Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Schlagwort: chormusik Seite 1 von 3

spinnennetz in der sonne

Ins Netz gegangen (26.10.)

Ins Netz gegan­gen am 26.10.:

Taglied 13.3.2015

Oxa­na Omel­schuck, Gau­ner­lie­der für gemisch­ten Chor (die UA singt das SWR Vokal­ensem­ble unter Ste­phen Lay­ton beim Éclat-Fes­ti­val in Stutt­gart):

Dämonen und andere Chorkunst von Adriana Hölszky

cover„Gemäl­de eines Erschla­ge­nen“, „Dämo­nen“, „Jagt die Wöl­fe zurück“ – schon die Titel ver­ra­ten, dass Adria­na Höl­sz­kys Musik sich nicht mit beschau­li­cher Besin­nung auf­hält. Aus Live-Auf­nah­men von der musi­ca viva haben der Baye­ri­sche Rund­funk und Neos jetzt eine CD vor allem mit Chor­mu­sik zusam­men­ge­stellt. Und die fängt gleich über­wäl­ti­gend, ganz groß an: 72 Stim­men ver­langt das „Gemäl­de eines Erschla­ge­nen“ von 1993, das auf einem Text von Jakob Micha­el Rein­hard Lenz beruht. Davon schnappt man immer wie­der Wor­te, ein­zel­nen Sil­ben, kur­ze Satz­tei­le auf. Ins Zen­trum des Tru­bels einer Mord­sze­ne führt die Musik, hin­ein in die klang­lich bedrü­cken­de und ein­drück­li­che Schil­de­rung einer Tötung eines Wehr­lo­sen. Damit ist das „Gemäl­de eines Erschla­ge­nen“ eine Musik, der man sich aus­lie­fern muss – und die einen dann in die­ser Auf­nah­me mit dem von Gus­taf Sjök­vist vor­züg­lich geführ­ten Chor des Baye­ri­schen Rund­funks mit emo­tio­na­ler Gewalt umzin­gelt: Grau­en und Schre­cken kann sie dem Hörer leh­ren und vege­gen­wär­ti­gen, ihn – kör­per­lich ganz unbe­schä­digt und ent­spannt – mit­ten durch die­se dump­fe Sze­ne men­ch­li­scher Abgrün­de füh­ren.

Auch die „Dämo­nen“ sind wie­der groß notiert: Statt 72 sind es immer­hin noch 48 ein­zeln notier­te Stim­men, die Hölz­sky dem Chor vor­legt. Wie­der­um wird die Spra­che auf­ge­löst – und wie­der­um ist das inhalt­lich begrün­det. Die­ses Mal – „Dämo­nen“ ist ein Auf­trags­werk für das Mozart­jahr 2006 der Salz­bur­ger Fest­spie­le – sind es die inne­ren Stim­men Don Gio­van­nis bei sei­ner Höl­len­fahrt, die sie ver­tont. Das sind wahr­haft dämo­ni­sche, sehr geheim­nis­vol­le Stim­men total ver­wirr­ter Gedan­ken, die sich eben auf kei­nen fes­ten Text mehr zurück­füh­ren las­sen. Aus ein­zel­nen klang­li­chen und sprach­li­chen Ereig­nis­sen, die als Impuls­ge­ber die­nen, ent­fal­tet die Kom­po­nis­tin fas­zi­nie­ren­de Psy­cho­gram­me en minia­tu­re, die zusam­men das plas­ti­sche klang­li­che Abbild einer rau­en, zer­wühl­ten und ver­leb­ten See­le geben. Und genau so rabi­at, roh und ver­wil­dert lässt der Chor des Baye­ri­schen Rund­funks, der hier in einem Mit­schnitt der deut­schen Erst­auf­füh­rung zu hören ist, das auch klin­gen – ganz groß­ar­tig!

