»Nächstens mehr.«

Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Taglied 22.5.2016

noch ein­mal Level­ele­ven, die­ses Mal mit der Hym­ne „All creatures“:

LEVELELEVEN – All crea­tures – The Real Group & Raja­ton (2÷2)

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Taglied 20.5.2016

Level­ele­ven (die A‑Cap­pel­la-Super­group aus Raja­ton & The Real Group), Half a World Away – eine wun­der­ba­re Popballade:

LEVELELEVEN – Half a World Away – The Real Group & Raja­ton (1÷2)

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Lange Fluchten, gebrochene Menschen

danz, lange fluchtenEin unfer­ti­ger Roh­bau irgend­wo in der deut­schen Pro­vinz, die Mus­ter­fa­mi­lie – Vater, Mut­ter, zwei Kin­der – wohnt pro­vi­so­risch in Con­tai­nern auf dem Grund­stück. Das Set­ting von Danie­la Danz Roman Lan­ge Fluch­ten klingt ziem­lich ein­fach und banal. Und doch ist an dem kur­zen Text – gera­de ein­mal 146 Sei­ten, das ist heu­te nicht viel für einen Roman – nichts banal. Und nichts ist ein­fach, weder für den Leser noch für die Figu­ren des Textes. 

Gut, das ist kein über­mä­ßig schwie­ri­ger Text, so scheint es zunächst. Aber ent­wi­ckelt doch sei­ne Wider­stän­dig­kei­ten. Denn wor­um geht es eigent­lich? Cons (eine etwas selt­sa­me Kurz­form für Con­stan­tin, in der das „Dage­gen“ offen­bar wird) ist ein ehe­ma­li­ger Berufs­sol­dat mit Frau und Kin­dern und Gelieb­ter und einem tod­kran­ken Freund. Er lebt nach einem „Vor­fall“ in sei­ner Zeit als Zeit­sol­dat in die­sem pro­vi­so­risch ein­ge­rich­te­ten Leben, das sei­nes nicht so ganz zu sein scheint. Er lebt in merk­wür­di­ger Nähe und Tren­nung von Frau und Fami­lie, er ver­schwin­det für Tage, geht auf die Jagd, fährt ziel­los her­um, bringt nach zwei Tagen die ver­spro­che­ne Milch nach Hau­se – und scheint gene­rell recht wenig auf die Rei­he zu bekom­men. Irgend­wie hängt das mit dem nicht näher erläu­ter­ten, nur nach und nach in Sche­men erkenn­ba­ren Vor­fall bei einem Gefechts­ma­nö­ver zusam­men, dass Con­stan­tin offen­bar psy­chisch geschä­digt hat – die Fra­ge einer Ent­schä­di­gung steht im Raum, ver­langt aber mehr Akti­vi­tät, als er auf­brin­gen kann – und ihn in die­sem per­sepk­tiv- und ziel­lo­sen Leben zurücklässt.

Die Jagd bleibt da als ein­zi­ger Rest von Akti­vi­tät – nicht zufäl­lig ist das ein dem Mili­tär ähn­li­che Zeit­ver­treib (und nicht zufäl­lig sind die betref­fen­den Pas­sa­gen dann auch vor­sich­tig fach­sprach­lich getönt). Aber für Con­stan­tin geht es dabei wohl auch um den Moment der tota­len Kon­trol­le, des (mehr oder weni­ger will­kür­li­chen) Ent­schei­dens über Leben und Tod einer ande­ren Krea­tur – wor­an er selbst tra­gi­scher­wei­se wie­der­um schei­tert. Eine gewis­ser­ma­ßen ähn­li­che Ebe­ne bringt der Selbst­mord sei­nes ein­zi­gen Freun­des, Hen­ning, in die Hand­lung. Der kann nur gelin­gen, weil Cons mit einer Bohr­ma­schi­ne (um das Seil zum Erhän­gen zu befes­ti­gen) aus­hilft – wie unbe­wusst und unge­wusst das wirk­lich war, ist nicht so ganz deutlich.

Lan­ge Fluch­ten ist bei all dem immer fast quä­lend nahe an der Haupt­fi­gur. Der Text im per­ma­nen­ten Prä­sens ist ein sehr gelun­ge­nes Abbild der Lee­re, der Ziel­lo­sig­keit von Cons: Alles bleibt ohne Antrieb, aber irgend­wie auch ohne Grund: 

Was soll man auch auf­schrei­ben, was ist für einen ande­ren am eige­nen Leben inter­es­sant? Was geht es irgend­je­man­den an? (81)

Dabei hat der Roman eine qua­si-natür­li­che, har­mo­ni­sche Form, zum Bei­spiel qua­si sich selbst erge­ben­de Kapi­tel­zu­sam­men­hän­ge. Über­haupt ist der gan­ze Text ein sehr behut­sa­mer Text: nie ver­rä­te­risch, aber auch nie „ver­ständ­nis­voll“, ein vor­ge­ge­be­nes Ver­ste­hen erhei­schend. Danie­la Danz gelingt näm­lich eine ein­drück­li­che Mischung aus zwin­gen­den Schil­de­run­gen und geheim­nis­vol­ler Kom­po­si­ti­on: Vie­les bleibt – ganz natür­lich in der Erzäh­lung – ohne Grund, ohne Erklä­rung oder Demons­tra­ti­on von Kausalitäten. 

Erst kurz vor dem Ende geschieht etwas im und vor allem mit dem Text. Auf der inhalt­li­chen Ebe­ne wird das dop­pelt vor­be­rei­tet: Cons kommt über Zufäl­le zu einem Art Mili­ta­ris­ten­tref­fen und hat dort, im Wald­ge­wit­ter und der Kon­fron­ta­ti­on mit einem Hirsch, eine Art Epi­pha­nie. Dem schließt sich dann ein spon­ta­ner Fami­li­en­ur­laub am Meer an. Und nach der Rück­kehr von einer Schiffs­rund­fahrt auf der „Alten Lie­be“ bricht der Text dann, zunächst mit dem Ver­schwin­den der Ehe­frau Anna (spä­ter fol­gen die bei­den Kin­der ins Nichts): Das Erzähl­tempus wech­selt ins Imper­fekt, die Ober­flä­che wird eben­falls als dif­fe­rent mar­kiert durch die kur­si­ve Type – bei­des bis zum bald fol­gen­den Schluss durchgehalten. 

