Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Schlagwort: lyrik Seite 10 von 14

Nebel

Es ist, es ist nichts, es ist
ein Satz aus der Zeit, als der Som­me­ren­gel
durch den Nebel flog und rief
Chris­toph Meckel, Nebel (aus: Blut im Schuh (2001), 15)

Aus-Lese #22

Nils Mink­mar: Der Zir­kus. Ein Jahr im Inners­ten der Poli­tik. Zwi­schen­be­richt. Frank­furt am Main: Fischer 2013. 220 Seiten.

Das vor­züg­li­che Buch von Nils Mink­mar ist – da darf man sich vom Unter­ti­tel nicht irre­füh­ren las­sen – kei­ne Repor­ta­ge im eigent­lich Sin­ne, und schon gar kei­ne, die uns über Poli­tik und Macht wirk­lich auf­klärt. Mink­mar ist näm­lich zual­ler­erst ein Meis­ter der Wahr­neh­mung, Beschrei­bung und Deu­tung von (poli­ti­schem) Han­deln als sym­bo­li­schen Han­deln: Er kann Zei­chen lesen – da ist er guter Kul­tur­wis­sen­schaft­ler. Und er kann es prä­zi­se (be-)schreiben. Dabei beschränkt er sich im Zir­kus aber nicht auf den Zei­chen­cha­rak­ter des von ihm beob­ach­te­ten Wahl­kampf von Peer Stein­brück und sei­nen Hand­lun­gen, son­dern ver­bin­det das mit poli­ti­scher Erdung. So tau­chen immer wie­der die Fra­gen nach der tat­säch­li­chen und media­len Macht der ver­schie­de­nen Akteu­re auf. Sehr gut gefal­len hat mir, wie er sei­nen kon­kre­ten Gegen­stand – Peer Stein­brück und sei­nen Wahl­kampf – in grö­ße­re Kom­ple­xe ein­bet­tet, etwa in Über­le­gun­gen zum Ver­trau­en in die/​der Poli­tik, zur psy­cho­lo­gi­schen Situa­ti­on der deut­schen Bevöl­ke­rung 2013, zu Post­de­mo­kra­tie und den Medien.

Aber immer wie­der ist auch Ver­zweif­lung zu spü­ren: Ver­zweif­lung, dass der Kan­di­dat, der so rich­tig und gut ist, an so vie­len eigent­lich bana­len und neben­säch­li­chen Din­gen schei­tert, dass so vie­les ein­fach nicht funk­tio­niert (bei ihm selbst, im Appa­rat, in der SPD, in den Medi­en …). Das wird manch­mal für mei­nen Geschmack etwas sug­ges­tiv. Des­halb fal­len vor allem die gantz kon­kre­ten Ana­ly­sen beson­ders posi­tiv auf: Wie Mink­mar das Wahl­pro­gramm und vor allem den Slo­gan der SPD („Das Wir ent­schei­det“) aus­ein­an­der­nimmt und deu­tet, das hat gro­ße Klasse. 

Immer wie­der treibt ihn bei sei­ner Beob­ach­tung des Wahl­kampfs vor allem das Ver­hält­nis von Kan­di­dat und Par­tei um: Stein­brück schil­dert er als klu­gen, sach­lich und nuan­ciert den­ken­den und argu­men­tie­ren­den Über­zeu­gungs­tä­ter, die Par­tei vor allem als unfä­hig, chao­tisch und unwil­lig. Unwil­lig­keit kommt beim Kan­di­da­ten in Mink­mars Beschrei­bung vor allem in einem Punkt auf: In der Wei­ge­rung, die Medi­en­ma­schi­ne bzw. ihr Sys­tem wirk­lich zu bedie­nen und zu benut­zen – was im Ver­ein mit der unfä­hi­gen PR der Par­tei zu den ent­spre­chen­den Kata­stro­phen führt.

Aber dann ist das Buch für sich auch ein biss­chen hilf­los: Das gan­ze ist, wenn man es so beschreibt, halt ein Zir­kus, da kann man nichts machen. Und wenn man, wie Stein­brück, nach eige­nen Regeln zu spie­len ver­sucht oder auf sei­nen bewähr­ten Stan­dards beharrt, schei­tert man eben und verliert …

Wolf­gang Schlen­ker: Dok­tor Zeit. Solo­thurn: rough­books 2012 (rough­book 020) 54 Seiten.

Ein klei­nes Erin­ne­rungs­buch an den 2011 ver­stor­be­nen Schlen­ker mit zwei Zyklen sei­ner Gedich­te. Auf­fäl­lig ist bei die­sen schnell ihre sug­ges­ti­ve Sprach-/Vers­me­lo­die mit den kur­zen Ver­sen. Die Spra­che wird hier prä­gnant durch Glas­klar­heit und efährt dadurch auch eine gewis­se Här­te. Immer wie­der greift Schlen­ker auf kur­ze Paar­ver­se zurück: Knapp­heit und Dich­te, star­ke Kon­zen­tra­ti­on auf Zustän­de und Ergeb­nis­se sind viel­leicht wesent­li­che Merk­ma­le sei­ner Lyrik. Nicht so sehr inter­es­sie­ren ihn dage­gen Pro­zes­se und Abläu­fe: Ver­ben sind des­halb gar nicht so bedeut­sam in die­sen Texte:

genau­ig­keit
als gäbe es
kei­ne gren­zen (sankt nun, 49)

Schlen­kers Lyrik, die hier immer wie­der um das Pro­blem der Frei­heit kreist („gut wäre auch frei­er wil­le“ (15)), ent­wi­ckelt dabei so etwas wie eine Topo­gra­phie des Den­kens mit Orten der Reflek­ti­on und der Selbst­ver­ge­wis­se­rung. Wege, Pfa­de etc. spie­len hier eine beson­de­re Rol­le. Vor allem aber schafft sie es, durch ihre poin­tier­ten Erkennt­nis­se dabei sehr „schlau“ zu wirken:

die zeit ist nun linear
wie ein fadenkreuz 

ich weiß du bist da
bevor ich glau­be wer ich bin. (4)

