Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Schlagwort: lyrik Seite 11 von 14

Pergamontexte

Mit die­sem Blick beginnt Euro­pa! (29)

Ger­hard Falk­ner spricht, befragt von dem, nun­ja, Lite­ra­tur­fern­seh­red­ner Denis Scheck, im Fern­se­hen über sei­ne Lyrik im all­ge­mei­nen und sei­nen neu­en Lyrik­band Per­ga­mon Poems – natür­lich im Per­ga­mon-Altar. So bin ich auf die­ses schma­le Bänd­chen mit den neu­en Gedich­ten von Ger­hard Falk­ner (der spä­tes­tens seit „Gegen­sprech­stadt – ground zero“ auf mei­ner Lis­te geschät­zer Lyri­ker steht) gesto­ßen. Ganz nett anzu­schau­en und vor allem anzu­hö­ren sind die fünf Fil­me – eigent­lich ja eher Trai­ler – die die ers­ten Gedich­te des Ban­des insze­nie­ren und die dem Bänd­chen als DVD bei­gelegt sind: Gera­de in ihrer Zurück­hal­tung fand ich das ganz gut gemacht, die Kon­zen­tra­ti­on auf den Text und die Rezi­ta­ti­on der Schau­spie­le­rin­nen zusam­men mit den beschrie­be­nen Bil­dern des Per­ga­mon-Altars: Mini­ma­lis­tisch, aber nicht nüch­tern – im Gegen­teil, sogar vol­ler wohl­do­sier­tem Pathos. Aber bei Göt­ter­ge­dich­ten und solch mythisch und erin­ne­rungs­tech­nisch auf­ge­la­de­nem Gegen­stadt geht das nicht anders …: „Das Bei­spiel, das die Grie­chen gaben /​man wird es nicht mehr los“ (37)

Die Gedich­te selbst neh­men die Betrach­tung der Figu­ren und Geschich­ten des Per­ga­mon-Altars nicht nur zum The­ma, son­dern zum Aus­gangs­punkt – für Fra­gen vor allem: Das hat ger­ne einen etwas kul­tur- und/​oder zivil­sa­ti­ons­kri­ti­schen Ein­schlag. Vor allem aber geht es um Fas­zi­na­ti­on: Die Fas­zi­na­ti­on des Betrach­ters durch die Schön­heit der Stei­ne, die Leben­dig­keit ihrer Gestal­ten und – auch – der Gewalt ihrer Taten, der Grö­ße und Unmit­tel­bar­keit. Das ist der Punkt, wo immer wie­der die fra­gen­de Gegen­warts­kri­tik ansetzt: Haben wir heu­te noch sol­che Grö­ße? Wie sähe oder sieht sie aus? „Wie viel Giga­byte hat die­ser Fries?“, fragt Falk­ner dann auch ent­spre­chend. Und genau aus die­ser Span­nung zwi­schen modern-tech­ni­siert-media­li­sier­ter Gegen­wart und mythisch-kämp­fe­risch-hel­den­haf­ter Ver­gan­gen­heit zie­hen die kur­zen, oft locker gefügt erschei­nen­den Gedich­te ihre Spannung: 

Oh, Mann!
Hier flie­gen Räu­me aus­ein­an­der. Hier tre­ten Zeiten
aus den Schran­ken, Göt­ter wan­ken. Alles ist entfesselt.
Ist mit sich im Über­maß und den­noch redu­ziert und klar
… (Otos, 27)

Was Falk­ner außer­dem immer wie­der neu fas­zi­niert: Die stil­le Hand­lung, die ein­ge­fro­re­ne Bewe­gung, der ewi­ge Augen­blick – „ein Tanz der Tat“: 

wenn Aphro­di­te tanzt, raschelt der Mar­mor (43)

An ande­rer Stel­le heißt das „Action­ki­no /​fest­ge­hal­ten als Still“. Und ähn­lich funk­tio­nie­ren auch sei­ne kur­zen Gedich­te: Sie sind vol­ler Bewe­gung und Drang, vol­ler Auf­bruch und Tat­kraft – und blei­ben doch bei einem Augen­blick, erstre­cken sich nie über län­ge­re Zei­ten oder ent­fal­te­te Vor­gän­ge. Scha­de nur, dass es so wenig gewor­den ist: Ohne die eng­li­sche Über­set­zung und viel Para­text hät­te das nicht ein­mal für den sowie­so schon gerin­gen Umfang eines Lyrik­ban­des gereicht. 

Ger­hard Falk­ner: Per­ga­mon Poems. Gedichte+Clips (dt-en). Über­ta­gen von Mark Ander­son. Ber­lin: kook­books 20012. 64 Sei­ten + DVD.

Das Gespräch mit Denis Scheck:


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Und hier sind auch die fünf ange­spro­che­nen kur­zen Fil­me, die zu dem Auf­trag für die „Per­ga­mon Poems“ führ­ten, zu finden:

Per­ga­mon Poems I: Aste­ria & Phoi­be | Judith Engel, Ger­hard Falk­ner, Pergamonaltar

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Per­ga­mon Poems II: Aphro­di­te | Eva Meck­bach, Ger­hard Falk­ner, Pergamonaltar

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Per­ga­mon Poems III: Arte­mis | Til­man Strauss, Ger­hard Falk­ner, Pergamonaltar

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Per­ga­mon Poems IV: Apol­lon | Sebas­ti­an Schwarz, Ger­hard Falk­ner, Pergamonaltar

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Per­ga­mon Poems V: Kybe­le | Jen­ny König, Ger­hard Falk­ner, Pergamonaltar

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Ins Netz gegangen (16.7.)