Und das macht aus Lan­ge Fluch­ten eigent­lich noch ein­mal einen neu­en, einen ande­ren Text. Der Wirk­lich­keits­sta­tus von Text und berich­te­tem Gesche­hen wird nun end­gül­tig frag­lich und unsi­cher. Unklar wird auch die Gat­tungs­zu­ord­nung: Ist das jetzt ein Roman? Oder – dar­auf weist der Schluss­teil hin – eine Legen­de? Auch das bleibt am Ende dun­kel, eine Auf­lö­sung bie­tet der Text selbst nicht mehr. Die Ver­suchs­an­ord­nung wird der Lese­rin ein­fach prä­sen­tiert, ohne Erklärung. 

Es bleibt ein­fach ein ziem­lich radi­ka­ler Bruch ins Mythi­sche, Irrea­le – aber was bedeu­tet das? Man kann dann den Text als Legen­de lesen, d.h. als exem­pla­ri­schen Text. Dann wäre der Schluss­teil sozu­sa­gen eine Art Kom­men­tar zum Text im Text selbst, eine Rezep­ti­ons­steue­rung – damit der „Haupt­text“ nicht (bloß) als Schil­deurng eines indi­vi­du­el­len Schick­sals gele­sen wer­den kann, wird das und sein Text am Schluss trans­for­miert (im Sin­ne von „auf­ge­ho­ben“). Immer­hin beginnt das im Kapi­tel XXVI mit dem bezeich­nen­den Satz: 

Lass mich noch ein­mal erzäh­len. Jetzt ist alles ganz klar und vol­ler Zusammenhänge.(137)

Was dann folgt, ist zwar über­haupt nicht klar, aber: Erst jetzt, mit die­sem Satz, beginnt das Erzäh­len … (und ist damit aber auch schon wie­der am Ende angelangt).

Die­se Rät­sel­haf­tig­keit – ohne Auf­lö­sung – ist die gro­ße Stär­ke des Tex­tes. Auch die Deu­tung als Legen­de hilft ja nur wenig – denn was heißt das denn nun für den Text und sei­ne Figu­ren, wenn er kein Roman, son­dern eine Legen­de ist? Dass Con­stan­tin ein Hei­li­ger ist? Aber war­um und wofür? Fra­gen blei­ben nach dem Lesen, aber auch die offe­ne Fas­zi­na­ti­on des Buches, das man zwar bei­sei­te legen kann, aber nicht so ein­fach been­di­gen. Je län­ger ich drü­ber nach­den­ke, des­to fas­zi­nie­ren­der wer­den die Lan­gen Fluch­ten

Er geht auf das Haus zu, ein Ver­wal­tungs­mons­ter aus Back­stein und Glas. Män­ner in Anzü­gen, Leis­tungs­trä­ger, gehen schnell an ihm vor­bei, begeg­nen ande­ren Män­nern, Frau­en, man grüßt. Mahl­zeit ist das Pass­wort, mit dem man dazu­ge­hört. Er merkt, wie sein Gang sich von dem der ande­ren unter­schei­det. Er ver­sucht, ihrem Gehen, so nennt er es abschät­zig, sei­nen Gang ent­ge­gen­zu­set­zen, sei­nen stol­zen Gang, aber es gelingt ihm nicht. Die glä­ser­ne Ein­gangs­tür öff­net sich, nir­gends ein Wider­stand. Nein, er fragt nicht den Pfört­ner, er sucht den Raum mit der Num­mer 423 selbst. ‚Alex­an­der Ste­ger‘ steht auf dem Schild neben der Tür. drei lee­re Stüh­le davor. Er setzt sich. Er hat ein­mal gelernt, eine Stra­te­gie zu ent­wi­ckeln, ‚Füh­ren mit Auf­trag‘, er muss das Heft in die Hand krie­gen jetzt. Er sitzt hier, weil Anne gesagt hat, er sol­le hin­ge­hen zu dem Ter­min. (37)

Danie­la Danz: Lan­ge Fluch­ten. Göt­tin­gen: Wall­stein 2016. 146 Sei­ten. ISBN 9783835318410.

Ins Netz gegangen (17.5.)

Ins Netz gegan­gen am 17.5.:

  • Distant Rea­ding, Com­pu­ta­tio­nal Cri­ti­cism, and Social Cri­tique: An Inter­view with Fran­co Moret­ti | fou­caul­blog → sehr lan­ges und inter­es­san­tes inter­view mit fran­co moretti

    I think the­re are two important pos­si­bi­li­ties and then we have to see if they beco­me rea­li­ty or not. One has to do with the archi­ve. The gre­at advan­ta­ge of quan­ti­fi­ca­ti­on is that all of a sud­den mil­li­ons of texts that had, for all prac­ti­cal pur­po­ses, dis­ap­peared, beco­me available for rese­arch. But you have to have a good ques­ti­on to ask the­se archi­ves. A text always speaks to us; an archi­ve does­n’t. Ever­y­thing is the­re, but do we have good rese­arch questions?
    […] The second reason for pos­si­ble opti­mism in digi­tal huma­ni­ties has to do with the algo­rith­ms that pro­cess the archi­ves. The algo­rith­ms can orga­ni­ze data in ways that are often very sur­pri­sing. […] The­re is some­thing that we other­wi­se would have cal­led intui­ti­on, which is not expli­cit­ly for­mu­la­ted in words, but it’s expli­cit­ly for­mu­la­ted through the ope­ra­ti­ons of the algo­rith­ms. This I find the most pro­mi­sing aspect of digi­tal huma­ni­ties: the way of brin­ging new con­cepts into exis­tence, even though very often in a mes­sy or camou­fla­ged way. 

