Es ist, es ist nichts, es ist
ein Satz aus der Zeit, als der Sommerengel
durch den Nebel flog und rief
Christoph Meckel, Nebel (aus: Blut im Schuh (2001), 15)
Schlagwort: lyrik Seite 10 von 14
Das vorzügliche Buch von Nils Minkmar ist – da darf man sich vom Untertitel nicht irreführen lassen – keine Reportage im eigentlich Sinne, und schon gar keine, die uns über Politik und Macht wirklich aufklärt. Minkmar ist nämlich zuallererst ein Meister der Wahrnehmung, Beschreibung und Deutung von (politischem) Handeln als symbolischen Handeln: Er kann Zeichen lesen – da ist er guter Kulturwissenschaftler. Und er kann es präzise (be-)schreiben. Dabei beschränkt er sich im Zirkus aber nicht auf den Zeichencharakter des von ihm beobachteten Wahlkampf von Peer Steinbrück und seinen Handlungen, sondern verbindet das mit politischer Erdung. So tauchen immer wieder die Fragen nach der tatsächlichen und medialen Macht der verschiedenen Akteure auf. Sehr gut gefallen hat mir, wie er seinen konkreten Gegenstand – Peer Steinbrück und seinen Wahlkampf – in größere Komplexe einbettet, etwa in Überlegungen zum Vertrauen in die/der Politik, zur psychologischen Situation der deutschen Bevölkerung 2013, zu Postdemokratie und den Medien.
Aber immer wieder ist auch Verzweiflung zu spüren: Verzweiflung, dass der Kandidat, der so richtig und gut ist, an so vielen eigentlich banalen und nebensächlichen Dingen scheitert, dass so vieles einfach nicht funktioniert (bei ihm selbst, im Apparat, in der SPD, in den Medien …). Das wird manchmal für meinen Geschmack etwas suggestiv. Deshalb fallen vor allem die gantz konkreten Analysen besonders positiv auf: Wie Minkmar das Wahlprogramm und vor allem den Slogan der SPD („Das Wir entscheidet“) auseinandernimmt und deutet, das hat große Klasse.
Immer wieder treibt ihn bei seiner Beobachtung des Wahlkampfs vor allem das Verhältnis von Kandidat und Partei um: Steinbrück schildert er als klugen, sachlich und nuanciert denkenden und argumentierenden Überzeugungstäter, die Partei vor allem als unfähig, chaotisch und unwillig. Unwilligkeit kommt beim Kandidaten in Minkmars Beschreibung vor allem in einem Punkt auf: In der Weigerung, die Medienmaschine bzw. ihr System wirklich zu bedienen und zu benutzen – was im Verein mit der unfähigen PR der Partei zu den entsprechenden Katastrophen führt.
Aber dann ist das Buch für sich auch ein bisschen hilflos: Das ganze ist, wenn man es so beschreibt, halt ein Zirkus, da kann man nichts machen. Und wenn man, wie Steinbrück, nach eigenen Regeln zu spielen versucht oder auf seinen bewährten Standards beharrt, scheitert man eben und verliert …
Ein kleines Erinnerungsbuch an den 2011 verstorbenen Schlenker mit zwei Zyklen seiner Gedichte. Auffällig ist bei diesen schnell ihre suggestive Sprach-/Versmelodie mit den kurzen Versen. Die Sprache wird hier prägnant durch Glasklarheit und efährt dadurch auch eine gewisse Härte. Immer wieder greift Schlenker auf kurze Paarverse zurück: Knappheit und Dichte, starke Konzentration auf Zustände und Ergebnisse sind vielleicht wesentliche Merkmale seiner Lyrik. Nicht so sehr interessieren ihn dagegen Prozesse und Abläufe: Verben sind deshalb gar nicht so bedeutsam in diesen Texte:
