noch einmal Leveleleven, dieses Mal mit der Hymne „All creatures“:
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noch einmal Leveleleven, dieses Mal mit der Hymne „All creatures“:
Leveleleven (die A‑Cappella-Supergroup aus Rajaton & The Real Group), Half a World Away – eine wunderbare Popballade:
Ein unfertiger Rohbau irgendwo in der deutschen Provinz, die Musterfamilie – Vater, Mutter, zwei Kinder – wohnt provisorisch in Containern auf dem Grundstück. Das Setting von Daniela Danz Roman Lange Fluchten klingt ziemlich einfach und banal. Und doch ist an dem kurzen Text – gerade einmal 146 Seiten, das ist heute nicht viel für einen Roman – nichts banal. Und nichts ist einfach, weder für den Leser noch für die Figuren des Textes.
Gut, das ist kein übermäßig schwieriger Text, so scheint es zunächst. Aber entwickelt doch seine Widerständigkeiten. Denn worum geht es eigentlich? Cons (eine etwas seltsame Kurzform für Constantin, in der das „Dagegen“ offenbar wird) ist ein ehemaliger Berufssoldat mit Frau und Kindern und Geliebter und einem todkranken Freund. Er lebt nach einem „Vorfall“ in seiner Zeit als Zeitsoldat in diesem provisorisch eingerichteten Leben, das seines nicht so ganz zu sein scheint. Er lebt in merkwürdiger Nähe und Trennung von Frau und Familie, er verschwindet für Tage, geht auf die Jagd, fährt ziellos herum, bringt nach zwei Tagen die versprochene Milch nach Hause – und scheint generell recht wenig auf die Reihe zu bekommen. Irgendwie hängt das mit dem nicht näher erläuterten, nur nach und nach in Schemen erkennbaren Vorfall bei einem Gefechtsmanöver zusammen, dass Constantin offenbar psychisch geschädigt hat – die Frage einer Entschädigung steht im Raum, verlangt aber mehr Aktivität, als er aufbringen kann – und ihn in diesem persepktiv- und ziellosen Leben zurücklässt.
Die Jagd bleibt da als einziger Rest von Aktivität – nicht zufällig ist das ein dem Militär ähnliche Zeitvertreib (und nicht zufällig sind die betreffenden Passagen dann auch vorsichtig fachsprachlich getönt). Aber für Constantin geht es dabei wohl auch um den Moment der totalen Kontrolle, des (mehr oder weniger willkürlichen) Entscheidens über Leben und Tod einer anderen Kreatur – woran er selbst tragischerweise wiederum scheitert. Eine gewissermaßen ähnliche Ebene bringt der Selbstmord seines einzigen Freundes, Henning, in die Handlung. Der kann nur gelingen, weil Cons mit einer Bohrmaschine (um das Seil zum Erhängen zu befestigen) aushilft – wie unbewusst und ungewusst das wirklich war, ist nicht so ganz deutlich.
Lange Fluchten ist bei all dem immer fast quälend nahe an der Hauptfigur. Der Text im permanenten Präsens ist ein sehr gelungenes Abbild der Leere, der Ziellosigkeit von Cons: Alles bleibt ohne Antrieb, aber irgendwie auch ohne Grund:
Was soll man auch aufschreiben, was ist für einen anderen am eigenen Leben interessant? Was geht es irgendjemanden an? (81)
Dabei hat der Roman eine quasi-natürliche, harmonische Form, zum Beispiel quasi sich selbst ergebende Kapitelzusammenhänge. Überhaupt ist der ganze Text ein sehr behutsamer Text: nie verräterisch, aber auch nie „verständnisvoll“, ein vorgegebenes Verstehen erheischend. Daniela Danz gelingt nämlich eine eindrückliche Mischung aus zwingenden Schilderungen und geheimnisvoller Komposition: Vieles bleibt – ganz natürlich in der Erzählung – ohne Grund, ohne Erklärung oder Demonstration von Kausalitäten.
