Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Autor: Matthias Seite 138 von 208

Leser mit allerlei Ansprüchen und ausdauernder Läufer. Je nach Tagesform auch mal ausdauernder Leser und Läufer mit allerlei Ansprüchen.

Taglied 16.12.2011

heu­te natür­lich eine ganz offen­sicht­li­che Wahl (aber das scha­det ja nicht unbe­dingt …): Stor­my Wea­ther (am liebs­ten mit Bil­lie Holi­day – oder etwas sanf­ter: Ella Fitz­ge­rald)

Don’t know why there’s no sun up in the sky
Stor­my weather
[…] Life is bare, gloom and mis’ry everywhere
Stor­my weather
Just can’t get my poor self together
I’m wea­ry all the time, the time
So wea­ry all the time
(zitiert nach instalyrics)

Meisterkonzert mit und ohne Weihnachten

Es sieht fast wie ein nor­ma­les Meis­ter­kon­zert aus: Eine klei­ne Haydn-Sin­fo­nie, dann Beet­ho­vens vier­tes Kla­vier­kon­zert und zum Abschluss ein rich­tig gro­ßes sin­fo­ni­sches Werk, die ach­te Sin­fo­nie von Schu­bert. Aber Weih­nach­ten macht sich auch im Meis­ter­kon­zert bemerk­bar – zumin­dest ein biss­chen: Die Sin­fo­nie Nr. 26 von Haydn trägt näm­lich den Bei­na­men „Weih­nachts­sin­fo­nie“. Das ist zwar eigent­lich ein Feh­ler, denn Haydn hat sie als Pas­si­ons­mu­sik kom­po­niert. Aber der besinn­li­che zwei­te Satz lässt sich auch im Advent gut hören. Vor allem, wenn ihn die Deut­sche Staats­phil­har­mo­nie Rhein­land-Pfalz unter ihrem Gast­di­ri­gen­ten Fabri­ce Bol­lon so far­big und bild­haft musi­ziert wie beim vier­ten Meis­ter­kon­zert. In der Rhein­gold­hal­le hat­te Bol­lon schon mit den ers­ten Haydn-Tak­ten die Rich­tung vor­ge­ge­ben: Kräf­tig zupa­ckend formt er vor allem sehr sat­te Strei­ch­er­klän­ge und bemüht sich um deut­li­che, manch­mal sogar grel­le Far­ben. Pracht­voll und sehr reprä­sen­ta­tiv wir­ken da selbst die andäch­ti­gen Klän­ge des Mittelsatzes.

Ähn­lich rus­ti­kal ließ er das Lud­wigs­ha­fe­ner Orches­ter dann die ach­te Sin­fo­nie von Franz Schu­bert musi­zie­ren. Die hat ihren Bei­na­men „Gro­ße“ zwar vor allem bekom­men, weil Schu­bert noch eine zwei­te, frü­he­re C‑Dur-Sin­fo­nie kom­po­niert hat, die ein­fach deut­lich kür­zer ist. Bei Bol­lon ist das „groß“ aber durch­aus ent­schei­dend: Mäch­tig und wuch­tig sta­pelt er die dicken Akkor­de auf das fel­se­fes­te Fun­da­ment der dröh­nen­den Posau­nen. Unge­heu­er mas­siv wirkt da fast jeder Ton, jede Phra­se wie für die Ewig­keit. Fra­gen oder gar Zwei­fel fin­det der Diri­gent in die­ser Par­ti­tur über­haupt kei­ne, befiehlt statt­des­sen fel­sen­fes­te Gewiss­hei­ten. Das ist natür­lich, gera­de im zwei­ten Satz und schließ­lich vor allem im Scher­zo, eine uner­bitt­li­che Ver­ein­fa­chung. Eine Ver­ein­fa­chung, die trotz ihrer Ver­zer­rung klang­lich durch­aus wir­ken kann, auch wenn im Fina­le die Kan­tig­keit und Schär­fe die­ser Klang­kon­struk­ti­on lei­der etwas ver­lo­ren geht.