genauigkeit
als gäbe es
keine grenzen (sankt nun, 49)
Schlenkers Lyrik, die hier immer wieder um das Problem der Freiheit kreist („gut wäre auch freier wille“ (15)), entwickelt dabei so etwas wie eine Topographie des Denkens mit Orten der Reflektion und der Selbstvergewisserung. Wege, Pfade etc. spielen hier eine besondere Rolle. Vor allem aber schafft sie es, durch ihre pointierten Erkenntnisse dabei sehr „schlau“ zu wirken:
die zeit ist nun linear
wie ein fadenkreuzich weiß du bist da
bevor ich glaube wer ich bin. (4)
Deutlich wird das auch in dem wunderbaren „Lichtung“ (8), für mich wohl das beste dieser Gedichte:
als ich einige glaubenssätze
zum ersten mal
laut nachsprechen konnte
hörte ich den donner
in der leitung
legte auf
und wählte neu
Ein befremdliches und erheiterndes Buch: Monika Rinck treibt sich schreibend und zeichnend in einer Phantasiewelt herum, in der Hasenhass ein geweisse Rolle spielt, in der Haydn zwischen Disko-Kugel und Scheibenqualle diskutiert wird und ähnlich Ungeheuerlichkeiten geheuer sind. Das sind kurze Versuche in & mit Sprach- und Denkbewegungen, dazu noch skurile Zeichnungen in und um die Witze herum – vielleicht kann man das auch als dozierende Sprachspiele lesen, die assoziativ verkettet und mäandernd über das Nichts, die Leere und andere Abwesenheiten nachdenken („unschöne Überlegungen zur Praxis des Nichtens“ (9)) und als eine „Reform der Seelengrammatik“ (14) erheitern. „Die Dinge verwandeln sich, die Beziehungen bleiben bestehen.“ (37) heißt es im kurzen „Nachtrag“. Und so verwandeln sich auch Text und Zeichnung, Wort und Bild in dieser Fibel:
Der Wind der Apokalypse weht durch das kaputte Gedächtnis. Und wieder treffen wir auf ein Verhältnis von taumelnder Äquivalenz. (7)
Der gemeinste Witz versteckt sich übrigens auf der letzten Seite, im Impressum – und ich bin mir immer noch nicht sicher, ob das ein Witz sein soll oder nur ein banaler Fehler ist – nach der Lektüre solcher Texte sucht (und findet) man eben überall Sinn ;-):
Nicht nur Dieter Hildebrandt (an den ich mich nur als alten Mann erinnere, seine große Zeit lag eher vor meiner Wahrnehmungsschwelle …) ist gestorben, auch der große Dichter Hans-Jürgen Heise hat die Erde verlassen, wie Fixpoetry heute vermeldet. Sonst scheint diesen Verlust noch niemand registriert zu haben …
Und schon wieder kurze Prosa ohne Gattung: Szenen, Einfälle, … – Vignetten fasst das wohl am besten zusammen. Premper sammelt hier Absurdes, Groteskes, Komisches, Phantastisches ungeheuer verdichtet. Nur selten ist ein Text eine ganze Seite (oder mehr) lang. Das ist vor allem eines: irrsinnig amüsant. Dabei ist das aber überhaupt nicht hirnlos, denn in der Kürzest-Prosa über Bäume und Menschen, über Normalität und das Leben, über Träume und Erscheinungen, wundersame Begnungen, Abnormalitäten als Grundstimmung, Normalität als Ausnahme stecken alles großen Fragen – selbst wenn das als „Szene aus dem wirklichen Leben“ überschrieben ist. Vor allem zeigt Premper aber immer wieder die Absurdität der Banalität des Alltags, des ganz normalen Lebens mit seinen unzähligen, immer gleichen Handlungen, Momenten und Erfahrungen. Ein wirklich großartiges Vergnügen!
