Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Schlagwort: georg büchner

Ins Netz gegangen (4.11.)

Ins Netz gegan­gen am 4.11.:

  • The tra­ge­dy of James Bond – lau­rie pen­ny hat sich alte james-bond-fil­me angeschaut:

    The expe­ri­ence was like having your fore­brain slow­ly and labo­rious­ly bea­ten to death by a wil­ting erec­tion wrap­ped in a copy of the Patri­ot Act: sava­ge and sil­ly and just a litt­le bit pathetic.

    sie bleibt aber nicht bei der per­sön­li­chen abscheu, son­dern zeigt mei­nes erach­tens (aber ich bin ja auch kein bond-ken­ner) sehr gut, war­um die bond-figur (heu­te) pro­ble­ma­tisch ist:

    The pro­blem with Bond is that he is sup­po­sed to be the good guy. He is a bor­der­line rapist who is employ­ed by the govern­ment to mur­der peo­p­le – and yet he is not an anti-hero. He is just a hero. … Bond is a hero for no other reason than that he is on our side, which is how most wes­tern nati­ons and par­ti­cu­lar­ly the Bri­tish come to terms with their par­ti­cu­lar lega­cy of hor­ror – with a quiet embar­rass­ment that none­thel­ess knows how to defend its­elf by force.
    […] James Bond, more than any­thing, is a tra­gic figu­re and his tra­ge­dy is the tra­ge­dy of white, impe­ria­list mas­cu­li­ni­ty in the 21st cen­tu­ry. It is a tra­ge­dy of irrele­van­ce that beco­mes all the more poignant and pain­ful in the retelling.

  • Lau­da­tio auf Rai­nald Goetz von Jür­gen Kau­be – FAZ – der voll­stän­dig­keit hal­ber noch die recht gute lau­da­tio von jür­gen kau­be auf rai­nald goetz für den büchnerpreis
  • My Top 30 Fonts with the Sexiest Amper­sands – sehr schö­ne samm­lung sehr schö­ner ampersand-umsetzungen
  • Poli­ti­sche Lite­ra­tur: Gegen die herr­schen­de Klas­se | ZEIT ONLINE – ein durch­aus inter­es­san­tes gespräch hat ijo­ma man­gold mit ulrich pelt­zer, ili­ja tro­ja­now & jen­ny erpen­beck über lite­ra­tur und poli­tik, ver­gan­gen­heit, gegen­wart und zukunft geführt:

    Es gibt das Bedürf­nis der Lite­ra­tur­kri­tik und der Öffent­lich­keit nach Welt­erklä­rung bezie­hungs­wei­se nach Auf­fä­che­rung von Erfah­run­gen, die man sonst nur aus den Medi­en kennt. An die Lite­ra­tur wird eine Auf­ga­be dele­giert, die mög­li­cher­wei­se nicht unbe­dingt eine genu­in lite­ra­ri­sche Funk­ti­on ist.
    […] Das Moment von Uto­pie ist mit einem phi­lo­so­phi­schen Begriff von Geschich­te ver­bun­den, und der ist uns ver­lo­ren gegan­gen. Wir sehen uns nur noch mit der Empi­rie der Pro­ble­me kon­fron­tiert und ver­su­chen, sie prak­tisch zu lösen, aber wir haben kei­nen Ent­wurf von Zukunft mehr, der die Erfah­run­gen der Ver­gan­gen­heit auf­neh­men und ver­wan­deln wür­de, um zu einem ande­ren Begriff der Zukunft zu kom­men als dem, dass die Häu­ser gedämmt werden. 

    sehr schön deut­lich wer­den auch die ver­schie­de­nen arten, „poli­tisch“ zu den­ken als lite­ra­tin – bei pelt­zer z.b. immer ins phi­lo­so­phisch-his­to­ri­sche gehend oder bei erpen­beck vom per­sön­lich-indi­vi­du­el­len erleb­nis aus

  • Max Wal­len­horst: Das Darm­städ­ter Neben­ein­an­der-Sit­zen – Mer­kur – sehr schö­ner text im mer­ku-blog von max wal­len­horst über rai­nald goetz & die büch­nerpreis­ver­lei­hung in darmstadt
  • Deut­sche Bank: Sie nen­nen es Ster­be­haus | ZEIT ONLINE -

    Es war ein Bank­raub von innen. sehr schö­ne repor­ta­ge von marc brost & andre­as vei­el über macht und ver­ant­wor­tung, ethik, gier und kon­kur­renz auf den höchs­ten ebe­nen der wirt­schaft – hier am bei­spiel der deut­schen bank (sehr schön auch, dass sie zei­gen, dass das alles selbst auf betriebs­wirt­schaft­li­cher ebe­ne (von der volks­wirt­schaft­li­chen ganz zu schwei­gen) unsin­nig war/​ist)

  • Hin­lan­gen – Schön an Rai­nald Goetz’ Tex­ten ist, was Vol­ker Wei­der­mann ent­setzt : lite​ra​tur​kri​tik​.de – mar­kus joch über vol­ker wei­der­manns selt­sa­me vol­te, plötz­lich rai­nald goetz abso­lut gut zu fin­den – und das pro­blem dabei, vor allem bei der rela­ti­vie­rung in bezug auf „Johann Hol­trop“, die wohl auf einem miss­ver­ständ­nis der goetz­schen poe­tik beruht

    Ges­tern wet­tern, heu­te beju­beln ‒ einer immer­hin, Micha­el Ange­le vom „Frei­tag“, hat den pünkt­li­chen Kurs­wech­sel ver­merkt, auf Face­book. Soll man es damit bewen­den las­sen? Ungern. Das Pro­blem ist, wie Wei­der­mann die Kur­ve krie­gen will. Gebets­müh­len­ar­tig von Inten­si­tät und Kraft schwär­men, aber den Aggres­si­ons­pe­gel von „Johann Hol­trop“ ein biss­chen bekrit­teln, als sei er ein Aus­rei­ßer ‒ das ist wie Wil­ly Brandt her­vor­ra­gend fin­den, bis auf Emi­gra­ti­on und Ost­po­li­tik. Absurd, weil Inten­si­tät und Pole­mik bei Goetz natür­lich stets zusammengehören.

  • Der Rei­hungs­künst­ler – kon­kret – joseph wälz­holz zeigt die rhe­to­ri­schen knif­fe vol­ker wei­der­manns (bei ein paar begrif­fen muss­te ich wirk­lich überlegen …)

    Ein genia­ler Rhe­to­ri­ker: Nie­mand setzt hoch­kom­pli­zier­te Stil­mit­tel so vir­tu­os ein wie der Feuil­le­to­nist Vol­ker Wei­der­mann. Eine Col­la­ge in 19 Moti­ven und 79 Fußnoten.

