»Nächstens mehr.«

Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Ins Netz gegangen (2.4.)

Ins Netz gegan­gen am 2.4.:

  • Zum Tod von Jac­ques Le Goff – Nils Mink­mar wür­digt den gro­ßen Medi­ävis­ten Jac­ques Le Goff in sei­nem Nachruf:

    Kein The­ma war zu ent­le­gen, kei­ne Fra­ge­stel­lung zu banal, als dass er nicht dar­auf ein­ge­stie­gen wäre. Sein Fun­dus an Anek­do­ten, Lese­früch­ten und Zita­ten aus den Quel­len war so beschaf­fen, dass immer etwas pass­te, nie erleb­te man ihn sprach- oder lust­los. Doch er nutz­te die­se beson­de­re Posi­ti­on eines weit­hin bekann­ten Gelehr­ten und >public intellec­tu­al< nicht, um sich eine aka­de­mi­sche Macht­ba­sis zu erreicht…

  • bue​cher​-maga​zin​.de | Repor­ta­ge: Poe­ti­sche Spu­ren­su­che – Auf dem Weg zur Gegen­warts­ly­rik – Eli­sa­beth Dietz hat sich nach dem Befin­den der Gegen­warts­ly­rik erkun­digt – bei ihren Mache­rin­nen und bei den Vertreibern:

    Was macht eigent­lich die Lyrik? Man sieht sie nur noch sel­ten in der Öffentlichkeit, und wenn, dann redet sie wirr. 

  • Lie­bens­wer­te Löwen für die Rhön « BILD­blog – Gran­di­os: Die DPA fällt auf einen sehr durch­sich­ti­gen April­scherz des Hes­si­schen Umwelt­mi­nis­te­ri­ums rein 
  • Stif­tung Lyrik Kabi­nett – „Die Gedicht­bü­cher des Jah­res 2013“, eine klu­ge Lis­te der Deut­schen Aka­de­mie für Spra­che & Dich­tung mit dem Mün­che­ner Lyrik Kabi­nett (und eini­ge ken­ne ich sogar schon …)
  • ‘Women con­duc­tors? It’s not get­ting any bet­ter, only worse’ – »This is a purely bio­lo­gi­cal ques­ti­on.« Ein alter Sack (und Diri­gen­ten­leh­rer – als sol­cher auch sehr erfolg­reich und ein­fluss­reich) sagt, Frau­en könn­ten nicht dirigieren
  • Mario Barth: Recher­che? Nie gehört! Wozu auch? – Ste­fan Nig­ge­mei­er in der FAZ über die (neu­en ?) Untie­fen des deut­schen Fernsehens:

    Eine aggres­si­ve Dumm­heit, ein bru­ta­les Nicht-wis­sen-Wol­len prägt die­se Sen­dung. Für Mario Barth und sei­ne Hand­lan­ger ist alles eins: Ob tat­säch­li­che kri­mi­nel­le Ver­un­treu­un­gen, ärger­li­che Fehl­pla­nun­gen oder unab­seh­ba­re Aus­ga­ben, deren Sinn einem Lai­en nicht unmit­tel­bar ein­leuch­ten – wenn man es mit dem Des­in­ter­es­se des Mario Barth betrach­tet, sieht alles gleich aus. Jedes Bei­spiel ein Beleg für das, was…

  • Die deut­sche Sehn­sucht, unschul­dig zu sein – taz​.de – Gerd Krum­eich, Spe­zia­list für den Ers­ten Welt­krieg, resü­miert die Debat­ten um die (deut­sche) Kriegschuld und beson­ders die begeis­ter­te Rezep­ti­on der The­sen Chris­to­pher Clarks in Deutsch­land – und kommt zu einem dif­fe­ren­zier­te­ren Schluss:

    Alle Mäch­te waren vor 1914 an der Zuspit­zung und Ver­feind­li­chung des Alli­anz­sys­tems betei­ligt. Genau­so wie am Wett­rüs­ten. Da hat Deutsch­land kei­ne beson­de­re Ver­ant­wor­tung. Aber die Explo­si­on des Juli 1914 gab es, weil das Deut­sche Reich auf den Zünde…

  • Tho­mas Piket­ty im Inter­view: Rück­kehr des Kapi­tals – Süddeutsche.de – Der Öko­nom Tho­mas Piket­ty warnt vor einer zuneh­mend unglei­chen Ver­tei­lung des Ver­mö­gens – weil inzwi­schen der nor­ma­le Zustand ein­ge­tre­ten ist, dass das Wirt­schafts­wachs­tum nicht bei fünf oder mehr Pro­zent liegt, geht die Sche­re zwi­schen Arbei­ten­den und Ver­mö­gen­den immer wei­ter auf:

    Der Wohl­stand ist nicht rich­tig ver­teilt. Des­we­gen bin ich für eine pro­gres­si­ve Ver­mö­gen­steu­er, die steigt, je rei­cher jemand ist.

Twitterlieblinge März 2014

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Ins Netz gegangen (26.3.)

Ins Netz gegan­gen am 26.3.:

  • New Sta­tes­man | What dri­ves the men who think femi­nists and for­eig­ners want to wipe them out? – Lau­rie Pen­ny ver­sucht, Mas­ku­lis­ten zu verstehen:

    Femi­nism, for ins­tance, is not in rea­li­ty a stra­tegy coo­ked up by left-wing women so we can take all of men’s power and money for our­sel­ves and turn them into sex slaves. I know this becau­se, if it was, I would be sit­ting on a gigan­tic gol­den thro­ne with oiled flun­kies fee­ding me cho­co­la­te bis­cuits, rather than having the same argu­ments over and over again

  • Dilet­tan­ten : Der rei­che Maes­tro, den kei­ner mag – DIE WELT – Kon­stan­tin Rich­ter hat die kurio­se Geschich­te von Ashot Tigran­yan aufgeschrieben:

    Ashot Tigran­yan ist als Gei­ger ein hoff­nungs­lo­ser Fall. Hören will ihn nie­mand. Trotz­dem gibt er Unsum­men aus, um durch die Welt zu tou­ren. Eine Begeg­nung mit einem Mysterium.