Fast natur­wis­sen­schaft­lich begrün­det wirkt dage­gen „For­mi­ca­ri­um“, dass auf der Beob­ach­tung von Amei­sen­völ­kern beruht. Auch hier sind die vie­len Stim­men des Chor des Baye­ri­schen Rund­funks bei der Urauf­füh­rung (fast) immer in Bewe­gung. Klei­ne Par­zel­len unter­schied­lichs­ter Stru­ku­ren lösen ein­an­der ab. Immer wie­der kann man dabei die Auf­lö­sung von ein­zel­nen Klang­grup­pen hören, kann man mit­er­le­ben, wie die ganz ohne Text funk­tio­nie­ren­de­nen, streng orga­ni­sier­ten, weit auf­ge­fä­cher­ten flä­chi­gen Klän­ge in ein kraft­vol­les, aber weit­ge­hend chao­tisch erschei­nen­des dich­tes Gewu­sel der in Grup­pen geord­ne­ten Stim­men auf­bre­chen – wie in einem Amei­sen­stock eben. Über­haupt zeich­net das die hier vom Chor des BR so enga­giert auf­ge­führ­ten Chor­wer­ke alles aus: Die Ver­bin­dung von oft weit auf­ge­split­te­ten, ver­zweig­ten und kom­plex orga­ni­sier­ten Abschnit­ten – die Stim­men­zahl der Chö­re gibt einen Hin­weis – mit oft ganz dicht und eng, um Nuan­cen des Klangs und der Erfah­rung rin­gen­den Klang­bil­dern.

Ergänzt wird das auf die­ser for­mi­da­blen CD noch um zwei instru­men­ta­le Wer­ke, die eben­falls im Rah­men der Mün­chenr „musi­ca viva“ auf­geom­men wur­den: „on the other side“, ein klei­nes Kon­zert für Kla­ri­net­te, Har­mo­ni­ka, Akkor­de­on und Orches­ter sowie die Arbeit „Jagt die Wöl­fe zurück“ für sechs Schlag­zeu­ger.

Adria­na Höl­sz­ky: Chor­wer­ke und ande­res 1993–2010 (musi­ca viva Vol. 19). Neos Music 2014

(zuerst erschie­nen in „Chor­zeit – Das Vokal­ma­ga­zin“, Aus­ga­be 12/​2014)

Musikalischer Weltentrost

Es war dann doch eini­ges mehr als „Trost für Trau­ern­de“: Ralf Otto und der Bach­chor trös­te­ten gleich die gan­ze Mensch­heit. Genau die rich­ti­ge Musik am Vor­abend des Ewig­keits­sonn­ta­ges also. Was auf dem Papier etwas selt­sam aus­sieht, funk­tio­niert in der Chris­tusk­ri­che jeden­falls so gut, dass man sich fragt, war­um noch nie­mand auf die Idee geko­men ist: Die Kom­bi­na­ti­on des Brahms­schen „Deut­schen Requi­em“ mit den „Can­ti di pri­gio­nia“ von Lui­gi Dal­la­pic­co­la.

Natür­lich ist das ein Bruch – aber ein frucht­ba­rer. Brahms, den man so oft hört, erfährt durch die 70 Jah­re jün­ge­re Musik des Ita­lie­ners eine neue Per­spek­ti­ve. Und umge­keht wer­den auch Dal­la­pic­co­las drei Gesän­ge für Chor und Schlag­werk anders wahr­ge­nom­men, wenn man sie mit­ten im rei­nen Wohl­klang von Brahms hört. Denn das war es natür­lich mal wie­der: Rei­ner Wohl­klang. Was ande­res ist bei Ralf Otto und dem Bach­chor nicht zu erwar­ten. Der Chor, noch ver­stärkt durch die jun­gen Stim­men der Cho­ris­ten der Main­zer Musik­hoch­schu­le, agiert klang­be­wusst wie immer . Aber auch klar und kon­zi­se , immer – selbst in den zurück­ge­nom­mens­ten, leis­tes­ten Pas­sa­gen, mit beein­dru­cken­der Prä­senz und Deut­lich­keit. Mög­lich war das vor allem, weil er nicht gegen ein Orches­ter ansin­gen muss: Denn Otto hat­te für die­ses Expe­ri­ment das „Deut­sche Requi­em“ in der Ver­si­on für zwei Kla­vie­re mit Pau­ke (die eini­ge unge­heu­er­lich ein­drucks­vol­le Ein­sät­ze hat) aus­ge­wählt – nicht, dass ein Orches­ter für den Mas­sen­chor ein Pro­blem gewe­sen wäre. So kön­nen die Sän­ger aber immer ent­spannt blei­ben, immer in – für einen Chor die­ser Grö­ße – sehr lei­sen bis mitt­le­ren Laut­stär­ken sin­gen. Das macht den Klang nicht nur locker, son­dern lässt offen­bar Kapi­zi­tä­ten frei, die der Klang­viel­falt und dem Aus­druck zu gute kom­men.