  • Geschich­te im Brei des Gefüh­li­gen – Wider das Ree­nact­ment in his­to­ri­schen Doku­men­ta­tio­nen | get­idan → umfang­rei­cher, per­sön­li­cher und kri­ti­scher blick von wer­ner kröh­ne auf die rol­le des ree­nact­mens in his­to­ri­schen dokus

    Das Ree­nact­ment, jener rei­ße­risch insze­nier­te Kurz­schluss zwi­schen den Ereig­nis­sen von ges­tern und den Gefüh­len von heute.
    […] Was hier ver­stimmt und gleich­zei­tig die Wahr­neh­mung ein­schnürt, ist eine mehr oder weni­ger durch­schei­nen­de Absicht: Geschich­te wird ver­füg­bar gemacht in einem ästhe­ti­sie­ren­den Akt, in der Distan­zen von jetzt zu damals ein­ge­schmol­zen wer­den und letzt­lich alle Kat­zen grau erschei­nen. In Fil­men wie Ben Hur moch­te das immer­hin ein illu­sio­nis­ti­sches lan­ges Epos erge­ben, das auch der spä­te­ren Erin­ne­rung dien­lich sein konn­te : in den heu­te so zahl­reich gesen­de­ten His­to­ri­en-Dokus hin­ge­gen wird eine Ver­quir­lung und Ver­mat­schung von Gegen­wart und Ver­gan­gen­heit voll­zo­gen, aus der kei­ne wirk­li­che Erin­ne­rung erwach­sen kann. Viel­mehr nähert sich die­se Form der clip­ar­ti­gen Zurich­tung von Geschich­te und Geschich­ten dem Por­no­film an. 

  • Pforz­heim: Schuld oder selbst schuld? | Zeit → vale­rie schö­ni­an in der „zeit“ über die evan­ge­li­sche deka­nin von pforz­heim, die sich als chris­tin erlaubt, poli­tisch zu sein – und auch an die „schat­ten­sei­ten“ der stadt­ge­schich­te zu erinnern
  • Woh­nen der Zukunft: Fuss­gän­ger­städ­te und Genos­sen­schaf­ten – wat­son → inter­es­san­tes inter­view mit hans wid­mer über städ­te, ihre mög­lich­kei­ten und vor­zü­ge, ihre ent­wick­lung etc (am bei­spiel der schweiz)

    Wer höher als im ach­ten Stock wohnt, der lebt nicht mehr in einer Stadt, son­dern in einem Wol­ken-Kuckucks-Heim. In mei­ner Ide­al­stadt muss die Kom­mu­ni­ka­ti­on unter den Men­schen sehr inten­siv sein, eben­so die Koope­ra­ti­on – und alles muss nah sein, span­nend und vielfältig

  • The Trans Move­ment Just Had Its “I Have a Dream” Moment → sehr gute rede der us-ame­ri­ka­ni­schen jus­tiz­mi­nis­te­rin loret­ta lynch zur ver­trei­di­gung der rech­te von trans-personen

    This is why none of us can stand by when a sta­te enters the busi­ness of legis­la­ting iden­ti­ty and insists that a per­son pre­tend to be some­thing they are not, or invents a pro­blem that doesn’t exist as a pre­text for dis­cri­mi­na­ti­on and harassment.

Taglied 17.5.2016

May­be­bop hat noch ein­mal nach­ge­legt und ein net­tes Video zu „Es war gut so“ gedreht:

Es war gut so – MAYBEBOP (2016)

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Aus-Lese #44

Nora Bossong: 36,9°. Ber­lin, Mün­chen: Han­ser 2015. 318 Seiten.

bossong, 36,9°Das ist in mei­nen Augen ein sehr schwa­cher Roman, der mich sehr ent­täuscht hat. Schon Gesell­schaft mit beschränk­ter Haf­tung hat mich zwar auch nicht groß­ar­tig begeis­tert, war aber doch deut­lich bes­ser, was etwa die Kon­struk­ti­on und die sti­lis­ti­sche Aus­ar­bei­tung angeht – bei­de Roma­ne bestär­ken eigent­lich nur mei­nen Wunsch, von Bossong (wie­der) mehr Lyrik zu lesen …

Der Text von 36,9° wirkt merk­wür­dig müde und erschöpft. Viel­leicht ist das ja eine beab­sich­tig­te Par­al­le­le von Inhalt und Form (schließ­lich geht es um das auf­zeh­ren­de, schwie­ri­ge, har­te Leben des Anto­nio Gramcsi), aber mich hat das trotz­dem aus Grün­den, die ich nicht so genau benen­nen kann, eher abge­sto­ßen. Erzählt wird in zwei Per­spek­ti­ven in zwei (gro­ben) Zeit­ebe­nen das Leben Gramcsis und eine Art For­schungs­auf­ent­halt des Gramcsi-Spe­zia­lis­ten Anton Stö­ver, der in Rom nach einem ver­schol­le­nen Manu­skript sucht. Wie­so es die­se Dop­pe­lung von Erzäh­ler und Zei­ten eigent­lich gibt, ist mir nicht so ganz klar gewor­den – nur um die Über­zeit­lich­keit zu beto­nen? Um nicht in den Ver­dacht zu gera­ten, eine Gramcsi-Bio­gra­phie zu schrei­ben? Und wozu ist dann der Man­skript-Kri­mi (der ja als sol­cher über­haupt nicht funk­tio­niert, weil er nicht rich­tig erzählt wird, son­dern nur als Hilfs­mit­tel dient und ab und an her­vor­ge­holt wird …) gut? Oder sol­len die Zeit­ebe­nen nur signa­li­sie­ren, dass dies kein „nor­ma­ler“ his­to­ri­scher Roman ist? (Der in den Gramsci-Kapi­teln als sol­cher auch eher schlecht funk­tio­niert, aber das ja wie­der­um auch gar nicht sein will …)