Viel fas­zi­nie­ren­der blieb da Beet­ho­vens vier­tes Kla­vier­kon­zert in Erin­ne­rung. Denn Jas­min­ka Stan­cul spiel­te das wun­der­bar schnör­kel­los und tro­cken, mit fast hei­li­gem Ernst. Dabei blieb das Kon­zert im Kern auch bei ihr natür­lich unver­kenn­bar roman­tisch. Aber die zart­füh­li­ge Poe­sie ihrer Phra­sie­rung ver­band sich wun­der­bar mit ihrer kla­ren Ton­ge­bung. Vor allem aber gelang der Pia­nis­tin und dem Orches­ter ein erre­gen­des Mit­ein­an­der – und genau dar­auf kommt es bei die­sem Kon­zert an. Zumal Bol­lon aus dem Orches­ter auch fei­ne Klang­far­ben kit­zeln konn­te, die die Staats­phil­har­mo­nie in der Rhein­gold­hal­le nicht immer bie­tet. So aus­ge­wo­gen und balan­ciert im Hin und Her der Musik war das wirk­lich ein intel­lek­tu­ell und emo­tio­nal auf­re­gen­des Spiel – und ganz unab­hän­gig von der Jahreszeit.

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zeitung.)

Kreative Wissenschaft oder wissende Kreativität

Er ist ein sanf­ter Rebell, der über­ra­schend klei­ne, aber immer quick­le­ben­di­ge Ton Koop­man. Nie betrieb er die his­to­ri­sche Auf­füh­rungs­pra­xis so pro­vo­kant wie ande­re Kol­le­gen, weder als Wis­sen­schaft­ler noch als Diri­gent oder Instru­men­ta­list geht es ihm dar­um, auf­zu­fal­len. Denn Ton Koop­man ist bei­des – und immer bei­des zugleich. Und wahr­schein­lich des­halb auch nicht so extrem. Inso­fern war er natür­lich eine wun­der­ba­re Wahl für die ers­te Main­zer Musik­do­zen­tur, die die Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten und der Lite­ra­tur gemein­sam mit der Main­zer Musik­hoch­schu­le nun jähr­lich veranstalten.

Er nutz­te die Gele­gen­heit auch ent­spre­chend und stell­te sich sowohl als Wis­sen­schaft­ler als auch als Musi­ker vor. Und bei­de Berei­che kom­men bei ihm in einem Anspruch zusam­men: Die Wahr­heit ist sein Ziel. Aber kei­ne theo­re­tisch aus den Quel­len gear­bei­te­te: Wie er bei sei­nem lau­ni­gen Vor­trag erklär­te, ist für ihn das klin­gen­de Resul­tat immer das wich­tigs­te. Auch wenn er dann ein paar mehr Sän­ger auf der Büh­ne ste­hen hat als die Puris­ten der Bach-Spe­zia­lis­ten. Einen wei­ten Bogen schlug er, führ­te den voll besetz­ten Roten Saal (ein Teil des Publi­kums muss­te sogar in den Orgel­saal aus­wei­chen) durch ver­schie­de­ne Pro­ble­me der his­to­risch infor­mier­ten Auf­füh­rungs­pra­xis: Von der Chor­grö­ße über die „rich­ti­gen“ his­to­ri­schen Instru­men und den ange­mes­se­nen Ver­zie­run­gen zur Stimm­ton­hö­he und der Fra­ge, ob bei Bach Frau­en mit­ge­sun­gen haben. Und kam immer wie­der zu dem Ergeb­nis, dass auch Spe­zia­lis­ten noch lan­ge nicht alles wis­sen. Des­we­gen ist sein Schluss auch: „Es ist not­wen­dig, beim Musik­ma­chen zu den­ken“. Scha­de nur, dass er nichts zu den fol­gen­den Kan­ta­ten sagte.

Denn Koop­man war nicht nur als Vor­le­sen­der, son­dern auch als Dozent, der mit den Stu­die­ren­den arbei­tet, nach Mainz gekom­men. Das hat er in der letz­ten Woche getan, mit zwei Bach-Kan­ta­ten führ­te er es im Roten Saal der Hoch­schu­le vor. Und man merkt sofort: Das ist ech­ter Koop­man. Vor allem die Instru­men­ta­lis­ten des Neu­mey­er-Cons­ort klin­gen ziem­lich so, wie man es von ihm gewohnt ist: Beweg­lich und nach­drück­lich in jedem Augen­blick. Für die Sän­ger – zugleich Teil­neh­mer von „Barock vokal“, dem Exzel­lenz­pro­gramm der Musik­hoch­schu­le – gilt das aller­dings nicht ganz. Sie wir­ken durch die Bank auf­fal­lend zahm und gedie­gen, manch­mal auch etwas gehemmt: Wo die Instru­men­ta­lis­ten unter dem ener­gisch-for­dern­den Diri­gat Koop­mans fast jeden Ton vari­ie­ren, eine elas­ti­sche Dyna­mik auf kleins­tem Raum ent­wi­ckeln, blei­ben die Voka­lis­ten ver­gleichs­wei­se steif. Viel­leicht hät­ten sie sich nicht in den Rücken des Diri­gen­ten stel­len sol­len. Frei­lich, das sind alles jun­ge Stim­men – und schlecht sind sie auch gar nicht. Und schließ­lich ist ja auch Koop­man nach lan­gen Jah­ren der Pra­xis und des Stu­die­rens immer noch auf der Suche – nicht nur nach dem rich­ti­gen, dem his­to­risch wah­ren Klang, son­dern nach der leben­di­gen, krea­tiv gefühl­ten Musik.

