Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Autor: Matthias Seite 83 von 208

Leser mit allerlei Ansprüchen und ausdauernder Läufer. Je nach Tagesform auch mal ausdauernder Leser und Läufer mit allerlei Ansprüchen.

Ins Netz gegangen (22.7.)

Ins Netz gegan­gen (22.7.):

  • 18 Tage in einer Welt ohne Mensch­lich­keit – Gesellschaft/​Leben – Im Reich des Todes Die gan­ze Welt schaut nach Kai­ro – zugleich fol­tern Bedui­nen auf der ägyp­ti­schen Sinai-Halb­in­sel Tau­sen­de afri­ka­ni­sche Migran­ten, um Löse­geld zu erpres­sen. Und gleich neben­an machen ahnungs­lo­se deut­sche Tou­ris­ten Urlaub. Unter­wegs durch eine Regi­on, in der kri­mi­nel­le Gewalt, Tou­ris­mus und Welt­po­li­tik nahe beieinanderliegen.
  • Fest­spiel-Infla­ti­on : Kommt der Som­mer, blüht die Fes­ti­vali­tis – DIE WELT – Manu­el Brug bringt es in der WELT auf den Punkt:

    Ohne den regu­lä­ren, hoch sub­ven­tio­nier­ten Betrieb, der die Künst­ler her­an­züch­tet, die Kol­lek­ti­ve unter­hält, gäbe es kei­ne Fes­ti­valsai­son. Eine Insti­tu­ti­on wie das Fest­spiel­haus Baden-Baden wird zwar direkt kaum sub­ven­tio­niert, aber sei­ne Star­vio­li­nis­tin­nen und Sopran­pri­ma­don­nen sind anders­wo groß gewor­den. Hier schöp­fen sie nur in meist risi­ko­lo­sen Pro­gram­men den Rahm ihrer Exis­tenz ab.

  • Fefes Blog – „Die sind ja selbst zum Lügen zu däm­lich! Das ist doch die ein­zi­ge Kern­kom­pe­tenz, die Poli­ti­ker haben!“ >

Aus-Lese #10

ZEIT-Geschich­te, 2/​2013: Anders leben. Jugend­be­we­gung und Lebens­re­form in Deutsch­land um 1900. 114 Seiten.

Das Heft bie­tet vor allem eines: Vie­le schö­ne Bil­der luf­ti­ger oder gar nicht beklei­de­ter Men­schen … Die Tex­te haben mich näm­lich die­ses Mal etwas ent­täuscht: Joa­chim Rad­kau haut im ein­lei­ten­den Über­blicks­ar­ti­kel erst mal kräf­tig auf alle ande­ren His­to­ri­ker aller Pro­ve­ni­en­zen ein, die die (Lebens-)Reformbewegungen der Jahr­hun­dert­wen­de sowie­so alle falsch ver­stan­den haben (im Gegen­satz zu ihm selbst). Inter­es­sant ist dann noch der Text über den „Mon­te Veri­tà“, Andre­as Molitors Text über die Darm­städ­ter Mat­hil­den­hö­he hin­ge­gen bleibt flach – wie vie­le ande­re Bei­trä­ge auch. Ins­ge­samt sicher eines der schlech­te­ren Hef­te – mit der Geschich­te einer Idee kommt die Redak­ti­on mit ihren gewohn­ten Mit­teln offen­bar nicht zuran­de: Das ist nur eine lan­ge Rei­hung von Ein­zel­phä­no­me­nen, die kaum ein gro­ßes oder nur ein grö­ße­res Bild ergeben.

Jörn Rüsen: Kann ges­tern bes­ser wer­den? Zum Beden­ken der Geschich­te. Ber­lin: Kad­mos 2003 (Kul­tur­wis­sen­schaft­li­che Inter­ven­tio­nen, Bd. 2). 160 Seiten.

Vier Essays über Geschich­te an sich, als Pro­blem und Lösung, über die Ver­ant­wor­tung von His­to­ri­kern gegen­über der Ver­gan­gen­heit, der Gegen­wart und der Zukunft – all die­se Grund­satz­fra­gen beim Nach­den­ken über und Arbeit mit und an der Geschich­te eben. Das ist alles sehr reflek­tiert, aber auch sehr tro­cken und strikt theo­re­tisch: typisch Rüsen eben … Typisch für ihn ist auch, immer von einer (exis­ten­zia­lis­ti­schen) „Anthro­po­lo­gie des His­to­ri­schen“ aus­zu­ge­hen und dar­aus sei­ne Über­le­gun­gen zu Wert und Gestalt der Geschich­te zu entwickeln.

