Morgen, Kinder, wird’s nichts geben!
Nur wer hat, kriegt noch geschenkt.
Mutter schenkte Euch das Leben.
Das genügt, wenn man’s bedenkt.
Einmal kommt auch eure Zeit.
Morgen ist’s noch nicht soweit.Doch ihr dürft nicht traurig werden.
Reiche haben Armut gern.
Gänsebraten macht Beschwerden.
Puppen sind nicht mehr modern.
Morgen kommt der Weihnachtsmann.
Allerdings nur nebenan.Lauft ein bißchen durch die Straßen!
Dort gibt’s Weihnachtsfest genug.
Christentum, vom Turm geblasen,
macht die kleinsten Kinder klug.
Kopf gut schütteln vor Gebrauch!
Ohne Christbaum geht es auch.Tannengrün mit Osrambirnen –
Lernt drauf pfeifen! Werdet stolz!
Reißt die Bretter von den Stirnen,
denn im Ofen fehlt’s an Holz!
Stille Nacht und heil’ge Nacht –
Weint, wenn’s geht, nicht! Sondern lacht!Morgen, Kinder, wird’s nichts geben!
Wer nichts kriegt, der kriegt Geduld!
Morgen, Kinder, lernt fürs Leben!
Gott ist nicht allein dran schuld.
Gottes Güte reicht so weit …
Ach, du liebe Weihnachtszeit!
Erich Kästner (1928)
Schlagwort: lyrik Seite 1 von 14
die letzten warmen tage im september. noch ist die sonne nicht
über die höhen und eine dunkelheit streicht um die fenster, als ob
sie sie zu sich nach draußen riefe: wenige laute, keine vögel.
die blauen fernen der schwäbischen alb. es rauscht der traum
verwirrend aus der tiefe. im ersten morgenlicht die königstraße lang
und hoch zum markt, zum schwarzen tor, vorbei am kapuziner und
der gänsbrunnengasse, und erst am hochturm ruht sie auf der bank
wo sich schon eingefärbte blätter um die schuhe ranken. und
stille, wecke nicht, es war, als schliefe in der hochturmgasse noch
der geist der stadt. im konfektionshaus balle steht die stunde still.
geht dort ein mädchen durch die waldtorstraße, vorbei am schild
von viktor hezinger flaschner, vorbei am pflugbräu, alte post, und
nur der grüne heißluftballon grüßt, als schwebe er niemals davon.
sie schlägt den weg zjm münster ein. kurz vor laudes, keine stimmen
hat sie die orgel ganz für sich allein und kann kein kreuz im morgen
schlagen, aber das lechtende rot der gewänder strahlt von den
hohen kirchenfenstern und schiebt sie in die lorenzgasse vor
zur kapelle an die neckarschleife und weckt den leisen strom
von zauberklängen, als ob die bleichen und die mühlen sängen
rings von der alten schönen zeit. vom viadukt ein kurzer blick.
die letzten warmen tage im september. es rauscht der traum
verwirrend aus der tiefe und von den vögeln tönt jetzt ein gesang
im ersten morgenlicht die königstraße lang: es ist, als ob die sonne
sie aus ihrem innern riefe. sie kehrt ins zimmer unterm dach zurück.
―Nadja Küchenmeister (in: Unter dem Wacholder. Frankfurt am Main: Schöffling 2020, S. 91.)
Ein Stück Draht, krumm
ausgespannt, zwischen zwei
kahlen Bäumen, die
bald wieder Blätter
treiben, früh am Morgen
hängt daran eine
frisch gewaschene
schwarze Strumpfhose
aus den verwickelten
langen Beinen tropft
das Wasser in dem hellen
frühen Licht auf die Steine.
―Rolf Dieter Brinkmann
schwerfälliger mahlt
der grosse motor sommer
gedanken kauender tor
zum abend geneigt
steht mittag im feld
pracktvoll sinkt rot
unterm wolkenbrokat
schon am herbstsaum
treiben die wiesen
das tor in den tag
angelehnt
du ich zwischen
tür und angel
―Stefan Döring (aus: Monate Jahre (in: WENN WELT. Berlin, Schupfart 2024 (roughbooks 064), S. 83.))
himmelwärts gezogen
die striche der gräser
mit lüften verflochten
unter federwolke gesang
flug auf unliniertem blatt
samen gefiedert steigt
hingesunkene feder
getaucht in holunderschatten
schreibt
―Stefan Döring (aus: Monate Jahre (in: WENN WELT. Berlin, Schupfart 2024 (roughbooks 064), S. 81.))
Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sie dir andre an: es ist in allen.Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
Rainer Maria Rilke, Herbst (Das BUch der Bilder)
unendlichen sanft in seinen Händen hält.
Bei Gedichten hilft zwei Mal lesen immer. Das kann nie falsch sein. Denn meistens ist schon nach dem zweiten Mal klar, ob das Ding vor uns überhaupt ein Gedicht ist oder nicht. Wenn nämliuch nach dem zweiten Mal klar ist, was da steht, und ebenso duelitch, dass da nichts weiter ist, als was man verstanden hat, dann ist es kein Gedicht. Weil ein Gedicht eben nicht das ist, was man gemeinhin meint, wenn man sagt: Ich habe verstanden.
Urs Engeler, Mein Lieber Lühr (in: MÜtze #33, 1671)
Borsten und räuberisch sind meine spezialen
Steffen Popp, 118, 65
Verstärker auf Waldpfaden, Käfer spiegelns
Hase-Fuchs-Reh, selbstrufend Herr und Frau
Kuckuck. Der Mensch, idealisch, sei immer
dem Walde zu, singend. Beeren‑, Pilzkörbe
neben sich an dem glucksenden Bache sitzen
gleichsam zaubrisch. Nicht achte Zwergen-
werk niedrig und ‑horte in Germaniens Adern.
Nebst Dispo, Glatzen, Spuk, mag sein, auch
ächtes Gold … Denn wer hat nachgeforscht.
Waldwege
There are the Alps,
Basil Bunting, On the Flyleaf of Pound’s Cantos
fools! Sit down and wait for them to crumble!
Frühling läßt sein blaues Band
Eduard Mörike
Wieder flattern durch die Lüfte;
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land.
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen.
– Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist’s!
Dich hab’ ich vernommen!
