»Nächstens mehr.«

Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Again and Again and Again and Again

Wien also mal wie­der. Die­ses Mal aber unter ganz beson­de­ren Gesichts­punk­ten: „Wien – die kai­ser­li­che Resi­denz­stadt“ hieß die Exkur­si­on des His­to­ri­schen Semi­nars, an der ich – auf­grund eini­ger glück­li­cher Umstän­de – trotz ver­spä­te­ter Anmel­dung noch teil­neh­men durfte/​konnte. So mach­te ich mich am Frei­tag also wie­der ein­mal auf nach Wien, eine mei­ner Lieblingsstädte.

Das war aber auch schon gleich die ers­te Her­aus­for­de­rung: Treff­punkt zur Abfahrt war 7:30 Uhr am Main­zer Haupt­bahn­hof. Das hieß für mich: Der Wecker klin­gel­te um 5:30 Uhr, damit ich noch ohne grö­ße­re Zeit­not eine Run­de lau­fen gehen konn­te. Trotz der unbarm­her­zi­gen Zeit hat das gut geklappt, ich war dann sogar noch fast zu früh am Bahn­hof, wo so lang­sam alle ande­ren der 15 Teil­neh­mer ein­tru­del­ten. Der Regio­nal­zug braucht uns dann unpro­ble­ma­tisch zum Frank­fur­ter FLug­ha­fen, von dort ging’s mit Air Ber­lin – bzw. mit dem Air­bus 320 der Niki Air – ohne Pro­blem nach Wien Schwe­chat. Und dort erst mal wie­der in den Zug, der uns zu Wien Mit­te brach­te, von wo aus die Stra­ßen­bahn wei­ter­half. Und nach ein paar hun­dert Metern Fuß­marsch stan­den wir dann in der Bau­stel­le, d.h. direkt vor dem Hotel Aca­de­mia in der Pfeil­gas­se. Das liegt zwar recht prak­tisch, nicht weit vom Burg­ring, ist aber auch recht spar­ta­nisch und fast schon ein Denk­mal. Seit der Eröff­nung in den 1960ern hat sich an der Innen­ein­rich­tung näm­lich offen­bar gar nichts getan – nur etwas abge­nutzt wur­de sie im Lau­fe der Zeit. Aber immer­hin war’s sau­ber – und viel Zeit ver­brach­ten wir da ja eh nicht.

Schon am ers­ten Tag ging es gleich mit­tags los – mit einem gro­ßen Rund­gang durch den 1. Bezirk und ent­spre­chen­den Aus­füh­run­gen zur „Stadt­to­po­gra­phie“ – Par­la­ment, Rat­haus (Alt und Neu), Burg­thea­ter, Uni­ver­si­tät, Votiv­kir­che, Juden­platz, St. Ruprecht, St. Ste­phan, Alber­ti­na, Staats­oper – und schließ­lich noch die Hof­burg in all ihren Tei­len (vor der neu­en Burg, auf dem Hel­den­platz, wur­de aller­dings gera­de noch das Ern­te­dank­fest des Bau­ern­ver­ban­des auf­ge­baut). Mit dem Extra-Refe­rat zur Bau­ge­schich­te waren wir dann erst fer­tig, als die Son­ne schon längst ver­schwun­den war und das Licht nur noch vom Mond und aus den Stra­ßen­la­ter­nen schien.