„Warum mann Bücher machen muss“: Weil man sonst wieder Frauen verbrennt und Schafe fickt. (38)
Wir lieben und wissen nichts ist ein nettes Kammerspiel über moderne Paare, über Liebe, Beziehung, Kommunikation und den ganzen Rest – eine Variation eines bekannten Themas also:
Kann man zusammenbleiben, wenn man sich die Wahrheit sagt? (121)
Ganz geschickt gemacht ist das, und gut verpackt – da merkt man die Erfahrung Rinkes. Und natürlich spielen auch und vor allem die Zumutungen des (post-)modernen Kapitalismus eine wesentliche Rolle: „[…] ich glaube, die Liebe ist irgendwann mit dem Kapitalismus zusammengestoßen und dabei kaputtgegangen.“ (112)
Leider fand ich den Band nicht ganz so spannend, wie die Rezension erwarten ließ. Salomon schreibt hier vor allem so etwas wie erzählende Gedichte: Viele „intakte“ Sätze, die nur behutsam umgebrochen und so in die lyrische Form gebracht werden. Es geht viel ums Erinnern, viele Madeleines, und viel alte BRD tauchen hier auf, aber auch viel Glück – das aber nie dauerhaft und sicher ist: „Ich ging nach Hause, ich glaube /Glücklich – “ (66) schließen die „Momente des Glücks“, die genau so einen Moment des Endens der Vergangenheit, des Niederlegens eines alten Gebäudes aufzeigen. Genau dieser das Ende offen lassende, andeutende Gedankenstrich beschließt nicht wenige seiner Gedichte („Es war, als gäbe es nie ein Ende – “ (71)) Vieles ist hier ganz nett, aber berührt mich nicht sehr nachdrücklich: Vielleicht ist es deshalb für mich nicht so spannend, weil Salomon der Kraft und Gestalt der „normalen“ Sprache weitgehend vertraut – ich bevorzuge momentan Lyriker, die Sprache sozusagen gegen den Strich bürsten, wesensfremd verwenden – und daraus Bedeutung(en) erzeugen. Das passiert hier nicht.
Sehr schön und inspirierend: Gute grafische Gestaltung, vor allem spannende und anregende Fotografien. Und natürlich auch interessante, fesselnde Texte. Zum Beispiel das wunderbare Interview mit einer psychatrischen Oberärtztin …
Ein Klassiker, natürlich … Ein bisschen Büchner-Lektüre muss zu seinem 200. Geburtstag auch unbedingt sein. Der Lenz fesselt mich immer wieder: Die Intensität und die gewaltige Sprache der Erzählung finde ich faszinierend. Auch wenn mir dieses Mal sehr aufgefallen, wie „unfertig“ der Text eigentlich ist …
Kleine Polizei im Schnee ist ein typischer Dath. Natürlich ist das (wieder) eine Mischung aus Sci-Fi, Dys- & Utopie, Gegenwartsbeschreibung & ‑kritik, phantastischer und realistischer Literatur (sein Markenzeichen und eine seiner besten Qualitäten – der größte Stilist ist er schließlich nicht …). Untypisch ist nur die kleine, kurze Form von sehr unterschiedlicher Länge, die seinen Kosmos etwas zugänglicher wirken lassen als die großen Schinken. Dabei ist zugänglich aber relativ. Denn wieder prägen Verknüpfungen kreuz und quer diese Texte (die eigentlich einen großen Text bilden). Es gibt also viel zu entwirren: Dath praktiziert ein sehr faszinierendes Erzählen aus verschiedenen Richtungen. Man kann (und darf) das dann wie ein Puzzle zusammensetzen. Die einzelnen Teile sind aber auch schon sehr schön, so dass es nicht so schlimm ist, wenn das Puzzle nicht ganz fertig wird ;-). (Daths Werk gibt mal viel Arbeit für fleißige Germanisten, mit all seinen intra- und intertextuellen Allusionen und Bezügen, v.a. innerhalb seines eigenen Werkes …)
Konsequenz ist nämlich noch schöner als Erfolg. (167)
Eine schöne Idee: Rund um einen klassischen Text – bei der ersten Nummer ist es Franz Kafkas „Die Verwandlung“ – sammeln die Magazinmacher Texte, Interviews, Grafiken und Fotos. Die hängen an einzelnen Aspekten der „Verwandlung“, an Assoziationen oder Interpretationsansätzen. Schöne Lektüren, auch ein schön gemachtes Magazin.