Deut­lich wird das auch in dem wun­der­ba­ren „Lich­tung“ (8), für mich wohl das bes­te die­ser Gedichte:

als ich eini­ge glaubenssätze
zum ers­ten mal
laut nach­spre­chen konnte
hör­te ich den donner
in der leitung
leg­te auf
und wähl­te neu 

Moni­ka Rinck: Hasen­hass. Eine Fibel in 47 Bil­dern. Ostheim/​Rhön: Peter Engst­ler 2013. 40 Seiten.
Hasenhass - der Umschlag

Hasen­hass – der Umschlag

Ein befremd­li­ches und erhei­tern­des Buch: Moni­ka Rinck treibt sich schrei­bend und zeich­nend in einer Phan­ta­sie­welt her­um, in der Hasen­hass ein geweis­se Rol­le spielt, in der Haydn zwi­schen Dis­ko-Kugel und Schei­ben­qual­le dis­ku­tiert wird und ähn­lich Unge­heu­er­lich­kei­ten geheu­er sind. Das sind kur­ze Ver­su­che in & mit Sprach- und Denk­be­we­gun­gen, dazu noch sku­ri­le Zeich­nun­gen in und um die Wit­ze her­um – viel­leicht kann man das auch als dozie­ren­de Sprach­spie­le lesen, die asso­zia­tiv ver­ket­tet und mäan­dernd über das Nichts, die Lee­re und ande­re Abwe­sen­hei­ten nach­den­ken („unschö­ne Über­le­gun­gen zur Pra­xis des Nicht­ens“ (9)) und als eine „Reform der See­len­gram­ma­tik“ (14) erhei­tern. „Die Din­ge ver­wan­deln sich, die Bezie­hun­gen blei­ben bestehen.“ (37) heißt es im kur­zen „Nach­trag“. Und so ver­wan­deln sich auch Text und Zeich­nung, Wort und Bild in die­ser Fibel:

Der Wind der Apo­ka­lyp­se weht durch das kaput­te Gedächt­nis. Und wie­der tref­fen wir auf ein Ver­hält­nis von tau­meln­der Äqui­va­lenz. (7)

Der gemeins­te Witz ver­steckt sich übri­gens auf der letz­ten Sei­te, im Impres­sum – und ich bin mir immer noch nicht sicher, ob das ein Witz sein soll oder nur ein bana­ler Feh­ler ist – nach der Lek­tü­re sol­cher Tex­te sucht (und fin­det) man eben über­all Sinn ;-):

Hinrichtung

Hin­rich­tung

Verlust

Nicht nur Die­ter Hil­de­brandt (an den ich mich nur als alten Mann erin­ne­re, sei­ne gro­ße Zeit lag eher vor mei­ner Wahr­neh­mungs­schwel­le …) ist gestor­ben, auch der gro­ße Dich­ter Hans-Jür­gen Hei­se hat die Erde ver­las­sen, wie Fix­poet­ry heu­te ver­mel­det. Sonst scheint die­sen Ver­lust noch nie­mand regis­triert zu haben …

Aus-Lese #18

Tobi­as Prem­per: Durch Bäu­me hin­durch. Göt­tin­gen: Steidl 2013. 93 Seiten.

Und schon wie­der kur­ze Pro­sa ohne Gat­tung: Sze­nen, Ein­fäl­le, … – Vignet­ten fasst das wohl am bes­ten zusam­men. Prem­per sam­melt hier Absur­des, Gro­tes­kes, Komi­sches, Phan­tas­ti­sches unge­heu­er ver­dich­tet. Nur sel­ten ist ein Text eine gan­ze Sei­te (oder mehr) lang. Das ist vor allem eines: irr­sin­nig amü­sant. Dabei ist das aber über­haupt nicht hirn­los, denn in der Kür­zest-Pro­sa über Bäu­me und Men­schen, über Nor­ma­li­tät und das Leben, über Träu­me und Erschei­nun­gen, wun­der­sa­me Beg­nun­gen, Abnor­ma­li­tä­ten als Grund­stim­mung, Nor­ma­li­tät als Aus­nah­me ste­cken alles gro­ßen Fra­gen – selbst wenn das als „Sze­ne aus dem wirk­li­chen Leben“ über­schrie­ben ist. Vor allem zeigt Prem­per aber immer wie­der die Absur­di­tät der Bana­li­tät des All­tags, des ganz nor­ma­len Lebens mit sei­nen unzäh­li­gen, immer glei­chen Hand­lun­gen, Momen­ten und Erfah­run­gen. Ein wirk­lich groß­ar­ti­ges Vergnügen!

„War­um mann Bücher machen muss“: Weil man sonst wie­der Frau­en ver­brennt und Scha­fe fickt. (38)

Moritz Rin­ke: Wir lie­ben und wis­sen nichts. Rein­bek: Rowohlt 2013. 124 Seiten.

Wir lie­ben und wis­sen nichts ist ein net­tes Kam­mer­spiel über moder­ne Paa­re, über Lie­be, Bezie­hung, Kom­mu­ni­ka­ti­on und den gan­zen Rest – eine Varia­ti­on eines bekann­ten The­mas also:

Kann man zusam­men­blei­ben, wenn man sich die Wahr­heit sagt? (121)

Ganz geschickt gemacht ist das, und gut ver­packt – da merkt man die Erfah­rung Rin­kes. Und natür­lich spie­len auch und vor allem die Zumu­tun­gen des (post-)modernen Kapi­ta­lis­mus eine wesent­li­che Rol­le: „[…] ich glau­be, die Lie­be ist irgend­wann mit dem Kapi­ta­lis­mus zusam­men­ge­sto­ßen und dabei kaputt­ge­gan­gen.“ (112)

Peter Salo­mon: Die Jah­re lie­gen auf der Lau­er. Neue Gedich­te. Eggin­gen: Edi­ti­on Ise­le 2012. 90 Seiten.

