Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Autor: Matthias Seite 137 von 208

Leser mit allerlei Ansprüchen und ausdauernder Läufer. Je nach Tagesform auch mal ausdauernder Leser und Läufer mit allerlei Ansprüchen.

Taglied 23.12.2011

Wir nähern uns Weih­na­chen … Des­halb gibt es heu­te etwas zur Ein­stim­mung: „Es ist ein Ros ent­sprun­gen“, in einem Satz von Hugo Distler, ein­ge­sun­gen von dem Madri­gal­chor Kiel unter Frie­de­ri­ke Woeb­cken:

Taglied 22.12.2011

Heu­te mit Blixa Bar­geld und Alva Noto ali­as anbb. Das hat dem ein­fa­chen Grund, dass heu­te end­lich mein Exem­plar von ”Mimi­kry” ange­kom­men ist, und zwar – vor allem, weil es ein Son­der­an­ge­bot war – in der spe­cial edi­ti­on aus Japan. Da ist, ganz wie erwar­tet, eini­ge schö­ne Musik drauf, die auch meis­tens unge­fähr so klingt, wie man das von den bei­den erwar­tet. Eines der High­lights ist das Bern­stein­zim­mer, mit typi­schen Bar­geld-Melo­dien und ‑Text­frag­men­ten:

ein­ge­schlos­sen in mein bern­stein­zim­mer lass ich euch allein /​seh zu das ich sel­ber land gewin­ne /​und keh­re irgend­wann zurück /​in mein bern­stein­zim­mer /​irgend­wann

so klingt das:

Schön ist aber auch der Track „Berg­hain“:

Taglied 21.12.2011

Ein Wie­ner Streich­quar­tett – klar, Mozart und Beet­ho­ven, nicht? Von wegen. Das radio.string.quartet.vienna spielt eher in der tra­di­ti­on des kro­nos-quar­tet: alles, was ihnen unter die Bögen kommt. Viel Pop- und Jazz­stan­dards (nicht ohne Grund ver­öf­fent­li­chen sie auf dem ACT-Label), aber auch ganz ande­res – aller­dings immer in eige­nen Arran­ge­ments, mit viel Klang­spiel und vor allem Musi­ka­li­tät. Das macht Spaß und regt an. Zum Bei­spiel der fan­tas­ti­sche Lie­bes­traum von Franz Liszt, auf der 2011 erschie­nen CD „radio­d­ream“:

Alle Jahre wieder: Das Weihnachtsoratorium

Schon die schie­re Grö­ße ist beein­dru­ckend, die Chor­mas­sen auf den Altar­stu­fen, die Län­ge des Wer­kes und das Durch­hal­te­ver­mö­gen der Musi­ker und des Publi­kums. Das ist aber eher sei­ne port­li­che Leis­tung. Dom­ka­pell­meis­ter Mathi­as Breit­schaft gelingt es aller­dings, dar­aus auch durch­aus beein­dru­cken­de Musik zu machen. Dabei ist das für ihn schon fast Rou­ti­ne: Regel­mä­ßig steht in der Weih­nachts­zeit auch im Dom das kom­plet­te Bach­sche Weih­nachts­ora­to­ri­um auf den Plan. Die­ses Jahr war es wie­der so weit.

Und ganz schnell, näm­lich schon beim „Jauch­zet, froh­lo­cket“ des Ein­gangs­cho­res, wird klar: Die­ses Mal wird das Weih­nachts­ora­to­ri­um noch leben­di­ger und kraft­vol­ler klin­gen. Der Dom­chor und das Main­zer Kam­mer­or­ches­ter legen sich gleich ins Zeug, als hät­ten sie nicht noch über zwei Stun­den Musik vor sich. Und doch bleibt Breit­schaft sei­ner Inter­pre­ta­ti­ons­li­nie treu: Das wirk­li­che Erstau­nen ob des Wun­ders der Geburt Jesu Christ steht im Mit­tel­punkt. Und die unbän­di­ge Freu­de dar­über, immer wie­der jauchzt, froh­lockt und jubelt der Chor, die Instru­men­ta­lis­ten und auch die Solisten.

