»Nächstens mehr.«

Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Elektronikpark

Inzwi­schen habe ich, wenn ich z.B. fürs Wochen­en­de oder sonst ein paar Tage unter­wegs bin, eine gan­ze Men­ge Elek­tro­nik dabei:

Das ist im Einzelnen:

  • Mein Net­book, das mich schon eini­ge Jah­re jetzt treu beglei­tet, ein Sam­sung NC10 – ein per­fek­tes Gerät für die Biblio­thek, für’s Semi­nar (um mal kurz was an die Wand zu wer­fen, z.B.), aber auch taug­lich, zumin­dest halb­wegs lan­ge Tex­te damit zu schrei­ben. Da läuft Ubun­tu 11.04 mit XFCE-Desk­top wun­der­bar drauf. Für zwei Fäl­le (und unko­ope­ra­ti­ve Bea­mer), näm­lich Cita­vi und Sport­Tracks, ist par­al­lel noch das mit dem Gerät mit­ge­kom­me­ne Win­dows XP instal­liert. Der Datei­ab­gleich mit mei­nem Desk­top-PC (auch Ubun­tu 11.04) läuft voll­kom­men pro­blem­los über Spi­de­rOak (im Prin­zip eine Drop­box-Vari­an­te, bei der die Datei­en schon auf mei­nem PC ver­schlüs­selt wer­den, in der Ein­rich­tung aller­dings etwas kom­pli­zier­ter als Drop­box und nicht so naht­los in’s System/​den jewei­li­gen Datei­ma­na­ger inte­griert), das auch zwi­schen Win­dows & Linux pro­blem­los synchronisiert.
  • Mein Mobil­te­le­phon, eigent­lich ja auch mehr Com­pu­ter als Tele­fon: HTC Legend, das mir vor allem wegen des sta­bi­len Alu­m­in­um­ge­häu­ses gut gefal­len hat: Ein ange­neh­mes Gerät, liegt gut in der Hand, prak­ti­sche Grö­ße (noch gut in Taschen ver­steck­bar, aber auch aus­rei­chend gro­ßes Dis­play), nur lei­der nicht arg viel frei­er inter­ner Spei­cher. Wird wahr­schein­lich dem­nächst gerootet ;-)
  • Die neu­es­te Ergän­zung: Der Kind­le von Ama­zon (Ver­si­on 3, Wifi (kein GSM)). Ich war ja zunächst etwas skep­tisch, bin aber von dem E‑Ink-Dis­play sehr ange­tan. Die Bedie­nung ist frei­lich nicht zufrie­den­stel­lend, die Ober­flä­che unüber­sicht­lich, unprak­tisch und alt­mo­disch, die Tas­ta­tur auch nicht gera­de der Wahn­sinn. Aber zusam­men mit Calib­re lässt sich das ganz gut aus­hal­ten – und zum Lesen ist es dann doch egal …
  • Dane­ben immer noch dabei: Mein MP3-Play­er, ein San­sa Fuze mit 8GB-Spei­cher (und der Mög­lich­keit der Erwei­te­rung per SD), auf dem Rock­box 3.9 sehr zu mei­ner Zufrie­den­heit läuft und mei­ne Musik als flac- oder ogg-Datei­en wie­der­gibt. Das ist natür­lich, könn­te man argu­men­tie­ren, Over­kill: Sowohl das Mobil­te­le­fon als auch der Kind­le sind ja auch MP3-Play­er. Bei­de tau­gen dafür aber nicht, weil die Klang­qua­li­tät wesent­lich schlech­ter ist. Dafür habe ich ja schließ­lich auch die pas­sen­den Ohr­stöp­sel, Ulti­ma­te Ears UE5, mit den tol­len Schaum­ad­ap­tern – die dich­ten Umge­bungs­ge­räu­sche wun­der­bar ab und klin­gen ver­dammt gut (sind aller­dings auch nicht billig).
  • Sodann noch ein sehr spe­zi­fi­sches Gerät: Der Forerun­ner 205 von Gar­min, mein GPS-Gerät fürs Lau­fen. Das könn­te zwar eben­falls auch wie­der das Mobil­te­le­fon über­neh­men, nach kur­zen Tests bin ich davon aber abge­kom­men: Das ist unprak­tisch (groß, man hat die Anzei­ge nicht im Blick) und vor allem hält der Akku nicht so lan­ge, wie ich (manch­mal) laufe …
  • Und für alle Fäl­le auch meis­tens dabei: Zwei USB-Sticks, bei­des Wer­be­ge­schen­ke. Ein­mal 1GB (der gro­ße) von Tran­s­cend, den ich zum Datei­aus­tausch not­falls benut­ze, und der Minia­tur-4GB-Stick/­Chip von Ver­ba­tim, auf dem für alle Fäl­le ein kom­plet­tes Linux-Sys­tem instal­liert ist …