  • Vom Feh­len des Wider­stän­di­gen. Wei­te­re Gedan­ken über Fer­ney­hough. – moritz eggert über fer­ney­houghs musik und den unter­schie­de zwi­schen par­ti­tur (auf­re­gend, kom­plex) und klang (nicht immer über­wäl­ti­gend …) – zu den par­ti­tu­ren hat er kürz­lich schon etwas gebloggt: http://​blogs​.nmz​.de/​b​a​d​b​l​o​g​/​2​0​1​5​/​1​0​/​1​9​/​d​i​e​-​q​u​a​d​r​a​t​u​r​-​d​e​r​-​l​i​n​i​e​-​e​i​n​-​n​e​u​e​r​-​b​l​i​c​k​-​a​u​f​-​d​a​s​-​w​e​r​k​-​v​o​n​-​b​r​i​a​n​-​f​e​r​n​e​y​h​ough/
  • Neo­na­zis: Hei­di und die Brand­stif­ter | ZEIT ONLINE – inter­es­san­te, gute, packen­de repor­ta­ge von dani­el mül­ler & chris­ti­an fuchs über eine im neo­na­zi-fami­li­en-milieu sozia­li­sier­te jun­ge frau, die sich von die­ser ideo­lo­gie inzwi­schen abge­wandt hat

    Sie stammt aus einer Fami­lie von treu­en Nazis, als Kind wur­de sie in gehei­men Lagern gedrillt. Ihre frü­he­ren Kame­ra­den zün­deln heu­te bei NPD und Pegi­da. Hei­di Ben­ne­cken­stein hat sich anders entschieden. 

  • Stadt Wien ver­öf­fent­licht posi­ti­ve Shar­row-Stu­die | It star­ted with a fight… – die stadt wien hat an drei wich­ti­gen, ver­kehrs­star­ken stra­ßen unter­sucht, wie auf­ge­mal­te fahr­rad­pik­to­gram­me (mit pfeil), die soge­nann­ten „shar­rows“, sich auch ohne wei­te­re ver­än­de­run­gen des ver­kehrs­raums aus­ge­spro­chen güns­tig für rad­fah­re­rin­nen auswirken:

    Die­se Stu­die „Wir­kung von Fahr­rad-Pik­to­gram­men im Stra­ßen­ver­kehr“ […] zeigt sehr posi­ti­ve Ergeb­nis­se: Gestei­ger­te Sicher­heit des Rad- und Auto­ver­kehrs durch ver­bes­ser­te Inter­ak­ti­on, Abnah­me der Über­hol­vor­gän­ge und grö­ße­ren Sicher­heits­ab­stand der Autos beim Überholen.

  • 1001 Din­ge | Schma​len​stroer​.net – eine lis­te von lis­ten, die man leben­dig abar­bei­ten „muss“, von einem listenhasser …
  • War­um Akif Pirin­c­çi aus fal­schen Grün­den das Rich­ti­ge pas­sier­te und war­um das nicht gut ist | Tho­mas Trap­pe – klu­ge beob­ach­tun­gen von tho­mas trap­pe zur wahr­neh­mung von und dem umgang mit rechtsextremen/​rassisten etc., bei „pegi­da“ und anderswo

    Ers­tens: Die Grün­de, war­um sol­che Per­so­nen kurz­zei­tig oder für immer von der Büh­ne ver­schwin­den, sind meist tri­via­les NS-Wor­ding. Zwei­tens: Es trifft in aller Regel die Rich­ti­gen. Drit­tens: Indem man es sich aber so ein­fach macht, gibt man ihnen und ihren Unter­stüt­zern die Rol­le, die sie so ger­ne ein­neh­men, näm­lich die des unter­drück­ten Quer­den­kers. Was sie, vier­tens, nie­mals sind.

Den 20. Jänner ging Lenz durchs Gebirg.

Den 20. Jän­ner ging Lenz durchs Gebirg. Die Gip­fel und hohen Berg­flä­chen im Schnee, die Täler hin­un­ter grau­es Gestein, grü­ne Flä­chen, Fel­sen und Tannen.

Es war naß­kalt; das Was­ser rie­sel­te die Fel­sen hin­un­ter und sprang über den Weg. Die Äste der Tan­nen hin­gen schwer her­ab in die feuch­te Luft. Am Him­mel zogen graue Wol­ken, aber alles so dicht – und dann dampf­te der Nebel her­auf und strich schwer und feucht durch das Gesträuch, so träg, so plump.

Er ging gleich­gül­tig wei­ter, es lag ihm nichts am Weg, bald auf‑, bald abwärts. Müdig­keit spür­te er kei­ne, nur war es ihm manch­mal unan­ge­nehm, daß er nicht auf dem Kopf gehn konnte.

Anfangs dräng­te es ihm in der Brust, wenn das Gestein so weg­sprang, der graue Wald sich unter ihm schüt­tel­te und der Nebel die For­men bald ver­schlang, bald die gewal­ti­gen Glie­der halb ent­hüll­te; es dräng­te in ihm, er such­te nach etwas, wie nach ver­lor­nen Träu­men, aber er fand nichts. Es war ihm alles so klein, so nahe, so naß; er hät­te die Erde hin­ter den Ofen set­zen mögen. Er begriff nicht, daß er so viel Zeit brauch­te, um einen Abhang hin­un­ter zu klim­men, einen fer­nen Punkt zu errei­chen; er mein­te, er müs­se alles mit ein paar Schrit­ten aus­mes­sen kön­nen. Nur manch­mal, wenn der Sturm das Gewölk in die Täler warf und es den Wald her­auf dampf­te, und die Stim­men an den Fel­sen wach wur­den, bald wie fern ver­hal­len­de Don­ner und dann gewal­tig her­an­braus­ten, in Tönen, als woll­ten sie in ihrem wil­den Jubel die Erde besin­gen, und die Wol­ken wie wil­de, wie­hern­de Ros­se her­an­spreng­ten, und der Son­nen­schein dazwi­schen durch­ging und kam und sein blit­zen­des Schwert an den Schnee­flä­chen zog, so daß ein hel­les, blen­den­des Licht über die Gip­fel in die Täler schnitt; oder wenn der Sturm das Gewölk abwärts trieb und einen licht­blau­en See hin­ein­riß und dann der Wind ver­hall­te und tief unten aus den Schluch­ten, aus den Wip­feln der Tan­nen wie ein Wie­gen­lied und Glo­cken­ge­läu­te her­auf­summ­te, und am tie­fen Blau ein lei­ses Rot hin­auf­klomm und klei­ne Wölk­chen auf sil­ber­nen Flü­geln durch­zo­gen, und alle Berg­gip­fel, scharf und fest, weit über das Land hin glänz­ten und blitz­ten – riß es ihm in der Brust, er stand, keu­chend, den Leib vor­wärts gebo­gen, Augen und Mund weit offen, er mein­te, er müs­se den Sturm in sich zie­hen, alles in sich fas­sen, er dehn­te sich aus und lag über der Erde, er wühl­te sich in das All hin­ein, es war eine Lust, die ihm wehe tat; oder er stand still und leg­te das Haupt ins Moos und schloß die Augen halb, und dann zog es weit von ihm, die Erde wich unter ihm, sie wur­de klein wie ein wan­deln­der Stern und tauch­te sich in einen brau­sen­den Strom, der sei­ne kla­re Flut unter ihm zog. Aber es waren nur Augen­bli­cke; und dann erhob er sich nüch­tern, fest, ruhig, als wäre ein Schat­ten­spiel vor ihm vor­über­ge­zo­gen – er wuß­te von nichts mehr.