Erst kurz vor dem Ende geschieht etwas im und vor allem mit dem Text. Auf der inhaltlichen Ebene wird das doppelt vorbereitet: Cons kommt über Zufälle zu einem Art Militaristentreffen und hat dort, im Waldgewitter und der Konfrontation mit einem Hirsch, eine Art Epiphanie. Dem schließt sich dann ein spontaner Familienurlaub am Meer an. Und nach der Rückkehr von einer Schiffsrundfahrt auf der „Alten Liebe“ bricht der Text dann, zunächst mit dem Verschwinden der Ehefrau Anna (später folgen die beiden Kinder ins Nichts): Das Erzähltempus wechselt ins Imperfekt, die Oberfläche wird ebenfalls als different markiert durch die kursive Type – beides bis zum bald folgenden Schluss durchgehalten.
Und das macht aus Lange Fluchten eigentlich noch einmal einen neuen, einen anderen Text. Der Wirklichkeitsstatus von Text und berichtetem Geschehen wird nun endgültig fraglich und unsicher. Unklar wird auch die Gattungszuordnung: Ist das jetzt ein Roman? Oder – darauf weist der Schlussteil hin – eine Legende? Auch das bleibt am Ende dunkel, eine Auflösung bietet der Text selbst nicht mehr. Die Versuchsanordnung wird der Leserin einfach präsentiert, ohne Erklärung.
Es bleibt einfach ein ziemlich radikaler Bruch ins Mythische, Irreale – aber was bedeutet das? Man kann dann den Text als Legende lesen, d.h. als exemplarischen Text. Dann wäre der Schlussteil sozusagen eine Art Kommentar zum Text im Text selbst, eine Rezeptionssteuerung – damit der „Haupttext“ nicht (bloß) als Schildeurng eines individuellen Schicksals gelesen werden kann, wird das und sein Text am Schluss transformiert (im Sinne von „aufgehoben“). Immerhin beginnt das im Kapitel XXVI mit dem bezeichnenden Satz:
Lass mich noch einmal erzählen. Jetzt ist alles ganz klar und voller Zusammenhänge.(137)
Was dann folgt, ist zwar überhaupt nicht klar, aber: Erst jetzt, mit diesem Satz, beginnt das Erzählen … (und ist damit aber auch schon wieder am Ende angelangt).
Diese Rätselhaftigkeit – ohne Auflösung – ist die große Stärke des Textes. Auch die Deutung als Legende hilft ja nur wenig – denn was heißt das denn nun für den Text und seine Figuren, wenn er kein Roman, sondern eine Legende ist? Dass Constantin ein Heiliger ist? Aber warum und wofür? Fragen bleiben nach dem Lesen, aber auch die offene Faszination des Buches, das man zwar beiseite legen kann, aber nicht so einfach beendigen. Je länger ich drüber nachdenke, desto faszinierender werden die Langen Fluchten …
Er geht auf das Haus zu, ein Verwaltungsmonster aus Backstein und Glas. Männer in Anzügen, Leistungsträger, gehen schnell an ihm vorbei, begegnen anderen Männern, Frauen, man grüßt. Mahlzeit ist das Passwort, mit dem man dazugehört. Er merkt, wie sein Gang sich von dem der anderen unterscheidet. Er versucht, ihrem Gehen, so nennt er es abschätzig, seinen Gang entgegenzusetzen, seinen stolzen Gang, aber es gelingt ihm nicht. Die gläserne Eingangstür öffnet sich, nirgends ein Widerstand. Nein, er fragt nicht den Pförtner, er sucht den Raum mit der Nummer 423 selbst. ‚Alexander Steger‘ steht auf dem Schild neben der Tür. drei leere Stühle davor. Er setzt sich. Er hat einmal gelernt, eine Strategie zu entwickeln, ‚Führen mit Auftrag‘, er muss das Heft in die Hand kriegen jetzt. Er sitzt hier, weil Anne gesagt hat, er solle hingehen zu dem Termin. (37)
Ins Netz gegangen am 17.5.:
I think there are two important possibilities and then we have to see if they become reality or not. One has to do with the archive. The great advantage of quantification is that all of a sudden millions of texts that had, for all practical purposes, disappeared, become available for research. But you have to have a good question to ask these archives. A text always speaks to us; an archive doesn’t. Everything is there, but do we have good research questions?