    Das klingt alles so absurd und ver­rückt, das wür­de man kei­nem Roman oder Film abnehmen …

  • [toread] AAC – Fackel – »Die Fackel. Her­aus­ge­ber: Karl Kraus, Wien 1899−1936«
    AAC Digi­tal Edi­ti­on No 1

    The AAC digi­tal edi­ti­on of the jour­nal »Die Fackel«, edi­ted by Karl Kraus from 1899 to 1936, offers free online access to the 37 volu­mes, 415 issues, 922 num­bers, com­pri­sing more than 22.500 pages and 6 mil­li­on wordforms.

    The AAC-FACKEL con­ta­ins a ful­ly searcha­ble data­ba­se of the enti­re jour­nal with various inde­xes, search tools and navi­ga­ti­on aids in an inno­va­ti­ve and high­ly func­tion­al gra­phic design inter­face, in …

  • Ste­fan Nig­ge­mei­er über Live-Ticker – FAZ – Ste­fan Nig­ge­mei­er betrach­tet die Live­ti­cker – in Theo­rie und Pra­xis, mit eher ernüch­tern­dem Ergeb­nis (aber wen wundert’s …):

    Aber wie das so ist: Eine Soft­ware, die es sehr leicht macht, einen Text zu aktua­li­sie­ren, macht es auch sehr schwer, ihn nicht zu aktua­li­sie­ren. Und so wohnt den Nach­rich­ten­ti­ckern die Ten­denz inne, zu Nicht-Nach­rich­ten­ti­ckern zu wer­den. […] Dabei müss­te man im Inter­net, anders als im linea­ren Fern­se­hen, die Zeit, in der nichts pas­siert, eigent­lich gar nicht mit gro­ßem Nichts füllen.

    Es mischen sich: eine Fixie­rung auf Ober­fläch­lich­kei­ten […], ein per­ma­nen­ter Alar­mis­mus und der Hang, auf der Grund­la­ge von Nicht­wis­sen, Halb­wis­sen und Schein­wis­sen weit­rei­chen­de Spe­ku­la­tio­nen anzustellen.

    Es ist in man­cher Hin­sicht eine unjour­na­lis­ti­sche jour­na­lis­ti­sche Form: Sie sor­tiert und gewich­tet nicht, sie sam­melt nur und hält das, was sie fin­det, in chro­no­lo­gi­scher Rei­hen­fol­ge fest.

  • Slo­gan Cau­ses Pen­cil Recall – New York TimesThe­se pen­cils were with­drawn from schools after a pupil poin­ted out a pro­blem, viaTwit­ter /​qiki­pe­dia

Tradition

Tra­di­ti­on ist die Wei­ter­ga­be des Feu­ers und nicht die Anbe­tung der Asche.

—Gus­tav Mahler, in Varia­ti­on eines Zitats von Tho­mas Morus

Gedenken und Helden II

Selbst Absur­di­tä­ten kann man noch ad absur­dum füh­ren – zumin­dest in Hes­sen. Vor eini­gen Tagen habe ich mich hier über den Plan des hr-fern­se­hens, die neue Frank­fur­ter-Tat­ort­kom­mis­sa­rin nach einem jüdi­schen Opfer des Natio­nal­so­zia­lis­mus zu benen­nen echauf­fiert. Vor allem die gegen­über der Pres­se geäu­ßer­ten Moti­ve und Begrün­dun­gen für die­se Namens­wahl haben, um es vor­sich­tig zu sagen, mein Miss­fal­len erregt. Aber das war lei­der noch nicht das Ende: Weil die zustän­di­ge „Fern­seh­che­fin“ beim Hes­si­chen Rund­funk bedau­ert, „die Gefüh­le ein­zel­ner ver­letzt zu haben“, neh­men sie in Frank­furt jetzt doch von der Benen­nung Abstand. Allein die­se Begrün­dung ist ja schon wie­der genau­so frech und eigent­lich dumm wie das ursprüng­li­che Vor­ha­ben: Ers­tens wer­den die Geg­ner damit klein gemacht – es sind ja nur „ein­zel­ne“. Zwei­tens wer­den sie noch für nicht voll genom­men, weil es ja nur um ihre „Gefüh­le“ geht. Dass die Idee ein­fach Unsinn und unsen­si­bel war, scheint Lia­ne Jes­sen immer noch nicht zu ver­ste­hen und einzusehen. 

Aber damit ist lei­der immer noch nicht Schluss. Denn gegen­über der FAZ sag­te Jes­sen außer­dem noch: 

Die Rol­le wäre immer mit dem Holo­caust-Opfer Sel­ma Jaco­bi in Ver­bin­dung gebracht wor­den. Eine freie Wei­ter­ent­wick­lung der Figur wäre unter die­sem Aspekt nicht mehr möglich.

