Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Schlagwort: klavierkonzert Seite 1 von 2

Tanzende Klänge

Diri­gen­ten erkennt man an zwei Din­gen: Ihrem Umgang mit dem Klang und ihren Bewe­gungs­mus­tern. Und meis­tens hängt das eng zusam­men. Aber sel­ten wird das so wun­der­bar hör- und sicht­bar wie bei Jona­than Nott. Der kam mit dem SWR-Sin­fo­nie­or­ches­ter Baden-Baden und Frei­burg als Gast zum let­zen Main­zer Meis­ter­kon­zert der Sai­son in die Rhein­gold­hal­le. Und was der Bri­te da vor­führ­te, war gran­di­os: Der Diri­gent tanzt die Musik, er malt und zeich­net mit den Hän­den und Armen, zele­briert und emp­fin­det mit dem gan­zen Kör­per. Beet­ho­vens vier­te Sin­fo­nie diri­giert Nott in einer der­ar­ti­gen Deut­lich­keit, dass man fast die Par­ti­tur danach rekon­stru­ie­ren könn­te. Kein Wun­der, dass das Orches­ter ent­spre­chend plas­tisch und beseelt spielt: Sel­ten hat die Vier­te eine der­ar­ti­ge Prä­senz erfah­ren, sel­ten ist sie aber auch als solch revo­lu­tio­nä­re Musik zu hören. Denn Nott begreift Beet­ho­ven über­haupt nicht als Klas­si­ker, son­dern immer als Neue­rer und Erfin­der. Das Pathe­ti­sche inter­es­siert ihn dabei wenig, die fein­geis­ti­gen Klan­ge­de­tails und for­ma­len Beson­der­hei­ten aber dafür umso mehr. Er dehnt etwa die Ein­lei­tung des ers­ten Sat­zes bis ins unheim­li­che – und die­se Ahnung des Unge­wis­sen ver­liert sei­ne Inter­pre­ta­ti­on dann auch in den kna­ckigs­ten Momen­ten nicht mehr.

Auch das drit­te Kla­vier­kon­zert zeich­ne­te die­sen Weg vor. Gemein­sam mit dem Pia­nis­ten Till Fell­ner zeigt das Orches­ter unter Nott mit fas­zi­nie­ren­der Deut­lich­keit im Detail, wie modern Beet­ho­ven gele­sen wer­den kann. Sicher, die Wie­ner Tra­di­ti­on klingt immer noch mit, ein zart-schmel­zen­des Wie­ne­risch umweht den sam­ti­gen Klang. Aber wie Fell­ner dann den Anfang des zwei­ten Sat­zes als ver­wun­sche­ne Mär­chen­stim­mung spielt, zeigt wie­der, dass dies nur noch eine fer­ne Erin­ne­rung ist. Inter­es­san­ter ist für Nott und Fell­ner offen­sicht­lich die Ahnung der Moder­ne, die sie in der Par­ti­tur schon ent­de­cken, die revo­lu­tio­nä­re Sei­te des Klas­si­kers Beet­ho­ven. Das SWR-Sin­fo­nie­or­ches­ter lässt sich dabei durch­aus auch als Beet­ho­ven-Orches­ter hören – zumin­dest für einen Beet­ho­ven, der so modern ist. Das liegt auch am Kon­text, den Nott schafft: Den ver­meint­li­chen Klas­si­ker Beet­ho­ven ergänzt er mit zwei Klas­si­kern der Moder­ne, mit Alban Bergs „Lyri­scher Suite“ von 1928 und den 1971 kom­po­nier­ten „Melo­dien für Orches­ter“ von Györ­gy Lige­ti. Pro­blem­los wan­dert das Orches­ter zwi­schen den Epo­chen und Sti­len hin und her: Genau­so fas­zi­nie­rend wie Beet­ho­vens Vier­te gelin­gen auch die Lyri­sche Suite von Alban Berg und vor allem die „Melo­dien“ von Lige­ti. Das Orches­ter spielt die wun­der­bar gelas­sen, in einer prä­zi­sen Klar­heit und Kon­tu­riert­heit, die man sich öfters wünscht: Wie ein rei­ner Gebirgs­bach spru­deln und wir­beln die Klän­ge, deren Unter­grund und Struk­tur dabei immer kris­tall­klar und trans­pa­rent her­vor­strahlt – die Klän­ge tan­zen, genau wie ihr Dirigent.