[…] The second reason for possible optimism in digital humanities has to do with the algorithms that process the archives. The algorithms can organize data in ways that are often very surprising. […] There is something that we otherwise would have called intuition, which is not explicitly formulated in words, but it’s explicitly formulated through the operations of the algorithms. This I find the most promising aspect of digital humanities: the way of bringing new concepts into existence, even though very often in a messy or camouflaged way.
Das Reenactment, jener reißerisch inszenierte Kurzschluss zwischen den Ereignissen von gestern und den Gefühlen von heute.
[…] Was hier verstimmt und gleichzeitig die Wahrnehmung einschnürt, ist eine mehr oder weniger durchscheinende Absicht: Geschichte wird verfügbar gemacht in einem ästhetisierenden Akt, in der Distanzen von jetzt zu damals eingeschmolzen werden und letztlich alle Katzen grau erscheinen. In Filmen wie Ben Hur mochte das immerhin ein illusionistisches langes Epos ergeben, das auch der späteren Erinnerung dienlich sein konnte : in den heute so zahlreich gesendeten Historien-Dokus hingegen wird eine Verquirlung und Vermatschung von Gegenwart und Vergangenheit vollzogen, aus der keine wirkliche Erinnerung erwachsen kann. Vielmehr nähert sich diese Form der clipartigen Zurichtung von Geschichte und Geschichten dem Pornofilm an.
Wer höher als im achten Stock wohnt, der lebt nicht mehr in einer Stadt, sondern in einem Wolken-Kuckucks-Heim. In meiner Idealstadt muss die Kommunikation unter den Menschen sehr intensiv sein, ebenso die Kooperation – und alles muss nah sein, spannend und vielfältig
This is why none of us can stand by when a state enters the business of legislating identity and insists that a person pretend to be something they are not, or invents a problem that doesn’t exist as a pretext for discrimination and harassment.
Maybebop hat noch einmal nachgelegt und ein nettes Video zu „Es war gut so“ gedreht:
Das ist in meinen Augen ein sehr schwacher Roman, der mich sehr enttäuscht hat. Schon Gesellschaft mit beschränkter Haftung hat mich zwar auch nicht großartig begeistert, war aber doch deutlich besser, was etwa die Konstruktion und die stilistische Ausarbeitung angeht – beide Romane bestärken eigentlich nur meinen Wunsch, von Bossong (wieder) mehr Lyrik zu lesen …
Der Text von 36,9° wirkt merkwürdig müde und erschöpft. Vielleicht ist das ja eine beabsichtigte Parallele von Inhalt und Form (schließlich geht es um das aufzehrende, schwierige, harte Leben des Antonio Gramcsi), aber mich hat das trotzdem aus Gründen, die ich nicht so genau benennen kann, eher abgestoßen. Erzählt wird in zwei Perspektiven in zwei (groben) Zeitebenen das Leben Gramcsis und eine Art Forschungsaufenthalt des Gramcsi-Spezialisten Anton Stöver, der in Rom nach einem verschollenen Manuskript sucht. Wieso es diese Doppelung von Erzähler und Zeiten eigentlich gibt, ist mir nicht so ganz klar geworden – nur um die Überzeitlichkeit zu betonen? Um nicht in den Verdacht zu geraten, eine Gramcsi-Biographie zu schreiben? Und wozu ist dann der Manskript-Krimi (der ja als solcher überhaupt nicht funktioniert, weil er nicht richtig erzählt wird, sondern nur als Hilfsmittel dient und ab und an hervorgeholt wird …) gut? Oder sollen die Zeitebenen nur signalisieren, dass dies kein „normaler“ historischer Roman ist? (Der in den Gramsci-Kapiteln als solcher auch eher schlecht funktioniert, aber das ja wiederum auch gar nicht sein will …)
Zur Politik bleibt der Text dabei merkwürdig distanziert, die Leidenschaft etwa Gramcsi (im wahrsten Sinne, nämlich mit all den Leiden) wird vor allem behauptet, aber nicht eigentlich erzählt. Und das private fühlt sich oft aufdringlich, etwas schmierig an (wie Boulevardjournalismus). Das erschien mir oft als eine Art ungewollte Nähe, ein intimes Stochern, von deren Notwendigkeit die Erzähler selbst nicht so ganz überzeugt schienen. Zumal Stöver ist ja auch ein ausgesprochener Unsympath – und auch Gramcsi bleibt eine seltsame Figur. Beide Charaktere sind dabei seltsam rücksichtslos gegen sich selbst und ihr privates Umfeld. Und gerade das, was ja der Kern des Romans zu sein scheint, bleibt extrem blass, kaum motiviert – weil die Ideen, die diese Rücksichtslosigkeit erfordern, höchstens angerissen werden.
