Zum Tod von Jacques Le Goff – Nils Minkmar würdigt den großen Mediävisten Jacques Le Goff in seinem Nachruf:
Kein Thema war zu entlegen, keine Fragestellung zu banal, als dass er nicht darauf eingestiegen wäre. Sein Fundus an Anekdoten, Lesefrüchten und Zitaten aus den Quellen war so beschaffen, dass immer etwas passte, nie erlebte man ihn sprach- oder lustlos. Doch er nutzte diese besondere Position eines weithin bekannten Gelehrten und >public intellectual< nicht, um sich eine akademische Machtbasis zu erreicht…
Stiftung Lyrik Kabinett – „Die Gedichtbücher des Jahres 2013“, eine kluge Liste der Deutschen Akademie für Sprache & Dichtung mit dem Münchener Lyrik Kabinett (und einige kenne ich sogar schon …)
Eine aggressive Dummheit, ein brutales Nicht-wissen-Wollen prägt diese Sendung. Für Mario Barth und seine Handlanger ist alles eins: Ob tatsächliche kriminelle Veruntreuungen, ärgerliche Fehlplanungen oder unabsehbare Ausgaben, deren Sinn einem Laien nicht unmittelbar einleuchten – wenn man es mit dem Desinteresse des Mario Barth betrachtet, sieht alles gleich aus. Jedes Beispiel ein Beleg für das, was…
Die deutsche Sehnsucht, unschuldig zu sein – taz.de – Gerd Krumeich, Spezialist für den Ersten Weltkrieg, resümiert die Debatten um die (deutsche) Kriegschuld und besonders die begeisterte Rezeption der Thesen Christopher Clarks in Deutschland – und kommt zu einem differenzierteren Schluss:
Alle Mächte waren vor 1914 an der Zuspitzung und Verfeindlichung des Allianzsystems beteiligt. Genauso wie am Wettrüsten. Da hat Deutschland keine besondere Verantwortung. Aber die Explosion des Juli 1914 gab es, weil das Deutsche Reich auf den Zünde…
Thomas Piketty im Interview: Rückkehr des Kapitals – Süddeutsche.de – Der Ökonom Thomas Piketty warnt vor einer zunehmend ungleichen Verteilung des Vermögens – weil inzwischen der normale Zustand eingetreten ist, dass das Wirtschaftswachstum nicht bei fünf oder mehr Prozent liegt, geht die Schere zwischen Arbeitenden und Vermögenden immer weiter auf:
Der Wohlstand ist nicht richtig verteilt. Deswegen bin ich für eine progressive Vermögensteuer, die steigt, je reicher jemand ist.
»Er bewundere Michael Krüger vor allem dafür, wie er viele mittelmäßige Autoren zur Weltliteratur erklärt und sie auch als solche verkauft.«
Feminism, for instance, is not in reality a strategy cooked up by left-wing women so we can take all of men’s power and money for ourselves and turn them into sex slaves. I know this because, if it was, I would be sitting on a gigantic golden throne with oiled flunkies feeding me chocolate biscuits, rather than having the same arguments over and over again
Ashot Tigranyan ist als Geiger ein hoffnungsloser Fall. Hören will ihn niemand. Trotzdem gibt er Unsummen aus, um durch die Welt zu touren. Eine Begegnung mit einem Mysterium.
Das klingt alles so absurd und verrückt, das würde man keinem Roman oder Film abnehmen …
[toread] AAC – Fackel – »Die Fackel. Herausgeber: Karl Kraus, Wien 1899−1936« AAC Digital Edition No 1
The AAC digital edition of the journal »Die Fackel«, edited by Karl Kraus from 1899 to 1936, offers free online access to the 37 volumes, 415 issues, 922 numbers, comprising more than 22.500 pages and 6 million wordforms.
The AAC-FACKEL contains a fully searchable database of the entire journal with various indexes, search tools and navigation aids in an innovative and highly functional graphic design interface, in …
Stefan Niggemeier über Live-Ticker – FAZ – Stefan Niggemeier betrachtet die Liveticker – in Theorie und Praxis, mit eher ernüchterndem Ergebnis (aber wen wundert’s …):
Aber wie das so ist: Eine Software, die es sehr leicht macht, einen Text zu aktualisieren, macht es auch sehr schwer, ihn nicht zu aktualisieren. Und so wohnt den Nachrichtentickern die Tendenz inne, zu Nicht-Nachrichtentickern zu werden. […] Dabei müsste man im Internet, anders als im linearen Fernsehen, die Zeit, in der nichts passiert, eigentlich gar nicht mit großem Nichts füllen.