Das Gedicht erscheint
Sobald es erschienen ist,
ist es verschwunden. (90)
Schon der Untertitel verweist auf die typische Erb-Form: Gedichte als Tagebuch. Mensch sein, nicht versammelt unheimlich viel davon – so viel, dass es mir manches Mal zu viel war, dieser ungeheure Materialberg oder ‑wust. Einfälle und Gedanken in den verschiedensten Formen – als knappes „Gedicht“, als kleiner Essay, als Erinnerungsprotokoll, als … reihen sich hier aneinander und aneinander. Hin und wieder fiel es mir schwer, in den Textfluss hineinzukommen: Manches fängt mein Auge, trifft eine Stimmung in mir – vieles bleibt mir zunächst – d.h. beim ersten Lesen – fremd, lässt mich ratlos oder (fast noch unangenehmer …) unbeteiligt, so dass der Eindruck erst einmal zwiespältig bleibt. Aber vielleicht ist das ja auch das Ziel:
Das Gefühl des Gewinns
bei der Überlegung, Gedichte seien Erkenntnisträger:
nämlich hast-du-nicht-gesehen schwimmt schulterhoch
und umgebend teichgleich ein allgemeines Interesse
so, als habe es im Sinn, zu erkunden, was ist,
und existiere gewiß (19)
Ich bin eine in einem Tagebuch aufbewahrte Erinnerung. (117)
Umsonst und draußen ist ein schönes Buch. Auch wenn nicht ganz klar ist, was das eigentlich ist. Nicht ohne Grund steht da nichts anderes auf der Titelseite, nicht „Roman“, nicht „Notizen“, nicht „Tagebuch“ – obwohl all das seine Berechtigung hätte. Kuhlbrodt lebt und wandelt in Berlin. Oder besser gesagt: Der Erzähler tut dies. Denn das Ich ist nicht das Ich selbst, es blitzt immer wieder der Spalt der Differenz zwischen Erzähler-Ich und Autor-Ich, zwischen „Ich“ und Detlef Kuhlbrodt, auf. Distanziert, aber beteiligt sind diese Berlin-Notizen, das Berlin-Tagebuch mit großen Lücken, aber in Tagesform: Beobachtungen und Empfindungen mischen sich, sind aber immer knapp und lakonisch, ja unsentimental geschildert. Melancholie ist die Grundstimmung: Verlust und Trauer prägen die Zeit und das Erleben, aber eine ARt positive Trauer: Das Erkennen der Realität als gegebene, als fast unausweichliche hängt damit zusammen. Und das Nicht-vollkommen-einverstanden-Sein damit, aber ohne Druck/Wille zur Revolte: Abseits statt mittendrin oder (aktiv) dagegen bewegt sich der Erzähler im Leben. Stephan Wackwitz hat das in der taz recht gut auf den Punkt gebracht, nämlich als „entspanntes Geltenlassen“.
Um authentisch schreiben zu können, war es oft notwendig, Dinge zu tun, von denen ich nicht genau wusste, ob ich sie tat oder ob ich eine Rolle übte. (148)
Der Rezensent der taz war von Frömbergs zweitem Roman ziemlich begeistert, ich nicht so sehr. Es fiel mir schwer, da überhaupt reinzukommen, in den Text über den Text über den Text: Die (Erzähl-)Ebenen verschwimmen hier permanent (im Roman gibt es z.B. einen Roman, der heißt wie der Roman). Das wäre ja noch kein Problem (eher ein Pluspunkt), aber Frömbergs spröder Stil, seine trockene Sprache machten es mir schwer, den verschiedenen Handlungssträngen und Figurenkonstellationen, die lose immer mal wieder mit einander verknüpft werden, ohne dass das besonders deutlich wird, zu folgen – dazu kommen noch verschiedene Zeit-Handlungs-Ebenen und Träume und Erinnerungen. Vielleicht lag’s auch an meiner Lesesituation – aber ich sehe nicht recht, was Frömberg hier eigentlich will. Es geht irgendwie um die Alt-68er und deren Kinder. Der Sohn zweier 68er und Kommunarden, Leo, ist so etwas wie die Zentralfigur. Er beschäftigt sich ablehnend mit der Geschichte seine Eltern, das als „Künstler“ verarbeitend, seine Frau/Ex, die als „Detektivin“ zu den 68ern unterwegs ist/war, die aber auch schon tot sind, spielt auch eine Rolle. Und dazu kommt noch die gesamte neueste Geschichte Deutschlands und der Welt, vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart, die unbedingt ind en Text hinein gepackt werden musste. Das führt zu entsprechend langen Erklärungen und Abschweifungen, trocken und zäh macht es den Text. Und wieder mal schreiben alle Figuren: Werner und sein Sohn Leo, Ursula und auch der extrimistische Aktivist Andreas, selbst die „Geologin“ Victoria – da kann man schön immer daraus zitieren, ohne sich die Zitate zu eigen machen zu müssen. Deshalb ist Etwas Besseres als die Freiheit auch voller gewichtiger Sätze, die als philosophische Erkenntnisse/Sätze/Wahrheiten daherkommen, meist aber Platitüden sind. Und natürlich endet das wieder im Schreiben: „Victoria schloss die Augen, setzte den Stift aufs Papier, öffnete die Tür und stürzte sich in eine neue Welt.“ (196)
Außerdem ist das Buch ganz schlecht gesetzt: ungünstiger Seitenspiegel, schlechter Blocksatz (teilweise richtige Löcher in den Zeilen) – das sind handwerkliche Fehler, die beim Lesen ermüden, vor allem weil der Text selbst nur sehr grob gegliedert ist.