Lei­der fand ich den Band nicht ganz so span­nend, wie die Rezen­si­on erwar­ten ließ. Salo­mon schreibt hier vor allem so etwas wie erzäh­len­de Gedich­te: Vie­le „intak­te“ Sät­ze, die nur behut­sam umge­bro­chen und so in die lyri­sche Form gebracht wer­den. Es geht viel ums Erin­nern, vie­le Made­lei­nes, und viel alte BRD tau­chen hier auf, aber auch viel Glück – das aber nie dau­er­haft und sicher ist: „Ich ging nach Hau­se, ich glau­be /​Glück­lich – “ (66) schlie­ßen die „Momen­te des Glücks“, die genau so einen Moment des Endens der Ver­gan­gen­heit, des Nie­der­le­gens eines alten Gebäu­des auf­zei­gen. Genau die­ser das Ende offen las­sen­de, andeu­ten­de Gedan­ken­strich beschließt nicht weni­ge sei­ner Gedich­te („Es war, als gäbe es nie ein Ende – “ (71)) Vie­les ist hier ganz nett, aber berührt mich nicht sehr nach­drück­lich: Viel­leicht ist es des­halb für mich nicht so span­nend, weil Salo­mon der Kraft und Gestalt der „nor­ma­len“ Spra­che weit­ge­hend ver­traut – ich bevor­zu­ge momen­tan Lyri­ker, die Spra­che sozu­sa­gen gegen den Strich bürs­ten, wesens­fremd ver­wen­den – und dar­aus Bedeutung(en) erzeu­gen. Das pas­siert hier nicht.

Das Buch als Maga­zin #2: Woyzeck

Sehr schön und inspi­rie­rend: Gute gra­fi­sche Gestal­tung, vor allem span­nen­de und anre­gen­de Foto­gra­fien. Und natür­lich auch inter­es­san­te, fes­seln­de Tex­te. Zum Bei­spiel das wun­der­ba­re Inter­view mit einer psy­cha­tri­schen Oberärtztin …

Georg Büch­ner: Lenz. Her­aus­ge­ge­ben von Eva-Maria Vering and Wer­ner Wei­land. Darm­stadt: Wis­sen­schaft­li­che Buch­ge­sell­schaft 2001 (=Sämt­li­che Wer­ke und Schrif­ten. His­to­risch-kri­ti­sche Aus­ga­be mit Quel­len­do­ku­men­ta­ti­on und Kom­men­tar (Mar­bur­ger Aus­ga­be), Band 5).

Ein Klas­si­ker, natür­lich … Ein biss­chen Büch­ner-Lek­tü­re muss zu sei­nem 200. Geburts­tag auch unbe­dingt sein. Der Lenz fes­selt mich immer wie­der: Die Inten­si­tät und die gewal­ti­ge Spra­che der Erzäh­lung fin­de ich fas­zi­nie­rend. Auch wenn mir die­ses Mal sehr auf­ge­fal­len, wie „unfer­tig“ der Text eigent­lich ist …

Diet­mar Dath: Klei­ne Poli­zei im Schnee. Erzäh­lun­gen. Ber­lin: Ver­bre­cher 2012. 236 Seiten.

Klei­ne Poli­zei im Schnee ist ein typi­scher Dath. Natür­lich ist das (wie­der) eine Mischung aus Sci-Fi, Dys- & Uto­pie, Gegen­warts­be­schrei­bung & ‑kri­tik, phan­tas­ti­scher und rea­lis­ti­scher Lite­ra­tur (sein Mar­ken­zei­chen und eine sei­ner bes­ten Qua­li­tä­ten – der größ­te Sti­list ist er schließ­lich nicht …). Unty­pisch ist nur die klei­ne, kur­ze Form von sehr unter­schied­li­cher Län­ge, die sei­nen Kos­mos etwas zugäng­li­cher wir­ken las­sen als die gro­ßen Schin­ken. Dabei ist zugäng­lich aber rela­tiv. Denn wie­der prä­gen Ver­knüp­fun­gen kreuz und quer die­se Tex­te (die eigent­lich einen gro­ßen Text bil­den). Es gibt also viel zu ent­wir­ren: Dath prak­ti­ziert ein sehr fas­zi­nie­ren­des Erzäh­len aus ver­schie­de­nen Rich­tun­gen. Man kann (und darf) das dann wie ein Puz­zle zusam­men­set­zen. Die ein­zel­nen Tei­le sind aber auch schon sehr schön, so dass es nicht so schlimm ist, wenn das Puz­zle nicht ganz fer­tig wird ;-). (Daths Werk gibt mal viel Arbeit für flei­ßi­ge Ger­ma­nis­ten, mit all sei­nen intra- und inter­tex­tu­el­len Allu­sio­nen und Bezü­gen, v.a. inner­halb sei­nes eige­nen Werkes …)

Kon­se­quenz ist näm­lich noch schö­ner als Erfolg. (167)

Aus-Lese #17

Buch als Maga­zin #1: Die Verwandlung.

Eine schö­ne Idee: Rund um einen klas­si­schen Text – bei der ers­ten Num­mer ist es Franz Kaf­kas „Die Ver­wand­lung“ – sam­meln die Maga­zin­ma­cher Tex­te, Inter­views, Gra­fi­ken und Fotos. Die hän­gen an ein­zel­nen Aspek­ten der „Ver­wand­lung“, an Asso­zia­tio­nen oder Inter­pre­ta­ti­ons­an­sät­zen. Schö­ne Lek­tü­ren, auch ein schön gemach­tes Magazin.

Elke Erb: Mensch sein, nicht. Gedich­te und ande­re Tage­buch­no­ti­zen. 2. Auf­la­ge. Basel, Weil am Rhein, Wien: Urs Enge­ler Edi­tor 1999. 136 Seiten.

