Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Schlagwort: chormusik Seite 2 von 3

wieder neu: brahms sinfonien und chorwerke

Es ist schon eine küh­ne Idee und fast eine Steil­vor­la­ge für den Kri­ti­ker: John Eli­ot Gar­di­ner will Brahms noch ein­mal „neu“ ent­de­cken – und dies­mal rich­tig. Viel­leicht muss man so selbst­be­wusst wie Gar­di­ner sein, um die­ser Musik gerecht zu wer­den. Denn das wird er in fast beängs­ti­gen­der Wei­se. Da bleibt ein­f­ch nichts mehr zu kri­ti­sie­ren.

Alle vier Sin­fo­nien hat er sich vor­ge­nom­men. Und er ergänzt sie mit gro­ßen Chor­wer­ken von Brahms selbst oder aus sei­nem Umfeld. Das heißt für die ers­ten bei­den, bereits erschie­nen CDs (die rest­li­chen zwei fol­gen im Lau­fe des nächs­ten Jah­res): Das Schick­sals­lied, der Begräb­nis­ge­sang, die Alt-Rhap­so­die umrah­men die Sin­fo­nien 1 und 2, dazu kommt noch Men­dels­sohn Bar­thol­dys „Mit­ten wir im Leben sind“ und Schu­berts „Gesang der Geis­ter über den Was­sern“ sowie zwei von Brahms für Chor und Orches­ter arran­gier­te Schu­bert-Lie­der. Die Inter­pre­ten sind alte Ver­trau­te Gar­di­ners: Das Orchest­re Révo­lu­ti­on­n­aire et Roman­tique sorgt mit sei­ner hohen inter­pre­ta­to­ri­schen und tech­ni­schen Kom­pe­tenz im Umgang mit his­to­ri­schen Instru­men­ten für den fas­zi­nie­rend durch­sich­ti­gen und far­ben­rei­chen Orches­ter­klang, der Mon­te­ver­di-Choir für die voka­le Prä­zi­si­on und klang­li­che Wucht, die Gar­di­ner zu bevor­zu­gen scheint.

Denn Gar­di­ner ist nicht nur ein Musi­ker, der sein Tun sehr genau bedenkt. Son­dern auch ein groß­ar­ti­ger Dra­ma­ti­ker – auch wenn er das meist im schlan­ken und fle­xi­blen Ges­tus sei­ner Inter­pre­ta­tio­nen ver­steckt. Nach der Halb­zeit ist klar, was man von die­sem Pro­jekt erwar­ten darf: Vie­les. Viel­leicht sogar alles. Die Sin­fo­nien: Präch­tig, leben­dig, unge­heu­er vital auf der einen Sei­te, aber auch ver­flixt ernst, bewusst und genau – als wüss­te die Musik selbst um ihren Stel­len­wert in der Musik­ge­schich­te.

Und die Chor­mu­sik: Durch­weg auf höchs­tem Niveau. Gut, der Mon­te­ver­di-Choir lässt ab und an einen leich­ten eng­li­schen Akzent auf­blit­zen. Das ist aber auch schon der ein­zi­ge Vor­wurf, den man ihm machen kann. Die oft im bes­ten Sin­ne thea­tra­li­sche Dra­ma­tik, die Wei­te des Spek­trums, die ihm in klang­li­chem Aus­druck und Dyna­mik zur Ver­fü­gung steht, die Beweg­lich­keit des Cho­res auch im gro­ßen Klang­vo­lu­men – das alles formt sich unter Gar­di­ners Hand zu fan­tas­ti­schen, unmit­tel­bar mit­rei­ßen­den und nach­hal­tig beein­dru­cken­den Musik.

Ob das die Brahms-Sicht wirk­lich ändert? Auf jeden Fall bringt es die Betei­lig­ten dazu, die­se Wer­ke noch ein­mal so „neu“ auf­zu­füh­ren, als wäre die Tin­te in der Par­ti­tur erst ges­tern tro­cken gewor­den.

