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Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Was macht Deutschland?

Was macht Deutschland?

Ein immer­wäh­ren­der Kalender
für alle Tage des Jah­res Okto­ber 1859

Sonn­tag. Deutsch­land pflegt sich -
Wohl zu besinnen.
Mon­tag. Deutsch­land regt sich -
Was wird’s beginnen?
Diens­tag. Deutsch­land trägt sich -
Mit gro­ßen Gedanken.
Mitt­woch. Deutsch­land bewegt sich -
In gesetz­li­chen Schranken.
Don­ners­tag. Deutsch­land frägt sich -
Ob’s end­lich soll?
Frei­tag. Deutsch­land schlägt sich -
Schlägt sich wie toll!
Sonn­abend. Deutsch­land legt sich -
Zu Protokoll!

Georg Her­wegh (1817−1875)

Umfragen

Ich lie­be ja so schwach­sin­ni­ge Wer­be­um­fra­gen. Da sieht man immer schön, was man als Kun­de so zuge­traut bekommt. Das Lite­ra­tur­ma­ga­zin (!) der „Zeit“, die­sem (ver­meint­lichn) Hort des Rest­bil­dungs­bür­ger­tums, hängt die Ansprü­che in sei­ner Leser­um­fra­ge gleich zu Beginn schön hoch:

Ich dach­te ja, ich sehe nicht recht: Die mei­nen wirk­lich „pro Jahr“. Ich hat­te eigent­lich „pro Monat“ gedacht – und selbst dann hät­te „über 15“ bei mir auch noch gestimmt …

Steve Reich zum 75.


Beim Kli­cken auf das und beim Abspie­len des von You­Tube ein­ge­bet­te­ten Vide­os wer­den (u. U. per­so­nen­be­zo­ge­ne) Daten wie die IP-Adres­se an You­Tube übertragen.

Ste­ve Reich *3.10.1936

Bildungsdünkel

Wie viel Bil­dungs­dün­kel kann man eigent­lich in einen ein­fa­chen Bericht zum 50jährigen Bestehen eines Ver­la­ges ste­cken?1 Eine gan­ze Men­ge, wenn man Han­nes Hin­ter­mei­er heißt und für die FAZ schreibt. Der beginnt gleich größenwahnsinnig: 

Die­sem Ver­lag ist nie­mand ent­kom­men. Es dürf­te schwer sein, einen Haus­halt zu fin­den, in dem kein Band aus dem Deut­schen Taschen­buch­ver­lag steht.

Wo lebt die­ser Mann eigent­lich? Eine gewis­se Über­schät­zung des Bil­dungs­bür­ger­tums (oder sei­ner Res­te, denn ein ech­ter Bil­dungs­bür­ger wür­de Taschen­bü­cher nie kau­fen …) mag ja schön und gut sein – aber das geht doch der­ma­ßen offen­sicht­lich zu weit. Schließ­lich gibt es mehr als genug Haus­hal­te, in denen gar kein Buch steht (ja! und das sind nicht weni­ge!), von den Bän­den des dtv ganz zu schwei­gen. So toll sind die ja schließ­lich auch nicht, bei aller Lie­be … Mir scheint – aber das ist nur per­sön­li­che Wahr­neh­mung – deren Hoch­zeit eher die 1970er, viel­leicht noch die 80er Jah­re gewe­sen zu sein. Inzwi­schen ist der Ver­lag zwar nicht belang­los, aber schon län­ger nicht mehr von die­ser über­ra­gen­den Bedeutung.

Hin­ter­mei­ers Text geht dann ent­spre­chend lob­hu­delnd und hoch­tra­bend wei­ter – Infor­ma­tio­nen, die der Rede wert wären, fin­den sich aller­dings wenige.

Einen Geis­tes­ver­wand­ten hat er aber offen­bar im Verleger/​Geschäftsführer Wolf­gang Balk gefun­den. Der wird zitiert:

„Hand aufs Herz: Wirk­li­chen Lese­spaß macht das nicht, das kann mir nie­mand weismachen.“

Da fällt mir doch fast die Kinn­la­de aus dem Gelenk. Hat der Mann mal ein E‑Book-Lese­ge­rät wie etwa den Kind­le in der Hand gehabt und wirk­lich damit gele­sen? Und dann ein dtv-Taschen­buch, am bes­ten noch eines, das schon 10–20 Jah­re alt ist? Das ist doch über­hautp kein Ver­gleich, der Kind­le schlägt die dtv-Taschen­bü­cher um Län­gen. Da kön­nen die Umschlä­ge noch so toll künst­le­risch gestal­tet sein2, das Papier ist oft schlecht, die Folie­rung der Umschlä­ge löst sich, die Bin­dung ist unbe­frie­di­gend, der Buch­satz auch nicht immer per­fekt. Und war­um soll ich für Unter­hal­tungs­li­te­ra­tur, die ich in der Regel nicht oft und nicht inten­siv lese, ein Buch in den Schrank stel­len? Aber Hin­ter­mei­er macht es sich in sei­nem Bil­dungs­dün­kel ent­spre­chend ein­fach:

