Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Kategorie: literatur Seite 11 von 38

Aus-Lese #38

Albert Oster­mai­er: Schwar­ze Son­ne schei­ne. Ber­lin: Suhr­kamp 2012. 288 Seiten 

ostermaier, schwarze sonne scheineEin schö­ner Text über die Zeit zwi­schen Leben und Ster­ben, der vor allem von der rei­chen Welt der Gedan­ken lebt. Hand­lung gibt es wenig, dafür viel Über­le­gen, viel Erin­nern und viel Selbst­be­fra­gung: Oster­mai­ers Roman lebt von sei­nen Aus- und Abschwei­fun­gen. Das klingt jetzt tro­cke­ner, als es wirk­lich ist. Denn für den Prot­ago­nis­ten, der auf ver­schlun­ge­nen Wegen die Dia­gno­se einer wahr­schein­lich töd­li­chen Infek­ti­ons­krank­heit erhält (es sei denn, er unter­zieht sich einer sehr obsku­ren The­ra­pie) geht es eben wirk­lich um Leben um Tod, um sein bis­he­ri­ges Leben, sein momen­ta­nes und dar­um, wie er in den Tod geht oder mit ihm umgeht oder ihm viel­leicht enflieht. Dass sich dann her­aus­stellt, dass die Ärz­tin eine Schar­la­ta­nin ist, von Krank­heit nichts zu spü­ren ist und alles nur als eine Art Ver­schwö­rung scheint, ist dann fast ent­täu­schend – denn der Text, der sehr durch sei­ne bewuss­te Sprach­lich­keit lebt, hät­te so einen etwas scha­blo­nen­haf­ten Plot viel­leicht gar nicht benötigt

Ich hat­te nicht ver­stan­den, dass alles zu Lite­ra­tur wer­den konn­te, und gedacht, alles sei nichts, das nicht Lite­ra­tur sei. (30)

Die Zeit geriet mir aus dem Den­ken, dem Füh­len, dem Schau­en, ich konn­te nicht auf­hö­ren zu den­ken, konn­te mich nicht ablen­ken, nicht ver­ges­sen. (163)

Tho­mas Sche­s­tag: Lesen – Spre­chen – Schrei­ben (Krit­zeln). Ber­lin: Matthes & Seitz 2014. 142 Seiten 

schestag, lesenEin wun­der­ba­res klei­nes Bänd­chen, das zeigt, wie groß­ar­tig post­mo­dern-dekon­struk­ti­vis­ti­sche Ana­ly­se sein kann. Dazu gehört auch der ent­spre­chen­de post­mo­der­ne Stil – auf den muss man sich ein­las­sen (wol­len), sonst wird das kei­ne Spaß. Drei Essays ver­sam­melt Sche­s­tag hier: Zu einem Gedicht von Paul Celan, zu Bau­de­lai­re und Poe und ihrem (Übersetzer-)Verhältnis und zu einem Dro­gen­ver­such Wal­ter Ben­ja­mins, der für das „Krit­zeln“ sorgt. Beein­druckt hat mich vor allem die Unter­su­chung von Paul Cel­ans Gedicht. Das ist kurz und schein­bar recht unproblematisch:

Jetzt, da die Bet­sche­mel brennen,
eß ich das Buch
mit allen
Insignien. 

An die­sen weni­gen Zei­len und Wör­tern exer­ziert Sche­s­tag die dekon­struk­ti­vis­ti­sche Metho­de (falls man das so nen­nen kann …) gera­de­zu exem­pla­risch durch – und schöpft dar­aus erstaun­li­che Ein­sich­ten. Da gibt es eini­ge ver­blüf­fen­de, über­ra­schen­de, aber durch­aus ein­leuch­ten­de Ein­bli­cke in den wei­ten Bedeu­tungs­raum, den die­se vier Zei­len mit den gera­de mal 12 Wör­tern eröff­nen (kön­nen) … Man muss dem Autor da sicher­lich nicht in jede Ver­äs­te­lung fol­gen – aber es ist eine intel­lek­tu­el­le Freu­de, es zu tun. Der zwei­te Essay zu Bau­de­lai­re und Poe bie­tet inter­es­san­te Über­le­gung zur Inter­tex­tua­li­tät, vor allem zum „Pau­sen“ (im Sin­ne von Durch­pau­sen, von Ab-Schrei­ben etc) als pri­mä­ren (?) Schreib­akt. Inter­es­sant fand ich hier vor allem die all­ge­mei­ne­ren Über­le­gun­gen, weni­ger (für mich) die Aus­füh­run­gen zum kon­kre­ten Ver­hält­nis von Bau­de­lai­re und Poe (dafür ken­ne ich bei­de zu wenig).

Johan­na Sini­sa­lo: Fin­ni­sches Feu­er. Stutt­gart: Tro­pen 2014. 318 Seiten 

sinisalo, finnisches feuerFin­ni­sches Feu­er ist eine sehr unter­halt­sa­me Lek­tü­re. Dabei ist es eigent­lich eine Dys­to­pie: Die Geschlech­ter­kli­schees wur­den inzwi­schen noch wei­ter ver­ab­so­lu­tiert und sogar in gewis­ser Wei­se „ver­staat­licht“. Im Namen der gesell­schaft­li­chen Gesund­heit, die zur Tyran­nis wur­de (und natür­lich die Frau­en noch wei­ter ent­mün­digt als die Män­ner) sind die Frau­en zu „Eloi“ domes­ti­ziert wor­den. Chil­li – das „Feu­er“ – bzw. Cap­sai­cin ist in die­ser Gesund­heits­dik­ta­tur zwar auch schon ver­bo­ten, aber als ein­zi­ge Dro­ge, als ein­zi­ges Sucht­mit­tel über­haupt noch halb­wegs zu bekom­men. In einer schö­nen Mon­ta­ge aus Geset­zen, Anwei­sun­gen, Mär­chen, Brie­fen an die ver­schwun­de­ne Schwes­ter und der Erzäh­lung Van­nas und Jares hat Sini­sa­lo dar­aus eine unter­halt­sa­me und inter­es­san­te Para­bel des Bezie­hungs­ka­pi­ta­lis­mus geschrie­ben, in der Chi­li als eine Art Reli­gio oder Befrei­ungs­theo­lo­gie dient – trotz des gan­zen Feu­ers ein sehr coo­les Buch!

Manch­mal braucht man nur eine Grup­pe von Leu­ten, die laut und ein­fluss­reich genug ist, um die Welt so zu ver­än­dern, wie die Mit­glie­der die­ser Grup­pe es wol­len. Die Grup­pe muss nicht beson­ders groß sein. Es genügt, wenn eini­ge Leu­te ihre eige­nen per­sön­li­chen Vor­lie­ben zur ein­zi­gen Wahr­heit erklä­ren und mit ihrer Laut­stär­ke den Ein­druck ent­ste­hen las­sen, dass hin­ter ihnen Mas­sen von Ver­ges­se­nen und Miss­ach­te­ten ste­hen. (239)

Kurt Oes­ter­le: Der Wunsch­bru­der. Tübin­gen: Köp­fer und Mey­er 2014. 533 Seiten 

oesterle, wunschbruder

Der Wunsch­bru­der ist ein (über­mä­ßig) lan­ges Buch vol­ler Vol­ten. Dabei ist die Geschich­te eigent­lich gar nicht über­mä­ßig kom­pli­ziert: Es geht um Max Stoll­stein, ein wohl behü­te­tes Ein­zel­kind im beschau­li­chen dörf­li­chen Nach­kriegs-Baden-Würt­tem­berg. Weil er eben das ein­zi­ge Kind sei­ner Eltern – der Vater ist Schrei­ner – bleibt, soll/​darf er die vol­le Ladung des bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Bil­dung mit all ihren Auf­stiegs-Impli­ka­tio­nen genie­ßen. Zur Geschich­te gehört aber auch Wen­zel, Kind einer zer­rüt­te­ten Aus­sied­ler­fa­mi­lie, der dann eben Wunsch­bru­der – und bei­na­he Adop­tiv­bru­der – wird. Und dann geht es noch wei­ter und wei­ter – das alles wird erzählt in der Rück­schau des älte­ren Max, der auf ein­mal wie­der Wen­zel begeg­net. Und da kom­men sie eben in immer neu­en Schü­ben, die Vol­ten in die Ver­gan­gen­heit, in die Erin­ne­rung des Ich-Erzäh­lers (der von (fast) kei­nen Erin­ne­rungs­pro­ble­men getrübt ist). Dem­entspre­chend wird eigent­lich alles nur berich­tet, fast nichts pas­siert, alles – qua­si das gan­ze Leben – gibt es nur im Rück­blick, im Erin­nern: Ein Leben in der Ver­gan­gen­heit. Nach der Aus­trei­bung aus der Hei­mat ist es das Wüh­len in der Geschich­te, das an ihre Stel­le tritt. Erzäh­le­risch (und auch sprach­lich) fand ich das aber recht uner­gie­big – nur auschwei­fend, umständ­lich, hyper­ge­nau, alles wird immer bis ins Letz­te aus­er­zählt und wie­der und wie­der durch­de­kli­niert und vor­ge­kaut. Das ent­mü­digt den Leser in gewis­ser Wei­se, lässt ihm kei­ne Arbeit, kei­ne Vor­stel­lung mehr. Das liegt aber weder am Umfang noch an der Detail­ver­ses­sen­heit, son­dern an der man­geln­den Poe­sie der Spra­che – wie es mit ähn­li­chen The­men bes­ser geht, zeigt Peter Kurzeck.

Du kennst eben den wah­ren Wert dei­ner Geschich­te nicht, den Erzähl- und Erfah­rungs­wert, gewis­ser­ma­ßen ihren Gold­ge­ahlt – aber die meis­ten Men­schen heut­zu­ta­ge ken­nen die­sen Wert ihrer Geschich­te nicht und wis­sen ihn dar­um auch nicht zu schät­zen; einen Wert ver­mu­ten sie nur in den Geschich­ten von deren: denen, die jeden Tag öffent­lich vor­ge­führt wer­den, im Netz, im Fern­se­hen, in der Pres­se … (227)

Wenn ich ein Gedicht aus­wen­dig konn­te, dann hat­te ich es besiegt und beherrsch­te es. Die­ses Gedicht [Cel­ans Todes­fu­ge], das spür­te ich gleich, woll­te nicht beherrscht wer­den und wies mich ab wie kein zwei­tes. Nicht ein ein­zi­ges Gefühl, das ich kann­te, war dar­in ent­hal­ten. (484)

Die­ter Wes­ter­hoff: Ein schö­ner Tag. Rein­bek: Rowohlt 1969. 151 Seiten 

wellershoff, tag
Der Klas­si­ker des „Neu­en Rea­lis­mus“. Und trotz­dem konn­te mich das 1966 erst­mals erschie­nen Ein schö­ner Tagnicht so recht fes­seln oder begeis­tern. Es gibt zwei­fel­los gro­ße Momen­te, in denen Wel­lers­hoff zeigt, wie genau er beob­ach­tet hat und wie sorg­fäl­tig er beschreibt, sei­ne Figu­ren wahr­neh­men und erken­nen lässt. Im Gedächt­nis geblie­ben ist mir etwa die Epi­so­de im ach­ten Kapi­tel, in dem Gün­ther einer Frau ins Frei­bad folgt und ver­sucht, sich ihr anzu­nä­hern – was ein­ser­seits gelingt, ande­rer­seits total in die Hose geht. Da steckt wirk­lich unheim­lich viel Rea­li­tät drin, das ist leicht zu erken­nen und nach­zu­voll­zie­hen. Unklar bleibt mir dage­gen noch der eigent­li­che Kern des Romans: Will Wel­lers­hoff hier nur die Dys­funk­tio­na­li­tät des Modells (Kern-)Familie vor­füh­ren? Oder will er dem Leser mehr sagen? Das hängt viel­leicht auch damit zusam­men, dass nur Miss­lin­gen gezeigt wird, dass nur nega­ti­ve Ele­men­te, schei­tern­de Lebens­ent­wür­fe und Bezie­hungs­un­fä­hig­kei­ten, gezeigt wer­den, posi­ti­ve Ideen oder Ent­wick­lun­gen dage­gen eigent­lich über­haupt nicht vor­kom­men: Die (gesell­schaft­li­che und ästhe­ti­sche) Kri­tik ist also klar – aber was soll an die Stel­le der defi­zi­tä­ren Gegen­wart und ihrer Rea­li­tät treten?