Was zum mobi­len Büro noch fehlt, habe ich auch meis­tens dabei: Stift und Papier. Das wird aber inzwi­schen nur noch in Son­der­fäl­len wirk­lich genutzt (v.a. bei den Noti­zen für Kon­zert­kri­ti­ken – da habe ich noch kei­ne funk­tio­nie­ren­de elek­tro­ni­sche Lösung gefunden …)

Wie Einhard zum maurischen Sklaven wurde

Ein paar Jahr­hun­der­te Ver­trei­bung und Wan­der­schaft ver­än­dern alles. Da wird dann aus Ein­hard nach und nach Geri­nel­do, der Bera­ter des Kai­sers Karl der Gro­ße ver­wan­delt sich zu einem mau­ri­schen Skla­ven. Genau das pas­siert näm­lich in der lan­gen münd­li­chen Über­lie­fe­rung der Musik der Sephar­dim. Um die Lie­der und Musik die­ser spa­ni­schen Juden, die am Ende des Mit­tel­al­ters ver­trie­ben wur­den und sich im gan­zen Mit­tel­meer­raum ver­teil­ten, ging es dem Ensem­ble Sar­band beim Main­zer Musiksommer.

Und da taucht eben auch die­ser Geri­nel­do auf, als mau­ri­scher Skla­ve, in den sich die Prin­zes­sin ver­liebt und die sich dann auch gleich reich­lich unge­hö­rig beneh­men, wie Vla­di­mir Ivan­off, der Lei­ter des Quar­tetts, erläu­tert. Fadia El-Hage, die liba­ne­si­sche Sän­ge­rin des Ensem­bles, trägt das vari­ier­te Stro­phen­lied dann mit Schmelz und Empha­se vor. Genau wie auch die ande­ren Roman­zen und Bal­la­den, die sich nicht immer nur um das ver­wi­ckel­te Lie­bes­le­ben dre­hen, son­dern auch ger­ne dazu die­nen, die Geschich­te der spa­ni­schen Juden zu tra­die­ren. Beglei­tet wird sie dabei von den dafür typi­schen Instru­men­ten: Der näseln­den Kemen­çe, einer auf dem Schoß gehal­te­nen ein­fa­chen Fie­del. Oder dem Kanun, der etwas schnar­ren­den ori­en­ta­li­schen Zither-Vari­an­te. Vla­di­mir Ivan­off ergänzt das mit Tam­bou­rin, Rah­men­trom­mel oder auch mal der Ud, der ara­bi­schen Lau­te. Das sind genug Mög­lich­kei­ten, um für ein abwechs­lungs­rei­ches Klang­bild zu sor­gen und doch nie gewohnt zu wirken.

Ivan­off hat auch die „aktu­el­len“ Ver­sio­nen die­ser Bal­la­den und Roman­zen gesucht und zusam­men­ge­stellt. Das alles ist – trotz des Fes­ti­val-Mot­tos – nicht gera­de „klas­si­sche“ Musik. Zumin­dest nicht in Deutsch­land. Dafür erklingt sie aber mit garan­tier­tem Exo­ten­bo­nus. Dabei ist die Musik, die das Ensem­ble Sar­band in der St. Anto­ni­us­ka­pel­le spielt, eigent­lich das nor­mals­te über­haupt. In den meis­ten Fäl­len sind es näm­lich Küchen­lie­der, Lie­der der all­täg­li­chen Arbeit, die von den Müt­tern an ihre Töch­ter wei­ter­ge­ge­ben wur­den und so die Geschich­te und Tra­di­ti­on der Sephar­dim auch in der Dia­spo­ra auf­recht erhal­ten sol­len. Natür­lich blie­ben sie nicht rein, sie ver­än­der­ten sich, pass­ten sich den neu­en Umge­bun­gen an. Auch das führt Sar­band vor: Wie ein Lied mit meh­re­ren Melo­dien über­lie­fert ist, zum Bei­spiel das „Una mati­ka de ruda“. Wie das meis­te an die­sem Abend sin­gen sie es in der eige­nen Spra­che der Sephar­dim, dem Ladi­no, einer Abart des Spa­ni­schen. Die tür­ki­sche Melo­die­va­ri­an­te lässt das Lied als eine ver­sun­ke­ne, reich ver­zier­te Betö­rung erschei­nen, wäh­rend die bos­ni­sche Melo­die dage­gen eine leb­haf­te, beweg­te Freu­de ver­mit­telt. Und das bleibt auch über Jahr­hun­der­te hin­weg so.