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zeitung.)

Taglied 2.9.2012

Brahms, 2. Kla­vier­kon­zert, mit Clau­dio Arrau und dem Phil­har­mo­nia Orches­tra Lon­don unter Car­lo Maria Gui­li­ni, 1964:


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Johan­nes Brahms – 2. Kla­vier­kon­zert B Dur op.83 – III. Andan­te [1/​2] – Clau­dio Arrau

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Taglied 20.8.2012


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Nationalmusikerexperimente: Beethoven, Sibelius & Nielsen

Beet­ho­ven wur­de erst nach sei­nem Tod zum urdeut­schen Kom­po­nis­ten. Carl Niel­sen und Jean Sibe­l­i­us waren schon zu Leb­zei­ten natio­na­le Iko­nen. Beson­ders bei Sibe­l­i­us wird das ganz deut­lich: Die fin­ni­sche Regie­rung gab zu sei­nem 50. Geburts­tag die Kom­po­si­ti­on einer Sym­pho­nie – es wird sei­ne fünf­te – in Auf­trag. Im 9. Sin­fo­nie­kon­zert des Staats­thea­ters erklang sie zusam­men mit der Heli­os-Ouver­tü­re von Carl Niel­sen und dem vier­ten Kla­vier­kon­zert von Beet­ho­ven. Also nicht nur drei ver­schie­de­ne Natio­nal­mu­si­ken, son­dern auch Wer­ke, die mit ihren For­men expe­ri­men­tie­ren. Beet­ho­vens vier­tes Kla­vier­kon­zert ist genau dafür berühmt: Das es neue Mög­lich­kei­ten des Zusam­men­spiels von kon­zer­tie­ren­dem Kla­vier und Orches­ter erprobt. Die Solis­tin in Mainz, Anna Vin­nit­ska­ya posi­tio­niert sich da sehr ein­deu­tig: Schon mit ihren ers­ten ein­lei­ten­den Tak­ten, von Beet­ho­ven erst­mals dem Kla­vier allei­ne anver­traut, zeigt sie sich als über­le­ge­ne Kraft. Nir­gends­wo wird das so deut­lich wie im zwei­ten Satz: Vin­nit­ska­ya spielt das Phil­har­mo­ni­sche Staats­or­ches­ter in Grund und Boden – ganz wie der Kom­po­nist es dach­te. Und nicht etwas, weil Phil­har­mo­ni­sche Orches­ter so schlecht wäre. Nein, die Par­ti­tur ver­langt das gera­de zu. Das wird aber nicht immer so deut­lich wie bei Anna Vin­nit­ska­ya. Ihre Prä­zi­si­on auf allen Ebe­nen macht das mög­lich: Die genau gestuf­te Ton­ge­bung, die über­le­gen ein­ge­setz­te Arti­ku­la­ti­on und ihre natür­li­che Phra­sie­rung bestechen immer wie­der durch hohe Genau­ig­keit, die sich auch im Orches­ter­part wiederfindet.

Denn das Phil­har­mo­ni­sche Staats­or­ches­ter ist kurz vor der Som­mer­pau­se in her­vor­ra­gen­der Form. Das zeig­te schon die kla­re Ton­spra­che der Heli­os-Ouver­tü­re von Carl Niel­sen am Beginn, vor allem aber die fünf­te Sym­pho­nie von Jean Sibe­l­i­us. Er selbst hat sie mal als eine ein­zi­ge, auf den Tri­umph des Schlus­ses aus­ge­rich­te­te Stei­ge­rung beschrie­ben. Und das passt auch auf die Main­zer Auf­füh­rung. Denn Diri­gent Her­mann Bäu­mer zeigt in hörens­wer­ter Klar­heit die Moder­ni­tät der vor fast hun­dert Jah­ren ent­wor­fe­nen Musik. Das beginnt mit der ver­schlei­er­ten Form des ers­ten Sat­zes und erstreckt sich bis in den letz­ten Schluss­klang. Vor allem aber wird Sibe­l­i­us Fünf­te im Thea­ter ein klang­li­ches Fest: Von den fan­tas­tisch klar und ein­präg­sam klin­gen­den ers­ten Abschnit­ten der Holz­blä­ser am Beginn bis zu der gran­di­os unge­heu­er­li­chen Span­nung des letz­ten Sat­zes, die bis in den aller­letz­ten Moment der irr­sin­nig zer­ri­schenen Schluss­ak­kor­de reicht: Unter Bäu­mers Hän­den wird die Par­ti­tur plas­tisch und leben­dig, wie ein erweck­ter Orga­nis­mus, wie zu Leben gekom­me­ne Ideen und wie eine voll­kom­me­ne Nach­bil­dung des mys­ti­schen Natur­er­leb­nis, das Sibe­l­i­us zu die­ser Musik inspirierte.