Tho­mas Gla­vi­nic: Das bin doch ich. München: Deut­scher Taschen­buch Ver­lag 2010. 238 Seiten. 

glavinic, ichDas ist ein sehr lus­tig­ses, amü­san­tes klei­nes Büch­lein. Gla­vi­nic taucht hier gleich selbst als Erzäh­ler, Haupt­fi­gur und Autor auf, als Schrif­stel­ler, der zwi­schen (mäßi­gem) Erfolg und Schei­tern tau­melt oder hängt, sich zugleich auch noch mit sei­ner Hypo­chon­drie und dem Fami­li­en­le­ben mit Klein­kind her­um­schla­gen muss. Dazu noch etwas Lite­ra­tur­be­triebs­be­schrei­bung der Wie­ner Vari­an­te, etwas gro­tes­ke Begeg­nun­gen im Kul­tur- und Medi­en­we­sen sowie die Freund­schaft mit Dani­el Kehl­mann, des­sen Buch gera­de alle Erfolgs­gren­zen über­schrei­tet – und fer­tig ist die Mischung aus Gro­tes­ke, Sati­re und lako­ni­scher Selbst­be­ob­ach­tung, die beim Lesen viel Spaß macht …

Mar­le­ne Stre­eru­witz als Nelia Fehn: Die Rei­se einer jun­gen Anar­chis­tin in Grie­chen­land. Frank­furt: Fischer 2014. 188 Seiten.

fehn, reise

Manch­mal schaut über­le­ben eben nicht schön aus, und Hel­den sind immer schon tot, wenn sie Hel­den genannt wer­den. (33)

Sehr posi­tiv sind weder das Buch noch sei­ne „Hel­din“, die Autorin Nelia Fehn. Die kennt man schon aus Stree­u­witz’ Nach­fah­ren., in dem sie wegen eben die­ses Buches oder Tex­tes, der Rei­se einer jun­gen Anar­chis­tin in Grie­chen­land nach Frank­furt zur Buch­preis­ver­lei­hung kommt. Eigent­lich ist es auch ein recht selt­sa­mes Büch­lein – und nicht nur wegen der Autoren­fik­ti­on, die es auf ganz spe­zi­el­le Wei­se in das Stre­eru­witz-Werk ein­glie­dert (ähn­li­ches hat sie ja schon bei Lisa’s Welt unter­nom­men) -, son­dern auch in sei­ner gan­zen Gestalt. Inter­es­sant wird es näm­lich eben nur durch die Ver­knüp­fung im Stre­eru­witz-Werk-Kon­text. Für sich ist das sprach­lich mäßig span­nend, inhalt­lich fand ich es auch nur so halb inter­es­sant: der „Kampf“ mit/​gegen die Macht, die unsicht­ba­ren polititischen/​exekutiven Mäch­te des Staa­tes und des Zufalls, der immer wie­der das Zusam­men­tref­fen der bei­den Lie­ben­den in Athen ver­hin­dert bzw. ver­zö­gert und erschwert – das ist schnell durch­schaut und ver­mag dann nur noch mäßig zu fas­zi­nie­ren. Aller­dings ist der Text ja auch nicht über­mä­ßig lang …

Es war nur eine die­ser Lügen. Es war eine die­ser Lügen, von denen ohne­hin alle wuss­ten, dass sie Lügen waren. Man muss­te nur das Klein­ge­druck­te durch­stu­die­ren, um zu einer gewis­sen Wahr­heit zu gelan­gen, und man durf­te kein Ver­trau­en haben. […] Am Ende kos­te­ten alle die­se Über­grif­fe die Lie­be. Mir war elend, und ich hat­te Angst. (23f.)

außer­dem noch:

  • Stef­fen Popp: Dickicht mit Reden und Augen. Ber­lin: kook­books 2013.
  • Edit. Papier für neue Tex­te. #65 (2014)
  • Gün­ter Her­bur­ger: Ven­ti­le. 1966
  • Judith C. Vogt & Micha­el Kuhn (Hrsg.): Karl. Geschich­ten eines Gro­ßen. Aachen: Ammi­a­nus 2014. 
  • Phil­ipp Thei­sohn: Lite­ra­ri­sches Eigen­tum. Zur Ethik geis­ti­ger Arbeit im digi­ta­len Zeit­al­ter. Stutt­gart: Krö­ner 2012 (Krö­ner Taschen­buch 510).

Allerseelen

Paul Celan – Aller­see­len /​All Souls (Day) – cc Eng­lish, Türk, Deutsch

Beim Kli­cken auf das und beim Abspie­len des von You­Tube ein­ge­bet­te­ten Vide­os wer­den (u. U. per­so­nen­be­zo­ge­ne) Daten wie die IP-Adres­se an You­Tube übertragen.

—Paul Celan, Allerseelen

Sinn

Ver­se stel­len ihrem Sinn ein Bein oder ihrem Fuß einen Sinn.

—Franz Josef Czern­in: Sät­ze (73)

Aus-Lese #37

Danie­la Kri­en: Irgend­wann wer­den wir uns alles erzäh­len. Ber­lin: List 2012. 236 Seiten 

krien, irgendwannNaja, das war kei­ne so loh­nen­de Lek­tü­re … Ich weiß auch nicht mehr, wie ich dar­auf gekom­men bin (wäre ein Grund, dem Rezensenten/​der Rezen­sen­tin Ver­trau­ens­punk­te zu ent­zie­hen …). Die Geschich­te ist schwach und teil­wei­se blöd: Ein jun­ges Mäd­chen zieht kurz vor den Som­mer­fe­ri­en auf dem Bau­ern­hof der Fami­lie ihres älte­ren Freun­des ein, ver­nach­läs­sigt die Schu­le und gibt sich lie­ber einer selt­sa­men geheim gehal­te­nen Bezie­hung zu dem mehr als dop­pelt so alten Nach­bar­bau­ern hin, die vor allem auf ihrer Aus­nut­zung und ihrem Miss­brauch (kör­per­lich, sexu­ell und psy­chisch) beruht und natür­lich tra­gisch enden muss …
Das Set­ting im Som­mer 1990 auf der Noch-DDR-Sei­te der Gren­ze ist auch nicht so span­nend, gibt aber Gele­gen­heit, ein biss­chen (frei­lich nur wenig) Poli­tik und Geschich­te ein­zu­flech­ten – und ist natür­lich ein Spie­gel der Figur Maria: In der Zwi­schen­zeit – nicht mehr Kind, noch nicht Erwach­se­ne – spie­gelt sich das Land zwi­schen DDR und BRD … Aber da die Figu­ren alle reich­lich blass blei­ben, von der Erzäh­le­rin über ihre Rest­fa­mi­lie bis zu Johan­nes und Hen­ner, kann sich da sowie­so kaum etwas ent­fal­ten. Das merkt man sehr deut­lich an der müh­sam insze­nier­ten Inter­tex­tua­li­tät: Maria wird ger­ne als begeis­ter­te Lese­rin por­trä­tiert, liest aber wochen-/mo­na­te­lang an Dos­to­jew­skis Die Brü­der Kara­ma­sow her­um, was natür­lich wenig ergie­big ist (sowie­so ist Lek­tü­re hier immer aus­schließ­lich eine iden­ti­fi­ka­to­ri­sche …). Auch die Kom­po­si­ti­on von Irgend­wann wer­den wir uns alles erzäh­len ist nicht wei­ter bemer­kens­wert, eher klein­tei­lig ange­legt, mit Schwä­chen in der Zeit­ge­stal­tung. Und die so gelob­te Spra­che – wenn man den Blurbs im Taschen­buch (gan­ze zwei Sei­ten vor dem Titel!) glau­ben darf – hat für mich kei­nen Reiz, weil sie eigent­lich doch recht gewöhn­lich ist.

alles in allem die über­stei­ger­ten Gefüh­le einer Sieb­zehn­jäh­ri­gen in den Wir­run­gen einer unru­hi­gen Zeit. (234f. – mehr muss man kaum sagen ;-) …)

Otto Basil: Wenn das der Füh­rer wüß­te. Wien, Mün­chen: Fritz Mol­den 1966. 419 Seiten 

basil, wenn das der führer wüßte

Eine schö­ne Idee der kon­tra­fak­ti­schen Geschich­te: NS-Deutsch­land hat den Zwei­ten Welt­krieg gewon­nen und sich die hal­be Welt unter­tan gemacht (der Rest gehört zu „Soka Gak­kai“), Juden gibt es (fast) kei­ne mehr. Dann stirbt Hit­ler aber in den 60ern und wird durch Ivo Klöp­fel ersetzt – oder ist das ein Mord und Staats­streich? Die ent­spre­chen­den Ver­mu­tun­gen kur­sie­ren und geben der Hand­lung im gleich­zei­ti­gen Bür­ger­krieg und dem durch die bei­den Groß­mäch­te ent­fes­sel­ten ato­ma­ren Krieg ordent­li­che Ver­wick­lun­gen und Hand­lungs­an­trieb. Dazwi­schen treibt Höll­rie­gel umher, ein „Pendler“/Gyromant, der ver­schwö­rungs­tech­nisch in die gro­ße Poli­tik gerät und sich wie­der raus­wursch­telt (hat etwas vom Schelm, die­se Figur: wenig Ahnung, dafür aber viel Situa­ti­ons­ge­schick) und des­sen Trei­ben noch ver­quickt wird mit sei­ner Lie­be bzw. sei­nem Begeh­ren nach der (schein­bar) idea­len (in ideo­lo­gi­scher, d.h. ras­sen­ty­po­lo­gi­scher Sicht), aber unter nor­ma­len Umstän­den uner­reich­ba­ren Ulla. Das gan­ze Gewu­sel endet dann etwas des­il­lu­sio­nie­rend im Tod – aller­dings nicht durch Ver­strah­lung (das hät­te noch etwas gedau­ert), son­dern im Gefecht.
Schön an Basils Roman ist die kon­se­quen­te Wei­ter­füh­rung, das Zu-Ende-Den­ken der NS-Ideo­lo­gie mit ihren Aus­wü­chen, den Grup­pen, dem Ein­heits­wahn, der uner­schöpf­li­chen Kate­go­ri­sie­rungs­sucht etc. Ins­ge­samt lei­det das Buch aber dar­an, dass es die­se kon­tra­fak­ti­sche Welt zu sehr beschreibt und nicht durch Hand­lun­gen spre­chen lässt. Wun­der­bar spre­chend sind dage­gen die vie­len, vie­len Namen … Jeden­falls eine durch­aus unter­halt­sa­me Lektüre.