Wenn die Verlagswerbung das Ziel des Buches richtig beschreibt: „Nora Bossong erzählt vom Konflikt zwischen den großen Gefühlen und dem Kampf für die ganze Menschheit“, dann funktioniert 36,9° überhaupt nicht. Und das liegt unter anderem eben daran, dass der „Kampf für die ganze Menschheit“, die Weltverbesserung eigentlich gar nicht vorkommt, der Text bleibt viel zu sehr im individuellen, biographischen Klein-klein stecken. Dazu kommt dann noch eine für mich unklare Struktur – die Reihenfolge der Kapitel mit den Vor- und Rückblenden sowie die Erzählerwechsel erschließen sich mir einfach nicht. Ab und an funkelt mal ein schöner Satz, ein gelungener Abschnitt. Aber der Rest ist ein grau zerfließend Textbrei, der mich weder faszinieren noch überzeugen kann.
[…] ich wollte die Dinger nicht mehr bis zum Grund durchschauen, denn was lag dort? Nur Steine und Kiesel, nur Fußnoten und Quellenangaben. (25)
Der Titel der Münchner Rede zur Poesie von Ulf Stolterfoht, dem Autor so vorzüglicher Zyklen wie den Fachsprachen und jetzt Verleger der Brueterich-Press (der selbst viel zu wenig veröffentlicht …) sagt eigentlich schon alles: „Über Musik, Euphorie und schwierige Gedichte“ spricht er. Stolterfoht, der sich als „Experte für Euphorie“ (7) vorstellt und „Ahnung“ von „der“ Lyrik erst einmal kategorisch verneint, führt anhand einer reihe Gedichte exemplarisch vor, was Lyrik ist und kann, was Sprache im Gedicht ausmacht und natürlich auch, was „schwierige Lyrik“ (heutzutage ja fast ein Pejorativum) eigentlich ist. Und er betont, dass das „Nicht-verstehen-müssen“ dieser Gedichte eine großartige Erfahrung ist – für Leser und Schreiber. Für beide Seiten ist das eine Befreiung, die einen unerschöpflichen Reigen an Möglichkeiten eröffnet.
Nebenbei weist er darauf hin, dass das – heute vielleicht mehr als je zuvor vorhandene – Wissen und Können im Umgang mit Sprache und Gedichten noch lange keine Experimentierfreudigkeit ist. Stolterfoht bedauert ausdrücklich, dass „die Bereitschaft stark abgenommen hat, ein höheres ästhetisches Risiko einzugehen“ (29). Auch wenn er dann das Gelingen eines Gedichtes eher traditionell als „Regel“-Erfüllung beschreibt, oder besser als: „dass ein zuvor gefasster Plan, sei er formaler und /oder inhaltlicher Art, glückhaft erfüllt wurde“ (29), sollte für Stolterfoht, das macht er unter anderem mit mehrfachen Bezügen auf Diedrich Diederichsen deutlich, aber zumindest ergänzt werden um so etwas wie Authentizität, einen Moment des Kairos vielleicht. Trotz des deutlich betonten Emphatiker-Standpunktes (Lyrik kann alles und ermöglicht Leben erst!) steht dahinter aber genaueste Lektüre und Analyse fremder und eigener Gedichte, ohne die Euphorie des erkennenden (und identifizierenden) Lesens dadurch zu verneinen oder auszuschalten, sondern geradezu zu verstärken.