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zeitung.) 

Meisterkonzert mit und ohne Weihnachten

Es sieht fast wie ein nor­ma­les Meis­ter­kon­zert aus: Eine klei­ne Haydn-Sin­fo­nie, dann Beet­ho­vens vier­tes Kla­vier­kon­zert und zum Abschluss ein rich­tig gro­ßes sin­fo­ni­sches Werk, die ach­te Sin­fo­nie von Schu­bert. Aber Weih­nach­ten macht sich auch im Meis­ter­kon­zert bemerk­bar – zumin­dest ein biss­chen: Die Sin­fo­nie Nr. 26 von Haydn trägt näm­lich den Bei­na­men „Weih­nachts­sin­fo­nie“. Das ist zwar eigent­lich ein Feh­ler, denn Haydn hat sie als Pas­si­ons­mu­sik kom­po­niert. Aber der besinn­li­che zwei­te Satz lässt sich auch im Advent gut hören. Vor allem, wenn ihn die Deut­sche Staats­phil­har­mo­nie Rhein­land-Pfalz unter ihrem Gast­di­ri­gen­ten Fabri­ce Bol­lon so far­big und bild­haft musi­ziert wie beim vier­ten Meis­ter­kon­zert. In der Rhein­gold­hal­le hat­te Bol­lon schon mit den ers­ten Haydn-Tak­ten die Rich­tung vor­ge­ge­ben: Kräf­tig zupa­ckend formt er vor allem sehr sat­te Strei­ch­er­klän­ge und bemüht sich um deut­li­che, manch­mal sogar grel­le Far­ben. Pracht­voll und sehr reprä­sen­ta­tiv wir­ken da selbst die andäch­ti­gen Klän­ge des Mittelsatzes.

Ähn­lich rus­ti­kal ließ er das Lud­wigs­ha­fe­ner Orches­ter dann die ach­te Sin­fo­nie von Franz Schu­bert musi­zie­ren. Die hat ihren Bei­na­men „Gro­ße“ zwar vor allem bekom­men, weil Schu­bert noch eine zwei­te, frü­he­re C‑Dur-Sin­fo­nie kom­po­niert hat, die ein­fach deut­lich kür­zer ist. Bei Bol­lon ist das „groß“ aber durch­aus ent­schei­dend: Mäch­tig und wuch­tig sta­pelt er die dicken Akkor­de auf das fel­se­fes­te Fun­da­ment der dröh­nen­den Posau­nen. Unge­heu­er mas­siv wirkt da fast jeder Ton, jede Phra­se wie für die Ewig­keit. Fra­gen oder gar Zwei­fel fin­det der Diri­gent in die­ser Par­ti­tur über­haupt kei­ne, befiehlt statt­des­sen fel­sen­fes­te Gewiss­hei­ten. Das ist natür­lich, gera­de im zwei­ten Satz und schließ­lich vor allem im Scher­zo, eine uner­bitt­li­che Ver­ein­fa­chung. Eine Ver­ein­fa­chung, die trotz ihrer Ver­zer­rung klang­lich durch­aus wir­ken kann, auch wenn im Fina­le die Kan­tig­keit und Schär­fe die­ser Klang­kon­struk­ti­on lei­der etwas ver­lo­ren geht.

Viel fas­zi­nie­ren­der blieb da Beet­ho­vens vier­tes Kla­vier­kon­zert in Erin­ne­rung. Denn Jas­min­ka Stan­cul spiel­te das wun­der­bar schnör­kel­los und tro­cken, mit fast hei­li­gem Ernst. Dabei blieb das Kon­zert im Kern auch bei ihr natür­lich unver­kenn­bar roman­tisch. Aber die zart­füh­li­ge Poe­sie ihrer Phra­sie­rung ver­band sich wun­der­bar mit ihrer kla­ren Ton­ge­bung. Vor allem aber gelang der Pia­nis­tin und dem Orches­ter ein erre­gen­des Mit­ein­an­der – und genau dar­auf kommt es bei die­sem Kon­zert an. Zumal Bol­lon aus dem Orches­ter auch fei­ne Klang­far­ben kit­zeln konn­te, die die Staats­phil­har­mo­nie in der Rhein­gold­hal­le nicht immer bie­tet. So aus­ge­wo­gen und balan­ciert im Hin und Her der Musik war das wirk­lich ein intel­lek­tu­ell und emo­tio­nal auf­re­gen­des Spiel – und ganz unab­hän­gig von der Jahreszeit.