- und des­halb sei die Umben­nung auch aus „künst­le­ri­schen Grün­den“ (als hät­te der „Tat­ort“ was mit Kunst zu tun, aber das ist eine ande­re Bau­stel­le …) not­wen­dig gewor­den. Wir fas­sen also zusam­men: Die Schau­spie­le­rin woll­te ihre Figur nach einer his­to­ri­schen Per­son benen­nen, um sie als Opfer und Per­son zu erin­nern und ehren und wur­de dabei durch die lei­ten­de Redak­teu­rin unter­stützt und bekräf­tig. Die­se unsen­sei­b­le Hal­tung miss­fällt nicht weni­gen Men­schen, wes­we­gen die Inan­spruch­n­nah­me des his­to­ri­schen Namens nun fal­len gelas­sen wird – mit der Begrün­dung, die Erin­ne­rung an eine his­to­ri­sche Per­son ste­he einer „freie[n] Wei­ter­ent­wick­lung der Figur“ im Wege. Da stellt sich mir dann doch die Fra­ge: Wie wird man eigent­lich „Lei­te­rin Fern­seh­spiel und Spiel­film“ beim hr-fern­se­hen? Wel­che Qua­li­fi­ka­tio­nen sind dafür not­wen­dig? Die Fähig­keit, den­ken zu kön­nen gehört offen­bar nicht zum Anfor­de­rungs­pro­fil. Von his­to­ri­scher Sen­si­bi­li­tät ganz zu schweigen. 

Ins Netz gegangen (23.3.)

Ins Netz gegan­gen am 23.3.:

  • Aberken­nung des Dok­tor­ti­tels: Hilft nicht: Scha­van hat betro­gen – FAZ – Tho­mas Gutsch­ker weist auf das grö­ße­re Pro­blem des Falls Scha­van hin:

    Im Fall Scha­van haben ein gro­ßer Teil der Wis­sen­schafts­ge­mein­de und ein klei­ner Teil der Öffent­lich­keit die kom­plet­te Umwer­tung der Wer­te wis­sen­schaft­li­chen Arbei­tens ver­sucht. Natür­lich kräh­ten die am lau­tes­ten, die am meis­ten von den Mil­li­ar­den­zu­tei­lun­gen der Minis­te­rin abhän­gig waren. Die wah­ren Grün­de aber lie­gen tie­fer. In den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten ist eine Kas­te von Wis­sens­funk­tio­nä­ren ent­stan­den, die sich selbst oft­mals nicht durch wis­sen­schaft­li­che Spit­zen­leis­tun­gen aus­zeich­nen, son­dern durch Manage­ment­fä­hig­kei­ten. Sie faseln von Exzel­lenz, dre­schen aber nur lee­res Stroh.

  • Link Bubble – Android-Apps auf Goog­le Play – Chris Lacy, der mit Tweet­la­nes (super Twit­ter- & App.net-Client) und dem Action Laun­cher (sehr ergo­no­mi­scher Laun­cher) Android schon sehr berei­chert hat (für mich zumin­dest), löst mit „Link Bubble“ ein Smart­phone-Pro­blem: Das Links, die man klickt, auto­ma­tisch im Vor­der­grund gela­den wer­den und das Lesen etc. dadurch immer unter­bre­chen und verzögern
  • Coa­ching für Eltern: Unser Sohn wird mal hoch­be­gabt – FAZ – Frie­de­ri­ke Haupt ätzt in der FAZ wun­der­bar schlag­fer­tig und scharf­sin­nig gegen Eltern und die Bera­tungs­in­dus­trie um die Hoch­be­ga­bung herum:

    Heu­te soll jedes Kind stän­dig geför­dert wer­den, so, als wäre die Fami­lie ein Berg­werk. Irgend­wel­che Kost­bar­kei­ten wer­den sich schon fin­den las­sen. Und wert­vol­ler als alles ande­re ist Intel­li­genz. Damit kann man sich spä­ter viel­leicht etwas kau­fen; mit einem guten Her­zen geht das jeden­falls nicht. Die Kin­der, so wün­schen es die Eltern, sol­len auf dem Markt bestehen. Ver­ant­wort­lich dafür sind wie bei der Ein­füh­rung einer Mar­ke die Pro­du­zen­ten. Das ist eine schwe­re Last.

  • Mein ers­tes Word­Press-Plug­in: Gedich­te mit Zei­len­num­mern | Leh­rer­zim­mer – cool: der @Herr_Rau schreibt ein Word­Press-Plug­in, um Gedich­te mit Word­Press ver­nünf­tig dar­stel­len zu kön­nen. So etwas hab’ ich auch mal gesucht vor län­ge­rer Zeit und – wie er – nicht gefun­den; nur dass ich des­halb nicht mit dem Pro­gram­mie­ren begon­nen habe.
  • Metri­cal­i­zer – auto­ma­ti­sche metri­sche Ana­ly­se von Gedich­ten, funk­tio­niert erstaun­lich gut
  • Mecht­hild Heil: Mehr Trans­pa­renz bei homöo­pa­thi­schen Mit­teln – Rhein-Zei­tung – RT @niggi: Homöo­pa­then: Wenn die Leu­te wüss­ten, was bei uns (nicht) drin ist, wür­den sie das Zeug womög­lich nicht kaufen.
  • Regis­seur Tal­al Der­ki im Inter­view: In nur drei Jah­ren ist die syri­sche Gesell­schaft fast so zer­stört wie Afgha­ni­stan | Lesen was klü­ger macht – Ines Kap­pert sprach mit dem Regis­seur Tal­al Der­ki (Homs – ein zer­stör­ter Traum) über die Situa­ti­on in Syri­en: Das haben die inter­na­tio­na­len Play­er geschafft: In nur drei Jah­ren ist die syri­sche Gesell­schaft fast so zer­stört wie Afgha­ni­stan, sagt Regis­seur Tal­al Derki.