Und wie konnte es sein, dass ich kein Wort, keinen Satz verstand, und doch genau wusste, dass ich genau das immer hatte lesen wollen, und dass ich es jetzt gefunden hatte, und dass ich nie mehr etwas anderes würde lesen wollen. Das Gefühl, eine Mauer durchbrochen zu haben, einfach so, ganz leicht, ohne jede Anstrengung, und hinter dieser Mauer tat sich etwas auf, ein Raum, ein wirklicher Raum, in dem man würde leben können. (11)
Es ist für mich immer wieder erstaunlich, welch große und großartige Gedichte die Expressionisten in den Jahre während und um den Ersten Weltkrieg schrieben. Und ich entdecke immer wieder, dass ich viel zu wenige davon kenne. Auch Franz Richard Behrens gehört zu diesen Dichtern. Er war eigentlich genau nur in dieser engen Zeitspanne überhaupt dichterisch tätig: Ein einziger Band Lyrik – Blutblüte – ist von ihm 1917 erschienen. Während des Nationalsozialismus kann man ihn vielleicht zur „Inneren Emigration“ zählen, 1961 übersiedelte er dann nach Ostberlin. Aber die ganzen Jahre bis zu seinem Tod 1977 blieben ohne weitere literarische Veröffentlichungen. Offenkundig war der Weltkrieg da so eine Art Katalysator, der die Lyrikproduktion auslösten/vorantrieb.
Auffällig ist nun, finde ich, wie avanciert diese wenigen Gedichte waren und sind – und wie zeitgemäß und zeitgenössisch sie heute noch erscheinen. Aus allen Gedichten, die Michael Lentz in dieser kleinen Auswahlausgabe für den feinen hochroth-Verlag zusammengestellt hat, spricht eine beeindruckende Intensität und auch eine große Freiheit: Sie sind frei von formalen Zwängen und Traditionen, lassen so ziemlich alle Konventionen hinter sich. Hier erscheint Sprache als reiner Ausdruck, hier spürt man, wie ein Dichter um Ausdrucksmöglichkeit für ganz neue und neuartige Erlebnisse – vor allem die Gewalt und Sinnlosigkeit eines mechanisierten Krieges – ringt. Und wie er sie auch findet und den Vollzug des Erlebens am und im Wort fixiert und nachvollzieht. Ein Moment der Seriatlität gehört dazu, mit minimalistischen Elementen, etwa in „Preußisch“ oder „Quer durch Ostpreußen“. Aber auch gleich das eröffnende „Expressionist Artillerist“ zeigt das, mit der Verschränkung einzelner Gedichtzeilen und einem kontinuierlichen Zählen (ich lese das „Ein-und-zwanzig“ etc. als das Abzählen von Sekunden, etwa bis zum Einschlag der Granate …), das ganz geschickt ins Hinken gerät bzw. einzelne Zahlen überspringt, wenn die geschilderte Wahrnehmungsdichte sozusagen steigt und das nicht mehr in einen Vers passt:
[…] Neun-und-zwanzig
die Luft stinkt Millionen Schwefel, Kohle
Blutabsinth
die Luft ist stahl und rein
Ein-und-dreissig
die Granattrichter tüpfeln garnich harmonisch
Zwei-und-dreissig
[…]
Die kunstvoll hergestellte Unmittelbarkeit dieser Lyrik ist, denke ich, kaum zu übersehen. Ein anderes, von Behrens bevorzugtes Element, ist etwa die verbale Nutzung von Adjektiven. Bei aller Direktheit und Lebensnähe sind die Gedichte, das zeigt etwa das titelgebende „Erschossenes Licht“ oder das wunderbare „Italien“, sowohl inhaltlich als auch stilistisch und formal sehr sorgsam konstruiert. (Und außerdem ist das wieder hochroth-typisch ein sehr fein und schön gemachtes Heftlein …)
[…] Schneiden das
Land
in
Streifen.