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zeitung.)

Russische Hits

Es ist schon selt­sam, dass Tschai­kow­sky eines sei­ner berühm­tes­ten Wer­ke bei­na­he nicht kom­po­niert hät­te: Für „Romeo und Julia“, die nach dem Shake­speare-Dra­ma geform­te Fan­ta­sie-Ouver­tü­re, war erst ein Anstoß von außen not­wen­dig . Auch bei sei­nem bekann­tes­ten Kom­po­si­ti­on über­haupt, sei­nem ers­ten Kla­vier­kon­zert, plag­ten den skru­pu­lö­sen Tschai­kow­sky lan­ge die Selbstzweifel.

Zu hören ist davon aber nichts mehr. Auch beim ers­ten Main­zer Meis­ter­kon­zert in der Rhein­gold­hal­le nicht.
Denn die Koblen­zer Rhei­ni­sche Phil­har­mo­nie unter Dani­el Rais­kin bevor­zugt im gan­zen Kon­zert, das neben den bei­den Tschai­kow­sky – jedes für sich schon ein abso­lu­ter Publi­kums­ma­get – auch noch Liszts zwei­te Unga­ri­sche Rhap­so­die in einer Orches­ter-Bear­bei­tung und Ser­gei Rach­ma­ni­nows „Paga­ni­ni-Rhap­so­die“ für Kla­vier und Orches­ter ver­sam­mel­te, ein ziem­lich robus­tes Musi­zie­ren. Die vie­len raf­fi­nier­ten Fein­hei­ten der „Romeo und Julia“-Ouvertüre sind dadurch kaum zu hören. Vor allem aber feh­len sowohl Span­nung als auch Fri­sche, durch die die­se abge­spiel­te Ouver­tü­re wie­der leben­dig wür­de. Aber trotz der nicht per­fek­ten Wie­der­ga­be wirkt sie natür­lich immer noch: Wah­re Meis­ter­wer­ke sind schwer zu zerstören.

Den Sta­tus des über­stra­pa­zier­ten Meis­ter­wer­kes kann auch das b‑Moll-Kon­zert pro­blem­los bean­spru­chen. Und auch hier stellt sich immer wie­der die Fra­ge: Haben Pia­nist und Diri­gent noch etwas zu sagen? Beim Meis­ter­kon­zert ist das schnell beant­wor­tet: Ja, unbe­dingt. Vor allem der Pia­nist Kon­stan­tin Scher­ba­kov beweist sich hier meis­ter­haft. Weil er unge­mein viel kann: Nicht nur den in die­sem Schlacht­ross unver­meid­li­chen Thea­ter­don­ner – das absol­viert er bra­vou­rös, aber schein­bar ohne inne­re Betei­li­gung. Viel deut­li­cher kom­men sei­ne immensen Fähig­kei­ten in den ver­meint­li­chen Neben­säch­lich­kei­ten zu tra­gen: Wie er mit­ten im wil­des­ten vir­tuo­sen Getüm­mel noch feins­te Nuna­cen der Weich­heit und Abrun­dung her­vor­zau­bert – das ver­rät wah­re Größe.

Und er nimmt dem Kon­zert damit viel von sei­ner ober­fläch­li­chen Tri­umph-Ges­te. Hier sind das ver­spon­ne­ne Herbst-Nebel, die nur hin und wie­der auf­rei­ßen und die strah­len­den Res­te der glei­ßen­den Som­mer­son­ne hin­durch las­sen. Und eini­ge kräf­tig Wind­stö­ße sor­gen in die­ser ver­wun­sche­nen Traum­land­schaft, die wie eine Feen­welt erscheint, für Durch­blick und die Rück­kehr in die Rea­li­tät. Vie­le Dop­pel­deu­tig­kei­ten der Par­ti­tur wer­den so wun­der­bar klar, aus ihnen ent­wi­ckelt Scher­ba­kov dra­ma­ti­schen Impul­se und eine Viel­schich­tig­keit, die die intel­lek­tu­el­le Neu­ent­de­ckung der ver­steck­ten Andeu­tu­gen und Klei­nig­kei­ten die­ser schein­bar so über­aus bekann­ten Musik über ihre Emo­tio­na­li­tät hin­aus hebt. Scha­de nur, dass Rais­kin mit der Rhei­ni­schen Phil­har­mo­nie nicht genau­so sub­til und fra­gil beglei­ten kann. Aber im Fina­le fin­den sie dann doch noch zusam­men, in einer schö­nen Form der vehe­men­ten Klar­heit – und der abso­lu­ten Begeis­te­rung für Tschai­kow­skys Musik. Und die teilt auch das Publi­kum mit ihnen.