Skuriles und Absurdes mischt sich in Meiers kleinen Geschichten mit Groteskem und auch Lustigem: Das sind Miniaturen, die unsere ach-so-bekannte Welt einfach auf den Kopf stellen und mögliche Welten erzählen. Da sich oft nur eine kleine Bedingung oder Begebenheit ändert, kann man wunderbar sehen, was dann passiert – und hat erzählte Welten, die der „Realität“ unwahrscheinlich gleichen und doch ganz anders sind.
Wunderbar ist auch die Erzähltechnik Meiers, die ich schon in Heimlich, heimlich mich vergiss bewunderte. Zum Beispiel die Raffinesse der Informationsvergabe, die (meistens) sehr zurückhaltend, unaufdringlich, fast unmerklich geschieht. So kann Meier etwa lange offen lassen kann, ob die Erzählerstimme weiblich oder männlich ist (wenn es eben keine Rolle spielt). Eine souveräne Erzähltechnik, die hier oft im Dienst des Wunderns und Verwunderns steht, des Aufmerksammachen auf die Gestalt der Welt, die wir immer wieder als gegeben und „normal“ hinnehmen, die ja aber oft auch ganz kontingent ist und durchaus auch (ganz) anders sein könnte – zum Beispiel so, wie Meier es uns hier mal vorführt und worüber wir dann staunen dürfen oder ratlos und perplex sein dürfen. „Ihre Miniaturen sind vergnüglich zu lesende Etüden in Sarkasmus, allesamt dazu geeignet, die Zumutungen der Wirklichkeit auf Distanz zu halten“ hat Jörg Magenau das in seiner Kritik genannt – und das stimmt. Auch wenn manchmal – etwa und vor allem in den beiden Theaterstücken am Ende des Bandes das Moment der Fingerübung etwas arg deutlich wird – die beiden Texte hinterlassen mich etwas ratlos, vor allem Wasser! Element! Penthesilea liest Kleist scheint mir in erster Linie eine solche (stilistische) Fingerübung – aber vielleicht übersehe ich einfach den entscheidenden Punkt …
Der Konzerveranstalter Seliger schreibt, warum das Musikgeschäft (womit er in erster Linie das des Pop & Rock meint) so ist, wie es ist: Verkommen, korrupt, unbefriedigend. Eine „Streitschrift für eine andere Kultur“ (so nennt der Klappentext das) ist dieser Bericht. Und er ist zunächst mal ernüchternd und desillusionierend: Seliger hat vieles zusammengetragen zum Zustand der Kulturindustrie, des „Geschäfts mit der Musik“ – vieles, das dem aufmerksamen Zeitgenossen durchaus schon bekannt sein dürfte (GEMA, Einkommen, Konzentrationsprozesse im Label- & Verlagswesen, Musikergagen, Sponsoring & Werbung), hier aber noch mal geballt und zusammengeführt, detailliert an vielen Beispielen aufgezeigt. Besonders beschäftigen ihn die vielfältigen Konzentrationsprozesse im Geschäft rund um die Musik und die Frage: „Doch was bedeutet das [die oligarische Konzentration] für die Kultur, was bedeutet das für unsere Gesellschaft? Was bringt unsere Gesellschaft voran? Ist es die Quote, die zählen soll, oder ist es die Qualität von Kultur?“ (14). Das ist nicht nur ein Vorwurf an den versagenden Markt – auch wenn dessen Neuaurichtung (shareholder-value statt stakeholder-value) seit den 1980er wesentlicher Antrieb für den „Verfall“ ist, sondern auch eine Anklage an die diese Prozesse unterstützende willfährige Politik, die dem Ausverkauf der Kultur nicht nur nichts entgegensetzt, sondern ihn auch vorantreibt und finanziell unterstützt. Seliger pragnert das als Verlust der Vielfalt an – und zwar eben nicht nur musikalisch, musik-intrinsisch sozusagen, sondern auch auf gesellschaftlicher Ebene.