Begreifen kann das mal
Die Generalstabskarte. Vormarsch im Regen (14)
Hier wäre der Ort, zu sagen, dass ich vollkommen normal bin, auch wenn ich Erzählungen schreibe. Ich weiß, dass dies die Dinge erschwert, aber alles andere an mir ist absolut in Ordnung. (78f.)
„Verspielt, elegant und mit allen Wassern der Postmoderne gewaschen“ behauptet der Klappentext – und hat tatsächlich mal recht. Denn Gospodinov ist ein wahrer Geschichtenerzähler: Es geht ihm wirklich darum, „Geschichten“ zu erzählen, nicht Erzählungen zu schreiben. Der Band ist dann auch richtig interessant und kurzweilig-unterhaltsam, weil Gospodinov dabei ein vielseitiger und vielfältiger, technisch sehr versierter Erzähler ist, was die Figuren und die Storys angeht.
Abwechslungsreich pendeln die meist sehr kurzen Texte (auf den 140 Seiten finden sich immerhin 19 Erzählungen) zwischen einer sympathischen Weltoffenheit, die sich ausdrücklich auch aufs Phantastische, das eigentlich sowieso normal ist, erstreckt, und einer spürbaren Leichtigkeit – einer Lockerheit des Erzählens, des Lebens, des Wahrnehmens. Gospodinov, der sich bzw. seine Erzähler gerne als Geschichtensammler bzw. ‑aufschreiber, nicht als Geschichtenerfinder inszeniert – vom „Anlocken von Geschichten“ (84) schreibt er an einer Stelle – schafft es dabei, zugleich kosmopolitisch und heimatverbunden zu wirken, zugleich witzig (im Sinne von komisch) und traurig (im Sinne von tiefernst) zu sein. Immer wieder spielen die letzten Tage, die letzten Momente, das endgültige Ende, die Apokalypse als eigentlich ganz schelmisches, gewitztes Unternehmen eine große Rolle in seinen Erzählungen. Das ist schon in der eröffnenden (und titelgebenden) Geschichte „8 Minuten und 19 Sekunden“ so, die die Zeit, die das Licht von der Sonne zur Erde braucht beschreibt – also die Zeit, die bleibt, bis die Erde nach dem Ende der Sonne im Dunkel versinkt. Immer, wenn das nicht passiert, weiß man also, dass noch 8 Minuten 19 Sekunden bleiben … Die Implikationen dieser gleitenden Apokalypse spielt die Geschichte sehr schön und dabei durchaus knapp durch.
Außerdem ist auch eine der „schönsten“ Geschichten zum 11. September hier zu finden: „Do not disturb“. Die erzählt von einem just für diesen Moment als Sprung aus dem Hochhausfenster eines New Yorker Hotels geplanten Selbstmord. Und da Gospodinov ein schwarzer Erzähler ist, gibt es natürlich kein Happy End – der Selbstmord findet dann zwar nicht statt, wird aber natürlich später nachgeholt. Das klingt in der knappen Nacherzählung etwas banal – aber darum geht es Gospodinov ja nicht nur. Zwar sind seine Erzählungen ohne ihre Handlung nicht zu denken, ihre Wirkung erlangen sie aber nicht zuletzt durch die geschickte und gelassen-verspielte erzählerische Inszenierung, die das zu einer sehr kurzweiligen Lektüre werden lässt.
Außerdem kam es mir so vor, als finge Z. an, die Geschichte zu ruinieren, indem er ihr mehr Pathos und Literarizität verlieh als notwendig. Und ich war immerhin der Käufer dieser Erzählung. (54)
außerdem gelesen:
Amok Amor in einem Mitschnitt von „Jazz geht Baden“ (hier mein Bericht von ihrem Besuch in Rüsselsheim):
Ins Netz gegangen am 13.5.:
Religionen werden im Grundgesetz nicht geregelt. Das Grundgesetz regelt die Verfassungsorgane der Bundesrepublik Deutschland und gewährt den Bürgern Schutzrechte. Kein religiöser Basistext von der Bibel bis zum Koran ist mit dem Grundgesetz kompatibel. Es muss aber auch keine Religion mit dem Grundgesetz vereinbar sein, weil sie nicht geltendes Recht festlegen. Die Vertreter dieser Religion dürfen aber nichts machen, was gegen die Rechtsordnung verstößt. Wenn eine muslimische Gruppe forderte, dass anstatt des Bundespräsidenten ein Kalif an die Spitze des Staates tritt, wäre das natürlich verfassungswidrig.