Sams­tags klin­gel­te mein Han­dy­we­cker wie­der aus­ge­spro­chen früh, näm­lich bereits um 6:30. Wie­der eine Mor­gen­lauf­run­de, die mich über den Ring und Karls­platz zum Bel­le­vue führ­te, wo um die­se Zeit noch (fast) nichts los war. Über Nasch­markt und Karls­platz fand ich deann den Weg zurück – auch wenn ich zwi­schen­durch an mei­nem Ori­en­tie­rungs­sinn etwas zwei­fel­te. Und ange­sichts der Alko­hol­lei­chen, die beim Nasch­markt aus dem Club in die Taxen fie­len, einen ande­ren Rück­weg bevor­zugt hät­te. Nach dem eher kar­gen Früh­stück (lei­der ohne Müs­li) war es auch schon Zeit für dem gemein­sa­men Abmarsch: Zurück zum Bel­ve­de­re. Die­ses Mal aber mit der Stra­ßen­bahn. Und dort dann aus­führ­li­che Erkun­dung: Erst mit dem bio­gra­phi­schen Refe­rat zu Prinz Eugen, dem Erbau­er die­ser Som­mer­re­si­denz (das auch gleich den Hin­ter­grund für mein eige­nes Refe­rat am Mit­tag lie­fer­te). Und dann ein super aus­führ­li­cher Vor­trag zur baro­cken Gar­ten­bau­kunst, mit dem groß­ar­tigs­ten Hand­out, das ich je gese­hen habe – voll­ge­stopft mit (far­bi­gen!) Abbil­dun­gen und Hin­wei­sen … Der Gar­ten beschäf­tig­te uns noch den Rest des Vor­mit­tags – bei dem strah­len­den Son­nen­schein und Tem­per­ar­tu­ren um 30 °C hat­ten wir aller­dings die Ten­denz, Schat­ten­zu suchen. Danach führ­te uns unser Weg zum Arse­nal, wo sich das Her­res­ge­schicht­li­che Muse­um befin­det. Davor, im Schwei­zer­park, durf­te ich noch zu „Prinz Eugen als öster­rei­chi­schem Erin­ne­rungs­ort“ refe­rie­ren – trotz mei­ner etwas knap­pen Vor­be­rei­tung und mei­ner eher kon­fu­sen Nota­ta­te hat das ganz gut geklappt. Das Hee­res­ge­schicht­li­che Muse­um war ein sehr selt­sa­mes Erle­benis: Ein groß­ar­ti­ger Bau (vor allem wenn man den ursprüng­li­chen Zweck als Arse­nal bedenkt), der ganz unbe­schei­den auf das Arse­nal von Vene­dig (vor allem in der äuße­ren Gestal­tung) und den dor­ti­gen Mar­kus­dom (ins­be­son­de­re im Inne­ren, den Decken und der Benut­zung von Gold(-farbe), Die Aus­stel­lung in die­sem Meis­ter­werk des His­to­ri­zis­mus war aller­dings so ziem­lich die schreck­lichs­te, die ich ich erin­ne­re – nicht nur wegen der Expo­na­te, son­dern auch wegen der Prä­sen­ta­ti­on: Ohne Zusam­men­hang, ohne Erklä­rung, ohne Ord­nung und Ein­ord­nung wer­den hier ein­fach man­nig­fal­ti­ge Waf­fen, Schlach­ten­bil­der, Heer­füh­rer etc … hin­ge­stellt. Der Prinz-Eugen-Raum ist dann auch ein ziem­li­cher Witz: Ein unbe­leuch­te­tes, stark nach­ge­dun­kel­tes Por­trät, die Bahr­tü­cher und kaum mehr, das gan­ze unauf­fäl­lig in der Ecke unter­ge­bracht. Etwas bes­ser war die Aus­stel­lung im Teil zum Zwei­ten Welt­krieg – aber auch hier noch total über­la­den. Ntür­lich inter­es­siert mich Mili­tär­ge­schich­te auch aller­höchs­tens peri­pher – aber das ist ja sozu­sa­gen mein Pro­blem. Hier zeig­te sie sich aber auch von ihrer unan­sehn­lichs­ten Sei­te. Eine klei­ne spe­zi­el­le Freu­de berei­te­te aller­dings die Pro­be einer klei­nen Schau­spiel­trup­pe, die an Hei­ner Mül­lers „Wolo­ko­lams­ker Chaus­see „arbei­te­te und auf dem Bal­kon des Arse­nals eini­ges aus­pro­bier­te – ich habe lan­ge kei­nen Mül­ler-Text (in die­sem unver­wech­sel­ba­ren Sound!) mehr live gehört …

Nach der Mit­tags­pau­se in der „klei­nen Stei­er­mark“ im Schwei­zer­park tra­fen wir uns am Karls­platz wie­der zur Abfahrt zum von Tou­ris­ten natür­lich total über­lau­fe­nen Schloss Schön­brunn, wo wir uns an der Ecke des Gar­tens zunächst Maria The­re­sia wid­me­ten, bevor wir den Gar­ten spa­zie­rend erschlos­sen – inklu­si­ve einem Abste­cher zur Glo­ri­et­te mit ihrem schö­nen Aus­blick über Gar­ten, Schloss und Stadt. Nach der Rück­kehr in die Stadt ver­schlug es uns in die „Kan­ti­ne“ im Muse­ums­quar­tier, wo man nicht nur gut spei­sen konn­te, son­dern auch sehr schön am Sams­tag Abend ein­fach noch ent­spannt den Tag aus­klin­gen las­sen konnte.

Der Sonn­tag begann – natür­lich – wie­der mit einem Mor­gen­lauf. Die­ses Mal führ­ten mei­ne Füße mich über die West­bahn auf die Hei­li­gen­städ­ter Stra­ße, ein­fach gera­de stadt­aus­wärts. Zum GLück fand ich auf die­ser Stre­cke eine McDo­nalds-Filia­le, sonst wäre es zu einem Not­fall gekom­men – mor­gens lau­fen ist ein­fach nicht mein Ding …Vor­mit­tags stan­den zunächst zwei wei­te­re Som­mer­re­si­den­zen auf der Stadt, die im 18. Jahr­hun­dert noch vor der Stadt lagen, heu­te aber schon zum Kern gehö­ren. Wir began­nen mit dem Palais Schön­born: Davon ist aber nur sehr wenig übrig, vor allem vorm Gar­ten gar nichts – und auch noch dazu mit einer falsch beschrif­te­te Beschil­de­rung, wie wir fest­stel­len muss­ten. Dann wid­me­ten wir uns dem Palais Liech­ten­stein, das nicht nur von Anfang an wesent­lich reprä­sen­ta­ti­ver, grö­ßer und ästhe­ti­sche beein­dru­ckern­der ange­legt war, son­dern auch schön restau­riert wur­de und vor allem über einen schö­nen Gar­ten ver­fügt. Das ist aller­dings auch nicht mehr die ori­gi­an­le baro­cke Anla­ge, son­dern eine Umge­stal­tung des 19. Jahr­hun­derts zum Eng­li­schen Gar­ten. Natür­lich wur­de der „rei­ne“ Besuch der Orte auch hier jeweils mit den ent­spre­che­nen Fach­re­fe­ra­ten zur Fami­li­en­ge­schich­te ergänzt. Das Ende des Vor­mit­tags­pro­gramms bil­de­te – nach einem Über­blick über Wien als „Stadt, in der der Kai­ser resi­dier­te“ – der Besuch des Wien-Muse­ums neben der Karls­kir­che. Und das lohnt sich wirk­lich. Nicht nur wegen der vie­len Stadt­an­sich­ten, auch die Expo­na­te sind hier bunt gemischt aus Stadt­le­ben und Kunst und mit kur­zen, aber aus­rei­chen­den Tex­ten schön zusam­men­ge­stellt. High­lights sind – neben den Fens­tern und Sta­tu­en von St. Ste­phan (den Ori­gi­na­len, die dort schon im 19. Jahr­hun­dert durch Kopien ersetzt wur­den) – vor allem die drei auf-/nach­ge­bau­ten Räu­me: Das Wohn­zim­mer Alfred Loos’, die Woh­nugn von Grill­par­zer und ein groß­bür­ger­li­cher-adli­ger Jugend­stil-Salon. Eine leben­di­ge, umfas­sen­de Aus­tel­lung zur Geschich­te Wiens in Schlaglichtern.