Die ame­ri­ka­ni­sche Haus­frau, so hört man allent­hal­ben, lese ihre Thril­ler schon auf iPad, Kind­le und Konsorten.

Soso, die­se ame­ri­ka­ni­sche Haus­frau also, der Unter­gang der abend­län­di­schen Kut­lur. Was soll das Gan­ze eigent­lich? Selbst­ver­ge­wis­se­rung einer unter­ge­hen­den Spezies?

Show 2 footnotes

  1. Den ich über einen Arti­kel, der die dtv-Erfah­run­gen eines Alt­his­to­ri­kers beschreibt, von Uwe Wal­ter im FAZ-Blog „Anti­ke und Abend­land“ gefun­den habe. ↩
  2. Und ich bin nicht der Mei­nung, das Celes­ti­no Piat­ti damit künst­le­rich her­aus­ra­gen­des geleis­tet hat: Das ist soli­des, ordent­li­ches Pro­dukt­de­sign, nicht mehr und nicht weni­ger. ↩

Landleben

Das ist Oden­wald: Weil ein Maler für sei­ne ach so pro­vo­kan­te Podi­ums­dis­kus­si­on („Ist das Kunst oder kann das weg?“) kei­nen Poli­ti­ker oder ande­ren Ver­ant­wort­li­chen aus dem Kul­tur­som­mer Süd­hes­sen fand, der sich mit ihm strei­ten woll­te, ruft er zur Revo­lu­ti­on aus – mit den Wor­ten „Empört euch!“ und direk­tem Ver­weis auf Sté­pha­ne Hes­sel. Pro­vinz eben …
(nach dem Oden­wäl­der Echo, 30.9.2011, lei­der nicht online)

Auswahl

Da hat aber auch jemand lan­ge über­legt, wie er die Lis­te mög­lichst sinn­los erschei­nen lässt und doch den Anschein der Ent­schei­dung wahrt.

Aber ich wür­de ja eigent­lich am liebs­ten alles ankreuzen …

Russische Hits

Es ist schon selt­sam, dass Tschai­kow­sky eines sei­ner berühm­tes­ten Wer­ke bei­na­he nicht kom­po­niert hät­te: Für „Romeo und Julia“, die nach dem Shake­speare-Dra­ma geform­te Fan­ta­sie-Ouver­tü­re, war erst ein Anstoß von außen not­wen­dig . Auch bei sei­nem bekann­tes­ten Kom­po­si­ti­on über­haupt, sei­nem ers­ten Kla­vier­kon­zert, plag­ten den skru­pu­lö­sen Tschai­kow­sky lan­ge die Selbstzweifel.

Zu hören ist davon aber nichts mehr. Auch beim ers­ten Main­zer Meis­ter­kon­zert in der Rhein­gold­hal­le nicht.
Denn die Koblen­zer Rhei­ni­sche Phil­har­mo­nie unter Dani­el Rais­kin bevor­zugt im gan­zen Kon­zert, das neben den bei­den Tschai­kow­sky – jedes für sich schon ein abso­lu­ter Publi­kums­ma­get – auch noch Liszts zwei­te Unga­ri­sche Rhap­so­die in einer Orches­ter-Bear­bei­tung und Ser­gei Rach­ma­ni­nows „Paga­ni­ni-Rhap­so­die“ für Kla­vier und Orches­ter ver­sam­mel­te, ein ziem­lich robus­tes Musi­zie­ren. Die vie­len raf­fi­nier­ten Fein­hei­ten der „Romeo und Julia“-Ouvertüre sind dadurch kaum zu hören. Vor allem aber feh­len sowohl Span­nung als auch Fri­sche, durch die die­se abge­spiel­te Ouver­tü­re wie­der leben­dig wür­de. Aber trotz der nicht per­fek­ten Wie­der­ga­be wirkt sie natür­lich immer noch: Wah­re Meis­ter­wer­ke sind schwer zu zerstören.