Doch Adolf Hit­ler war nicht mehr, Odin hat­te sei­nen Mel­de­gän­ger zum gro­ßen Rap­port nach Wal­hall geru­fen. (50)

Jür­gen Buch­mann: Wahr­haff­ti­ger Bericht über die Spra­che der Elfen des ExterT­hals, nach denen Dia­ri­is Sei­ner Hoch Ehr­wür­den Her­ren Mar­ti­nus Oes­ter­mann, wei­land Pfar­rer an St. Jako­bi zu Alme­na. Leip­zig: Rei­ne­cke & Voß 2014. 46 Seiten 

buchmann, bericht

Eine wun­der­ba­re Spie­le­rei ist die­ses klei­ne, fei­ne Büch­lein (schon die ISBN: in römi­schen Zif­fern, eine ech­te Fleiß­ar­beit …), eine net­te Camou­fla­ge, ech­tes Schel­men­stück (der Autor scheint ein in der Wol­le getränk­te Schelm zu sein …). Der Wahr­haff­ti­ge Bericht ist eine Art phi­lo­lo­gi­sche Fan­ta­sy (der Bezug auf Tol­ki­en taucht sogar im Vor­wort auf), nur in die Ver­gan­gen­heit ver­legt: Es han­delt sich um den (fik­ti­ven) Bericht eines gelehr­ten Land­pfar­rers, der von einer Giftmischerin/​Zigeunerin/​Heilkundigen mit den Elfen sei­nes Tales bekannt gemacht wird und Grund­zü­ge (d.h. vor allem Pho­ne­tik und Mor­pho­lo­gie) ihrer Spra­che beschreibt. Das ist ein­ge­bet­tet und kom­bi­niert mit dem Tage­buch der „Ent­de­ckung“ die­ser gehei­men (?) Spra­che bis zum Kri­mi­nal­fall des Ver­schwin­dens sowohl des Pfar­rers als auch sei­ner Infor­man­tin (ein Wech­seln ins Elfen­reich liegt ganz mär­chen­ty­pisch nahe, weil kei­ne Lei­che gefun­den wird …). Lei­der fehlt aus­ge­rech­net die Lexik der Elfen­spra­che in den „Auf­zeich­nun­gen“, so dass die Frag­men­te, die „Oes­ter­mann“ „über­lie­fert“, dum­mer­wei­se unver­ständ­lich blei­ben (aber wer weiß, viel­leicht haben sie ja sogar eine Bedeu­tung? – Das wäre eine schö­ne Auf­ga­be für einen Com­pu­ter mit einem fin­di­gen Pro­gram­mie­rer …). Das gan­ze ist von Buch­mann ver­flixt geschickt vor­ge­täuscht oder gefälscht oder nach­ge­ahmt oder par­odiert wor­den. Von dem Drum­her­um ist aller­dings nicht alles gelo­gen – das „Gelehr­ten-Lexi­con“ von Jöcher z.B., aus dem zitiert wird, gibt es durch­aus – aller­dings ohne den hier abge­druck­ten Ein­trag zu Oes­ter­mann. Und dann ist das Gan­ze – es ist ja nicht viel, kaum mehr als vier­zig Sei­ten bean­spru­chen die „über­lie­fer­ten“ Tex­te samt edi­to­ri­schen Vor­wor­ten und Anhän­gen von dem klei­nen Leip­zi­ger Dich­ter-Ver­lag Rei­ne­cke & Voß sehr schön her­aus­ge­bracht wor­den, mit ange­nehm pas­sen­dem Satz und schö­nen Schriften.

Wir fas­sen die Let­tern und sto­ßen auf | Klän­ge; wir fas­sen die Klän­ge und sto­ßen auf Namen; wir fas­sen die Namen und sto­ßen auf Nichts. (15f.)

Ulf Stol­ter­foht: Das deut­sche Dich­ter­ab­zei­chen. Leip­zig: Rei­ne­cke & Voß 2012. 49 Seiten 

stolterfoht, dichterabzeichen

Und gleich noch ein schma­les Bänd­chen von Rei­ne­cke & Voss, den Hör­spiel­text Das deut­sche Dich­ter­ab­zei­chen. des gro­ßen Lyri­kers Ulf Stol­ter­foht. Dich­tung und vor allem die Lyrik wird hier als streng regu­lier­tes, ent­beh­rungs­rei­ches Hand­werk insze­niert (ein biss­chen wie eine moder­ne Vari­an­te der Meis­ter­sin­ger …), das ist ganz nett aus­ge­dacht. Zugleich ist es aber auch noch eine „Sys­te­ma­tik“ der Lyrik mit ver­schie­de­nen „lyri­schen Typen“. Da heißt es zum Beispiel: 

Wild­tex­te, die noch vor Zei­ten wei­te Tei­le Euro­pas besie­del­ten, haben sich mitt­ler­wei­le den immer spe­zi­el­le­ren Anfor­de­rungs­pro­fi­len unter­wor­fen. (17)

Wei­ter geht es im beleh­ren­den Gespräch über die Dich­ter-Aus­bil­dung, also die hand­werk­li­che Kom­po­nen­te des Dich­tens. Wei­te­res, ganz wich­ti­ges The­ma: Die kom­pe­ti­ti­ve Kom­po­nen­te des Dich­tens, die Lesun­gen und die Wett­be­wer­be. Das führt Stol­ter­foht als Zir­kus vor, als eine Art Dres­sur, in der die Dich­ter die Rol­le der Tier­chen über­neh­men: pos­sier­lich, gut für die Unter­hal­tung, aber nicht ernst zu neh­men … In der Radi­ka­li­tät, in der die­se mes­sen­den und ver­glei­chen­de Kom­po­nen­te der Dich­tung über­ge­stülpt wird, ist das natür­lich – dar­aus macht der Text kein gro­ßes Geheim­nis – eine Para­bel auf den deut­schen Lite­ra­tur­be­trieb der Gegen­wart. Aber eine – ganz wie es das The­ma ver­langt – unter­hal­ten­de, in der sich durch­aus – schließ­lich ist Stol­ter­foht selbst ein intel­li­gen­ter Teil­neh­mer – wah­re und tref­fen­de Beob­ach­tun­gen finden:

Im Zeit­al­ter hoch ent­wi­ckel­ter Pro­sa hat das Gedicht an Bedeu­tung ver­lo­ren. in dem Maße aber, in dem es aus sei­ner natür­li­chen Umge­bung ver­schwin­det, wächst sei­ne Beliebt­heit als domes­ti­zier­ter Wett­be­werbs­text. (7)

Schön auch kurz vor Schluss: 

Etwas ganz beson­de­res ver­birgt sich hin­ter der Bezeich­nung „Viel­sei­tig­keits­prü­fung“: Der Drei­kampf näm­lich aus Lyrik, lyri­scher Über­set­zung und Poe­to­lo­gie – das alles an drei auf­ein­an­der fol­gen­den Tagen. (40)

Wal­ter Kem­pow­ski: Hamit. Tage­buch 1990. Ber­lin: btb 2010. Seiten 

kempowski, hamit

Mit die­sem Buch habe ich mir Kem­pow­ski ver­lei­det, das ist zum Abgewöhnen …
Hamit – die dia­lek­ta­le Vari­an­te von „Hei­mat“ – ist ein Tage­buch der Zeit direkt wäh­rend bzw. nach der Wen­de. Für Kem­pow­ski heißt das: Er kann wie­der Ros­tock besu­chen, die Stadt, in der er auf­wuchs. Und auch Baut­zen, wo er ein­ge­ker­kert war. Wei­te­re The­men des Tage­buchs: Die Medi­en – wie sie über Poli­tik und über ihn berich­ten -, die Fer­tig­stel­lung von Alkor, Zwis­tig­kei­ten, Besu­che etc. Dazwi­schen taucht noch die Samm­lung von Tage­bü­chern und Erin­ne­run­gen ande­rer Leu­te immer wie­der auf (fürs sein Echo­lot und um’s dem „Ver­ges­sen zu ent­rei­ßen“), auch die Poli­tik der Gegen­wart spielt natür­lich eine Rol­le, gera­de hin­sicht­lich des Ver­ei­ni­gungs­pro­zes­ses. Das ist aber auch der Bereich, wo Kem­pow­ski vor allem sei­nen Ani­mo­si­tä­ten frei­en Lauf lässt: Außer ihm (und weni­gen ande­ren) hat nie­mand je etwas kapiert, sehen alle die Wider­sprü­che und Pro­ble­me nicht. Dabei ist das kein ganz rei­nes Tage­buch, es ist min­des­tens zwei Mal über­ar­bei­tet (und damit end­gül­tig lite­r­a­ri­siert) wor­den. Aber auch die Anmer­kun­gen aus den 2000ern ver­stär­ken die Ten­denz der Bes­ser­wis­se­rei noch las­sen ihn als den ein­zi­gen „Wei­sen“ und das gro­ße Genie erschei­nen, dass die ande­ren ein­fach nicht errei­chen. Dabei ist der gan­ze Text durch­tränkt von Res­sen­ti­ments gegen so ziem­lich alle und jeden (mit Aus­nah­me viel­leicht bestimm­ter Berei­che der Ver­gan­gen­heit). Und eine gro­ße Eitel­keit bricht sich immer wie­der Bahn: Alle, die Leser, der Lite­ra­tur­be­trieb, die Medi­en und die Kri­tik, aber auch sein Ver­lag, alle ver­ken­nen sei­ne Genia­li­tät und sei­ne Leis­tun­gen. Dabei ist er doch uner­setz­lich, wie er ganz typisch beschei­den festhält: 

Ich gebe der Gesell­schaft ihre Geschich­ten zurück. (284)

Was wür­den wir Armen also nur ohne ihn tun!

Mir war der Kem­pow­ski, der sich hier zeigt, jeden­falls aus­ge­spro­chen unsym­pa­thisch. Lus­tig am Ran­de auch: Bei einem Ver­dienst von 50.000 DM/​Monat bzw. 1200 DM/​Tag (321) beschwert er sich immer wie­der dar­über, dass er Restau­rant­rech­nun­gen bezah­len muss/​soll: total ich­zen­triert eben, der Schrei­ber die­ser Sei­ten, der sich vor allem durch sei­ne Kau­zig­kei­ten – wie die total kon­tin­gent schei­nen­de Ableh­nung der Wor­te „Akzep­tanz“ und „Diri­gat“ (329) – auszeichnet.