Den Nach­mit­tag wid­me­ten wir aus­führ­lich der Karls­kir­che, dem äuße­ren und inne­ren Bild­pro­gramm, ihrer Pla­nung, Ent­ste­hung und Aus­füh­rung. Und natür­lich bes­od­ners den Fres­ken der inne­ren Kup­peln, weil noch die Mög­lich­keit bestand, das ehe­mal szu Restau­rie­rungs­ar­bei­ten auf­ge­stell­te Gerüst mit dem Lift (und eini­gen abschlie­ßen­den Trep­pen) zu nut­zen, die Fres­ken aus wirk­lich unmit­tel­ba­rer Nähe zu bestau­nen – erstaun­lich, wie detail­reich die aus­ge­führt wur­den, obwohl sie doch eigent­lich für die Betrach­tung vom Boden aus ange­legt waren. Aus der Later­ne ganz oben konn­te man sogar einen schö­nen, wei­ten Blick über die Wie­ner City wer­fen – nur scha­de, dass man nicht hin­aus konn­te: Das wäre span­nend gewe­sen … Den Rest des Nach­mit­tags ver­brach­ten wir dann mit einem Spa­zier­gang über den Gra­ben und auf dem ange­nehm ent­spann­ten Ern­te­dank­fest, wo es auch lecke­ren Saft gab – bei gut 30 °C und wei­ter­hin purem Son­nen­schein ein wah­re Genuss. Abends lan­de­ten wir dann zu Speis und Trank im „Bet­tel­stu­den­ten“, der uns mit einem groß­zü­gi­gen Gut­schein über die Hälf­te des Rech­nungs­wer­tes über­rasch­te – damit war der Plan für Mon­tag auch klar …

Aber noch war es nicht so weit. Der Mon­tag begann näm­lich noch etwas frü­her – wegen des Auf­bruchs um 8:30 Uhr fiel mein Mor­gen­lauf aller­dings auch etwas kür­zer aus. Unser Pro­gramm führ­te uns zunächst zum Haus‑, Hof- und Staats­ar­chiv, mit inter­es­san­ter, weit aus­grei­fen­der Füh­rung. Inter­es­sant nicht nur die Geschich­te des Archi­ves, son­dern auch die des Archivs­baus, einer Stahl­trä­ger­kon­struk­ti­ons mit Git­ter­bö­den (für die bes­se­re Luft­zir­ku­la­ti­on) in den Depots, die auch über erstaun­lich kunst­voll gear­bei­te­te Metall­re­ga­le (die zugleich Teil der tra­gen­den Kon­struk­ti­on sind) aus dem 19. Jahr­hun­dert ver­fügt. Und in denen natür­lich wahn­sin­ni­ge Schät­ze lagern … Sehen durf­ten wir – neben eini­gen Fak­si­mi­les – davon eini­ge der pri­va­ten Tage­bü­cher Karl VI. Inter­es­sant, wie sich so eine Schrift im Lau­fe der Jah­re ver­än­dert. Und wie auf man­chen Sei­ten mehr Zif­fern als Buch­sta­ben zu fin­den sind, weil Karl gera­de in spä­te­ren Jah­ren doch eini­ges nur chif­friert notier­te. Dem Besuch der „archi­va­li­schen Sät­ze“ schloss sich ein Besuch der welt­li­chen an: In der Schatz­kam­mer der Burg bestaun­ten wir vor allem die Reichs­in­si­gni­en (mit Refe­rat, natür­lich), die alte Kai­ser­kro­ne, Szep­ter, Schwert, Reichs­ap­fel und den gan­zen wert­vol­len Krem­pel, nicht zuletzt die Krö­nungs­ge­wän­der. Und natür­lich auch den Schatz des Ordens vom Gol­de­nen Vlies, den uns ein ande­res Refe­rat schon vor­ge­stellt hatte.