(geschrie­ben für die neue chor­zeit)

geschaffen aus dem nichts

Es war ein Hit von der ers­ten Auf­füh­rung an, den Joseph Haydn vor 210 Jah­ren mit sei­nem Ora­to­ri­um „Die Schöp­fung“ gelan­det hat. Und wie jetzt der vol­le Dom bei schöns­tem Sonn­tags­som­mer­wet­ter beweist, gilt das auch noch heu­te. Man konn­te im Dom auch wun­der­bar erfah­ren, war­um genau die „Schöp­fung“ sich eigent­lich seit ihrer Urauf­füh­rung die­ser andau­ern­der Beliebt­heit erfreut: Kaum ein ande­res Werk Haydns – und auch die Vor­bild-Ora­to­ri­en Hän­dels nicht – kann so eine gro­ße Band­brei­te musi­ka­li­scher Mit­tel und so eine gelun­ge­ne Mischung aus Schön­heit, Dra­ma, Span­nung und Hap­py-End auf­wei­sen: Fast wie das Rezept eines Block­bus­ters liest sich die Lis­te der Eigen­schaf­ten die­ses Kom­po­si­ti­on.

Und Dom­ka­pell­meis­ter Mathi­as Breit­schaft gelingt es mit der gan­zen Mas­se der erwach­se­nen Sän­gern sei­ner Chö­re und dem vital spie­len­den Main­zer Kam­mer­or­ches­ter, die­se Mischung ganz aus­ge­zeich­net vor­zu­füh­ren und in der Balan­ce zu hal­ten. So erhält die auf­klä­re­risch gefärb­te Erzäh­lung der Schöp­fungs­ge­schich­te eine sehr poin­tier­te Dra­ma­tik. Breit­schaft nimmt sich näm­lich der plas­ti­schen Klang­schil­de­run­gen Haydns und sei­ner bild­haf­ten Ver­to­nung des bibli­schen Gesche­hens in dras­ti­scher Deut­lich­keit an. Das macht den Text fast über­flüs­sig, so klar und nach­voll­zieh­bar wird die Klang­spra­che im Dom ent­wi­ckelt. Und das Bes­te: Damit ist Breit­schaft noch nicht am Ende. Ihm gelingt es näm­lich außer­dem auch, die Ein­heit des Ora­to­ri­ums beto­nend zu wah­ren. Die zügi­gen Tem­pi und sei­ne schar­fe Kon­trol­le des Gesche­hens, gepaart mit der ener­gi­schen Ani­ma­ti­on aller Betei­lig­ten ver­hin­dern trotz aller fei­nen Arbeit das Ver­lie­ren in Details. Von der hier sehr fried­vol­len „Vor­stel­lung des Cha­os“ am Beginn, die die kom­men­de Ord­nung der Schöp­fung schon in sich trägt, bis zum gro­ßen Fina­le nach dem Lob­preis des para­die­si­schen Lebens im Gar­ten Eden reicht die voll­ende­te Ein­heit der Musik. Und die Solis­ten unter­stüt­zen ihn in sei­nen inten­si­ven Bemü­hun­gen. Bari­ton Diet­rich Gre­ve hilft mit fül­li­ger, warm­tö­nen­der Güte und Har­mo­nie, wäh­rend Tenor Mar­kus Schä­fer sich eher den dra­ma­ti­schen Akzen­ten und deut­li­chen Akzen­ten ver­pflich­tet sieht. Vor allem die Sopra­nis­tin Sabi­ne Goetz aber beein­druckt mit ihrer engels­glei­chen, rei­nen und in allen Lagen aus­ge­ge­li­che­nen Stim­me – eine wun­der­ba­re Beset­zung für den Erz­engel Gabri­el. Der Chor wirk­te neben die­ser lei­den­schaft­li­chen und aus­ge­spro­chen prä­zi­sen fast etwas blass, bewäl­tigt sei­ne Par­tie aber natür­lich sehr sicher. Mit so viel cho­ri­scher Mas­se, die sich – etwa im wun­der­bar zar­ten Ein­gangs­chor – durch­aus zäh­men lässt, kann Breit­schaft sou­ve­rän arbei­ten. Und da ist es kein Wun­der, dass die „Schöp­fung“ auch in Mainz ihren Sta­tus als immer­wäh­ren­der Hit behaup­ten kann.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zei­tung)

orff, bartók und gershwin glücklich vereint

Béla Bar­tók, Geor­ge Gershwin und Carl Orff haben wenig gemein. Und doch pas­sen sie alle in das Kon­zert des Bach­cho­res in der Chris­tus­kir­che. Denn klei­ne Über­ein­stim­mun­gen fin­den sich doch. Zum Bei­spiel, um ganz prag­ma­tisch anzu­fan­gen, es gibt von jedem Musik für zwei Kla­vie­re – wenn man schon zwei hoch­klas­si­ge Pia­nis­ten wie die Brü­der Para­to­re zur Ver­fü­gung hat, muss man das ja auch nut­zen. Und sie kom­po­nier­ten (fast) zur glei­chen Zeit: Gershwins „Rhap­so­dy in Blue“ war 1924 erst­mals zu hören, Bar­tóks Sona­te für zwei Kla­vie­re und Schlag­zeug im Janu­ar 1938 und Orffs „Car­mi­na burana“ ent­stand ab 1934. Das hört man ihnen aber kaum an, denn trotz der zeit­li­chen Nähe bleibt die­se Tri­as grund­ver­schie­den.