Stattdessen wünscht Seliger sich eine Kultur der Dissidenz – marktkonform ist aber immer nur der Gehorsam, weshalb die reine Marktorientierung der Kultur (als ganzes) schaden muss, weil das Moment des Gegenläufigen wegfallen muss (dazu gezwungen wird …): „Heute dagegen beherrscht der Quotenterror unser kulturelles Leben, ob beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk und Fernsehen, bei der staatlichen Filmförderung oder bei unseren musikalischen Freizeitvergnügen. Wir leisten uns ein hochsubventioniertes Kultursystem, unterwerfen es allerdings freiwillig dem Diktat der Quote. Es zählt nur, was verkauft.“ (20), oder: „Dissidenz ist in den modernen Geschäftsmodellen der Kulturindustrie nicht als Möglichkeit vorgesehen.“ (21). Das ist keine neue oder überraschende Erkenntnis – nicht ohne Grund ist Adorno (mit seinen Arbeiten über die Kulturindustrie) sein Kronzeuge -, aber weil Seliger viel aus seinen langjährigen Erfahrungen mit den verschiedensten Musikern, Veranstaltern etc. erzählt, – manchmal hat das auch ein bisschen etwas von „Opa erzählt von früher“ … – ist das eine durchaus spannende und anregende Lektüre. Er klagt dabei auch so ziemlich alle Beteiligten an, von der Musikerin bis zum Hörer/Konsumenten, vom Label über Konzernveranstalter, Werbende bis zu Journalistinnen oder Medienarbeiter. Und natürlich auch die Politik (Urheberrecht! Fördergelder!). Er sieht das Problem aber immer als eines des Systems, nicht des Individuums – ohne diesem allerdings Handlungsmöglichkeit und Verantwortung abzunehmen oder abzusprechen (dafür führt er ja auch Gegenbeispiele an, die sich dem Zwang zur absoluten Unterwerfung unter den Markt und seine (scheinbaren) Gesetze verweigern). Letzlich hängt auch für ihn alles an der „Haltung“ des Individuums: „In einer Zeit, in der das Menschenrecht auf kulturelle Teilhabe weltweit durch multinationale Konzerne massiv gefährdert ist, kommt es mehr denn je darauf an, Haltung zu zeigen.“ (348) – das ist so etwas wie der Kern, Ausgangs- und Endpunkt des Buches.
Eigentlich ganz spannende und vielfältige Gedichte, die Sonette von Hawkey. Die Übertragung von Wolf ist eigentlich eine Übersetzung, die fast eine interlineare ist – extrem nah an dem Original. Das ist mal derb und verspielt, mal hochgemut und ordinär zugleich – ein seltsames sic-et-non, ein Pendeln zwischen den Welten und Sprachen macht die Sonette Hawkeys aus – und im Umschlag des Pendels passiert die Kunst, dort, wo die Sprache glitzert und glänzt und funkelt …
& they slept, soundly. sleep was a sound & /they floated into it – sie legten sich aufs ohr & schlaf war ein laut. /sie schwebten hinein (36÷37)
Eine Auswahlausgabe der Gedichte Bobrowskis, die im Wagenbach-Verlag zum Verlagsjubiläum erschien und mich, da ich noch nichts von Bobrowski (außer seinem Namen) kannte, angelacht hat. Nach dem Lesen war das nicht mehr so sehr der Fall: Einen rechten Zugang habe ich nicht gefunden, die Lyrik Bobrowskis resoniert nicht so recht bei mir. Es ist eine ganz bestimte Art von Dichtung der und über Landschaften, was hier immer ganze Landschaften meint, mit ihren Leuten, Tieren und der Gegend – aber eben nicht nur die der Natur etc. Er beschreibt das weniger, sondern besingt die – auch schon zum Entstehungszeitpunkt – untergegangene, verloren gegangene Landschaften sehr poetisch und auch gewollt poetisch. Das klingt mir dann oft sehr emphatisch aufgeladen, in einer bewusst und gewollt artistisch überhöhten Sprache, die ihre (Landschafts-)Bilder immer geradezu zwanghaft metaphorisch und mythisch ergänzt bzw. überhöht – das passiert natürlich fast immer bei (guter) Landschaftsdichtung, fiel mir hier aber als besonders gesuchte Form sehr auf.
