Lesen. Hören. Und ein bisschen schreiben.

Schlagwort: sprache Seite 4 von 5

Sich selbst brechen

Eigent­lich fin­de ich die aus­dau­ern­de Bericht­erstat­tung der Süd­deut­schen Zei­tung über den Poli­zis­ten, der einer gefes­sel­ten Frau schwers­te Gesichts­ver­let­zung zufüg­te, sehr lobens­wert (und wür­de mir hof­fen, dass sie das nicht nur für Mün­che­ner Fäl­le, son­dern für ganz Deutsch­land mit dem glei­chen Eifer betrei­ben wür­de). Was ihr bzw. Flo­ri­an Fuchs heu­te in der Nach­richt, dass der schul­dig gespro­che­ne Poli­zist Beru­fung ein­legt, unter­läuft, macht die­se gan­zen Bemü­hun­gen fast wie­der zunich­te. Dort heißt es nämlich:

Die auf einer Prit­sche fixier­te Tere­sa Z., die sich bei dem Schlag das Nasen­bein und die Augen­höh­le gebro­chen hat,

So etwas soll­te einem Jour­na­lis­ten, für den die Spra­che doch Werk­zeug ist, nicht pas­sie­ren: Hier nimmt Fuchs näm­lich ein­deu­tig Par­tei – für den Schla­gen­den. „Sich bre­chen“ impli­ziert bzw. behaup­tet ja gera­de, dass die Geschla­ge­ne selbst sich die­se Brü­che „zuge­fügt“ hat, es also ihre eige­ne Schuld ist. Das steht dann in einem auf­fäl­li­gen Wider­spruch zu dem auch hier ange­füg­ten Ver­weis auf das Gut­ach­ten, das das Gericht ein­hol­te. Irgend­wie scha­de, sich selbst so zu des­avoui­ren – das hät­te doch irgend jemand in der Redak­ti­on mer­ken sol­len: Sol­che For­mu­lie­run­gen sind nicht nur unan­ge­bracht, son­dern ein­fach falsch.

Ins Netz gegangen (10.7.)

Ins Netz gegan­gen (10.7.):

  • Kolum­ne von Sascha Lobo: Snow­den wird poli­tisch ver­folgt – SPIEGEL ONLINE – Lei­der hat Sascha Lobo wohl recht:

    Zu pro­pa­gie­ren, es han­de­le sich im Fall Snow­den nicht um poli­tisch moti­vier­te Ver­fol­gung, lässt nur eine Inter­pre­ta­ti­on zu: dass ver­dachts­un­ab­hän­gi­ge, tota­le Über­wa­chung in Demo­kra­tien irgend­wie okay sei. Das ist kei­ne Mei­nung, das ist eine Kapitulation.

  • Hil­de­mar Trans­la­ti­on Pro­ject – Ein schö­nes Pro­jekt: Kol­la­bo­ra­tives Über­set­zen einer wich­ti­gen früh­mit­tel­al­ter­li­chen Quel­le, Hil­de­mars Kom­men­tar zur regu­la bene­dic­ti aus dem 9. Jahrundert

    Hil­de­mar of Corbie’s Com­men­ta­ry on the Rule of Bene­dict is one of the most important sources for the histo­ry of monasti­cism, but for many years the text was only acces­si­ble in two obscu­re nine­te­enth-cen­tu­ry edi­ti­ons. The goal of the Hil­de­mar Pro­ject is to make this text more acces­si­ble for rese­arch and tea­ching pur­po­ses. The first step is to pro­vi­de a ful­ly searcha­ble ver­si­on of the Latin text along with an Eng­lish trans­la­ti­on. This trans­la­ti­on is a col­la­bo­ra­ti­ve effort of more than fif­ty scho­lars inclu­ding spe­cia­lists in monasti­cism, Latin, manu­scripts stu­dies, and Caro­lin­gi­an history.

  • Wenn Phy­si­ker Voy­nich-For­schung betrei­ben | TEX­pe­ri­men­Ta­les -

    Ach. Wer hät­te gedacht, dass etwas, das von einem Mittelalter/​Frühneuzeitmenschen geschrie­ben wur­de (die Außer­ir­di­schen­theo­rie las­se ich mal außer acht), eher einer natür­li­chen Spra­che als ver­schrift­li­chen Algo­rith­men, einer com­pu­ter­ge­nerier­ten Zufalls­fol­ge oder der Basen­ab­fol­ge von Pilz-DNA entspricht?

Ins Netz gegangen (10.6.)