Bar­tóks Sona­te zum Bei­spiel ist ein eher sprö­des, auch nur sel­ten auf­ge­führ­tes Werk. Und eigent­lich klingt es auch nicht so harm­los, wie hier in der Chris­tus­kir­che. Da trägt der Raum gro­ße Mit­schuld, der vie­les weich­zeich­net und ver­schwim­men lässt. Antho­ny und Joseph Para­to­re ver­su­chen zwar, durch kna­cki­ge Poin­tie­run­gen dem etwas ent­ge­gen­zu­set­zen. Aber so rich­tig weit kom­men sie damit nicht. So bleibt die Sona­te mit der unge­wöhn­li­chen Beset­zung für zwei Kla­vie­re und zwei Schlag­wer­ker (die aus dem Ensem­ble Babet­te Haag kamen) für die­ses Mal fast eine ver­wun­sche­ne Feen­mu­sik, deren weich flie­ßen­de, stel­len­wei­se sogar ins rausch­haft tau­meln­de Klang­wel­ten aber durch­aus auch bedroh­li­che­re Sze­na­ri­en her­bei­zau­bert. Doch noch bleibt alles Rohe und Wil­de in siche­rer Distanz und fest ein­ge­zäunt.

Gershwins Musik kennt sol­che Gefah­ren nicht. Rou­ti­niert arbei­ten sich die Pia­nis­ten mit jahr­zehn­te­lan­ger Erfah­rung durch die Rhap­so­dy in Blue. Das Schlag­werk bleibt hier aber eher ras­seln­der und schep­pern­der Fremd­kör­per, was dem Zau­ber aber nicht wei­ter scha­det.

Dafür dür­fen die Per­cus­sio­nis­ten danach noch ein­mal alles geben: Die „Car­mi­na burana“, die der Bach­chor in der vom Orff-Schü­ler Wil­helm Kill­may­er ange­fer­tig­ten Fas­sung für zwei Kla­vier und Schlag­werk prä­sen­tier­te, bie­tet ja nicht nur dem Chor reich­lich Mög­lich­kei­ten zum Bril­lie­ren. Dem aber unge­dingt auch – und der Bach­chor nutzt die wie immer ganz selbst­ver­ständ­lich. Unter Ralf Ottos beseel­ter Lei­tung ergibt sich orga­nisch eines aus dem ande­ren, lau­fen Chor­sät­ze naht­los in Soli und umge­kehrt, ver­bin­den sich Humo­res­ke und Folk­lo­re, Lie­bes­leid und Freu­den­tau­mel zu einer mäch­ti­gen, klan­ge­wal­ti­gen Ein­heit. Beson­ders aus­zeich­nend dabei: Die uner­schütt­li­che Prä­zi­si­on – nicht nur tech­nisch, son­dern auch klang­lich und emo­tio­nal tref­fen Otto und sei­ne Sän­ger immer genau auf den Punkt. Auch die Solis­ten pas­sen gut dazu: Dani­el Sans gefällt mit beherrsch­ter Sicher­heit, der komö­di­an­tisch begab­te Klaus Häger mit sei­nem unkom­pli­zier­tem Bass und die Sopra­nis­tin Valen­ti­na Far­cas fügt sich mit selbst in gro­ßer Höhe kla­rer Stim­me wun­der­bar ins Gesamt­bild. Kein Wun­der, dass die aus­ver­kauf­te Chris­tus­kir­che rest­los begeis­tert ist.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zei­tung)

passionsmusik aus siebenbürgen

Sie­ben­bür­gen ist nicht gera­de ein Zen­trum deut­scher Kir­chen­mu­sik. Genau­er gesagt, ist es eher ein Zen­trum von gar nichts. Manch­mal sind aber die Rän­der durch­aus inter­es­san­ter als die Mit­te. Etwa, wenn dort bestimm­te Tra­di­tio­nen über­le­ben, wie zum Bei­spiel die über lan­ge Zeit wei­ter­ge­ge­be­nen loka­len Pas­si­ons­mu­si­ken. Das soll­te man wis­sen, wenn man sich die „Sie­ben­bür­gi­sche Pas­si­ons­mu­sik“ für Chor, Solis­ten und Orgel von Hans Peter Türk anhört. Denn Türk ist ein sie­ben­bür­gi­scher Kom­po­nist.