Ins Netz gegan­gen (15.7.–16.7.):

  • „Wahr­schein­lich habe ich ein­fach ein Ohr dafür“ – Ver­le­ger Enge­ler über sei­ne Lie­be zur Lyrik und | The­ma | Deutsch­land­ra­dio Kul­tur – Gespräch mit Urs Enge­ler, u.a. über gute Gedichte:

    Inter­es­san­te Gedich­te, die haben bei jedem Lesen neue Erleb­nis­se auf Lager für uns. Es gibt ganz vie­le Din­ge zu beob­ach­ten, das heißt, man muss schon sehr gedul­dig sein, um hin­ter die­se Qua­li­tä­ten zu kom­men, aber qua­si je nach­hal­ti­ger ich beschäf­tigt wer­de durch einen Text, des­to inter­es­san­ter scheint er mir, und unterm Strich wür­de ich dann auch sagen, des­to mehr Qua­li­tä­ten scheint er mir zu haben, sprich, des­to bes­ser ist er.

  • 100 Jah­re Tour de France | ZEIT ONLINE – Schnee­fall im Juli: „Die Zeit“ berei­tet ihre Tour-de-France-Reportage(n) nach dem Snow-Fall-Modell der New York Times hübsch auf (trotz des klei­nen Feh­lers in der Überschrift …)
  • 30 Jah­re Spex – taz​.de – Died­rich Diede­rich­sen im taz-Inter­view über den Jubi­lä­ums­band der „Spex“ und die „Spex“ überhaupt:

    Etwas war so begeis­ternd, es gibt so viel dar­über zu wis­sen, man muss viel wei­ter in die Tie­fe gehen. Wenn man eine Güter­ab­wä­gung macht zwi­schen gelun­ge­ner Kom­mu­ni­ka­ti­on, also zwi­schen soge­nann­ter Ver­ständ­lich­keit und der Treue zum Gegen­stand, oder der Treue gegen­über der eige­nen Begeis­te­rung, bin ich für Letz­te­res. Die Rezep­ti­ons­ek­sta­se hat bei mir immer Vor­rang vor dem gelun­ge­nen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­vor­gang. Einer, der in eine Rezep­ti­ons­ek­sta­se gerät, ist doch viel inter­es­san­ter zu beob­ach­ten als jemand, der Infor­ma­tio­nen verteilt.

  • 7 Tage – 7 Fra­gen – FIX​POET​RY​.com – Nora Gom­rin­ger beant­wor­tet sie­ben Fra­gen Ulri­ke Draes­ners – z.B. so:

    Die Stim­me ist die Schlan­ge im Hals.

rough und interessant: Urs Engeler im Gespräch

Brit­ta Bür­ger führt im Deutsch­land­ra­dio ein inter­es­san­tes Gespräch mit Urs Enge­ler (zum Nach­le­sen/​zum Nach­hö­ren) über Lyrik natür­lich, über das Ver­le­gen von Lyrik, die Qua­li­tät und Nach­fra­ge von Gedich­ten. Urs Enge­ler erzählt ganz gelas­sen auch von den öko­no­mi­schen Schwie­rig­kei­ten eines Lyrik-Ver­le­gers und wie ein Mäzen plötz­lich zum Gläu­bi­ger wur­de. Natür­lich spricht er auch über die rough­books, die mir immer wie­der so viel Freu­de berei­ten … Und er ver­rät, dass er auch selbst wie­der dich­tet (ohne die Öffent­lich­keit aber an den Ergeb­nis­sen teil­ha­ben las­sen zu wol­len). Schön, wie er in den knap­pen zehn Minu­ten zei­gen kann, was es heißt, sich für Lyrik zu begeis­tern. Mei­ne „Lieblings“-stelle: Sei­ne Aus­füh­run­gen zur „Güte“ von Gedich­ten, zur Fra­ge nach den Kri­te­ri­en für ein gutes Gedicht – die ver­neint er näm­lich ein­fach und sagt statt dessen:

Inter­es­san­te Gedich­te, die haben bei jedem Lesen neue Erleb­nis­se auf Lager für uns. Es gibt ganz vie­le Din­ge zu beob­ach­ten, das heißt, man muss schon sehr gedul­dig sein, um hin­ter die­se Qua­li­tä­ten zu kom­men, aber qua­si je nach­hal­ti­ger ich beschäf­tigt wer­de durch einen Text, des­to inter­es­san­ter scheint er mir, und unterm Strich wür­de ich dann auch sagen, des­to mehr Qua­li­tä­ten scheint er mir zu haben, sprich, des­to bes­ser ist er.

(via Lyrik­zei­tung)

Aus-Lese #7

Jakob van Hod­dis: Gedich­te. Ber­lin: hoch­roth 2009. 22 Seiten.

Eini­ge von den bekann­ten – und von mir bewun­der­ten und gelieb­ten – Tex­ten des Expres­sio­nis­ten Jakob van Hod­dis, sehr schön und geschmack­voll als klei­ne Bro­schü­re gedruckt und mit einer anspre­chen­den Gra­phik von Uwe Mei­er-Weit­mar ver­se­hen. Mehr muss ich dazu nicht sagen …

Juli Zeh: Trei­deln. Frank­fur­ter Poe­tik­vorl­se­un­gen. Frank­furt: Schöff­ling 2013. 197 Seiten.

Juli Zeh wird zur Poe­tik­vor­le­sung gebe­ten, ver­wei­gert sich und schreibt dann doch so etwas ähn­li­ches wie eine Poe­tik – in Form von ver­schie­de­nen Mails an ihr Umfeld – ihren Mann, ihren Ver­le­ger und befreun­de­te Autoren mit ein paar dazwi­schen­ge­streu­ten E‑Mails an die Abfall­be­ra­tung (sie braucht unbe­dingt eine zwei­te blaue Ton­ne, um der Men­gen in ihrem Haus­halt pro­du­zier­ten Alt­pa­piers Herr zu wer­den …) und das Finanz­amt. Dar­in ent­wi­ckelt sie dann zwar kei­ne regel­ge­rech­te Poe­tik, zeigt aber eben gera­de in ihrer Ableh­nung (der Mög­lich­keit) einer Poe­tik und dem all­mäh­li­chen, tas­ten­den Ent­wi­ckeln eines Roman­pro­jekts, wie ihre Poe­tik aus­sieht und/​oder zu ver­ste­hen ist. Und neben­bei räumt sie gleich noch mit ein biss­chen Unsinn auf – zum Bei­spiel der absur­den Fra­ge „Was will uns der Autor damit sagen?“ oder den blö­den Inter­view­fra­gen der Medi­en oder dem Gespenst der poli­ti­schen Autorin. Sehr amü­sant und lehr­reich zugleich.