[…]

Er saß mit kal­ter Resi­gna­ti­on im Wagen, wie sie das Tal her­vor nach Wes­ten fuh­ren. Es war ihm einer­lei, wohin man ihn führ­te. Mehr­mals, wo der Wagen bei dem schlech­ten Wege in Gefahr geriet, blieb er ganz ruhig sit­zen; er war voll­kom­men gleich­gül­tig. In die­sem Zustand leg­te er den Weg durchs Gebirg zurück. Gegen Abend waren sie im Rhein­ta­le. Sie ent­fern­ten sich all­mäh­lich vom Gebirg, das nun wie eine tief­blaue Kris­tall­wel­le sich in das Abend­rot hob, und auf deren war­mer Flut die roten Strah­len des Abends spiel­ten; über die Ebe­ne hin am Fuße des Gebirgs lag ein schim­mern­des, bläu­li­ches Gespinst. Es wur­de fins­ter, je mehr sie sich Straß­burg näher­ten; hoher Voll­mond, alle fer­nen Gegen­stän­de dun­kel, nur der Berg neben bil­de­te eine schar­fe Linie; die Erde war wie ein gold­ner Pokal, über den schäu­mend die Gold­wel­len des Mon­des lie­fen. Lenz starr­te ruhig hin­aus, kei­ne Ahnung, kein Drang; nur wuchs eine dump­fe Angst in ihm, je mehr die Gegen­stän­de sich in der Fins­ter­nis ver­lo­ren. Sie muß­ten ein­keh­ren. Da mach­te er wie­der meh­re­re Ver­su­che, Hand an sich zu legen, war aber zu scharf bewacht.

Am fol­gen­den Mor­gen, bei trü­bem, reg­ne­ri­schem Wet­ter, trat er in Straß­burg ein. Er schien ganz ver­nünf­tig, sprach mit den Leu­ten. Er tat alles, wie es die andern taten; es war aber eine ent­setz­li­che Lee­re in ihm, er fühl­te kei­ne Angst mehr, kein Ver­lan­gen, sein Dasein war ihm eine not­wen­di­ge Last. –

So leb­te er hin …

—Georg Büch­ner, Lenz (1835)

Revolutionär? Die Darmstädter Büchnerausstellung

„Revo­lu­ti­on mit Feder und Skal­pell“ ist die gro­ße Aus­stel­lung zum 200. Geburts­tag von Georg Büch­ner unter­ti­telt. Das ist bemer­kens­wert (weil momen­tan das Revo­lu­tio­nä­re in Leben und Werk Büch­ners kei­ne beson­de­re Kon­junk­tur hat …) und son­der­bar, weil es die Aus­stel­lung nicht wider­spie­gelt. Offen­bar war die Lust nach einem grif­fi­gen Slo­gan aber grö­ßer als der Wunsch, dem Besu­cher zu signa­li­sie­ren, was ihn erwartet …

Ganz Darm­stadt büch­nert dafür, für die Gele­gen­heit „sei­nen“ Dich­ter zu ehren. Über­all wird für ihn und vor allem die Aus­stel­lung gewor­ben. Auch das übri­gens viel bun­ter, pep­pi­ger und pop­pi­ger als in den Hal­len selbst – da herrscht klas­si­sche Typo­gra­phie in Schwarz auf Weiß bzw. Weiß auf Schwarz vor. Sonst tun sie das ja eher nicht oder doch zumin­dest deut­lich zurück­hal­ten­der. Sei’s drum …

"wir alle haben etwas mut und etwas seelengröße notwendig" - Büchner-Zitat-Installation am Darmstädter Hauptbahnhof

„wir alle haben etwas mut und etwas see­len­grö­ße not­wen­dig“ – Büch­ner-Zitat-Instal­la­ti­on am Darm­städ­ter Hauptbahnhof

Im Darm­stad­ti­um hat die ver­an­stal­ten­de Mat­hil­den­hö­he mit der Aus­stel­lung Raum gefun­den, Georg Büch­ner zu erin­nern und zu ver­ge­gen­wär­ti­gen. Wobei Raum schon schwie­rig ist – das sind offen­bar ein paar Ecken, die bis­her unge­nutzt waren, ver­win­kelt und ver­schach­telt – was der Aus­stel­lung nur mäßig gut­tut, Über­sicht oder logi­sche Abläu­fe oder auch blo­ße Ent­wick­lun­gen gibt es hier wenig.

Was gibt es aber in der Aus­stel­lung zu erfah­ren und zu sehen? Zuerst mal gibt es unheim­lich viel zu sehen – und vie­le schö­ne, span­nen­de Sachen. Zum Bei­spiel das nach­ge­bau­te Wohn­zim­mer der Büch­ners – nicht rekon­stru­iert, aber schön gemacht (schon die Wän­de haben mir gefal­len). Sehr schön auch die Rekon­struk­ti­on sei­ner letz­ten Woh­nung in Zürich (Spie­gel­gas­se 12 – ganz in der Nähe wird spä­ter auch Lenin resi­die­ren), sei­nes Ster­be­zim­mers (zwar hin­ter Glas, aber den­noch sehr schön). Auch die Büchner’sche Haar­lo­cke darf natür­lich nicht fehlen.

Büchner auf der Treppe zur Ausstellung (keine Angst, der Rest der Ausstellung ist nicht so wild ...)