Das Gedicht erscheint
Sobald es erschie­nen ist,
ist es ver­schwun­den. (90)

Schon der Unter­ti­tel ver­weist auf die typi­sche Erb-Form: Gedich­te als Tage­buch. Mensch sein, nicht ver­sam­melt unheim­lich viel davon – so viel, dass es mir man­ches Mal zu viel war, die­ser unge­heu­re Mate­ri­al­berg oder ‑wust. Ein­fäl­le und Gedan­ken in den ver­schie­dens­ten For­men – als knap­pes „Gedicht“, als klei­ner Essay, als Erin­ne­rungs­pro­to­koll, als … rei­hen sich hier anein­an­der und anein­an­der. Hin und wie­der fiel es mir schwer, in den Text­fluss hin­ein­zu­kom­men: Man­ches fängt mein Auge, trifft eine Stim­mung in mir – vie­les bleibt mir zunächst – d.h. beim ers­ten Lesen – fremd, lässt mich rat­los oder (fast noch unan­ge­neh­mer …) unbe­tei­ligt, so dass der Ein­druck erst ein­mal zwie­späl­tig bleibt. Aber viel­leicht ist das ja auch das Ziel:

Das Gefühl des Gewinns
bei der Über­le­gung, Gedich­te sei­en Erkenntnisträger:

näm­lich hast-du-nicht-gese­hen schwimmt schulterhoch
und umge­bend teich­gleich ein all­ge­mei­nes Interesse
so, als habe es im Sinn, zu erkun­den, was ist,
und exis­tie­re gewiß (19)

Det­lef Kuhl­brodt: Umsonst und drau­ßen. Ber­lin: Suhr­kamp 2013. 198 Seiten.

Ich bin eine in einem Tage­buch auf­be­wahr­te Erin­ne­rung. (117)

Umsonst und drau­ßen ist ein schö­nes Buch. Auch wenn nicht ganz klar ist, was das eigent­lich ist. Nicht ohne Grund steht da nichts ande­res auf der Titel­sei­te, nicht „Roman“, nicht „Noti­zen“, nicht „Tage­buch“ – obwohl all das sei­ne Berech­ti­gung hät­te. Kuhl­brodt lebt und wan­delt in Ber­lin. Oder bes­ser gesagt: Der Erzäh­ler tut dies. Denn das Ich ist nicht das Ich selbst, es blitzt immer wie­der der Spalt der Dif­fe­renz zwi­schen Erzäh­ler-Ich und Autor-Ich, zwi­schen „Ich“ und Det­lef Kuhl­brodt, auf. Distan­ziert, aber betei­ligt sind die­se Ber­lin-Noti­zen, das Ber­lin-Tage­buch mit gro­ßen Lücken, aber in Tages­form: Beob­ach­tun­gen und Emp­fin­dun­gen mischen sich, sind aber immer knapp und lako­nisch, ja unsen­ti­men­tal geschil­dert. Melan­cho­lie ist die Grund­stim­mung: Ver­lust und Trau­er prä­gen die Zeit und das Erle­ben, aber eine ARt posi­ti­ve Trau­er: Das Erken­nen der Rea­li­tät als gege­be­ne, als fast unaus­weich­li­che hängt damit zusam­men. Und das Nicht-voll­kom­men-ein­ver­stan­den-Sein damit, aber ohne Druck/​Wille zur Revol­te: Abseits statt mit­ten­drin oder (aktiv) dage­gen bewegt sich der Erzäh­ler im Leben. Ste­phan Wack­witz hat das in der taz recht gut auf den Punkt gebracht, näm­lich als „ent­spann­tes Geltenlassen“.

Um authen­tisch schrei­ben zu kön­nen, war es oft not­wen­dig, Din­ge zu tun, von denen ich nicht genau wuss­te, ob ich sie tat oder ob ich eine Rol­le übte. (148)

Aus-Lese #15

Wolf­gang Fröm­berg: Etwas Bes­se­res als die Frei­heit. Luh­mar: Hab­li­zel 2013. 202 Seiten.

Der Rezen­sent der taz war von Fröm­bergs zwei­tem Roman ziem­lich begeis­tert, ich nicht so sehr. Es fiel mir schwer, da über­haupt rein­zu­kom­men, in den Text über den Text über den Text: Die (Erzähl-)Ebenen ver­schwim­men hier per­ma­nent (im Roman gibt es z.B. einen Roman, der heißt wie der Roman). Das wäre ja noch kein Pro­blem (eher ein Plus­punkt), aber Fröm­bergs sprö­der Stil, sei­ne tro­cke­ne Spra­che mach­ten es mir schwer, den ver­schie­de­nen Hand­lungs­strän­gen und Figu­ren­kon­stel­la­tio­nen, die lose immer mal wie­der mit ein­an­der ver­knüpft wer­den, ohne dass das beson­ders deut­lich wird, zu fol­gen – dazu kom­men noch ver­schie­de­ne Zeit-Hand­lungs-Ebe­nen und Träu­me und Erin­ne­run­gen. Viel­leicht lag’s auch an mei­ner Lese­si­tua­ti­on – aber ich sehe nicht recht, was Fröm­berg hier eigent­lich will. Es geht irgend­wie um die Alt-68er und deren Kin­der. Der Sohn zwei­er 68er und Kom­mu­nar­den, Leo, ist so etwas wie die Zen­tral­fi­gur. Er beschäf­tigt sich ableh­nend mit der Geschich­te sei­ne Eltern, das als „Künst­ler“ ver­ar­bei­tend, sei­ne Frau/​Ex, die als „Detek­ti­vin“ zu den 68ern unter­wegs ist/​war, die aber auch schon tot sind, spielt auch eine Rol­le. Und dazu kommt noch die gesam­te neu­es­te Geschich­te Deutsch­lands und der Welt, vom Anfang des 20. Jahr­hun­derts bis in die Gegen­wart, die unbe­dingt ind en Text hin­ein gepackt wer­den muss­te. Das führt zu ent­spre­chend lan­gen Erklä­run­gen und Abschwei­fun­gen, tro­cken und zäh macht es den Text. Und wie­der mal schrei­ben alle Figu­ren: Wer­ner und sein Sohn Leo, Ursu­la und auch der extri­mis­ti­sche Akti­vist Andre­as, selbst die „Geo­lo­gin“ Vic­to­ria – da kann man schön immer dar­aus zitie­ren, ohne sich die Zita­te zu eigen machen zu müs­sen. Des­halb ist Etwas Bes­se­res als die Frei­heit auch vol­ler gewich­ti­ger Sät­ze, die als phi­lo­so­phi­sche Erkenntnisse/​Sätze/​Wahrheiten daher­kom­men, meist aber Pla­ti­tü­den sind. Und natür­lich endet das wie­der im Schrei­ben: „Vic­to­ria schloss die Augen, setz­te den Stift aufs Papier, öff­ne­te die Tür und stürz­te sich in eine neue Welt.“ (196)

Außer­dem ist das Buch ganz schlecht gesetzt: ungüns­ti­ger Sei­ten­spie­gel, schlech­ter Block­satz (teil­wei­se rich­ti­ge Löcher in den Zei­len) – das sind hand­werk­li­che Feh­ler, die beim Lesen ermü­den, vor allem weil der Text selbst nur sehr grob geglie­dert ist. 