Zur Poli­tik bleibt der Text dabei merk­wür­dig distan­ziert, die Lei­den­schaft etwa Gramcsi (im wahrs­ten Sin­ne, näm­lich mit all den Lei­den) wird vor allem behaup­tet, aber nicht eigent­lich erzählt. Und das pri­va­te fühlt sich oft auf­dring­lich, etwas schmie­rig an (wie Bou­le­vard­jour­na­lis­mus). Das erschien mir oft als eine Art unge­woll­te Nähe, ein inti­mes Sto­chern, von deren Not­wen­dig­keit die Erzäh­ler selbst nicht so ganz über­zeugt schie­nen. Zumal Stö­ver ist ja auch ein aus­ge­spro­che­ner Unsym­path – und auch Gramcsi bleibt eine selt­sa­me Figur. Bei­de Cha­rak­te­re sind dabei selt­sam rück­sichts­los gegen sich selbst und ihr pri­va­tes Umfeld. Und gera­de das, was ja der Kern des Romans zu sein scheint, bleibt extrem blass, kaum moti­viert – weil die Ideen, die die­se Rück­sichts­lo­sig­keit erfor­dern, höchs­tens ange­ris­sen werden. 

Wenn die Ver­lags­wer­bung das Ziel des Buches rich­tig beschreibt: „Nora Bossong erzählt vom Kon­flikt zwi­schen den gro­ßen Gefüh­len und dem Kampf für die gan­ze Mensch­heit“, dann funk­tio­niert 36,9° über­haupt nicht. Und das liegt unter ande­rem eben dar­an, dass der „Kampf für die gan­ze Mensch­heit“, die Welt­ver­bes­se­rung eigent­lich gar nicht vor­kommt, der Text bleibt viel zu sehr im indi­vi­du­el­len, bio­gra­phi­schen Klein-klein ste­cken. Dazu kommt dann noch eine für mich unkla­re Struk­tur – die Rei­hen­fol­ge der Kapi­tel mit den Vor- und Rück­blen­den sowie die Erzäh­ler­wech­sel erschlie­ßen sich mir ein­fach nicht. Ab und an fun­kelt mal ein schö­ner Satz, ein gelun­ge­ner Abschnitt. Aber der Rest ist ein grau zer­flie­ßend Text­brei, der mich weder fas­zi­nie­ren noch über­zeu­gen kann.

[…] ich woll­te die Din­ger nicht mehr bis zum Grund durch­schau­en, denn was lag dort? Nur Stei­ne und Kie­sel, nur Fuß­no­ten und Quel­len­an­ga­ben. (25)
Ulf Stol­ter­foht: Wur­lit­zer Juke­box Lyric FL – über Musik, Eupho­rie und schwie­ri­ge Gedich­te. Mün­chen: Stif­tung Lyrik Kabi­nett 2015. 32 Seiten.

stolterfoht, wurlitzer jukebox lyric flDer Titel der Münch­ner Rede zur Poe­sie von Ulf Stol­ter­foht, dem Autor so vor­züg­li­cher Zyklen wie den Fach­spra­chen und jetzt Ver­le­ger der Brue­te­rich-Press (der selbst viel zu wenig ver­öf­fent­licht …) sagt eigent­lich schon alles: „Über Musik, Eupho­rie und schwie­ri­ge Gedich­te“ spricht er. Stol­ter­foht, der sich als „Exper­te für Eupho­rie“ (7) vor­stellt und „Ahnung“ von „der“ Lyrik erst ein­mal kate­go­risch ver­neint, führt anhand einer rei­he Gedich­te exem­pla­risch vor, was Lyrik ist und kann, was Spra­che im Gedicht aus­macht und natür­lich auch, was „schwie­ri­ge Lyrik“ (heut­zu­ta­ge ja fast ein Pejo­ra­ti­vum) eigent­lich ist. Und er betont, dass das „Nicht-ver­ste­hen-müs­sen“ die­ser Gedich­te eine groß­ar­ti­ge Erfah­rung ist – für Leser und Schrei­ber. Für bei­de Sei­ten ist das eine Befrei­ung, die einen uner­schöpf­li­chen Rei­gen an Mög­lich­kei­ten eröffnet. 

Neben­bei weist er dar­auf hin, dass das – heu­te viel­leicht mehr als je zuvor vor­han­de­ne – Wis­sen und Kön­nen im Umgang mit Spra­che und Gedich­ten noch lan­ge kei­ne Expe­ri­men­tier­freu­dig­keit ist. Stol­ter­foht bedau­ert aus­drück­lich, dass „die Bereit­schaft stark abge­nom­men hat, ein höhe­res ästhe­ti­sches Risi­ko ein­zu­ge­hen“ (29). Auch wenn er dann das Gelin­gen eines Gedich­tes eher tra­di­tio­nell als „Regel“-Erfüllung beschreibt, oder bes­ser als: „dass ein zuvor gefass­ter Plan, sei er for­ma­ler und /​oder inhalt­li­cher Art, glück­haft erfüllt wur­de“ (29), soll­te für Stol­ter­foht, das macht er unter ande­rem mit mehr­fa­chen Bezü­gen auf Died­rich Diede­rich­sen deut­lich, aber zumin­dest ergänzt wer­den um so etwas wie Authen­ti­zi­tät, einen Moment des Kai­ros viel­leicht. Trotz des deut­lich beton­ten Empha­ti­ker-Stand­punk­tes (Lyrik kann alles und ermög­licht Leben erst!) steht dahin­ter aber genau­es­te Lek­tü­re und Ana­ly­se frem­der und eige­ner Gedich­te, ohne die Eupho­rie des erken­nen­den (und iden­ti­fi­zie­ren­den) Lesens dadurch zu ver­nei­nen oder aus­zu­schal­ten, son­dern gera­de­zu zu verstärken. 