Büch­ner auf der Trep­pe zur Aus­stel­lung (kei­ne Angst, der Rest der Aus­stel­lung ist nicht so wild …)

Über­haupt, das kann man nicht oft genug beto­nen: Zu sehen gibt es unend­lich viel: Unzäh­li­ge Sti­che, Radie­run­gen, Bil­der – von Darm­stadt und Straß­burg vor allem. Gie­ßen zum Bei­spiel ist extrem unter­re­prä­sen­tiert. Und natür­lich gibt es Tex­te über Tex­te: Schrif­ten, die Büch­ner gele­sen hat, die er benutzt hat, die er ver­ar­bei­tet hat – sie tau­chen (fast) alle in den enst­pre­chen­den Dru­cken der Büch­ner­zeit hier auf, von Shake­speare bis zu den medi­zi­ni­schen Trak­ta­ten, von Des­car­tes bis Goe­the und Tieck.
Auch Büch­ner selbst ist mit sei­nen Schrif­ten ver­tre­ten – natur­ge­mäß weni­ger mit Dru­cken – da ist außer „Danton’s Tod“ ja wenig zu machen -, son­dern mit Hand­schrif­ten. Die sind in der Aus­stel­lung zwar reich­lich in Ori­gi­na­len zu bewun­dern, aber Tran­skrip­tio­nen darf man nicht erwar­ten. Und lesen, das ist bei Büch­ners Sau­klaue oft nicht gera­de ein­fach. Zumal mir da noch ein ande­rer Umstand arg auf­ge­sto­ßen ist: Die Expo­na­te in der (aus kon­ser­va­to­ri­schen Grün­den) sehr dämm­ri­gen Aus­stel­lung sind in der Regel von schräg oben beleuch­tet – und zwar in einem sehr ungüns­ti­gen Win­kel: Immer wenn ich mir einen Brief an oder von Büch­ner genau­er betrach­ten woll­te, um ihn zu ent­zif­fern, stand ich mir mit mei­ner Rübe selbst im Licht. 

Sonst bie­tet die Aus­stel­lung so ziem­lich alles, was moder­ne Aus­stel­lungs­pla­ner und ‑bau­er so in ihrem Reper­toire haben: Pro­jek­tio­nen, Mul­ti­me­dia­in­stal­la­tio­nen, Ani­ma­tio­nen, über­blen­de­te Bil­der, eine Art Nach­rich­ten­ti­cker (der schwer zu bedie­nen ist, weil er dazu ten­diert, in irrem Tem­po durch­zu­ra­sen), mit Vor­hän­gen abge­trenn­te Sepa­rées (wäh­rend das beim Sezieren/​der Ana­to­mie unmit­tel­bar Sinn macht, hat mir das ero­ti­sche Kabi­nett ins­ge­samt nicht so recht ein­ge­leuch­tet …) und sogar einen „Lenz-Tun­nel“ (von dem man sich nicht zu viel erwar­ten darf und soll­te). Der letz­te Raum, der sich der Rezep­ti­on der letz­ten Jahr­zehn­te wid­met, hat das übli­che Pro­blem: So ganz mag man die Rezep­ti­on nicht weg­las­sen, eine verün­f­ti­ge Idee dafür hat­te man aber auch nicht. Da er auch deut­lich vom Rest der Aus­stel­lung getrennt ist und qua­si schon im Foy­er liegt, ver­liert er zusätz­lich. Viel span­nen­des gibt es da aber eh‘ nicht zu sehen, so dass man durch­aus mit Recht hin­durch­ei­len darf (wie ich es getan hab – Wer­ner Her­zog ken­ne ich, Alban Berg ken­ne ich, Tom Waits auch, die Her­bert-Grö­ne­mey­er-Bear­bei­tung von „Leon­ce und Lena“ soll­te man sowie­so meiden …).

Bei man­chen Wer­tun­gen bin ich natur­ge­mäß zumin­dest unsi­cher, ob das der Wahr­heit letz­ter Schluss ist – etwa bei der Beto­nung der Freu­de und des Enga­ge­ments, das Büch­ner für die ver­glei­chen­de Ana­to­mie ent­wi­ckelt haben soll – was übri­gens in der Aus­stel­lung selbst schon durch ent­spre­chen­de Zita­te kon­ter­ka­riert wird und in mei­ner Erin­ne­rung in Hau­schilds gro­ßer Büch­ner-Bio­gra­fie nicht von unge­fähr deut­lich anders dar­ge­stellt wird. Unter den Exper­ten und Büch­ner-Bio­gra­fen schon immer umstrit­ten war die Rol­le des Vaters – hier taucht er über­ra­schend wenig auf. Über­haupt bleibt die Fami­lie sehr im Hin­ter­grund: Sie bie­tet nur am Anfang ein wenig den Rah­men, in dem Georg auf­wächst – mehr Wert als auf die Fami­lie und per­sön­li­che Bezie­hun­gen über­haupt legt die Aus­stel­lung aber auf Erfah­run­gen und Rezep­tio­nen von Kunst (Lite­ra­tur, Thea­ter, Gemäl­de und ande­re mehr oder weni­ger musea­le Gegen­ständ­lich­kei­ten) und geo-/to­po­gra­phi­schem Umfeld.

Nicht zu ver­ges­sen sind bei den Expo­na­ten aber die kürz­lich ent­deck­te Zeich­nung August Hoff­mann, die wahr­schein­lich Büch­ner zeigt. Auch wenn ich mir dabei wie­der­um nicht so sicher bin, dass sie das Büch­ner-Bild wirk­lich so radi­kal ver­än­dert, wie etwa Ded­ner meint (in der Aus­stel­lung wird sie nicht wei­ter kom­men­tiert). Und die ers­te „ech­te“ Guil­lo­ti­ne, die ich gese­hen habe, auch wenn es „nur“ eine deut­sche ist.

Gestört hat mich ins­ge­samt vor allem die Fixie­rung auf den Audio­gui­de – ich hät­te ger­ne mehr Text an der Wand gehabt (zum Bei­spiel, wie erwähnt, die Tran­skrip­tio­nen der Hand­schrif­ten – die muss man mir nicht vor­le­sen, da gibt es wesent­lich ele­gan­te­re Lösun­gen, die einer Aus­stel­lung über einen Schrift­stel­ler auch ange­mes­se­ner sind). Zumal die Spre­cher manch­mal arg geküns­telt wirken.

Und wie­der ist mir auf­ge­fal­len: Büch­ner selbst ist fast so etwas wie das lee­re Zen­trum der Aus­stel­lung (auch wenn das jetzt etwas über­spitzt ist). Es gibt hier unheim­lich viel Mate­ri­al aus sei­nem nähe­ren und wei­te­ren Umkreis, zu sei­ner Zeit­ge­schich­te und sei­ner Geo­gra­phie – aber zu ihm selbst gar nicht so viel. Das ist natür­lich kein Zufall, son­dern hängt eben mit der Über­lie­fe­rungs- und Rezep­ti­ons­ge­schich­te zusam­men. Aber als Pan­ora­ma des Vor­märz im Groß­her­zog­tum Hes­sen (und Straß­burg) ist die Aus­stel­lung durch­aus taug­lich. Jetzt, wo ich dar­über nach­den­ke, fällt mir aller­dings auf: Weder „Vor­märz“ noch „Jun­ges Deutsch­land“ sind mir in der Aus­stel­lung begeg­net. Von der Ein­bet­tung soll­te man sich auch über­haupt weder in lite­ra­tur­ge­schicht­li­cher noch in all­ge­mein­his­to­ri­scher Hin­sicht zu viel erwar­ten: Das ist nur auf Büch­ner selbst bezo­gen, nach­träg­li­che Erkennt­nis­se der For­schung oder nicht von Büch­ner selbst expli­zier­te Zusam­men­hän­ge ver­schwin­den da etwas.