Ins Netz gegan­gen (7.6.–10.6.):

  • Tage­buch­sei­ten von Hit­lers Chef-Ideo­lo­gen Rosen­berg gefun­den – Süddeutsche.de – Offen­bar sind wei­te­re Tei­le des Tage­buchs von Alfred Rosen­berg auf­ge­taucht – aber nichts genau­es weiß man nicht:

    Nun, fast 67 Jah­re nach Rosen­bergs Hin­rich­tung, tau­chen wei­te­re Papie­re auf: Wie die Nach­rich­ten­agen­tur Reu­ters berich­tet, lie­gen dem United Staa­tes Holo­caust Memo­ri­al Muse­um 400 Sei­ten vor. Mög­li­cher­wei­se stam­men die nun auf­ge­tauch­ten Papie­re von Kemp­ner oder aus dem Bestand von Kemp­ners Sekre­tär. Es soll sich um eine lose Samm­lung von Tage­buch­no­ti­zen han­deln, die Rosen­berg zwi­schen 1936 und 1944 abge­fasst hat.

  • Vene­dig – Venice, as ren­de­red by Otto­man admi­ral and car­to­grapher Piri Reis in his Kitab‑i Bah­ri­ye, a book of por­to­lan charts and sai­ling direc­tions pro­du­ced in the ear­ly 16th century
  • The Last Conundrum—Geek&Poke
  • Sibyl­le Berg zur Sprach­re­form an der Uni Leip­zig – SPIEGEL ONLINE -

    Das Abend­land geht in Deutsch­land immer sofort und irr­sin­nig schnell unter, wenn man eine Neue­rung wagt, etwas gegen das Gewohn­heits­recht unternimmt.

  • Ber­li­ner Stadt­schloss: Deut­sche Selbst­fei­er | ZEIT ONLINE – Armin Nas­sehi über den „Bau“ des „Ber­li­ner Schlosses“:

    Her­aus­ge­kom­men aber ist nun his­to­ri­sie­ren­der natio­na­ler Kleinmut

Aus-Lese #1

Elke Erb: Das Hünd­le kam wei­ter auf drein. Ber­lin, Wuisch­ke und Solo­thurn: rough­books 2013 (rough­book 028). 62 Seiten.

Ich bin ja ein gro­ßer Bewun­de­rer Elke Erbs. Und ich genie­ße ihre etwas ver-rück­te, manch­mal absei­ti­ge Poe­sie sehr – weil sie genau das kann, was ich an Kunst so mag: Mich berüh­ren und ver­än­dern, neue Wahr­neh­mun­gen und Kon­struk­tio­nen der Welt ermög­li­chen (ohne sie zu erzwin­gen, nur durch das Anbie­ten). Der für sei­ne lyri­sche Über­zeu­guns­ar­beit auch kaum genug zu loben­de Urs Enge­ler (den das deut­sche Feuil­le­ton ja inzwi­schen weit­ge­hend ver­ges­sen zu haben scheint, wenn mich mein Ein­druck nicht sehr täuscht …) hat genau die­ser Elke Erb anläss­lich der Ver­lei­hung des Ernst-Jandl-Prei­ses für Lyrik die­ses schma­le Bänd­chen her­aus­ge­ge­ben und den Abon­nen­ten sei­ner tol­len Buch­rei­he „rough­book“ als Geschenk gesandt. Man­ches auf die­sen 62 Sei­ten ist sehr, sehr knapp, ande­res dafür fast zum Aus­gleich rich­tig lang. Manch­mal schei­nen die weni­gen Ver­se eines Text­leins „nur“ Nota­te zu sein, manch­mal zei­gen sie ihre Er-Arbeit-ung. Jeden­falls scheint hier eine per­sön­li­che­re Dich­te­rin durch, als ich sie aus ihren anderen/​letzten Bän­den wahr­ge­nom­men habe, eine Dich­te­rin, die sich stär­ker selbst als Per­son und Indi­vi­du­um in ihre Tex­te (und deren Zen­trum) ein­bringt und dabei auch/​gerade ihr poet(olog)isches Selbst­ver­ständ­nis erkun­det und erschreibt. Jeden­falls sind hier wie­der eini­ge wun­der­bar gelun­ge­ne Bei­spie­le der Erb’schen Sprach­macht und Sprach­phan­ta­sie zu fin­den – und mehr braucht es auch gar nicht, um mich glück­lich zu machen (zumin­dest für die Lese­zeit und etwas dar­über hin­aus …)1