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zeitung.)

Kammermusik-Karrieren

Ein Kon­zert, das „Kar­rie­ren“ über­schrie­ben ist, gehört sicher nicht zum All­tag. Auch bei der Vil­la Musi­ca nicht. Zum 25jährigen Jubi­lä­um der Stif­tung haben die „Freun­de der Vil­la Musi­ca“, der Unter­stüt­zer­ver­ein, jetzt aber ehe­ma­li­ge Sti­pen­dia­ten der Vil­la Musi­ca ein­ge­la­den, zurück­zu­keh­ren – jetzt, wo sie alle Kar­rie­re gemacht haben. Die mitt­ler­wei­le arri­vier­ten Künst­ler sol­len sich musi­ka­lisch prä­sen­tie­ren und im Gespräch mit Bar­ba­ra Har­nisch­fe­ger, der Vor­sit­zen­den des Freun­des­ver­eins, vom Ein­fluss und Wert der Kam­mer­mu­sik für ein Musikerle­ben erzählen.

Ers­te Sta­ti­on war Mainz – und wie­der mit außer­ge­wöhn­li­chem Pro­gramm. Schon wegen der Beset­zung: Oboe, Kla­ri­net­te und Kla­vier kom­men in die­ser Wei­se nicht so oft zusam­men. Aber natür­lich gibt es auch für die­se For­ma­ti­on Musik. Zum Bei­spiel das Trio von Edouard Des­ten­ay, einem Zeit­ge­nos­sen von unter ande­rem Clau­de Debus­sy, der aber inzwi­schen ziem­lich gründ­lich ver­ges­sen wur­de. In der Vil­la Musi­ca erklingt das als geschmei­di­ge, kraft­voll-boden­stän­di­ge Musik. Beson­ders die schö­nen Tria­lo­ge und Zwie­ge­sprä­che zwi­schen den Instru­men­ten fal­len auf: Vor allem Obo­ist Kai Frömbgen und Kla­ri­net­tis­tin Kerstn Grötsch füh­ren immer wie­der ange­reg­te Kon­ver­sa­tio­nen – ein frisch gespiel­te, anste­ckend gut gelaun­te Musik.

Das Kar­rie­ren-Kon­zert war aber auch dar­über hin­aus ein schö­nes Bei­spiel für das Erfolgs­re­zept der Vil­la Musi­ca beim Publi­kum und bei Musi­kern: Die Mischung von unbe­kann­ter und ver­trau­ter Musik, auf hohem Niveau von neu­gie­ri­gen, spiel­freu­di­gen Musi­kern vor­ge­tra­gen, die sich in fast jedem Pro­gramm fin­det. Zum Bekann­ten gehör­te die­ses Mal die zwei­te Kla­ri­net­ten­so­na­te von Johan­nes Brahms, eines sei­ner wun­der­ba­ren abso­lu­ten Spät­wer­ke. Kers­tin Grötsch und Oli­ver Triendl lie­ßen der Musik ganz viel Raum zur Ent­fal­tung: Sorg­sam bemüht, die fei­ne Struk­tur der Sona­te zu zei­gen und den emo­tio­na­len Gehalt leben­dig wer­den zu las­sen. Über wei­te Stre­cken ist das dann ein­fach wun­der­ba­re Musik zum Loslassen.