Und noch etwas: eines der über­ra­schends­ten Aus­stel­lungs­stü­cke ist übri­gens Rudi Dutsch­kes Hand­ex­em­plar der Enzens­ber­ger-Aus­ga­be des „Hes­si­schen Land­bo­ten“, mit sehr inten­si­ven Lek­tü­re­spu­ren und Anmerkungen …

Hoch geht's zu Büchner

Hoch geht’s zu Büchner

Aber dass der Kata­log – ein gewal­ti­ger Schin­ken – die Abbil­dun­gen aus irgend einer ver­spon­ne­nen Design-Idee alle auf den Kopf gestellt hat, hal­te ich gelin­de gesagt für eine Frech­heit. Ein Kata­log ist mei­nes Erach­tens nicht der Platz für sol­che Spie­le­rei­en (denen ich sonst ja über­haupt nicht abge­neigt bein), weil er dadurch fast unbe­nutz­bar wird – so einen Bro­cken mag ich eigent­lich nicht stän­dig hin und her dre­hen, so kann man ihn nicht ver­nünf­tig lesen.

Aber trotz­dem bie­tet die Aus­stel­lung eine schö­ne Mög­lich­keit, in das frü­he 19. Jahr­hun­dert ein­zu­tau­chen: Sel­ten gibt es so viel Aura auf ein­mal. Die Aus­strah­lung der Ori­gi­na­le aus Büch­ners Hand und der (Druck-)Erzeugnisse sei­ner Gegen­wart, von denen es hier ja eine fast über­mä­ßi­ge Zahl gibt, ist immer wie­der beein­dru­ckend – und irgend­wie auch erhe­bend. Fast so ein­drück­lich übri­gens wie die Lek­tü­re der Tex­te Büch­ners selbst – dad­rü­ber kommt die Aus­stel­lung auch mit ihrer Mas­se an Expo­na­ten nicht.

Aus-Lese #18

Tobi­as Prem­per: Durch Bäu­me hin­durch. Göt­tin­gen: Steidl 2013. 93 Seiten.

Und schon wie­der kur­ze Pro­sa ohne Gat­tung: Sze­nen, Ein­fäl­le, … – Vignet­ten fasst das wohl am bes­ten zusam­men. Prem­per sam­melt hier Absur­des, Gro­tes­kes, Komi­sches, Phan­tas­ti­sches unge­heu­er ver­dich­tet. Nur sel­ten ist ein Text eine gan­ze Sei­te (oder mehr) lang. Das ist vor allem eines: irr­sin­nig amü­sant. Dabei ist das aber über­haupt nicht hirn­los, denn in der Kür­zest-Pro­sa über Bäu­me und Men­schen, über Nor­ma­li­tät und das Leben, über Träu­me und Erschei­nun­gen, wun­der­sa­me Beg­nun­gen, Abnor­ma­li­tä­ten als Grund­stim­mung, Nor­ma­li­tät als Aus­nah­me ste­cken alles gro­ßen Fra­gen – selbst wenn das als „Sze­ne aus dem wirk­li­chen Leben“ über­schrie­ben ist. Vor allem zeigt Prem­per aber immer wie­der die Absur­di­tät der Bana­li­tät des All­tags, des ganz nor­ma­len Lebens mit sei­nen unzäh­li­gen, immer glei­chen Hand­lun­gen, Momen­ten und Erfah­run­gen. Ein wirk­lich groß­ar­ti­ges Vergnügen!

„War­um mann Bücher machen muss“: Weil man sonst wie­der Frau­en ver­brennt und Scha­fe fickt. (38)

Moritz Rin­ke: Wir lie­ben und wis­sen nichts. Rein­bek: Rowohlt 2013. 124 Seiten.

Wir lie­ben und wis­sen nichts ist ein net­tes Kam­mer­spiel über moder­ne Paa­re, über Lie­be, Bezie­hung, Kom­mu­ni­ka­ti­on und den gan­zen Rest – eine Varia­ti­on eines bekann­ten The­mas also:

Kann man zusam­men­blei­ben, wenn man sich die Wahr­heit sagt? (121)

Ganz geschickt gemacht ist das, und gut ver­packt – da merkt man die Erfah­rung Rin­kes. Und natür­lich spie­len auch und vor allem die Zumu­tun­gen des (post-)modernen Kapi­ta­lis­mus eine wesent­li­che Rol­le: „[…] ich glau­be, die Lie­be ist irgend­wann mit dem Kapi­ta­lis­mus zusam­men­ge­sto­ßen und dabei kaputt­ge­gan­gen.“ (112)

Peter Salo­mon: Die Jah­re lie­gen auf der Lau­er. Neue Gedich­te. Eggin­gen: Edi­ti­on Ise­le 2012. 90 Seiten.

Lei­der fand ich den Band nicht ganz so span­nend, wie die Rezen­si­on erwar­ten ließ. Salo­mon schreibt hier vor allem so etwas wie erzäh­len­de Gedich­te: Vie­le „intak­te“ Sät­ze, die nur behut­sam umge­bro­chen und so in die lyri­sche Form gebracht wer­den. Es geht viel ums Erin­nern, vie­le Made­lei­nes, und viel alte BRD tau­chen hier auf, aber auch viel Glück – das aber nie dau­er­haft und sicher ist: „Ich ging nach Hau­se, ich glau­be /​ Glück­lich – “ (66) schlie­ßen die „Momen­te des Glücks“, die genau so einen Moment des Endens der Ver­gan­gen­heit, des Nie­der­le­gens eines alten Gebäu­des auf­zei­gen. Genau die­ser das Ende offen las­sen­de, andeu­ten­de Gedan­ken­strich beschließt nicht weni­ge sei­ner Gedich­te („Es war, als gäbe es nie ein Ende – “ (71)) Vie­les ist hier ganz nett, aber berührt mich nicht sehr nach­drück­lich: Viel­leicht ist es des­halb für mich nicht so span­nend, weil Salo­mon der Kraft und Gestalt der „nor­ma­len“ Spra­che weit­ge­hend ver­traut – ich bevor­zu­ge momen­tan Lyri­ker, die Spra­che sozu­sa­gen gegen den Strich bürs­ten, wesens­fremd ver­wen­den – und dar­aus Bedeutung(en) erzeu­gen. Das pas­siert hier nicht.