Otto sucht für sei­ne Inter­pre­ta­ti­on des Klas­si­kers sehr deut­li­che Posi­tio­nen, er baut die sie­ben Sät­ze alle um zen­tra­le Wor­te und Moti­ve her­um . Und er scheut die Sprei­zung nicht: Lang­sa­me Abschnitt dehnt er schon mal sehr deut­lich und gibt dafür an ande­ren Stel­len spür­bar Gas. Sei­ne Solis­ten, die Sopra­nis­tin Julia Klei­ter und der Bari­ton Jochen Kup­fer, unter­stüt­zen ihn damit mit viel Kraft.
Und war die­ses „Deut­sche Requi­em“ schon ein Lehr­bei­spiel für expres­si­ve Chor­mu­sik, so gilt das für Dal­la­pic­co­las „Can­ti“ noch stär­ker . 1939 im faschis­ti­schen Ita­li­en ent­stan­den, sind sie mit ihren Tex­ten berühm­ter Gefan­ge­ner – Maria Stuart, Boe­thi­us und Sav­vo­na­ro­la – und ihrer raf­fi­nier­ten Mischung tona­ler und zwölf­tö­ni­ger Tech­ni­ken ein frü­hes Exem­pel der enga­gier­ten Musik.

Und tat­säch­lich: Trost bie­tet die­se Musik, ob sie nun von Brahms oder Dal­la­pic­co­la stammt, nicht nur in ihren Tex­ten, son­dern auch in ihrem emo­tio­na­len Gehalt. Zumin­dest wenn man sie so raf­fi­niert und mit Mut zu kla­ren Kan­ten auf­führt wie Otto das kann. Trost, der aus dem Ver­trau­en geschöpft ist – in Gott und die Men­schen, in die Ewig­keit und eine (bes­se­re) Welt. Das kann man hören, in fast jeder Pas­sa­ge: Unver­rück­bar und unan­fecht­bar im Glau­ben, trotz aller Auf­ruhr und Anfech­tung vol­ler Gewiss­heit und Sicher­heit, kreist die­se gro­ße Aus­drucks­mu­sik immer wie­der um Trau­er und Trost. Man muss sie nur so wört­lich neh­men wie Ralf Otto.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zei­tung.)

Taglied 26.7.202

Rhein­ber­ger, Abend­lied (Cam­bridge Sin­gers):

Abend­lied – J. Rhein­ber­ger

Beim Kli­cken auf das und beim Abspie­len des von You­Tube ein­ge­bet­te­ten Vide­os wer­den (u. U. per­so­nen­be­zo­ge­ne) Daten wie die IP-Adres­se an You­Tube über­tra­gen.

Poppiger Barock: Händels Hallelujah aufgepeppt

Der ers­te Blick ist rich­tig erschre­ckend: „ss-p-t-pow“, „dang-dang-tsch-gang-g-dah-dab“ – das soll jetzt Hän­dels Hal­le­lu­jah sein? Die­ses will­kür­li­che Durch­ein­an­der von Pau­sen und Noten, von Punk­tie­run­gen und Syn­ko­pen? Und die­se sinn­ent­leer­ten Lau­te?

Ja, hin­ter dem schein­ba­ren Cha­os steckt tat­säch­lich „das“ Hal­le­lu­jah aus Hän­dels „Mes­siah“. Aller­ding ganz leicht über­ar­tei­tet: Eine Reno­vie­rung könn­te man die Bemü­hun­gen Bern­hard Hof­manns nen­nen. Denn sei­ne Bear­bei­tung soll den Klas­si­ker mal wie­der auf­fri­schen: Er macht Pop, was schon immer Pop war und ist – nur dass es sich jetzt auch für das 21. Jahr­hun­dert so anhört. Und in die­ser Hin­sicht fin­det dann plötz­lich alles sei­nen Platz, steht jede Note und jede Pau­se ganz rich­tig und fängt – mit ein biss­chem Durch­blick und Übung – auch wirk­lich leicht zu groo­ven an. Vor allem rhyth­mi­sche Sicher­heit und Fes­tig­keit der Sän­ger sind dafür aller­dings unab­ding­ba­re Vor­aus­set­zung, sonst wird es schwie­rig, das leben­dig wer­den zu las­sen. Auch ein klang­kräf­ti­ges, siche­res Bass­grun­die­rung ist unab­läss­lich. Aber das ist bei Hän­del ja auch nicht viel anders. Jeden­falls hat Hof­mann für sei­nen sech­stim­mi­gen Satz die wesent­li­chen Momen­te des Ori­gi­nals – etwa die Uni­so­ni bei „For the Lord God“ – bewahrt und ziem­lich geschickt in sein Arra­gen­ment ein­ge­baut, der zugleich klas­si­scher Chor­satz und Pop­song sein will.