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zeitung.)

Langweilige Schönheit

irgend­wie erwischt’s mich gera­de: Nach dem zwar schö­nen, aber nicht beson­ders span­nen­den Kon­zert der Kings Sin­gers nun das eben­falls schöe, aber nicht beson­ders span­nen­de Kon­zert des Trio Medi­ae­val (auch mit ganz ähn­li­cher Zwei­tei­lung: erst geist­li­che Musik, aber nicht zu viel – und in der zwei­ten Hälf­te dann leich­te Unter­hal­tungs­mu­sik … – aller­dings waren bei­de Tei­le bei den Kings Sin­gers doch noch deut­lich anspruchs­vol­ler als hier, fällt mir im Rück­blick auf)

Sie ste­hen ein­fach da. Und fan­gen dann mal an : Ganz zart setzt der ers­te Ton an, vor­sich­tig fühlt er sich in den Raum der Augus­ti­ner­kir­che ein, ohne irgend eine Unsi­cher­heit zu ver­ra­ten und klingt doch, als kön­ne er bei der gerings­ten Berüh­rung zer­bre­chen. Schnell sta­bi­li­siert sich der Klang, ver­brei­tert sich mit dem Ein­satz der ande­ren Stim­men und fächert sich zur Har­mo­nie auf: Das Trio Medi­ae­val singt. Und macht sonst nichts. Die drei Sän­ge­rin­nen brau­chen auch nichts außer ihren Stim­men, denn sin­gen, das kön­nen sie. 

Und ihr Klang ist bezau­bernd. Er ensteht vor allem aus der naht­lo­sen Mischung und wun­der­sa­men Einig­keit der drei Stim­men, denen man in jedem Ton die lan­ge gemein­sa­me Erfah­rung anhört. Und sie haben eine sehr cha­rak­te­ris­ti­sche Art der Phra­sie­rung ent­wi­ckelt, die sich durch ihre Sanft­heit auzeich­net: Beginn und Ende jeder wohl­ge­formt abge­run­de­ten Phra­se sind immer weich und gen­auo anschmieg­sam wie eine zar­te Berührung. 

Das bleibt dann aber eben immer gleich – egal ob das Trio eine aus weni­gen Frag­men­ten rekon­stru­ier­te mit­tel­al­ter­li­che Mari­en­mes­se singt, die soge­nann­te „Worces­ter Lady­mass“, ob es lit­ur­gi­sche Gesän­ge, die Gavin Bryars ihnen vor weni­gen Jah­ren als Ergän­zung dazu kom­po­niert hat oder ob sie in der zwei­ten Kon­zer­hälf­te nor­we­gi­sche Volks­lie­der vor­tragn . Der Text zum Bei­spiel ist grund­sätz­lich zweit- bis dritt­ran­gig. Und das heißt, er ist kaum bis gar nicht zu ver­ste­hen, zumal das Text­heft nicht immer wei­ter­hilft. Meist stört das nicht so sehr, man kann sich ja auf den Klang kon­zen­trie­ren und dar­an freu­en – auf den rei­nen, kla­ren Klang drei­er Frau­en­stim­men, der ganz ohne Ablen­kung und Mätz­chen aus­kommt. Das ist wun­der­bar, wo sie damit den Kon­tra­punkt der Mess­ge­sän­ge auf­de­cken kön­nen und die Ver­wandt­schaft von mit­tel­al­ter­li­cher und moder­ner Musik erleb­bar machen. 