Poe­tik­vor­le­sung? Kommt nicht in Fra­ge. Ich bin doch nicht mein eige­ner Deutsch-Leis­tungs­kurs. Ohne mich.

Hen­ning Ahrens: Tier­ta­ge. Frank­furt: Fischer-Taschen­buch-Ver­lag 2009. 283 Seiten.

Etwas tro­cken in der Spra­che und kon­stru­iert im Plot für mei­nen Geschmack, hat Tier­ta­ge aber immer­hin einen erheb­li­chen Unter­hal­tungs­wert: Die Ver­bin­dung von „Fabel“ (oder so ähn­lich, mit den spre­chen­den und han­deln­den Tie­ren) und rea­lis­ti­schem Roman hat durch­aus einen gewis­sen Reiz.

Urs Alle­mann: schoen! schoen!. Basel, Weil am Rhein: Urs Enge­ler Ditor 2003. 72 Seiten.

„Sil­ben­schutt“ – nun gut, nicht ganz. Aber der ein­füh­ren­de Zyklus „Noch lan­ge nicht tot. Ele­gi­en, Oden, Gesän­ge“ ist schon ein Abbruch­un­ter­neh­men in der Spra­che – auf­ge­spreng­te Sät­ze, ein­zel­ne Tei­le, die kein Gan­zes mehr geben – das hin­ter­lässt mich erst ein­mal etwas rat­los. Manch­mal gibt es „schö­ne“ Momen­te, in denen die Fugen der Bruch­stü­cke anfan­gen zu tanzen 

Vom Auge trop­fe was es zu sehen schien

– aber das sind weni­ge, vie­les berührt mich kaum oder gar nicht … End­gül­ti­ges Urteil bis zur Re-Lek­tü­re vertagt. 

Hans Joa­chim Schäd­lich: Kokosch­kins Rei­se. Rein­bek: Rowohlt 2010. 191 Seiten.

Tro­cken-lako­ni­scher Bericht eigent­lich einer Nost­al­gi­ker-Rei­se: Ein rus­si­scher Emi­grant, der St. Peters­burg 1918 nach der Revo­lu­ti­on als Jun­ge mit sei­ner Mut­ter ver­ließ, kehrt zurück an die Stät­ten und Erfah­run­gen sei­ner Kind­heit und Jugend, in Russ­land und Deutsch­land – und erzählt bzw. berich­tet das sei­ner Rei­se­be­glei­tung, ein­ge­bet­tet in die Schiffs­rei­se über den Atlan­tik zurück in die USA, wo er leb­te. Das gibt dem Autor viel Mög­lich­keit, die Grau­sam­kei­ten, Inkon­se­quen­zen und Unsin­nig­kei­ten der Novem­ber­re­vo­lu­ti­on in Erin­ne­rung zu rufen – in dem etwas lar­moy­ant-nost­al­gisch-erin­ne­rungs­se­li­gen Ton der sno­bis­ti­schen Alt­her­ren­pro­sa, die sich in die gute alte Zeit zurück­wünscht – das zaris­ti­sche Russ­land des 19. Jahrhunderts.

Ins Netz gegangen (19.6.)

Ins Netz gegan­gen (17.6.–19.6.):

  • Die Jour­na­lis­mus-Kata­stro­phe | Dr. Mut­ti – Die Jour­na­lis­mus-Kata­stro­phe (via Published articles)
  • Mus­ter­er­ken­nung: Für Algo­rith­men ist jeder ver­däch­tig | ZEIT ONLINE – Kai Bier­mann ord­net das Pro­blem von Über­wa­chungs­me­cha­nis­men wie Prism in der „Zeit“ rich­tig ein:

    Wer nichts zu ver­ber­gen hat, hat nichts zu befürch­ten? Nein, das ist eine Lüge. Denn weil die zugrun­de lie­gen­den Hand­lun­gen so all­täg­lich und die dar­aus gewo­be­nen Mus­ter so kom­plex sind, kann sich nie­mand die­ser Ras­te­rung ent­zie­hen. Es ist unmög­lich, bewusst fried­lich zu leben, um dem Staat und sei­ner Neu­gier aus dem Weg zu gehen. An sich harm­lo­se Ver­hal­tens­wei­sen kön­nen genü­gen, um über­wacht und ver­folgt zu wer­den. Es reicht, ähn­li­che Din­ge getan zu haben, wie ein Verbrecher. 

  • Jour­na­lis­ten in Ber­lin – Du kommst hier nicht rein – Süddeutsche.de – Ein selt­sa­mer Text von Ruth Schnee­ber­ger – irgend­wie beschwert sie sich, dass die Pro­mis auf Par­tys nicht mit den Jour­na­lis­ten reden wol­len – und scheint das schlimm zu fin­den, weil das doch irgend­wie das Recht der Jour­na­lis­ten ist … Aber die „schö­nen“ Bil­der nut­zen die Medi­en dann doch gerne …

    Der Trend in der Ber­li­ner Blitz­licht­sze­ne geht zur VIP-VIP-Par­ty. Gast­ge­ber laden zu illus­tren Ver­an­stal­tun­gen, doch die wirk­lich wich­ti­gen Gäs­te wer­den irgend­wann separiert.