Die zügi­gen Tem­pi die­ser hoch­ge­stimm­ten Musik sind dabei durch­aus irdisch, wirk­lich ent­rückt wirkt das fast nur im Cho­ral „Ich steh an dei­ner Krip­pen hier“ im sechs­ten Teil. Das gilt vor allem in der ers­ten Hälf­te, den ers­ten drei Kan­ta­ten für die eigent­li­chen Weih­nachts­fei­er­ta­ge. Hier wird die eigent­li­che Weih­nachts­ge­schich­te, der Kern des Wun­ders, erzählt. Und hier singt der Main­zer Dom­chor. Denn nach der Pau­se ersetzt Breit­schaft die jun­gen Stim­men des Dom­chors mit den etwas rei­fe­ren der Dom­kan­to­rei St. Mar­tin. Und die­sen Unter­schied hört man deut­lich: Die Kan­to­rei klingt erwach­se­ner, fül­li­ger und singt mit mehr Druck, aber nicht ganz so beweg­lich wie der Dom­chor. Die immer etwas ungläu­big-naï­ve Begeis­te­rung des Beginns wan­delt sich in ehr­fürch­ti­ges Staunen.

Auf der Suche nach dem Cha­rak­te­ris­ti­schen jedes ein­zel­nen Sat­zes kommt Breit­schaft so sehr weit. Die Ver­ve, mit der er sich und die Chö­re etwa in jeden ein­zel­nen der sechs Ein­gangs­chö­re stürzt, ist jedes­Mal beein­dru­ckend. Und sie über­trägt sich recht pro­blem­los auf den Rest des Ora­to­ri­ums, auch auf Ari­en und Rezi­ta­ti­ve der Solis­ten. Die wur­den in der Pau­se nicht aus­ge­wech­selt, was aber nicht von Nach­teil war. Denn auf einen Evan­ge­lis­ten wie Chris­toph Pré­gar­dien, dem man in jedem Satz sei­ne lan­ge Erfah­rung und sei­ne Detail­freu­dig­keit anhört, möch­te man kei­nes­falls ver­zich­ten – auch wenn die Höhe in den Spit­zen­tö­nen in der letz­ten Arie etwas mür­be wird. Inten­si­ve Kläng steu­ern auch die Altis­tin Alex­an­dra Rawohl und der Main­zer Bass Patrick Pobe­schin bei, wäh­rend die Sopra­nis­tin Clau­dia von Til­zer oft etwas über­dra­ma­tisch agiert. Aber selbst die pla­ka­ti­ven Momen­te fin­den ihren Platz: Manch­mal muss man eben etwas dicker auf­tra­gen. Sonst wür­den da ja auch nicht fast 100 Cho­ris­ten singen.

(geschrie­ben für die main­zer rhein-zeitung.)

Taglied 20.12.2011

Heu­te mal etwas ganz anders, auch für mich neu­es: Mini­mal music (gemä­ßig­te Vari­an­te) für Bass-Block­flö­te. Habe ich in den Wei­ten des Inter­nets beim „Lucky Psy­chic Hut“ gefun­den, komm von Lau­rens Tan und trägt den schlich­ten, aber pas­sen­den Titel „Bass Recor­der“. Dort gibt es auch die kom­plet­te LP zum her­un­ter­la­den – ist auf jeden Fall einen Ver­such wert, hier gibt es als Kost­pro­be die „Com­po­si­ti­on No. 11“:

Taglied 19.12.2011

Heu­te mal etwas ganz ande­res, nichts win­ter­li­ches oder weih­nacht­li­ches, dafür aber aus dem Nor­den Europas:

Elpa (Breath) by Pos­tyr

Pos­tyr Pro­ject“ nennt sich die­se For­ma­ti­on aus Däne­mark. Ihre ers­te, unbe­ti­tel­te CD hat mich ziem­lich begeis­tert, auch wenn das nicht unbe­dingt das ist, was die meis­ten unter dem Label „a‑capella“ erwar­ten. Anhö­ren (und kau­fen!) lohnt sich!