Ger­hard Falk­ner: Per­ga­mon Poems. Gedichte+Clips (dt-en). Über­ta­gen von Mark Ander­son. Ber­lin: kook­books 20012. 64 Sei­ten + DVD.

Zu dem Per­ga­mon Poems auf Papier und Sil­ber-/Matt­schei­be habe ich die­se Woche schon ein biss­chen etwas geschrie­ben: klick.

Edgar Allan Poe: Die Geschich­te der Arthur Gor­don Pym aus Nan­tu­cket. Über­setzt von Hans Schmid, her­aus­ge­ge­ben von Hans Schmid und Micha­el Farin. Ham­burg: mare­buch­ver­lag 2008. 525 Seiten.

Ein schön gemach­tes Buch, mit aus­führ­li­chem Begleit­ma­te­ri­al, einer neu­en, gut les­ba­ren Über­set­zung mit reich­li­cher Kom­men­tie­rung (auch wenn mich die Fuß­no­ten fast ein biss­chen zu sehr ablen­ken beim Lesen des Haupt­tex­tes). Vor allem aber ein wirk­lich groß­ar­ti­ger Roman, ein Hoch­fest des unzu­ver­läs­si­gen Erzäh­lens – denn das ein­zi­ge, das sicher ist, ist, dass nichts sicher ist, was hier erzählt wird … – da hilft auch die Beteue­rung des Erzäh­lers nicht viel:

Ich berich­te die­se Umstän­de ganz detail­ge­treu, und ich berich­te sie, wohl­ver­stan­den, exakt so, wie sie uns erschie­nen. (199)

Davon darf man sich den Spaß aber nicht ver­der­ben las­sen. Im Gegen­teil, der schlitz­oh­ri­ge Erzäh­ler ist ein nicht uner­heb­li­cher Grund, war­um die­se Aben­teu­er­ge­schich­te einer See­rei­se mit blin­dem Pas­sa­gier, Meu­te­rei, Schiffs­bruch, Süd­see-Han­del, Süd­pol-Expe­di­ti­on und Kämp­fen mit Ein­ge­bo­re­nen … so unter­halt­sam daher­kommt und so ein raf­fi­nier­ter Text ist.

Ins Netz gegangen (19.7.)

Ins Netz gegan­gen (19.7.):

  • Gesell­schafts­kri­tik: Über Pro­mi-Schlag­zei­len | ZEIT ONLINE – Hei­ke Fal­ler über die Kunst der Schlagzeilen:

    Die per­fek­te Über­schrift bringt also etwas auf den Punkt, bei dem ande­re gan­ze Leit­ar­ti­kel brau­chen, es zu umkrei­sen, um es dann am Ende doch nicht zu tref­fen: Wir sind Papst! war so ein Satz, unver­gäng­lich wie Atom­müll und lei­der genau­so ner­vig, weil nicht zu entsorgen.

  • Euro Hawk: Papier erschüt­tert de Mai­ziè­res Glaub­wür­dig­keit – Süddeutsche.de – Die SZ hat schon wie­der Unter­la­gen bekom­men, die mehr als nahe­le­gen, dass de Mai­ziè­re gelo­gen hat:

    In der Euro Hawk-Affä­re gibt es einen wei­te­ren Beleg dafür, dass Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Tho­mas de Mai­ziè­re (CDU) frü­her als ange­ge­ben Kennt­nis vom Aus­maß der Pro­ble­me hat­te. In einem der Süd­deut­schen Zei­tung vor­lie­gen­den Doku­ment zur Vor­be­rei­tung auf ein Gespräch mit Abge­ord­ne­ten der Regie­rungs­frak­tio­nen heißt es, die Zulas­sung der Droh­ne gestal­te sich „als extrem schwie­rig und risi­ko­be­haf­tet“. Es trägt das Datum 6. März 2013, der Minis­ter hat es am 12. März abgezeichnet.