Und wie konn­te es sein, dass ich kein Wort, kei­nen Satz ver­stand, und doch genau wuss­te, dass ich genau das immer hat­te lesen wol­len, und dass ich es jetzt gefun­den hat­te, und dass ich nie mehr etwas ande­res wür­de lesen wol­len. Das Gefühl, eine Mau­er durch­bro­chen zu haben, ein­fach so, ganz leicht, ohne jede Anstren­gung, und hin­ter die­ser Mau­er tat sich etwas auf, ein Raum, ein wirk­li­cher Raum, in dem man wür­de leben kön­nen. (11)

Franz Richard Beh­rens: Erschos­se­nes Licht. Her­aus­ge­ge­ben von Micha­el Lentz. Wie­sen­burg: hoch­roth 2015. 36 Seiten.

Es ist für mich immer wie­der erstaun­lich, welch gro­ße und groß­ar­ti­ge Gedich­te die Expres­sio­nis­ten in den Jah­re wäh­rend und um den Ers­ten Welt­krieg schrie­ben. Und ich ent­de­cke immer wie­der, dass ich viel zu weni­ge davon ken­ne. Auch Franz Richard Beh­rens gehört zu die­sen Dich­tern. Er war eigent­lich genau nur in die­ser engen Zeit­span­ne über­haupt dich­te­risch tätig: Ein ein­zi­ger Band Lyrik – Blut­blü­te – ist von ihm 1917 erschie­nen. Wäh­rend des Natio­nal­so­zia­lis­mus kann man ihn viel­leicht zur „Inne­ren Emi­gra­ti­on“ zäh­len, 1961 über­sie­del­te er dann nach Ost­ber­lin. Aber die gan­zen Jah­re bis zu sei­nem Tod 1977 blie­ben ohne wei­te­re lite­ra­ri­sche Ver­öf­fent­li­chun­gen. Offen­kun­dig war der Welt­krieg da so eine Art Kata­ly­sa­tor, der die Lyrik­pro­duk­ti­on auslösten/​vorantrieb.

Auf­fäl­lig ist nun, fin­de ich, wie avan­ciert die­se weni­gen Gedich­te waren und sind – und wie zeit­ge­mäß und zeit­ge­nös­sisch sie heu­te noch erschei­nen. Aus allen Gedich­ten, die Micha­el Lentz in die­ser klei­nen Aus­wahl­aus­ga­be für den fei­nen hoch­roth-Ver­lag zusam­men­ge­stellt hat, spricht eine beein­dru­cken­de Inten­si­tät und auch eine gro­ße Frei­heit: Sie sind frei von for­ma­len Zwän­gen und Tra­di­tio­nen, las­sen so ziem­lich alle Kon­ven­tio­nen hin­ter sich. Hier erscheint Spra­che als rei­ner Aus­druck, hier spürt man, wie ein Dich­ter um Aus­drucks­mög­lich­keit für ganz neue und neu­ar­ti­ge Erleb­nis­se – vor allem die Gewalt und Sinn­lo­sig­keit eines mecha­ni­sier­ten Krie­ges – ringt. Und wie er sie auch fin­det und den Voll­zug des Erle­bens am und im Wort fixiert und nach­voll­zieht. Ein Moment der Ser­i­at­li­tät gehört dazu, mit mini­ma­lis­ti­schen Ele­men­ten, etwa in „Preu­ßisch“ oder „Quer durch Ost­preu­ßen“. Aber auch gleich das eröff­nen­de „Expres­sio­nist Artil­le­rist“ zeigt das, mit der Ver­schrän­kung ein­zel­ner Gedicht­zei­len und einem kon­ti­nu­ier­li­chen Zäh­len (ich lese das „Ein-und-zwan­zig“ etc. als das Abzäh­len von Sekun­den, etwa bis zum Ein­schlag der Gra­na­te …), das ganz geschickt ins Hin­ken gerät bzw. ein­zel­ne Zah­len über­springt, wenn die geschil­der­te Wahr­neh­mungs­dich­te sozu­sa­gen steigt und das nicht mehr in einen Vers passt:

[…] Neun-und-zwanzig
die Luft stinkt Mil­lio­nen Schwe­fel, Kohle
Blutabsinth
die Luft ist stahl und rein
Ein-und-dreissig
die Gra­nat­trich­ter tüp­feln gar­nich harmonisch
Zwei-und-dreissig
[…]

Die kunst­voll her­ge­stell­te Unmit­tel­bar­keit die­ser Lyrik ist, den­ke ich, kaum zu über­se­hen. Ein ande­res, von Beh­rens bevor­zug­tes Ele­ment, ist etwa die ver­ba­le Nut­zung von Adjek­ti­ven. Bei aller Direkt­heit und Lebens­nä­he sind die Gedich­te, das zeigt etwa das titel­ge­ben­de „Erschos­se­nes Licht“ oder das wun­der­ba­re „Ita­li­en“, sowohl inhalt­lich als auch sti­lis­tisch und for­mal sehr sorg­sam kon­stru­iert. (Und außer­dem ist das wie­der hoch­roth-typisch ein sehr fein und schön gemach­tes Heftlein …)

[…] Schnei­den das
Land
in
Streifen.
Begrei­fen kann das mal
Die Gene­ral­stabs­kar­te. Vor­marsch im Regen (14)

Geor­gi Gos­po­di­nov: 8 Minu­ten und 19 Sekun­den. Graz, Wien: Dro­schl 2016. 143 Seiten.

Hier wäre der Ort, zu sagen, dass ich voll­kom­men nor­mal bin, auch wenn ich Erzäh­lun­gen schrei­be. Ich weiß, dass dies die Din­ge erschwert, aber alles ande­re an mir ist abso­lut in Ord­nung. (78f.)