Gedenken und Helden

Ich konn­te eben mei­nen Augen ja kaum trau­en: Das hr-fern­se­hen hat sei­ne neue „Tatort“-Kommissarin nach einer von den Natio­nal­so­zia­lis­ten depor­tier­ten und ermor­de­ten jüdi­schen Deut­schen benannt. Der ein­zi­ge Grund dafür: Die Schau­spie­le­rin Mar­ga­ri­ta Broich – in Ber­lin lebend – hat den Namen auf einem „Stol­per­stein“ vor ihrer Haus­tür gele­sen und fin­det, die Benen­nung einer fik­ti­ven (und wie ich den „Tat­ort“ ken­ne, regel­mä­ßig deut­sche Geset­ze bre­chen­den) Figur sei eine tol­le Erin­ne­rung und Ehrung für die­se Frau.

Selt­sam dar­an ist: Was hat die Frank­fur­ter Kom­mis­sa­rin mit einer Ber­li­ne­rin zu tun? Wie­so soll das eine ange­mes­se­ne Form der Erin­ne­rung sein? Ganz schlimm wird es, wenn die Redak­teu­rin des Hes­si­schen Rund­funks, Lia­ne Jes­sen, die Idee ver­tei­di­gen will. Gegen­über dem „Tages­spie­gel“ – dem ich die­sen Vor­gang ent­nahm – argu­men­tiert sie:

Ich wäre glück­lich in mei­nem Grab, wenn auf die­se Art und Wei­se an mich erin­nert wer­den würde

Selbst wenn dem so wäre – übli­cher­wei­se ist man in einem Grab ja nicht mehr unbe­dingt sol­cher Gefüh­le fähig -: Wie­so geht sie ein­fach davon aus, dass das auch für ande­re Per­so­nen und gar noch Per­so­nen der Ver­gan­gen­heit gel­ten soll?
Aber sie kann die Absur­di­tät noch stei­gern. Sie sag­te näm­lich außer­dem noch: 

‚Tatort‘-Kommissare sind schließ­lich die moder­nen Hel­den unse­rer Zeit, und wir las­sen Sel­ma Jaco­bi als Hel­din wiederauferstehen.

Jetzt wird es voll­kom­men ver­quer: Seit wann sind „Tatort“-Kommissare (hier han­delt es sich übri­gens um eine Kom­mis­sa­rin, aber das macht ja nichts …) „moder­ne Hel­den“? Und wie­so las­sen sie beim Hes­si­schen Rund­funk eine Ver­folg­te als Hel­din wie­der­auf­er­ste­hen? Wie darf man sich das vor­stel­len – hat die Kom­mis­sa­rin dann Erin­ne­run­gen an ihr frü­he­res Leben, in dem sie depor­tiert und ermor­det wurde?

Auch die Behaup­tung Jessens

Das kann doch nur im Sin­ne des Opfers sein, das sicher nicht ver­ges­sen wer­den will.

wür­de ich so nicht ste­hen las­sen: Viel­leicht will sie das ja gera­de? Wer weiß das denn? Und ist es nicht eine unge­heu­re Anma­ßung, für eine ver­stor­be­ne Per­son so zu spre­chen? Sie hat sich ihr Schick­sal, des­sen­we­gen sie hier erin­nert wer­den soll, ja nicht ausgesucht. 

In der Sum­me also: Zwei Men­schen maßen sich an, wie sich eine Per­son der Geschich­te zu füh­len hat und was sie freu­en soll. Ganz zu schwei­gen von der Ober­fläch­lich­keit und Pie­tät­lo­sig­keit, die hin­ter die­sem „Geden­ken“ und der Ver­knüp­fung von Opfer und angeb­li­chen Hel­den steht. 

Aus-Lese #29

Die­ses Mal eine lan­ge, lan­ge Lis­te, weil ich etwas nach­läs­sig war und des­halb eini­ges nach­tra­gen muss:

Hen­drik Rost: Licht für ande­re Augen. Göt­tin­gen: Wall­stein 2013. 80 Seiten. 

Rost, LichtSchon die Wid­mung hat mich für die­sen Lyrik­band ein­ge­nom­men: „Ein Wort hin, zwei Wör­ter her – viel mehr ist es oft nicht, aber das ist die Kunst. Jamas!“ (4) heißt es dort. Genau, so ist es. 

Und Rost gelingt es, die Kunst der Dich­tung. Sei­ne rhyth­misch frei­en, unge­reim­ten Gedich­te, alle ein­zeln und von über­schau­ba­rer Län­ge, haben eine leich­te Anmut, eine schwe­ben­de Weh­mut ist ihnen eigen – so unge­fähr lässt sich ihr Ton wohl fas­sen, viel­leicht auch als Ele­ganz des Flus­ses der Spra­che und der Bil­der. Lee­re Räu­me (d.h. frei von Men­schen, ver­las­sen, aber nicht tot) schei­nen ihn zu fas­zi­nie­ren, meint man am Anfang des Ban­des. Aber das täuscht, die Men­schen tau­chen doch immer wie­der auf, als Kind, auf Bil­dern, als Dia­log­part­ner und als Tote/​Geister aus der Ver­gan­gen­heit (Brecht, Celan, Kling und vie­le ande­re wer­den auch nament­lich herbeigerufen). 