  • not inva­ded – RT @Amazing_Maps: A map show­ing the 22 count­ries that Gre­at Bri­tain has not inva­ded (yet).
  • Blei II on Vimeo – schön: Robert Platz war zu Besuch in der „Dru­ckerey“ von Mar­tin Z. Schrö­der – und hat „Blei II“ mitgebracht >

Pergamontexte

Mit die­sem Blick beginnt Euro­pa! (29)

Ger­hard Falk­ner spricht, befragt von dem, nun­ja, Lite­ra­tur­fern­seh­red­ner Denis Scheck, im Fern­se­hen über sei­ne Lyrik im all­ge­mei­nen und sei­nen neu­en Lyrik­band Per­ga­mon Poems – natür­lich im Per­ga­mon-Altar. So bin ich auf die­ses schma­le Bänd­chen mit den neu­en Gedich­ten von Ger­hard Falk­ner (der spä­tes­tens seit „Gegen­sprech­stadt – ground zero“ auf mei­ner Lis­te geschät­zer Lyri­ker steht) gesto­ßen. Ganz nett anzu­schau­en und vor allem anzu­hö­ren sind die fünf Fil­me – eigent­lich ja eher Trai­ler – die die ers­ten Gedich­te des Ban­des insze­nie­ren und die dem Bänd­chen als DVD bei­gelegt sind: Gera­de in ihrer Zurück­hal­tung fand ich das ganz gut gemacht, die Kon­zen­tra­ti­on auf den Text und die Rezi­ta­ti­on der Schau­spie­le­rin­nen zusam­men mit den beschrie­be­nen Bil­dern des Per­ga­mon-Altars: Mini­ma­lis­tisch, aber nicht nüch­tern – im Gegen­teil, sogar vol­ler wohl­do­sier­tem Pathos. Aber bei Göt­ter­ge­dich­ten und solch mythisch und erin­ne­rungs­tech­nisch auf­ge­la­de­nem Gegen­stadt geht das nicht anders …: „Das Bei­spiel, das die Grie­chen gaben /​man wird es nicht mehr los“ (37)

Die Gedich­te selbst neh­men die Betrach­tung der Figu­ren und Geschich­ten des Per­ga­mon-Altars nicht nur zum The­ma, son­dern zum Aus­gangs­punkt – für Fra­gen vor allem: Das hat ger­ne einen etwas kul­tur- und/​oder zivil­sa­ti­ons­kri­ti­schen Ein­schlag. Vor allem aber geht es um Fas­zi­na­ti­on: Die Fas­zi­na­ti­on des Betrach­ters durch die Schön­heit der Stei­ne, die Leben­dig­keit ihrer Gestal­ten und – auch – der Gewalt ihrer Taten, der Grö­ße und Unmit­tel­bar­keit. Das ist der Punkt, wo immer wie­der die fra­gen­de Gegen­warts­kri­tik ansetzt: Haben wir heu­te noch sol­che Grö­ße? Wie sähe oder sieht sie aus? „Wie viel Giga­byte hat die­ser Fries?“, fragt Falk­ner dann auch ent­spre­chend. Und genau aus die­ser Span­nung zwi­schen modern-tech­ni­siert-media­li­sier­ter Gegen­wart und mythisch-kämp­fe­risch-hel­den­haf­ter Ver­gan­gen­heit zie­hen die kur­zen, oft locker gefügt erschei­nen­den Gedich­te ihre Spannung: 

Oh, Mann!
Hier flie­gen Räu­me aus­ein­an­der. Hier tre­ten Zeiten
aus den Schran­ken, Göt­ter wan­ken. Alles ist entfesselt.
Ist mit sich im Über­maß und den­noch redu­ziert und klar
… (Otos, 27)

Was Falk­ner außer­dem immer wie­der neu fas­zi­niert: Die stil­le Hand­lung, die ein­ge­fro­re­ne Bewe­gung, der ewi­ge Augen­blick – „ein Tanz der Tat“: 

wenn Aphro­di­te tanzt, raschelt der Mar­mor (43)

An ande­rer Stel­le heißt das „Action­ki­no /​fest­ge­hal­ten als Still“. Und ähn­lich funk­tio­nie­ren auch sei­ne kur­zen Gedich­te: Sie sind vol­ler Bewe­gung und Drang, vol­ler Auf­bruch und Tat­kraft – und blei­ben doch bei einem Augen­blick, erstre­cken sich nie über län­ge­re Zei­ten oder ent­fal­te­te Vor­gän­ge. Scha­de nur, dass es so wenig gewor­den ist: Ohne die eng­li­sche Über­set­zung und viel Para­text hät­te das nicht ein­mal für den sowie­so schon gerin­gen Umfang eines Lyrik­ban­des gereicht. 