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zeitung.)

Meisterhafte Meisterwerke im Meisterkonzert

Sel­ten war wohl eine Kon­zert­pau­se so not­wen­dig wie bei die­sem Meist­kon­zert. Denn nicht nur waren in der Rhein­gold­hal­le grö­ße­re Umbau­ten auf der Büh­ne und das Nach­stim­men des Flü­gels not­wen­dig. Nein, vor allem waren das eigent­lich zwei eige­ne Kon­zer­te, die von der Staats­phil­har­mo­nie Rhein­land-Pfalz unter Karl-Heinz Stef­fens hier im Dop­pel­pack ange­bo­ten wurden.

Zunächst also zwei Bal­lett-Musi­ken: Mit dem Klas­si­ker „Pré­lude de l’après-midi d’un fau­ne” von Clau­de Debus­sy eröff­ne­te das Lud­wigs­ha­fe­ner Orches­ter der Abend. Diri­gent Stef­fens wähl­te einen vor­sich­ti­gen, zurück­ge­nom­men Zugang: Zart ent­fal­tet sich schon das initia­le Flö­ten­the­ma, und sacht, manch­mal etwas sto­ckend, dann aber wie­der deut­lich trei­bend ent­wi­ckelt er die impres­sio­nis­ti­sche Klang­schil­de­rung sehr behut­sam. Als Fort­set­zung der Ent­wick­lung der moder­nen Bal­lett­mu­sik sehr logisch folg­te die­ser Natur­idyl­le Bela Bar­tóks Musik für die Tanz­pan­to­mi­ne „Der wun­der­ba­re Man­da­rin”. Die ließ Stef­fens deut­lich offe­ner und for­dernd-dräg­ne­der musi­zie­ren – ande­res wäre bei die­ser Musik auch widernatürlich.

Gran­di­os wur­de es in der Rhein­gold­hal­le aber erst nach der Pau­se. Ent­ge­gen den übli­chen Kon­zert­ge­wohn­hei­ten kam das Solis­ten­kon­zert näm­lich zum Schluss – mit gutem Grund. Zum einen ist Brahms’ B‑Dur-Kla­vier­kon­zert mit unge­fähr 45 Minu­ten schon recht lang. Zum ande­ren kann man danach kaum noch sinn­voll ande­re Musik machen. Zumin­dest, wenn man es so wie Ant­ti Siira­la spielt, mit vol­lem Ein­satz, auf Leben und Tod qua­si. Da passt dann auch kei­ne Zuga­be mehr, obwohl der Saal danach gier­te. Aber das war die rich­ti­ge Ent­schei­dung – alles hät­te den Ein­druck die­ser gro­ßen Inter­pre­ta­ti­on höchs­tens geschmä­lert. Denn Siira­la und Stef­fens fan­den hier wun­der­ba­re Wege, die gesam­te Viel­falt des Kon­zer­tes voll aus­zu­schöp­fen. Sie wei­ger­ten sich ein­fach – und sehr kon­se­quent -, sich auf einen ein­zi­gen Stand­ort zu bege­ben. Stän­dig wech­sel­ten sie die Per­spek­ti­ve, zoom­ten von gro­ßen Ges­ten bis in feins­te Details

Siira­la kann sich die­se unge­heu­re Viel­ge­stal­tig­keit leis­ten, weil er als Pia­nist viel­sei­tig genug ist. Sein ker­ni­ges, deut­lich akzen­tu­ier­tes Spiel kann pha­sen­wei­se auch ganz weich und sanft tönen. Immer bleibt er aber aus­ge­spro­chen agil – nicht ohne Grund sitzt er wie sprung­be­reit nur auf der vor­ders­ten Kan­te sei­ner Kla­vier­bank. Und die­se kon­zen­trier­te Auf­merk­sam­keit für alle Aspek­te der Par­ti­tur ermög­licht zwar nicht immer völ­lig schlüs­si­ge Ent­wick­lun­gen, aber auf jeden Fall eine Fül­le fas­zi­nie­ren­der Momen­te, und geni­al span­nend erschei­nen­der Pas­sa­gen – die dann selbst den Diri­gen­ten immer wie­der ganz ver­blüfft zu sei­nem Pia­nis­ten bli­cken lassen.