Das Sommerbuch von Tubuk-Deluxe. Und ein echtes Spätsommerbuch, das schon ein bisschen auf den Herbst einstimmt. Nagys „Stories“ sind wirkliche kurze Geschichten, die man kaum Erzählung nennen mag: Momentaufnahmen, fast lyrisch verdichtet, manchmal nur knappe zwei Seiten lang – aber immer sehr genau und präzise. Immer geht es hier um eine Art Leere, vor allem die emotionale. Auch eine gewisse Ortslosigkeit spielt da häufig mit hinein, die irgendwie mit der ungarisch-stämmigen Amerikanerin als Ich-Erzählerin (die Ähnlichkeiten mit der Autorin hat) zusammenhängt: Die „Unbehaustheit“ ist hier nicht nur (aber auch) metaphysisch, sie manifestiert sich hier immer wieder. Und dann ist da noch eine Art offene Traurigkeit, die die Stimmung der meisten Stories prägt. Auch in den Personenkonstellationen, dem Umgang der Personen miteinander, der fast immer beim Nebeneinander verbleibt, zeigt sich das immer wieder. So gibt es nur ganz wenige Gespräche, in denen Kommunikation wirklich gelingt. Die große Fremdheit geht aber noch weiter, sie umschließt auch das eigene Lebens und das eigene Selbst. Überhaupt ist (oder scheint?) immer alles schon länst vergangen und verloren – Zukunft gibt es nur ganz selten, Gegenwart auch nicht so häufig. Das ist dann nur in kleinen Dosen genießbar, sonst verliert man sich darin wie in einer bodenlosen Tiefe. Aber das ist auch kein Problem, die „Stories“ sind ja alle kurz und knapp.
Ein schönes Buch hat Pascal Mercier da geschrieben, über die Möglichkeit des rechten, richtigen und wahren Lebens. Und über die Tiefe der Seele. Und über die Möglichkeit, einen anderen Menschen kennen: Das Problem fängt ja schon beim Individuum selbst an: Kann man sich selbst kennen? Und kann man dann andere Menschen (er-)kennen? Und kann man Menschen nach ihrem Tod noch kennen lernen? In den Erinnerungen derer, die diesen Menschen überlebten? In seinen Taten? In seinen poetischen Erkundungen, seinen Notaten und seinen Niederschriften?
Das Leben ist nicht das, was wir leben; es ist das, was wir uns vorstellen zu leben.
Der Plot dafür ist manchmal etwas arg konstruiert für meinen Geschmack, und manchmal wird es auch etwas langatmig. Aber schön – nicht nur inhaltlich, auch gerade im sprachlichen Sinne – ist der Nachtzug nach Lissabon trotzdem.
Kitsch ist das tückischste aller Gefängnisse. Die Gitterstäbe sind mit dem Gold vereinfachter, unwirklicher Gefühle verkleidet, so daß man sie für die Säulen eines Palastes hält.
Vertrauen – von Luhmann als (notwendiger) Vorgang in komplexen Systemen aufgefasst, der dazu dient, Komplexität (der Welt und der Umwelt) zu reduzieren und dabei vom Außen ins Innere zu verlagern. Das ist, auch als früher Repräsentant der Luhmannschen Systemtheorie, natürlich schon lange ein Klassiker, und doppelt interessant: Inhaltlich einfach, weil Luhmann zeigen kann, welche Funktionen Vertrauen haben kann (und warum die ethische Betrachung des Vertrauens nicht ausreichen kann bzw. das Phänomen überhaupt nicht richtig erfassen zu vermag). Und eine spannende Lektüre auch deshalb, weil es noch vollkommen in den 60er-Jahren gefangen ist, mit ihrer Technikgläubigkeit (mitsamt ihrer Idee der technisch-automatischen Plan‑, Regulier- und Steuerbarkeit der Welt mit ihren Vorgängen) – heute würde vieles anders gedacht und geschrieben werden, auch von Luhmann selbst sicherlich. Schade nur, dass der Satz grausam ist: Obwohl das der zweite Neudruck der vierten Auflage ist, wimmelt es von typographischen Fehlern. Die rühren, so scheint es mir, daher, dass der Text mal mit OCR erfasst wurde und dabei viele kleinere und größere Fehler übersehen wurden. Das trifft den Inhalt zwar überhaupt nicht, macht das Lesen manchmal aber übermäßig anstrengend.