Peter Fisch­li, David Weiss: Fin­det mich das Glück? Köln: Ver­lag der Buch­hand­lung Walt­her König 2003. [unpa­gi­niert]

Die­se (Kunst-)Büchlein, das (m)ich nur zufäl­lig gefun­den habe – was an sich schon eine gro­ße Schan­de ist – ist ohne Zwei­fel eines der wei­ses­ten Bücher unse­rer Zeit. Oder viel­leicht gera­de mit Zwei­fel. Denn Fisch­li & Weiss fra­gen ein­fach nur.2 Das Buch besteht aus irrs­sin­nig vie­len Kar­ten – je zwei pro Sei­te – die mit wei­ßer Hand­schrift auf tief­schwar­zem Hin­ter­grund fra­gen stel­len: Phi­lo­so­phi­sche (v.a. onto­lo­gi­sche und phä­no­me­no­lo­gi­sche), auch bana­le und wit­zi­ge, tief- und flach­grün­di­ge. Vor allem unheim­lich vie­le, unheim­lich span­nen­de und berüh­ren­de (Und dazwi­schen gibt es noch ein paar (weni­ge) klit­ze­klei­ne lus­ti­ge Zeich­nun­gen …). Natür­lich füh­ren sich die Fra­gen alle letzt­lich gera­de durch ihre Kom­bi­na­ti­on und Kon­stel­la­ti­on in der qua­si-unend­li­chen Abfol­ge voll­kom­men ad absur­dum. Aber das ist eben eine schö­ne Idee, schön gemacht .…

Chris­toph Schlin­gen­sief: AC: Church Of Fear (Aus­stel­lungs­ka­ta­log Muse­um Lud­wig, Köln). Köln: Ver­lag der Buch­hand­lung Walt­her König 2005. 48 Seiten. 

Chris­toph Schlin­gen­sief erklärt das Kon­zept, die Idee und die Rea­li­sie­rungs­ge­schich­te der „Church of Fear“ in zwei aus­führ­li­chen Inter­views. Mit eini­gen „Ori­gi­nal­do­ku­men­ten“ der „Church of Fear“ und Bil­dern des für die CoF gebau­ten Kir­chen­ge­bäu­des, die min­des­tens genau­so inter­es­sant sind …

Wiglaf Dros­te: Sprichst du noch oder kom­mu­ni­zierst du schon? Neue Sprachglos­sen. Ber­lin: Edi­ti­on Tiamat 2012 (Cri­ti­ca Dia­bo­lis 196). 192 Seiten. 

Wiglaf Dros­te beob­ach­tet Spra­che und Spre­cher mit­samt ihren Erzeu­gern, den Spre­che­rin­nen und Schrei­be­rin­nen, sehr genau. Und er legt ger­ne den gesal­ze­nen Fin­ger auf die offe­ne Wun­de. Dass er selbst sehr bis­sig, genau und tref­fend for­mu­lie­ren kann, macht das Meckern am schlech­ten Sprach­ge­brauch der ande­ren umso inter­es­san­ter. Zumal Dros­te sich auch die eine oder ande­re Abwei­chung von der rei­nen Sprach­krik­tik – die er aber sowie­so immer als Teil der not­wen­di­gen Gesell­schaft­kri­tik und nicht als blo­ße Beck­mes­se­rei auf dem Gebiet der Spra­che emp­fin­det – erlaubt – ein ech­tes Bil­dungs­ver­gnü­gen (wie übri­gens auch David Hugen­dick in der „Zeit“ fand)!

Show 2 footnotes

  1. Der Titel – Das Hünd­le kam auf drein – hat mich übri­gens erst ein­mal gründ­lich ver­wirrt – bis ich im Zusam­men­hang – er ist ein Zitat aus dem Gedicht „Iss mit Ver­stand“, wo er sei­nen Sinn von ganz allei­ne erfährt.
  2. Damit ist das übri­gens ein Buch, dass den Plan Vivi­ans aus Tho­mas Meine­ckes Tom­boy rea­li­siert: Ein Werk nur in Fra­gen abzu­fas­sen.

Netzfunde vom 15.5.

Mei­ne Netz­fun­de vom 15.5.:

  • Über­set­zen | Post­kul­tur – Jahn Kuhl­brodt über das Übersetzen:

    eigent­lich ist es ein wil­dern im gestrüpp frem­der spra­chen, ein suchen nach der struk­tur, die mir bekann­tes birgt. […] dabei müs­sen frem­de spra­chen kei­ne fremd­spra­chen sein.