Eine neue Mat­thä­us-Pas­si­on also, als Fort­füh­rung noch erhal­te­ner Bräu­che – aber den­noch über­haupt nicht bloß bewah­rend, son­dern eben wei­ter­füh­rend. Denn Türk ist zwar kein Avant­gar­dist, aber doch – trotz sei­ner geo­gra­phi­schen Rand­la­ge – als Kom­po­si­ti­ons­pro­fes­sor ein Ken­ner der Ent­wick­lun­gen und Tech­ni­ken in der Musik. Und zwar nicht nur der Musik der letz­ten Jah­re. Denn sei­ne „Sie­ben­bür­gi­sche Pas­si­ons­mu­sik“ bedient sich bei For­men und Tech­ni­ken aus eigent­lich der gan­zen abend­län­di­schen Musik­ge­schich­te. Das führt zu eini­gen eigen­ar­ti­gen und bemer­kens­wer­ten Ergeb­nis­sen, die die Ein­spie­lung mit der Meiß­ner Kan­to­rei 1961 unter Christ­fried Brö­del und mit Ursu­la Phil­ip­pi an der Orgel ein­drück­lich vor­führt.
Denn wie immer, wenn sich Bekann­tes mit Frem­dem, Ver­trau­tes mit Exo­ti­schem mischt, ent­deckt man rei­lich Neu­es und Inter­es­san­tes – in Bei­dem. Der Text bleibt ganz auf ver­trau­tem Boden, in der Musik ent­wi­ckelt der 1940 gebo­re­ne Sie­ben­bür­ge aber einen eige­nen Ton. Dabei ver­traut Türk auf die Wor­te – und zwar sehr stark. Dar­aus und damit ent­wi­ckelt er eine Musik, die sich dem Hörer unmit­tel­bar unmit­teilt. Und sie zeigt deut­lich: Hier geht es nicht dar­um, um jeden Preis außer­ge­wöhn­li­che Musik zu fin­den. Türk strebt offen­bar viel mehr danach, der Pas­si­ons­er­zäh­lung ein zeit­ge­mä­ßes musi­ka­li­sches Gewand zu geben, sie aber zual­ler­erst als Erzäh­lung zu ver­ste­hen. Und das kann dann eben auch hei­ßen, sich als Kom­po­nist extrem zurück­zu­neh­men. Auch in die­ser kon­zen­trier­ten Form, mit weni­gen Ein­wür­fen, behut­sam unter­ma­len­den Tönen der Orgel etwa gelingt es ihm ohne Wei­te­res, star­ke Kon­tras­te und nahe­ge­hen­de Stim­mun­gen zu ver­mit­teln, span­nen­de Rezi­ta­ti­ve zu schrei­ben, die natür­lich und kunst­voll zugleich wir­ken. Und vor allem hoch­gra­dig ein­fühl­sa­me, inten­siv vibrie­ren­de Cho­rä­le, die den wah­ren Kern die­ser Pas­si­ons­mu­sik bil­den.

Das ist dann in der Sum­me eine durch­aus moder­ne Musik, die ver­ständ­lich und unbe­dingt zugäng­lich auch für Nicht-Ken­ner der zeit­ge­nös­si­schen Musik ist. Und eigent­lich sogar für deren Ver­äch­ter zu ertra­gen. Gut funk­tio­nie­ren­de Kir­chen­mu­sik also.

Hans Peter Türk: Sie­ben­bür­gi­sche Pas­si­ons­mu­sik für den Kar­frei­tag nach dem Evan­ge­lis­ten Mat­thä­us für Chor, Solis­ten und Orgel. Ursu­la Phil­ip­pi, Orgel. Meiß­ner Kan­to­rei 1961, Christ­fried Brö­del. Musik­pro­duk­ti­on Dabring­haus und Grimm 2009. MDG 902 1554–6.