Eine durch­aus vor­sich­ti­ge, ja sehr behut­sa­me Reno­vie­rung ist das also: Ein fri­scher Anstrich für ein altes Haus – die Sub­stanz ist die glei­che, an man­chen Stel­len sieht es trotz­dem auf ein­mal ganz anders und neu aus, bie­tet der wahr­schein­lich bekann­tes­te Chor­satz der Musik­ge­schich­te wie­der ein neu­es Hör­erleb­nis. Ohne Zwei­fel ist das eine ange­neh­me Über­ra­schung – und ein wun­der­ba­res Zuga­ben­stück.

(geschrie­ben für die Neue Chor­zeit.)

Es ist vollbracht: Gardiners Brahms-Aufnahmen

John Eli­ot Gar­di­ner hat eine Vor­lie­be für gro­ße und unge­wöhn­li­che Pro­jek­te. Nach der Bach-Pil­grimage hat er sich inzwi­schen einem ande­ren gro­ßen B zuge­wen­det: Brahms und sei­nen Sin­fo­nien. Des­sen vier Sym­pho­nien rei­chen aber nicht, das war dem Diri­gen­ten offen­bar zu wenig. Also hat Gar­di­ner für sei­ne Live-Auf­nah­men noch gro­ße Chor­wer­ke hin­zu­ge­fügt – vorn Brahms, sei­nen Zeit­ge­nos­sen, aber auch von ganz alten Meis­tern wie Gabrie­li, Schütz und Bach. Er will damit vor allem die Vok­al­tät der Brahms­schen Orches­ter­wer­ke her­vor­he­ben. Inzwi­schen ist er damit auch fer­tig: Vier wun­der­schön klin­gen­de und auch schön anzu­schau­en­de CDs sind es gewor­den, die er mit „sei­nem“ Orches­ter, dem Orchest­re Révo­lu­ti­on­naie et Roman­tique, und dem Mon­te­ver­di-Choir ein­ge­spielt hat und auf sei­nem eig­nen Label Soli Deo Glo­ria ver­öf­fent­licht hat (vgl. Neue Chor­zeit xx/​xx).

Die drit­te Sym­pho­nie wird aus­schließ­lich von Chor­wer­ken des Meis­ters selbst gerahmt. Vor allem der „Gesang der Par­zen” und die „Nänie” ste­chen posi­tiv her­vor: Mit Augen­maß lässt Gar­di­ner den Mon­te­ver­di-Choir sowohl den dra­ma­ti­schen Ges­tus als auch fei­ne Details der Text­aus­deu­tung rea­li­sie­ren.

Auch die vier­te CD die­ser Rei­he fängt ganz aus­ge­spro­chen dra­ma­tisch an, mit Beet­ho­vens Corio­lan-Ouver­tü­re. Und geht dann auch so wei­ter . Geschmei­dig und dis­zi­pli­niert zugleich ist Gar­di­ners Inter­pre­ta­ti­on aller vier Sym­pho­nien, die schwung­voll die Dra­ma­tik der Par­ti­tur weckt, ohne je bemüht zu wir­ken. Genau­so natür­lich und ganz ent­spannt selbst­ver­ständ­lich (dar­in wir­ken die­se Auf­nah­men fast klas­sisch) lässt er den Mon­te­ver­di-Choir auch die Vokal­wer­ke sin­gen. Selbst die etwas sprö­de­ren Brahms­schen „Fest- und Gedenk­sprü­che” flie­ßen bei ihm ganz har­mo­nisch aus den Laut­spre­chern. Nicht nur hier, auch bei den aus­ge­wähl­ten Chor­sät­zen von Gio­van­ni Gabrie­li, Hein­rich Schütz und Johann Sebas­ti­an Bach, zeich­nen sich die­se Auf­nah­men immer durch eine ange­neh­me Kom­bi­na­ti­on aus Freu­de an der Detail­ge­nau­ig­keit und groß­zü­gi­ger klang­li­cher Gestal­tung aus.