Es mischen sich: eine Fixierung auf Oberflächlichkeiten […], ein permanenter Alarmismus und der Hang, auf der Grundlage von Nichtwissen, Halbwissen und Scheinwissen weitreichende Spekulationen anzustellen.
Es ist in mancher Hinsicht eine unjournalistische journalistische Form: Sie sortiert und gewichtet nicht, sie sammelt nur und hält das, was sie findet, in chronologischer Reihenfolge fest.
Selbst Absurditäten kann man noch ad absurdum führen – zumindest in Hessen. Vor einigen Tagen habe ich mich hier über den Plan des hr-fernsehens, die neue Frankfurter-Tatortkommissarin nach einem jüdischen Opfer des Nationalsozialismus zu benennen echauffiert. Vor allem die gegenüber der Presse geäußerten Motive und Begründungen für diese Namenswahl haben, um es vorsichtig zu sagen, mein Missfallen erregt. Aber das war leider noch nicht das Ende: Weil die zuständige „Fernsehchefin“ beim Hessichen Rundfunk bedauert, „die Gefühle einzelner verletzt zu haben“, nehmen sie in Frankfurt jetzt doch von der Benennung Abstand. Allein diese Begründung ist ja schon wieder genauso frech und eigentlich dumm wie das ursprüngliche Vorhaben: Erstens werden die Gegner damit klein gemacht – es sind ja nur „einzelne“. Zweitens werden sie noch für nicht voll genommen, weil es ja nur um ihre „Gefühle“ geht. Dass die Idee einfach Unsinn und unsensibel war, scheint Liane Jessen immer noch nicht zu verstehen und einzusehen.
Die Rolle wäre immer mit dem Holocaust-Opfer Selma Jacobi in Verbindung gebracht worden. Eine freie Weiterentwicklung der Figur wäre unter diesem Aspekt nicht mehr möglich.
- und deshalb sei die Umbennung auch aus „künstlerischen Gründen“ (als hätte der „Tatort“ was mit Kunst zu tun, aber das ist eine andere Baustelle …) notwendig geworden. Wir fassen also zusammen: Die Schauspielerin wollte ihre Figur nach einer historischen Person benennen, um sie als Opfer und Person zu erinnern und ehren und wurde dabei durch die leitende Redakteurin unterstützt und bekräftig. Diese unsenseible Haltung missfällt nicht wenigen Menschen, weswegen die Inanspruchnnahme des historischen Namens nun fallen gelassen wird – mit der Begründung, die Erinnerung an eine historische Person stehe einer „freie[n] Weiterentwicklung der Figur“ im Wege. Da stellt sich mir dann doch die Frage: Wie wird man eigentlich „Leiterin Fernsehspiel und Spielfilm“ beim hr-fernsehen? Welche Qualifikationen sind dafür notwendig? Die Fähigkeit, denken zu können gehört offenbar nicht zum Anforderungsprofil. Von historischer Sensibilität ganz zu schweigen.
Im Fall Schavan haben ein großer Teil der Wissenschaftsgemeinde und ein kleiner Teil der Öffentlichkeit die komplette Umwertung der Werte wissenschaftlichen Arbeitens versucht. Natürlich krähten die am lautesten, die am meisten von den Milliardenzuteilungen der Ministerin abhängig waren. Die wahren Gründe aber liegen tiefer. In den vergangenen Jahrzehnten ist eine Kaste von Wissensfunktionären entstanden, die sich selbst oftmals nicht durch wissenschaftliche Spitzenleistungen auszeichnen, sondern durch Managementfähigkeiten. Sie faseln von Exzellenz, dreschen aber nur leeres Stroh.