Ange­li­ka Mei­er: Stür­zen, drü­ber schla­fen. Klei­ne Geschich­ten und Stü­cke. Zürich: Dia­pha­nes 2013. 194 Seiten.

Sku­ri­les und Absur­des mischt sich in Mei­ers klei­nen Geschich­ten mit Gro­tes­kem und auch Lus­ti­gem: Das sind Minia­tu­ren, die unse­re ach-so-bekann­te Welt ein­fach auf den Kopf stel­len und mög­li­che Wel­ten erzäh­len. Da sich oft nur eine klei­ne Bedin­gung oder Bege­ben­heit ändert, kann man wun­der­bar sehen, was dann pas­siert – und hat erzähl­te Wel­ten, die der „Rea­li­tät“ unwahr­schein­lich glei­chen und doch ganz anders sind.

Wun­der­bar ist auch die Erzähl­tech­nik Mei­ers, die ich schon in Heim­lich, heim­lich mich ver­giss bewun­der­te. Zum Bei­spiel die Raf­fi­nes­se der Infor­ma­ti­ons­ver­ga­be, die (meis­tens) sehr zurück­hal­tend, unauf­dring­lich, fast unmerk­lich geschieht. So kann Mei­er etwa lan­ge offen las­sen kann, ob die Erzäh­ler­stim­me weib­lich oder männ­lich ist (wenn es eben kei­ne Rol­le spielt). Eine sou­ve­rä­ne Erzähl­tech­nik, die hier oft im Dienst des Wun­derns und Ver­wun­derns steht, des Auf­merk­samm­a­chen auf die Gestalt der Welt, die wir immer wie­der als gege­ben und „nor­mal“ hin­neh­men, die ja aber oft auch ganz kon­tin­gent ist und durch­aus auch (ganz) anders sein könn­te – zum Bei­spiel so, wie Mei­er es uns hier mal vor­führt und wor­über wir dann stau­nen dür­fen oder rat­los und per­plex sein dür­fen. „Ihre Minia­tu­ren sind ver­gnüg­lich zu lesen­de Etü­den in Sar­kas­mus, alle­samt dazu geeig­net, die Zumu­tun­gen der Wirk­lich­keit auf Distanz zu hal­ten“ hat Jörg Mage­nau das in sei­ner Kri­tik genannt – und das stimmt. Auch wenn manch­mal – etwa und vor allem in den bei­den Thea­ter­stü­cken am Ende des Ban­des das Moment der Fin­ger­übung etwas arg deut­lich wird – die bei­den Tex­te hin­ter­las­sen mich etwas rat­los, vor allem Was­ser! Ele­ment! Pen­the­si­lea liest Kleist scheint mir in ers­ter Linie eine sol­che (sti­lis­ti­sche) Fin­ger­übung – aber viel­leicht über­se­he ich ein­fach den ent­schei­den­den Punkt …

Bert­hold Seli­ger: Das Geschäft mit der Musik. Ein Insi­der­be­richt. Ber­lin: Edi­ti­on Tiamat 2013. 352 Seiten.

Der Kon­zer­ver­an­stal­ter Seli­ger schreibt, war­um das Musik­ge­schäft (womit er in ers­ter Linie das des Pop & Rock meint) so ist, wie es ist: Ver­kom­men, kor­rupt, unbe­frie­di­gend. Eine „Streit­schrift für eine ande­re Kul­tur“ (so nennt der Klap­pen­text das) ist die­ser Bericht. Und er ist zunächst mal ernüch­ternd und des­il­lu­sio­nie­rend: Seli­ger hat vie­les zusam­men­ge­tra­gen zum Zustand der Kul­tur­in­dus­trie, des „Geschäfts mit der Musik“ – vie­les, das dem auf­merk­sa­men Zeit­ge­nos­sen durch­aus schon bekannt sein dürf­te (GEMA, Ein­kom­men, Kon­zen­tra­ti­ons­pro­zes­se im Label- & Ver­lags­we­sen, Musi­ker­ga­gen, Spon­so­ring & Wer­bung), hier aber noch mal geballt und zusam­men­ge­führt, detail­liert an vie­len Bei­spie­len auf­ge­zeigt. Beson­ders beschäf­ti­gen ihn die viel­fäl­ti­gen Kon­zen­tra­ti­ons­pro­zes­se im Geschäft rund um die Musik und die Fra­ge: „Doch was bedeu­tet das [die oli­ga­ri­sche Kon­zen­tra­ti­on] für die Kul­tur, was bedeu­tet das für unse­re Gesell­schaft? Was bringt unse­re Gesell­schaft vor­an? Ist es die Quo­te, die zäh­len soll, oder ist es die Qua­li­tät von Kul­tur?“ (14). Das ist nicht nur ein Vor­wurf an den ver­sa­gen­den Markt – auch wenn des­sen Neu­au­rich­tung (share­hol­der-value statt stake­hol­der-value) seit den 1980er wesent­li­cher Antrieb für den „Ver­fall“ ist, son­dern auch eine Ankla­ge an die die­se Pro­zes­se unter­stüt­zen­de will­fäh­ri­ge Poli­tik, die dem Aus­ver­kauf der Kul­tur nicht nur nichts ent­ge­gen­setzt, son­dern ihn auch vor­an­treibt und finan­zi­ell unter­stützt. Seli­ger prag­nert das als Ver­lust der Viel­falt an – und zwar eben nicht nur musi­ka­lisch, musik-intrin­sisch sozu­sa­gen, son­dern auch auf gesell­schaft­li­cher Ebene.