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zeitung.)

Zufriedene Majestäten: Beethoven und Rachmaninow

Es sieht reich­lich selt­sam aus, was für einen kurio­sen Tanz Hän­de und Arme von Yakov Kreiz­berg da auf­füh­ren. Aber es funk­tio­niert: Der Diri­gent hat das SWR Sin­fo­nie­or­ches­ter Baden-Baden und Frei­burg beim Meis­ter­kon­zert in der Rhein­gold­hal­le in jedem Moment fest im Griff – auch wenn sei­ne Schlag­tech­nik das nicht unbe­dingt verrät.

Mit rie­si­gen, weit aus­ho­len­den Bewe­gun­gen schwingt der Diri­gent sei­nen extra­lan­gen Stab und steht dann kurz dar­auf minu­ten­lang fast wie ein­ge­fro­ren und steu­ert die Orches­ter­mu­si­ker mit win­zigs­ten Bewe­gun­gen zwei­er Fin­ger der lin­ken Hand. Dabei hat er aller­dings auch Unter­stüt­zung: Kirill Ger­stein am Kla­vier gibt im fünf­ten Kla­vier­kon­zert von Lud­wig van Beet­ho­ven ger­ne auch den einen oder ande­ren Impuls. Über­haupt ergän­zen die bei­den sich hier sehr ange­nehm: Diri­gent und Pia­nist bevor­zu­gen für das letz­te Kla­vier­kon­zert Beet­ho­vens, das vor fast genau 200 Jah­ren urauf­ge­führt wur­de, eine weich abge­run­de­te, har­mo­nisch aus­ge­füll­te Les­art, die garan­tiert nir­gend­wo aneckt.

Rund­um satt und zufrie­den tönt der doch oft so rebel­li­sche Beet­ho­ven hier, ertrinkt fast in der Har­mo­nie, Ein­tracht und Schön­heit die­ser Musik. Ger­stein spielt das sehr sau­ber und immer mit unauf­dring­li­cher, fast ver­steck­ter Bril­lanz. Dabei ver­birgt er sich und auch die meis­ten Akzen­te sei­nes Parts hin­ter wei­chem Eben­maß. Die Musik, die da in der Rhein­gold­hal­le erklingt, ist nicht von die­ser Welt – sie küm­mert sich aber auch gar nicht dar­um, sie ist mit sich selbst und ihrer rei­nen Schön­heit schon mehr als zufrieden.
Auch das Orches­ter lässt sich da nicht lan­ge bit­ten und schmei­chelt auf allen Ebe­nen. So rich­tig dre­hen die Musi­ker des SWR-Orches­ters aber erst bei Ser­gej Rach­ma­ni­nows zwei­ter Sin­fo­nie auf
Auch die wie­der­um kei­ne im eigent­li­chen Sin­ne span­nen­de oder anre­gen­de Musik. 

Denn Kreiz­berg bleibt sei­ner Metho­de – und sei­nem Diri­gier­stil – treu: Mit gleich­zei­tig ecki­gen und sanft wogen­den Bewe­gun­gen lässt er die Sin­fo­nie zugleich feder­leicht schwe­ben und erwar­tungs­voll vibrie­ren. Das tost und dröhnt oft ganz gewal­tig, schwellt immer wie­der wun­der­bar auf und ab – denn wenn Kreiz­berg etwas kann, dann ist es das geschick­tes­te Phra­sie­ren: Nie kommt die Musik zur Ruhe, nie erschöpft sich sein Drang zum ewi­gen Wei­ter. Das ebnet die monu­men­ta­le Sin­fo­nie aller­dings auch hin und wie­der ein biss­chen ein – alles liegt sozu­sa­gen glei­cher­ma­ßen auf dem Weg, der immer wei­ter vor­wärts führt und nie ankommt. Aber die­ser Weg ist ein unbe­dingt schö­ner, ein Rei­gen seligs­ter Melo­dien­kunst in purer Prä­senz. Und das klingt groß­ar­tig – auch wenn es manch­mal selt­sam anzu­schau­en ist.