„Ver­spielt, ele­gant und mit allen Was­sern der Post­mo­der­ne gewa­schen“ behaup­tet der Klap­pen­text – und hat tat­säch­lich mal recht. Denn Gos­po­di­nov ist ein wah­rer Geschich­ten­er­zäh­ler: Es geht ihm wirk­lich dar­um, „Geschich­ten“ zu erzäh­len, nicht Erzäh­lun­gen zu schrei­ben. Der Band ist dann auch rich­tig inter­es­sant und kurz­wei­lig-unter­halt­sam, weil Gos­po­di­nov dabei ein viel­sei­ti­ger und viel­fäl­ti­ger, tech­nisch sehr ver­sier­ter Erzäh­ler ist, was die Figu­ren und die Sto­rys angeht. 

gosporidov, 8 minuten und 19 sekundenAbwechs­lungs­reich pen­deln die meist sehr kur­zen Tex­te (auf den 140 Sei­ten fin­den sich immer­hin 19 Erzäh­lun­gen) zwi­schen einer sym­pa­thi­schen Welt­of­fen­heit, die sich aus­drück­lich auch aufs Phan­tas­ti­sche, das eigent­lich sowie­so nor­mal ist, erstreckt, und einer spür­ba­ren Leich­tig­keit – einer Locker­heit des Erzäh­lens, des Lebens, des Wahr­neh­mens. Gos­po­di­nov, der sich bzw. sei­ne Erzäh­ler ger­ne als Geschich­ten­samm­ler bzw. ‑auf­schrei­ber, nicht als Geschich­ten­er­fin­der insze­niert – vom „Anlo­cken von Geschich­ten“ (84) schreibt er an einer Stel­le – schafft es dabei, zugleich kos­mo­po­li­tisch und hei­mat­ver­bun­den zu wir­ken, zugleich wit­zig (im Sin­ne von komisch) und trau­rig (im Sin­ne von tief­ernst) zu sein. Immer wie­der spie­len die letz­ten Tage, die letz­ten Momen­te, das end­gül­ti­ge Ende, die Apo­ka­lyp­se als eigent­lich ganz schel­mi­sches, gewitz­tes Unter­neh­men eine gro­ße Rol­le in sei­nen Erzäh­lun­gen. Das ist schon in der eröff­nen­den (und titel­ge­ben­den) Geschich­te „8 Minu­ten und 19 Sekun­den“ so, die die Zeit, die das Licht von der Son­ne zur Erde braucht beschreibt – also die Zeit, die bleibt, bis die Erde nach dem Ende der Son­ne im Dun­kel ver­sinkt. Immer, wenn das nicht pas­siert, weiß man also, dass noch 8 Minu­ten 19 Sekun­den blei­ben … Die Impli­ka­tio­nen die­ser glei­ten­den Apo­ka­lyp­se spielt die Geschich­te sehr schön und dabei durch­aus knapp durch. 

Außer­dem ist auch eine der „schöns­ten“ Geschich­ten zum 11. Sep­tem­ber hier zu fin­den: „Do not dis­turb“. Die erzählt von einem just für die­sen Moment als Sprung aus dem Hoch­haus­fens­ter eines New Yor­ker Hotels geplan­ten Selbst­mord. Und da Gos­po­di­nov ein schwar­zer Erzäh­ler ist, gibt es natür­lich kein Hap­py End – der Selbst­mord fin­det dann zwar nicht statt, wird aber natür­lich spä­ter nach­ge­holt. Das klingt in der knap­pen Nach­er­zäh­lung etwas banal – aber dar­um geht es Gos­po­di­nov ja nicht nur. Zwar sind sei­ne Erzäh­lun­gen ohne ihre Hand­lung nicht zu den­ken, ihre Wir­kung erlan­gen sie aber nicht zuletzt durch die geschick­te und gelas­sen-ver­spiel­te erzäh­le­ri­sche Insze­nie­rung, die das zu einer sehr kurz­wei­li­gen Lek­tü­re wer­den lässt. 

Außer­dem kam es mir so vor, als fin­ge Z. an, die Geschich­te zu rui­nie­ren, indem er ihr mehr Pathos und Lite­r­a­ri­zi­tät ver­lieh als not­wen­dig. Und ich war immer­hin der Käu­fer die­ser Erzäh­lung. (54)

außer­dem gelesen:

  • Judith Zan­der: Manu­al nume­ra­le. Mün­chen: dtv 2014.
  • Micha­el Braun, Micha­el Busel­mei­er: Der gel­be Akro­bat 2. 50 deut­sche Gedich­te der Gegen­wart, kom­men­tiert. Neue Fol­ge (2009−2014). Leip­zig: Poe­ten­la­den 2016. 18 Seiten.
  • Roland Bar­thes: Das Neu­trum. Vor­le­sung am Col­lè­ge de France 1977–1978, hrsg. v. Eric Mar­ty, übers. von. Horst Brüh­mann. Frank­furt am Main: Suhr­kamp 2005. 346 Seiten.
  • Die­ter Hein: Deut­sche Geschich­te im 19. Jahr­hun­dert. Mün­chen: Beck 2015. 132 Seiten.
  • Chris­toph Kleß­mann: Arbei­ter im ‘Arbei­ter­staat’ DDR. Erfurt: Lan­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung Thü­rin­gen 2014. 141 Seiten.

Taglied 13.5.2016

Amok Amor in einem Mit­schnitt von „Jazz geht Baden“ (hier mein Bericht von ihrem Besuch in Rüsselsheim):

Amok Amor at Jazz Geht Baden 2016

Beim Kli­cken auf das und beim Abspie­len des von You­Tube ein­ge­bet­te­ten Vide­os wer­den (u. U. per­so­nen­be­zo­ge­ne) Daten wie die IP-Adres­se an You­Tube übertragen.

Ins Netz gegangen (13.5.)