Nach unse­rer klei­nen Pau­se im Café Cen­tral – ein Kaf­fee­haus­be­such pro Wien­be­such ist ja sozu­sa­gen obli­ga­to­risch – fuh­ren wir mit U‑Bahn und Bus nach Klos­ter­neu­burg, bestaun­ten unter­wegs schon den Karl-Marx-Hof, eines der größ­ten Pro­jek­te des Sozi­al­woh­nungs­baus und wid­me­ten dann viel Auf­merk­sam­keit dem Stift Klos­ter­neu­burg, sei­ner baro­cken Kir­che mit ihrer fast pro­no­gra­phi­schen Pracht und vor allem dem Resi­denz­teil, den mage­ren Res­ten des Escori­al-Plans Karls VI. (allein die Reichs­kro­ne auf der Mit­tel­kup­pel hat jagi­gan­ti­sche Aus­ma­ße auch wenn sie nur aus Kup­fer ist …) und sahen auch, wie sol­che Pracht­bau­ten im Roh­bau aus­sa­hen … Auf dem Rück­weg kehr­ten wir noch beim Heu­ri­gen ein und genos­sen aus­rei­chen­de Men­gen des „Sturms“, wie die Öster­rei­cher den Feder­wei­ßen nen­nen. Abschlie­ßen muss­ten wir den Abend natür­lich mit einer Rück­kehr zum Bet­tel­stu­den­ten – schließ­lich brann­te der Gut­schein ein Loch in unse­re Tasche (über­leb­te aber natur­ge­mäß den Abend nicht …).

Am Diens­tag schließ­lich ging es noch ein­mal frü­her los, jetzt klin­gel­te mein Wecker um 6:15 Uhr – so lang­sam wur­de es hart. Und die Lust, über­haupt zu lau­fen, schwand auch merk­lich … Nach dem Früh­stück zogen wir um 8 Uhr los, die Kof­fer schon ein­mal in Wien Mit­te für den Flug auf­ge­ben und wid­me­ten uns dann noch, ganz zum Schluss, der habs­bur­gi­schen Memo­ri­al­kul­tur: Zunächst in der schö­nen Augus­ti­ner­kir­che, wo vor allem die Herz­gruft Beach­tung fand, dann in der Kapu­zi­ner­gruft mit den irr­sin­ni­gen Sakro­pha­gen der Habs­bur­ger, vor allem den Pracht­ex­em­pla­ren von etwa Karl VI. oder dem gemein­sa­men Sakro­phag von Maria The­re­sia und ihrem Gemahl Franz Ste­phan. Und das war’s auch schon fast: In der ver­blei­bendne Frei­zeit gin­gen wir zu dritt noch ins Mumok, in die groß­ar­ti­ge, gera­de erst eröff­ne­te Aus­stel­lung „Muse­um der Wün­sche“ – so etwas wie eine Retro­spek­ti­ve des Muse­ums, aus der eige­nen Samm­lung v.a., die gran­dio­se Klas­si­ker der Moder­ne mit zeit­ge­nös­si­schen Ver­rückt­hei­ten kom­bi­niert und ver­sucht, da so etwas wie Ord­nung hin­ein­zu­brin­gen: Unge­mein fas­zi­nie­rend wirk­lich in fast jedem Raum, nur halt wahn­sin­nig viel …

Nach dem abschlie­ßen­den lecke­ren Käse­krai­ner düs­ten wir mit dem CAT zum Flug­ha­fen – und dann auch schon Up & Away nach Deutsch­land, mit der S‑Bahn von Frank­furt zurück nach Mainz, wo mein Bett mich sozu­sa­gen schon erwartete …

Eine span­nen­de Exkur­si­on war das, sicher, auch ziem­lich anstren­gend – aber schön. Und lehr­reich. Und inter­es­sant. Nicht zuletzt wegen der ange­neh­men Gruppe ;-)

PS: Der Titel ist natür­lich eine pop­kul­tu­rel­le Refe­renz [die mit Wien nix wei­ter zu tun hat …] – wer findet’s heraus?

Fanboy

Allein für die­sen Kom­men­tar muss man Rai­nald Goetz doch lieben!
– Der Umblät­te­rer hat­te zum 30jährigen Jubi­lä­um der „Feuil­le­ton­ma­nie“ von Rai­nald Goetz, die – zumin­dest in der für den Leser sicht­ba­ren Form – mit einer Repor­ta­ge (?) über Feuil­le­to­nis­ten im Trans­at­lan­tik von August 1981 begon­nen hat, eine klei­ne (lob­prei­sen­de) Wür­di­gung die­ses „Unter­neh­mens“ (das ja eher einem Zwang/​Drang zu ent­sprin­gen scheint als Über­le­gung, meint man manch­mal) geschrie­ben. Und Rai­nald Goetz hat kom­men­tiert. Unter ande­rem damit, mit einem klei­nen aber bösen Sei­ten­hieb auf die momen­ta­ne Form des FAZ-Feuilletons:

Über den aktu­el­len KITSCH der Faz-Kul­tur und ‑Lite­ra­tur, den die dor­ti­gen Frau­en Loven­berg, Mühl, Bopp, Kegel u.a. mit ihren Lebens­er­fah­rungs-berich­ten und tod­trau­ri­gen Spie­ßer­theo­rien über die FAMILLJE ver­brei­ten, anstatt Bücher zu bespre­chen, weil Bücher dort pro­gram­ma­tisch nur noch beju­belt werden […]

Und mit einer klei­nen Abwei­chung zu Botho Strauß:

Botho »gleich­wohl« Strauß schreibt sei­ne unschö­ne Erle­sen­heits­spra­che, hat sei­ne scheuß­lich erle­se­nen Kitsch­ge­dan­ken auch des­halb, weil er zu wenig Feuil­le­ton liest. Er liest zu viel geho­be­nen Dreck, das ergibt im Resul­tat Kitsch.