Das Buch als Maga­zin #2: Woyzeck

Sehr schön und inspi­rie­rend: Gute gra­fi­sche Gestal­tung, vor allem span­nen­de und anre­gen­de Foto­gra­fien. Und natür­lich auch inter­es­san­te, fes­seln­de Tex­te. Zum Bei­spiel das wun­der­ba­re Inter­view mit einer psy­cha­tri­schen Oberärtztin …

Georg Büch­ner: Lenz. Her­aus­ge­ge­ben von Eva-Maria Vering and Wer­ner Wei­land. Darm­stadt: Wis­sen­schaft­li­che Buch­ge­sell­schaft 2001 (=Sämt­li­che Wer­ke und Schrif­ten. His­to­risch-kri­ti­sche Aus­ga­be mit Quel­len­do­ku­men­ta­ti­on und Kom­men­tar (Mar­bur­ger Aus­ga­be), Band 5).

Ein Klas­si­ker, natür­lich … Ein biss­chen Büch­ner-Lek­tü­re muss zu sei­nem 200. Geburts­tag auch unbe­dingt sein. Der Lenz fes­selt mich immer wie­der: Die Inten­si­tät und die gewal­ti­ge Spra­che der Erzäh­lung fin­de ich fas­zi­nie­rend. Auch wenn mir die­ses Mal sehr auf­ge­fal­len, wie „unfer­tig“ der Text eigent­lich ist …

Diet­mar Dath: Klei­ne Poli­zei im Schnee. Erzäh­lun­gen. Ber­lin: Ver­bre­cher 2012. 236 Seiten.

Klei­ne Poli­zei im Schnee ist ein typi­scher Dath. Natür­lich ist das (wie­der) eine Mischung aus Sci-Fi, Dys- & Uto­pie, Gegen­warts­be­schrei­bung & ‑kri­tik, phan­tas­ti­scher und rea­lis­ti­scher Lite­ra­tur (sein Mar­ken­zei­chen und eine sei­ner bes­ten Qua­li­tä­ten – der größ­te Sti­list ist er schließ­lich nicht …). Unty­pisch ist nur die klei­ne, kur­ze Form von sehr unter­schied­li­cher Län­ge, die sei­nen Kos­mos etwas zugäng­li­cher wir­ken las­sen als die gro­ßen Schin­ken. Dabei ist zugäng­lich aber rela­tiv. Denn wie­der prä­gen Ver­knüp­fun­gen kreuz und quer die­se Tex­te (die eigent­lich einen gro­ßen Text bil­den). Es gibt also viel zu ent­wir­ren: Dath prak­ti­ziert ein sehr fas­zi­nie­ren­des Erzäh­len aus ver­schie­de­nen Rich­tun­gen. Man kann (und darf) das dann wie ein Puz­zle zusam­men­set­zen. Die ein­zel­nen Tei­le sind aber auch schon sehr schön, so dass es nicht so schlimm ist, wenn das Puz­zle nicht ganz fer­tig wird ;-). (Daths Werk gibt mal viel Arbeit für flei­ßi­ge Ger­ma­nis­ten, mit all sei­nen intra- und inter­tex­tu­el­len Allu­sio­nen und Bezü­gen, v.a. inner­halb sei­nes eige­nen Werkes …)

Kon­se­quenz ist näm­lich noch schö­ner als Erfolg. (167)

Büchner 200

Zum 200. Geburts­tag von Georg Büch­ner geht es rund – nicht nur wegen der neu­em Bio­gra­phie von Her­mann Kurz­ke (ich habe sie noch nicht gele­sen, ver­mu­te aber, dass sie auf­grund des Ver­fas­sers und sei­ner sti­lis­ti­schen Fähig­kei­ten wahr­schein­lich mehr gele­sen wird als die maß­geb­li­che von Hau­schild (auch wenn ich mit Kurz­kes Metho­des des fröh­li­chen Zir­kel­schlie­ßens zwi­schen Leben und Lite­ra­tur und Leben schon bei Tho­mas Mann so mei­ne Pro­ble­me hat­te und aus mei­ner Text­kennt­nis etwas skep­tisch bin ob der Auf­fas­sung Büch­ners als vor allem christ­li­chen Autor …)), außer­dem stür­zen sich natür­lich auch die Medi­en auf das Jubi­lä­um. Lus­tig fand ich wie­der die „Zeit“, die ihren nicht schlech­ten, aber auch nicht beson­de­ren Text von Eli­sa­beth von Thad­den schon eine Woche zu früh brach­te – obwohl doch der 17. Okto­ber gera­de ein Don­ners­tag ist. Aber das gehört ja inzwi­schen zur Medi­en­me­cha­nik, alle Jubi­lä­en mög­lichst früh und damit mög­lichst vor allen ande­ren zu fei­ern (bei Kom­po­nis­ten, die ja immer ein gan­zes Jahr – Wag­ner, Ver­di, … – bekom­men, ist es wesent­lich schlimmer).

Vielleicht Georg Büchner? - Philipp August Joseph Hoffmann (1833) (Quelle: Commons

Viel­leicht Georg Büch­ner? – Phil­ipp August Joseph Hoff­mann (1833) (Quel­le: Com­mons)

Büch­ner ist ja ein Autor, den man gut fei­ern kann: Die Tex­te sind kano­ni­siert, es sind nicht so vie­le und die meis­ten auch gar nicht so lang – da kann jeder mit­re­den ;-). Und sie bie­ten auch viel­fäl­ti­ge Anschluss­mög­lich­kei­ten in alle mög­li­chen Rich­tun­gen – vom poli­ti­schen Agi­ta­tor über den Lust­spiel­au­tor zum psy­chisch inter­es­sier­ten Erzäh­ler und dem medi­zi­ni­schen Wis­sen­schaft­ler ist für jeden Geschmack etwas dabei …

Schön gewor­den fin­de ich aber auch die zwei­te Aus­ga­be von „Das Buch als Maga­zin“, die sich mit dem „Woy­zeck“ beschäf­tigt und wie­der dem Kon­zept treu bleibt: Vor­ne den Ori­gi­nal­text (was hier ja ein biss­chen schwie­rig ist, weil der Woy­zeck nur als Frag­ment­samm­lung über­lie­fert ist), danach jour­na­lis­ti­sche Text zu ver­schie­de­nen nah oder fern lie­gen­den Aspek­ten bringt – und das gan­ze schick gemacht dazu.