Statt­des­sen wünscht Seli­ger sich eine Kul­tur der Dis­si­denz – markt­kon­form ist aber immer nur der Gehor­sam, wes­halb die rei­ne Markt­ori­en­tie­rung der Kul­tur (als gan­zes) scha­den muss, weil das Moment des Gegen­läu­fi­gen weg­fal­len muss (dazu gezwun­gen wird …): „Heu­te dage­gen beherrscht der Quo­ten­ter­ror unser kul­tu­rel­les Leben, ob beim öffent­lich-recht­li­chen Rund­funk und Fern­se­hen, bei der staat­li­chen Film­för­de­rung oder bei unse­ren musi­ka­li­schen Frei­zeit­ver­gnü­gen. Wir leis­ten uns ein hoch­sub­ven­tio­nier­tes Kul­tur­sys­tem, unter­wer­fen es aller­dings frei­wil­lig dem Dik­tat der Quo­te. Es zählt nur, was ver­kauft.“ (20), oder: „Dis­si­denz ist in den moder­nen Geschäfts­mo­del­len der Kul­tur­in­dus­trie nicht als Mög­lich­keit vor­ge­se­hen.“ (21). Das ist kei­ne neue oder über­ra­schen­de Erkennt­nis – nicht ohne Grund ist Ador­no (mit sei­nen Arbei­ten über die Kul­tur­in­dus­trie) sein Kron­zeu­ge -, aber weil Seli­ger viel aus sei­nen lang­jäh­ri­gen Erfah­run­gen mit den ver­schie­dens­ten Musi­kern, Ver­an­stal­tern etc. erzählt, – manch­mal hat das auch ein biss­chen etwas von „Opa erzählt von frü­her“ … – ist das eine durch­aus span­nen­de und anre­gen­de Lek­tü­re. Er klagt dabei auch so ziem­lich alle Betei­lig­ten an, von der Musi­ke­rin bis zum Hörer/​Konsumenten, vom Label über Kon­zern­ver­an­stal­ter, Wer­ben­de bis zu Jour­na­lis­tin­nen oder Medi­en­ar­bei­ter. Und natür­lich auch die Poli­tik (Urhe­ber­recht! För­der­gel­der!). Er sieht das Pro­blem aber immer als eines des Sys­tems, nicht des Indi­vi­du­ums – ohne die­sem aller­dings Hand­lungs­mög­lich­keit und Ver­ant­wor­tung abzu­neh­men oder abzu­spre­chen (dafür führt er ja auch Gegen­bei­spie­le an, die sich dem Zwang zur abso­lu­ten Unter­wer­fung unter den Markt und sei­ne (schein­ba­ren) Geset­ze ver­wei­gern). Letz­lich hängt auch für ihn alles an der „Hal­tung“ des Indi­vi­du­ums: „In einer Zeit, in der das Men­schen­recht auf kul­tu­rel­le Teil­ha­be welt­weit durch mul­ti­na­tio­na­le Kon­zer­ne mas­siv gefähr­dert ist, kommt es mehr denn je dar­auf an, Hal­tung zu zei­gen.“ (348) – das ist so etwas wie der Kern, Aus­gangs- und End­punkt des Buches.

Chris­ti­an Hwa­key: Sonet­te mit eli­sa­be­tha­ni­schem Maul­wurf. Über­tra­gen von Ulja­na Wolf. Ber­lin: hoch­roth 2010. 38 Seiten.

Eigent­lich ganz span­nen­de und viel­fäl­ti­ge Gedich­te, die Sonet­te von Haw­key. Die Über­tra­gung von Wolf ist eigent­lich eine Über­set­zung, die fast eine inter­li­nea­re ist – extrem nah an dem Ori­gi­nal. Das ist mal derb und ver­spielt, mal hoch­ge­mut und ordi­när zugleich – ein selt­sa­mes sic-et-non, ein Pen­deln zwi­schen den Wel­ten und Spra­chen macht die Sonet­te Haw­keys aus – und im Umschlag des Pen­dels pas­siert die Kunst, dort, wo die Spra­che glit­zert und glänzt und funkelt …

& they slept, sound­ly. sleep was a sound & /​they floa­ted into it – sie leg­ten sich aufs ohr & schlaf war ein laut. /​sie schweb­ten hin­ein (36÷37)

Aus-Lese #12

Johan­nes Bobrow­ski: Nach­bar­schaft. Gedich­te. Aus­ge­wählt und mit einem Nach­wort von Klaus Wagen­bach. Ber­lin: Klaus Wagen­bach 2010 (Klaus Wagen­bachs Oktav­hef­te). 77 Seiten.

Eine Aus­wahl­aus­ga­be der Gedich­te Bobrow­skis, die im Wagen­bach-Ver­lag zum Ver­lags­ju­bi­lä­um erschien und mich, da ich noch nichts von Bobrow­ski (außer sei­nem Namen) kann­te, ange­lacht hat. Nach dem Lesen war das nicht mehr so sehr der Fall: Einen rech­ten Zugang habe ich nicht gefun­den, die Lyrik Bobrow­skis reso­niert nicht so recht bei mir. Es ist eine ganz bestim­te Art von Dich­tung der und über Land­schaf­ten, was hier immer gan­ze Land­schaf­ten meint, mit ihren Leu­ten, Tie­ren und der Gegend – aber eben nicht nur die der Natur etc. Er beschreibt das weni­ger, son­dern besingt die – auch schon zum Ent­ste­hungs­zeit­punkt – unter­ge­gan­ge­ne, ver­lo­ren gegan­ge­ne Land­schaf­ten sehr poe­tisch und auch gewollt poe­tisch. Das klingt mir dann oft sehr empha­tisch auf­ge­la­den, in einer bewusst und gewollt artis­tisch über­höh­ten Spra­che, die ihre (Landschafts-)Bilder immer gera­de­zu zwang­haft meta­pho­risch und mythisch ergänzt bzw. über­höht – das pas­siert natür­lich fast immer bei (guter) Land­schafts­dich­tung, fiel mir hier aber als beson­ders gesuch­te Form sehr auf.

Ildi­kó Noé­mi Nagy: Oh Bume­rang. Sto­ries. Salz­burg: Jung und Jung 2013. 127 Seiten.