Über­haupt der Tod und die Ver­gan­gen­heit: die ster­ben­de Klar­heit, aber auch die Trau­er der Din­ger behaup­ten immer wie­der ihren Platz. So heißt es zum Bei­spiel in „Platz­ver­weis“:

Manch­mal ist die Trau­rig­keit eines Stuhls /​nicht die Trau­rig­keit, die der Stuhl /​aus­strahlt, son­dern die /​der­je­ni­gen, die auf ihm geses­sen haben /​vor Tagen, Jah­ren oder län­ger. (21)/

Das Schö­ne an Rosts Gedich­te ist immer wie­der das Sehen und Schrei­ben mit ande­ren Augen. Der Ein­fall des All­tags in die Kunst (und die (Lebens-)Philosophie), zugleich aber auch ganz deut­lich die Gegen­wart der – nicht nur lite­ra­ri­schen – Vergangenheit(en): Das zeich­net sein Werk beson­ders aus.

Flo­ri­an Voß: Daten­schat­ten Daten­strö­me Staub. Ber­lin: J. Frank 2011 (Quart­heft 28). 80 Seiten. 

Voß, DatenschattenDer Auf­takt ist gleich eine schö­ne Kon­tra­fak­tur oder Wie­der­auf­nah­me der Cel­an­schen „Todes­fu­ge“ in „Ver­fug­tes Meis­ter­stück“: Die Re-Grun­die­rung im All­tag, die Ent­mys­ti­fi­zie­rung und Ent­zau­be­rung der tota­len Meta­pher – das klappt hier ganz gut. Über­haupt fin­det sich das in vie­len Gedich­ten von Voß: Die unter­schieds­lo­se Gleich­wer­tig­keit von All­tag mit sei­nen Bana­li­tä­ten und abso­lu­ter Phan­ta­sie. Manch­mal wen­det sich das etwas arg ins pun­ki­ge und tra­shi­ge (für mei­nen Geschmack). Aber die Dop­pel­ge­sich­tig­keit – auf der einen Sei­te die hohe Spra­che mit aus­ge­sucht phan­ta­sie­vol­len Meta­phern und wil­den Bil­dern, auf der ande­ren Sei­te aber auch (bewuss­te – neh­me ich an) Platt­hei­ten und fla­che Wör­ter und Sät­ze – ste­hen neben­ein­an­der oder wer­den ein­an­der kon­fron­tiert. Oft klingt das in mei­nen Ohren dann groß und leer zugleich, also etwas prä­ten­ti­ös. Manch­mal scheint das aber auch groß­ar­tig – aber eher sel­ten, oft lässt mich das ein­fach kalt. Die­se Gegen­sät­ze bil­den oft schrof­fe, scharf­kan­ti­ge Unfäl­le, aus denen ich aber kei­ne Fun­ken schla­gen kann und die mich – wie das meis­te in die­sem Band – rat­los und unbe­tei­ligt las­sen. (Und an die binär codier­ten Sei­ten-/Buch­teil-/Ge­dicht­zah­len kann ich mich gar nicht gewöhnen …)

Nur kei­ne Panik, es ist nur /​ein Vul­kan der da raucht /​nicht der Kopf, der ist leer (Über­all Kuscheltiere)

Dou­glas Cou­p­land: Play­e­rO­ne. What Is to Beco­me of Us. A Novel in Five Hours. Lon­don: Hei­ne­mann 2010. 248 Seiten.

Coupland, PlayerEine „real-time novel“ hat Cou­p­land Play­e­rO­ne genannt, das als eine Art Vor­le­sung in fünf Stun­den ent­stan­den ist und dem­entspre­chend auch fünf Tei­le auf­weist. Es geht, wenig über­ra­schend bei Cou­p­land, um die Zukunft der Mensch­heit: Eine Grup­pe zufäl­lig zusam­men­ge­wür­fel­ter Men­schen gerät in einer Flug­ha­fen­bar in ein apo­ka­lyp­ti­sches Sze­na­rio, hier der Zusam­men­bruch der Ölver­sor­gung (und damit der gesam­ten Ener­gie) von einem Moment auf den ande­ren, mit den ent­spre­chen­den anar­chi­schen und gewalt­tä­ti­gen Fol­gen, die noch durch ein paar ande­re Erzähl­strän­ge, die ihre eige­ne Dyna­mik und teil­wei­se Gewalt ber­gen, über­la­gert wer­den. Das dient Cou­p­land dann dazu, sich sei­nen Lieb­lings­the­men zu wid­men: Wie sieht die Zukunft der Mensch­heit aus, wie die der Gesell­schaft? Er erzählt das hier mit per­spek­ti­vi­schem Fokus auf den ein­zel­nen Per­so­nen, dekli­niert also immer, in jeder „Stun­de“, das vor­han­de­ne Per­so­nal durch – erwei­tert um den „Play­er One“, so etwas wie eine tech­nisch-pro­gram­mier­te Iden­ti­tät einer der Cha­rak­te­re. Außer­dem ver­han­delt wer­den: Lebens­we­ge, psy­ch­ana­ly­ti­sche Deu­tun­gen und ganz stark das Pro­blem der Zeit, ihr Tem­po, ihre Linea­ri­tät, ihr Fort­schrei­ten und Anhalten …

Luke once thought time was like a river, and that it always flowed at the same speed, no mat­ter what. But now he belie­ves that time has floods, too – it sim­ply isn’t a con­stant any­mo­re. (70)
Tho­se bodies bind us to the future. They’re time-fro­zen. Tomor­row = yes­ter­day = today = the same thing, always. (110)

Wal­ter Höl­le­rer: Sys­te­me. Neue Gedich­te. Ber­lin: Lite­ra­ri­sches Col­lo­qui­um 1969. 56 Seiten.