Ger­hard Falk­ner: Per­ga­mon Poems. Gedichte+Clips (dt-en). Über­ta­gen von Mark Ander­son. Ber­lin: kook­books 20012. 64 Sei­ten + DVD.

Das Gespräch mit Denis Scheck:


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Und hier sind auch die fünf ange­spro­che­nen kur­zen Fil­me, die zu dem Auf­trag für die „Per­ga­mon Poems“ führ­ten, zu finden:

Per­ga­mon Poems I: Aste­ria & Phoi­be | Judith Engel, Ger­hard Falk­ner, Pergamonaltar

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Per­ga­mon Poems II: Aphro­di­te | Eva Meck­bach, Ger­hard Falk­ner, Pergamonaltar

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Per­ga­mon Poems III: Arte­mis | Til­man Strauss, Ger­hard Falk­ner, Pergamonaltar

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Per­ga­mon Poems IV: Apol­lon | Sebas­ti­an Schwarz, Ger­hard Falk­ner, Pergamonaltar

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Per­ga­mon Poems V: Kybe­le | Jen­ny König, Ger­hard Falk­ner, Pergamonaltar

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Vollendet ist das große Werk – Haydns „Schöpfung“

„Voll­endet ist das gro­ße Werk, des Her­ren Lob sei unser Lied!“ heißt es am Ende des zwei­ten Teils der „Schöp­fung“ von Joseph Haydn, nach­dem Gott die Welt und die Men­schen erschaf­fen hat. Chor und Orches­ter des Col­le­gi­um Musi­cums der Uni­ver­si­tät Mainz began­nen ihr Semes­ter­ab­schluss­kon­zert gleich mal mit die­sem Schluss­chor. Aber jede Befürch­tung, der Diri­gent Felix Koch hät­te das Ora­to­ri­um neu geord­net, wur­de schnell zer­streut – das dien­te nur der Ein­stim­mung, bevor noch ein paar Reden und Dan­kes­wor­te zum Ende des Semes­ters zu absol­vie­ren waren.

Dann ging es näm­lich ganz ordent­lich los – mit der „Vor­stel­lung des Cha­os“, die Haydn an den Anfang sei­nes gro­ßen Ora­to­ri­ums gestellt hat. Cha­os ist, bevor Gott ein­greift und mit sei­ner Schöp­fung Ord­nung schafft. Der Gott, das ist hier ein sehr güti­ger und, wenn man Haydns Musik glau­ben will, auch ein humor­vol­ler: Nichts wird erzählt von ver­bo­te­ner Frucht oder Sün­den­fall, Adam und Eva zele­brie­ren im drit­ten Teil in aller Aus­führ­lich­keit ihre Lie­be und Har­mo­nie. Har­mo­nisch und lie­be­voll arbei­te­te Koch, der das Col­le­gi­um Musi­cum seit dem Herbst lei­tet, auch die Musik aus. Selbst die breit ange­leg­te Ver­to­nung des Cha­os am Beginn ließ die­se Ein­tracht schon hören. Und sie zog sich durch das gesam­te Ora­to­ri­um, bis zum Schlussjubel. 

Haydn hat­te beim Kom­po­nie­ren des Ora­to­ri­ums vor 220 Jah­ren noch auf die Hil­fe Got­tes gesetzt: „Täg­lich fiel ich auf die Knie und bat Gott, dass er mich stär­ke für mein Werk“, sag­te er ein­mal über die Zeit, in der die „Schöp­fung“ ent­stand. Das haben in der Rhein­gold­hal­le weder Koch noch sei­ne Solis­ten und Musi­ker nötig: Ihre eige­ne Stär­ke reicht völ­lig aus, die Par­ti­tur zu bewäl­ti­gen. Sicher, dem Orches­ter fehlt hin und wie­der etwas klang­li­che Ein­heit und Grö­ße. Aber vie­le Details gelin­gen sehr klang­schön. Und sowie­so beton­te der Diri­gent vor allem die auf­klä­re­ri­sche – und klas­si­sche – Sei­te des Libret­tos, die klang­li­che Reprä­sen­ta­ti­on der Welt in vie­len ein­zel­nen Momen­ten und die leuch­ten­de, wis­sen­de Har­mo­nie des Anfangs. 

