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Aus‐​Lese #22

Nils Mink­mar: Der Zir­kus. Ein Jahr im Inners­ten der Poli­tik. Zwi­schen­be­richt. Frank­furt am Main: Fischer 2013. 220 Sei­ten.

Das vor­züg­li­che Buch von Nils Mink­mar ist – da darf man sich vom Unter­ti­tel nicht irre­füh­ren las­sen – kei­ne Repor­ta­ge im eigent­lich Sin­ne, und schon gar kei­ne, die uns über Poli­tik und Macht wirk­lich auf­klärt. Mink­mar ist näm­lich zual­ler­erst ein Meis­ter der Wahr­neh­mung, Beschrei­bung und Deu­tung von (poli­ti­schem) Han­deln als sym­bo­li­schen Han­deln: Er kann Zei­chen lesen – da ist er guter Kul­tur­wis­sen­schaft­ler. Und er kann es prä­zi­se (be-)schreiben. Dabei beschränkt er sich im Zir­kus aber nicht auf den Zei­chen­cha­rak­ter des von ihm beob­ach­te­ten Wahl­kampf von Peer Stein­brück und sei­nen Hand­lun­gen, son­dern ver­bin­det das mit poli­ti­scher Erdung. So tau­chen immer wie­der die Fra­gen nach der tat­säch­li­chen und media­len Macht der ver­schie­de­nen Akteu­re auf. Sehr gut gefal­len hat mir, wie er sei­nen kon­kre­ten Gegen­stand – Peer Stein­brück und sei­nen Wahl­kampf – in grö­ße­re Kom­ple­xe ein­bet­tet, etwa in Über­le­gun­gen zum Ver­trau­en in die/​der Poli­tik, zur psy­cho­lo­gi­schen Situa­ti­on der deut­schen Bevöl­ke­rung 2013, zu Post­de­mo­kra­tie und den Medi­en.

Aber immer wie­der ist auch Ver­zweif­lung zu spü­ren: Ver­zweif­lung, dass der Kan­di­dat, der so rich­tig und gut ist, an so vie­len eigent­lich bana­len und neben­säch­li­chen Din­gen schei­tert, dass so vie­les ein­fach nicht funk­tio­niert (bei ihm selbst, im Appa­rat, in der SPD, in den Medi­en …). Das wird manch­mal für mei­nen Geschmack etwas sug­ges­tiv. Des­halb fal­len vor allem die gantz kon­kre­ten Ana­ly­sen beson­ders posi­tiv auf: Wie Mink­mar das Wahl­pro­gramm und vor allem den Slo­gan der SPD („Das Wir ent­schei­det“) aus­ein­an­der­nimmt und deu­tet, das hat gro­ße Klas­se.

Immer wie­der treibt ihn bei sei­ner Beob­ach­tung des Wahl­kampfs vor allem das Ver­hält­nis von Kan­di­dat und Par­tei um: Stein­brück schil­dert er als klu­gen, sach­lich und nuan­ciert den­ken­den und argu­men­tie­ren­den Über­zeu­gungs­tä­ter, die Par­tei vor allem als unfä­hig, chao­tisch und unwil­lig. Unwil­lig­keit kommt beim Kan­di­da­ten in Mink­mars Beschrei­bung vor allem in einem Punkt auf: In der Wei­ge­rung, die Medi­en­ma­schi­ne bzw. ihr Sys­tem wirk­lich zu bedie­nen und zu benut­zen – was im Ver­ein mit der unfä­hi­gen PR der Par­tei zu den ent­spre­chen­den Kata­stro­phen führt.

Aber dann ist das Buch für sich auch ein biss­chen hilf­los: Das gan­ze ist, wenn man es so beschreibt, halt ein Zir­kus, da kann man nichts machen. Und wenn man, wie Stein­brück, nach eige­nen Regeln zu spie­len ver­sucht oder auf sei­nen bewähr­ten Stan­dards beharrt, schei­tert man eben und ver­liert …

Wolf­gang Schlen­ker: Dok­tor Zeit. Solo­thurn: rough­books 2012 (rough­book 020) 54 Sei­ten.