Emo­tio­nal sind Jörg Wid­manns „Inter­mez­zi“ auch, das Los­las­sen ver­bie­tet sich bei ihnen aber voll­kom­men. Oli­ver Triendl spiel­te die­se oft düs­te­ren, sehr effekt­voll die gan­ze Kla­via­tur aus­nut­zen­den kur­zen und län­ge­ren roman­tisch ver­klär­ten See­len­mu­si­ken in ihrer deut­schen Erst­auf­füh­rung mit gro­ßer Sorg­falt, aber mit noch grö­ße­rer Empha­se: Wenn das wirk­lich ein Spie­gel der See­le des Kom­po­nis­ten ist, wie der Pia­nist andeu­te­te, dann ver­heißt das wenig Gutes. Die Düs­ter­nis über­wiegt hier stark, Licht und Trost sind nur in Andeu­tun­gen zu fin­den. Selbst ein „Wie­gen­lied“ endet dabei in Gewalt, Cha­os und Umsturz, in wil­den Erup­tio­nen don­nern­der Kla­vier­tö­ne. Damit wur­de die­ses Kon­zert auch zu einem Bei­spiel für die Viel­falt der Kam­mer­mu­sik – die ist schließ­lich, wie es Kers­tin Grötsch auf den Punkt brach­te, „die Wür­ze im Musikerleben.“

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zeitung.)

Himmlische Freuden

„Wir genie­ßen die himm­li­schen Freu­den“ – das Mot­to für sei­ne Inter­pre­ta­ti­on scheint der Diri­gent Peter Hirsch direkt aus dem Schluss­satz der vier­ten Sin­fo­nie von Gus­tav Mahler genom­men zu haben. Damit ende­te er das drit­te Sin­fo­nie­kon­zert im Staats­thea­ter – und damit tri­um­phier­ten er und das Phil­har­mo­ni­sche Staats­or­ches­ter. Anfangs, bei Leos Janá­ceks Orches­ter-Bal­la­de „Des Spiel­manns Kind“, reagier­te das Main­zer Publi­kum noch sehr zurück­hal­tend. Nicht ganz ohne Grund, denn das blieb wirk­lich noch ziem­lich blass. Gefal­len hat­ten auch Alban Bergs „Drei Bruck­stü­cke“ aus des­sen Oper Woz­zeck nicht – obwohl Hirsch und die Sopra­nis­tin Mar­le­ne Mild den grau­si­gen Schre­cken die­ser Musik sehr über­legt und gekonnt Gestalt wer­den las­sen. Aber ob das Publi­kum dann so eine Mahler-Sin­fo­nie erwar­tet hat­te? Denn Hirsch ging einen eige­nen, sehr gefähr­li­chen Weg: Er radi­ka­li­sier­te die 1901 urauf­ge­führ­te Sin­fo­nie total – zu einer emi­nent moder­nen Musik.

Der in die­ser Hin­sicht durch­aus extre­mis­ti­sche Diri­gent änder­te auch sein Auf­tre­ten voll­kom­men: Er schwebt fast vor dem Orches­ter, der Takt­schlag ist kaum noch zu erken­nen, für jeden Klang formt er eine eige­ne Ges­te, ja fast eine eige­ne Erschei­nung. Per­ma­nent ver­wan­delt er sich vom impo­san­ten Groß­meis­ter und Domp­teur zum scheu­en Kitz, vom stei­fen Zele­bran­ten zum wild fuch­teln­den Der­wisch: Und jeder Klang, jede Phra­se klingt dann auch ganz eigen. Die­se Sin­fo­nie ist ein ein­zi­ges Fest der Ambi­va­len­zen: Hirsch lässt sie im Zustand der per­ma­nen­ten Stö­rung spie­len. Ruhe und Ord­nung, oder auch nur so etwas wie Gleich­ge­wicht, gibt es hier nicht. Oder höchs­tens ganz kurz­zei­tig. Leicht geht hier nichts, Ver­zö­ge­run­gen und Stol­pern wer­den zur geplan­ten Normalbewegung.