Unter den Solis­ten, denen in der „Schöp­fung“ ein Groß­teil der Arbeit zukommt, fie­len vor allem der kla­re und cha­rak­ter­star­ke Bass Flo­ri­an Küp­pers und die tech­nisch her­aus­ra­gen­de Sopra­nis­tin Saem You auf. Tenor Ale­xey Ego­rov klang hin und wie­der etwas belegt, wäh­rend der Adam von Dmit­riy Ryab­chi­kov viel Selbst­ver­trau­en und Sicher­heit aus­strahl­te. Und immer wie­der singt der Chor dazu das Lob Got­tes und sei­ner Wer­ke. Er tut das fast engels­gleich – oder so, wie man sich einen Engels­chor ger­ne vor­stellt: Hell und klar, süß und sanft zugleich. Das liegt in die­sem Fall ein biss­chen auch dar­an, dass die Frau­en­stim­men den Chor­klang fest in der Hand haben – da kann auch Felix Koch wenig aus­rich­ten. Der wid­met sich sowie­so am liebs­ten den rei­chen Ton­ma­le­rei­en in der Schöp­fung. Zumin­dest sind die Sät­ze, die sich durch beson­ders plas­ti­sche und rea­lis­ti­sche Ver­to­nung aus­zeich­nen, zwei­fel­los die Höhe­punk­te des Kon­zer­tes: Der strah­len­de Son­nen­auf­gang des vier­ten Tages, die cha­rak­te­ris­ti­schen Klän­ge der Tie­re, die die neu geschaf­fe­ne Welt bevöl­kern, der Glanz und die Glo­rie des Him­mels und des Alls – all das lässt Koch das Orches­ter behut­sam und elas­tisch mit gro­ßer Freu­de am Detail­reich­tum zeich­nen. Damit wird die­se „Schöp­fung“ viel­leicht nicht gera­de zu einem gro­ßen Werk. Aber vie­le klei­ne Momen­te kön­nen auch eine schön Voll­endung sein.

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zeitung.)

Ins Netz gegangen (16.7.)

Ins Netz gegan­gen (15.7.–16.7.):

  • „Wahr­schein­lich habe ich ein­fach ein Ohr dafür“ – Ver­le­ger Enge­ler über sei­ne Lie­be zur Lyrik und | The­ma | Deutsch­land­ra­dio Kul­tur – Gespräch mit Urs Enge­ler, u.a. über gute Gedichte:

    Inter­es­san­te Gedich­te, die haben bei jedem Lesen neue Erleb­nis­se auf Lager für uns. Es gibt ganz vie­le Din­ge zu beob­ach­ten, das heißt, man muss schon sehr gedul­dig sein, um hin­ter die­se Qua­li­tä­ten zu kom­men, aber qua­si je nach­hal­ti­ger ich beschäf­tigt wer­de durch einen Text, des­to inter­es­san­ter scheint er mir, und unterm Strich wür­de ich dann auch sagen, des­to mehr Qua­li­tä­ten scheint er mir zu haben, sprich, des­to bes­ser ist er.

  • 100 Jah­re Tour de France | ZEIT ONLINE – Schnee­fall im Juli: „Die Zeit“ berei­tet ihre Tour-de-France-Reportage(n) nach dem Snow-Fall-Modell der New York Times hübsch auf (trotz des klei­nen Feh­lers in der Überschrift …)
  • 30 Jah­re Spex – taz​.de – Died­rich Diede­rich­sen im taz-Inter­view über den Jubi­lä­ums­band der „Spex“ und die „Spex“ überhaupt:

    Etwas war so begeis­ternd, es gibt so viel dar­über zu wis­sen, man muss viel wei­ter in die Tie­fe gehen. Wenn man eine Güter­ab­wä­gung macht zwi­schen gelun­ge­ner Kom­mu­ni­ka­ti­on, also zwi­schen soge­nann­ter Ver­ständ­lich­keit und der Treue zum Gegen­stand, oder der Treue gegen­über der eige­nen Begeis­te­rung, bin ich für Letz­te­res. Die Rezep­ti­ons­ek­sta­se hat bei mir immer Vor­rang vor dem gelun­ge­nen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­vor­gang. Einer, der in eine Rezep­ti­ons­ek­sta­se gerät, ist doch viel inter­es­san­ter zu beob­ach­ten als jemand, der Infor­ma­tio­nen verteilt.