Das ist doch – so neben­bei – ein­fach mal wie­der herrlich.

Gelobt sei die Kopie

Gera­de erschie­nen und schon weg­ge­le­sen: Das „Lob der Kopie“, das Dirk von Geh­len unter dem Titel „Mas­hup“ geschrie­ben hat.
Wor­um geht’s? Eigent­lich sagen die bei­den Titel schon das wesent­li­che: von Geh­len geht es dar­um, der Kopie zu ihrem Recht zu ver­hel­fen. Er will zei­gen, dass die Kopie nicht zwangs­läu­fig etwas min­der­wer­ti­ges, etwas weni­ger wert­vol­les sein muss/​ist als das Ori­gi­nal. Inspi­riert ist das natür­lich wesent­lich von der Erfah­rung der Mög­lich­keit der Digi­ta­li­sie­rung, die die Kopie ja nicht nur iden­tisch macht, son­dern das „Ori­gi­nal“ auch unbe­ein­träch­tigt lässt, ihm nichts „weg­nimmt“ (wes­we­gen es, abge­se­hen von den juris­ti­schen Aspek­ten, eine digi­ta­le „Raub­ko­pie“ ja nicht geben kann).

Das ist ein unge­heu­er mate­ri­al­ge­sät­tig­tes Büch­lein gewor­den: Dirk von Geh­len, im wah­ren Leben Lei­ter der Jetzt​.de-Redak­ti­on der Süd­deut­schen, hat ganz flei­ßig recher­chiert und gele­sen – und er lässt den Leser an sei­nen For­schungs­früch­ten teil­ha­ben. Wer also irgend wel­che Infor­ma­tio­nen zu irgend einem Aspekt der Kopie sucht, soll­te hier ziem­lich sicher eini­ge Hin­wei­se fin­den. Scha­de nur, dass Suhr­kamp (oder von Geh­len?) auf ein lite­ra­tur­ver­zeich­nis ver­zich­tet haben – bei der Fül­le der ver­wen­de­ten Quel­len hät­te ich das sehr hilf­reich gefunden. 

Der ent­schei­den­de Punkt, war­um Kopien zu loben sind, ist – trotz des Hin­ter­grund des digi­tal turns – ein alter: Krea­ti­vi­tät etc. ist nur mit der Ver­wen­dung ande­ren Mate­ri­als mög­lich. Das ist ein ganz alter Gedan­ke, der mehr oder weni­ger par­al­lel zur Eta­blie­rung der Ori­gi­na­li­tät in der Frü­hen Neu­zeit auch schon gedacht und for­mu­liert wur­de, von Geh­len weist auf eini­ge Fund­stel­len hin. Auch Goe­the wird in die­sem Zusam­men­hang mehr­fach zitiert – genau wie diver­se Pop­mu­si­ker und vie­le ande­re „Krea­ti­ve“ aus vie­len Zei­ten. Die­ses „Mas­hup“, das ver­ar­bei­ten­de Benut­zen (frem­den) Mate­ri­als, ist natür­lich nicht nur auf Kunst oder Den­ken beschränkt – auch im Fuß­ball z.B. kann man das beob­ach­ten (das lie­fert den Ein­stieg in das Lob der Kopie: Das von Mes­si kopier­te Maradona-Tor).

Von Geh­len selbst beschreibt das Ziel die­ses Buches so: 

Über die bestehen­de Stra­te­gie der tech­ni­schen und juris­ti­schen Erschwe­rung und Ver­hin­de­rung des Kopie­rens hin­aus will ich einer­seits die Chan­cen des tech­no­lo­gi­schen Fort­schritts auf­zie­gen und vor allem die Gefah­ren benen­nen, die die bis­he­ri­ge Kri­mi­na­li­sie­rungs­stra­te­gie mit sich bringt. Wer die Kopie ein­sei­tig ver­dammt, greift damit die Grund­la­gen unse­rer Kul­tur an. (15, Her­vor­he­bung von mir)

- das ist doch mal eine Ansage. 

Er tut dies in eigent­lich fünf Schrit­ten: Von der „Kri­se des Ori­gi­nals“ über das „Gesetz der vaga­bun­die­ren­den Kopie“ bis zum abschlie­ßen­den „Plä­doy­er für einen neu­en Begriff des Originals“.
Das wesent­li­che Moment dabei ist, ich habe es ja bereits erwähnt, zunächst das Lob der Kopie:

Das hier ange­stimm­te Lob der Kopie ist als alles ande­re als ein Abge­sang auf das Urhe­ber­recht und auch kein Plä­doy­er für die ver­gü­tungs­freie Nut­zung kul­tu­rel­ler Erzeug­nis­se. Mir geht es nur dar­um zu beto­nen, dass es frucht­bar sein kann, sich von einem über­stei­ger­ten Ori­gi­nal­be­griff zu lösen, die sprach­li­chen Pro­ble­me mit dme Kon­zept des geis­ti­gen Eigen­tums zu benen­nen und dar­auf hin­zu­wei­sen, dass nur ein Urhe­ber­recht, das sich als Imma­te­ri­al­gü­ter­recht ver­steht und die Veräd­ne­run­gen der Read-wri­te-Socie­ty und des kopie­ren­den Ver­brau­chers berück­sich­tigt, sei­ne gesell­schaft­li­che Legi­ti­ma­ti­on wie­der erlan­gen und somit auch sei­ne eigent­li­che Inten­ti­on erfül­len kann: Krea­ti­vi­tät zu för­dern.“ (123)