Den Sta­tus des über­stra­pa­zier­ten Meis­ter­wer­kes kann auch das b‑Moll-Kon­zert pro­blem­los bean­spru­chen. Und auch hier stellt sich immer wie­der die Fra­ge: Haben Pia­nist und Diri­gent noch etwas zu sagen? Beim Meis­ter­kon­zert ist das schnell beant­wor­tet: Ja, unbe­dingt. Vor allem der Pia­nist Kon­stan­tin Scher­ba­kov beweist sich hier meis­ter­haft. Weil er unge­mein viel kann: Nicht nur den in die­sem Schlacht­ross unver­meid­li­chen Thea­ter­don­ner – das absol­viert er bra­vou­rös, aber schein­bar ohne inne­re Betei­li­gung. Viel deut­li­cher kom­men sei­ne immensen Fähig­kei­ten in den ver­meint­li­chen Neben­säch­lich­kei­ten zu tra­gen: Wie er mit­ten im wil­des­ten vir­tuo­sen Getüm­mel noch feins­te Nuna­cen der Weich­heit und Abrun­dung her­vor­zau­bert – das ver­rät wah­re Größe.

Und er nimmt dem Kon­zert damit viel von sei­ner ober­fläch­li­chen Tri­umph-Ges­te. Hier sind das ver­spon­ne­ne Herbst-Nebel, die nur hin und wie­der auf­rei­ßen und die strah­len­den Res­te der glei­ßen­den Som­mer­son­ne hin­durch las­sen. Und eini­ge kräf­tig Wind­stö­ße sor­gen in die­ser ver­wun­sche­nen Traum­land­schaft, die wie eine Feen­welt erscheint, für Durch­blick und die Rück­kehr in die Rea­li­tät. Vie­le Dop­pel­deu­tig­kei­ten der Par­ti­tur wer­den so wun­der­bar klar, aus ihnen ent­wi­ckelt Scher­ba­kov dra­ma­ti­schen Impul­se und eine Viel­schich­tig­keit, die die intel­lek­tu­el­le Neu­ent­de­ckung der ver­steck­ten Andeu­tu­gen und Klei­nig­kei­ten die­ser schein­bar so über­aus bekann­ten Musik über ihre Emo­tio­na­li­tät hin­aus hebt. Scha­de nur, dass Rais­kin mit der Rhei­ni­schen Phil­har­mo­nie nicht genau­so sub­til und fra­gil beglei­ten kann. Aber im Fina­le fin­den sie dann doch noch zusam­men, in einer schö­nen Form der vehe­men­ten Klar­heit – und der abso­lu­ten Begeis­te­rung für Tschai­kow­skys Musik. Und die teilt auch das Publi­kum mit ihnen.

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zeitung.)

Finde den Fehler

Aus der belieb­ten Rei­he „Ver­brei­te­te Miss­ver­ständ­nis­se“. Fin­de den Fehler:

Zweierlei

Front-CoverSchon die ers­ten Tak­te des sprit­zig-leich­ten „Two for Two“ (das dann auch nur drei Minu­ten dau­er­ten) sind fas­zi­nie­rend. Also kei­ne Über­ra­schung? Denn Aki Taka­se zieh micht eigent­lich immer in ihren Bann. Und Han Ben­n­ink ver­fügt ja auch über anzie­hen­de Qua­li­tä­ten. Aber ganz so ein­fach dann doch nicht. Vor allem weil’s in den fol­gen­den Titeln nach der net­ten Auf­takt-Spie­le­rei wie­der deut­lich kom­ple­xer und tie­fer wird. Ein­druck: Kommt erst lang­sam in Fahrt. So rich­tig gef­ri­ckelt, so rich­tig wild zum Bei­spiel erst der „Zank­ap­fel“, eine Eigen­kom­po­si­ti­on (wenn man hier von Kom­po­si­ti­on spre­chen mag) von Taka­se – neben eini­gen Theo­lo­ni­us-Monk-Refe­ren­zen (natür­lich!) spielt das Duo haupt­säch­lich ihr Material.