(geschrie­ben für die neue chor­zeit)

einmal quer durch die musikgeschichte: schütz, pergolesi und brahms im passionskonzert

Es war ein Hin und Her wie sel­ten bei den Dom­kon­zer­ten: Die Chö­re wech­sel­ten, es wur­de mit und ohne Orches­ter musi­ziert, die Solis­ten­blie­ben auch alle nicht lan­ge, selbst der Diri­gent wur­de getauscht. Und doch herrsch­te auch ganz viel Andacht im Pas­si­ons­kon­zert. Im Zen­trum stand dabei die Mat­thä­us-Pas­si­on von Hein­rich Schütz, die eigent­lich gar kei­ne Pas­si­on ist. Zumin­dest nicht im musi­ka­li­schen Sinn. Denn bei Schütz heißt die Ver­to­nung der Pas­si­ons­ge­schich­te noch His­to­rie – eine Erzäh­lung der Lei­den Chris­ti. Und die hält sich, von Ein­gangs- und Schluss­chor abge­se­hen, streng an den Text des Evan­ge­lis­ten. Ari­en und Cho­rä­le wird man hier also ver­ge­bens erwar­ten. Die Nähe zum Bibel­text führt dazu, dass gro­ße Tei­le vom Evan­ge­lis­ten und den ande­ren Solis­ten über­nom­men wer­den, der Chor mehr oder min­der auf kur­ze Ein­wür­fe beschränkt bleibt. Das soll­te aller­dings nicht zu so einer Het­ze füh­ren wie im Dom. Denn weder Mathi­as Breit­schaft noch der eigent­lich sehr soli­de Evan­ge­list Dani­el Käs­mann nah­men sich im Gleich­maß der fort­lau­fen­den Bewe­gung, des unun­ter­bro­che­nen Berich­tes Zeit für beson­de­re Momen­te, für Augen­bli­cke der Dra­ma­tik. Die sind aber auch bei Schütz durch­aus vor­han­den – man muss sich nur etwas mehr Mühe geben, sie frei­zu­le­gen. Wie das geht, weiß Breit­schaft ja durch­aus. Das stell­te er dann etwa im Schluss­chor unter Beweis: Hier hat­te er auf ein­mal Zeit für sub­ti­le Aus­deu­tung, die die Dom­kan­to­rei auch – trotz der star­ken Beset­zung – sehr deut­lich und trans­pa­rent, vor allem aber mit leich­tem Klang mit­mach­te und mit­trug.

Kars­ten Storck über­nahm das Diri­gat der ande­ren bei­den Wer­ke. Neben dem etwas blas­sen und unschein­ba­ren 13. Psalm für Frau­en­chor von Johan­nes Brahms, den der Mäd­chen­chor sehr brav sang, war das vor allem Gio­van­ni Per­go­le­sis „Sta­bat Mater“. Des­sen rei­ne Melo­dien ver­herr­li­chen im Wohl­klang sowohl der Chor­sät­ze als auch der Ari­en und Duet­te mit den bei­den schön auf­ein­an­der abge­stimm­ten Solis­tin­nen, Doro­thee Laux und Patri­cia Roach, die süße Wol­lust der Schmer­zen. Gera­de der stän­di­ge Wech­sel zwi­schen Chor und Soli gelang Storck dabei sehr schön. Denn die Chor­sät­ze ließ er immer etwas stär­ker zele­brie­ren als unbe­dingt nötig. Zusam­men mit der Inti­mi­tät der Ari­en kam das „Sta­bat Mater“ so in sei­ner gesam­ten Län­ge zu einem wohl­ge­run­de­ten Pul­sie­ren, einer ange­neh­men Mischung aus zügi­gen Tem­pi und inni­gen Momen­ten der Emp­find­sam­keit. Und dar­um geht es schließ­lich: Das Mit-Gefühl zu wecken.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zei­tung.)