Das Som­mer­buch von Tubuk-Delu­xe. Und ein ech­tes Spät­som­mer­buch, das schon ein biss­chen auf den Herbst ein­stimmt. Nagys „Sto­ries“ sind wirk­li­che kur­ze Geschich­ten, die man kaum Erzäh­lung nen­nen mag: Moment­auf­nah­men, fast lyrisch ver­dich­tet, manch­mal nur knap­pe zwei Sei­ten lang – aber immer sehr genau und prä­zi­se. Immer geht es hier um eine Art Lee­re, vor allem die emo­tio­na­le. Auch eine gewis­se Orts­lo­sig­keit spielt da häu­fig mit hin­ein, die irgend­wie mit der unga­risch-stäm­mi­gen Ame­ri­ka­ne­rin als Ich-Erzäh­le­rin (die Ähn­lich­kei­ten mit der Autorin hat) zusam­men­hängt: Die „Unbe­haust­heit“ ist hier nicht nur (aber auch) meta­phy­sisch, sie mani­fes­tiert sich hier immer wie­der. Und dann ist da noch eine Art offe­ne Trau­rig­keit, die die Stim­mung der meis­ten Sto­ries prägt. Auch in den Per­so­nen­kon­stel­la­tio­nen, dem Umgang der Per­so­nen mit­ein­an­der, der fast immer beim Neben­ein­an­der ver­bleibt, zeigt sich das immer wie­der. So gibt es nur ganz weni­ge Gesprä­che, in denen Kom­mu­ni­ka­ti­on wirk­lich gelingt. Die gro­ße Fremd­heit geht aber noch wei­ter, sie umschließt auch das eige­ne Lebens und das eige­ne Selbst. Über­haupt ist (oder scheint?) immer alles schon länst ver­gan­gen und ver­lo­ren – Zukunft gibt es nur ganz sel­ten, Gegen­wart auch nicht so häu­fig. Das ist dann nur in klei­nen Dosen genieß­bar, sonst ver­liert man sich dar­in wie in einer boden­lo­sen Tie­fe. Aber das ist auch kein Pro­blem, die „Sto­ries“ sind ja alle kurz und knapp.

Pas­cal Mer­cier: Nacht­zug nach Lis­sa­bon. 8. Auf­la­ge. Mün­chen: btb 2008. 697 Seiten.

Ein schö­nes Buch hat Pas­cal Mer­cier da geschrie­ben, über die Mög­lich­keit des rech­ten, rich­ti­gen und wah­ren Lebens. Und über die Tie­fe der See­le. Und über die Mög­lich­keit, einen ande­ren Men­schen ken­nen: Das Pro­blem fängt ja schon beim Indi­vi­du­um selbst an: Kann man sich selbst ken­nen? Und kann man dann ande­re Men­schen (er-)kennen? Und kann man Men­schen nach ihrem Tod noch ken­nen ler­nen? In den Erin­ne­run­gen derer, die die­sen Men­schen über­leb­ten? In sei­nen Taten? In sei­nen poe­ti­schen Erkun­dun­gen, sei­nen Nota­ten und sei­nen Niederschriften? 

Das Leben ist nicht das, was wir leben; es ist das, was wir uns vor­stel­len zu leben.

Der Plot dafür ist manch­mal etwas arg kon­stru­iert für mei­nen Geschmack, und manch­mal wird es auch etwas lang­at­mig. Aber schön – nicht nur inhalt­lich, auch gera­de im sprach­li­chen Sin­ne – ist der Nacht­zug nach Lis­sa­bon trotzdem.

Kitsch ist das tückischs­te aller Gefäng­nis­se. Die Git­ter­stä­be sind mit dem Gold ver­ein­fach­ter, unwirk­li­cher Gefüh­le ver­klei­det, so daß man sie für die Säu­len eines Palas­tes hält.

Aus-Lese #11

Niklas Luh­mann: Ver­trau­en. Ein Mecha­nis­mus der Reduk­ti­on sozia­ler Kom­ple­xi­tät. 4. Auf­la­ge. Stutt­gart: Luci­us & Luci­us 2000. 140 Seiten.

Ver­trau­en – von Luh­mann als (not­wen­di­ger) Vor­gang in kom­ple­xen Sys­te­men auf­ge­fasst, der dazu dient, Kom­ple­xi­tät (der Welt und der Umwelt) zu redu­zie­ren und dabei vom Außen ins Inne­re zu ver­la­gern. Das ist, auch als frü­her Reprä­sen­tant der Luh­mann­schen Sys­tem­theo­rie, natür­lich schon lan­ge ein Klas­si­ker, und dop­pelt inter­es­sant: Inhalt­lich ein­fach, weil Luh­mann zei­gen kann, wel­che Funk­tio­nen Ver­trau­en haben kann (und war­um die ethi­sche Betrach­ung des Ver­trau­ens nicht aus­rei­chen kann bzw. das Phä­no­men über­haupt nicht rich­tig erfas­sen zu ver­mag). Und eine span­nen­de Lek­tü­re auch des­halb, weil es noch voll­kom­men in den 60er-Jah­ren gefan­gen ist, mit ihrer Tech­nik­gläu­big­keit (mit­samt ihrer Idee der tech­nisch-auto­ma­ti­schen Plan‑, Regu­lier- und Steu­er­bar­keit der Welt mit ihren Vor­gän­gen) – heu­te wür­de vie­les anders gedacht und geschrie­ben wer­den, auch von Luh­mann selbst sicher­lich. Scha­de nur, dass der Satz grau­sam ist: Obwohl das der zwei­te Neu­druck der vier­ten Auf­la­ge ist, wim­melt es von typo­gra­phi­schen Feh­lern. Die rüh­ren, so scheint es mir, daher, dass der Text mal mit OCR erfasst wur­de und dabei vie­le klei­ne­re und grö­ße­re Feh­ler über­se­hen wur­den. Das trifft den Inhalt zwar über­haupt nicht, macht das Lesen manch­mal aber über­mä­ßig anstrengend.

Chris­toph Meckel: Blut im Schuh. Lüne­burg: zu Klam­pen 2001 (Lyrik Edi­ti­on 13/​Edition Post­skrip­tum). 48 Seiten.