  • “Wer bin ich?” – … war­um Jan-Mar­tin Klin­ge bei „Wer bin ich“ nicht mehr mit­spie­len darf
  • Masern in Bay­ern auf dem Vor­marsch – Gesund­heit – Süddeutsche.de – Fata­le Impf­skep­sis: In Mün­chen war­nen die Behör­den vor einer Masern­epi­de­mie. Kein Wun­der: In Bay­ern erhal­ten deut­lich weni­ger Kin­der den vol­len Impf­schutz als in vie­len ande­ren Bun­des­län­dern. Ihre Eltern wis­sen nicht, wie schwer­wie­gend die Infek­ti­ons­krank­heit mit­un­ter ver­läuft – und was die Lang­zeit­fol­gen sein können.

Netzfunde der letzten Tage (1.5.–6.5.)

Mei­ne Netz­fun­de für die Zeit vom 1.5. zum 6.5.:

Netzfunde der letzten Tage (23.4.–26.4.)

Mei­ne Netz­fun­de für die Zeit vom 23.4. zum 26.4.:

Semantische Maßnahmen

Heri­bert Prantl for­dert in der „Süd­deut­schen Zeitung“: 

Die ers­te Maß­nah­me gegen Steu­er­oa­sen ist daher eine seman­ti­sche: Man muss ihnen die­sen Namen entziehen.

Schön wäre ja, wenn sein eige­nes Medi­um das auch tun wür­de. Die SZ schreibt aber auch ger­ne mög­lichst oft „Steu­er­oa­se“. Und bebil­dert das mit net­ten Strän­den und tür­ki­sem Meer und Yach­ten etc. …

Das mag man als Baga­tel­le anse­hen – aber es ist doch eine bezeich­nen­de. Vor allem, wenn man sich die wei­te­ren Tex­te anschaut. Beson­ders gestol­pert bin ich ja über die wie­der­holt ver­wen­de­te For­mu­lie­rung:

Eine anony­me Quel­le hat der SZ und ande­ren inter­na­tio­na­len Medi­en einen Daten­satz mit 130.000 Namen zugäng­lich gemacht.

In die­sem Fall auch noch von einem „Daten­leck“ zu spre­chen, ist min­des­tens genau­so mani­pu­lie­rend, schön­fär­bend und täu­schend wie der Begriff „Steu­er­oa­se“. Denn was steckt denn dahin­ter: Irgend­je­mand (oder meh­re­re Irgend­je­mands) hat mehr oder weni­ger sys­te­ma­tisch Daten gesam­melt und – nach gän­gi­ger Ter­mi­no­lo­gie – „gestoh­len“, näm­lich nicht Berech­tig­ten wei­ter­ge­lei­tet, also kopiert und zugäng­lich gemacht. Das ist auch erst ein­mal ein Ver­ge­hen – es mag aus mora­lisch „guten“ Grün­den gesche­hen sein und im Ver­gleich zu den dadurch auf­ge­deck­ten Ver­feh­lun­gen mög­li­cher­wei­se läss­lich sein (bis­her ist das ja offen­bar noch nicht so wirk­lich klar, wie viel wirk­li­che recht­lich rele­van­te Ver­feh­lun­gen für die deut­schen Tei­le der Daten über­haupt anzu­neh­men sind). Aber das ist doch ein akti­ver Vor­gang, den jemand (oder meh­re­re) bewusst aus­ge­übt hat, mög­li­cher­wei­se sogar über län­ge­re Zeit – die Daten sind ja nicht, wie gera­de der Begriff „Daten­leck“ sug­ge­riert, aus Ver­se­hen und von selbst aus ihren jewei­li­gen Quel­len gespru­delt … So viel Ehr­lich­keit soll­te dann doch sein – vor allem wenn man sie selbst von den ande­ren so unbe­dingt einfordert …

„Der Mund …

… ist auch zum Schwei­gen da. Denn Das­wort ist der höchs­ten Güter nicht. Doch aller Ehr=Geiz, alles Stre­ber­tum ist im-Wort. So schla­gen die-Jah­re ihren Weg durch immer unbe­kann­te Wild­nis­se der-Leben­den, deren Fuß­spu­ren unbe­kannt blei­ben als sei­en sie durch Was­ser gelau­fen, u alles Schwei­gen wird unter­schätz. (Rein­hard Jirgl, Die Stil­le, 528)

„ich will, …

… dass alles, was gesagt wird, ins wackeln kommt, immer wie­der neu.“ (paul wühr)

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