Und doch ist das Phil­har­mo­ni­sche Orches­ter immer ganz bei sich: Sein durch­weg sehr kla­rer, schlan­ker Klang wird dann im zwei­ten Satz etwa wun­der­bar hohl. Und vor allem ist das Orches­ter in der Lage, die irr­sin­ni­gen Span­nun­gen, die Hirsch for­dert, wirk­lich aus­zu­hal­ten. Er zer­dehnt die Musik ger­ne bis an die Schmerz­gren­ze, for­ciert Brü­che bis kurz vor das Rei­ßen – und das immer wie­der und wie­der. Ein uner­mess­lich ris­kan­tes Spiel ist das: Schafft er es, die schwe­ren Zen­tri­fu­gal­kräf­te noch im Schach zu hal­ten? Oder fliegt ihm gleich alles um die Ohren? Man erwar­tet die Kata­stro­phe fast in jedem Takt, nach jeder Phra­se rech­net man mit dem Cha­os – und jedes Mal wird man erneut ent­täuscht. Oder eben begeis­tert: Selbst im unend­lich quä­lend lang­sa­men drit­ten Satz wird die Span­nung nahe­zu uner­träg­lich aus­ge­wei­tet. Doch alles hält – auch dank Mar­le­ne Mild, die mit unschul­dig-kla­rem Ton fast über­deut­lich wirkt. In der Kom­bi­na­ti­on ist das eine nahe­zu absur­de Ener­gie, die Hirsch aus der Sin­fo­nie ent­wi­ckelt. Und damit hat der Diri­gent fast geschafft, dass die Schluss­zei­len wahr wer­den: „Kein’ Musik ist ja nicht auf Erden, die unse­rer ver­gli­chen kann werden.“

(geschrie­ben für die Main­zer Rhein-Zeitung.)

Paratext

„Auch das Leben hat sei­nen Para­text, und die Nach­welt ist ein lan­ges Nach­wort, das man nicht sel­ber schrei­ben kann.“ (Gérard Genet­te, Para­text, 249)

Neusprech #2

teuflisch – oder auch nicht

die neue plat­te von kam­mer­flim­mer kol­lek­tief (ja, in die­sem fall ist das wirk­lich eine plat­te – so viel nost­al­gie und klang­ex­tre­mis­mus muss bei die­ser grup­pe sein!) heißt „teu­fels­ka­min“

das weckt bei mir weni­ger düs­te­re als vor allem roman­ti­sche asso­zia­tio­nen, so in der rich­tung des teu­fels im „frei­schütz“ etwa. und auch wenn das natür­lich eine ganz, ganz ande­re bau­stel­le ist: kam­mer­flim­mer kol­lek­tief wird immer roman­ti­scher, scheint mir zumin­dest. dazu passt, dass das for­mat irgend­wie popi­ger, hörer­freund­li­cher wirkt: beim ers­ten hören scheint mir das deut­lich mehr am „nor­ma­len“ pop­song ori­en­tiert als die älte­ren alben. natür­lich ist das kein main­stream, dafür ist das trio einer­seits zu ver­spielt, ande­rer­seits zu kon­se­quent im stim­mungs­bau. denn das ist bezeich­nend für sie – und wirkt bei mir roman­tisch: die mit weni­gen stri­chen gemal­ten stim­mungs­bil­der, die zart­heit der stim­men, die fra­gi­li­tät der klän­ge (zumin­dest der meis­ten). und natür­lich ist die fast hem­mungs­lo­se, nur hin und wie­der gebro­che­ne schön­heit auch ein roman­ti­sches element.

mit span­nung, unglau­be und vor­freu­de sehe ich den letz­ten titel im track­lis­ting: „the peo­p­le united will never be defea­ted“. und das kleind­ge­druck­te weist tat­säch­lich ser­gio orte­ga & edu­ar­do caraas­co als kom­po­nis­ten aus, bei ihnen hieß das natür­lich „el pue­blo uni­do jamás serás ven­ci­dio“. wie soll das mit dem weich-plät­schern­den schön­heits­sound des kam­mer­flim­mer kol­lek­tief zusam­men­pas­sen? das ist schließ­lich eine art kampflied!
man erkennt es tat­säch­lich. aber machen tun die drei damit nicht viel: sie spie­len es kurz an, tän­deln ein wenig herun, und schon bricht das gan­ze wie­der ab. beson­ders poli­tisch scheint das also nicht gedacht zu sein …

irgend­wie hat mit der „teu­fels­ka­min“ jetzt nicht beson­ders berührt: wie­der net­te, auch gute musik, stim­mungs­stark und fein­sin­nig – aber wenig bis nichts, was sich in mir fest­hakt, was blei­ben will …

Kam­mer­flim­mer Kol­lek­tief: Teu­fels­ka­min. Staub­gold ana­log 9. 2011.