Einer der älte­ren Gedicht­bän­de Meckels – aber (immer noch) unge­heur emp­feh­lens­wert. Auch wenn die Grund­stim­mung vie­ler Tex­te eher düs­ter und/​oder nega­tiv ist. Aber die Kon­zen­tra­ti­on, mit der Meckel beob­ach­tet und beschreibt, die Knapp­heit der Spra­che und der sprach­li­chen Bil­der – das ist über­wäl­ti­gend und vortrefflich. 

Begriffe

Ganz ohne Anlass, nur aus Freu­de über die neu­es­te E‑Mail-Lie­fe­rung vor eini­gen Tagen, sei hier noch ein­mal das „Begriffs­stu­dio“ von Moni­ka Rinck emp­foh­len. Das ist eine span­nen­de Sache: Die Lyri­ke­rin sam­melt hier auf einer Web­sei­te (und per regel­mä­ßi­ger E‑Mail-Lie­fe­rung eben) Begrif­fe im wei­tes­ten Sinn: Wör­ter, For­mu­lie­run­gen, Phra­sen, Halb­sät­ze, Ideen und vie­les mehr. Die aku­tel­le Aus­ga­be (#3385–3436) ent­hält Trou­vail­len wie: 

fear­Pho­ne
dor­mi­t­ori­en schnar­chen­der home­re
grup­pen­bi­ki­ni
jung­ge­zie­fer
ein­ver­see­lung des mangels

Das ist eine der anre­gends­ten Lis­ten, die ich bis­her gese­hen habe – für alle Freun­de der krea­ti­ven Sprach­ver­wen­dung sei sie des­halb drin­gend empfohlen.

Aus-Lese #10

ZEIT-Geschich­te, 2/​2013: Anders leben. Jugend­be­we­gung und Lebens­re­form in Deutsch­land um 1900. 114 Seiten.

Das Heft bie­tet vor allem eines: Vie­le schö­ne Bil­der luf­ti­ger oder gar nicht beklei­de­ter Men­schen … Die Tex­te haben mich näm­lich die­ses Mal etwas ent­täuscht: Joa­chim Rad­kau haut im ein­lei­ten­den Über­blicks­ar­ti­kel erst mal kräf­tig auf alle ande­ren His­to­ri­ker aller Pro­ve­ni­en­zen ein, die die (Lebens-)Reformbewegungen der Jahr­hun­dert­wen­de sowie­so alle falsch ver­stan­den haben (im Gegen­satz zu ihm selbst). Inter­es­sant ist dann noch der Text über den „Mon­te Veri­tà“, Andre­as Molitors Text über die Darm­städ­ter Mat­hil­den­hö­he hin­ge­gen bleibt flach – wie vie­le ande­re Bei­trä­ge auch. Ins­ge­samt sicher eines der schlech­te­ren Hef­te – mit der Geschich­te einer Idee kommt die Redak­ti­on mit ihren gewohn­ten Mit­teln offen­bar nicht zuran­de: Das ist nur eine lan­ge Rei­hung von Ein­zel­phä­no­me­nen, die kaum ein gro­ßes oder nur ein grö­ße­res Bild ergeben.

Jörn Rüsen: Kann ges­tern bes­ser wer­den? Zum Beden­ken der Geschich­te. Ber­lin: Kad­mos 2003 (Kul­tur­wis­sen­schaft­li­che Inter­ven­tio­nen, Bd. 2). 160 Seiten.

Vier Essays über Geschich­te an sich, als Pro­blem und Lösung, über die Ver­ant­wor­tung von His­to­ri­kern gegen­über der Ver­gan­gen­heit, der Gegen­wart und der Zukunft – all die­se Grund­satz­fra­gen beim Nach­den­ken über und Arbeit mit und an der Geschich­te eben. Das ist alles sehr reflek­tiert, aber auch sehr tro­cken und strikt theo­re­tisch: typisch Rüsen eben … Typisch für ihn ist auch, immer von einer (exis­ten­zia­lis­ti­schen) „Anthro­po­lo­gie des His­to­ri­schen“ aus­zu­ge­hen und dar­aus sei­ne Über­le­gun­gen zu Wert und Gestalt der Geschich­te zu entwickeln.

Ger­hard Falk­ner: Per­ga­mon Poems. Gedichte+Clips (dt-en). Über­ta­gen von Mark Ander­son. Ber­lin: kook­books 20012. 64 Sei­ten + DVD.

Zu dem Per­ga­mon Poems auf Papier und Sil­ber-/Matt­schei­be habe ich die­se Woche schon ein biss­chen etwas geschrie­ben: klick.

Edgar Allan Poe: Die Geschich­te der Arthur Gor­don Pym aus Nan­tu­cket. Über­setzt von Hans Schmid, her­aus­ge­ge­ben von Hans Schmid und Micha­el Farin. Ham­burg: mare­buch­ver­lag 2008. 525 Seiten.

Ein schön gemach­tes Buch, mit aus­führ­li­chem Begleit­ma­te­ri­al, einer neu­en, gut les­ba­ren Über­set­zung mit reich­li­cher Kom­men­tie­rung (auch wenn mich die Fuß­no­ten fast ein biss­chen zu sehr ablen­ken beim Lesen des Haupt­tex­tes). Vor allem aber ein wirk­lich groß­ar­ti­ger Roman, ein Hoch­fest des unzu­ver­läs­si­gen Erzäh­lens – denn das ein­zi­ge, das sicher ist, ist, dass nichts sicher ist, was hier erzählt wird … – da hilft auch die Beteue­rung des Erzäh­lers nicht viel:

Ich berich­te die­se Umstän­de ganz detail­ge­treu, und ich berich­te sie, wohl­ver­stan­den, exakt so, wie sie uns erschie­nen. (199)

Davon darf man sich den Spaß aber nicht ver­der­ben las­sen. Im Gegen­teil, der schlitz­oh­ri­ge Erzäh­ler ist ein nicht uner­heb­li­cher Grund, war­um die­se Aben­teu­er­ge­schich­te einer See­rei­se mit blin­dem Pas­sa­gier, Meu­te­rei, Schiffs­bruch, Süd­see-Han­del, Süd­pol-Expe­di­ti­on und Kämp­fen mit Ein­ge­bo­re­nen … so unter­halt­sam daher­kommt und so ein raf­fi­nier­ter Text ist.

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