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zeitung.)

Schön langweilig: Beethoven & Rachmaninov

Es sieht reich­lich selt­sam aus, was für einen kurio­sen Tanz Hän­de und Arme von Yakov Kreiz­berg da auf­füh­ren. Aber es funk­tio­niert: Der Diri­gent hat das SWR Sin­fo­nie­or­ches­ter Baden-Baden und Frei­burg beim Meis­ter­kon­zert in der Rhein­gold­hal­le in jedem Moment fest im Griff – auch wenn sei­ne Schlag­tech­nik das nicht unbe­dingt verrät. 

Mit rie­si­gen, weit aus­ho­len­den Bewe­gun­gen schwingt der Diri­gent sei­nen extra­lan­gen Stab und steht dann kurz dar­auf minu­ten­lang fast wie ein­ge­fro­ren und steu­ert die Orches­ter­mu­si­ker mit win­zigs­ten Bewe­gun­gen zwei­er Fin­ger der lin­ken Hand. Dabei hat er aller­dings auch Unter­stüt­zung: Kirill Ger­stein am Kla­vier gibt im fünf­ten Kla­vier­kon­zert von Lud­wig van Beet­ho­ven ger­ne auch den einen oder ande­ren Impuls. Über­haupt ergän­zen die bei­den sich hier sehr ange­nehm: Diri­gent und Pia­nist bevor­zu­gen für das letz­te Kla­vier­kon­zert Beet­ho­vens, das vor fast genau 200 Jah­ren urauf­ge­führt wur­de, eine weich abge­run­de­te, har­mo­nisch aus­ge­füll­te Les­art, die garan­tiert nir­gend­wo aneckt. 

Rund­um satt und zufrie­den tönt der doch oft so rebel­li­sche Beet­ho­ven hier, ertrinkt fast in der Har­mo­nie, Ein­tracht und Schön­heit die­ser Musik. Ger­stein spielt das sehr sau­ber und immer mit unauf­dring­li­cher, fast ver­steck­ter Bril­lanz. Dabei ver­birgt er sich und auch die meis­ten Akzen­te sei­nes Parts hin­ter wei­chem Eben­maß. Die Musik, die da in der Rhein­gold­hal­le erklingt, ist nicht von die­ser Welt – sie küm­mert sich aber auch gar nicht dar­um, sie ist mit sich selbst und ihrer rei­nen Schön­heit schon mehr als zufrieden. 

Auch das Orches­ter lässt sich da nicht lan­ge bit­ten und schmei­chelt auf allen Ebe­nen. So rich­tig dre­hen die Musi­ker des SWR-Orches­ters aber erst bei Ser­gej Rach­ma­ni­nows zwei­ter Sin­fo­nie auf. Auch die ist wie­der­um kei­ne im eigent­li­chen Sin­ne span­nen­de oder anre­gen­de Musik. Denn Kreiz­berg bleibt sei­ner Metho­de – und sei­nem Diri­gier­stil – treu: Mit gleich­zei­tig ecki­gen und sanft wogen­den Bewe­gun­gen lässt er die Sin­fo­nie zugleich feder­leicht schwe­ben und erwar­tungs­voll vibrie­ren. Das tost und dröhnt oft ganz gewal­tig, schwellt immer wie­der wun­der­bar auf und ab – denn wenn Kreiz­berg etwas kann, dann ist es das geschick­tes­te Phra­sie­ren: Nie kommt die Musik zur Ruhe, nie erschöpft sich sein Drang zum ewi­gen Wei­ter. Das ebnet die monu­men­ta­le Sin­fo­nie aller­dings auch hin und wie­der ein biss­chen ein – alles liegt sozu­sa­gen glei­cher­ma­ßen auf dem Weg, der immer wei­ter vor­wärts führt und nie ankommt. Aber die­ser Weg ist ein unbe­dingt schö­ner, ein Rei­gen seligs­ter Melo­dien­kunst in purer Prä­senz. Und das klingt groß­ar­tig – auch wenn es manch­mal selt­sam anzu­schau­en ist.