Link Bubble – Android-Apps auf Google Play – Chris Lacy, der mit Tweetlanes (super Twitter- & App.net-Client) und dem Action Launcher (sehr ergonomischer Launcher) Android schon sehr bereichert hat (für mich zumindest), löst mit „Link Bubble“ ein Smartphone-Problem: Das Links, die man klickt, automatisch im Vordergrund geladen werden und das Lesen etc. dadurch immer unterbrechen und verzögern
Heute soll jedes Kind ständig gefördert werden, so, als wäre die Familie ein Bergwerk. Irgendwelche Kostbarkeiten werden sich schon finden lassen. Und wertvoller als alles andere ist Intelligenz. Damit kann man sich später vielleicht etwas kaufen; mit einem guten Herzen geht das jedenfalls nicht. Die Kinder, so wünschen es die Eltern, sollen auf dem Markt bestehen. Verantwortlich dafür sind wie bei der Einführung einer Marke die Produzenten. Das ist eine schwere Last.
Mein erstes WordPress-Plugin: Gedichte mit Zeilennummern | Lehrerzimmer – cool: der @Herr_Rau schreibt ein WordPress-Plugin, um Gedichte mit WordPress vernünftig darstellen zu können. So etwas hab’ ich auch mal gesucht vor längerer Zeit und – wie er – nicht gefunden; nur dass ich deshalb nicht mit dem Programmieren begonnen habe.
Metricalizer – automatische metrische Analyse von Gedichten, funktioniert erstaunlich gut
Ich konnte eben meinen Augen ja kaum trauen: Das hr-fernsehen hat seine neue „Tatort“-Kommissarin nach einer von den Nationalsozialisten deportierten und ermordeten jüdischen Deutschen benannt. Der einzige Grund dafür: Die Schauspielerin Margarita Broich – in Berlin lebend – hat den Namen auf einem „Stolperstein“ vor ihrer Haustür gelesen und findet, die Benennung einer fiktiven (und wie ich den „Tatort“ kenne, regelmäßig deutsche Gesetze brechenden) Figur sei eine tolle Erinnerung und Ehrung für diese Frau.
Seltsam daran ist: Was hat die Frankfurter Kommissarin mit einer Berlinerin zu tun? Wieso soll das eine angemessene Form der Erinnerung sein? Ganz schlimm wird es, wenn die Redakteurin des Hessischen Rundfunks, Liane Jessen, die Idee verteidigen will. Gegenüber dem „Tagesspiegel“ – dem ich diesen Vorgang entnahm – argumentiert sie:
Ich wäre glücklich in meinem Grab, wenn auf diese Art und Weise an mich erinnert werden würde
Selbst wenn dem so wäre – üblicherweise ist man in einem Grab ja nicht mehr unbedingt solcher Gefühle fähig -: Wieso geht sie einfach davon aus, dass das auch für andere Personen und gar noch Personen der Vergangenheit gelten soll? Aber sie kann die Absurdität noch steigern. Sie sagte nämlich außerdem noch:
‚Tatort‘-Kommissare sind schließlich die modernen Helden unserer Zeit, und wir lassen Selma Jacobi als Heldin wiederauferstehen.
Jetzt wird es vollkommen verquer: Seit wann sind „Tatort“-Kommissare (hier handelt es sich übrigens um eine Kommissarin, aber das macht ja nichts …) „moderne Helden“? Und wieso lassen sie beim Hessischen Rundfunk eine Verfolgte als Heldin wiederauferstehen? Wie darf man sich das vorstellen – hat die Kommissarin dann Erinnerungen an ihr früheres Leben, in dem sie deportiert und ermordet wurde?
Auch die Behauptung Jessens
Das kann doch nur im Sinne des Opfers sein, das sicher nicht vergessen werden will.
würde ich so nicht stehen lassen: Vielleicht will sie das ja gerade? Wer weiß das denn? Und ist es nicht eine ungeheure Anmaßung, für eine verstorbene Person so zu sprechen? Sie hat sich ihr Schicksal, dessenwegen sie hier erinnert werden soll, ja nicht ausgesucht.
In der Summe also: Zwei Menschen maßen sich an, wie sich eine Person der Geschichte zu fühlen hat und was sie freuen soll. Ganz zu schweigen von der Oberflächlichkeit und Pietätlosigkeit, die hinter diesem „Gedenken“ und der Verknüpfung von Opfer und angeblichen Helden steht.
Schon die Widmung hat mich für diesen Lyrikband eingenommen: „Ein Wort hin, zwei Wörter her – viel mehr ist es oft nicht, aber das ist die Kunst. Jamas!“ (4) heißt es dort. Genau, so ist es.