Ein klei­nes Erin­ne­rungs­buch an den 2011 ver­stor­be­nen Schlen­ker mit zwei Zyklen sei­ner Gedich­te. Auf­fäl­lig ist bei die­sen schnell ihre sug­ges­ti­ve Sprach‐​/​Versmelodie mit den kur­zen Ver­sen. Die Spra­che wird hier prä­gnant durch Glas­klar­heit und efährt dadurch auch eine gewis­se Här­te. Immer wie­der greift Schlen­ker auf kur­ze Paar­ver­se zurück: Knapp­heit und Dich­te, star­ke Kon­zen­tra­ti­on auf Zustän­de und Ergeb­nis­se sind viel­leicht wesent­li­che Merk­ma­le sei­ner Lyrik. Nicht so sehr inter­es­sie­ren ihn dage­gen Pro­zes­se und Abläu­fe: Ver­ben sind des­halb gar nicht so bedeut­sam in die­sen Tex­te:

genau­ig­keit
als gäbe es
kei­ne gren­zen (sankt nun, 49)

Schlen­kers Lyrik, die hier immer wie­der um das Pro­blem der Frei­heit kreist („gut wäre auch frei­er wil­le“ (15)), ent­wi­ckelt dabei so etwas wie eine Topo­gra­phie des Den­kens mit Orten der Reflek­ti­on und der Selbst­ver­ge­wis­se­rung. Wege, Pfa­de etc. spie­len hier eine beson­de­re Rol­le. Vor allem aber schafft sie es, durch ihre poin­tier­ten Erkennt­nis­se dabei sehr „schlau“ zu wir­ken:

die zeit ist nun line­ar
wie ein faden­kreuz

ich weiß du bist da
bevor ich glau­be wer ich bin. (4)

Deut­lich wird das auch in dem wun­der­ba­ren „Lich­tung“ (8), für mich wohl das bes­te die­ser Gedich­te:

als ich eini­ge glau­bens­sät­ze
zum ers­ten mal
laut nach­spre­chen konn­te
hör­te ich den don­ner
in der lei­tung
leg­te auf
und wähl­te neu

Moni­ka Rinck: Hasen­hass. Eine Fibel in 47 Bil­dern. Ostheim/​Rhön: Peter Engst­ler 2013. 40 Sei­ten.
Hasenhass - der Umschlag
Hasen­hass – der Umschlag

Ein befremd­li­ches und erhei­tern­des Buch: Moni­ka Rinck treibt sich schrei­bend und zeich­nend in einer Phan­ta­sie­welt her­um, in der Hasen­hass ein geweis­se Rol­le spielt, in der Haydn zwi­schen Disko‐​Kugel und Schei­ben­qual­le dis­ku­tiert wird und ähn­lich Unge­heu­er­lich­kei­ten geheu­er sind. Das sind kur­ze Ver­su­che in & mit Sprach‐ und Denk­be­we­gun­gen, dazu noch sku­ri­le Zeich­nun­gen in und um die Wit­ze her­um – viel­leicht kann man das auch als dozie­ren­de Sprach­spie­le lesen, die asso­zia­tiv ver­ket­tet und mäan­dernd über das Nichts, die Lee­re und ande­re Abwe­sen­hei­ten nach­den­ken („unschö­ne Über­le­gun­gen zur Pra­xis des Nich­t­ens“ (9)) und als eine „Reform der See­len­gram­ma­tik“ (14) erhei­tern. „Die Din­ge ver­wan­deln sich, die Bezie­hun­gen blei­ben bestehen.“ (37) heißt es im kur­zen „Nach­trag“. Und so ver­wan­deln sich auch Text und Zeich­nung, Wort und Bild in die­ser Fibel:

Der Wind der Apo­ka­lyp­se weht durch das kaput­te Gedächt­nis. Und wie­der tref­fen wir auf ein Ver­hält­nis von tau­meln­der Äqui­va­lenz. (7)

Der gemeins­te Witz ver­steckt sich übri­gens auf der letz­ten Sei­te, im Impres­sum – und ich bin mir immer noch nicht sicher, ob das ein Witz sein soll oder nur ein bana­ler Feh­ler ist – nach der Lek­tü­re sol­cher Tex­te sucht (und fin­det) man eben über­all Sinn ;-):

Hinrichtung
Hin­rich­tung

Veröffentlicht in literatur

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