  • Adress­comp­toir: FWF-E-Book-Libra­ry: Ein exqui­si­tes Ange­bot im Ver­bor­ge­nen – FWF-E-Book-Libra­ry: Ein exqui­si­tes Ange­bot im Ver­bor­ge­nen (via Published articles)
  • Wochen­ge­dicht #62: Elke Erb | Tages­Wo­che  – Rudolf Buss­mann kom­men­tiert das Wochen­ge­dicht in der Tages­wo­che, „Fol­gen“ von Elke Erb:

    Die Schluss­zei­le wäre dann als die leicht iro­ni­sche Erkennt­nis zu lesen, dass sich die Angst ver­selb­stän­digt hat und ohne kla­re Moti­ve ein­fach hin­ten­nach trot­tet – Spät­fol­ge weit zurück­lie­gen­der, im Dun­kel blei­ben­der Ursachen.

  • Für die­sen Text bin ich aus der SPD aus­ge­tre­ten « Mich­a­lis Pan­te­lou­ris – Für die­sen Text bin ich aus der SPD aus­ge­tre­ten (via Published articles)

Ins Netz gegangen (17.6.)

Ins Netz gegan­gen (15.6.–17.6.):

  • Kom­men­tar: Absur­der Rol­len­tausch in der Atom­po­li­tik – FAZ – Absurd. In der Tat. Aber das ist eben die hes­si­sche CDU-Regie­rung. Da gel­ten ein­fach ande­re Maßstäbe …

    Als die Züge noch regel­mä­ßig den lan­gen Weg nach Gor­le­ben zurück­leg­ten, warn­te nie­mand in Hes­sen vor den damit ver­bun­de­nen Gefah­ren; viel­mehr stell­te die Regie­rung zum Schutz der Trans­por­te Poli­zis­ten, die nach der jetzt gül­ti­gen Logik aku­ter Lebens­ge­fahr aus­ge­setzt wurden.

  • Wiki­Pe­da­lia – Wiki­pe­da­lia ist ein Pro­jekt zum Auf­bau einer fahr­rad­be­zo­ge­nen Enzy­klo­pä­die aus frei­en Inhalten.
  • BBC News – Why Fin­nish babies sleep in card­board boxes – Das sind die klei­nen Unter­schie­de: In Finn­land bekommt jede wer­de Mut­ter (wenn sie es möch­te) ein Box mit der Baby­erst­aus­stat­tung. In Deutsch­land bie­tet ein pri­va­tes Wirt­schafts­un­ter­neh­men – dm – ein paar Pro­zen­te Rabatt …

    And in addi­ti­on to all this, Pul­ma says, the box is a sym­bol. A sym­bol of the idea of equa­li­ty, and of the importance of children.

  • „Ich heu­le ja beim Schrei­ben“ – Lite­ra­tur – DIE WELT – Frie­de­ri­ke May­rö­cker, die Gran­dio­se, im Inter­view mit Paul Jandl über ihr dem­nächst erschei­nen­des neu­es Buch: „Es geht um den Wahn­witz der Spra­che, der Leser kann einem jetzt schon leidtun.“
  • loa­ding: Das IOC-Buch | Digi­ta­le Noti­zen – Jens Wein­reich erk­lä­te Dirk von Geh­len, war­um er sei­ne Recher­che zu den IOC-Wah­len per crowd­sour­cing finan­zie­ren möch­te. Das ist eine gute und wich­ti­ge Sache, die unbe­dingt Unter­stüt­zung erfor­dert – und für das Geld, das man dem sehr inte­gren Wein­reich vor­schießt, bekommt man ja auch etwas …

Aus-Lese #4

Ulf Stol­ter­foht: holz­rauch über hes­lach. Basel, Weil am Rhein: Urs Enge­ler Edi­tor 2008. 122 Seiten.

Eine Schan­de, dass ich das erst jetzt lese – irgend­wie hat sich das immer wie­der in mei­nem Sta­pel unge­le­se­ner Bücher ver­steckt. Dabei bin ich ein gro­ßer Bewun­de­rer und Schät­zer der Stolterfoht’schen Dicht­kunst, sei­ne „fachsprachen“-zyklen habe ich mit gro­ßer Begeis­te­rung gele­sen. holz­rauch über hes­lach ist denen ganz ähn­lich, und doch ganz anders: In stren­gen, metrisch kla­ren sechs-ver­si­gen Stro­phen, auf­ge­teilt in neun Tei­le zu 36 Stro­phen (und einen kur­zen Pro­log), schreibt Stol­ter­foht ein Por­trät des Ört­chens Hes­lach. Oder lässt schrei­ben, denn wie gewohnt nutzt er eine Mischung aus ecri­tu­re auto­ma­tique, mas­sivs­ter Inter­tex­tua­li­tät, Zita­ten und Allu­sio­nen, gepaart mit einer unbän­di­gen deskrip­ti­ven Phan­ta­sie – das ist sehr ein­drück­lich und fas­zi­nie­rend. Und wer einen Text unter ein Mot­to aus Klaus Hof­fers Bei den Bie­resch-Roma­nen stellt, der hat bei mir sowie­so fast schon gewon­nen. Zu Recht ist das von der Kri­tik ein „eth­no­lo­gi­sches“ Gedicht genannt wor­den. Denn genau das macht Stol­ter­foht: Er nimmt den eth­no­lo­gi­schen Stand­punkt ein und fin­det dafür, für sei­ne Beschrei­bung der Wirk­lich­keit (s)einer Jugend in Hes­lach in den 1970er Jah­ren, eben eine eige­ne poe­ti­sche Spra­che, so dass Inhalt und Form zu einer fas­zi­nie­ren­den Deckung kom­men. Wenn schon auto­bio­gra­phi­sches Schrei­ben, dann bit­te doch so.