Ins Netz gegan­gen am 13.5.:

  • Woge­gen ich bin, wenn ich gegen die Neu­en Rech­ten bin | Ver­fas­sungs­blog → maxi­mi­li­an stein­beis über die neu­en rech­ten, die „iden­ti­tä­ren“ – und war­um es falsch ist, sie als (neo)nazis abzustempeln
  • Inter­view – Kei­ne Reli­gi­on muss mit dem Grund­ge­setz ver­ein­bar sein → ganz tol­les inter­view mit dem islam­wis­sen­schaft­ler tho­mas bau­er, der u.a. sagt:

    Reli­gio­nen wer­den im Grund­ge­setz nicht gere­gelt. Das Grund­ge­setz regelt die Ver­fas­sungs­or­ga­ne der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und gewährt den Bür­gern Schutz­rech­te. Kein reli­giö­ser Basis­text von der Bibel bis zum Koran ist mit dem Grund­ge­setz kom­pa­ti­bel. Es muss aber auch kei­ne Reli­gi­on mit dem Grund­ge­setz ver­ein­bar sein, weil sie nicht gel­ten­des Recht fest­le­gen. Die Ver­tre­ter die­ser Reli­gi­on dür­fen aber nichts machen, was gegen die Rechts­ord­nung ver­stößt. Wenn eine mus­li­mi­sche Grup­pe for­der­te, dass anstatt des Bun­des­prä­si­den­ten ein Kalif an die Spit­ze des Staa­tes tritt, wäre das natür­lich verfassungswidrig.
    […] Alles wird pau­scha­li­siert, ohne jede Text­kennt­nis. Die­se gan­ze Koran-Zitie­re­rei! Dass man zum Bei­spiel Schwu­le töten muss, steht nir­gend­wo im Koran, wie oft behaup­tet wird. Wenn alles im Koran stün­de, was angeb­lich drin­steht, müss­te er fünf­mal so dick sein. Die Leu­te neh­men auch immer nur ganz bestimm­te Aus­sa­gen, meist die weni­ger fried­fer­ti­gen. Der Koran ist von Anfang an inter­pre­tiert wor­den, weil man sonst nicht viel mit ihm anfan­gen kann. Die­se Inter­pre­ta­ti­ons­ge­schich­te wird voll­kom­men ausgeblendet.
    […] Es sind die Deut­schen, die mit ihrer Spra­che schlu­dern und nicht mehr Höl­der­lin lesen. Ver­su­chen Sie mal, eine Höl­der­lin-Aus­ga­be in der Buch­hand­lung zu bekom­men. Das­sel­be gilt für die Reli­gi­on. Kein Mos­lem hin­dert einen Chris­ten in Deutsch­land dar­an, in die Kir­che zu gehen. Es gibt in Deutsch­land kei­ne Isla­mi­sie­rung, son­dern eine Entchristianisierung.

  • Wett­streit der radeln­den Essens­ku­rie­re: Wer bleibt auf der Stre­cke? | taz → schö­ner, aus­führ­lich lan­ger text der taz über die „neu­en“ essens­lie­fer­diens­te in groß­städ­ten, die mit rad­ku­rie­ren aus restau­rants an „hei­mes­ser“ lie­fern (las­sen)
  • David Wag­ner: So lebt es sich als Schrift­stel­ler in Ber­lin | Welt

    Ist die­ses Ber­lin viel­leicht nur für Schrift­stel­ler da? Ist Ber­lin ein gro­ßes Reser­vat für Autoren? Und wir mer­ken nichts davon? Wer möch­te, kann jeden Abend, jede Nacht Schrift­stel­ler in frei­er Wild­bahn sehen.
    […] Geht ein Schrift­stel­ler mal ganz unschul­dig mit einem zwei­ten Schrift­stel­ler in eine Bar, um Schrift­stel­ler­pro­ble­me zu bespre­chen oder ein­fach nur um einen wei­te­ren nichts­nut­zig ver­brach­ten Tag zu fei­ern, steht ganz schnell ein drit­ter Schrift­stel­ler am Tre­sen, dann ein vier­ter. Schrift­stel­ler kön­nen wie Schmeiß­flie­gen sein.
    […] Ein wan­dern­der Schrift­stel­ler-Salon zieht durch die Stadt und spielt Mimikry. 

Helden

–Zu Jeder­zeit sind Hel­den­tum & Blöd­heit ein­an­der ähn­lich wie Zwil­lings­brü­der, sie sehen zu ver­schie­de­nen Zei­ten & an ver­schie­de­nen Orten nur anders aus; haben jedoch Heer­scha­ren von Ver­wand­ten. Und von Alten Hel­den über­le­ben immer die-Pfer­de, von den Neu­en Hel­den die-Akten­ta­schen. Rein­hard Jirgl, Oben das Feu­er, unten der Berg, 95

Halsbrecherische Amok-Musik im Namen der Liebe: Amok Amor in Rüsselsheim

Ein groß­ar­ti­ges Set, das die vier jun­gen Her­ren von Amok Amor da für die klei­ne Schar inter­es­sier­ter Lau­scher auf der Hin­ter­büh­ne des Rüs­sels­hei­mer Thea­ters spiel­ten. Dabei beschei­den sie sich mit gut 75 Minu­ten am Stück. Dar­ein packen sie drei „Stü­cke“ und eine Zuga­be. Von den Titel habe ich fast nichts ver­stan­den, zusam­men­ge­reimt habe ich mir: „Als Sozia­list gebo­ren, als Sozia­list ster­ben“ und „Sons of Engels Marx“ (oder so ähn­lich, die Rich­tung ist aber klar …) – das macht aber nichts, die Titel (und Ensem­ble­na­men) von (Free) Jazz sind ja eh’ so eine Sache … Glei­ches gilt übri­gens für Selbst­be­schrei­bun­gen: Auf Chris­ti­an Lil­lin­gers Home­page steht zu Amok Amor unter ande­rem:

This is urgent music. Amok Amor sur­veys the thre­ats and pro­s­pects of music in our world today.
The music is aggres­si­ve yet gent­le. Bla bla bla bla bla. The world is chan­ging, but this music will survive.
Amok Amor is essen­ti­al lis­tening for anyo­ne who is con­cer­ned about the pri­ma­ry chal­lenges still facing the human race and is won­de­ring whe­re to find a ray of hope.