  • 7 Tage – 7 Fra­gen – FIX​POET​RY​.com – Nora Gom­rin­ger beant­wor­tet sie­ben Fra­gen Ulri­ke Draes­ners – z.B. so:

    Die Stim­me ist die Schlan­ge im Hals.

rough und interessant: Urs Engeler im Gespräch

Brit­ta Bür­ger führt im Deutsch­land­ra­dio ein inter­es­san­tes Gespräch mit Urs Enge­ler (zum Nach­le­sen/​zum Nach­hö­ren) über Lyrik natür­lich, über das Ver­le­gen von Lyrik, die Qua­li­tät und Nach­fra­ge von Gedich­ten. Urs Enge­ler erzählt ganz gelas­sen auch von den öko­no­mi­schen Schwie­rig­kei­ten eines Lyrik-Ver­le­gers und wie ein Mäzen plötz­lich zum Gläu­bi­ger wur­de. Natür­lich spricht er auch über die rough­books, die mir immer wie­der so viel Freu­de berei­ten … Und er ver­rät, dass er auch selbst wie­der dich­tet (ohne die Öffent­lich­keit aber an den Ergeb­nis­sen teil­ha­ben las­sen zu wol­len). Schön, wie er in den knap­pen zehn Minu­ten zei­gen kann, was es heißt, sich für Lyrik zu begeis­tern. Mei­ne „Lieblings“-stelle: Sei­ne Aus­füh­run­gen zur „Güte“ von Gedich­ten, zur Fra­ge nach den Kri­te­ri­en für ein gutes Gedicht – die ver­neint er näm­lich ein­fach und sagt statt dessen:

Inter­es­san­te Gedich­te, die haben bei jedem Lesen neue Erleb­nis­se auf Lager für uns. Es gibt ganz vie­le Din­ge zu beob­ach­ten, das heißt, man muss schon sehr gedul­dig sein, um hin­ter die­se Qua­li­tä­ten zu kom­men, aber qua­si je nach­hal­ti­ger ich beschäf­tigt wer­de durch einen Text, des­to inter­es­san­ter scheint er mir, und unterm Strich wür­de ich dann auch sagen, des­to mehr Qua­li­tä­ten scheint er mir zu haben, sprich, des­to bes­ser ist er.

(via Lyrik­zei­tung)

Fortschritt und Wahrheiten

Wenn einen mal wie­der die Ver­zweif­lung packt ob der vie­len Into­le­ran­zen und Unge­rech­tig­kei­ten unse­rer Gesell­schaft heu­te, hilft es manch­mal ein biss­chen in die Ver­gan­gen­heit zu schau­en. Nicht um zu resi­gnie­ren und das Ziel der Gleich­heit und Gerech­tig­keit aus den Augen zu ver­lie­ren (nach dem Mot­to: Frü­her war es ja noch viel schlim­mer), aber um zwi­schen­durch mal wie­der zu rea­li­sie­ren, wie sehr sich die bun­des­re­pu­bli­ka­ni­sche Gesell­schaft in ihrem Bestehen doch gewan­delt hat und immer wie­der und wei­ter wan­delt. Mir ist das gera­de wie­der auf­ge­fal­len, als ich eini­ge frü­he Jahr­gän­ge der Zeit­schrift „Die Neue Poli­zei“ durch­blät­ter­te – ein bay­ri­sches (spä­ter süd­west­deut­sches) Maga­zin für die Ange­hö­ri­gen der Poli­zei­kräf­te. Neben aller­lei tech­ni­schen Kurio­si­tä­ten fällt da näm­lich immer wie­der auf, wie unge­hemmt in den 1950ern noch aus­ge­grenzt wur­de. Viel­leicht – man­ches deu­tet dar­auf hin – sind die Bay­ern dabei beson­ders stark, und sicher­lich spie­gelt eine Poli­zis­ten-Zeit­schrift auch nicht unbe­dingt immer die Mehr­heit der Gesell­schaft wie­der. Aber vie­les ist ein­fach erschre­ckend. Zum Bei­spiel, wie stark sich der Dis­kurs über „Zigeu­ner“ und „Fah­ren­des Volk“ noch aus den Argu­men­ten der 1920er und 1930er – aus der Zeit stamm­ten auch die ent­spre­chen­den Geset­ze – her­lei­tet. Und wie die Autoren über­haupt nicht sehen, dass die­se „Son­der­be­hand­lung“ gan­zer Grup­pen viel­leicht nicht so ganz im Ein­klang mit dem Grund­ge­setz ste­hen könn­te … Wie die „Abwei­chung“ von der „Norm“ auch kei­ne Pri­vat­sa­che bleibt, son­dern kri­mi­na­li­siert wird. Und sei es nur auf Umwegen.