Aber es wird halt doch ein­tö­nig. Zumal die Arran­ge­ments der immer irgend­wie leicht melan­cho­lisch klin­gen­den Volks­lie­der zwar geschickt die Mög­lich­kei­ten des Tri­os nut­zen, die Klän­ge und Stimm­cha­rak­te­ris­ti­ken der drei Sän­ge­rin­nen, sonst aber auch nicht beson­ders ori­gi­nell sind . I mmer wie­der hört man also von Neu­em, wie die Schön­heit des Vokal­klangs sich mit dem Raum ver­eint. Das Trio Medi­ae­val singt auch nicht nur vom Altar aus – wo es sich anbie­tet, nut­zen sie das gesam­te Kir­chen­schiff . So viel Schön­heit ohne Ecken und Kan­ten, ohne Rei­be­punk­te oder Wider­ha­ken, so viel simp­le Har­mo­nie hält nie­mand lan­ge aus – auch die Sän­ge­rin­nen offen­bar nicht: Kaum 90 Minu­ten sin­gen die drei beim Main­zer Musik­som­mer, dann bricht die bana­le All­tags­welt wie­der über das Publi­kum hinein. 

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zeitung.)

Wahnsinn

Das ist der all­täg­li­che Wahn­sinn, den man mal wie­der kurz ins Bewusst­sein rufen muss:

Aber es sind ja nur Fahr­rad­fah­rer, die hier sinn­los schi­ka­niert wer­den – Auto­fah­rern wür­den die Bau­ar­bei­ter so einen Blöd­sinn wohl nicht auf die Fahr­bahn stel­len. Gut, dass sich offen­sicht­lich nie­mand an den Quatsch hält. Da wünscht man sich doch fast einen litaui­schen Bürgermeister: 

Vil­ni­us Mayor A.Zuokas Fights Ille­gal­ly Park­ed Cars with Tank

Beim Kli­cken auf das und beim Abspie­len des von You­Tube ein­ge­bet­te­ten Vide­os wer­den (u. U. per­so­nen­be­zo­ge­ne) Daten wie die IP-Adres­se an You­Tube übertragen.

Langeweile

„Nicht gering­zu­schät­zen ist der Rat, lang­wei­lig zu schrei­ben. Je gelang­weil­ter die Leser beim Leser sind, des­to weni­ger wer­den sie Zeit auf die nähe­re Befas­sung mit dem Text auf­wen­den. Aller­dings ist das Lang­wei­lig­schrei­ben eine Kunst oder wenigs­tens ein Kunst­hand­werk oder aller­we­nigs­tens ein Hand­werk. Die meis­ten Men­schen müs­sen jah­re­lang stu­diert haben, um das zu kön­nen.“ (Roland Schim­mel, Von der hohen Kunst ein Pla­gi­at zu fer­ti­gen, 57)

Der Mann mit der Schmetterlingshand

Er hat Hän­de wie ein Schmet­ter­ling: Nicht nur auf den Tas­ten schwe­ben sie, in jeder Pau­se, vor jedem Ein­satz set­zen sie zu einem klei­nen Flug durch die Luft an. In jede Pau­se schwebt die Hand von den Tas­ten in den Luft, die Fin­ger flat­tern und schwin­gen wie ein Schmet­ter­ling von Blü­te zu Blü­te, bevor sie wie­der ein – vor­über­ge­hen­des – Ziel fin­den und sich auf den Tas­ten nie­der­las­sen. Olli Mus­to­nen ist ein fas­zi­nie­ren­der Pia­nist. Und nicht nur wegen sei­ner Fingertänze.

Alles kommt aus ihm. Nicht, weil er die Musik für sei­nen Auf­tritt im Schloss Waldt­hau­sen umformt. Son­dern weil er sie sich voll­kom­men zu eigen macht. Ob Robert Schu­mann, Alex­an­der Skrja­bin, Rodi­on Scht­sche­drin oder Bohus­lav Mar­tinů: Jede Musik, die er in Angriff nimmt, zeich­net sich schließ­lich durch unge­heu­re Dring­lich­keit aus. Das muss er jetzt spie­len, genau so, genau in die­sem Moment, es drängt gera­de­zu aus ihm her­aus. Obwohl natür­lich auch Mus­to­nen schon vor Mona­ten genau fest­ge­legt hat, was er im Schloss Waldt­hau­sen, an die­sem spe­zi­el­len Abend, beim Main­zer Musik­som­mer, spie­len wird. Und doch ist in sei­nem Spiel eben immer wie­der die Fri­sche, die neu­gie­ri­ge Begeis­te­rung des Ent­de­ckers zu hören: Alle sei­ne Töne atmen Unmit­tel­bar­keit. Ob das die Frucht eines Mönchs oder eines Magi­ers ist, bleibt unentschieden. 