Und Rost gelingt es, die Kunst der Dichtung. Seine rhythmisch freien, ungereimten Gedichte, alle einzeln und von überschaubarer Länge, haben eine leichte Anmut, eine schwebende Wehmut ist ihnen eigen – so ungefähr lässt sich ihr Ton wohl fassen, vielleicht auch als Eleganz des Flusses der Sprache und der Bilder. Leere Räume (d.h. frei von Menschen, verlassen, aber nicht tot) scheinen ihn zu faszinieren, meint man am Anfang des Bandes. Aber das täuscht, die Menschen tauchen doch immer wieder auf, als Kind, auf Bildern, als Dialogpartner und als Tote/Geister aus der Vergangenheit (Brecht, Celan, Kling und viele andere werden auch namentlich herbeigerufen).
Überhaupt der Tod und die Vergangenheit: die sterbende Klarheit, aber auch die Trauer der Dinger behaupten immer wieder ihren Platz. So heißt es zum Beispiel in „Platzverweis“:
Manchmal ist die Traurigkeit eines Stuhls /nicht die Traurigkeit, die der Stuhl /ausstrahlt, sondern die /derjenigen, die auf ihm gesessen haben /vor Tagen, Jahren oder länger. (21)/
Das Schöne an Rosts Gedichte ist immer wieder das Sehen und Schreiben mit anderen Augen. Der Einfall des Alltags in die Kunst (und die (Lebens-)Philosophie), zugleich aber auch ganz deutlich die Gegenwart der – nicht nur literarischen – Vergangenheit(en): Das zeichnet sein Werk besonders aus.
Florian Voß: Datenschatten Datenströme Staub. Berlin: J. Frank 2011 (Quartheft 28). 80 Seiten.
Der Auftakt ist gleich eine schöne Kontrafaktur oder Wiederaufnahme der Celanschen „Todesfuge“ in „Verfugtes Meisterstück“: Die Re-Grundierung im Alltag, die Entmystifizierung und Entzauberung der totalen Metapher – das klappt hier ganz gut. Überhaupt findet sich das in vielen Gedichten von Voß: Die unterschiedslose Gleichwertigkeit von Alltag mit seinen Banalitäten und absoluter Phantasie. Manchmal wendet sich das etwas arg ins punkige und trashige (für meinen Geschmack). Aber die Doppelgesichtigkeit – auf der einen Seite die hohe Sprache mit ausgesucht phantasievollen Metaphern und wilden Bildern, auf der anderen Seite aber auch (bewusste – nehme ich an) Plattheiten und flache Wörter und Sätze – stehen nebeneinander oder werden einander konfrontiert. Oft klingt das in meinen Ohren dann groß und leer zugleich, also etwas prätentiös. Manchmal scheint das aber auch großartig – aber eher selten, oft lässt mich das einfach kalt. Diese Gegensätze bilden oft schroffe, scharfkantige Unfälle, aus denen ich aber keine Funken schlagen kann und die mich – wie das meiste in diesem Band – ratlos und unbeteiligt lassen. (Und an die binär codierten Seiten-/Buchteil-/Gedichtzahlen kann ich mich gar nicht gewöhnen …)
Nur keine Panik, es ist nur /ein Vulkan der da raucht /nicht der Kopf, der ist leer (Überall Kuscheltiere)
Douglas Coupland: PlayerOne. What Is to Become of Us. A Novel in Five Hours. London: Heinemann 2010. 248 Seiten.