Timur Ver­mes: Er ist wie­der da. Der Roman. Köln: Eich­born 2012. 396 Seiten.

Nun ja, auch wenn (fast) alle begeis­tert sind: Ich fand das nur mäßig – mäßig über­ra­schend, mäßig ori­gi­nell, mäßig lus­tig. Natür­lich ist die Idee ganz nett und erst­mal auch wit­zig, Hit­ler im Herbst 2011 aus einer Art Schlaf nach dem miss­glück­ten Selbst­mord­ver­such mit Kopf­schmer­zen auf­wa­chen zu las­sen, ihn auf die ver­än­der­te Gegen­wart mit ihren neu­en Medi­en und Gewohn­hei­ten tref­fen zu las­sen. Aber da wird es schon schwie­rig: Die­ses Auf­ein­an­der­tref­fen ist schon nicht so span­nend und komisch (oder wenigs­tens tra­gisch), wie es hät­te sein kön­nen und eigent­lich müs­sen. Dass Hit­ler dann als schein­bar per­fek­ter Komö­di­ant gleich beim Fern­se­hen lan­det, ist auch eine net­te Idee. Aber die Leu­te und das Gesche­hen beim Fern­se­hen ist schon wie­der so ober­fläch­lich und banal geschil­dert, dass es nicht ein­mal die Ober­fläch­lich­keit und Bana­li­tät des Fern­se­hens abbil­den kann. Und so geht das halt dann wei­ter – zum „lite­ra­ri­schen Kabi­nett­stück ers­ter Güte“, dass der Umschlag ver­heißt, ist da noch ein gutes Stück Weg …

Arnold Stad­ler: Mein Stif­ter. Por­trait eines Selbst­mör­ders in spe und fünf Pho­to­gra­phien. Mün­chen: btb 2009. 196 Seiten.

Das ist auch so ein selt­sa­mes Büch­lein. Stad­ler, der ja als Roman­cier sogar den Georg-Büch­ner-Preis bekam (auch wenn ich nie so recht ver­stand, war­um), schickt sei­ner Aus­ein­an­der­set­zung mit Adal­bert Stif­ter vor­sichts­hal­ber eine „Notiz“ vor­an. Da heißt es:

Dies ist kein Sach­buch, son­dern eine – viel­leicht son­der­ba­re – Lie­bes­er­klä­rung. […] Es ist ein Ver­ge­gen­wär­ti­guns­ver­such von einem, der selbst schreibt, Roma­ne und so wei­ter. Der Ver­such einer Lie­bes­er­klä­rung, ein Essay.

Und das ist es auch, da hat er schon recht. Dabei ist es aber nicht nur viel­leicht, son­dern wirk­lich son­der­bar und selt­sam. Er berich­tet von sei­ner Lek­tü­re und vom Leben Stif­ters – aber immer unge­heur sprung­haft und wie unkon­zen­triert wir­kend. Klu­ge Beob­ach­tun­gen, vor allem zu Stif­ters rei­hen sich mit Bana­li­tä­ten, Ein­sich­ten ver­ste­cken sich im Geschwa­fel. Das mag etwas hart klin­gen, aber Stad­ler nutzt die Frei­heit der Form „Essay“ ziem­lich aus – für mäan­dern­den und repe­ti­ti­ve Bruch­stü­cke, die in der Sum­me mehr über Stad­ler als über Stif­ter erzäh­len. Wie immer geht das natür­lich nicht ab ohne den Ver­weis auf sei­ne Her­kunft und sein Koket­tie­ren mit der Reli­gi­on bzw. der katho­li­schen Kir­che – für mich blieb das eher uner­gie­big und auch ein wenig freud­los: Von Lie­be (zu Stif­ter) ist nur hin und wie­der etwas zu spüren.

Kon­stan­tin Ames: sTiL.e(ins) Art und Welt­wa­isen. Ber­lin und Solo­thurn: rough­books 2012 (rough­book 024). 112 Sei­ten mit CD.

Ames ist ein Genie – ein Genie, das sich (so ist mein Ein­druck bis­her) nicht immer ganz im Griff hat: Vie­les ist ein­fach groß­ar­tig, auch hier, in sTiL., man­ches aber auch manie­ris­tisch und auf­ge­setz und ner­vig. Aber, davon bin ich ja fel­sen­fest über­zeugt, das Schei­tern gehört zum Gelin­gen immer dazu: Nur wer den Unter­gang wagt, kann den Gip­fel errei­chen. Jeden­falls: Mir macht sol­che Poe­sie gro­ßen Spaß – mehr dazu im pas­sen­den Blog­ein­trag.

sTiL. und Spiel

Es ist immer ein schö­ner Tag, wenn die Post so einen unschein­ba­ren grau­en Umschlag aus Solo­thurn bringt. Denn dar­in ver­steckt sich immer ein gro­ßes Lese­er­leb­nis (wirk­lich, bis jetzt war das immer so!). Und die­ses Mal ist beim neu­en Lyrik­band sTiL.e(ins) Art und Welt­wa­isen von Kon­stan­tin Ames sogar noch eine CD dabei – das ist also ein mul­ti­me­dia­les Erlebnis …

Die Vor­freu­de ist also gleich mehr­fach hoch: Die rough­books sind eigent­lich (fast) immer eine span­nen­de Lek­tü­re. Und gele­se­ne Lyrik ist eben­falls ein Fas­zi­no­sum. Und schließ­lich ist Kon­stan­tin Ames ein Dich­ter, der viel verheißt.

Als Leser bleibt er aber sprö­de, fin­de ich: Mir sind sei­ne Tex­te näher, wenn ich sie vor mir sehe – vor allem, weil ich dann halt mein Tem­po selbst bestim­men kann. Und das ist oft wesent­lich lang­sa­mer als die Lese­ge­schwin­dig­keit von Ames.