Wenn nie­mand eine Bio­gra­phie über mich schreibt, tue ich es eben selbst. (177)

Jürg Hal­ter: Wir fürch­ten das Ende der Musik. Gedich­te. Göt­tin­gen: Wall­stein 2014. 72 Seiten 

halter, wir fürchten das ende der musik

„Für sich“ steht als Wid­mung in die­sem Gedicht­band. Und das stimmt einer­seits, ande­rer­seits aber auch über­haupt nicht. Zwar ste­hen die Gedich­te erst ein­mal „für sich“ da, geben sich recht offen und direkt dem Leser preis. Aber ande­rer­seits blei­ben sie auch gera­de nicht „für sich“, denn Hal­ter geizt nicht mit inter­tex­tu­el­len Anspie­lun­gen und Ver­wei­sen. Gera­de die Musik spielt da durch­aus eine gro­ße Rol­le. Und den­noch: Man muss die­se Inter­tex­tua­li­tä­ten nicht erken­nen, man muss ihnen schon gar nicht nach­ge­hen (obwohl das durch­aus span­nend sein könn­te, das sys­te­ma­tisch zu tun), um die Lyrik Hal­ters ver­ste­hen zu kön­nen. Oder zumin­dest glau­ben zu kön­nen, etwas ver­stan­den zu haben. Denn sei­ne Gedich­te blei­ben zugäng­lich und wol­len das wohl auch sein. Oft sind sie gera­de­zu erzäh­lend, ihre Meta­phern blei­ben leicht nach­voll­zieh­bar, die Form klar und über­sicht­lich. Manch­mal wirkt das mit dem locke­ren Sprach­duk­tus, dem leich­ten Ton mir aber auch etwas zu plät­schernd, zu pro­sa-nah, zu wenig form­be­stimmt für Lyrik.
Doch gibt es durch­aus schö­ne und span­nen­de Text in die­sem Band. Da zeigt sich nicht nur die Ver­wur­ze­lung Hal­ters und Tra­di­ti­on und Inter­tex­tua­li­tät (sei­ne Gedich­te schöp­fen viel aus oder mit der Kul­tur und ihrer Geschich­te), da ist auch ein anre­gen­des Spiel mit sich selbst immer wie­der zu beob­ach­ten, die Selbst­re­flex­ti­on des Lyri­kers und des Gedich­tes zu erken­nen. Inter­es­sant ist auch das immer wie­der auf­tau­chen­de Zeit­kon­zept – ein sehr vages Kon­zept von Zeit, das nicht auf das Tren­nen­de von Ver­gan­gen­heit und Gegen­wart abzielt, son­dern auf den Über­gang, die flie­ßen­de Ent­wick­lung: Vom Holo­zän bis zum Jetzt und dem Augen­blick sind ein­zel­nen Momen­te kaum zu fas­sen und zu bestimmen: 

Etwas hat begon­nen, dau­ert an oder ist vor­über. (25)

Nicht alles ist sprach­lich oder inhalt­lich sehr stark, gera­de im Abschnitt IV („O, auf­ge­klär­tes Leben, unse­re Dro­ge!“ über­schrie­ben) schei­nen mir eini­ge schwa­che Tex­te den Weg in den Druck gefun­den zu haben. Die Digi­tal-Skep­sis in „Hyp­no­se“ ist zum Bei­spiel ziem­lich ober­fläch­lich und bil­lig. Dazwi­schen gibt es aber immmer wie­der schö­ne Momen­te, die das Lesen den­noch lesens­wert mache, wie etwa die „Eine sich stets wie­der­ho­len­de Szene“:

Die sich lee­ren­den Straßen
an einem Sommerabend
in einer klei­nen Stadt.
Das Rück­licht des letz­ten Busses,
ein leich­ter Wind, der geht.
Im Ohr ein Lied über
das Ende einer Freundschaft. 

außer­dem noch:

  • Jost Amman & Hans Sachs: Das Stän­de­buch (1568).
  • Geor­ges Duby: Die Zeit der Kathedralen. 

Mahnmale

Je mehr Mahn­ma­le, des­to weni­ger füh­len sich die Men­schen betrof­fen.
Jedes Denk­mal legt Erin­ne­run­gen für immer ad acta.

—Wal­ter Kem­pow­ski: Hamit. Tage­buch 1990 (10)

Aus-Lese #36

Nor­bert Scheu­er: Bis ich dies alles lieb­te. Neue Hei­mat­ge­dich­te. Mün­chen: Beck 2011. 101 Seiten 

scheuer, bisIm Jahr 2011 Hei­mat­ge­dich­te zu schrei­ben, ist natür­lich eine Pro­vo­ka­ti­on – die Gat­tung gilt (genau­so wie „Hei­mat“ über­haupt) als erle­digt und über­holt. Aber immer­hin sind es „Neue Hei­mat­ge­dich­te“, die Nor­bert Scheu­er hier vor­ge­legt hat. Und sie sind lan­ge nicht so pro­vo­zie­rend, wie man erwar­ten mag. Was auch damit zusam­men­hän­gen dürf­te, dass sie schon als Gedich­te – unab­hän­gig von ihrer The­ma­tik – nich so sehr pro­vo­zie­ren kön­nen und wol­len. Eine leich­te Weh­mut lässt sich oft erken­nen, vor allem aber zeich­net die Hei­mat­ge­dich­te Scheu­ers wohl so etwas wie eine Zufrie­den­heit mit der „Hei­mat“ trotz der vorhandenen/​erworbenen Kennt­nis des Ande­ren (als das wären: Welt, Unsterb­lich­keit der Lite­ra­tur und der­glei­chen mehr) aus. „Hei­mat“ selbst ist ja eigent­lich eine sehr unge­naue Spe­zi­fi­zie­rung. Hier trifft sie vor all­me – und das ist tat­säch­lich in der Lyrik der letz­ten Jah­re nicht unbe­dingt gewöhn­lich – auf das Dorf. Man kann gera­de die ers­ten Gedich­te des Ban­des auch als eine klit­ze­klei­ne Geschich­te des Dor­fes im Zeit­raf­fer lesen, mit den Men­schen und den Tätig­kei­ten und der Umge­bung, die dazu gehört. Wo ande­re Lyri­ker Sze­nen der Stadt beschrei­ben, steht hier eben das dörf­li­che oder länd­li­che Leben und Erle­ben im Vor­der­grund. Das war aber auch schon der Unter­schied – na gut, viel­leicht über­haupt die deut­li­che und star­ke Ver­or­tung in bestimmt-unbe­stimm­ten Raum (der „Hei­mat“, auf dem Lan­de …). Die­ser Ort bleibt aber unge­nannt und nicht ganz fass­bar – es ist eine manch­mal idea­le, manch­mal nicht so ehr idea­le Kon­struk­ti­on aus dem Typischen.
Ein paar sehr fei­ne, kla­re (spre­chen­de) Gedich­te sind dabei, aber auch eini­ges eher mit­tel­mä­ßi­ge und auch bana­les. For­mal hat sich das lei­der auch eher schnell erschöft, hat man schnell kapiert und ist dann zwar nicht schlech­ter, aber auch nicht mehr beson­ders span­nend oder anre­gend – etwa das Spiel mti der Ober­flä­chen­form der Gedich­te udn ihrer Spra­che. Aber viel­leicht ist das eben ein­fach Lyrik der Nor­ma­li­tät (des Lebens, eben des Lebens in der Hei­mat und auf dem Land).

Juli­en Gracq: Der Ver­su­cher. Graz: Dro­schl 2014. 232 Seiten. 

gracq, versucher„Ein Buch, das voll­stän­dig aus Ober­tö­nen besteht“ schreibt der Über­set­zer Die­ter Hor­nig im Nach­wort zu einem der Vor­bil­der für Gracq, Cha­teu­ab­ri­ands Vie de Ran­cé. Das gilt aber auch für den Ver­su­cher: Das ist näm­lich ein Roman, der maß­geb­lich von sei­ner Atmo­sphä­re lebt. Es ist fas­zi­nie­rend, wie genau und leicht Gracq die her­auf­be­schwö­ren kann: Sei­ne ele­gan­ten Beschrei­bun­gen der Ele­ganz ver­lo­re­ner Zeit(en) und unter­ge­gang­nen Epo­chen, wie sie sich im Urlaubs­le­ben in einem Strand­ho­tel mani­fes­tie­ren, las­sen eine ent­spann­te, offe­ne, zugleich erwar­ten­de und erwar­tungs­vol­le Stim­mung ent­ste­hen, die wun­der­bar zum som­mer­li­chen Schwe­ben im Urlaub, dem Ent­rückt-Sein aus dem All­tag, pas­sen. In der Land­schaft der bre­to­ni­schen Küs­te, mit ihrer Melan­cho­lie und Ver­gäng­lich­keit, die Gracq bezau­bernd beschreibt, trifft der Erzäh­ler (und Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler) Gérard unter ande­rem auf Allan, eine selt­sam chan­gie­ren­de Figur zwi­schen Hoch­stap­ler und tra­gi­schem Schick­sal – und ein wun­der­sa­mes und wun­der­ba­res Kam­mer­spiel ent­fal­tet sich, das man auch ganz und gar genie­ßen kann, ohne die inter­tex­tu­el­len Anspie­lun­gen, die Gracq hier offen­bar (und mehr oder weni­ger offen­sicht­lich) ver­ar­bei­tet hat, zu verstehen. 

Jan Kuhl­brodt: Stöt­zers Lied. Gesang vom Leben danach. Ber­lin: J. Frank 2013 (Quart­heft 40). 180 Seiten. 

kuhlbrodt, stötzers liedEin selt­sa­mes Buch, das mir eher fremd geblie­ben ist. Der „Gesang“, unter­teilt in diver­se durch „Embo­lien“ getrenn­te Abschnit­te (dar­un­ter „Stöt­zers Gedich­te“, „Para­li­po­me­na zu Stöt­zer“ oder „Deut­scher Platz“) ist eine Art Pro­sa­ge­dicht. For­mal gibt sich das als Lyrik, mit Ver­sen und Stro­phen etc. Sprach­lich bleibt es aber im Gro­ßen und Gan­zen Pro­sa. Und so wie es bei­de Gat­tun­gen glei­cher­ma­ßen bedient, so bedient es sich auch bei den gro­ßen The­ma. Irgend­wie geht es immer um Geschich­te und den Umgang mit ihr, beson­ders im (post)sozialistischen Leip­zig, von Völ­ker­schlacht­denk­mal über Lenin bis zur Ästhe­tik der Plat­ten­bau­ten wird so ziem­lich alles mög­li­che ange­ris­sen und auf­ge­ru­fen. Der Klap­pen­text schreibt da ganz treffend: 

Stöt­zer [die von Kuhl­brodt ein­ge­setz­te Spre­cher-/Re­flek­tor­fi­gur] ist ein Wahr­neh­mungs­spei­cher, ein Seis­mo­graph. […] Er nimmt das auf, was ihn über­rollt: Poli­tik, Öko­no­mie, Kunst, Geschich­te. Stöt­zer kom­men­tiert aus der Sta­tik her­aus die Bewe­gun­gen, das Aus­klin­gen des Ver­gan­ge­nen und das Her­ein­bre­chen des neu­en Jahrtausends.

Das ist eine Mischung aus Bana­li­tä­ten der Ober­flä­che und tie­fer boh­ren­den Refle­xio­nen gewor­den, die unver­mit­telt neben ein­an­der auf­tau­chen und da auch ste­hen blei­ben, sich dadurch aber recht erfolg­reich gegen­sei­tig befruch­ten und ergän­zen. Dar­über hin­aus ist das aber auch ein sehr schö­nes, gut gemach­tes Buch gewor­den, das mit ver­schie­de­nen Gestal­tungs­ele­men­ten der Typo­gra­phie und der Illus­tra­tio­nen die ver­schie­de­nen Tei­le oder Ebe­nen des Tex­te gut illus­trie­rend ergänzt und verdeutlicht.