[…] Alles wird pauschalisiert, ohne jede Textkenntnis. Diese ganze Koran-Zitiererei! Dass man zum Beispiel Schwule töten muss, steht nirgendwo im Koran, wie oft behauptet wird. Wenn alles im Koran stünde, was angeblich drinsteht, müsste er fünfmal so dick sein. Die Leute nehmen auch immer nur ganz bestimmte Aussagen, meist die weniger friedfertigen. Der Koran ist von Anfang an interpretiert worden, weil man sonst nicht viel mit ihm anfangen kann. Diese Interpretationsgeschichte wird vollkommen ausgeblendet.
[…] Es sind die Deutschen, die mit ihrer Sprache schludern und nicht mehr Hölderlin lesen. Versuchen Sie mal, eine Hölderlin-Ausgabe in der Buchhandlung zu bekommen. Dasselbe gilt für die Religion. Kein Moslem hindert einen Christen in Deutschland daran, in die Kirche zu gehen. Es gibt in Deutschland keine Islamisierung, sondern eine Entchristianisierung.
Ist dieses Berlin vielleicht nur für Schriftsteller da? Ist Berlin ein großes Reservat für Autoren? Und wir merken nichts davon? Wer möchte, kann jeden Abend, jede Nacht Schriftsteller in freier Wildbahn sehen.
[…] Geht ein Schriftsteller mal ganz unschuldig mit einem zweiten Schriftsteller in eine Bar, um Schriftstellerprobleme zu besprechen oder einfach nur um einen weiteren nichtsnutzig verbrachten Tag zu feiern, steht ganz schnell ein dritter Schriftsteller am Tresen, dann ein vierter. Schriftsteller können wie Schmeißfliegen sein.
[…] Ein wandernder Schriftsteller-Salon zieht durch die Stadt und spielt Mimikry.
–Zu Jederzeit sind Heldentum & Blödheit einander ähnlich wie Zwillingsbrüder, sie sehen zu verschiedenen Zeiten & an verschiedenen Orten nur anders aus; haben jedoch Heerscharen von Verwandten. Und von Alten Helden überleben immer die-Pferde, von den Neuen Helden die-Aktentaschen. Reinhard Jirgl, Oben das Feuer, unten der Berg, 95
Ein großartiges Set, das die vier jungen Herren von Amok Amor da für die kleine Schar interessierter Lauscher auf der Hinterbühne des Rüsselsheimer Theaters spielten. Dabei bescheiden sie sich mit gut 75 Minuten am Stück. Darein packen sie drei „Stücke“ und eine Zugabe. Von den Titel habe ich fast nichts verstanden, zusammengereimt habe ich mir: „Als Sozialist geboren, als Sozialist sterben“ und „Sons of Engels Marx“ (oder so ähnlich, die Richtung ist aber klar …) – das macht aber nichts, die Titel (und Ensemblenamen) von (Free) Jazz sind ja eh’ so eine Sache … Gleiches gilt übrigens für Selbstbeschreibungen: Auf Christian Lillingers Homepage steht zu Amok Amor unter anderem:
This is urgent music. Amok Amor surveys the threats and prospects of music in our world today.
The music is aggressive yet gentle. Bla bla bla bla bla. The world is changing, but this music will survive.
Amok Amor is essential listening for anyone who is concerned about the primary challenges still facing the human race and is wondering where to find a ray of hope.