Denn sei­ne Gedich­te brau­en Zeit. Ames ist ein Sprach­jon­gleur, der sei­ne Art des Sprach­spiels, manch­mal auch der Spie­le­rei­en immer mehr per­fek­tio­niert. Vor­aus­set­zung ist zunächst ein­mal ein bewuss­tes Mei­den der Nor­ma­li­tät. Oder zumin­dest unter­nimmt er kei­ne Anstren­gung, in kon­ven­tio­nel­le Ras­ter ein­zu­pas­sen – höchs­tens eben im Spiel, etwa mit den manch­mal auf­tau­chend­ne Bin­nen- oder End-Reimen.

Ames also als Sprach­spie­ler vor dem Her­ren: Er klopft die Spra­che ab, bohrt und quetscht, sucht die Dop­pel­deu­tig­kei­ten (und ist sich auch für Kalau­er nicht zu scha­de), häm­mertt an die ver­steck­ten Türen, kriecht in die Fal­ten, taucht in die Tun­nel … Und immer geht es dar­um: Was steckt eigent­lich in der – unse­rer – Spra­che? Und was dahin­ter? Viel­leicht ist das wirk­lich dekon­stru­ie­ren­de Dich­tung (gibt es so etwas eigent­lich über­haupt?): Ames nimmt aus­ein­an­der, trennt und ana­ly­siert, split­tet und reißt an den Wor­ten, den Fügun­gen, den Sät­zen. Nicht immer kommt dann dabei „etwas“ her­aus, nicht immer ensteht dabei etwas Neu­es. Das muss es aber ja auch gar nicht: Es geht ja zunächst ein­mal dar­um, Bewusst­sein zu schaf­fen, Auf­merk­sam­keit auf das Ver­bor­ge­ne zu lenken.

Dazu gehört vor allem, die Viel­schich­tig­keit der Spra­che zu offen­ba­ren. Viel­leicht des­halb sind die­se Gedich­te immer in Bewe­gung, ken­nen kei­ne Ein­kehr oder Kon­tem­pla­ti­on, son­dern nur ein „fort“, ein „vor­wärts“ und ein „zurück“ – die Rich­tung scheint bei­na­he egal, so lan­ge die Bewe­gung nicht ins Sto­cken gerät. Und das ver­langt auch, nicht nur mit Asso­zia­tio­nen und Destruk­ti­on sowie Dekon­struk­ti­on von Wör­tern und Sät­zen zu spie­len, son­dern auch abzu­tau­chen in die Sozio­lek­te und Dia­lek­te von heu­te und von frü­her – genau­so grö­ßen­wahn­sinng wie sich das hier als Pro­gramm liest ist es auch manch­mal. Aber ohne Grö­ßen­wahn­sinn ja auch kei­ne gro­ße Kunst … Die Kunst zumin­dest man­cher die­ser Gedicht, könn­te man viel­leicht auch sagen, besteht dann aber dar­in, die­ses auf­de­cken­de (oder zer­stö­ren­de) Spiel in Sze­nen, Abläu­fen, Erzäh­lun­gen, Geschich­ten zu ermög­li­chen. Oder ermög­li­chen erst die­se Ver­läu­fe das Spiel? Ich weiß nicht mehr, wo vorn oder hin­ten ist, was Anfang oder was Ende, was Grund und was Fol­ge … – herrlich!

Kon­stan­tin Ames: sTiL.e(ins) Art und Welt­wa­isen. Ber­lin und Solo­thurn: rough­books 2012 (rough­book 024). 112 Sei­ten mit CD.

Aus-Lese #3

Tho­mas Bern­hard: Argu­men­te eines Win­ter­spa­zier­gän­gers. Und ein Frag­ment zu „Frost“: Leicht­le­big. Her­aus­ge­ge­ben von Rai­mund Fellin­ger und Mar­tin Huber. Ber­lin: Suhr­kamp 2013. 147 Seiten.

Ich glau­be, das ist nur etwas für aus­ge­spro­che­ne Bern­hard-Fans. Auf jeden Fall ist es inter­es­sant, sol­che Über­res­te aus der Werk­statt des Schrift­stel­lers zur Kennt­nis neh­men zu kön­nen. Als ers­tes auf­ge­fal­len ist mir aller­dings das fei­ne Papier, das sich Suhr­kamp hier geleis­tet hat ;-). Und sehr schön auch, dass die fast 30 Sei­ten Typo­skript von „Leicht­le­big“ als Fak­si­mi­le hin­zu­ge­fügt wur­den – auch wenn sie so ver­klei­nert sind, dass sie wirk­lich gera­de noch so zu lesen sind. Wäh­rend „Argu­men­te eines Win­ter­spa­zier­gän­gers“ mir noch recht unfer­tig vor­kommt, wie eine frühe/​erste Ver­si­on erscheint, ist „Leicht­le­big“ schon recht weit aus­ge­ar­bei­tet – und in gewis­ser Wei­se schon ein typi­scher Bernhard-Text.

Wil­li Jas­per: Zau­ber­berg Riva. Ber­lin: Matthes & Seitz 2011. 271 Seiten.