Chris­ta Rei­nig: Feu­er­ge­fähr­lich. Neue und aus­ge­wähl­te Gedich­te. Aus­ge­wählt und mit einem Nach­wort von Klaus Wagen­bach. Ber­lin: Wagen­bach 2010 (Klaus Wagen­bachs Oktav­hef­te). 79 Seiten. 

reinig, feuergefaerhlichWirk­lich näher gebracht hat mir die­se Aus­wahl Klaus Wagen­bachs die Lyrik von Chris­ta Rei­nig nicht. Der Anfang ist schreck­lich banal, schon die Form – bravs­te Paar- und Kreuz­rei­me in regel­mä­ßi­ger Metrik und Zwölf­zei­lern – ver­hin­dert fast das inter­es­sier­te Lesen. Zum Glück wan­delt sich das mit dem Fort­schrei­ten der Sei­ten, eine zuneh­men­de Kon­zen­tra­ti­on und Ver­dich­tung. Das macht die nun auch mal lako­nisch wir­ken­den Gedich­te bes­ser. Allein schon des­halb, weil sie nicht mehr so geschwät­zig sind. Aller­dings bleibt der Ein­druck, dass hier eine Autorin schreibt, die irgend­wie stän­dig belei­digt von der Welt und ihrer Schlech­tig­keit wirkt. Weil das oft den Bei­klang per­sön­li­chen Belei­digt­seins hat (z.B. bei „Der Ande­re“!), hat mich das etwas genervt. Die Gegen­über­stel­lung der Macht­lo­sig­kei­ten, der Ohn­macht, der rich­ti­gen Spra­che und den offi­zi­el­len Verlautbarungen/​Wörtern, den Herr­schen­den, den Mäch­ti­gen durch­zieht fast alle Tex­te mehr oder weni­ger. Das ist ja eigent­lich eine sym­pa­thi­sche Sache, weil aber vie­les mir eigent­lich zu offen­sicht­lich, zu deut­lich und ein­deu­tig gesagt ist, ver­liert das etwas von sei­ner Wirkung.

In die Geweh­re rennen

mein tiefs­tes herz heißt tod
wenn das die mör­der wüssten
wären sie es müde (34)

außer­dem noch:

  • Arno Schmidt, »Na, Sie hät­ten mal in Wei­mar leben sol­len!« Über Wie­land – Her­der – Goe­the. Mit einem Essay von Jan Phil­ipp Reemts­ma, hrsg. von Jan Phil­ipp Reemts­ma. Stutt­gart: Reclam 2013. 234 Sei­ten. (mit dem wun­der­ba­ren Essay „Goe­the und einer sei­ner Bewunderer“)
  • Ein­hard, Vita Karo­li Magni (zur Vor­be­rei­tung auf den Aus­stel­lungs­be­such in Aachen)
  • Stramm, August, Gedich­te Dra­men Pro­sa Brie­fe. Her­aus­ge­ge­ben von Jörg Drews. Stutt­gart: Reclam 1997. 242 Seiten.

Der Erste Weltkrieg: Die Modefarben 1914

die mode­far­ben von 1914 waren
Blu­men­feld (Berlin/​New York) zufolge,
waren die­sem spra­chen-foto­graf zufolge
ziem­lich zuerst:

nil.
ein grün natür­lich, anori­en­ta­li­sier­tes abend-
land, das groß­bür­ger­tum hin­ter schweren
por­tie­ren, bei indi­rek­ter beleuch­tung trägt
Ber­lin auf, was Paris trägt.

tan­go.
das oran­ge, die trauer
früch­te die den blick verkanten.
süd­früch­te wur­den kaum gekannt
sie kamen im beam­ten­tu­me vor:
auf dem weih­nachts­tei­ler, auf dem
bör­sen­par­kett tan­go, schiffbau
stahl bes­tens notiert, und:

ciel.
ist der ver­dreh­te himmel.
blue pills und stahlparkett,
zur früh­jahrs­sai­son natürlich
von mar­ne gar noch nicht
die rede, ab herbst war dann
das klei­ne schwarz natürlich
angesagt.
*
gesag­tes klei­nes schwarz.
gesag­te schwarz­tö­ne, die all­ge­mei­ner wurden;
besag­te zunah­men, zunah­men in dem maße wie die herz­gru­ben und
‑töne schwä­cher, dann weg- und abge­schal­tet wur­den, und
die lis­ten (»ciel«) sprach­über­la­gert von namen und
aber­sprachn. noch war die grippe
nicht in sicht
*
lauf­steg laufgraben.
*
den toten wie den wit­wen, immer in den nachrichten,
immer voll drauf, voll zwi­schen die bei­ne gefilmt und -

[…]

*
gesprächs­un­ter­bre­chung durch
unrhyth­mischn his­to­ri­ker. zerstreut
wirkt die­ses durch­ge­sup­p­te spre­cher­chen und
bam­mel­mann, fidel wie die erhängtenleiche,
mit seinem:
»nix nil, nix tan­go. ohne ciel oder unter freiem
him­mel. oder-oder, oder nich mehr so jetzt, spr-
rache über pro­jek­ti­le blue pills, blaue boh­nen wohin
man tritt, das is spra­che! oder
was andres.«
*

[…]

wei­te­re und wei­te­re auffaltungen:
die auf­dru­cke (parol) auf den eiser­nen rationen;

die auf­wer­fun­gen von erde, etwa die querung
stei­ni­ger bach­bet­ten, gebü­sche. buchen, birken,

tan­nen­wäl­der. beschuß an rei­ßendn flüssn. im
lehm­bett, in näs­se: wie die gestam­mel­te briefschaft

durch­weicht, die­se zei­len, die­ses zie­hen in der
Schul­ter: die­ses wer­fen, die­se abzieh-gräbm, soweit

rei­chen die – wie weit rei­chen die ohren? wieweit
rei­chen mei­ne ohren: mei­ne augn festgefressen.

[…]

*
rhyth­mi­sche his­to­ria.
nicht weni­ger absent ist die­se spre­che­rin:
das war, mit pho­tos von Blumenfeld,
der far­ben­an­fall für 1914; entschuldigen
möch­ten wir uns für den
*
totalbildausfall.

—Tho­mas Kling: Der Ers­te Welt­krieg: Die Mode­far­ben 1914 (gekürzt, nach dem Abdruck in: Mer­kur 53 (1999), Heft 600, S. 266–268).

Aus-Lese #35

Wolf­ram Mal­te Fues: InZwi­schen. Mit Zeich­nun­gen von Thitz. Mün­chen: Alli­te­ra Ver­lag 2014 (Lyrik­edi­ti­on 2000). 127 Seiten. 

fues, inzwischenEin durch­aus fei­ner Lyrik­band, der mir mit sei­nen oft sehr lako­ni­schen, auf bru­ta­le Kür­ze zusam­men­ge­dampf­ten Gedich­ten eini­ge Lese­freu­de berei­te­te. Fues beschreibt vor allem die Ding­haf­tig­keit der Welt und ihre Erschei­nun­gen, der Gegen­stän­de und Zustän­de, Din­ge und Gesche­hen. Sein bevor­zug­tes Mit­tel ist es, Beob­ach­tun­gen oder Tat­sa­chen ein­fach unver­mit­telt auf­ein­an­der­pral­len zu las­sen. Das wird auch sprach­lich immer wie­der deut­lich: Fues bevor­zugt Kon­tras­te, das schwarz-weiß, den Vor­der- und Hin­ter­grund, jetzt und frü­her, unten oder oben und so wei­te. Die wer­den oft direkt gegen­über­ge­stellt, ohne Ver­mitt­lung, ohne ein Zwi­schen. Denn genau um die­ses „Zwi­schen“ geht es, um den Raum, der von den Begrif­fen so eröff­net wird. Dazu pas­sen auch die Ver­tau­schun­gen, gera­de der Kontrastpaare:

Ein Baum wie
eine Antenne.
Eine Antenne
wie ein Baum.
Demnächst
bot­schaf­ten Bäume
blü­hen Anten­nen. (44)

Manch­mal sind Sinn und Spra­che der kur­zen Gedich­te der­ma­ßen ver­knappt und redu­ziert, dass nur noch Rät­sel blei­ben – Rät­sel, die ein lee­res Gerüst der Spra­che zei­gen, aus dem der Sinn aus­ge­trie­ben wur­de ((z.b. 32). Dabei treibt ihn neben die­ser Arbeit an der Spra­che, die zwar redu­ziert, aber auch sehr kon­zen­triert wird, gera­de die Fra­ge der Kau­sa­li­tät oder nur der Kor­re­spon­denz, der zeitlichen/​räumlichen (sprach­li­chen) Fol­ge beson­ders um. Der Titel, das „Zwi­schen“, das ist auch in sei­ner Spra­che das Span­nen­de: Das da-/in-/-/zwi­schen in der Abfol­ge, der Kau­sa­li­tät, der Ent­wick­lung, der Kor­re­la­ti­on (oder auch nicht, der nur so schei­nen­den …). Auf die Strich­zeich­nun­gen von Thitz hät­te ich gut ver­zich­ten kön­nen – für mich sind das blo­ße – oft genug schlech­te, weil bana­le – Illus­tra­tio­nen des im Gedicht vor­kom­men­den, dabei aller­dings sehr oberflächlich.

Robert See­tha­ler: Ein gan­zes Leben. Ber­lin: Han­ser Ber­lin 2014. 77 Sei­ten (ebook)

seethaler, ganzes lebenDen Tra­fi­kant habe ich ja mit gro­ßem Ver­gnü­gen und Gewinn gele­sen. Des­we­gen hat mich Ein gan­zes Leben ziem­lich ent­täuscht. Mei­ne Lek­tü­re­no­ti­zen sind spar­sam: reich­lich lahm fand ich das wäh­rend des Lesen, auch erzäh­le­risch ein­fach lang­wei­lig und cha­rak­ter­los. Der Text beginnt etwas wie Stif­ter (auch sachen wie der am Beginn und Ende auf­tau­chen­de Hör­ner­han­nes und die sagen­haf­te „Kal­te Frau“ wei­sen auf die Ver­wand­schaft hin), dann kommt noch ein biss­chen Wim­schei­der und eine gehö­ri­ge Por­ti­on Franz Inner­ho­fer dazu. See­tha­ler erzählt ein Leben (aber ist das in irgend einer Hin­sicht ein gan­zes? Da sind vie­le Lücken …) eines Man­nes, der als Wai­se in ein öster­rei­chi­sches Gebirgs­tal kommt und dort – mit Aus­nah­me des Zwei­ten Welt­krie­ges – und einem spä­ten, ver­si­ckern­den Aus­bruchs­ver­such nicht her­aus­kommt. Dafür arbei­tet er nach sei­nem Beginn als land­wirt­schaft­li­cher Tage­löh­ner am Ein­zug des Fort­schritts in das Tal in Form von Seil­bah­nen mit – eines Fort­schrit­tes, der aber min­des­tens so unmensch­lich ist wie das har­te Leben zuvor. Das ist tat­säch­lich so kli­schee­haft und ein­falls­los, wie das hier klingt … Ich ver­ste­he ehr­lich gesagt die Begeis­te­rung der Rezen­sen­ten nicht so ganz – das ist mir alles zu banal und zu behä­big erzählt.

Elfrie­de Jeli­nek: Rein Gold. Ein Büh­nen­es­say. Rowohl 2013. 223 Seiten. 

jelinek, rein goldEine Art Streit­ge­spräch zwi­schen Wotan und Brün­hil­de am Schluss des „Ring des Nibe­lun­gen“. Aber Gespräch ist fast schon zu viel gesagt: Die bei­den Stim­men mono­lo­gi­sie­rend mehr ankla­gend abwech­selnd auf ein­an­der zu oder gegen ein­an­der. Es geht um alles, näm­lich die gesam­te Welt und ihre Geschich­te. Dabei kom­men bei­de immer­zu von einem zum ande­ren, vom Hölz­chen aufs Stöck­chen – manch­mal ist es der Klang bestimm­ter Wör­ter, der den Anschluss sichert, manch­mal ein the­ma­ti­scher Zusam­men­hang, manch­mal ein sys­te­ma­ti­scher oder ein per­so­na­ler. Das macht das Lesen so anstren­gend und schwie­rig: Wie eigent­lich immer bei Jeli­nek ist auch Rein Gold total über­frach­tet. Man muss sich selbst eine Schnei­se durch die­se Text­land­schaft schla­gen, sei­nen Weg suchen und dabei so man­chen Irr­gang nicht in Kauf neh­men. Dafür bekommt man eine Ankla­ge der Macht, des auf (unbe­dien­ten) Schul­den beru­hen­den Kapi­ta­lis­mus, der Aus­beu­tung über­haupt, dem Ver­hält­nist von Män­nern und Frau­en und dem von Töch­tern und Väter im beson­de­ren. Das ist oft wit­zig, tref­fend und genau, manch­mal aber auch absurd und manisch, wie hier alles – also wirk­lich Gott und die Welt, schließ­lich ist Wotan ja nicht irgend­wer, wie er ger­ne betont, und Brün­hil­de natür­lich auch nicht – durch den Text­wolf gedreht wird.