Die­se und ande­re Über­le­gun­gen (und Beob­ach­tun­gen) füh­ren von Geh­len dann eben dazu, einen neu­en Begriff des Ori­gi­nals vor­zu­schla­gen, der durch drei Aspek­te gekenn­zeich­net ist: Das Original 

ist kein binär zu unter­schei­den­dens soli­tä­res Werk (1), son­dern ein in Bezü­ge und Refe­ren­zen ver­strick­ter Pro­zess (2), und sei­ne ska­lier­te Ori­gi­na­li­tät beruht immer auf Zuschrei­bun­gen und Kon­struk­tio­nen (3), die man mit ihm ver­bin­den will.“ (174)

Das ist, die­se Vol­te sei hier noch erlaubt, auch nicht wahn­sin­nig bahn­bre­chend und ori­gi­nell, im Kern steckt das alles schon in der post­mo­der­nen Theo­rie und ande­ren (sozi­al­phi­lo­so­phi­schen) Über­le­gun­gen der letz­ten Jahr­zehn­te. Es muss aber wohl mal so dezi­diert gesagt wer­den. Vor allem, weil das nicht nur eine rein theo­re­ti­sche Gedan­ken­spie­le­rei ist:

Ich hal­te die­se ver­än­der­te Her­an­ge­hens­wei­se nicht nur as intel­lek­tu­el­len oder künst­le­ri­schen Grün­den für not­wen­dig, son­dern aus poli­ti­schen. Denn […] ich ver­ste­he das Mas­hup als poli­ti­sches Instru­ment, als Form von „ulti­ma­ti­ver Demo­kra­tie, offen für unbe­grenz­te Kri­tik, Neu-Inter­pre­ta­ti­on und Wei­ter­ent­wick­lung“. (174, er zitiert hier Matt Mason)

Scha­de fand ich aller­dings, dass nach dem mate­ri­al- und zitatrei­chen Ritt der Text hier fast abbricht und gera­de die genu­in poli­ti­sche Kom­po­nen­te, ihre (Spreng-)Kraft und ihre (uto­pi­schen?) Mög­lich­kei­ten nicht noch näher ausführt.

Abge­run­det wird das Buch, das man fast als eine Art Werk­statt­buch oder Gedan­ken­jour­nal lesen kann, durch eini­ge kur­ze Inter­views mit ein­schlä­gig bekann­ten und akti­ven Per­so­nen, eine Auf­lis­tung musi­ka­li­scher Mas­hups (die auch vor­her schon auf­tau­chen und die im Blog Dirk von Geh­lens (als Kopie) zu bestau­nen sind) und schließ­lich einem super aus­führ­li­chen Glos­sar – für all die, die noch nicht wis­sen, was A2K meint, was Ret­wee­ten ist oder was die Crea­ti­ve Com­mons vom Copy­left unter­schei­det (und noch vie­les, vie­les mehr).

Dirk von Geh­len: Mas­hup. Lob der Kopie. Ber­lin: Suhr­kamp 2011. 233 Sei­ten. ISBN 78−3−518−12621−9. 15,50 Euro.

Hochverdünnung

Prin­zip der Hochverdünnung:

Je dün­ner die Bewei­se für die Wirk­sam­keit [der Homöo­pa­thie], des­to popu­lä­rer wird sie.

und:

Homöo­pa­thie ist also so ähn­lich, wie wenn ich in Frank­furt einen Auto­schlüs­sel in den Main wer­fe – und dann in Würz­burg ver­su­che, mit dem Main­was­ser das Fahr­zeug zu starten.

Vin­ce Ebert in amü­san­ten (wenn’s nicht so tra­gisch wäre) Minu­ten über die Gei­ßel unse­rer Zeit, die Homöo­pa­hie: klick.
[pro-play­er width=‚220’ type=‚video’]http://www.youtube.com/watch?v=UdwJQGZHupg[/pro-player]

via GWUP

Stimmung und Kontrapunkt

„Will­kom­men in unse­rer Sau­na“ wer­den die Besu­cher des Main­zer Musik­som­mers in der Vil­la Musi­ca begrüßt: Im Som­mer heizt sich deren klei­ner Kon­zert­saal kräf­tig auf. Aber so heiß wur­de es dann gar nicht. Auch nicht musi­ka­lisch – das Duo Arp/​Frantz blieb gelas­sen und ließ sich von den hohen Tem­pe­ra­tu­ren nicht überwältigen.

Ein inter­es­san­tes Pro­gramm haben die bei­den jun­gen Musi­ker mit­ge­bracht: Sie kon­tras­tie­ren Wer­ke für Cel­lo und Kla­vier von Johann Sebas­ti­an Bach und Felix Men­dels­sohn Bar­thol­dy. Das passt – immer­hin war Men­dels­sohn Bar­thol­dy ein gro­ßer Ver­eh­rer Bachs. Davon kann man aber an die­sem Abend nur wenig hören. Denn den bei­den Musi­kern geht es nicht dar­um, zu zei­gen, wie geschickt der Roman­ti­ker kon­tra­punk­tisch arbei­tet oder Reve­ren­zen an die Musik­ge­schich­te in sei­ne Kam­mer­mu­sik ein­baut. Sie wol­len vor allem die Stim­mung herbeiholen.