Eine „real-time novel“ hat CouplandPlayerOne genannt, das als eine Art Vorlesung in fünf Stunden entstanden ist und dementsprechend auch fünf Teile aufweist. Es geht, wenig überraschend bei Coupland, um die Zukunft der Menschheit: Eine Gruppe zufällig zusammengewürfelter Menschen gerät in einer Flughafenbar in ein apokalyptisches Szenario, hier der Zusammenbruch der Ölversorgung (und damit der gesamten Energie) von einem Moment auf den anderen, mit den entsprechenden anarchischen und gewalttätigen Folgen, die noch durch ein paar andere Erzählstränge, die ihre eigene Dynamik und teilweise Gewalt bergen, überlagert werden. Das dient Coupland dann dazu, sich seinen Lieblingsthemen zu widmen: Wie sieht die Zukunft der Menschheit aus, wie die der Gesellschaft? Er erzählt das hier mit perspektivischem Fokus auf den einzelnen Personen, dekliniert also immer, in jeder „Stunde“, das vorhandene Personal durch – erweitert um den „Player One“, so etwas wie eine technisch-programmierte Identität einer der Charaktere. Außerdem verhandelt werden: Lebenswege, psychanalytische Deutungen und ganz stark das Problem der Zeit, ihr Tempo, ihre Linearität, ihr Fortschreiten und Anhalten …
Luke once thought time was like a river, and that it always flowed at the same speed, no matter what. But now he believes that time has floods, too – it simply isn’t a constant anymore. (70) Those bodies bind us to the future. They’re time-frozen. Tomorrow = yesterday = today = the same thing, always. (110)
Über einen Beitrag von Dieter M. Gräf (Erkundungen innerhalb und außerhalb der Maschine ja und nein. Neue und neu gebliebene Gedichte Walter Höllerers aus der Zeit der „Systeme“. In: Sprache im technischen Zeitalter, H. 203 (2012), S. 264–269) bin ich auf diesen Gedichtband Höllerers aufmerksam geworden – den ich als Lyriker bisher noch kaum kannte, sondern vor allem als Theoretiker, Interpret und Vermittler von Gedichtetem. Und das ist eine Schande, denn hier versammeln sich einige, sogar ziemlich viele ausgesprochen gute Gedichte – auch wenn man ihnen ihre Entstehungszeit, die 1960er Jahre, (inzwischen) in manchen Gedanken und Formulierungen sehr deutlich anmerkt. Aber das muss ja auch gar nicht schlecht sein …
Schon beim titelgebenden Gedicht „Systeme“ kann man wunderbar das Moment sehen und erfahren, das ich an Gedichten so schätze: wie die Signifikanten ins Tanzen kommen. Höllerer erreicht das hier oft durch das Mittel der extremen syntaktischen Verkürzung: Teiweise nur Wortbrocken, einzelne Worte ohne unmittelbaren syntaktischen Zusammenhang, die – auch in der räumlichen Anordnung auf dem Papier – miteinander in Beziehung treten und Sinn hervorbringen.
Da steckt auch viel Technik(kritik) und Technizität drin, nicht nur im Inhalt, sondern auch in der Sprache und der Form (das ist wohl wenig überraschend beim Gründer der Sprache im technischen Zeitalter …). Manches scheint aber auch – aus heutiger Sicht – sehr zeitgebunden bzw. typisch für die Situation und Stimmung der Bundesrepublik am Ende der Sechziger. Etwa die politischen Elemente, das Moment der politisch-gesellschaftlichen Systemkritik aus/in der Mitte der Gesellschaft (na gut, vielleicht nicht ganz die damalige Mitte). Heute scheint mir das nur noch im Bereich der Kapitalismuskritik gängig zu sein – oder in kleineren, extremeren Randbereichen, die dann aber eher selten in so „elitären“ Formen wie dieser Lyrik (und ihrer Verortung durch das Erscheinen als „LCB-Editionen“ im (Literatur-)Betrieb) sich zeigen.
Volker Braun: Trotzdestonichts oder Der Wendehals. Frankfurt: Suhrkamp 2000. 147 Seiten.
Ich mag Volker Brauns Prosa eigentlich sehr gerne. Dieser schmale Band hat mich allerdings nicht wirklich überzeugen oder begeistern können. Der titelgebende Dialog (der auch den meisten Umfang beansprucht) ist ziemlich schnell ziemlich lahm und langweilig. Vor allem lese ich da hauptsächlich Banalitäten und Phrasen aus Brauns BRD- und Wende-Kritik-Repertoire. Dafür sind die die kurzen Anekdoten, Erzählungen aus Teil III interessanter. In typischer Braun-Manier zeigen sie mit ihrer Konzentration auf eine Begebenheit, eine charakteristische Beobachtung noch einmal sein stilistisches Können. Aber auch hier bleibt mir das inhaltlich etwas arg rückschauend, verangenheitsorientiert: In/an der Gegenwart – der Wende/dem Umbruch (wie es bei Braun heißt) – werden nur die negativen Seiten gezeigt und dargestellt, es weht immer etwas Wehmut über das Scheitern des Experimentes DDR durch die Sätze, ohne dass sich positivere Ziele oder Utopien zeigen würden.