Einer der älteren Gedichtbände Meckels – aber (immer noch) ungeheur empfehlenswert. Auch wenn die Grundstimmung vieler Texte eher düster und/oder negativ ist. Aber die Konzentration, mit der Meckel beobachtet und beschreibt, die Knappheit der Sprache und der sprachlichen Bilder – das ist überwältigend und vortrefflich.
Ganz ohne Anlass, nur aus Freude über die neueste E‑Mail-Lieferung vor einigen Tagen, sei hier noch einmal das „Begriffsstudio“ von Monika Rinck empfohlen. Das ist eine spannende Sache: Die Lyrikerin sammelt hier auf einer Webseite (und per regelmäßiger E‑Mail-Lieferung eben) Begriffe im weitesten Sinn: Wörter, Formulierungen, Phrasen, Halbsätze, Ideen und vieles mehr. Die akutelle Ausgabe (#3385–3436) enthält Trouvaillen wie:
fearPhone
dormitorien schnarchender homere
gruppenbikini
junggeziefer
einverseelung des mangels
Das ist eine der anregendsten Listen, die ich bisher gesehen habe – für alle Freunde der kreativen Sprachverwendung sei sie deshalb dringend empfohlen.
Das Heft bietet vor allem eines: Viele schöne Bilder luftiger oder gar nicht bekleideter Menschen … Die Texte haben mich nämlich dieses Mal etwas enttäuscht: Joachim Radkau haut im einleitenden Überblicksartikel erst mal kräftig auf alle anderen Historiker aller Provenienzen ein, die die (Lebens-)Reformbewegungen der Jahrhundertwende sowieso alle falsch verstanden haben (im Gegensatz zu ihm selbst). Interessant ist dann noch der Text über den „Monte Verità“, Andreas Molitors Text über die Darmstädter Mathildenhöhe hingegen bleibt flach – wie viele andere Beiträge auch. Insgesamt sicher eines der schlechteren Hefte – mit der Geschichte einer Idee kommt die Redaktion mit ihren gewohnten Mitteln offenbar nicht zurande: Das ist nur eine lange Reihung von Einzelphänomenen, die kaum ein großes oder nur ein größeres Bild ergeben.
Vier Essays über Geschichte an sich, als Problem und Lösung, über die Verantwortung von Historikern gegenüber der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft – all diese Grundsatzfragen beim Nachdenken über und Arbeit mit und an der Geschichte eben. Das ist alles sehr reflektiert, aber auch sehr trocken und strikt theoretisch: typisch Rüsen eben … Typisch für ihn ist auch, immer von einer (existenzialistischen) „Anthropologie des Historischen“ auszugehen und daraus seine Überlegungen zu Wert und Gestalt der Geschichte zu entwickeln.
Zu dem Pergamon Poems auf Papier und Silber-/Mattscheibe habe ich diese Woche schon ein bisschen etwas geschrieben: klick.
Ein schön gemachtes Buch, mit ausführlichem Begleitmaterial, einer neuen, gut lesbaren Übersetzung mit reichlicher Kommentierung (auch wenn mich die Fußnoten fast ein bisschen zu sehr ablenken beim Lesen des Haupttextes). Vor allem aber ein wirklich großartiger Roman, ein Hochfest des unzuverlässigen Erzählens – denn das einzige, das sicher ist, ist, dass nichts sicher ist, was hier erzählt wird … – da hilft auch die Beteuerung des Erzählers nicht viel:
Ich berichte diese Umstände ganz detailgetreu, und ich berichte sie, wohlverstanden, exakt so, wie sie uns erschienen. (199)
Davon darf man sich den Spaß aber nicht verderben lassen. Im Gegenteil, der schlitzohrige Erzähler ist ein nicht unerheblicher Grund, warum diese Abenteuergeschichte einer Seereise mit blindem Passagier, Meuterei, Schiffsbruch, Südsee-Handel, Südpol-Expedition und Kämpfen mit Eingeborenen … so unterhaltsam daherkommt und so ein raffinierter Text ist.