Höllerer, SystemeÜber einen Bei­trag von Die­ter M. Gräf (Erkun­dun­gen inner­halb und außer­halb der Maschi­ne ja und nein. Neue und neu geblie­be­ne Gedich­te Wal­ter Höl­le­rers aus der Zeit der „Sys­te­me“. In: Spra­che im tech­ni­schen Zeit­al­ter, H. 203 (2012), S. 264–269) bin ich auf die­sen Gedicht­band Höl­le­rers auf­merk­sam gewor­den – den ich als Lyri­ker bis­her noch kaum kann­te, son­dern vor allem als Theo­re­ti­ker, Inter­pret und Ver­mitt­ler von Gedich­te­tem. Und das ist eine Schan­de, denn hier ver­sam­meln sich eini­ge, sogar ziem­lich vie­le aus­ge­spro­chen gute Gedich­te – auch wenn man ihnen ihre Ent­ste­hungs­zeit, die 1960er Jah­re, (inzwi­schen) in man­chen Gedan­ken und For­mu­lie­run­gen sehr deut­lich anmerkt. Aber das muss ja auch gar nicht schlecht sein …

Schon beim titel­ge­ben­den Gedicht „Sys­te­me“ kann man wun­der­bar das Moment sehen und erfah­ren, das ich an Gedich­ten so schät­ze: wie die Signi­fi­kan­ten ins Tan­zen kom­men. Höl­le­rer erreicht das hier oft durch das Mit­tel der extre­men syn­tak­ti­schen Ver­kür­zung: Tei­wei­se nur Wort­bro­cken, ein­zel­ne Wor­te ohne unmit­tel­ba­ren syn­tak­ti­schen Zusam­men­hang, die – auch in der räum­li­chen Anord­nung auf dem Papier – mit­ein­an­der in Bezie­hung tre­ten und Sinn hervorbringen.

Da steckt auch viel Technik(kritik) und Tech­ni­zi­tät drin, nicht nur im Inhalt, son­dern auch in der Spra­che und der Form (das ist wohl wenig über­ra­schend beim Grün­der der Spra­che im tech­ni­schen Zeit­al­ter …). Man­ches scheint aber auch – aus heu­ti­ger Sicht – sehr zeit­ge­bun­den bzw. typisch für die Situa­ti­on und Stim­mung der Bun­des­re­pu­blik am Ende der Sech­zi­ger. Etwa die poli­ti­schen Ele­men­te, das Moment der poli­tisch-gesell­schaft­li­chen Sys­tem­kri­tik aus/​in der Mit­te der Gesell­schaft (na gut, viel­leicht nicht ganz die dama­li­ge Mit­te). Heu­te scheint mir das nur noch im Bereich der Kapi­ta­lis­mus­kri­tik gän­gig zu sein – oder in klei­ne­ren, extre­me­ren Rand­be­rei­chen, die dann aber eher sel­ten in so „eli­tä­ren“ For­men wie die­ser Lyrik (und ihrer Ver­or­tung durch das Erschei­nen als „LCB-Edi­tio­nen“ im (Literatur-)Betrieb) sich zeigen.

Vol­ker Braun: Trotz­des­to­nichts oder Der Wen­de­hals. Frank­furt: Suhr­kamp 2000. 147 Seiten.

Ich mag Vol­ker Brauns Pro­sa eigent­lich sehr ger­ne. Die­ser schma­le Band hat mich aller­dings nicht wirk­lich über­zeu­gen oder begeis­tern kön­nen. Der titel­ge­ben­de Dia­log (der auch den meis­ten Umfang bean­sprucht) ist ziem­lich schnell ziem­lich lahm und lang­wei­lig. Vor allem lese ich da haupt­säch­lich Bana­li­tä­ten und Phra­sen aus Brauns BRD- und Wen­de-Kri­tik-Reper­toire. Dafür sind die die kur­zen Anek­do­ten, Erzäh­lun­gen aus Teil III inter­es­san­ter. In typi­scher Braun-Manier zei­gen sie mit ihrer Kon­zen­tra­ti­on auf eine Bege­ben­heit, eine cha­rak­te­ris­ti­sche Beob­ach­tung noch ein­mal sein sti­lis­ti­sches Kön­nen. Aber auch hier bleibt mir das inhalt­lich etwas arg rück­schau­end, ver­an­gen­heits­ori­en­tiert: In/​an der Gegen­wart – der Wende/​dem Umbruch (wie es bei Braun heißt) – wer­den nur die nega­ti­ven Sei­ten gezeigt und dar­ge­stellt, es weht immer etwas Weh­mut über das Schei­tern des Expe­ri­men­tes DDR durch die Sät­ze, ohne dass sich posi­ti­ve­re Zie­le oder Uto­pien zei­gen würden. 

Nach der soge­nann­ten Wen­de sah ich nur die Wen­dun­gen, und zwar der will­fäh­rigs­ten Leu­te, die sich also gleich blie­ben. (135)

Bernd Caill­oux: Gut­ge­schrie­be­ne Ver­lus­te. Roman mémoi­re. Ber­lin: Suhr­kamp 2012. 271 Seiten.