power und einfühlungsvermögen: händels oratorien im querschnitt

Nicht alle Hän­del-Ein­spie­lun­gen, die jetzt erschei­nen, ver­dan­ken ihre Ent­ste­hung dem Jubi­lä­um des Kom­po­nis­ten. Der Maul­bron­ner Kam­mer­chor und sein Lei­ter Jür­gen Bud­day etwa beschäf­ti­gen sich schon län­ger und sehr erfolg­reich mit den gro­ßen Ora­to­ri­en des Meis­ters. Und seit zehn Jah­ren wer­den ihre Auf­füh­run­gen von K&K mit­ge­schnit­ten. Aus die­sem reich­hal­ti­gen Mate­ri­al hat das Label nun, zur Fei­er des dop­pel­ten Jubi­lä­ums sozu­sa­gen, eine Aus­wahl unter dem Titel „The Power of Hän­del“ zusam­men­ge­stellt. Die etwas rei­ße­ri­sche Ver­mark­tung ver­zeiht man ger­ne – denn „out­stan­ding“ sind sie wirk­lich, die­se aus­ge­wähl­ten Soli und Chö­re. Und „Power of Hän­del“ heißt das gan­ze Unter­neh­men zu recht. Denn was immer wie­der sofort auf­fällt, ist die immense Kraft, die Bud­day und sei­ne Mit­strei­ter in der Musik zum Leben erwe­cken. Das liegt bei­lei­be nicht nur an den fast durch­weg zügig bis rasan­ten Tem­pi. Eine Freu­de ist es aber schon, zu hören, wie prä­zi­se der Maul­bron­ner Kam­mer­chor auch bei hohem Tem­po bleibt, wie rasch die Sän­ger – immer­hin kei­ne Pro­fis! – reagie­ren und wie wen­dig sie in Klang und Aus­druck blei­ben.

Klar­heit, Prä­gnanz und poin­tier­te Aus­drucks­stär­ke gehen eine aus­ge­spro­chen frucht­ba­re Alli­anz ein. Und dass hier federnd und sprit­zig gesun­gen wird – mit Freu­de und Esprit aller Betei­lig­ten – das hört man eben in fast jedem Moment. Und man hört es ger­ne, zumal auch die Auf­nah­me atmo­sphä­risch gelun­gen ist.

The Power of Hän­del. Best of his glo­rious Ora­to­ri­os. Solis­ten, Maul­bron­ner Kam­mer­chor, Jür­gen Bud­day. KuK 44, 2008.

(geschrie­ben für die neue chor­zeit)

schönheit in groß: mendelssohn bartholdys elias

Die gro­ße Büh­ne der Phö­nix­hal­le ist voll gefüllt. Dicht an dicht ste­hen und sit­zen die Stu­den­ten in Chor und Orches­ter des Col­le­gi­um Musi­cums der Uni­ver­si­tät. Denn Felix Men­dels­sohn Bar­thol­dy ver­langt vol­len Ein­satz und gro­ße Mas­sen für sein Ora­to­ri­um „Eli­as“. Und obwohl die Zahl der Mit­wir­ken­den hier noch lan­ge nicht an die der Urauf­füh­rung her­an­reicht, kommt der „Eli­as“ in die­sem Semes­ter-Abschluss­kon­zert ziem­lich groß­ar­tig und mäch­tig daher. Das hin­dert den Diri­gen­ten Jos­hard Daus aber über­haupt nicht dar­an, auch den Details aus­rei­chend Auf­merk­sam­keit zu schen­ken.
Die­ser „Eli­as“ ist also schön, über wei­te Stre­cken sogar wun­der­schön. Aber er ist ein­fach nur schön. Das ist zwar eigent­lich groß­ar­tig. Und auch über­haupt kei­ne ein­fa­che Leis­tung. Dass aber den­noch etwas fehlt, merkt man an eini­gen Stel­len. Etwa an den Soli von Ulf Bäst­lein, der geschmei­dig und voll­tö­nend einen wun­der­bar emo­tio­na­len Eli­as gibt, der durch­aus auch mal am feh­len­den Glau­ben sei­nes Vol­kes ver­zwei­feln kann. Oder auch an der ele­gan­ten Leich­tig­keit der Engels­mu­sik von Fionnu­a­la McCar­thy. Das ist näm­lich genau die Tren­nungs­li­nie zwi­schen den Solis­ten (außer­dem noch die soli­de Altis­tin Clau­dia Rüg­ge­berg und der etwas ver­wa­schen klin­gen­de Tenor Julio Fernán­dez) und den Ensem­bles, vor allem dem Chor: Daus küm­mert sich nicht beson­ders um die reli­giö­sen Inhal­te. Ihm scheint es im Gegen­satz zu sei­nen Solis­ten vor allem um die rei­ne Musik zu gehen, ihre klang­li­che Gestalt führt er immer wie­der auf Hoch­glanz poliert vor.
Das kann Daus aus­ge­zeich­net. Und auch deli­ka­te Stim­mun­gen evo­zie­ren. Aber was ihm weni­ger gelingt, das ist die wei­ter umfas­sen­de Span­nung, die Dra­ma­tur­gie des gesam­ten Ora­to­ri­ums. Zwar bemüht er sich um zügig-flie­ßen­de Tem­pi und dich­te Anschlüs­se der ein­zel­nen Sät­ze und Num­mern, ver­passt dabei aber immer wie­der eigent­li­che Höhe­punk­te. Dort, wo die Musik klein und leicht, detail­reich und schwe­bend sein kann und soll, dort hat er sei­ne größ­ten Stär­ken. Er lässt sei­ne Musi­ker zwar immer wie­der Anlauf neh­men für den nächs­ten Span­nungs­gip­fel – aber die letz­ten Meter ver­wei­gert er ihnen dann ger­ne.
Kei­nen Abbruch tut das dem Enga­ge­ment und der Leis­tung der Stu­den­ten. Vor allem der Chor zeigt sich wie­der ein­mal als Wachs in den Hän­den Daus‘. Weich und geschmei­dig, kom­pakt und erstaun­lich beweg­lich folgt er ihm sehr bereit­wil­lig für zwei Stun­den gro­ße und rei­ne Musik
(geschrie­ben für die main­zer rhein-zei­tung)