Ob die unmit­tel­ba­re Nach­bar­schaft der gro­ßen Vokal­wer­ke die Sym­pho­nien nun wirk­lich in einem ganz ande­ren Licht erschei­nen lässt, ist eigent­lich egal. Jeden­falls gelin­gen Gar­di­ner alle vier in vor­züg­li­cher Wei­se. Und wenn es dazu noch inter­es­san­te Chor­mu­sik gibt – umso bes­ser.

(geschrie­ben für die Neue Chor­zeit.)

Anfangs war der Faust noch ziemlich komisch

… meint zumin­dest das Thea­ter haut­nah:

Da steht er nun also, der arme Tor, und ist genau­so klug wie zuvor. Zwar steht er die­ses Mal nicht auf den Bret­tern, die die Welt bedeu­ten, son­dern im Altar­raum der Alt­müns­ter­kir­che. Aber auch der hei­li­ge Raum bringt Faust kei­ne beson­de­re Erleuch­tung.

Zumin­dest nicht in der Insze­nie­rung des haut­nah-Thea­ters. Die Trup­pe gas­tiert gera­de mit ihrem „Urfaust” in Mainz – und bringt eine Men­ge Leben in die Kir­che. Denn Regis­seur Rolf Bidin­ger hat den Urfaust, die ers­te Ver­si­on des Faust­dra­mas aus der Feder Goe­thes, stark kon­zen­triert und deut­lich auf die komi­sche Sei­te der Ver­wick­lun­gen zwi­schen Faust und Goe­the fokus­siert. Sei­ne Insze­nie­rung und die fast über­deut­li­che Aktio­nen der haut­nah-Schau­spie­ler sor­gen des­halb für eine Men­ge Lacher und viel Hei­ter­keit. Und das nicht ohne Grund – der Text des Wei­ma­rer Dich­ters hat durch­aus sei­ne Komik, oft genug in einer recht der­ben und hand­fes­ten Vari­an­te.

Zugleich ist er aber auch – durch­aus schon im Urfaust – mehr als eine tra­gi­ko­mi­sche Lie­bes­ge­schich­te. Schließ­lich lau­ert der Teu­fel von Anbe­ginn im Hin­ter­grund, schon beim Vor­spiel ist er immer prä­sent und war­tet auf sei­ne Gele­gen­heit. Und er bleibt es fast die gan­ze Zeit – der Teu­fel ist in der Alt­müns­ter­kir­che fast zen­tra­ler als Faust oder sein Gret­chen. Das liegt auch an Dani­el Kröh­nert, der den Mephis­to mit läs­si­ger Ele­ganz, süf­fi­san­tem Sar­kas­mus und gro­ßer Prä­senz aus­füllt und ver­kör­pert. Dage­gen bleibt der Faust von Jan Schuba etwas bläss­lich – anfangs, im Zim­mer des Gelehr­ten vor allem, trifft er sei­ne Rol­le sehr gut. Aber je kon­kre­ter und direk­ter sei­ne Lie­be zu Gre­te wird, des­to unwahr­schein­li­cher wirkt sei­ne Dar­stel­lung.
Gre­te dage­gen macht eine sehr glaub­haf­te Wand­lung durch: Vom keck-koket­ten Mäd­chen (das frei­lich bei Goe­the die Reli­gi­on viel erns­ter nimmt als hier) zur gefal­le­nen Dir­ne und Kinds­mör­de­rin, die im Gefäng­nis vor Ver­zweif­lung irr wird, ver­leiht Dana Kröh­nert ihrem Gret­chen eine sehr leben­di­ge und plas­ti­sche Gestalt.