Bernd Cailloux, Gutgeschriebene VerlusteIch habe hier am Anfang einen Moment gebraucht, bis mir klar wur­de, war­um mir eini­ges bekannt vor­kam: Weil es in Figu­ren und Gesche­hen gewis­se Ähn­lich­kei­ten mit Das Geschäfts­jahr 1968/​69 von Caill­oux gibt. Unab­hän­gig von der Fra­ge, ob hier ein altern­der Autor auto­bio­gra­phisch erzählt (das scheint aber eines der Haupt­in­ter­es­sen der Rezen­sen­ten zu sein, die Deco­die­rung, Ent­schlüs­se­lung der auf­tau­chen­den Cha­rak­te­re und Ereig­nis­se) geht es in die­ser rück­bli­cken­der Ver­ge­gen­wär­ti­gung eines alte(rnde)n 68er (der damit aber auch wie­der nur am Ran­de zusam­men­hängt, weil ihn an der Bewe­gung vor allem die Dro­gen, der Sex und die Geschäf­te inter­es­sier­ten) vor allem um das Pro­blem der frag­men­tier­ten Erin­ne­rung, die sich auch im Text so nie­der­schlägt. Manch­mal fand ich das etwas müh­sam, manch­mal ist es span­nend, manch­mal aber auch etwas bemüht, doch meist aber locker und humo­rig par­lie­rend erzählt. Altern und Erin­nern – an bessere/​beste Zei­ten – sind also das The­ma, ange­rei­chert mit Pop-/li­te­ra­tur­his­to­ri­schen Arte­fak­ten. Aber so rich­tig rein­ge­fun­den habe ich nicht, mir schien, das Caill­oux hier doch arg viel Leer­lauf produziert.

Was in er im Eigen­be­darf ver­brauch­ten Zeit pas­sier­te, war nur bedingt erzäh­lens­wert – in Fil­me rein­ku­cken, Tabel­len stu­die­ren, im Netz rumkli­chen, mal was lesen, den­ken, ins­be­son­de­re den­ken, eine Pri­mär­tu­gend. (145)

Elke Naters: Lügen. Mün­chen: List 1999. 192 Seiten.

Naters, LügenNaters zwei­ter Roman ist im Grun­de eine Varia­ti­on des ers­ten (Köni­gin­nen), aber ohne des­sen for­ma­le Stär­ken. Wie­der geht es um Freund­schaft zwi­schen Frau­en und um Bezie­hungs­dra­men. Das wird nun aber hier deut­lich ein­di­men­sio­na­ler erzählt. Die absicht­lich beschränk­te Spra­che, der schlich­te Stil – das bringt hier kaum mehr Schön­heit oder Wahr­heit her­vor. Vor­herr­schend ist dage­gen das Plät­schern: Harm­lo­se Ober­flä­chen wer­den erzählt – natür­lich absicht­lich, das schlägt sich ja auch deut­lich in Spra­che und Form nie­der -, die aber auch auf nichts (mehr) zu ver­wei­sen zu wol­len schei­nen und nur noch dem rei­nen Selbst­zweck die­nen. Das ist wenig, vor allem weil die Figu­ren blass blei­ben und eigent­lich – so weit ich das wahr­neh­me – lang­wei­lig sind. Man kann dem natür­lich zugu­te hal­ten, dass genau das gezeigt wer­den soll­te: Dass es kei­ne indi­vi­du­el­len, „span­nen­den“ Lebens­ent­wür­fe mehr gibt und dass sie sich auch nicht mehr nach den klas­si­schen Kri­te­ri­en schön oder span­nend erzäh­len las­sen. Aber das ist eine zwar wah­re, aber sehr tro­cke­ne Ein­sicht, die hier irgend­wie den Text nicht mehr trägt und rechtfertigt.

Das Leben ist banal. Mein Leben ist banal. Ich bin banal.
Das gibt mir noch eine Wei­le zu den­ken, obwohl mir gar nicht danach ist. (180)

Ange­li­ka Mei­er: Eng­land. Zürich: Dia­pha­nes 2010. 329 Seiten.

Meier, EnglandAnge­li­ka Mei­ers ers­ter Roman ist nicht ganz so groß­ar­tig wie Heim­lich heim­lich mich ver­giss, aber trotz­dem ein sehr gutes Buch. Es geht in einer reich­lich ver­rück­ten Geschich­te um eine Phi­lo­so­phin, der Witt­gen­stein erschie­nen ist und die dadurch auf die ver­ges­se­nen und ver­schol­le­nen Manu­skrip­te eines Phi­lo­so­phen des 17. Jahr­hun­derts namens Man­z­a­nil­la stößt, die in der Fol­ge ihre Lebens­auf­ga­be und ihr Lebens­werk wer­den – aller­dings mit dem Pro­blem, dass sie natür­lich eine voll­kom­men offen­kun­di­ge Fäl­schung sind. 

Wahn­sinn und Rea­li­tät ver­schwim­men in die­ser Fabel voll­kom­men, die Fra­gen, was ist wirk­lich, was ist eing­bil­det? braucht man sich kaum mehr zu stel­len – beant­wor­ten las­sen sie sich sowie­so nicht mehr. Schlaf, Geheim­nis, Traum/​Alptraum – alles geht durcheinander/​ineinander und über­kreuzt sich stän­dig in den Beein­flus­sun­gen udn Hand­lun­gen der Per­so­nen. Vor allem ist die­se Geschich­te zwi­schen Witt­gen­stein und Man­z­a­nil­la, zwi­schen Vergangenheit(en) und Gegen­war­ten aber sehr unter­halt­sam, vor allem wegen der sku­ril, aber sehr genau und lie­be­vol­le gezeich­ne­ten Figu­ren und Charakteren.
Über­haupt ist Mei­ers Roman sehr geist­reich und oft mit schwar­zem Humor gespickt, die Absur­di­tä­ten und Ver­rückt­hei­ten des (insti­tu­tio­na­li­sier­ten) Den­kens (und ins­be­son­de­re des Den­kens über Spra­che) gewitzt und geschickt auf­spie­ßend: Wun­der­bar unter­hal­tend dabei, wahr­schein­lich gera­de wegen der Häu­fung der Sku­ri­li­tä­ten, die sich selbst so abso­lut ernst neh­men können.