Nach der sogenannten Wende sah ich nur die Wendungen, und zwar der willfährigsten Leute, die sich also gleich blieben. (135)
Ich habe hier am Anfang einen Moment gebraucht, bis mir klar wurde, warum mir einiges bekannt vorkam: Weil es in Figuren und Geschehen gewisse Ähnlichkeiten mit Das Geschäftsjahr 1968/69 von Cailloux gibt. Unabhängig von der Frage, ob hier ein alternder Autor autobiographisch erzählt (das scheint aber eines der Hauptinteressen der Rezensenten zu sein, die Decodierung, Entschlüsselung der auftauchenden Charaktere und Ereignisse) geht es in dieser rückblickender Vergegenwärtigung eines alte(rnde)n 68er (der damit aber auch wieder nur am Rande zusammenhängt, weil ihn an der Bewegung vor allem die Drogen, der Sex und die Geschäfte interessierten) vor allem um das Problem der fragmentierten Erinnerung, die sich auch im Text so niederschlägt. Manchmal fand ich das etwas mühsam, manchmal ist es spannend, manchmal aber auch etwas bemüht, doch meist aber locker und humorig parlierend erzählt. Altern und Erinnern – an bessere/beste Zeiten – sind also das Thema, angereichert mit Pop-/literaturhistorischen Artefakten. Aber so richtig reingefunden habe ich nicht, mir schien, das Cailloux hier doch arg viel Leerlauf produziert.
Was in er im Eigenbedarf verbrauchten Zeit passierte, war nur bedingt erzählenswert – in Filme reinkucken, Tabellen studieren, im Netz rumklichen, mal was lesen, denken, insbesondere denken, eine Primärtugend. (145)
Elke Naters: Lügen. München: List 1999. 192 Seiten.
Naters zweiter Roman ist im Grunde eine Variation des ersten (Königinnen), aber ohne dessen formale Stärken. Wieder geht es um Freundschaft zwischen Frauen und um Beziehungsdramen. Das wird nun aber hier deutlich eindimensionaler erzählt. Die absichtlich beschränkte Sprache, der schlichte Stil – das bringt hier kaum mehr Schönheit oder Wahrheit hervor. Vorherrschend ist dagegen das Plätschern: Harmlose Oberflächen werden erzählt – natürlich absichtlich, das schlägt sich ja auch deutlich in Sprache und Form nieder -, die aber auch auf nichts (mehr) zu verweisen zu wollen scheinen und nur noch dem reinen Selbstzweck dienen. Das ist wenig, vor allem weil die Figuren blass bleiben und eigentlich – so weit ich das wahrnehme – langweilig sind. Man kann dem natürlich zugute halten, dass genau das gezeigt werden sollte: Dass es keine individuellen, „spannenden“ Lebensentwürfe mehr gibt und dass sie sich auch nicht mehr nach den klassischen Kriterien schön oder spannend erzählen lassen. Aber das ist eine zwar wahre, aber sehr trockene Einsicht, die hier irgendwie den Text nicht mehr trägt und rechtfertigt.
Das Leben ist banal. Mein Leben ist banal. Ich bin banal. Das gibt mir noch eine Weile zu denken, obwohl mir gar nicht danach ist. (180)
Angelika Meiers erster Roman ist nicht ganz so großartig wie Heimlich heimlich mich vergiss, aber trotzdem ein sehr gutes Buch. Es geht in einer reichlich verrückten Geschichte um eine Philosophin, der Wittgenstein erschienen ist und die dadurch auf die vergessenen und verschollenen Manuskripte eines Philosophen des 17. Jahrhunderts namens Manzanilla stößt, die in der Folge ihre Lebensaufgabe und ihr Lebenswerk werden – allerdings mit dem Problem, dass sie natürlich eine vollkommen offenkundige Fälschung sind.