Kakanien als Gesellschaftskonstruktion

Über den Adress­comp­toir erfuhr ich gera­de, dass der Böhlau-Ver­lag die volu­mi­nö­se Habi­li­ta­ti­ons­schrift aus dem Ber­li­ner Son­der­for­schungs­be­reich „Ästhe­ti­sche Erfah­rung im Zei­chen der Ent­gren­zung der Küns­te“ von Nor­bert Chris­ti­an Wolf mit dem Titel auch als open-access-pdf (der link führt zum direk­ten Down­load) zur Ver­fü­gung stellt (bzw. wohl stel­len muss, auf­grund von erhal­te­nen För­der­gel­dern). Der Ver­lag schreibt zu dem Buch:

Das Buch ist eine Gesamt­in­ter­pre­ta­ti­on von Musils Roman „Der Mann ohne Eigen­schaf­ten“ mit dem Fokus auf des­sen gesell­schafts­ana­ly­ti­sche Leis­tung. Es stützt sich auf Pierre Bour­dieus Kon­zept einer Sozio­ana­ly­se lite­ra­ri­scher Tex­te, das durch Anlei­hen aus der Diskurs‑, Erzähl‑, Gen­der- und Medi­en­theo­rie ergänzt sowie durch Befun­de der Sozi­al- und Kul­tur­ge­schichts­schrei­bung empi­risch gesät­tigt wird.
Der feld­so­zio­lo­gi­sche Ansatz wird erst­mals kon­se­quent auf einen deutsch­spra­chi­gen Roman ange­wen­det. Eine Beson­der­heit besteht in der kul­tur­ge­schicht­li­chen Kon­tex­tua­li­sie­rung genau­er Text­ana­ly­sen, die sich nicht nur auf Musils Essays und Nach­lass, son­dern auch auf die zeit­ge­nös­si­sche Lite­ra­tur, Wis­sen­schaft und Poli­tik erstreckt. „Der Mann ohne Eigen­schaf­ten“ wird als moder­ner Klas­si­ker les­bar, der die Wur­zeln der Kata­stro­phen­ge­schich­te des 20. Jahr­hun­derts offen legt.

Das Inhalts­ver­zeich­nis – mehr habe ich noch nicht gele­sen … – sieht auf jeden Fall inter­es­sant aus, gera­de in der Ver­bin­dung von theo­re­ti­schem Kon­zept, kul­tur­ge­schicht­li­cher Ein­bet­tung und detail­lie­ter Text­un­ter­su­chung. Aber ob ich in der nächs­ten Zeit dazu kom­men, mal so 1222 Sei­ten am Bild­schirm zu lesen?

Taglied 18.12.2011

Jauch­zet, froh­lo­cket! auf, prei­set die Tage,
Rüh­met, was heu­te der Höchs­te getan!
Las­set das Zagen, ver­ban­net die Klage,
Stim­met voll Jauch­zen und Fröh­lich­keit an!

Heu­te ist es – aus Anlass der Auf­füh­rung im Main­zer Dom – das Bach’sche Weih­nachts-Ora­to­ri­um, das mei­ne Musik des Tages ist. Und immer wie­der stel­le ich fest: Die Sin­fo­nia der zwei­ten Kan­ta­te ist ein­fach genial:

Taglied 17.12.2011

Nach dem Lauf heu­te vor­mit­tag und wil ich gera­de Lust dar­auf habe (und weil es irgend­wie natür­lich auch passt): „Wide White Hori­zon“ (fin­de ich online aller­dings nir­gends – macht auch nix, muss man eh in ver­nünf­ti­ger Qua­li­tät und ange­mes­se­ner Laut­stär­ke hören ;-) – nur die „Sket­ches of Spring“ gibt es bei You­tube, aber der passt heu­te nicht …), von Tho­mas Wil­brandts gran­dio­ser Dop­pel-CD „The Elec­tric V“. Und ganz neben­bei: wahr­schein­lich die bes­te Version/​Interpretation der Vival­di­schen Jah­res­zei­ten der letz­ten Jahr­zehn­te: 1984 erst­mals auf­ge­nom­men, aber immer noch frisch und begeis­ternd, die­ser – natür­lich sehr freie – Umgang mit den alten Noten … Unbe­ding­te Emp­feh­lung (nicht nur im Winter …)