Sehen Sie, man­che Phi­lo­so­phen – oder wie man sie nen­nen soll – lei­den an dem, was man Pro­blem­ver­lust nen­nen kann. Es scheint Ihnen dann alles ganz ein­fach, und es schei­nen kei­ne tie­fe­ren Pro­ble­me mehr zu exis­tie­ren, die Welt wird weit und flach und ver­liert jede Tie­fe; und was sie schrei­ben, wird unend­lich seicht und tri­vi­al. (91)

Ins Netz gegangen (17.3.)

Ins Netz gegan­gen am 17.3.:

Ins Netz gegangen (13.3.)

Ins Netz gegan­gen am 13.3.:

  • Died­rich Diede­rich­sen über Pop-Kul­tur: „Es gibt kei­nen Ursprung“ – taz​.de – DD im taz-Inter­view zu sei­nem neu­en Buch:

    Mein Aus­gangs­punkt ist: Pop­mu­sik ist sowohl eine Kunst sui gene­ris als auch eine Kul­tur­in­dus­trie. Es gibt da kei­nen sau­be­ren Ursprung. Gro­ße Umbruch­punk­te in der Pop­mu­sik waren oft Momen­te der Nie­der­la­ge, der Ver­nut­zung und des Ruins, wo eigent­lich Kom­mu­ni­ka­ti­on schon nicht mehr mög­lich war. Von da konn­te man neu anfan­gen. […] Der Dis­kurs stellt über­haupt erst den Zusam­men­hang her zwi­schen bra­si­lia­ni­scher und ango­la­ni­scher Pop­mu­sik. Von sich aus tun sie das näm­lich nicht.

  • Gen­der­theo­rie: Revo­lu­ti­on von oben? | ZEIT ONLINE – Jens Jes­sen ver­sucht sehr hart und insis­tie­rend, Mar­tin Lücke – der mit­ver­ant­wort­lich für den Ber­li­ner Que­er Histo­ry Month ist, vor­zu­füh­ren. Und schei­tert sehr konsequent …

    ZEIT: Aber ist es Auf­ga­be des Staa­tes, mit­hil­fe der Schu­len so etwas Pri­va­tes wie Wohl­wol­len und Wert­schät­zung ein­zu­for­dern und einzulernen?

    Lücke: Was heißt hier pri­vat? Schu­le hat die Auf­ga­be, gesell­schaft­li­che Brü­che zum The­ma zu machen und zu bear­bei­ten. Das hört sich schreck­lich nach Indok­tri­na­ti­on an, aber wenn es um Grund­wer­te geht und um Neben- und Mit­ein­an­der, dann, fin­de ich, darf Schu­le das. 

  • Valery Ger­giev announ­ces ‘full sup­port’ for Putin’s annexa­ti­on of Cri­mea – Da haben die Münch­ner ja einen Top­kan­di­da­ten verpflichtet … 
  • Por­trät: Er hat die Höl­le von innen gese­hen – tages​an​zei​ger​.ch – Ahn Myong-chol war Wäch­ter im Gulag in Nord­ko­rea. Sie­ben Jah­re lang dien­te er im Lager 22 bei Hoeryong – bis zu sei­ner Flucht. Nun erzählt er sei­ne Geschichte.
  • Stand­punkt Fahr­rad­helm und BGH: Der Helm hilft nicht – taz​.de – Für Ulri­ke Win­kel­mann ist die Sache mit den Hel­men ganz klar (und ich kann ihr da nur zustimmen):

    Wer Helm­pflicht for­dert, will eigent­lich nur die Auto­fah­rer davor schüt­zen, beim Tot­fah­ren eines Rad­lers trau­ma­ti­siert zu werden. 

  • Yel­low-Kri­ti­ker: “Jeden Tag Ver­stö­ße gegen Per­sön­lich­keits­rech­te” › mee​dia​.de – Mats Schö­nau­er und Moritz Tscher­mak erklä­ren, war­um sie auf topf­voll­gold die Regen­bo­gen­pres­se sezieren:

    Ein gene­rel­les Pro­blem ist sicher, dass sich die­se Akzep­tanz der Blät­ter ein­ge­bür­gert hat. Jeder weiß, dass in der Regen­bo­gen­pres­se Mist steht, aber dar­über auf­ge­regt hat sich nie­mand so wirklich. […] 

    Wir sto­ßen jeden Tag auf Ver­stö­ße gegen Per­sön­lich­keits­rech­te, aber auch Ver­stö­ße gegen ein gewis­ses mora­lisch-jour­na­lis­ti­sches Ver­ständ­nis. Gera­de des­halb kön­nen wir die­se Gleich­gül­tig­keit der Leu­te, die­se “Lasst sie doch machen”-Einstellung nicht nachvollziehen. 

  • Insti­tut für Zeit­ge­schich­te: AAP-Open Access – Seit 1993 legt das Insti­tut für Zeit­ge­schich­te daher unmit­tel­bar nach Ablauf der inter­na­tio­nal übli­chen drei­ßig­jäh­ri­gen Akten­sperr­frist einen Jahr­gang mit aus­ge­wähl­ten, oft­mals auch gehei­men Doku­men­ten aus dem Poli­ti­schen Archiv des Aus­wär­ti­gen Amts vor. Auf­grund des ste­ti­gen Publi­ka­ti­ons­rhyth­mus ent­lang der Akten­sperr­frist haben die AAPD inter­na­tio­nal Maß­stä­be gesetzt. Sie sind seit fast zwei Jahr­zehn­ten für Fach­his­to­ri­ker, Stu­die­ren­de sowie alle Inter­es­sier­te das Mit­tel der Wahl für einen Ein­stieg in die For­schung zur bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Außenpolitik.

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