kleines gebet, große wirkung (zumindest musikalisch)

Es sind nur 28 Tak­te. Aber sie sind ernst gemeint. Vid­man­t­as Bar­tu­lis„Mal­delé“ ist wirk­lich ein „klei­nes Gebet“ (so lässt sich „Mal­delé“ über­set­zen) – ein lei­ses aber inni­ges, ganz offen­bar von Her­zen kom­men­des Fle­hen und Bit­ten. 1995 hat der 1954 gebo­re­ne Litaue Bar­tu­lis sein „Gebet“ auf einen Text des litaui­schen Dich­ters Vale­ri­jus Rud­zins­kas kom­po­niert, jetzt ist es in der Rei­he „Neue Chor­mu­sik aus Litau­en“ beim Eres-Ver­lag, der auch sonst der bal­ti­schen Chor­mu­sik beson­de­re Auf­merk­sam­keit wid­met, erschie­nen.

Aus dem Beginn, einem kur­zen klang­ma­le­ri­schen Gemur­mel schält sich der Text her­aus. Für einen sicher vier­stim­mig sin­gen­den Chor (nur ganz kurz, näm­lich für zwei Tak­te, wird die Vier­stim­mig­keit zum acht­stim­mi­gen Chor auf­ge­teilt) ist das kei­ne beson­de­re Her­aus­for­de­rung. Bar­tu­lis ver­weilt durch­weg – mit mini­ma­len Aus­wei­chun­gen in die Moll­par­al­le­le – in ange­nehm sing­ba­ren G‑Dur. Kom­po­si­to­risch ver­folgt er offen­bar eine Stra­te­gie der tota­len Reduk­ti­on: Har­mo­nisch wird das Gebet fast aus­schließ­lich von Kaden­z­drei­klän­gen bestimmt, eine zusätz­li­che Quar­te ist schon das höchs­te. Auch sonst zeich­net sich „Mal­delé“ kon­se­quent durch sei­ne Schlicht­heit aus: Eine ein­fachs­te Repri­sen-Form, ganz leicht fass­ba­re Har­mo­nik, völ­lig unkom­pli­zier­te Melo­dik und Rhyth­mik – alle ste­hen sie ganz im Dienst des Betens, der fra­gen­den Suche nach dem gött­li­chen Licht, von dem der Text spricht.

Vid­man­t­as Bar­tu­lis: Mal­delé für gemisch­ten Chor. Eres Chor­edi­ti­on 3503 (Neue Chor­mu­sik aus Litau­en). 3 Sei­ten. 1,65 Euro.

(geschrie­ben für die Neue Chor­zeit, Janu­ar 2008).