Wahnsinn und Realität verschwimmen in dieser Fabel vollkommen, die Fragen, was ist wirklich, was ist eingbildet? braucht man sich kaum mehr zu stellen – beantworten lassen sie sich sowieso nicht mehr. Schlaf, Geheimnis, Traum/Alptraum – alles geht durcheinander/ineinander und überkreuzt sich ständig in den Beeinflussungen udn Handlungen der Personen. Vor allem ist diese Geschichte zwischen Wittgenstein und Manzanilla, zwischen Vergangenheit(en) und Gegenwarten aber sehr unterhaltsam, vor allem wegen der skuril, aber sehr genau und liebevolle gezeichneten Figuren und Charakteren. Überhaupt ist Meiers Roman sehr geistreich und oft mit schwarzem Humor gespickt, die Absurditäten und Verrücktheiten des (institutionalisierten) Denkens (und insbesondere des Denkens über Sprache) gewitzt und geschickt aufspießend: Wunderbar unterhaltend dabei, wahrscheinlich gerade wegen der Häufung der Skurilitäten, die sich selbst so absolut ernst nehmen können.
Sehen Sie, manche Philosophen – oder wie man sie nennen soll – leiden an dem, was man Problemverlust nennen kann. Es scheint Ihnen dann alles ganz einfach, und es scheinen keine tieferen Probleme mehr zu existieren, die Welt wird weit und flach und verliert jede Tiefe; und was sie schreiben, wird unendlich seicht und trivial. (91)
Eine erfolgreiche Sezession ist vor allem von der Zustimmung der globalen und regionalen Großmächte abhängig. Juristisch hingegen spricht alles gegen die Rechtmäßigkeit des Krim-Referendums.
“What’s in Your Metadata?” – Mehr als du ahnst – Netzpolitik über ein Experiment britischer Forscher, das zeigt, wie viel Informationen man schon aus „harmlosen“ Metadaten ziehen kann: „Metadaten haben eine unwahrscheinliche Aussagekraft.“
Mein Ausgangspunkt ist: Popmusik ist sowohl eine Kunst sui generis als auch eine Kulturindustrie. Es gibt da keinen sauberen Ursprung. Große Umbruchpunkte in der Popmusik waren oft Momente der Niederlage, der Vernutzung und des Ruins, wo eigentlich Kommunikation schon nicht mehr möglich war. Von da konnte man neu anfangen. […] Der Diskurs stellt überhaupt erst den Zusammenhang her zwischen brasilianischer und angolanischer Popmusik. Von sich aus tun sie das nämlich nicht.
Gendertheorie: Revolution von oben? | ZEIT ONLINE – Jens Jessen versucht sehr hart und insistierend, Martin Lücke – der mitverantwortlich für den Berliner Queer History Month ist, vorzuführen. Und scheitert sehr konsequent …
ZEIT: Aber ist es Aufgabe des Staates, mithilfe der Schulen so etwas Privates wie Wohlwollen und Wertschätzung einzufordern und einzulernen?
Lücke: Was heißt hier privat? Schule hat die Aufgabe, gesellschaftliche Brüche zum Thema zu machen und zu bearbeiten. Das hört sich schrecklich nach Indoktrination an, aber wenn es um Grundwerte geht und um Neben- und Miteinander, dann, finde ich, darf Schule das.
Ein generelles Problem ist sicher, dass sich diese Akzeptanz der Blätter eingebürgert hat. Jeder weiß, dass in der Regenbogenpresse Mist steht, aber darüber aufgeregt hat sich niemand so wirklich. […]
Wir stoßen jeden Tag auf Verstöße gegen Persönlichkeitsrechte, aber auch Verstöße gegen ein gewisses moralisch-journalistisches Verständnis. Gerade deshalb können wir diese Gleichgültigkeit der Leute, diese “Lasst sie doch machen”-Einstellung nicht nachvollziehen.
Institut für Zeitgeschichte: AAP-Open Access – Seit 1993 legt das Institut für Zeitgeschichte daher unmittelbar nach Ablauf der international üblichen dreißigjährigen Aktensperrfrist einen Jahrgang mit ausgewählten, oftmals auch geheimen Dokumenten aus dem Politischen Archiv des Auswärtigen Amts vor. Aufgrund des stetigen Publikationsrhythmus entlang der Aktensperrfrist haben die AAPD international Maßstäbe gesetzt. Sie sind seit fast zwei Jahrzehnten für Fachhistoriker, Studierende sowie alle Interessierte das Mittel der Wahl für einen Einstieg in die Forschung zur bundesrepublikanischen Außenpolitik.