Bilderbuch-Laufen

Herr­lich. Ein­fach nur herr­lich. Der ers­ten Lauf im Schnee ist immer etwas beson­de­res, etwas schö­nes: Ich lie­be es ein­fach, wenn der Wald, die Fel­der und die Wege weiß sind. Auch wenn es das Lau­fen etwas anstren­gen­der macht. Heu­te mor­gen war das wie­der wun­der­bar: Nach dem Sturm und den Regen­schau­ern der letz­ten Tage habe ich über­haupt nicht damit gerechnet—aber die Son­ne schien, der Him­mel war blau: Ein rich­tig schö­ner Win­ter­tag. Und in Erbach lag sogar ein biss­chen Schnee. Also habe ich mei­ne Win­ter– und Schlecht­wet­ter­schu­he raus­ge­kramt, die Salo­mon XA 3D Ultra und bin los­ge­zo­gen. Ein paar Kilo­me­ter wei­ter und eini­ge Höhen­me­ter spä­ter fand ich mich im Bil­der­buch des Win­ters wie­der: Der Wald war rich­tig dick weiß, der feuch­te Schnee hing dick an den Bäu­men und auf den Ästen, die Wege waren nied­rig und eng von den durch die Schnee­last hin­un­ter gekrümm­ten Bäumen—und eini­ge klei­ne­re hat­te der Sturm auch auf die Wege geschmis­sen. Und ich lief mut­ter­see­len­al­lein im Wald über den noch unbe­rühr­ten Schnee: Nur ab und an kreuz­te ein Wild­fähr­te mei­ne jung­fräu­li­chen Wege. Das ist—immer wieder—ungeheuer erhe­bend, ein Gefühl, das sich nur schwer beschrei­ben lässt. Da möch­te man am liebs­ten lau­fen und lau­fen und lau­fen. Das tat ich dann auch erst einmal.

Dum­mer­wei­se hat­te mei­ne rech­te Socke nicht so viel Spaß wie ich: Kurz vor Bull­au fing es an zu reiben—und beim nächs­ten Halt stell­te ich mit Schre­cken fest: Da ist, genau an der Ober­kan­te des Schuhs, ein schön brei­tes, gro­ßes Loch in der Socke! Das war neu—und nicht gera­de vor­teil­haft. Denn jetzt muss­te mei­ne zar­te Haut dran glau­ben. Die nächs­ten Kilo­me­ter waren nicht so erfreu­lich, es rieb und kratz­te: Mir war klar, ich soll­te doch lang­sam mal wie­der in Rich­tung Hei­mat dre­hen … Pas­send war auch auf ein­mal, als ich in Bull­au aus dem Wald kam, von dem herr­li­chen Wet­ter nichts mehr zu sehen: Graue Wol­ken über­all, die nichts Gutes ver­hie­ßen. Ganz hin­ten am Hori­zont fie­len noch ein paar Son­nen­strah­len auf den weiß bestäub­ten Odenwald—aber da wür­de ich heu­te bestimmt nicht mehr hin­kom­men, nicht mit einer blu­ten­den Ferse.

Also wur­de die Run­de doch etwas kür­zer (22 Kilo­me­ter). Lus­tig war dann der Schluss—nicht so sehr die Tat­sa­che, dass ich immer mehr mit Schnee und Was­ser bewor­fen wur­de, je tie­fer ich kam und je mehr ich mich wie­der Erbach näher­te. Nein, eher der Zufall, dass die Wol­ken sich wie­der auf­lös­ten und die Son­ne wie­der durch­brach. Und so hat­te ich, als ich am Buch­wald­s­kopf aus dem Wald kam, wie­der mal einen herr­li­chen Blick über das son­ne­ner­füll­te Müm­ling­tal: Das ist—trotz der zivi­li­sa­to­ri­schen Ver­schan­de­lung des Tals—immer wie­der erhe­bend, wenn man nach einem längeren/​langen Lauf durch den Wald an die­ser Stel­le wie­der aufs Feld kommt und einen frei­en Blick über Erbach und Michel­stadt und noch mehr hat . Ganz beson­ders wirkt das natür­lich, wenn die Son­ne mit­spielt. Da macht dann auch die auf­ge­rie­be­ne Fer­se auf ein­mal nicht mehr viel aus.

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