heinz benker: marianisches triptychon

Kraft­voll tönt es, das „Maria­ni­sche Tri­pty­chon“ von Heinz Ben­ker für 3 bis 5 glei­che Stim­men. Aber oft ist es doch ein wenig arg aka­de­misch gedacht, arg tro­cken kom­po­niert. Gut acht Minu­ten dau­ern die drei grund­sätz­lich drei­stim­mi­gen, nur stel­len­wei­se auf vier oder fünf Stim­men erwei­ter­ten Chor­sät­ze. Und doch zeigt sich in die­ser Zeit kaum Peso­nal­stil. So bleibt das alles also außer­or­dent­lich unschein­bar, in nahe­zu jeder Hin­sicht ohne spe­zi­el­len Anspruch. Denn auch von den Inter­pre­ten ver­langt Ben­ker damit kei­ne beson­de­ren Kunst­fer­tig­kei­ten. Das ist Musik für den kirch­li­chen All­tag, die der 2000 ver­stor­be­ne baye­ri­sche Schul­mu­si­ker hier vor­ge­legt hat – nicht mehr und nicht weni­ger. Im Gedächt­nis bleibt davon aller­dings wenig haf­ten. Zu wenig for­men sich Mari­en­glau­be, Mari­en­leid und Mari­en­lob näm­lich zu einem eigen­stän­di­gen, indi­vi­du­el­len Werk. Weder text­lich noch musi­ka­lisch zei­gen sich kla­re Posi­tio­nen, die die­ser Musik ihre schlich­te Bläs­se aus­trei­ben könn­ten. Doch im rich­ti­gen Kon­text, im pas­sen­den Umfeld mag das viel­leicht tat­säch­lich gut zu gebrau­chen sein und sich ent­fal­ten kön­nen – schwer zu rea­li­sie­ren ist es jeden­falls nicht.

Heinz Ben­ker: Maria­ni­sches Tri­pty­chon für 3–5 glei­che Stim­men. Schorn­dorf: Scho­ling-Ver­lag Nr. 449. 11 Sei­ten. 5,40 Euro.

(geschrie­ben für die Neue Chor­zeit, Janu­ar 2008)

an die sterne. schumanns weltliche chormusik

An die Ster­ne“ ist die ers­te CD mit Robert Schu­manns welt­li­cher Chor­mu­sik beti­telt, die das Orpheus Vokal­ensem­ble unter Cary Gra­den bei Carus vor­ge­legt hat. Ganz rei­chen die Sän­ger aber nicht ans Fir­ma­ment. Das 2005 gegrün­de­te Orpheus-Vokal­ensem­ble, des­sen ers­te Auf­nah­me die­se CD ist, über­zeugt näm­lich nur bedingt. Stö­rend wir­ken sich nicht nur das fast per­ma­nen­tes Über­ge­wicht der Frau­en­stim­men und die teil­wei­se auf­fal­lend mit­tel­mä­ßi­ge tech­ni­sche Prä­zi­si­on aus, irri­tie­ren­der sind vor allem an der Man­gel an Klang­dif­fe­ren­zie­rung und Cha­ris­ma. Dabei ist es ja wirk­lich nicht so, dass Schu­manns Chö­re fade Kost sind. Die „Fünf Lie­der“ op. 55 (auf Gedich­te von Robert Burns) sind zum Bei­spiel ganz aus­ge­zeich­ne­te klei­ne Kost­bar­kei­ten. Und hier zeigt dass Orpheus-Vokal­ensem­ble auch, dass es durch­aus fähig ist: Die­se fünf Lie­der sind wirk­li­che klei­ne glit­zern­de Ster­ne.

Und musi­ka­li­sches Ein­füh­lungs­ver­mö­gen beweist der Chor unter Gary Gra­den (und auch der beglei­ten­de Pia­nist, Kon­rad Elser) immer wie­der in über­ra­schen­dem Maße – das macht vie­les wett. Es ist aber schon auf­fal­lend, dass gera­de die getra­ge­nen, lang­sa­men Lie­der (fast) immer bes­ser sind als die beweg­ten, mehr Gespür für Atmo­sphä­re und Klang­sinn verr­ra­ten. Und je kom­ple­xer die Kom­po­si­tio­nen wer­den, des­to bes­ser wird auch der Chor – wie die beson­ders plas­ti­sche Inter­pre­ta­ti­on der „Vier dop­pel­chö­ri­gen Gesän­ge“ op. 141 sehr deut­lich zeigt. Gera­de der Wech­sel zwi­schen aus­ge­spro­chen kunst­vol­len Chor­sät­zen und volks­lied­haft ein­fa­chen Chor­lie­dern, der die gan­ze Band­brei­te des cho­ri­schen Wer­kes Schu­manns auf­zeigt, macht aber den beson­de­ren Reiz die­ser Samm­lung aus.

Robert Schu­mann: An die Ster­ne. Welt­li­che Chor­mu­sik I. Orpheus-Vokal­ensem­ble. Kon­rad Elser, Kla­vier. Lei­tung. Gary Gra­den. Carus 83.173.

(geschrie­ben für die Neue Chor­zeit, janu­ar 2008)

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