die Zunahme der weiblichen Homosexualität (Die Neue Polizei, 1/1950)

Die Zunah­me der weib­li­chen Homo­se­xua­li­tät (Die Neue Poli­zei, 1/​1950)

Das soll­te eben eigent­lich nur eine kur­ze Ein­lei­tung für die­sen Arti­kel sein, der mich selbst in die­sem eben geschil­der­ten Umfeld etwas ver­wun­dert hat. Auf der ande­ren Sei­te ist das natür­lich wenig ver­wun­der­lich: Wie­so sol­len Argu­men­te und Dis­kur­se von heu­te auf mor­gen sich ändern, nur weil ein Krieg ver­lo­ren wur­de, ein Staat unter­ging, Besat­zer neue Regeln for­cie­ren und gera­de ein neu­er Staat ent­stan­den ist? Denn alle Argu­men­te, die hier auf­tau­chen, sind natür­lich über­haupt nicht neu und in keins­ter Wei­se ori­gi­nell. Sol­che Phä­no­me­ne zu beob­ach­ten, zu erken­nen und zu ver­fol­gen, ist ein Pri­vi­leg, dass His­to­ri­ker haben. Und das wich­ti­ge dar­an: Es macht mir immer wie­der klar, dass genau das­sel­be auch für das „heu­te“ unse­rer Gegen­wart gilt, dass zukünf­ti­ge His­to­ri­ker sich ziem­lich sicher über Bor­niert­hei­ten und unver­ständ­li­che, fast ata­vis­tisch erschei­nen­de Relik­te unse­rer Zeit genau­so wun­dern wer­den wie ich es in die­sem Fall über die 1950er getan habe. Und wenn man das mal ver­in­ner­licht hat, ist einem ziem­lich sicher klar gewor­den, wie wenig abso­lu­te und dau­er­haf­te Wahr­heit es (noch) gibt (wenn es über­haupt wel­che gibt). Und natür­lich auch, wie frag­wür­dig die Idee eines/​des „Fort­schritts“ ist und sein muss.

Übel mitgespielt

Über all die­sen Erwä­gun­gen glaub­te Matthes irre zu wer­den, er zwang sich zu über­le­gen, wer ihnen so übel mit­ge­spielt hat­te – die Geschich­te (wie wir wis­sen), in der sie han­del­ten (oder die von ihnen han­del­te). Wem soll­te er sie erzäh­len, ohne aus­ge­lacht zu wer­den? Denn das Ver­rück­te war: sie hat­ten, in ihrer Werk­statt, gelebt von dem Zustand; jetzt wur­den sie ange­se­hen, als wären sie zustän­dig gewe­sen! Man wür­de sie zur Ver­ant­wor­tung zie­hen, wie wah­re Herr­scher, und, indem man sie bestraf­te, in den höchs­ten Rang erhe­ben. In eine Rol­le … die sie nie gespielt hat­ten. Er stand auf dem Damm, von der Rol­le gekom­men. Er woll­te nicht gese­hen wer­den und hoff­te, er könn­te wirk­lich drü­ben aus dem Werk­tor tre­ten, ein ein­zi­ges Mal noch, und alles in Ord­nung bringen.
Vol­ker Braun, Die vier Werk­zeug­ma­cher, 21

Copenhagenize

Wie macht man eine Stadt fahr­rad­freund­lich und lebens­wert? Wie über­win­det man 100 und mehr Jah­re ver­fehl­ter Ver­kehrs­pla­nung, die fast aus­schließ­lich auf das Auto zen­triert war (und ist)? Die däni­sche Agen­tur Copen­ha­ge­ni­ze macht – natür­lich mit dem Bei­spiel Kopen­ha­gen, das ja auch nicht immer so aus­sah wie heu­te, vor Augen – eini­ge Vor­schlä­ge. Am wich­tigs­ten: das gro­ße Gan­ze – oder wie es bei ihnen heißt: The Big Pic­tu­re. Und legt dabei erst ein­mal den Fokus auf die „Uni­for­mi­tät der Infra­struk­tur“ (mit einer Bevor­zu­gung der sepa­rier­ten Rad­we­ge). Die wich­tigs­te Lek­ti­on ist dabei aber die ein­fachs­te: Prio­ri­ti­ze the bike – and the peo­p­le will ride.


(via Velo­phil)

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