Ich ver­ste­he noch immer nicht, was ich sage, muß es aber sagen. (210)

Die­ses ewi­ge Tex­band hat mir den Zugang hier vor allem auf den ers­ten paar Dut­zend Sei­ten ziem­lich erschwert: Wenn man nicht rein­kommt in den Rhyth­mus der Gedan­ken und Wor­te, dann bleibt man aber auch wirk­lich drau­ßen. Die schlech­te Typo­gra­phie macht das Lesen des unbän­di­gen Tex­tes aller­dings auch nicht leich­ter und ver­sagt damit total – die unpas­sen­de Type ohne Liga­tu­ren ist der Anfang, dann ist der Satz­zei­chen-Clash „!,“, der oft vor­kommt, erstaun­lich häss­lich und vor den Aus­ru­fe- und Fra­ge­zei­chen so viel Luft, dass man manch­mal kaum weiß, wo die hingehören. 

Es gibt nichts vom Geld Ver­schie­de­nes, denn es gibt nur Geld, es gibt Ver­schie­de­ne, aber auch von ihnen kommt nur Geld, falls sie es schon vor­her hat­ten, sonst sind sie gar nicht so ver­schie­den. Sonst sind sie die glei­chen wie wir. (89f.)

Alles Geld ist nichts ohne Ware, und die Ware ist nichts als ein beschnit­te­ner Jude, unvoll­stän­dig, aber unbe­streit­bar tüch­tig, immer tüch­tig, das sehe ich vor­aus, bis auch er endet, ach, ich weiß nicht, das sage ich, ein Gott, und die Ware ist das Wun­der­ba­re, die Ware ist das Wun­der, die wun­der­ba­re Ver­meh­rung von allem, nicht nur Brot und Fischen, Jesus auch ein Pfos­ten, klar, ver­schenkt wird nichts, der hat das gemacht, aber er war ein Dil­lo, daß er geglaubt hat, das bringt ihm was, das bringt ihm Anhän­ger oder wie oder was, ich seh sie nicht, ich sehe sie noch nicht, was woll­te ich sagen: Also die Ware ist das wun­der­tä­ti­ge Mit­tel, um aus Geld, das wan­dern muß, das zu einem bestimm­ten Zweck, näm­lich die­sem, wan­dern muß, sonst kann man sich dafür nichts kau­fen, weil dann ja oft die Waren ganz woan­ders sind als das Geld, das eben wan­dern muß, um aus Geld mehr Geld zu machen, um mehr aus sich zu machen. Um aus Geld mehr Geld zu machen. Mehr Geld zu machen und aus. (125f.)

Mat­thi­as Nawrat: Unter­neh­mer. Rein­bek: Rowohlt 2014. 137 Seiten.

nawrat, unternehmerDer Schwarz­wald in nicht all­zu fer­ner Zukunft: deindus­tria­li­siert, auf­ge­ge­ben, ver­las­sen, nur noch eine Rest­be­völ­ke­rung schaut zu, wie die rie­si­gen Trans­por­ter auf der Auto­bahn vor­bei nach Nor­den don­nern, in die Städ­te. Da lebt auch die klas­si­sche Fami­lie – Vater, Mut­ter, Toch­ter, Sohn – von Liba, der 13jährigen Erzäh­le­rin in Nawrats klei­nem, aber durch­aus fei­nen Roman Unter­neh­mer. Die Fami­lie, das ist der Witz, hat die Logik des Kapi­ta­lis­mus auf­ge­so­gen und über­nom­men, bis ins Letz­te des Fami­li­en­le­bens hin­ein. Die Kin­der sind damit Teil des Unter­neh­mens – eines ziem­lich dürf­ti­gen Res­te­ver­wer­ters, der in ver­las­se­nen Fabri­ken und Kraft­wer­ken nach Wert­stof­fen sucht. Das ist eine nicht ganz unge­fähr­li­che Auf­ga­be, der Sohn hat schon einen Arm ver­lo­ren und wird wäh­rend des Romans auch noch sei­ner Bei­ne beraubt. Nawrat führt hier also gewis­ser­ma­ßen die neo­li­be­ra­lis­ti­sche Spiel­art des Kapi­ta­lis­mus nach dem Ende der Pro­duk­ti­on vor. Und er zeigt wun­der­bar, wie hohl die Phra­sen der Ideo­lo­gie (gewor­den) sind. Dazu dient ihm eine fas­zi­nie­ren­de Spra­che, die – wie die Moti­ve der Erzäh­lung – zwi­schen Nai­vi­tät und Raf­fi­niert­heit, zwi­schen Spiel und töd­li­chem Ernst, zwi­schen Locker­heit und Stren­ge (in Ton und Satz­bau glei­cher­ma­ßen) pen­delt. Gera­de dadurch, dass nicht alles expli­ziert wird, sich der Leser eini­ges die­ser selt­sa­men Welt und Gesell­schaft und Fami­lie zusam­men­rei­men muss und auch oft genug auf Lücken stößt, bleibt Unter­neh­mer inter­es­sant. Schön auch, dass Nawrat sei­ne Idee dann auch nicht über­mä­ßig aus­walzt und sich mit 137 Sei­ten beschei­det – mehr ist auch über­haupt nicht nötig, der Punkt ist dann schon längst klar: „Unter­neh­mer­tum“ ist eine lee­re Wort­hül­le, die man noch als Spiel betrei­ben kann, die aber, wenn sie zur allei­ni­gen Ideo­lo­gie gewor­den ist, die Lee­re ihrer selbst vor­führt – und das Feh­len der „wah­ren“ Wer­te wie Emo­tio­nen und Gefüh­le nur noch deut­li­cher wer­den lässt. 

Die Garan­tie hier­für ist der Erfolg unse­rer täg­li­chen Arbeit. Also hängt alles vom Erfolg unse­rer täg­li­chen Arbeit ab, sag­te Ber­ti. Und die­sen wie­der­um haben wir selbst in der Hand, sag­te ich. Es han­delt sich um einen Erfolgs­kreis­lauf, den wir mit unse­rer Arbeit in Bewe­gung halten.

Kili­an Jor­net: Lauf oder stirb. Das Leben eines bed­i­n­ungslosen Läu­fers. Mün­chen: Malik 2013. 222 Seiten. 

jornet, lauf oder stirbZu die­sem schö­nen und tol­len Lauf­buch oder bes­ser: Läu­fer­buch eines außer­or­dent­li­chen Läu­fers habe ich drü­ben im Lauf­blog schon alles not­wen­di­ge gesagt: Viel Licht, ein biss­chen Schat­ten: Lese­emp­feh­lung für alle Ultra-Trail-Lauf-Interessierten. 

außer­dem noch:

  • Fried­rich Höl­der­lin, Hype­ri­on oder der Ere­mit in Grie­chen­land (Re-Lek­tü­re, weil August ist)

Fortschritt

Der Fort­schritt geht auf Zins­fuß und Prothese,
Das Uhr­werk in der Hand, die Glo­rie im Herzen.

—Karl Kraus, Mit der Uhr in der Hand

Aus-Lese #34

Joa­chim Lott­mann: End­lich Koka­in. Köln: Kie­pen­heu­er & Witsch 2014. 195 Sei­ten (ebook)

lottmann, endlich kokainFünf Kapi­tel zwi­schen Wien und Ber­lin, in denen Lott­mann sei­nen Prot­ago­nis­ten die Eupho­rie des Rausch­gifts und (weni­ger stark aus­ge­prägt) den Absturz des Ent­zugs anhand der als über­all ver­füg­ba­re und über­all genut­zen Mode­dro­ge Koka­in (der Titel macht ja kein Geheim­nis dar­aus) erfah­ren lässt. Dabei steht aber nicht der Rausch im Mit­tel­punkt (und am Ziel des Dro­gen­kon­sums), son­dern die „Neben­ef­fek­te“: Das Abneh­men, das geän­der­te Sozi­al­ver­hal­ten, die anders er- und aus­ge­leb­te Sexua­li­tät – und das Geld. Die durch­aus komi­schen und amü­san­ten Schil­de­run­gen der Erleb­nis­se, die dem Hel­den auf die­ser, nun ja, Irr­fahrt begeg­nen, ergänzt Lott­mann etwas moti­va­ti­ons­los (und für den Text auch aus­ge­pro­chen fol­gen­los) sowie nicht sehr geschickt mit dem „Wis­sen­schaft­li­chen Tage­buch“ des Prot­ago­nis­ten, des­sen Ein­tra­gun­gen ganz ste­reo­typ mit „Lie­bes wis­sen­schaft­li­ches Tage­buch,“ begin­nen, die vom Erzäh­ler brav zitiert wer­den und vor allem durch ihre unglaub­wür­di­ge Nai­vi­tät auf­fal­len. Ansons­ten besticht der hete­ro­die­ge­ti­sche Erzäh­ler vor allem durch sein ent­spann­tes, leicht distan­zier­tes Plau­dern, das mit Sym­pa­thie für sei­ne Haupt­fi­gur Ste­phan Brau­mer erzählt, dabei des­sen Neu­gier und auch Befrem­den ange­sichts der „Per­ver­sio­nen“ der ande­ren tei­lend. End­lich Koka­in ist aber nicht nur ein Dro­gen­ro­man – das wäre Lott­mann wohl zu wenig. Zugleich will der Text auch noch eine Kunst­be­triebs­sa­ti­re sein. Das klappt so halb­wegs, ver­san­det aber in der net­ten Harm­lo­sig­keit. Und auch eine Anti-Ent­wick­lungs­ro­man (aller­dings mit ver­söhn­li­chem Hap­py-Ende soll das noch sein. Da aber über­haupt alles nett und flo­ckig bleibt, nir­gends hart (auch sprach­lich nicht), klappt das, was über den unter­halt­sa­men Bericht der täp­pi­schen Unter­neh­mun­gen Braum­ers hin­aus­geht, auch nur sel­ten. Bartels fasst das in sei­ner Rezen­si­on ganz gut zuammen: 

Am bes­ten ist es, „End­lich Koka­in“ wie im Rausch in einem Zug zu lesen, dann ist der Spaß am aller­größ­ten. Sonst könn­te man leicht auf den Gedan­ken kom­men, schon bes­se­re Dro­gen­ro­ma­ne und Kunst­be­triebs­sa­ti­ren gele­sen zu haben.