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zeitung.)

klavierkunst für eine bessere welt

Er scheint ein ganz nor­ma­ler jun­ger Pia­nist zu sein, so wie er in Jeans und schwar­zem Hemd auf die Büh­ne des Frank­fur­ter Hofes kommt. Aber in Kai Schu­ma­cher steckt mehr. Denn wer „The Peo­p­le United Will Never Be Defea­ted“ auf­nimmt (für das Main­zer Label Wergo) und auch noch live spielt, der muss etwa Beson­de­res sein. Schließ­lich ist Fre­de­ric Rzew­skis rie­si­ger Varia­tio­nen­zy­klus nicht irgend ein Werk.

Zum einen sind da die tech­ni­schen Schwie­rig­kei­ten: In die­sen gut sech­zig Minu­ten ist eine Men­ge ver­packt – rasen­de Läu­fe, don­nern­de Akkor­de, wil­de Sprün­ge, bru­ta­le Laut­stär­ke und sub­ti­le Fein­hei­ten wech­seln stän­dig. Und die musi­ka­li­schen Anfor­de­run­gen sind auch nicht gering: Die­se 36 Varia­tio­nen erfor­dern viel Gestal­tungs­kraft, viel Über­sicht und gleich­zei­tig enor­me Kon­zen­tra­ti­on im Detail.

Es geht aber noch wei­ter: Wer die­se Musik spielt, bezieht immer auch irgend eine poli­ti­sche Posi­ti­on. Schließ­lich ist das Musik, die etwas ver­än­dern will. Denn Rzew­ski hat nicht irgend eine Melo­die als Grund­la­ge genom­men, son­dern das chi­le­ni­sche „El pue­blo uni­do jamás será ven­ci­do“, das Anfang der 1970er Jah­re zum musi­ka­li­schen Sym­bol des Wider­stands gegen Pino­chet wurde.

Kai Schu­ma­cher macht das im Frank­fur­ter Hof über­deut­lich, er lässt näm­lich erst ein­mal das Ori­gi­nal ein­spie­len – gleich ein ers­ter Gän­se­haut-Moment. Davon wird es noch eine gan­ze Men­ge geben. Denn was Rzew­ski kom­po­niert hat, das ist nicht nur hoch­vir­tu­os und viel­fäl­tig, arti­fi­zi­ell und natür­lich zugleich. Son­dern auch so vol­ler Ideen, Sti­le, Anklän­ge, dass es unge­heu­er viel zu ent­de­cken gibt. Und Kai Schu­ma­cher scheint das alles im Blick zu haben. Sei­ne Inter­pre­ta­ti­on die­ses auf­grund sei­ner hohen Schwie­rig­keit nahe­zu nie gespiel­ten Wer­kes ist gera­de dadurch aus­ge­zeich­net, die kunst­vol­le Gestalt der Musik beson­ders in den Fokus zu holen.

Ande­rer­seits ver­liert der Zyklus dadurch an Schär­fe – und auch die Gewiss­heit, dass das geein­te Volk wirk­lich nie­mals besiegt wer­den wird. Viel­leicht ist das zwangs­läu­fig so, die welt­ge­schicht­li­che Ent­wick­lung seit 1975, als Rzew­ski das Mam­mut­werk kom­po­nier­te, ist ja kei­ne rei­ne Erfolgs­ge­schich­te der Befrei­ung unter­drück­ter Völ­ker. Gera­de die­se Span­nung zwi­schen Opti­mis­mus und dem Bewusst­sein um Nie­der­la­ge und Unter­drü­ckung auf der ande­ren Sei­te führt Schu­ma­cher immer wie­der ganz beson­ders hervor.

So rea­li­siert er mit elas­ti­schem Ton, mit federn­der Kraft ein sehr offe­nes Kunst­werk: Das hier ist eine Auf­füh­rung, die gera­de die sti­lis­ti­sche Viel­falt der Varia­tio­nen, von den ana­ly­tisch die Melo­die zer­split­tern­den Sät­zen über vir­tuo­se Tas­ten­don­ner­mo­men­te bis zu Jazz- und Blues-Impres­sio­nen, beson­ders deut­lich macht. Die­se Kon­tras­te arbei­tet Schu­ma­cher sehr stark her­aus – und ist doch immer wie­der dann beson­ders über­zeu­gend, wenn er sich ganz in die Musik ver­sen­ken kann, wenn die zar­ten und zer­brech­li­chen Momen­te auch ihn selbst neu ergrei­fen und berühren.

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