Swing steckt da durch­aus auch eine Men­ge drin. Auch wenn das eigent­lich doch eine „alte“ Kate­go­rie des Jazz ist. Taucht in letz­ter Zeit wie­der häu­fi­ger auf (eine Art Rück­be­sin­nung?), auch­bei Hard­core-Free-Jaz­zern. Hier auch tat­säch­lich im „his­to­ri­schen“ Sinn – man muss sich nur „Knut“ anhö­ren, auch eine (Yoko Tawa­da gewid­me­te Eigen­kom­po­si­ti­on von Taka­se). Auch wenn das doch mit einem leich­ten Dreh, einer zumin­dest mini­ma­len, sehr unauf­fäl­li­gen Ver­schie­bung ver­se­hen wird. Und doch bleibt das revolutionäre/​revoluzzerische/​aufständlerische Poten­zi­al hier, in die­ses Duos, beschei­den und zurück­hal­tend. Domi­nan­ter, d.h. vor allem auf­fäl­li­ger, ist der Witz des under­state­ments, der musik­his­to­ri­schen Anspie­lung, der klei­ne, ver­steck­ten Ges­te, die den bei­den Musi­kern – so hört sich das zumin­dest an – immer wie­der ein Lächeln ins Gesicht treibt. Ganz ent­spannt ist das: rich­tig spa­ßi­ge, Gute-Lau­ne-Musik, mit Humor und Augen­zwin­kern – und Geschichtsbewusstsein.

Das Book­let hat einen dazu pas­sen­den, fast lus­ti­gen Druck­feh­ler: im Track­lis­ting sind alle Stü­cke 3:12 lang. Ich dach­te erst, da steht ein Kon­zept dahin­ter – bei Musi­kern ist ja alles mög­lich, auch wenn es mich bei die­sen erstaunt und ver­wun­dert hät­te. Aber ein Blick auf die Anzei­ge mei­nes CD-Spie­lers hat mich dann doch eines bes­se­ren belehrt …

Aki Taka­se & Han Ben­n­ink: Two for Two. Intakt Records 2011. Intakt CD 193.

von der alten zur neuen synagoge

„glück­lich unper­fekt“ – dar­auf muss man erst ein­mal kom­men. vor allem, wenn man sein métier so gut beherrscht. von „unper­fekt“ kann man bei sän­ge­rin sharon brau­ner eigent­lich nicht spre­chen. aber glück­lich macht sie ihr publi­kum in der main­zer syn­ago­ge schon. vor allem fühlt sie sich offen­bar wohl auf der schrä­gen büh­ne im schrä­gen bau – nur die schrä­gen töne blie­ben aus. 

sharon brau­ner, die ber­li­ner sän­ge­rin, ist dabei fast allein. nur eine ganz mini­ma­lis­ti­sche band hat sie dabei – einen uralten e‑bass, ein ganz, ganz klei­nes schlag­zeug und ein kla­vier – mehr ist nicht nötig. na ja, ab und an schon: wenn sharon brau­ner zwi­schen­drin mal eben zur jane hen­drix von ber­lin wird und sich für eine kur­ze wei­le auf der uku­le­le aus­tobt. zum bei­spiel im ver­kupp­lungs­lied über die jüdi­sche mut­ter, die nicht nur obst und gemü­se, son­dern immer wie­der auch einen hei­rats­kan­di­da­ten für ihre toch­ter vom markt mit nach hau­se bringt. oder wenn sie till brön­ner, der lei­der, lei­der nicht mehr ins auto pass­te, mit der spiel­zeug­trom­pe­te so gut ersetzt, dass man ihn fast gar nicht vermisst. 

immer ist das leben­di­ge ener­gie­bün­del nett bis in die zehen­spit­zen und immer singt sie ent­spannt mit viel spaß, ohne nach­läs­sig zu wer­den. und immer wird sie sorg­sam unter­stützt von ihrer band, vor allem dem inspi­rier­ten hel­mut bru­ger am klavier.

nett – und größ­ten­teils unver­fäng­lich – auch ihre musik: alte jid­di­sche lie­der, etwas chan­son, eine men­ge swing: ein wil­der stil­mix ist ihr pro­gramm, der auch vorm tan­go nicht halt macht. der aber, vor allem durch die pro­fes­sio­na­li­tät der musi­ker, die über­all fit sind, eine run­de mischung ergibt – eine wohl­tu­end leben­di­ge sogar, die wun­der­bar für einen abend ange­neh­mer unter­hal­tung geeig­net ist. und die neben­bei noch eine klei­ne ein­füh­rung oder auf­fri­schung ins jid­di­sche liefert. 

das pas­siert mal aus­ge­spro­chen furi­os oder auch etwas der­ber, ein ande­res mal auch einüh­lend und behut­sam, wie in ihrer ver­si­on von bodo wart­kes „an dich“. und auch die ein oder ande­re schnul­ze dazwi­schen darf nicht feh­len. schließ­lich geht es vor allem um eines: die lie­be mit­samt ihren höhen und tie­fen, ihren lau­nen und über­ra­schun­gen. und davon weiß sharon brau­ner eine gan­ze men­ge lie­der zu sin­gen und geschich­ten zu erzählen. 

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung.)

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