Jens Ditt­mar: So kalt und schön. Ein Son­der­weg. Aus dem Nach­lass von Hil­de­gard Klein­schmidt (Temuco/​Chile) her­aus­ge­ge­ben, kom­men­tiert und mit Anmer­kun­gen ver­se­hen von Jens Ditt­mar. Hohen­ems: Bucher 2014.

dittmarEinen post­mo­der­nen Schel­men­ro­man ver­heißt der Umschlag­text. Den bekommt man aller­dings nicht. Lesen kann man So kalt und schön am bes­ten als Ver­such, einen sol­chen zu schrei­ben – ein Ver­such, der nicht so rich­tig glückt. Denn auf bei­den Ebe­nen bleibt Ditt­mar vor dem Ziel ste­hen: Weder ist das ein gelun­ge­ner Schel­men­ro­man – die Ele­men­te sind da, der Witz fehlt … -, noch kann der post­mo­der­ne Aspekt über­zeu­gen. Der erschöpft sich näm­lich im Auf- und Vor­füh­ren von mög­lichst vie­len Namen, die im Kul­tur­le­ben (vor allem im lite­ra­ri­schen Teil) der Bun­des­re­pu­blik eine Rol­le spiel­ten. Das geschieht aber regel­mä­ßig ohne beson­de­re Moti­va­ti­on, so dass es lee­re Ges­te bleibt. Typisch für die­se Halb­her­zig­keit, die viel von dem Text durch­zieht, ist die Tat­sa­che, dass die Her­aus­ge­ber­fik­ti­on den Ver­lag über­for­der­te oder der sie nicht mit­ma­chen woll­te und sie des­halb gleich auf dem Titel­blatt „zer­stört“ – dann kann man sich so etwas auch gleich spa­ren. Ähn­li­ches gilt für die „Anmer­kun­gen“, die bloß belang­los sind und will­kür­lich ein paar Fak­ten im Wiki­pe­dia-Stil hinzufügen.

Der Erzäh­ler ist ein pene­trant dozie­ren­der Erzäh­ler, der mehr erklärt (und vor­führt, gera­de an Büchern und Gestal­ten und Autoren) als er erzählt: „Und Andrea ver­such­te, sich das vor­zu­stel­len, aber es ging nicht.“ (67) heißt es ein­mal – so ähn­lich geht es dem Leser (d.h. mir) auch. 

Horst Brun­ner (Hrsg.): Von acht­zehn Wach­teln und dem Fin­ken­rit­ter. Deut­sche Unsinns­dich­tung des Mit­tel­al­ters und der Frü­hen Neu­zeit. Stutt­gart: Reclam 2014. 163 Seiten.

wachtelnDie­ses schma­le Reclam-Bänd­chen ist wun­der­ba­re lus­ti­ge und lust­vol­le Lek­tü­re für zwi­schen­durch: Kurio­sa aus der Lita­tur­ge­schich­te des Mit­tel­hoch­deut­schen und vor allem der Frü­hen Neu­zeit. Brun­ner schreibt im Nachwort: 

Auch im Mit­tel­al­ter und in der Frü­hen Neu­zeit gab es Men­schen, die gern und ent­spannt gelacht haben, weder dach­ten sie unaus­ge­setzt an das Jen­seits, noch an den Sinn ihrer stän­di­schen Exis­tenz, noch an Rebel­li­on und Auf­rü­hertum. Die Tex­te, die ihnen gefal­len haben, kön­nen durch­aus auch uns heu­te noch erfreu­en. (163)

In der Tat, die Dich­tun­gen über Tie­re, Unmög­lich­kei­ten und ver­kehr­te Wel­ten sind erfreu­lich, im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes. „Das Schlau­raf­fen Landt“ von Hans Sachs ist wohl der bekann­tes­te Text die­ser Samm­lung. Sehr schön aber auch der „Fin­ken­rit­ter“ in der Tra­di­ti­on des Rit­ter­ro­mans und mit Ver­wand­schaf­ten zum Schel­men­ro­man (Chris­ti­an Reu­ter könn­te sich hier durch­aus bedient haben, denkt man beim Lesen manch­mal, zum Bei­spiel bei der Schil­de­rung der Geburt, die doch eini­ge Ähn­lich­kei­ten zum Schel­muff­sky auf­weist). Ansons­ten: Viel Umkeh­rung des Sinns, ohne dass immer und unbe­dingt neu­er Sinn dar­aus wird und auch nicht wer­den soll – also Un-Sinn im wahrs­ten Sinn des Wor­tes. Die Mit­tel sind zum Bei­spiel die ver­kehr­te Sprach­welt, in der kon­se­quent Sub­jekt und Objekt der Ver­se ver­tauscht wer­den. Oder ein­fach Unmög­lich­kei­ten der Welt, in denen immer wie­der der Tri­umph der Schwa­chen über Star­ke, der Gejag­ten über Jäger her­vor­blitzt. Sprach­lich spie­len natür­lich auch Mit­tel der Ver­keh­rung wie die con­tra­dic­tio in adiec­to, das Para­do­xon oder der ad absur­dum getrie­be­ne Reim­zwang eine gro­ße Rolle.

Ein Bei­spiel aus dem anony­men „Puch von den Wach­teln“, ca. 1380:

geflo­gen kam ain regenwurm,
der hub den aller grös­ten sturm
mit ainem igel, der waz plos
herr diet­rich von pern schoz
durch ain alten enu­en wagen,
herr hil­de­prant durchn kragen,
herr Ekk durch den schüzzelkreben -
Chriem­hilt ver­loz da ir leben,
da plut gen mainz ran.
herr vasolt kaum entran,
des leibs er sich verwak.
sib­ent­ze­hen waht­eln in den sak!

Mar­le­ne Stre­eru­witz: Nach­kom­men.. Frank­furt: Fischer 2014. 432 Seiten. 

Sie muss­te durch­set­zen, dass das ein Roman war und kein Buch und dass es rich­tig war, dass es Roma­ne gab, und dass es um die Wahr­heit ging. Um die vie­len Mög­lich­kei­ten davon. (313)

streeruwitz, nachkommen.Stre­eru­witz schreibt wei­ter an ihrem Pro­jekt zu Wahr­heit und rich­ti­gen Leben, zum Ver­hält­nis der Geschlech­ter, und, hier sehr deut­lich, zum Pro­blem der Aus­beu­tung. Im Gegen­satz zu so man­chen Rezen­sio­nen geht es in Nach­kom­men. gar nicht so sehr um den Lite­ra­tur­be­trieb – das ist kein Schlüs­sel­ro­man. Der Betrieb um die Ware Buch, gemacht aus Roma­nen und ande­ren Tex­ten (der Unter­schied ist schon ent­schei­dend, für Stre­eru­witz und ihre Prot­ago­nis­tin Nelia Fehn), ist eigent­lich nur das Set­ting, der Rah­men, vor/​in dem sich das Ent­schei­den­de abspielt.

Das Ent­schei­den­de, um dem es in Nach­kom­men. geht, ist in mei­ner Les­art auch nicht das, was der Klap­pen­text ver­heißt, näm­lich „ein Roman über die Ord­nung der Gene­ra­tio­nen“. Eigent­lich – und ich fin­de das so deut­lich, dass es schon fast über­trie­ben ist ist Nach­kom­men. ein Roman über Aus­beu­tung. Es geht dar­um zu zei­gen, wie eine jun­ge Frau (das Geschlecht ist nicht unwich­tig!) das kapi­ta­lis­ti­sche „Funk­tio­nie­ren“ (ein-)übt, erkennt und – an sich, ihren eige­nen Hand­lun­gen und denen ande­rer Men­schen wie dem schmie­ri­gen Ver­le­ger, den Mäze­nen, den Kri­ti­ke­rin­nen etc – reflek­tiert und kri­ti­siert. Wobei „Kri­tik“ viel­leicht schon zu viel ver­spricht, näm­lich die Idee einer Alter­na­ti­ve, einer ver­hei­ßungs­vol­len Idee oder so. Dar­um geht es aber nicht, das weiß Nelia Fehn (die eigent­lich Cor­ne­lia heißt) auch. Es geht aber dar­um, erst ein­mal zu zei­gen, wie die An-/Ein­pas­sung in ein (über­mäch­ti­ges) öko­no­mi­sches Sys­tem funk­tio­niert und was das für Fol­gen für das Indi­vi­du­um hat, wenn die­ses Sys­tem (nur) nach öko­no­mi­schen Kri­te­ri­en funk­tio­niert und nicht ein sinn­haf­tes, men­schen­freund­li­ches ist. Die Hand­lung – die Buch­preis­ze­re­mo­nie, die Frank­fur­ter Buch­mes­se, die Inter­views, die Trau­er um die Mut­ter, die Begeg­nung mit dem absen­ten Vater – zeigt also die Aus­beu­tung auf ver­schie­de­nen Ebe­nen, als Selbst-Aus­beu­tung, als Aus­beu­tung durch den Ver­lag, durch die Medi­en, durch die Fami­lie, aber auch die Aus­beu­tung ande­rer (etwa in Form bil­li­ger Abeits­kräf­te, hier v.a. anhand der Tex­til­pro­duk­ti­on in Fern­ost, der Kri­se in Grie­chen­land etc.): Aus­beu­tung ist sozu­sa­gen ein omni­prä­sen­tes Motiv im Text. Das funk­tio­niert gera­de des­halb so gut, weil der Roman eben kei­nen Aus­weg zei­gen will und kann: Er will das Pro­blem bewusst machen und nicht ein­fa­che Lösun­gen pro­pa­gie­ren. Die Absur­di­tät und Kom­ple­xi­tät und Unent­rinn­bar­keit der Schlech­tig­keit der Welt, die sich auch in der Gene­ra­tio­nen­un­ge­rech­tig­keit spie­gelt (nicht nur als ein Macht­pro­blem im direk­ten Ver­hält­nis, son­dern grund­sätz­lich!) kann der Text auf­zei­gen. Aber ein Schlüs­sel­ro­man des Lite­ra­tur­be­triebs ist das natür­lich nicht – höchest so, wie die Bud­den­brooks ein Schlüs­sel­ro­man des Getrei­de­han­dels sind. Es geht nicht um dem Lite­ra­tur­be­trieb. Lite­ra­tur ist unwich­tig (gewor­den) – gera­de das erfährt und bemerkt und zeigt die Prot­ago­nis­tin ja immer wie­der: die Lee­re, die nur noch Betrieb und nicht mehr Lite­ra­tur ist. Vor allem geht es in Nach­kom­men. aber um ande­res: Frau­en (und Män­ner) und ihre Rol­len, Gene­ra­tio­nen, und, ganz wich­tig, das Funk­tio­nie­ren in der kapi­ta­lis­tisch orga­ni­sier­ten und durch­drun­ge­nen Gesell­schaft als ein Funk­tio­nie­ren (der Men­schen bzw. ihrer jewei­li­gen der­zei­ti­gen Rol­len) im kapi­ta­lis­ti­schen Sin­ne, das trotz Kri­se die Ver-Wer­tung, also: die Aus­nut­zung nicht behin­dert. Oder anders gesagt: es geht dar­um, die tota­le Durch­drin­gung der kapi­ta­lis­ti­schen Nor­men in der Gesell­schaft mit all ihren Berei­chen (wie etwa der Kunst) zu zei­gen. Und das in der von Stre­eru­witz gewohn­ten prä­zi­sen, manch­mal har­ten, immer fas­zi­nie­ren­den Sprache.

Der Roman, so ist mei­ne Erfah­rung, gewinnt unge­heu­er, wenn man dazu sich (noch ein­mal) die Poe­tik-Vor­le­sun­gen der Autorin zu Gemü­te führt, die Fischer gera­de noch ein­mal zusam­men mit­ei­nem her schwa­chen Inter­view her­aus­ge­ge­ben hat – da steht eigent­lich schon alles drin, was man zur Ästhe­tik und den lite­ra­ri­schen Zie­len von Stre­eru­witz wis­sen muss.
Groß­ar­tig. Wie eigent­lich alles von Mar­le­ne Stre­eru­witz.

