrip­te eines Phi­lo­so­phen des 17. Jahr­hun­derts namens Man­z­a­nil­la stößt, die in der Fol­ge ihre Lebens­auf­ga­be und ihr Lebens­werk wer­den – aller­dings mit dem Pro­blem, dass sie natür­lich eine voll­kom­men offen­kun­di­ge Fäl­schung sind. 

Wahn­sinn und Rea­li­tät ver­schwim­men in die­ser Fabel voll­kom­men, die Fra­gen, was ist wirk­lich, was ist eing­bil­det? braucht man sich kaum mehr zu stel­len – beant­wor­ten las­sen sie sich sowie­so nicht mehr. Schlaf, Geheim­nis, Traum/​Alptraum – alles geht durcheinander/​ineinander und über­kreuzt sich stän­dig in den Beein­flus­sun­gen udn Hand­lun­gen der Per­so­nen. Vor allem ist die­se Geschich­te zwi­schen Witt­gen­stein und Man­z­a­nil­la, zwi­schen Vergangenheit(en) und Gegen­war­ten aber sehr unter­halt­sam, vor allem wegen der sku­ril, aber sehr genau und lie­be­vol­le gezeich­ne­ten Figu­ren und Charakteren.
Über­haupt ist Mei­ers Roman sehr geist­reich und oft mit schwar­zem Humor gespickt, die Absur­di­tä­ten und Ver­rückt­hei­ten des (insti­tu­tio­na­li­sier­ten) Den­kens (und ins­be­son­de­re des Den­kens über Spra­che) gewitzt und geschickt auf­spie­ßend: Wun­der­bar unter­hal­tend dabei, wahr­schein­lich gera­de wegen der Häu­fung der Sku­ri­li­tä­ten, die sich selbst so abso­lut ernst neh­men können.

Sehen Sie, man­che Phi­lo­so­phen – oder wie man sie nen­nen soll – lei­den an dem, was man Pro­blem­ver­lust nen­nen kann. Es scheint Ihnen dann alles ganz ein­fach, und es schei­nen kei­ne tie­fe­ren Pro­ble­me mehr zu exis­tie­ren, die Welt wird weit und flach und ver­liert jede Tie­fe; und was sie schrei­ben, wird unend­lich seicht und tri­vi­al. (91)

Schönheit

Schön­heit ist die ein­zi­ge, heu­te noch eini­ger­ma­ßen erschwing­li­che Heldenhaftigkeit.

—Ger­hard Falk­ner (im Gespräch mit Cor­ne­lia Jentzsch)

Listen

Man soll­te kei­ne Bücher schrei­ben ohne Lis­ten drin.
Wolf­gang Herrn­dorf, Arbeit und Struk­tur

Gefühle

Gefüh­le sind die zumeist läs­ti­gen Neben­pro­duk­te des har­ten Rea­lis­mus der Geschich­te; wenn ihre Ver­wal­ter schon die Fak­ten selek­tiv, also nach Gut­dün­ken behan­deln, so las­sen sie die Gefüh­le derer, mit denen Geschich­te gemacht wird, nach Mög­lich­keit ganz auf der Stre­cke blei­ben. Das ist der Unter­schied zwi­schen der Geschich­te und den Geschichten.

—Wolf­gang Hilbig

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