hans söllner wird alt

und ein biss­chn depres­siv. oder zumin­dest resi­gna­tiv. wenn man sich „mei zua­stand“ anhört und das mit „im regen live“ (mei­ner mei­nung nach wohl sei­ne bes­te ver­öf­fent­li­chung), dann läuft’s einem fast kalt den rücken hin­un­ter: das ist ein ganz ande­rer mensch, offen­bar nur noch ein rest des eins­ti­gen manns­bilds. gebro­chen klingt er, schwer­fäl­lig fast, wie er sich mühe­voll auf­rafft, in gemäch­li­chen tem­pi alte lie­der zu sin­gen – das ist schau­er­lich. vor allem wenn man noch das unbeug­sa­me ener­gie­bün­del im ohr und vor augen hat, das söll­ner ein­mal war, der sich schon aus prin­zip mit allem und jedem ange­legt hat. hat ihn die macht des staa­tes (die war es ja vor allem, gegen die er kämpfend/​schreiend/​singend auf­be­gehr­te) doch gebro­chen? es mag fast so schei­nen. rich­tig trau­rig ist das, wenn er so – ja, man muss es so sagen: so gezähmt lie­der singt wie „für mei­ne buam“, die vom auf­stand sin­gen, von unbeug­sam­keit und prin­zi­pi­en­fes­tig­keit bis zum bit­ters­ten ende. die stim­me ist jetzt brü­chig und die auf­nah­me im kalt (man möcht hier fast sagen: see­len­los) klin­gen­den stu­dio – schön sau­ber, fein pro­du­ziert, zart gespielt vom bayaman’sissdem – hilft da auch nicht (aber söll­ner war live schon immer bes­ser). auch der reg­gae hat jede far­be und jedes strah­len ver­lo­ren, ist löch­rig gewor­den und blass, oft sogar fad klingt er nun, fast wie eine pflich­übung manch­mal, nicht mehr wie eine tie­fe inners­te überzeugung.

ein alters­werk ist „mei zua­stand“, ohne zwei­fel. aber gebraucht, gebraucht hät­te es das nicht … söll­ner zuzu­hö­ren, wie er sich im „win­ter­traum“ ver­liert („oin win­ter in mir, der koi ende mehr nimmt“ ) – ich kann mich nicht ent­schei­den, ob das trau­rig, fol­ge­rich­tig oder ein­fach der lauf der din­ge ist …

und dann noch das cover. das sieht söll­ner aus wie ein alter india­ner-häupt­ling. bald wird er in wei­sen sprü­chen und zun­gen zu uns reden, unser neu­er gott. oder, wenn man ins digi­pack hin­ein schaut: söll­ner als der alte, der wei­se vom ber­ge, der aus der fer­ne geruh­sam beob­ach­tet und scharf urteilt … – mit sol­chen kli­schees spielt nicht nur die ver­pa­ckung, das atment auch die musik immer. und er wird uns bis zum – nicht mehr fer­nen – letz­ten atem­zug ermah­nen, jetzt doch mal end­lich, end­lich auf­zu­ste­hen, mal was zu tun, gegen all die bösen, bösen miss­stän­de, und gegen die blö­den und böser boli­ti­ger mal so eine rich­ti­ge revo­lu­ti­on anzu­zet­teln und die macht der lie­be zu ent­fes­seln und das uni­ver­sum ent­schei­den las­sen (ja, das ist dann halt söll­ners pri­vat­re­li­gi­on. dafür muss man sich wahr­schein­lich erst ein paar dut­zend jah­re bekif­fen …). inhalt­lich war das natür­lich schon immer mehr oder weni­ger quatsch. aber jetzt klingt es lei­der auch noch so, als ob söll­ner das selbst so sähe – und dann hat das gan­ze natür­lich über­haupt kei­nen sinn mehr.

hans söll­ner: mei zustand. tri­kont 2011.

Verhängnis

„Es wal­tet ein Ver­häng­nis über die­sem Land und ich weiß genau, daß es nicht nur der Kapi­ta­lis­mus ist. Daß die­ser bes­tia­lisch wer­den kann, hat kei­nes­wegs öko­no­mi­sche Grün­de allein. […]Ich erken­ne nur ein all­ge­mei­nes Schla­mas­sel, und bei­na­he wäre mir am liebs­ten, es könn­te noch so fort­ge­wurs­telt wer­den.“ (Sieg­fried Kra­cau­er an Theo­dor W. Ador­no, 28.8.1930)

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