Wil­li Jas­per schrieb hier eine Lite­ra­tur­ge­schich­te der eige­nen Art: Die Geschich­te der Lite­ra­tur und der Lite­ra­ten eines Ortes – eines rea­len (Riva am Gar­da­see) und eines imaginären/​symbolischen (das Sana­to­ri­um). Das ist stel­len­wei­se eine fas­zi­nie­ren­de Mischung aus Lite­ra­tur- und all­ge­mei­ner Kul­tur­ge­schich­te der ers­ten bei­den Jahr­zehn­te des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts, weil es Strän­ge der Geschich­te zusam­men­führt, die sonst eher fern von­ein­an­der blei­ben: Zum Bei­spiel ver­eint die­ser Ort Zau­ber­berg Riva neben Tho­mas und Hein­rich Mann auch Franz Kaf­ka, Sig­mund Freud, Her­mann Suder­mann, Chris­ti­an Mor­gen­stern und ande­re. Manch­mal hängt Jas­per aber auch ein­fach in einer Beschrei­bung (über­haupt ist das eher deskrip­tiv als ana­ly­sie­rend) bestimm­ter Lebens­ab­schnit­te bestimm­ter Autoren fest – z.B. Hein­rich Mann, mit dem er sich sehr gut auskennt.
Natür­lich spielt auch die Neur­asthe­nie eine ent­spre­chend gro­ße Rol­le – dafür, für die­se „Mode“-Krankheit des frü­hen zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts, der nerv­li­chen Erschöp­fung ange­sichts der rasen­den Zeit und der rasen­den Umstän­de der Moder­ne, waren die Sana­to­ri­en unter ande­rem ja gera­de „zustän­dig“ – als eine Art Erho­lungs­heim, eine Auf­he­bung des gewöhn­li­chen Lebens mit sei­nen mora­li­schen und gesell­schafl­ti­chen Pflich­ten und Zwän­gen, eine Zeit der (tem­po­rä­ren) Befrei­ung und Auf­he­bung. Scha­de nur, dass er gera­de dies, den eigent­li­chen Ort, immer wie­der über län­ge­re Stre­cken etwas aus den Augen ver­liert und dann nur noch „nor­ma­le“ Lite­ra­tur­ge­schich­te ist. Ein beein­dru­cken­des Pan­ora­ma, das eben über die eigent­li­che Lite­ra­tur hin­aus­geht, aber doch nicht nur blo­ße Kul­tur­ge­schich­te ist, ist Zau­ber­berg Riva den­noch – und gera­de dar­in, in sei­nem eige­nen Blick, aus­ge­spro­chen anregend.

Paul Bogaert: Der Soft-Sla­lom. Her­aus­ge­ge­ben und über­setzt von Chris­ti­an Filips. Leu­ven u.a., rough­books 2013 (=rough­book 027). 65 Seiten.

Cra­zy, was der Bel­gi­er Bogaert da geschaf­fen hat – das liegt ja nahe, wenn man den Über­set­zer als Lyri­ker schon kennt …
Der Soft-Sla­lom ist eine Art erzäh­len­der Gedicht­zy­klus in num­me­rier­ten Kapi­teln und Ein­zel­ge­dich­ten, die sehr nahe an der Pro­sa sind/​bleiben (zumin­dest in der deut­schen Ver­si­on, die flä­mi­sche kann ich nun lei­der nicht beur­tei­len, auch wenn das rough­book bei­de Spra­chen bie­tet), in sprach­li­cher Hin­sicht spie­le­risch und ver­spielt. Inhalt­lich bleibt mir das meis­te kryp­tisch – was viel­leicht nur teil­wei­se an den Tex­ten selbst liegt:

Heu­te müs­sen Namen erdacht werden,
damit wir spä­ter einen übrig haben.
[…] Spä­ter erst, viel spä­ter, als all das neu­tra­li­siert ist,
der Soft-Sla­lom, na, ist das was,
da umfasst mich, tau­ber inzwischen
und blin­der, supersacht
eine Umar­mung von hinten

„Hast du die­sen Satz ver­stan­den?“, heißt es ein­mal, und: „Kommt das gut? Ergreift es dich?“ Das ist tat­säch­lich die Fra­ge, die sich mir bei der Lek­tü­re die­ser Gedich­te beson­ders deut­lich stellt: Habe ich das ver­stan­den? Bedeu­tet (mir) das etwas? Doch mit­ten­drin ver­ste­cken sich auch ein­fach schö­ne Momen­te hier drin (zumin­dest ver­ste­cken sie sich für mich oder vor mir .…):

Es herrscht Trubel
und mit­ten­drin bemerkst du
eine Mani­fes­ta­ti­on. Fühlst du, wie
die Situation
sich zu bewe­gen beginnt?

Rai­ner Stoll­mann: Die Ent­ste­hung des Schön­heits­sinns aus dem Eis. Gesprä­che über Geschich­ten mit Alex­an­der Klu­ge. Ber­lin: Kad­mos Kul­tur­ver­lag 2005. 154 Seiten.

Alex­an­der Klu­ge erklärt im Gespräch mit Rai­ner Stoll­mann die Geschich­ten aus sei­nem Band „Die Lücke, die der Teu­fel läßt“ (2003) – und zugleich sich selbst und vor allem die gan­ze Welt. Wie immer bei Klu­ge-Gesprä­che ist das klug und meist ein­leuch­tend, nicht sel­ten über­ra­schend, weil Klu­ge Fak­ten aus allen Wis­sens­ge­bie­ten auf unge­wohn­te Ver­bin­dun­gen abklopft und auch noch Ver­bin­dun­gen sieht oder zieht, wo ich beim bes­ten Wil­len kei­ne (mehr) sehen kann. Manch­mal ist das in dem etwas bes­ser­wis­se­ri­schen Ges­tus des Alles-Durch­schau­ers aber durch­aus auch etwas ner­vend. Doch das Gefühl habe ich bei Klu­ge öfters …

Ins Netz gegangen (1.6.)