Das macht sich schon gleich zu Beginn, in den „Varia­ti­ons Con­cer­tan­tes“, einem knap­pen Jugend­werk des fast zwan­zig­jäh­ri­gen Kom­po­nis­ten, bemerk­bar. Juli­an Arp und Cas­par Frantz spie­len das als ver­gnüg­li­che, kunst­voll gear­bei­te­te Unter­hal­tung im klei­nen Rah­men: Weich per­lend ver­strö­men die Varia­tio­nen gute Lau­ne und zei­gen sich dabei als Musik, die nicht viel will – oder zu wol­len scheint. Wesent­lich deut­li­cher – und viel­schich­ti­ger – wird es aber in Men­dels­sohn Bar­thol­dys zwei­ter Sona­te für Vio­lon­cel­lo und Kla­vier, in der das Duo die gan­ze Band­brei­te der Gefüh­le ausschöpft.

Stim­mungs­voll spielt das Duo auch zwei Sona­ten von Bach. Was ande­res bleibt ja auch kaum übrig, bei der dop­pel­ten Fehl­be­set­zung: Bach hat die­se Sona­ten der Gam­be und dem Cem­ba­lo zuge­dacht, nicht dem Cel­lo und Kla­vier. Dass es jetzt so ganz anders klingt, macht aber wenig. Vor allem bei der zwei­ten Sona­te hat das die neue Klang­pracht durch­aus Vor­tei­le. Vom zar­ten, vor­sich­ten Beginn bis zum kraft­vol­len Ende ent­steht dabei eine klei­ne Geschich­te der Bewe­gung. Am Anfang noch ganz zurück­hal­tend, vor­sich­tig tas­tend die Füh­ler aus­stre­ckend – ein Auf­bruch ins Unge­wis­se. Das Duo bekommt aber bald Boden unter den Füßen, mit dem zwei­ten Satz wird der Schritt fest und zuver­sicht­lich. Der drit­ter Satz erscheint dann als ver­träum­tes Spa­zie­ren, fast ein Schlaf­wan­deln, ein Schlen­dern ohne Ziel und Not. Der Schluss wie­der­um ist die höchs­te Form der Bewe­gung, ganz vom Nut­zen befreit: Das Tan­zen, neckisch, mit sicher gesetz­ten Poin­ten. Dabei sind Arp und Frantz nie effekt­ha­sche­risch. Denn die Klang­ver­bin­dung zwi­schen Cel­lo und Kla­vier ist eng, fast sym­bio­tisch. Man hört in bei­na­he jedem Moment, dass sie sich aus gutem Grund „Duo“ nen­nen: Sie müs­sen sich nicht ein­mal mehr anse­hen, so gut wis­sen sie um die Reak­ti­on des Part­ners. Und das hört man nicht nur in der tech­ni­schen Sou­ve­rä­ni­tät, son­dern auch im Gleich­klang der Far­ben und Schattierungen.

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zeitung.)

Musik und Bratwurst

ganz ver­ges­sen, des­halb zwei Wochen spä­ter noch mein Text zu der – mei­nes Erach­tens – reich­lich über­flüs­si­gen Wer­be- und Selbst­be­weih­räu­che­rungs­ver­an­stal­tung der Schott-Wer­ke. Der logis­ti­sche Auf­wand steht jeden­falls weder in einem Ver­hält­nis zum künst­le­ri­schen Ertrag (der ist Null) noch zum erziel­ten Spen­den­auf­kom­men. Und der Musik wird mit so Späß­chen auch kein Gefal­len getan, auch wenn sie – Open Air, Event, kos­ten­los … – angeb­lich der Popu­la­ri­sie­rung der klas­si­schen Musik die­nen (sol­len): Die Musik über­lebt den gan­zen Klim­bim ein­fach nicht, was raus­kommt, ist maxi­mal auf dem Niveau des Klas­sik-Radi­os. Und dazu brau­che ich den Auf­wand ein­fach nicht, das Geld (ich möch­te gar nicht wis­sen, was das alles gekos­tet hat, die­ser rie­si­ge tech­ni­sche Auf­wand und die gan­zen dumm her­um­ste­hen­den „Security“-Typen …) hät­te man sinn­vol­ler ein­set­zen können.

Aber für die Main­zer Rhein-Zei­tung woll­te ich nicht ganz so böse sein ;-):

Unge­fähr 130 Kin­der sind nötig, dazu noch ein aus­ge­wach­se­nes Orches­ter und der Ver­mitt­lungs-Diri­gent Jus­tus Frantz sind dafür in Mainz. Das Pro­jekt heißt ja auch „Kin­der musi­zie­ren mit Jus­tus Frantz“, es war schon der neun­ter Work­shop, den Schott orga­ni­siert und finan­ziert hat. Erfah­rung soll er den Kin­dern ver­mit­teln, das Orches­ter­spiel sol­len sie mit und bei den Pro­fis der Phil­har­mo­nie der Natio­nen ken­nen ler­nen und üben. Und ein Abschluss­kon­zert springt auch noch dabei raus, eine gro­ße Par­ty am Fort Mala­koff, mit schwim­men­der Büh­ne, Brat­wurst, Bier und Groß­bild­pro­jek­ti­on, so dass auch die übri­gen Main­zer etwas davon haben.