Wie ein Schmet­ter­ling plötz­lich auf­taucht, so unmit­tel­bar wech­selt er die Klang­far­be, wenn es nötig ist. Das heißt aber nicht, dass er aus­schließ­lich sanft und zurück­hal­tend vor­sich­tig spie­len wür­de: Sobald es nötig wird – und es erscheint ihm öfter nötig, als man glau­ben möch­te – wird aus der Schmet­ter­lings­hand ein jagen­der Adler: Der kreist noch kurz über der Tas­ta­tur, stürzt dann im tod­si­che­ren Sturz­flug rapi­de hin­ab, trifft natür­lich unwei­ger­lich die rich­ti­ge Tas­te. Aber auch den rich­ti­gen Ton: Mus­to­nen ist genau, was sei­ne Klang­ge­stal­tung angeht, über­aus genau.

Und immer wie­der fliegt der Schmet­ter­ling dazwi­schen – Mus­to­nen lockert die Hand und die Fin­ger für neue Aben­teu­er. Ob das in den satt­sam bekann­ten Kin­der­sze­nen Schu­manns ist oder den nur sel­ten gespiel­ten Prä­lu­di­en & Fugen von Scht­sche­drin: Klang­kom­bi­na­ti­on ist sein gro­ße The­ma, am bes­ten zu erfah­ren in den zart abge­tön­ten Akkor­den. Kein Wun­der: Im Zen­trum des Abends steht schließ­lich Skrja­bin, der gro­ße Klang­künst­ler. Mus­to­nen beweist das zunächst mit den Pré­ludes op. 13 und 16, und dann vor allem mit dem spä­ten „Poè­me“, „Vers la flam­me“. Wirk­lich als ein sprach­lo­ses Gedicht erklingt das, unver­gleich schön und berau­schend. Wie ein Schmet­ter­ling eben: Der Flug sieht wie ein Tau­meln aus, ist aber schön und ziel­ge­rich­tet. Und so spielt auch Mus­to­nen: Die Form der Musik ist oft kaum erkenn­bar, aber das Erleb­nis der Rein­heit und Frei­heit des Klangs über­deckt alle Mängel. 

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zeitung.)

Golden Yunnan

Mal wie­der ein neu­er Tee, die­ses Mal von Pure Tea, also aus bio­lo­gi­schem Anbau (ande­re Tees gibt es dort nicht): Gol­den Yunnan heißt er, aus Chi­na kommt die­ser voll­fer­men­tier­te schwar­ze Tee. Sei­ne Blät­ter sind ordent­lich, klar, gut ver­ar­bei­tet, mit zurück­hal­tend wür­zi­gem Duft. 

Gol­den Yunnan

Nach den ers­ten bei­den Auf­güs­sen zeigt er sich mit dunk­ler Tas­se, röt­lich-braun mit leich­tem Gold­schim­mer und eher schwach aus­ge­präg­tem Duft, weit­ge­hend unab­hän­gig von Zieh­zeit und ver­wen­de­ter Tee­men­ge. „Einer der feinstn schwar­zen Tes aus Chi­na“ bewirbt Pure Tea (der Laden, der auch einen net­ten Tee-Ver­kos­tungs-Ser­vice mit dem wahn­sin­nig tol­len Namen „Tea Tas­ter“ anbie­tet) die­sen Tee – das fin­de ich etwas über­trie­ben: Zwar ist das ein guter Tee, ohne Fra­ge – aber nichts so wahn­sin­nig außer­ge­wöhn­lich: Er trinkt sich geschmei­dig, sanft, ist weich abge­stimmt – aber ohne beson­de­re Fas­zi­na­ti­on für mich. Also nicht ganz am obe­ren Ende mei­ner Ska­la. Den­noch: Ein sehr ange­nehm zu kon­su­mie­ren­der, auch nicht so arg teu­rer Tee. Und davon kann man ja nie genug haben …

Tee: Chi­na Gol­den Yunnan von Pure Tea
Zube­rei­tung: 12 g Tee, 1,5 Liter kochen­des Was­ser, 3 min Zieh­zeit bzw. 14 g/3:30 min.