Ins Netz gegan­gen (29.5.–1.6.):

  • Mau­ert Luther nicht ein! – DIE WELT – Der His­to­rik Heinz Schil­ling ist mit den bis­he­ri­gen Vor­be­rei­tun­gen des Refor­ma­ti­ons-Jubi­lä­ums 2017 nicht so ganz zufrieden …

    Die Kluft zwi­schen gegen­warts­ori­en­tier­tem Ver­kün­di­gungs­be­geh­ren und Ver­lan­gen nach his­to­ri­scher wie bio­gra­fi­scher Tie­fen­boh­rung ist zu über­brü­cken, will das Refor­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um nicht unter das hohe Niveau der auf das 20. Jahr­hun­dert bezo­ge­nen Gedenk­kul­tur unse­res Lan­des zurück­fal­len. Es geht um die eben­so simp­le wie fol­gen­rei­che Fra­ge, wie viel Wis­sen­schaft das Refor­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um braucht und wie viel Wis­sen­schaft es ver­trägt. Denn nur auf einer soli­den his­to­ri­schen Basis ist eine nach­hal­ti­ge Aus­ein­an­der­set­zung mit dem „pro­tes­tan­ti­schen Erbe“ in der euro­päi­schen Neu­zeit und glo­ba­len Moder­ne möglich.

  • „Es muss ja nicht alles von mir sein“ – DIE WELT – Lite­ra­tur – Frank Kas­par besucht Moni­ka Rinck und lässt sich von ihr erklä­ren und zei­gen, wie man heu­te Gedich­te schreibt, ohne pein­lich und ner­vend zu sein (was ihn anschei­nend ziem­lich über­rascht, dass das geht …):

    Wer in Moni­ka Rincks Tex­te ein­taucht, dem schwirrt bald der Kopf vor lau­ter Stim­men und Spra­chen, die dort frei zusam­men­schie­ßen. Deutsch, Eng­lisch, Fran­zö­sisch, Ita­lie­nisch und Pfäl­zisch, inne­re tref­fen auf äuße­re Stim­men, rhyth­misch Aus­ge­feil­tes auf bewusst gesetz­te Brü­che, Sprün­ge, Aus­ru­fe: Ha! Ach so! Hoho­ho! Die „Gischt der wirk­li­chen gespro­che­nen Spra­che“, die Wal­ter Ben­ja­min an Alfred Döb­lins Mon­ta­ge-Roman „Ber­lin Alex­an­der­platz“ so begeis­tert hat, gur­gelt zwi­schen den Zei­len und macht das Gewe­be leben­dig und beweglich.

  • Emme­rich Joseph von Breid­bach zu Bür­res­heim: Vor­kämp­fer der katho­li­schen Auf­klä­rung – FAZ -

    Emme­rich Joseph von Breid­bach zu Bür­res­heim, auch bekannt unter dem Spitz­na­men „Breit­fass von Schüt­tes­heim“ – angeb­lich trank er zu jeder Mahl­zeit sechs Maß Rhein­wein. Emme­rich galt als offen­her­zig und volks­nah, obwohl sei­ne Ansich­ten so gar nicht in Ein­klang mit dem wun­der­gläu­bi­gen Barock-Katho­li­zis­mus der kon­ser­va­ti­ven Land­be­völ­ke­rung stan­den. Er las Vol­taire und Dide­rot, wur­de schließ­lich zum bedeu­tends­ten Herr­scher der katho­li­schen Auf­klä­rung. Beson­ders sei­ne Schul­re­form wirk­te nach­hal­tig. Letzt­lich schuf die Ratio­na­li­sie­rung des Kur­main­zer Aus­bil­dungs­sys­tems die Grund­la­ge für die Revo­lu­ti­on in der Domstadt.

    Dass die Main­zer den Wein lie­ben, ist also nichts Neues …

  • Lebens­mit­tel­spe­ku­la­ti­on in der Frü­hen Neu­zeit – Wie Wet­ter, Grund­herr­schaft und Getrei­de­prei­se zusam­men­hin­gen | Die Welt der Habs­bur­ger – Nah­rungs­mit­tel­spe­ku­la­ti­on ist kei­ne Erfin­dung und auch nicht nur ein Pro­blem des 21. Jahr­hun­derts – wer hät­te es gedacht .…:

    Die Preis­stei­ge­run­gen waren jedoch nicht nur auf Wet­ter­ka­prio­len zurück­zu­füh­ren, auch das Ver­hal­ten der welt­li­chen und kirch­li­chen Grund­her­ren trug maß­geb­lich zum Anstieg der Getrei­de­prei­se bei. 

  • »Wie ein Rausch« | Jüdi­sche All­ge­mei­ne – Ein Inter­view mit dem Kla­vier­duo Tal & Groe­thuy­sen über Wag­ner, Alfred Pringsheim und Israel:

    Dar­in liegt auch die Leis­tung des Bear­bei­ters. Er steht ja stän­dig vor gro­ßen Fra­gen: Wie tei­le ich das auf? Wie kann ich mög­lichst viel vom Ori­gi­nal unter­brin­gen, sodass es plas­tisch ist, aber nicht über­la­den? Aber auch pia­nis­tisch rea­li­sier­bar? Und es hat sich her­aus­ge­stellt, dass Alfred Pringsheim, der eigent­lich Auto­di­dakt war, mit die inter­es­san­tes­ten und auch pia­nis­tischs­ten Lösun­gen gefun­den hat.

    Schön auch der Schluss­satz: „Und was Wag­ner angeht, sind wir jetzt wie­der für eine Wei­le bedient.“ – ich glau­be, das gilt nach die­sem Jahr für alle …

  • Adress­comp­toir: Auf der Suche nach Grill­par­zer – Hein­rich Lau­be irrt durch Wien:

    Grill­par­zer, wo bin ich über­all hin­ge­ra­then, um Dich zu finden!—erster Hof, zwei­te Stie­ge, drit­ter Stock, vier­te Thür! Es wir­beln mir noch die Beschrei­bun­gen im Kop­fe. Nach einer vor­mit­täg­li­chen Such­jagd stand ich end­lich in einer schma­len, öden Gas­se vor einem gro­ßen schweig­sa­men Hause

    Grill­par­zers über­ra­schend beschei­de­ne Woh­nung kann man übri­gens im städ­ti­schen Wien-Muse­um besich­ti­gen.

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