Wir nähern uns Weihnachen … Deshalb gibt es heute etwas zur Einstimmung: „Es ist ein Ros entsprungen“, in einem Satz von Hugo Distler, eingesungen von dem Madrigalchor Kiel unter Friederike Woebcken:
Autor: Matthias Seite 137 von 208
Leser mit allerlei Ansprüchen und ausdauernder Läufer. Je nach Tagesform auch mal ausdauernder Leser und Läufer mit allerlei Ansprüchen.
Heute mit Blixa Bargeld und Alva Noto alias anbb. Das hat dem einfachen Grund, dass heute endlich mein Exemplar von ”Mimikry” angekommen ist, und zwar – vor allem, weil es ein Sonderangebot war – in der special edition aus Japan. Da ist, ganz wie erwartet, einige schöne Musik drauf, die auch meistens ungefähr so klingt, wie man das von den beiden erwartet. Eines der Highlights ist das Bernsteinzimmer, mit typischen Bargeld-Melodien und ‑Textfragmenten:
eingeschlossen in mein bernsteinzimmer lass ich euch allein /seh zu das ich selber land gewinne /und kehre irgendwann zurück /in mein bernsteinzimmer /irgendwann
so klingt das:
Schön ist aber auch der Track „Berghain“:
Ein Wiener Streichquartett – klar, Mozart und Beethoven, nicht? Von wegen. Das radio.string.quartet.vienna spielt eher in der tradition des kronos-quartet: alles, was ihnen unter die Bögen kommt. Viel Pop- und Jazzstandards (nicht ohne Grund veröffentlichen sie auf dem ACT-Label), aber auch ganz anderes – allerdings immer in eigenen Arrangements, mit viel Klangspiel und vor allem Musikalität. Das macht Spaß und regt an. Zum Beispiel der fantastische Liebestraum von Franz Liszt, auf der 2011 erschienen CD „radiodream“:
Schon die schiere Größe ist beeindruckend, die Chormassen auf den Altarstufen, die Länge des Werkes und das Durchhaltevermögen der Musiker und des Publikums. Das ist aber eher seine portliche Leistung. Domkapellmeister Mathias Breitschaft gelingt es allerdings, daraus auch durchaus beeindruckende Musik zu machen. Dabei ist das für ihn schon fast Routine: Regelmäßig steht in der Weihnachtszeit auch im Dom das komplette Bachsche Weihnachtsoratorium auf den Plan. Dieses Jahr war es wieder so weit.
Und ganz schnell, nämlich schon beim „Jauchzet, frohlocket“ des Eingangschores, wird klar: Dieses Mal wird das Weihnachtsoratorium noch lebendiger und kraftvoller klingen. Der Domchor und das Mainzer Kammerorchester legen sich gleich ins Zeug, als hätten sie nicht noch über zwei Stunden Musik vor sich. Und doch bleibt Breitschaft seiner Interpretationslinie treu: Das wirkliche Erstaunen ob des Wunders der Geburt Jesu Christ steht im Mittelpunkt. Und die unbändige Freude darüber, immer wieder jauchzt, frohlockt und jubelt der Chor, die Instrumentalisten und auch die Solisten.
Die zügigen Tempi dieser hochgestimmten Musik sind dabei durchaus irdisch, wirklich entrückt wirkt das fast nur im Choral „Ich steh an deiner Krippen hier“ im sechsten Teil. Das gilt vor allem in der ersten Hälfte, den ersten drei Kantaten für die eigentlichen Weihnachtsfeiertage. Hier wird die eigentliche Weihnachtsgeschichte, der Kern des Wunders, erzählt. Und hier singt der Mainzer Domchor. Denn nach der Pause ersetzt Breitschaft die jungen Stimmen des Domchors mit den etwas reiferen der Domkantorei St. Martin. Und diesen Unterschied hört man deutlich: Die Kantorei klingt erwachsener, fülliger und singt mit mehr Druck, aber nicht ganz so beweglich wie der Domchor. Die immer etwas ungläubig-naïve Begeisterung des Beginns wandelt sich in ehrfürchtiges Staunen.