Das ist eine ziem­lich auf­wän­di­ge Sache – so auf­wän­dig, dass zum geplan­ten Beginn um 19 Uhr noch ncihts pas­siert und ein Groß­teil des Publi­kums sich noch vor den Ein­gän­gen staut. Nur die Plät­ze auf den Bier­zelt­gar­ni­tu­ren sind schon alle belegt. Aber Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge und „VIPs“ bekom­men ja beque­me Stüh­le. Doch das dau­ert, bis die besetzt sind. Der­weil kann sich die Tech­nik auch noch in Ruhe vor­be­rei­ten, die Regen­schutz­hül­len von den Laut­spre­chern ent­fer­nen, die Mikro­fo­ne noch ein­mal zurecht rücken und die Kame­ras in Posi­ti­on bringen.

Irgend­wann ist es dann so weit, das über­gro­ße Orches­ter hat auf der schwim­men­den Büh­ne Platz genom­men und begeis­ter­ten das gro­ße Publi­kum sofort: Der „Kugel­flug“, eine erwei­ter­te Form der Hin­ter­grund­mu­sik des Deut­schen Pavil­lons auf der Welt­aus­stel­lung in Shang­hai, zog mit ein­gän­gi­gen Melo­dien und inter­es­san­ten Far­ben in den Bann. Ganz klas­sisch dage­gen die Egmont-Ouver­tü­re von Lud­wig van Beet­ho­ven, die von den Kin­dern und den Pro­fis mit gro­ßem Ernst und viel Wucht musi­ziert wur­de. Rich­tig beein­dru­ckend war vor allem aber Mode­st Mus­sorgs­kijs gro­ße sin­fo­ni­sche Dich­tung „Die Nacht auf dem kah­len Ber­ge“, in der sich das 200-Mann-Orches­ter als leben­di­ges und orga­ni­sches Instru­ment präsentierte.

Die Phil­har­mo­nie der Natio­nen ergänz­te das noch ganz roman­tisch mit Ser­geij Rach­ma­ni­nows zwei­tem Kla­vier­kon­zert – aber das war nicht die Haupt­sa­che. Dem Solis­ten Joseph Moog wur­de dafür nicht ein­mal ein Flü­gel zur Ver­fü­gung gestellt, er muss­te sich am Kon­zert­kla­vier quä­len – das ist unge­fähr so, wie einen For­mel-1-Fah­rer mit einem Smart gegen sei­ne voll aus­ge­rüs­te­ten Kol­le­gen antre­ten zu las­sen. Ent­spre­chend beschei­den war das Ergeb­nis. Aber das konn­te die Stim­mung kaum trü­ben, zumal Jus­tus Frantz die Kin­der gleich noch zu meh­re­ren Zuga­ben auf die Büh­ne holte.

Blick auf die Bühne im Rhein

System

„Ich bin gut auf­ge­ho­ben, hier, in die­sem Sys­tem, für des­sen Erhalt ich ein­fach nur mit allem ein­ver­stan­den sein muss. Und so baue ich mir ein Nest aus Wider­stands­lo­sig­keit, und es baut sich mühe­los, fast wie von selbst.“ (Nina Jäck­le, Ziel­in­ski, 62)

Zeit der Vermutungen

„Nichts ist herraus­ra­gend in die­ser Zeit der Ver­mu­tun­gen alles scheint gleich­be­deu­tend, das gilt es fest­zu­hal­ten.“ (Nina Jäck­le, Ziel­in­ski, 55)

Gedanken

„Gedan­ken sind gefähr­lich. Sie gra­ben sich Gän­ge, vie­le Gän­ge, in denen man sich auf­hal­ten kann, ohne mehr das Gesamt­ge­bil­de zu erfas­sen.“ (Nina Jäck­le, Ziel­in­ski, 11)

Schwarzer Löwe aus Vietnam

So heißt die­ser Tee tat­säch­lich: Black Lion, ein FBOP (also: Flowery Bro­ken Oran­ge Pekoe) aus Viet­nam (ja, da gibt’s auch Tee, sogar ganz ver­nünf­ti­gen).

Ent­spre­chend der Ein­stu­fung als FBOP ist er recht fein gebrö­selt, voll fer­men­tiert, hat aber auch noch eini­ge gol­de­ne Spit­zen dabei. Vor dem Auf­guss riecht er etwas honig-wür­zig, wie ein leich­ter Assam.

Die nach drei Minu­ten fer­tig gebrüh­te, röt­lich-brau­ne, sanft gol­den schim­mern­de Tas­se duf­tet zurück­hal­tend, wie­der­um mit einer leich­ten Würz­no­te im Hin­ter­grund – eigent­lich wie eine Mischung aus Cey­lon und Assam. So zurück­hal­tend wie er riecht, so dezent schmeckt der Tee auch. Sanft, unauf­dring­lich, mit vol­lem, run­den Geschmack, aber ohne aus­ge­präg­te Beson­der­hei­ten oder inten­si­ve Noten – nicht ver­kehrt, aber auch nichts, das mich vom Hocker haut (was mich bei dem Preis aller­dings auch über­rascht hätte …)

Tee: Viet­nam FBOP Black Lion von Pure Tea
Zube­rei­tung: 13 Gramm Tee für ca. 1,5 Liter kochen­des Was­ser, 3 Minu­ten Ziehzeit.

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