Klassisches Sommerfest

Die sonst so ruhi­ge Jugend­stil­vil­la auf der Bas­tei ist heu­te völ­lig ver­wan­delt: Wo man auch hin­schaut, über­all fin­det man Men­schen, hören­de und dis­ku­tie­ren­de, jun­ge und alte. Denn wenn die Vil­la Musi­ca ein­mal im Jahr zum gro­ßen Som­mer­fest der Klas­sik ein­lädt, ihrem Tag der offe­nen Tür, dann kom­men noch mehr als sonst. Obwohl auch die Kon­zer­te nicht sel­ten aus­ver­kauft sind_​„Das soll ja auch so blei­ben“, erklärt Karl Böh­mer, Geschäfts­füh­rer der Stif­tung, „des­halb möch­ten wir uns ins Bewusst­sein brin­gen.“ Das funk­tio­niert offen­bar gut, vom Kin­der­wa­gen bis zum Krück­stock ist in und um die Vil­la Musi­ca alles ver­tre­ten. Der Tag der offe­nen Tür, den die Stif­tung seit 1993 jähr­lich anbie­tet, ist näm­lich ganz wört­lich zu neh­men: Bei die­ser Gele­gen­heit darf man das gesam­te Gelän­de erkun­den, unter ande­rem auch den schö­nen Gar­ten des neben der Vil­la Musi­ca ste­hen­den Lan­de­gäs­te­hau­ses. Denn irgend­wo muss es ja auch einen Moment Ruhe geben, um sich zu stärken. 

Im Hof, zwi­schen den drei Vil­len, unter den hohen Kas­ta­ni­en, ste­hen zwar mas­sen­wei­se Klapp­stüh­le. Die sind aber sel­ten frei und schon gar nicht für so pro­fa­ne Din­ge wie Kaf­fee und Kuchen gedacht. Denn in der Mit­te die­ses Hofes steht die gro­ße Open-Air-Büh­ne, die so luf­tig ist, dass der fri­sche Wind auch mal unge­woll­te Bewe­gung in die Noten­blät­ter bringt: Schieß­lich darf die Kam­mer­mu­sik auch heu­te nicht feh­len, die Vil­la Musi­ca ist ohne das ein­fach undenk­bar. Des­halb gibt es zehn Stun­den lang fast non-stop Musik aller Zei­ten und aller Sti­le: 33 Instru­men­ta­lis­ten – wie immer sowohl Pro­fes­so­ren als auch jun­ge Sti­pen­dia­ten – sind dafür im Ein­satz. Und machen sich gegen­sei­tig sogar Kon­kur­renz, denn nicht nur im Hof, son­dern auch im „nor­ma­len“ Kon­zert­saal wird musi­ziert: Mit vie­len Blä­ser­en­sem­bles, aber auch auf der Gitar­re oder ganz klas­sisch im Viol­in­duo oder als Kla­vier­quar­tett machen die jun­gen Musi­ker den Tag der offe­nen Tür gleich zum Kurz­bil­dungs­ur­laub für die Besucher.

Und dafür ver­sam­melt sich hier eine Men­schen­an­samm­lung, die trotz des stän­di­gen Kom­mens und Gehens auf­fäl­lig still und kon­zen­triert ist: Eine respekt­vol­le Gedämpft­heit der Unter­hal­tun­gen und die lei­sen Bewe­gun­gen zei­gen, wie sehr das bunt gemisch­te Pro­gramm geschätzt wird. Im Hof, den angren­zen­den Gär­ten, selbst auf dem Bal­kon: Jede Sitz­ge­le­gen­heit, und sei sie noch so unschein­bar, wird für das Lau­schen in Beschlag genom­men. Dabei ist noch nicht ein­mal beson­ders viel los: Der küh­le Mor­gen ließ den Besu­cher­strom erst gegen Mit­tag anstei­gen – da waren dann aller­dings auf der Bas­tei nicht ein­mal mehr Fahr­rad­stell­plät­ze zu bekom­men. „Besu­cher­re­kor­de bre­chen wir heu­te kei­ne, aber 2500 Besu­cher wer­den es wohl schon sein“, schätzt Karl Böh­mer, und ist damit auch durch­aus zufrieden. 