Auf der Suche nach dem Charakteristischen jedes einzelnen Satzes kommt Breitschaft so sehr weit. Die Verve, mit der er sich und die Chöre etwa in jeden einzelnen der sechs Eingangschöre stürzt, ist jedesMal beeindruckend. Und sie überträgt sich recht problemlos auf den Rest des Oratoriums, auch auf Arien und Rezitative der Solisten. Die wurden in der Pause nicht ausgewechselt, was aber nicht von Nachteil war. Denn auf einen Evangelisten wie Christoph Prégardien, dem man in jedem Satz seine lange Erfahrung und seine Detailfreudigkeit anhört, möchte man keinesfalls verzichten – auch wenn die Höhe in den Spitzentönen in der letzten Arie etwas mürbe wird. Intensive Kläng steuern auch die Altistin Alexandra Rawohl und der Mainzer Bass Patrick Pobeschin bei, während die Sopranistin Claudia von Tilzer oft etwas überdramatisch agiert. Aber selbst die plakativen Momente finden ihren Platz: Manchmal muss man eben etwas dicker auftragen. Sonst würden da ja auch nicht fast 100 Choristen singen.
(geschrieben für die mainzer rhein-zeitung.)
Heute mal etwas ganz anders, auch für mich neues: Minimal music (gemäßigte Variante) für Bass-Blockflöte. Habe ich in den Weiten des Internets beim „Lucky Psychic Hut“ gefunden, komm von Laurens Tan und trägt den schlichten, aber passenden Titel „Bass Recorder“. Dort gibt es auch die komplette LP zum herunterladen – ist auf jeden Fall einen Versuch wert, hier gibt es als Kostprobe die „Composition No. 11“:
Heute mal etwas ganz anderes, nichts winterliches oder weihnachtliches, dafür aber aus dem Norden Europas:
„Postyr Project“ nennt sich diese Formation aus Dänemark. Ihre erste, unbetitelte CD hat mich ziemlich begeistert, auch wenn das nicht unbedingt das ist, was die meisten unter dem Label „a‑capella“ erwarten. Anhören (und kaufen!) lohnt sich!
Über den Adresscomptoir erfuhr ich gerade, dass der Böhlau-Verlag die voluminöse Habilitationsschrift aus dem Berliner Sonderforschungsbereich „Ästhetische Erfahrung im Zeichen der Entgrenzung der Künste“ von Norbert Christian Wolf mit dem Titel auch als open-access-pdf (der link führt zum direkten Download) zur Verfügung stellt (bzw. wohl stellen muss, aufgrund von erhaltenen Fördergeldern). Der Verlag schreibt zu dem Buch:
Das Buch ist eine Gesamtinterpretation von Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ mit dem Fokus auf dessen gesellschaftsanalytische Leistung. Es stützt sich auf Pierre Bourdieus Konzept einer Sozioanalyse literarischer Texte, das durch Anleihen aus der Diskurs‑, Erzähl‑, Gender- und Medientheorie ergänzt sowie durch Befunde der Sozial- und Kulturgeschichtsschreibung empirisch gesättigt wird.
Der feldsoziologische Ansatz wird erstmals konsequent auf einen deutschsprachigen Roman angewendet. Eine Besonderheit besteht in der kulturgeschichtlichen Kontextualisierung genauer Textanalysen, die sich nicht nur auf Musils Essays und Nachlass, sondern auch auf die zeitgenössische Literatur, Wissenschaft und Politik erstreckt. „Der Mann ohne Eigenschaften“ wird als moderner Klassiker lesbar, der die Wurzeln der Katastrophengeschichte des 20. Jahrhunderts offen legt.
Das Inhaltsverzeichnis – mehr habe ich noch nicht gelesen … – sieht auf jeden Fall interessant aus, gerade in der Verbindung von theoretischem Konzept, kulturgeschichtlicher Einbettung und detaillieter Textuntersuchung. Aber ob ich in der nächsten Zeit dazu kommen, mal so 1222 Seiten am Bildschirm zu lesen?
Jauchzet, frohlocket! auf, preiset die Tage,
Rühmet, was heute der Höchste getan!
Lasset das Zagen, verbannet die Klage,
Stimmet voll Jauchzen und Fröhlichkeit an!