– stimmt alles und sagt natür­lich gar nichts …

Aber die Musik halt. Die ist bei Amok Amor geni­al. Auf­merk­sam gewor­den bin ich auf das Quar­tett, weil das eine der vie­len, vie­len For­ma­tio­nen ist, in denen der Schlag­wer­ker Chris­ti­an Lil­lin­ger gera­de sei­ne Kunst in die Waag­scha­le wirft. Und so ziem­lich alles, was ich bis­her von & mit ihm gehört habe, ist zumin­dest inter­es­sant bis groß­ar­tig – etwa die Vie­rer­grup­pe Gschlößl, Chris­ti­an Lil­lin­gers Grund oder Grü­nen.

Auch in Rüs­sels­heim hat er sei­ne hyper­ner­vö­sen Hand­ge­len­ke im Dau­er­ein­satz. Ein beschei­de­nes Schlag­zeug reicht ihm, zumal er es auch noch wäh­rend des Spie­lens umbaut (und auch den Büh­nen­bo­den zum Quiet­schen-Krei­schen mit­be­nutzt …). Das rum­pelt dröh­nend (die Tom Toms dumpf, die Sna­re tief), hel­le Cym­bals und Rim-Tän­ze­rei­en kom­plet­tie­ren das zu einem zwi­schen wil­den Cha­os und straigh­ten Punk schwan­ken­dem Dau­er­feu­er, das er von ers­ten Moment an mit dem Bas­sis­ten Pet­ter Eldh zusam­men entfacht.

Ansons­ten gilt: viel­schich­ti­ge Viel­falt und Kom­ple­xi­tät sind Pflicht und Kür zugleich. Immer, wenn man meint, etwas kapiert zu haben, ändert sich alles. Offen­bar genau kom­po­nier­te Cues, die erstaun­lich prä­zi­se ange­steu­ert wer­den. Immer, wenn man die Struk­tur ver­stan­den zu haben meint, kippt das Klang­bild, stol­pert der Beat, verr­rutscht die Melo­die, kra­chen die Har­mo­nien in- und auf­ein­an­der und das ewi­ge Spiel geht wei­ter und von vor­ne los, anar­chis­tisch und prä­zi­se abge­stimmt zugleich. Über­haupt: Das instru­men­tal­tech­ni­sche Niveau ist irre, stu­pen­de Vir­tuo­si­tät zei­gen alle vier: Peter Evans an der Trom­pe­te und Wan­ja Sla­vin am Alt­sa­xo­phon sind ein fas­zi­nie­ren­des Duo im Quar­tett. Bas­sist Pet­ter Eldh blieb etwas blass, was aber auch am grum­mel­ing-ver­wa­sche­nen Sound des ver­stärk­ten Kon­tra­bas­ses gele­gen haben kann. 

Viel kla­rer dage­gen die bei­den Blä­ser. Peter Evans gibt sich am Beginn läs­sig und straight, spä­ter lässt sich dann auch die Dör­ner-Schu­le deut­lich ver­neh­men: Hau­chend, flüs­ternd, knal­lend, vor allem aber – dank Zir­ku­lar­at­mung auch unab­läs­sig dabei – hyper­ak­tiv und reak­tiv. Auch Wan­ja Sla­vins Saxo­phon zeich­net ein wun­der­bar wei­cher und kla­rer Sound mit hoher Durch­set­zungs­kraft aus, zumal Sla­vin damit sehr tol­le Far­ben und Klang­mus­ter gestal­ten kann. 

Die ent­fal­ten sich immer wie­der im schein­bar magi­schen Zusam­men­spiel: Eng geführ­te, auch tol­le Uni­so­no-Pas­sa­gen schei­nen auf, dann ein abrup­ter Wech­sel oder all­mäh­li­ches Abglei­ten in feins­te, ideen­sprü­hen­de freie Impro­vi­sa­tio­nen. Die eine Art Gerüst und zumin­dest gro­ben Ver­lauf vor­ge­ben­de Kom­po­si­tio­nen bau­en ger­ne auf minimal(istisch)en Moti­ven auf, set­zen auf Wie­der­ho­lung und Varia­ti­on. Über­haupt bie­tet Amok Amor eine Musik, die nur nach der Post­mo­der­ne denk­bar ist: Vol­ler Selbst­re­fle­xi­on und vol­ler Anspie­lun­gen und Bezü­ge auf die gesam­te Musik­ge­schich­te des 20. Jahr­hun­derts (na gut, nicht alles – aber sehr vie­les …), aber kein „aka­de­mi­sches“ Pro­dukt, son­dern eine leben­di­ge Aus­ein­an­der­set­zung mit Geschich­te und Gegenwart. 

Vor allem aber hat Amok Amor als Quar­tett einen unver­schäm­ten Dri­ve, die Musik bleibt im kon­ti­nu­ier­li­chen, fes­seln­den Flow. Da ist kein Leer­lauf zu spü­ren, nir­gends und nie­mals: Amok Amor saugt die Ener­gie von Raum und Publi­kum auf und spuckt sie, wie ein umge­kehr­tes Schwar­zes Loch, in Klang­for­men wie­der und wie­der aus, bis die Hör­gän­ge ver­kno­tet sind und das Hirn raucht …

Ach, es war ein­fach groß­ar­tig, enorm vita­li­sie­rend und enthu­si­as­mie­rend – wie Jazz eben sein soll/​kann …

Amok Amor (Chris­ti­an Lil­lin­ger, Peter Evans, Wan­ja Sla­vin, Pet­ter Eldh). Thea­ter Rüs­sels­heim, Stu­dio­büh­ne – 10. Mai 2017.

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