Und wo wir schon beim Woy­zeck sind: Arte hat eine Fern­seh­ver­si­on des Woy­zeck dre­hen las­sen (in der Media­thek noch ver­füg­bar), für die Nuran David Calis die Hand­lung in den Kiez von Ber­lin ver­legt. Das ist viel­leicht kei­ne genia­le Leis­tung, hat aber sehr schö­ne Momen­te. Nicht zuletzt dank Tom Schil­ling und Nora von Wald­stät­ten, dank der schö­nen Bil­der und vor allem dank der geschick­ten Sound­ge­stal­tung. Gewiss, Über­ra­schun­gen bie­tet das kei­ne, ist mir aber als respekt­vol­le Aneig­nung eines klas­si­schen Tex­tes posi­tiv aufgefallen.

Die Darm­städ­ter Aus­stel­lung – „Georg Büch­ner. Revo­lu­tio­när mit Feder und Skal­pell – habe ich noch nicht gese­hen, das kommt aber dem­nächst auch noch – mal sehen, ob ich da noch etwas Neu­es und/​oder Inter­es­san­tes fin­den kann …

Aber am bes­ten fei­ert man einen Dich­ter natür­lich durchs Lesen. Am Wochen­en­de ist wie­der der Lenz dran, dann neh­me ich mir die wun­der­schö­ne Edi­ti­on der Mar­bur­ger Aus­ga­be noch ein­mal vor.

Spiegelgasse

… ein geschichts­träch­ti­ges Pflas­ter in Zürich: In der Haus­num­mer 12 wohn­te Georg Büch­ner in den letz­ten Mona­ten bis zu sei­nem Tod 1837:

Büch­ners Haus­num­mer in Zürich

Und neben­an knapp hun­dert Jah­re spä­ter Lenin:
Spiegelgasse 14 - Lenins Wohnung in Zürich

Spie­gel­gas­se 14 – Lenins Woh­nung in Zürich

Und jetzt sin­gen die Ein­stür­zen­den Neu­bau­ten davon, im wun­der­ba­ren „Let’s do it a dada“ auf „Alles wie­der offen“:

Ich spiel­te Schach mit Lenin
Zürich, Spiegelgasse
Ich kann­te Joli­fan­to höchstpersönlich
hab mit dem Urtext selbst ein­mal gebadet
Ich spiel­te mit Anna
Ich spiel­te mit Hannah
Ich weiss wo der Kirch­turm steht
Ich reich­te ihr das Küchenmesser
Ich koch­te ihr den Leim

und zum Nachhören:


Beim Kli­cken auf das und beim Abspie­len des von You­Tube ein­ge­bet­te­ten Vide­os wer­den (u. U. per­so­nen­be­zo­ge­ne) Daten wie die IP-Adres­se an You­Tube übertragen.

(ange­regt vom Adress­comp­toir)

Ins Netz gegangen (24.6.)

Ins Netz gegan­gen (24.6.):

  • Inter­net-Über­wa­chung – Tou­ris­ten als unhy­gie­ni­sche Ter­ror­ver­däch­ti­ge – Süddeutsche.de – Jörg Häntzschel über die unmä­ßi­ge Angst vor dem Ter­ro­ris­mus und die Fol­gen für uns alle …

    Ver­führt von der Macht, die die gehei­men Über­wa­chungs­ap­pa­ra­te ihm ver­lei­hen, und vol­ler Angst, dass man ihm Ver­harm­lo­sung vor­wer­fen könn­te, wenn es doch ein­mal zu einem Anschlag kom­men soll­te, zwingt ihn die von ihm selbst ange­fach­te Ter­ror­angst dazu, sie wei­ter zu schüren.
    Spä­tes­tens in die­sem Moment, wo Tou­ris­ten und Geschäfts­leu­ten wie unhy­gie­ni­sche Ver­däch­ti­ge behan­delt wer­den, soll­te auf­fal­len, dass die Ter­ror­hys­te­rie nicht dem aus Hol­ly­wood bekann­ten Mus­ter Wir gegen die Ande­ren folgt. Die Ter­ror­angst taugt nicht zur Selbst­ver­si­che­rung, sie stellt bis hin­auf zum Prä­si­den­ten alle unter Verdacht.

  • Peer Stein­brück: Trä­nen lügen nicht – FAZ – Vol­ker Zas­trow, einer der bes­ten Autoren der FAZ, zeigt das „Pro­blem“ des Kanz­ler­kan­di­da­ten Peer Stein­brück in vol­ler Schärfe:

    Er war noch gar nicht in der Küche, wie man immer dach­te. Jeden­falls nicht am Herd, nicht in der stärks­ten Hit­ze. Einen Wahl­kampf zu ver­lie­ren, bedeu­tet nicht nur das Abwra­cken eines Anspruchs, son­dern auch die Dekon­struk­ti­on der Per­son – jeden­falls ihrer sozia­len Scha­le, jener dün­nen Schicht zwi­schen dem Ich und den Ande­ren, in der über­ein­stimmt, wie jemand gese­hen wird und wie er gese­hen wer­den will. Auf dem Par­tei­kon­vent soll­te sie wie­der­her­ge­stellt, es soll­te gezeigt wer­den, dass Stein­brück ganz anders ist, als er jetzt scheint. Man woll­te ihn „als Mensch“ vor­stel­len. Angeb­lich ist sein gan­zes Pro­blem, dass er nur noch als knor­ri­ger, kan­ti­ger, kau­zi­ger, kot­zen­der Kerl dar­ge­stellt und wahr­ge­nom­men wird.

  • Mög­li­ches Büch­ner-Por­trät: Pira­ten­be­ra­tung – FAZ – „Büch­ner, ein sin­gen­der Pirat?“ – über das kürz­lich auf­ge­fun­de­ne Por­trät, das August Hoff­mann 1833 gezeich­net hat – und das viel­leicht Georg Büch­ner zeigt oder auch nicht …

dunkle bilder und düstere texte

das soll jetzt nicht den ein­druck erwe­cken, bei peter schü­ne­manns klei­nem, aber fei­nem band mit erzäh­lun­gen: dunk­les bild (mün­chen: han­ser 2005) han­de­le es sich um depres­si­ve pro­sa. aber die erfah­rung der dun­kel­heit in ver­schie­de­nen gra­den, der düs­ter­nis (gera­de im kon­trast mit den auf­schei­nen­den licht(blitzen)) ist doch ein pär­gen­des ele­ment die­ser drei herr­li­chen tex­te. ihre dun­kel­heit, sprach­macht und ja, auch ihre men­schen­lie­be, sowie natür­lich ihre bild­lich­keit erin­nern mich teil­wei­se (v.a. im dunk­len bild) doch recht deut­lich an tex­te von chris­toph rans­mayr, beson­ders des­sen letz­te welt.