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zeitung.)

Der Sommer ist Musik

Wenn schon das Wet­ter nicht mit­spielt, dann wenigs­tens die Kunst: Der Main­zer Musik­som­mer ist wie­der eröffnet:

Kei­ne leich­te Sache wird das: Von 16. bis zum 20. Jahr­hun­dert reicht die Span­ne, von fran­ko-flä­mi­scher Vokal­po­ly­pho­nie bis zu spät­ro­man­ti­schen Chor­lie­dern. Das Eröff­nungs­kon­zert des Main­zer Musik­som­mers im Dom ist damit fast ein klei­nes Fes­ti­val in sich. 

Ein­fach ist das nicht, so eine gro­ße Viel­falt in einem Kon­zert­abend zusam­men­zu­brin­gen und jedem ein­zel­nen Werk auch gerecht zu wer­den. Doch Dom­ka­pell­meis­ter Mathi­as Breit­schft gelingt das mit dem Dom­kam­mer­chor rich­tig gut. Sicher, die Spe­zia­lis­ten wür­den die Chor­mu­sik der Main­zer Hof­ka­pell­meis­ter wie Gabri­el Plautz, Phil­ipp Fried­rich Buch­ner oder Johann Zach schon anders sin­gen. Aber auch Breit­schaft fin­det einen guten Weg. Einen sanf­ten vor allem: 

Immer wie­der fällt in die­sen lit­ur­gi­schen Chor­sät­zen aus dem Renais­sance- und Barock-Mainz der wei­che Chor­klang auf, den Breit­schaft formt. Der Dom­kam­mer­chor und sei­ne Solis­ten las­sen den Klang förm­lich in die Dom­hal­le flie­ßen, ohne die Kon­trol­le über die Kon­tu­ren zu ver­lie­ren – und mit der Fähig­keit, immer wie­der kla­re Akzen­te zu set­zen und Höhe­punk­te zu formen.
Der Sprung in die Roman­tik ist dann frei­lich doch genau das: Ein Sprung. Und ein recht gro­ßer noch dazu. Zumal Franz Liszts „Prä­lu­di­um und Fuge über B‑A-C‑H“ für Orgel ja auch nicht zurück­hält mit gro­ßen Ges­ten, har­mo­ni­schen Kühn­hei­ten und klang­li­chen Effekten.

Dom­or­ga­nist Dani­el Beck­mann, der in der ers­ten Hälf­te den Chor auch schon mit Cel­lis­tin Traudl Eute­bach im Gene­ral­bass unter­stützt hat, über­nimmt die Auf­ga­be, die­sen Sprung aus­zu­füh­ren – und tut das gewandt, ohne die Boden­haf­tung zu ver­lie­ren. Wo ande­re Orga­nis­ten sich ger­ne aus­to­ben, bevor­zugt er eher gemä­ßig­te Tem­pi und nimmt sich auch Zeit für Ruhe­punk­te – so bleibt auch in der Domakus­tik noch vie­les erkenn­bar. Vor allem aber ist es sei­ne sehr fan­ta­sie­vol­le, abwechs­lungs­rei­che und ein­fühl­sa­me Regis­trie­ung, die nicht nur das Poten­zi­al der Orgel aus­kos­tet, son­dern auch dem Werk zur vol­len Gel­tung verhilft. 

Der Dom­kam­mer­chor nimmt das dann direkt auf: Mit drei Motet­ten von Liszt zeigt er sich in der zwei­ten Kon­zert­hälf­te deut­lich far­bi­ger als zuvor in der Abtei­lung „Alte Musik“, deut­lich viel­fäl­ti­ger auch in Dyna­mik und Arti­ku­la­ti­on. Vor allem zum Schluss hin stei­gern sich die nach­denk­li­chen Innig­kei­ten: Sorg­sam und fas­zi­nie­rend detail­reich ent­fal­tet Breit­schaft schon Hugo Wolfs „Geist­li­che Lie­der“, behut­sam und bedacht lässt er ihre resi­gna­tiv-erlös­te End­zeit­stim­mung genau aus­for­men. Und mit der Motet­te „Schaf­fe in mir Gott“ von Johan­nes Brahms, die zumin­dest for­mal noch ein­mal den Bogen zum Anfang des Kon­zer­tes schlägt, kann er das sogar noch ein biss­chen über­bie­ten: Mit geziel­tem Kraft­ein­satz, mit prä­zis gesetz­ten Höhe­punk­te und trotz aller klang­li­chen Deli­ka­tes­se vor allem mit viel begeis­ter­tem Schwung.