– stimmt alles und sagt natürlich gar nichts …
Aber die Musik halt. Die ist bei Amok Amor genial. Aufmerksam geworden bin ich auf das Quartett, weil das eine der vielen, vielen Formationen ist, in denen der Schlagwerker Christian Lillinger gerade seine Kunst in die Waagschale wirft. Und so ziemlich alles, was ich bisher von & mit ihm gehört habe, ist zumindest interessant bis großartig – etwa die Vierergruppe Gschlößl, Christian Lillingers Grund oder Grünen.
Auch in Rüsselsheim hat er seine hypernervösen Handgelenke im Dauereinsatz. Ein bescheidenes Schlagzeug reicht ihm, zumal er es auch noch während des Spielens umbaut (und auch den Bühnenboden zum Quietschen-Kreischen mitbenutzt …). Das rumpelt dröhnend (die Tom Toms dumpf, die Snare tief), helle Cymbals und Rim-Tänzereien komplettieren das zu einem zwischen wilden Chaos und straighten Punk schwankendem Dauerfeuer, das er von ersten Moment an mit dem Bassisten Petter Eldh zusammen entfacht.
Ansonsten gilt: vielschichtige Vielfalt und Komplexität sind Pflicht und Kür zugleich. Immer, wenn man meint, etwas kapiert zu haben, ändert sich alles. Offenbar genau komponierte Cues, die erstaunlich präzise angesteuert werden. Immer, wenn man die Struktur verstanden zu haben meint, kippt das Klangbild, stolpert der Beat, verrrutscht die Melodie, krachen die Harmonien in- und aufeinander und das ewige Spiel geht weiter und von vorne los, anarchistisch und präzise abgestimmt zugleich. Überhaupt: Das instrumentaltechnische Niveau ist irre, stupende Virtuosität zeigen alle vier: Peter Evans an der Trompete und Wanja Slavin am Altsaxophon sind ein faszinierendes Duo im Quartett. Bassist Petter Eldh blieb etwas blass, was aber auch am grummeling-verwaschenen Sound des verstärkten Kontrabasses gelegen haben kann.
Viel klarer dagegen die beiden Bläser. Peter Evans gibt sich am Beginn lässig und straight, später lässt sich dann auch die Dörner-Schule deutlich vernehmen: Hauchend, flüsternd, knallend, vor allem aber – dank Zirkularatmung auch unablässig dabei – hyperaktiv und reaktiv. Auch Wanja Slavins Saxophon zeichnet ein wunderbar weicher und klarer Sound mit hoher Durchsetzungskraft aus, zumal Slavin damit sehr tolle Farben und Klangmuster gestalten kann.
Die entfalten sich immer wieder im scheinbar magischen Zusammenspiel: Eng geführte, auch tolle Unisono-Passagen scheinen auf, dann ein abrupter Wechsel oder allmähliches Abgleiten in feinste, ideensprühende freie Improvisationen. Die eine Art Gerüst und zumindest groben Verlauf vorgebende Kompositionen bauen gerne auf minimal(istisch)en Motiven auf, setzen auf Wiederholung und Variation. Überhaupt bietet Amok Amor eine Musik, die nur nach der Postmoderne denkbar ist: Voller Selbstreflexion und voller Anspielungen und Bezüge auf die gesamte Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts (na gut, nicht alles – aber sehr vieles …), aber kein „akademisches“ Produkt, sondern eine lebendige Auseinandersetzung mit Geschichte und Gegenwart.
Vor allem aber hat Amok Amor als Quartett einen unverschämten Drive, die Musik bleibt im kontinuierlichen, fesselnden Flow. Da ist kein Leerlauf zu spüren, nirgends und niemals: Amok Amor saugt die Energie von Raum und Publikum auf und spuckt sie, wie ein umgekehrtes Schwarzes Loch, in Klangformen wieder und wieder aus, bis die Hörgänge verknotet sind und das Hirn raucht …
Ach, es war einfach großartig, enorm vitalisierend und enthusiasmierend – wie Jazz eben sein soll/kann …
Amok Amor (Christian Lillinger, Peter Evans, Wanja Slavin, Petter Eldh). Theater Rüsselsheim, Studiobühne – 10. Mai 2017.
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