zwei tex­te haben mich beson­ders beein­druckt: zunächst der die samm­lung eröff­nen­den und titel­ge­ben­de, dunk­les bild. schü­ne­mann erzählt in andeu­tun­gen, sorg­fäl­tig gesteu­er­te infor­ma­ti­ons­ver­ga­be (d.h. vor allem infor­ma­ti­ons­kon­trol­le: das ist einer die­ser ganz sel­te­nen tex­te, die nur ganz wenig und nur ganz all­mäh­lich mit­tei­len, aber den­noch unge­heu­er leben­dig und fas­zi­nie­rend sind), der erzählt also von einem maler, der vor­über­ge­hend (die grün­de und umstän­de sind nicht so ganz klar), ein blin­des kind bei sich auf­ge­nom­men hat. zusam­men erfah­ren sie vor allem die käl­te (und den man­gel über­haupt). der maler ist auf der suche, auf der rei­se zu einem unge­mal­ten und unge­se­he­nen bild – er wird es erst im moment sei­nes selbst­mor­des erken­nen, der so zu einem wah­ren und wirk­li­chen moment der erlö­sung und der schau der rei­nen wahr­heit (was natür­lich auch einen anspie­lung auf nova­lis, der jüng­ling zu sais, ist) wird (übri­gens ist der tod (absicht­lich her­bei­ge­führt oder nicht) zen­tra­les motiv von schü­ne­manns erzäh­lun­gen): „dann ließ ich los; un in der ver­hal­len­den sekun­de sah ich end­lich das bild, es waren nicht mehr die kal­ten augen der sta­tu­en, jahr­tau­send­alt, es war das klei­ne gesicht, weiß, die ver­brann­te hoff­nung in der licht­lo­sen nacht, nur sehr fern und allein das zar­te leuch­ten in der tie­fe sei­ner augen, das bild nun, nach dem ich geforscht, und der lei­se laut, der micht im sturz noch traf. “ (24)

im zitat wird die qua­li­tät der schü­ne­mann­schen pro­sa schon ziem­lich deut­lich: expres­sio­nis­tisch beein­flusst, man könn­te es fast eine bil­der­or­gie nen­nen. die spra­che lebt von der kraft ihrer bild­lich­keit, d.h. ihrer meta­phern und ver­glei­che. beson­ders in der mas­sie­rung wirkt das gera­de in dunk­les bild unge­heu­er kon­zen­triert – obwohl die­se erzäh­lung nur ein kur­zes stück ist, so ist sie doch von fes­seln­der, unbe­zwun­ge­ner und unge­zähm­ter, also unmit­tel­ba­rer kraft. aller­dings eben nicht so, wie das im moment eher zeit­ge­mäß wäre, als schein­ba­re rea­li­täts­na­he, unmit­tel­ba­re spra­che ohne stil­wil­len. gera­de der enor­me stil­wil­len, die enor­me geformt­heit der spra­che, der wor­te und ihrer ver­knüp­fun­gen zu sät­zen und absät­zen, ist es erst, was mich beim lesen so unge­heu­er fes­selt. dazu kommt dann die bereits ange­spro­che­ne rei­che meta­pho­rik und die post­fi­gu­ra­ti­ve motivik.

die treibt vor allem in der zwei­ten erzäh­lung, zwie­land. eine büch­ner suite, ihre spiel­chen mit dem leser. denn die­ser text ist bis zum über­quel­len voll­ge­stopft mit anspie­lun­ge­nen, wie­der­auf­nah­men, abwan­deln­dem auf­grei­fen von bestimm­ten for­mu­lie­run­gen, moti­ven, ideen aus büch­ners tex­ten – aus dem dan­ton, aus leon­ce und lena, natür­lich aus dem lenz, aber auch aus den brie­fen und vie­lem ande­ren mehr. die erzähl­si­tua­ti­on ist recht ein­fach: eine betrach­tung der letz­ten tage georg büch­ners. der autor liegt mit faul­fie­ber in sei­ner eige­nen vari­an­te der matra­zen­gruft, wird von caro­li­ne und wil­helm schulz gepflegt, von min­na besucht. das gan­ze sowohl in der eigen­per­spek­ti­ve büch­ners als auch beob­ach­tend, mit gro­ßer klar­heit als auch im fie­ber­traum eine para­dies der post­fi­gu­ra­tio­nen im quer­gang durch rück­blick, bio­gra­phie und werkschau.

der drit­te text in die­sem band, die novel­le zen­ons spur, scheint mir gegen die­se bei­den erzäh­lun­gen etwas abzu­fal­len. jetzt ist es vor allem die auf­lö­sung des (künst­le­ri­schen) lebens in das nichts, das erzählt wird: ein bru­der­paar, maler und schrift­stel­ler, an der schwel­le zum tod. der maler, epi­lep­ti­ker, erliegt einer krank­heit, hat zuvor noch sämt­li­che über­res­te sei­ner künst­le­ri­schen tätig­keit getilgt. sein bru­der, schrift­stel­ler, folgt ihm offen­bar in den tod. mir aller­dings fehlt die­ser novel­le die spann­kraft, das fes­seln­de moment oder ein­fach die kon­zen­tra­ti­on der bei­den ande­ren erzäh­lun­gen. es kann frei­lich auch sein, dass ich nur noch nicht den pas­sen­den zugang, den rich­ti­gen moment der lek­tü­re erwischt habe.

als gan­zes mag das zwar zunächst wie ein reich­lich ana­chro­nis­ti­sches unter­neh­men erschei­nen, was schü­ne­mann hier vor­legt. aber jen­seits von plat­tem aktua­li­täts­drang, von pseu­do-kunst und gewoll­ter bedeut­sam­keit, ist das offen­sicht­lich ein ver­such der ver­schmel­zung: das durch­aus in hohen dosen vor­han­den pathos die­ser expres­sio­nis­tisch ange­hauch­ten spra­che und ihrer väter wie kleist, nova­lis, höl­der­lin (büch­ner natür­lich auch) zeigt sei­ne über­zeit­lich­keit, stellt sei­ne wei­ter­hin mög­li­che funk­ti­on auch im 20. (alle tex­te sind nicht mehr ganz tau­frisch) bzw. natür­lich auch im 21. jahr­hun­dert zumin­dest zur dis­kus­si­on, wenn nicht gar unter beweis. zumin­dest ich möch­te das behaup­ten, denn der ver­such, das echo, den ruf ver­gan­ge­ner zei­ten hier ein­zu­fan­gen und leben­dig und vor allem wirk­mäch­tig zu machen, ist schü­ne­mann offen­sicht­lich gelun­gen. das sagt nun aller­dings wenig über die all­ge­mei­ne ver­füg­bar­keit die­ser art von spra­che (die auch eine bestimm­te art des den­kens, vor allem aber der wahr­neh­mung der welt und des sub­jek­tes impli­ziert) aus – peter schü­ne­mann kann dar­über gebie­ten, und das ist ein glor­rei­cher sieg für den autor, aber auch für den leser, der dafür noch ein paar offe­ne ner­ven­enden hat.

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