(geschrie­ben für die Main­zer Rheinzeitung.)

Die neue Art zu laufen

Das bes­te Bil­der­buch zum Lau­fen, das es gibt: Von den Machern des unbe­dingt emp­feh­lens­wer­ten (und kos­ten­lo­sen) „Trail Maga­zins“, Ste­phan Rep­ke (Grip­mas­ter) und Denis Wischniew­ski, kommt die­ses schö­ne Buch.

„Trail­run­ning. Die neue Art zu lau­fen“ steht schön auf­fäl­lig auf dem Umschlag. Dabei ist es natür­lich alles ande­re als „neu“, auf klei­ne­ren Wegen und Pfa­den in der Natur lau­fen zu gehen. Das wis­sen die bei­den Autoren natür­lich auch—aber irgend ein kna­cki­ger Titel muss ja sein.

Eif­ri­gen Lesern des „Trail Maga­zins“ wird das meis­te hier bekannt vor­kom­men: Die Repor­ta­gen der ver­schie­de­nen Läu­fe quer durch die Welt stan­den da (fast?) alle schon ein­mal drin. Hier gibt es sie halt noch ein­mal gedruckt, mit vie­len, vie­len tol­len, fan­tas­ti­schen Bildern. 

Die Läu­fe füh­ren nach Island, über Kor­si­ka oder Tene­rif­fa, durch Süd­afri­ka oder die Saha­ra, über die Alpen in ver­schie­de­nen Vari­an­ten und durch deut­sche Wäl­der und Städ­te (ja, auch das—ein Ver­such zumin­dest, auch in der „Zivi­li­sa­ti­on“ Trails zu fin­den …). Aber eigent­lich egal, wo gera­de gelau­fen wird—Spaß macht es den Betei­lig­ten offen­bar immer. Und dem Leser und Schau­er ganz viel Lust, die Schu­he zu schnü­ren und raus in die Wild­nis los­zu­zie­hen. Dass das nicht immer so ein­fach ist, ist klar. Nicht jeder wohnt opti­mal am Rand der Alpen oder so, in guten Trailrunninggebieten—oder fährt für einen Lauf erst ein­mal ein paar Hun­dert Kilo­me­ter Auto). 

Das sehe ich auch immer bei den Fans des Trail­run­nings, ins­be­son­de­re im „Trail Maga­zin“, etwas als Man­gel: Mir scheint, sie haben ein sehr bestimm­tes, fixier­tes Bild des Trails, das ich zu ein­sei­tig fin­de: Ihre Wege füh­ren sie fast immer in die Ber­ge, ins Gebir­ge, mit allen Vor– und Nach­tei­len. Schön lau­fen kann man aber auch in Mit­tel­ge­bir­gen und im Flachen—das ist für die aller­meis­ten Läu­fer auch mit mehr Lau­fen ver­bun­den als sich die Ber­ge hoch und run­ter zu quä­len, wo ja immer auch eini­ges an Gehen dazugehört …

Und dann wäre da natür­lich noch der Mar­ken­fe­ti­schis­mus der Macher, die Fixie­rung auf Salo­mon als Ausrüster—ich glau­be fast (ohne es jetzt kon­kret über­prüft zu haben oder zu wol­len) es gibt in die­sem Band kein Foto, auf dem nicht Salo­mon-Aus­rüs­tung ver­tre­ten ist. Ande­re Her­stel­ler machen natür­lich auch ver­nünf­ti­ge Aus­rüs­tung, wer­ben aller­dings nicht so inten­siv mit dem Trail­run­ning wie Salo­mon momen­tan. Aber davon muss/​darf/​sollte man sich den Spaß an die­sem schö­nen Buch ja nicht ver­der­ben lassen …

Ste­phan Repke/​Denis Wischniew­ski: Trail Run­ning. Die neue Art zu lau­fen. Bie­le­feld: Deli­us Klasing 2001. ISBN 978–3–7688–3266–3. 158 Sei­ten. 24,90 Euro.

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