Abge­run­det und ergänzt wird das Spiel des haut­nah-Thea­ters durch die Kan­to­rei von St. Johan­nis. Unter Vol­ker Ellen­ber­ger tritt sie wie ein klas­si­scher Thea­ter­chor kom­men­tie­rend, war­nend und vor­aus­schau­end auf: Mit dem Cho­ral „Ach wie flüch­tig, ach wie nich­tig” kom­men­tiert der Chor das Gesche­hen im Wirts­haus, mit „Es ist ein Schnit­ter, heißt der Tod” warnt er Gre­te vor dem ver­füh­re­ri­schen Faust und ergänzt und über­höht so das thea­tra­li­sche Gesche­hen, ohne direkt in die Hand­lung ein­zu­grei­fen – die haben die Schau­spie­ler voll im Griff.

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zei­tung.)

haydn, nichts als haydn: die eröffnung des mainzer musiksommers

Fest­li­cher geht es kaum. Pas­sen­der aber auch nicht: Denn die fei­er­li­che Eröff­nung des Main­zer Musik­som­mers – der die­ses Jahr schon sei­nen zehn­ten Geburts­tag fei­ern kann – ver­bin­det sich im ers­ten Kon­zert mit einer inten­si­ven Wür­di­gung eines der dies­jäh­ri­gen Jubi­la­re der Musik­ge­schich­te. Dom­ka­pell­meis­ter Mathi­as Breit­schaft diri­gier­te zum Auf­takt der dies­jäh­ri­gen, gemein­sam von SWR und der Stadt Mainz ver­an­stal­te­ten Kon­zert­rei­he, näm­lich ein rei­nes Haydn-Pro­gramm. Und obwohl er in „sei­nem“ Raum, dem Dom, natur­ge­mäß vor­wie­gend Kir­chen­mu­sik her­an­zog, ein glei­cher­ma­ßen reprä­sen­ta­ti­ves und abwechs­lungs­rei­ches. Denn neben dem Zen­trum, der Gro­ßen Orgel-Solo-Mes­se und dem „Te Deum Lau­da­mus“ noch zwei Orgel­kon­zer­te aus dem rei­chen Fun­dus, den Haydn auch da hin­ter­las­sen hat.

Der Lim­bur­ger Orga­nist Mar­kus Eichen­laub meis­ter­te dabei auch die vir­tuo­sen Pas­sa­gen fast non­cha­lant, immer mit coo­lem under­state­ment und läs­si­ger Ele­ganz, die ihre Wir­kung vor allem aus der leicht dahin flie­gend, locker und ent­spannt wir­ken­den tech­ni­schen Prä­zi­si­on schöpf­te. Das Kur­pfäl­zi­sche Kam­mer­or­ches­ter ließ Breit­schaft etwas erdi­ger und stär­ker grun­diert beglei­ten. So bot er dem Solis­ten viel Raum, der sich – aus der Par­ti­tur spie­lend – aber lie­ber zurück­hielt und geschmei­dig in den Gesamt­klang ein­glie­der­te.

Doch im Zen­trum des Eröff­nungs­kon­zer­tes stand mit der gro­ßen und groß­ar­ti­gen Mes­se eine fröh­lich-über­schwäng­li­che Ver­to­nung des Ordi­na­ri­ums. Und Breit­schaft ließ kei­nen Zwei­fel an sei­ner Bereit­schaft, der Mes­se nicht nur Power ohne Ende mit­zu­ge­ben, son­dern auch stark kon­tras­tie­ren­de zar­te und inni­ge Momen­te. Und dann wie­der war die Mess­ver­to­nung sprit­zig-pul­sie­rend bis zur Gren­ze des Wahn­wit­zes. Aber es ging alles gut – der Dom­kam­mer­chor war bes­tens prä­pa­riert und ver­wöhn­te mit jugend­lich-fri­schem und schlan­ken Klang. Und die ver­sier­ten Solis­ten, neben der gewohnt sou­ve­rä­nen Janice Cres­well und der kla­ren Dia­na Schmid sowie dem zurück­hal­ten­den Bass Cle­mens Breit­schaft vor allem der cha­ris­ma­ti­sche und enga­gier­te Tenor Dani­el Jenz, lie­ßen auch kei­ne Wün­sche offen.