Heute ist es – aus Anlass der Aufführung im Mainzer Dom – das Bach’sche Weihnachts-Oratorium, das meine Musik des Tages ist. Und immer wieder stelle ich fest: Die Sinfonia der zweiten Kantate ist einfach genial:
Nach dem Lauf heute vormittag und wil ich gerade Lust darauf habe (und weil es irgendwie natürlich auch passt): „Wide White Horizon“ (finde ich online allerdings nirgends – macht auch nix, muss man eh in vernünftiger Qualität und angemessener Lautstärke hören ;-) – nur die „Sketches of Spring“ gibt es bei Youtube, aber der passt heute nicht …), von Thomas Wilbrandts grandioser Doppel-CD „The Electric V“. Und ganz nebenbei: wahrscheinlich die beste Version/Interpretation der Vivaldischen Jahreszeiten der letzten Jahrzehnte: 1984 erstmals aufgenommen, aber immer noch frisch und begeisternd, dieser – natürlich sehr freie – Umgang mit den alten Noten … Unbedingte Empfehlung (nicht nur im Winter …)
Herrlich. Einfach nur herrlich. Der ersten Lauf im Schnee ist immer etwas besonderes, etwas schönes: Ich liebe es einfach, wenn der Wald, die Felder und die Wege weiß sind. Auch wenn es das Laufen etwas anstrengender macht. Heute morgen war das wieder wunderbar: Nach dem Sturm und den Regenschauern der letzten Tage habe ich überhaupt nicht damit gerechnet—aber die Sonne schien, der Himmel war blau: Ein richtig schöner Wintertag. Und in Erbach lag sogar ein bisschen Schnee. Also habe ich meine Winter– und Schlechtwetterschuhe rausgekramt, die Salomon XA 3D Ultra und bin losgezogen. Ein paar Kilometer weiter und einige Höhenmeter später fand ich mich im Bilderbuch des Winters wieder: Der Wald war richtig dick weiß, der feuchte Schnee hing dick an den Bäumen und auf den Ästen, die Wege waren niedrig und eng von den durch die Schneelast hinunter gekrümmten Bäumen—und einige kleinere hatte der Sturm auch auf die Wege geschmissen. Und ich lief mutterseelenallein im Wald über den noch unberührten Schnee: Nur ab und an kreuzte ein Wildfährte meine jungfräulichen Wege. Das ist—immer wieder—ungeheuer erhebend, ein Gefühl, das sich nur schwer beschreiben lässt. Da möchte man am liebsten laufen und laufen und laufen. Das tat ich dann auch erst einmal.
Dummerweise hatte meine rechte Socke nicht so viel Spaß wie ich: Kurz vor Bullau fing es an zu reiben—und beim nächsten Halt stellte ich mit Schrecken fest: Da ist, genau an der Oberkante des Schuhs, ein schön breites, großes Loch in der Socke! Das war neu—und nicht gerade vorteilhaft. Denn jetzt musste meine zarte Haut dran glauben. Die nächsten Kilometer waren nicht so erfreulich, es rieb und kratzte: Mir war klar, ich sollte doch langsam mal wieder in Richtung Heimat drehen … Passend war auch auf einmal, als ich in Bullau aus dem Wald kam, von dem herrlichen Wetter nichts mehr zu sehen: Graue Wolken überall, die nichts Gutes verhießen. Ganz hinten am Horizont fielen noch ein paar Sonnenstrahlen auf den weiß bestäubten Odenwald—aber da würde ich heute bestimmt nicht mehr hinkommen, nicht mit einer blutenden Ferse.
Also wurde die Runde doch etwas kürzer (22 Kilometer). Lustig war dann der Schluss—nicht so sehr die Tatsache, dass ich immer mehr mit Schnee und Wasser beworfen wurde, je tiefer ich kam und je mehr ich mich wieder Erbach näherte. Nein, eher der Zufall, dass die Wolken sich wieder auflösten und die Sonne wieder durchbrach. Und so hatte ich, als ich am Buchwaldskopf aus dem Wald kam, wieder mal einen herrlichen Blick über das sonnenerfüllte Mümlingtal: Das ist—trotz der zivilisatorischen Verschandelung des Tals—immer wieder erhebend, wenn man nach einem längeren/langen Lauf durch den Wald an dieser Stelle wieder aufs Feld kommt und einen freien Blick über Erbach und Michelstadt und noch mehr hat . Ganz besonders wirkt das natürlich, wenn die Sonne mitspielt. Da macht dann auch die aufgeriebene Ferse auf einmal nicht mehr viel aus.