War­um woll­te sie ein gutes Ergeb­nis sein. Über­haupt. War­um woll­te sie schön aus­schau­en. Es ging doch dar­um, dass es sie gege­ben hat­te. Schon immer. Und lan­ge bevor sie so groß und dünn gewor­den war. Sie war schon immer da gewe­sen, und es hät­te gleich­gül­tig sein sol­len, wie sie aus­sah. Über­haupt. Sie war ja erst groß und dünn gewor­den, nach­dem die Mami. Es wäre schön gewe­sen. Schö­ner. Viel schö­ner. Es wäre über­haupt nicht zu ver­glei­chen gewe­sen. Sie hät­te sich gewünscht, die Mami. Ihre Muter. Sie könn­te sie sehen. Könn­te etwas sagen. Dazu, wie sie aus­sah. Nur sehen. Sie anschau­en. Es wäre schon genug gewe­sen. Es wäre das Schöns­te gewe­sen. Und selbst Mari­os ver­stand das nicht. Dass das so wich­tig gewe­sen wäre. Aber Mari­os woll­te, dass er das Wich­tigs­te für sie war. Und sie woll­te ja auch, dass Mari­os das woll­te, und sie hat­ten bald auf­ge­hört, dar­über zu reden. Das war alles so weit innen. Das behielt sie da. Und war­um fürch­te­te sie sich vor dem Tref­fen. War­um hat­te sie die­ses Cha­os im Bauch. Fürch­te­te sie sich vor die­sem Mann. Die­ser Mann. Er war sinn­los. Er war mehr als sinn­los. Er war nicht ein­mal ein Ersatz. (158)

Birk Mein­hardt: Brü­der und Schwes­tern. Die Jah­re 1973–1989. Mün­chen: Han­ser 2013. 700 Seiten.

meinhardt, brüder und schwestern700 Sei­ten für 16 Jah­re Fami­li­en­ge­schich­te – kurz fas­sen ist offen­bar nicht die Stär­ke von Mein­hardt. Brü­der und Schwes­tern will ein breit erzähl­tes Pan­ora­ma einer „Jahr­hun­dert­fa­mi­lie“ sein (die­sen Anspruch merkt man auf fast jeder Sei­te), die mit Rück­blen­den bis in die Zeit vor dem Zwei­ten Welt­krieg zurück reicht, vor allem aber die „End­pha­se“ der DDR im Blick hat. Dabei, das ist schon ein ers­tes Pro­blem, zer­fällt die Fami­li­en­ge­schich­te aber in seri­ell erzähl­te Ein­zel­ge­schich­ten: von Wil­ly Wer­chow, dem Dru­cker und Betriebs­lei­ter, der sich durch Kom­pro­mis­se immer mehr der Par­tei- und Staats­li­nie annä­hert und kom­pro­mit­tiert, sei­ner Söh­ne Erik und vor allem Mat­ti, der sozu­sa­gen aus­steigt und „bloß“ Bin­nen­schif­fer wird, dafür aber einen Roman schreibt (der hier auch mit­ge­teilt wird), den sei­ne ehe­ma­li­ge Jugend­lie­be, die inzwi­schen als Lek­to­rin in der BRD arbei­tet, im „West­end-Ver­lag“ (soll wohl Suhr­kamp sein?) ver­öf­fent­licht, und Brit­ta, die bei einem pri­va­ten Zir­kus lan­det und dort mit einer neu­ar­ti­gen Akro­ba­tik­num­mer Furo­re macht. Das alles ist umständ­lich und weit aus­ho­lend erzählt, ohne dass mir die Not­wen­dig­keit dafür klar wür­de. Vor allem ist es im Detail manch­mal – trotz der Recher­chen und dem Bemü­hen um his­to­ri­sche Authen­ti­zi­tät – eher schwach und nach­läs­sig, wirkt oft unge­nau (zum Bei­spiel in der zeit­li­chen Fixie­rung). Eine Ten­denz ins All­ge­mei­ne, zum Aus­wei­chen ins irgend­wie gear­te­te „Über-Zeit­li­che“ macht sich öfters unan­gehm bemerk­bar. Dabei kann Mein­hardt durch­aus erzäh­len und beschrei­ben, detail­liert und vol­ler Fas­zi­na­ti­on für den eige­nen Stoff. Genau­ig­keit und Witz ste­cken da durch­aus drin – aber ein­ge­bet­tet in gro­ße Län­gen und dür­re Stre­cken. Denn ande­rer­seits ver­liert er sich immer wie­der zu sehr im Detail. Es gibt ein­fach zu viel davon – und dabei wird nicht klar, war­um (und wofür) das eigent­lich alles not­wen­dig sein soll, wo der Text hin­will (über die blo­ße Beschrei­bung hin­aus). „– wird fort­ge­setzt –“ steht auf der letz­ten Sei­te: soll das alles denn immer noch nicht genug gewe­sen sein?

Hans-Jost Frey & Franz Josef Czern­in: Sät­ze. Zürich, Ret­ten­egg, Solo­thurn: rough­books 2014 (rough­book 030). 132 Seiten.

sätzeDa hat rough­books mir wie­der etwas beschert. Einer­seits ist das fas­zi­nie­rend ohne Ende, kann man sich in die­sen „Sät­zen“ wun­der­bar ver­lie­ren. Ande­rer­seits kann man aber auch aus dem Kopf­schüt­teln kaum noch her­aus kom­men … – ein typi­sches rough­book also, in gewis­ser Hin­sicht. Hans-Jost Frey und Franz Josef Czern­in spie­len sich hier gegen­sei­tig Sät­ze zu – der jeweils ande­re muss dar­auf reagie­ren, mit Sät­zen, die Wör­ter des Aus­gangs­sat­zes ent­hal­ten. Und Sät­ze sind hier ganz buch­stäb­lich zu ver­ste­hen, es geht fast nur um ein­zel­ne Sät­ze. Und es sind „Sät­ze“, also Set­zun­gen. Die sind oft axio­ma­tisch, spie­len immer wie­der mit der Spra­che, mit der Ober­flä­che und ihren Bedeu­tun­gen, häu­fen (schein­ba­re) Para­do­xien, schmei­ßen mit Zita­ten und Allu­sio­nen und Ver­frem­dun­gen berühm­ter Aus­sa­gen berühm­ter Män­ner (Kant, Hegel, Nietz­sche, Lacan, Freud, Kaf­ka und so wei­ter) nur so um sich. Manch­mal ver­selb­stän­digt sich das, dann sind die „Regeln“ auch nicht mehr so wich­tig. Manch­mal läuft sich das auch ein biss­chen tot. Zumin­dest emp­fand ich das beim ers­ten Lesen so. Ver­mut­lich wür­de eine wie­der­hol­te Lek­tü­re ein ganz ande­res Ergeb­nis zei­gen, da wären ver­meint­li­che Dür­restre­cken dann ver­mut­lich reich an wun­der- und wert­vol­len Sät­zen. Davon gibt es aber immer schon genug, auch nach dem ers­ten Lesen fin­den sich unzäh­li­ge Anstrei­chun­gen in mei­nem Exem­plar. Wie­der ein Buch also, das mit ein­ma­li­gem Lesen nicht ansatz­wei­se abge­tan ist …

Voß, Flo­ri­an (Hrsg.): Welt­krieg! Gefal­le­ne Dich­ter 1914–1918. Mün­chen: Alli­te­ra 2014 (Lyrik­edi­ti­on 2000). 70 Seiten.
Anz, Tho­mas & Joseph Vogl (Hrsg.): Die Dich­ter und der Krieg. Deut­sche Lyrik 1914–1918. Stutt­gart: Reclam 2014. 103 Seiten. 

Zu die­sen bei­den Antho­lo­gien mit Lyrik aus den Jah­ren 1914–1918, dem Welt­krieg bezie­hungs­wei­se sei­nem Umfeld in Deutsch­land, habe ich kürz­lich schon ein paar Sät­ze geschrie­ben. Jeden­falls auch loh­nen­de Lek­tü­re – und gar nicht so schwer oder lang …

Sarah Schmidt: Eine Ton­ne für Frau Scholz. Ber­lin: Ver­bre­cher 2014. 217 Seiten. 

schmidt, tonneUnd zum Schluss noch ein fei­nes Buch aus dem vor­züg­li­chen Ver­bre­cher-Ver­lag: Eine Ton­ne für Frau Schulz ist ein aus­ge­zeich­ne­ter, prä­zi­se beob­ach­ten­der und beschrei­ben­der Roman vol­ler Witz und Esprit. Sicher, Gat­tungs- oder gar Lite­ra­tur­ge­schich­te wird der nicht schrei­ben. Aber es ist vor­züg­li­che, niveau­vol­le Unterhaltung.
Neben dem schön tro­cke­nen, prä­zi­sen und unauf­dring­li­chen Humor der Erzäh­le­ring hat mir auch die Gewöhn­lich­keit des Set­tings und der Per­so­nen gut gefal­len. Das sind ganz nor­ma­le Men­schen mit ganz nor­ma­len Pro­ble­men und gan­ze nor­ma­len Gedan­ken. Dabei wird das nicht ankla­gend oder vor­füh­rend erzählt, son­dern sehr sym­pa­thisch. Das Leben an sich reicht schon, ist schön und erfül­lend genug, da braucht es kei­ne Beson­der­hei­ten, viel­leicht auch kei­nen Ehr­geiz nach Indi­vi­dua­li­tät oder Beson­der­heit: Das Sein reicht schon, kann auch schön sein und glück­lich machen (wenn man sich damit beschei­det, wie die Erzäh­le­rin). Die titel­ge­ben­de Frau Scholz, eine alte Dame, mit der sich die Erzäh­le­rin, die mit ihrer Fami­lie (Vater, Mut­ter, Sohn, Toch­ter – ganz nor­mal eben …) im glei­chen her­un­ter­ge­kom­me­nen Ber­li­ner Miets­haus wohnt, anfreun­det, ver­schafft sich dann aber doch noch eine Beson­der­heit, in dem sie sich einen Sohn erfin­det, der Flucht­hel­fer an bzw. unter der Ber­li­ner Mau­er war – offen­sicht­lich eine Lüge, auch wenn das nie ganz ein­deu­tig geklärt wird. Unter ande­rem, weil sie vor dem ent­schei­den­den Inter­view mit der selt­sam (für die Ich-Erzäh­le­rin) ziel­stre­bi­gen Toch­ter ein­fach so stirbt … Den Freun­din­nen und Freun­den guter, niveau­vol­ler Unter­hal­tung jeden­falls wärms­tens empfohlen. 

Mir feh­len zwar oft eige­ne Wor­te, so viel ver­schwin­det, wird absor­biert und zu häu­fig benutzt, und für vie­les in mir drin habe ich über­haupt kei­ne Wör­ter, noch nie gehabt, aber »Lebens­qua­li­tät«, das gehört nicht zu mir. Ich will nur in der Küche sit­zen und rau­chen und wei­ge­re mich, dabei ein Lebens­ge­fühl zu ent­wi­ckeln. Ich will kei­nen Lebens­stan­dard, kei­ne Lebens­lust, kei­nen Lebens­traum, kei­ne Lebens­phi­lo­so­phie. (39)

außer­dem:

  • Tho­mas Meine­cke, Loo­ka­li­kes (Re-Lek­tü­re)
  • Hubert Fich­te, Det­levs Imi­ta­tio­nen »Grün­span« (Re-Lek­tü­re – und immer wie­der begeis­tert von die­sem gro­ßen Text!)
  • Mara Gen­schel, Refe­renz­flä­che #4
  • Spra­che im tech­ni­schen Zeit­al­ter, #210

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