Ähn­lich forsch ging der Dom­kap­pell­meis­ter auch das C‑Dur-Te deum an. Das wur­de dann so rasant und ener­gie­prot­zend, dass es fast einen Tick ange­be­risch wirk­te. Aber nur fast: Denn Breit­schaft blieb immer gera­de noch so kon­trol­liert und ziel­ge­rich­tet, dass das Te deum zu einer unwi­der­steh­li­chen Ver­füh­rung, einer sanf­ten, unmerk­li­chen Über­re­dung hin zu Glau­ben und Kir­che, wur­de. Dass so wun­der­schö­ne Musik ent­stand, war fast nur ein Neben­pro­dukt. Aber wenn das so gut gelingt, dann lässt man ihm die Absicht zur Ver­füh­rung – die schließ­lich durch­aus im Sin­ne Haydns ist – ger­ne durch­ge­hen. Und hofft, dass die rest­li­chen Kon­zer­te des Musik­som­mers genau­so vie­le Ver­hei­ßun­gen preis­ge­ben wer­den.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zei­tung.)

gottesdienst wie in alten zeiten

Ein nord­deut­scher Got­tes­dienst zu Beginn des 17. Jahr­hun­derts – wie der wohl geklun­gen hat? Und was dort zu hören und zu erle­ben, zu sehen und zu fei­ern war, wenn es ein wich­ti­ger Fei­er­tag war wie etwa die Michae­lis­ves­per? Um das auf­zu­spü­ren, könn­te man sich jetzt eini­ge Wochen in die Biblio­thek set­zen und alte Kir­chen­ord­nun­gen, Musi­ker­rech­nun­gen und Par­ti­tu­ren stu­die­ren. Oder man setzt sich ent­spannt in sei­nen Hör­ses­sel und legt die gera­de erschie­ne SACD des Kna­ben­chor Han­no­ver in den Play­er. Dort ist näm­lich genau das auf­ge­nom­men: Eine ver­such­te Rekon­struk­ti­on so einer Michae­lis­ves­per, wie sie etwa in den 1620er-Jah­ren zum Bei­spiel in Wol­fen­büt­tel hät­te gesche­hen kön­nen. Jörg Brei­ding, der Diri­gent der Han­no­ve­ra­ner, hat mit fach­kun­di­ger Unter­stüt­zung aus den Wer­ken Micha­el Prae­to­ri­us, der genau dort Orga­nist und Hof­ka­pell­meis­ter war, ein mög­li­ches Gesamt­kunst­werk einer musi­ka­li­schen Ves­per zu Michae­lis zusam­men­ge­stellt. Und das dann zu unse­rem Glück mit sei­nem Chor und einer Men­ge Instru­men­tal-Exper­ten (dem Johann-Rosen­mül­ler-Ensem­ble und Hil­le Perls „The Siri­us Viols“ sowie dem Bre­mer Laut­ten-Chor) auf eine Super-Audio-CD gebannt. 80 Minu­ten fas­zi­nie­ren­de Musik sind das gewor­den, in denen man mit dem frem­den Blick des Nach­ge­bo­re­nen der unge­heue­ren Viel­falt der Musik Prae­to­ri­us‘ lau­schen darf, sei­nen Kon­zert­sät­zen und sei­nen Psal­men etwa, aber auch dem gro­ßen Magni­fi­cat, das in sich noch ein­mal mit sei­nem brei­ten Spek­trum musi­ka­li­scher Gestal­tungs­kraft fein dif­fe­ren­ziert. Genau das macht auch Brei­ding mit sei­nen Sän­gern und Instru­men­ta­lis­ten: Das ist, gera­de in der Har­mo­nie der Man­nig­fal­tig­keit und der wei­chen Fül­le des Klangs eine sehr fei­ne und fein­sin­ni­ge Auf­nah­me gewor­den. Scha­de nur, dass die Got­tes­diens­te heu­te sol­che musi­ka­li­schen Hoch­leis­tun­gen nicht (mehr) bie­ten.

Michae­lis­ves­per mit Wer­ken von Micha­el Prae­to­ri­us. Vie­le Solis­ten …. Kna­ben­chor Han­no­ver, Jörg Brei­ding. Ron­deau Pro­duc­tion SACD ROP7007, 2009.

(geschrie­ben für die neue chor­zeit)

Seite 1 von 3

Präsentiert von WordPress & Theme erstellt von Anders Norén